Nun war endlich der Frühling wieder in das nordische Land gekommen.
Unversehens zwischen den Sträuchern oder unter einem Knicktor stieg
ein schweres süßes Düften herauf, das in den Menschen hineintastete
wie unbewußtes Sehnen. Und im Holz die feinen jungen Buchenblätter
strömten ihren weichen, süßen Atem in die Abendluft. Es war ein
stiller, grauer Tag gewesen, und nur ein weiches, rötliches Scheinen
kam vom Westen. Die junge Wintersaat wogte ganz heimlich, als Lars über
die Koppel ging. Am Waldrand blieb er stehn und atmete den starken
Jelängerjelieberduft. -- Nun es ringsum aufstieg und wuchs aus den
dunklen Gründen, wie nicht zu dämmende Kräfte, da war auch in ihm
wieder der Drang nach etwas Fernem, Besserem erwacht und war fast zur
Qual angewachsen. Er sah über die weiten Koppelflächen hin in ihrem
zarten, milden Grün und hinab auf die stille, strahlende Fläche, wie
sie weich gebettet lag zwischen den breiten Hügeln bis dort, wo sich
das ferne Ufer im stillen, lichten Grunde widerspiegelte. Und wie eine
Sehnsucht reiste sein Blick hinaus, wo am fernen Horizonte Himmel und
Meer sich küßten.
Aber die Amsel aus der schimmerigen Waldestiefe wußte mit ihren
langgezogenen Tönen mehr von der drängenden Qual zu sagen als er. Er
ahnte kaum, warum er stand und in die Weite sah. Die Heimatschönheit
war ihm nur halbbewußt, und auch sie legte sich auf ihn wie eine Last
und wie ein sehnender Drang.
Ohne daß er darauf acht hatte, klang aus dem bläulichen Wunderdämmern
zwischen den stillen, grauen Stämmen näher und näher kommend sachtes
Blätterrascheln und leises Knacken trockener Zweige wie von Tritten.
Und die sehnsüchtigen Vogelstimmen klangen dazwischen, und wieder
lauter und näher kamen die Tritte.
Und dann hatte ihn der Ton endlich aufgeweckt. Er wandte den Kopf und
sah scharf in die frühlingsflimmrige Dämmerung hinein. Da schimmerte
ein helles Kleid aus der Tiefe. Und jetzt stand jemand am weißen
Knicktor und spähte nach ihm hin. Und das lichte, junge Blattgewebe
war rings um die feine, helle Gestalt, und der Kopf mit dem weichen
Blondhaar hob sich vom dämmerigen Waldgrund.
Er rührte sich nicht und sah darauf hin, eine wache Frage in den Augen,
bis er ihrem lachenden Blick begegnete.
Da wandte er sich herum.
„Miete,“ rief er. Dann fiel ihm gleich alles ein, was gewesen war, und
seine hart gewordene Arbeitshand. Und die Unbeholfenheit kam über ihn,
daß er langsam herantrat und ihr linkisch die Hand reichte. Aber ihr
helles Lachen, wie frohes Wasserplätschern, half ihm wieder zurecht,
und in seiner ganzen neugewonnenen Männlichkeit, ein wenig gütig und
ein wenig unbeholfen, begann er mit ihr zu reden, und hier und da sah
er scheu in die lachenden Augen hinein. Sie aber sah an der großen,
starken Mannesgestalt hinauf, und das Blut stieg unter die feine weiße
Haut.
Sie mußte ihn erst bitten, daß er mit ihr käme, dann ging er neben ihr,
so als erweise er ihr eine Gunst.
Sie kam vom Hoekhof und war auf dem Heimweg.
Und wie sie zusammen über die Koppeln wanderten, war die düfteschwere
Dämmerung rings um sie her mit ihrem wunderlichen, grünschimmerigen
Licht. Und Lars sah auf den hellen Kopf neben sich und sah die
weichgeformte Backe, in der das Blut unter der zarten Haut zu
wogen schien. Und von Zeit zu Zeit traf ihn ein lachender Blick
von der Seite wie ein warmes Geheimnis. Sie redeten dies und das,
und allmählich vergaß er alles andere über der schlanken, lichten
Gestalt im grünlichen Schimmerlicht und der lachenden Stimme und den
lachenden heimlichen Blicken. Leise wogte das junge Korn, und durch die
unsägliche Stille fielen wie goldiges Rinnen sehnsüchtige Vogelstimmen.
Und auf einmal standen sie zusammen vor dem grauen Hause, und überall
die Straße entlang aus den niedrigen Fenstern blinkte traulicher
Lichtschein in die Dämmerung heraus.
Er fuhr fast zusammen, so erschrocken war er, und wußte durchaus nicht,
wie es hatte geschehen können, daß er bis hierher mitgekommen war. Er
griff aber eilig nach der Mütze und wollte fort.