Bei den jetzt beschriebenen Unterhaltungen bist du die handelnde Person,
und die Kinder sind bloß Zuhörer und Zuschauer. Dieses Verhältnis, so
angenehm es ihnen anfänglich ist, würde sie doch ermüden, wenn es zu lange
dauern sollte, da ihr Trieb zur Selbstthätigkeit dabei keine Befriedigung
findet. Du mußt daher auch Unterhaltungen suchen, an denen sie thätigen
Anteil nehmen können. Zu diesen rechne ich zuerst das Spiel, nämlich ein
solches, das einen nützlichen Zweck hat, entweder dem Leibe eine freie
Bewegung und Behendigkeit zu verschaffen, oder die geistigen Kräfte zu
üben.
Diese Spiele kannst du zum Teil von den Kindern selbst lernen, wenn du sie
von deinen Pflegebefohlenen angeben läßt und bisweilen die Spielplätze
anderer Kinder besuchst, teils kannst du Anleitung zu denselben finden in
~Guts-Muths Spielen für Kinder~.[36]
Bei der Wahl derselben hast du auf zweierlei Rücksicht zu nehmen: daß
sie einen wirklich nützlichen Zweck haben, und daß sie deinen Kleinen
Vergnügen machen.
O ihr alle, die ihr euch der Erziehung weihet, lernet, ich bitte euch,
lernet mit Kindern spielen! Ihr werdet durch diese Übung drei wichtige
Zwecke erreichen: die Kinder an euch ziehen und ihre Liebe und ihr
Zutrauen erwerben, die Gabe, mit ihnen zu sprechen und sie zu behandeln,
euch mehr eigen machen -- und Gelegenheit finden, in das Innerste eurer
Kleinen zu sehen, da sie bei dem Spiele weit offner und freier handeln,
als in andern Lagen, und sich mit allen ihren Fehlern, Schwachheiten,
Einfällen, Anlagen, Neigungen zeigen, wie sie wirklich sind.
Wer mit Kindern nicht spielen kann, wer in dem Wahne steht, daß diese Art
der Unterhaltung mit Kindern unter seiner Würde sei, sollte eigentlich
nicht Erzieher werden.
Da wir doch aber nicht bloß zum Spielen bestimmt sind, und die Kinder
desselben bald überdrüssig würden, wenn sie sonst gar keine Beschäftigung
hätten, so wirst du bald das Bedürfnis anderer, etwas ernstlicherer
Beschäftigungen fühlen. Worin diese bestehen sollen, ist vorhin gezeigt
worden.
Jetzt fragt es sich nur, wie du dir die Geschicklichkeit dazu erwerben
kannst. Daher rate ich dir:
5. Bemühe dich, dir deutliche Kenntnisse der Erzeugnisse der Natur zu
erwerben.
Unter deutliche Kenntnis verstehe ich Kenntnis der Merkmale, wodurch man
die verschiedenen Klassen und Gattungen der Naturerzeugnisse voneinander
unterscheiden kann.
Dazu fehlt es mir, antwortest du vielleicht, an Gelegenheit. Wirklich? Du
lebst ja in der Natur und bist mit Erzeugnissen derselben umgeben, die um
dich her wachsen und leben.
Gewöhne dich nur, eines derselben nach dem andern genau zu betrachten und
die Merkmale aufzusuchen, wodurch sie sich von andern, ihnen ähnlichen,
unterscheiden. Dadurch wirst du deinem Unterscheidungsvermögen schon
einige Fertigkeit erwerben. Aber die Worte werden dir fehlen, womit du
jedes Naturerzeugnis und seine Merkmale benennen sollst.
Daher mußt du nun einen Freund aufsuchen, der mit der Natur sich bekannt
gemacht hat, und der dir einige Anleitung giebt, die Merkmale der
Naturerzeugnisse, z. E. in der Pflanzenkunde die verschiedenen Teile der
Blumen, aufzusuchen, und dir die Kunstausdrücke, mit welchen sie pflegen
benannt zu werden, bekannt macht. In unsern Tagen, wo die Naturkenntnis
immer weiter sich verbreitet, sind solche Freunde so selten nicht, als
vor zwanzig Jahren. Solltest du auch einige Stunden weit gehen müssen, um
diesen Freund zu finden, so ist es doch der Mühe wert, bisweilen einen Weg
zu ihm zu machen.
Ferner mußt du dir einige Bücher zu verschaffen suchen, die dir Anleitung
geben, die Natur kennen zu lernen.
Auch hieran ist jetzt ein Überfluß. Unter der Menge derselben nenne ich
nur in der Pflanzenkunde: ~Dietrichs Anleitung zur Kenntnis der Pflanzen~;
~Deutschlands Flora von Hofmann und Röhling~; in der Tierkunde: ~Leskens
Naturgeschichte~, und in beiden: ~Bechsteins gemeinnützige Naturgeschichte
des In- und Auslandes~.[37]
Findest du nun ein Naturerzeugnis, von dessen Natur und Namen du dir
Kenntnis zu erwerben wünschest, z. B. eine Pflanze, so siehe zuerst auf
die Merkmale der Klasse, dann der Gattung, ferner der Ordnung, wobei du
dich vorzüglich an die Merkmale halten mußt, die am meisten in die Augen
springen, dann schlage dein Buch nach und suche die Klasse und Gattung
auf, zu welcher deine Pflanze gehört, so wird es dir nicht schwer sein,
auch die Ordnung zu finden, zu welcher sie gerechnet, und den Namen, mit
welchem sie benannt wird. Frage dann bisweilen deinen Freund, ob du dich
nicht geirrt habest, du wirst dich dann freuen, wenn du wirklich gefunden
hast, was du suchtest, und selbst dein erkannter Irrtum wird dir lehrreich
sein und dich vor ähnlichen Verirrungen bewahren.
Ich gebe dir diesen Rat um desto zuversichtlicher, da ich aus Erfahrung
weiß, daß verschiedene junge Männer während eines kurzen Aufenthalts in
meiner Anstalt sich auf diesem Wege nicht gemeine Kenntnisse der Natur,
vorzüglich der Pflanzen, erworben haben.
Da ich vorhin hinlänglich glaube bewiesen zu haben, daß die Betrachtung
der Natur zur Unterhaltung der Kinder, zur Weckung und Übung ihrer
Geisteskräfte höchst nötig sei, so ergiebt sich hieraus von selbst, daß
du mit der Natur dich bekannt machen mußt, wenn du mit Vergnügen und mit
Nutzen erziehen willst.
Diese Bekanntschaft wird dir große und mannigfaltige Vorteile gewähren.
Für dich wird sie eine ergiebige Quelle des Vergnügens sein, weil du nun
nicht mehr durch die Welt als ein Fremdling wandelst, dem alle seine
Umgebungen unbekannt sind, sondern als ein Einheimischer, der auf den
Bergen und in Thälern, im Wasser und in dem Innern der Erde, Bekannte
antrifft, mit denen er sich unterhalten kann. Noch wichtiger wird sie
dir im Umgange mit deinen Kleinen sein, da sie dir den mannigfaltigsten
Stoff zur Unterhaltung und zum Unterrichte darbietet, dich deinen Kleinen
wichtig und unentbehrlich macht und dir Gelegenheit giebt, besonders im
Sommer, manche Stunde bei deinen Kleinen auf eine höchst nützliche und
angenehme Art mit dem Sammeln und Trocknen der Pflanzen auszufüllen.