weiter, das zur Gerichtsbarkeit von Murcia gehörte und drei Stunden von der
Stadt entfernt lag. Hier begegnete Andres ein Unfall, der ihm beinahe das
Leben gekostet hätte. Nachdem man der Sitte gemäß einige silberne Gefäße
als Sicherheitspfand hinterlegt hatte, nahmen Preziosa, deren Großmutter,
Christina, zwei andre Zigeunermädchen, Klemens und Andres in dem Hause
einer reichen Wirtin Wohnung, einer Witwe, deren Tochter, ein Mädchen von
siebzehn bis achtzehn Jahren, nicht sowohl schön wie von etwas lockern
Sitten war und, wohl aus diesem Grunde, Juana Carducha[4] hieß. Als nun
diese die Zigeuner und Zigeunerinnen tanzen sah, plagte sie der Teufel, und
sie verliebte sich so sehr in Andres, daß sie beschloß, es ihm geradeheraus
zu sagen und ihn, wenn er selbst wollte, all ihren Verwandten zum Trotz als
Mann zu nehmen. Sie suchte deshalb eine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen,
und fand sie in einem Hof, wohin Andres sich begeben hatte, um zwei Esel zu
besorgen. Dort trat sie auf ihn zu und sagte in aller Eile, damit kein
Zeuge sie störte: »Andres« (sie wußte seinen Namen bereits), »ich bin noch
unverheiratet und reich, denn meine Mutter hat kein andres Kind als mich,
dies Wirtshaus gehört ihr, und außerdem hat sie noch viele Weinberge und
zwei andre ebenso große Häuser. Du gefällst mir, und wenn du mich zur Frau
willst, so steht es bei dir. Gib mir schnell Antwort, und wenn du gescheit
bist, so bleibe bei mir, da sollst du sehn, was für ein Leben wir führen
werden.«
[4] Hanne Wollkratze.
Andres war über die Entschlossenheit Carduchas nicht wenig erstaunt und
antwortete so schnell, wie sie es verlangt hatte: »Teure Jungfer, ich bin
schon versagt, und wir Zigeuner heiraten nur Zigeunerinnen. Segne Gott Sie
für die Gnade, die Sie mir angedeihen lassen wollte und deren ich nicht
würdig bin.«
Es fehlte wenig, so wäre Carducha ob Andres' bitterer Antwort tot zu Boden
gesunken. Eben wollte sie entgegnen, als sie einige Zigeunerinnen in den
Hof treten sah. Beschämt und bestürzt eilte sie fort, fest entschlossen,
sich sobald wie möglich zu rächen. Andres beschloß als verständiger Mensch,
sich aus dem Staube zu machen und dieser Schlinge, die ihm der Teufel
legte, aus dem Wege zu gehn; denn er las in Carduchas Augen, daß sie sich
ihm auch ohne die Bande der Ehe hingeben würde, und es gelüstete ihn
keineswegs, sich allein in diesen Kampf einzulassen. So bat er denn die
andern Zigeuner, noch am nämlichen Abend aufzubrechen. Sie trafen sogleich,
wie sie ihm stets Folge leisteten, die nötige Veranstaltung, holten ihre
Pfänder noch am Abend ab und machten sich auf den Weg. Carducha, die
fühlte, daß mit Andres die Hälfte ihres Lebens wegzog, und sah, daß ihr
keine Zeit blieb, um das Ziel ihrer Wünsche zu erreichen, beschloß, den
Geliebten mit Gewalt zurückzuhalten, da es ihr mit guten Worten nicht
gelingen wollte. Sie schmuggelte also heimlich und listig, wie ihr arger
Plan es verlangte, in Andres' Gepäck, das sie kannte, einige wertvolle
Korallen sowie zwei silberne Schaumünzen und noch andre von ihren
Kostbarkeiten ein. Kaum waren die Gäste aus dem Hause, als sie lautes
Geschrei erhob: die Zigeuner hätten ihr ihren Schmuck gestohlen, worauf die
Büttel und Dorfbewohner herbeieilten. Die Zigeuner machten halt und
schworen, sie hätten nicht die geringste Kleinigkeit mitgenommen, und sie
wollten alle Säcke und Behältnisse der Truppe öffnen. Die alte Zigeunerin
geriet in nicht geringe Angst, bei dieser Durchsuchung möchten Preziosens
Geld und Andres' Kleider, die sie in strengster Heimlichkeit und Vorsicht
verbarg, zutage kommen. Allein die gute Carducha benahm ihr die Sorge auf
kürzestem Wege, indem sie schon bei Besichtigung des zweiten Päckchens
sagte, man möchte nur fragen, wo das Gepäck des großen Tänzers sei, denn
diesen habe sie zweimal in ihr Zimmer treten sehn, und es sei daher gar
wohl möglich, daß er ihr die Sachen gestohlen habe. Andres merkte wohl, daß
er gemeint sei, und sagte lächelnd: »Werte Jungfer, da ist mein Reisegerät,
und da ist mein Esel! Findet Sie in jenem oder auf diesem, was Ihr fehlt,
so will ichs Ihr siebenfach ersetzen und mich überdies der Strafe
unterwerfen, die das Gesetz den Dieben zuerkennt.«
Die Büttel eilten sogleich herbei, um den Esel abzupacken, und hatten nach
wenigen Griffen das gestohlene Gut gefunden, worüber Andres so bestürzt und
erstaunt war, daß er stumm wie eine Bildsäule dastand.
»Habe ich nicht recht gehabt?« rief Carducha. »Seht doch, hinter welch
ehrlichem Gesicht sich ein solcher Spitzbube verstecken kann!«
Der Schulze, der zugegen war, überschüttete Andres und alle Zigeuner
sogleich mit tausend Schmähworten und nannte sie Diebe und Straßenräuber.
Andres schwieg zu allem, stand sinnend und in sich versunken da, erriet
aber mit keinem Gedanken Carduchas Verräterei. Inzwischen kam ein
stolzierender Soldat, ein Neffe des Schulzen, herbei und rief:
»Seht einmal, welche Angst dem Zigeuner da sein eigner Diebstahl macht! Ich
will wetten, er macht noch Umstände und leugnet den Raub auch dann noch,
wenn er ihn schon in den Händen davonträgt. Es wäre am besten, man schickte
das ganze Gesindel auf die Galeeren. Wäre es nicht besser, der Schurke da
diente Seiner Majestät, als daß er von Dorf zu Dorf tanzt und von Wirtshaus
zu Wirtshaus stiehlt? Auf Soldatenehre, ich will ihm eine Ohrfeige geben,
daß er vor mir zu Boden stürzt!«
Damit hob er ohne weiteres die Hand und gab Andres einen solchen
Backenstreich, daß er aus seiner Betäubung erwachte und sich plötzlich
entsann, daß er nicht der Herren-Andres war, sondern Don Juan und ein
Kavalier. Mit unglaublicher Schnelligkeit und noch größerer Wut stürzte er
sich auf den Soldaten, riß ihm den eignen Degen aus der Scheide und stieß
ihn ihm in den Leib, so daß er tot zu Boden fiel. Doch nun, wie schrie das
Volk, und wie tobte der Oheim! Preziosa fiel in Ohnmacht, und Andres
graute, sie so zu sehn. Alles griff zu den Waffen und fiel über den Mörder
her. Die Verwirrung und der Lärm wuchsen; Andres eilte der ohnmächtigen
Preziosa zu Hilfe und dachte nicht mehr an seine Verteidigung. Überdies
wollte das Schicksal, daß Klemens bei dem unglücklichen Ereignis nicht
zugegen war, da er mit seinem Gepäck das Dorf schon verlassen hatte. Kurz
man fiel in solcher Zahl über den Mörder her, daß er überwältigt und mit
zwei schweren Ketten gefesselt wurde. Der Schulze hätte ihn gern auf der
Stelle hängen lassen, wenn es in seiner Macht gelegen wäre, aber so mußte
er ihn nach Murcia abliefern, in dessen Gerichtssprengel das Dorf gehörte.
Erst am folgenden Tage führte man ihn dorthin, und inzwischen hatte der
Gefangene genug der Qualen und Schmähungen zu erdulden, die der entrüstete
Schulze und sein Büttel sowie die ganze Einwohnerschaft des Fleckens über
ihn ausgossen. Jener nahm alle Zigeuner und Zigeunerinnen, deren er habhaft
werden konnte, gefangen; die Mehrzahl jedoch war entflohen, unter ihnen
auch Klemens, der bei einer Verhaftung erkannt zu werden fürchtete. Kurz
der Schulze zog mit dem Protokoll über den Hergang und einer Karawane von
Zigeunern, in der sich Preziosa und auf einem Esel der arme, mit Ketten,
Handschellen und Fußeisen gefesselte Andres befanden, umgeben von Bütteln
und vielen andern bewaffneten Leuten in Murcia ein. Die ganze Stadt strömte
heraus, um die Gefangenen zu sehn, denn schon hatte man von der Tötung des
Soldaten gehört. Preziosa strahlte jedoch an diesem Tage in solcher
Schönheit, daß jeder, der sie gewahr wurde, in Lobeserhebungen ausbrach,
und das Gerücht von ihrem Reize gelangte denn auch der Frau Stadtrichterin
zu Ohren. Begierig, das Wunder zu sehn, bat sie ihren Mann, den
Stadtrichter, diese Zigeunerin nicht in das Gefängnis zu sperren, in das
alle übrigen kamen. Andres dagegen warf man in ein enges Loch, wo ihm die
Finsternis und die Trennung von seiner zweiten Sonne, von Preziosa, so
bedrückten, daß er nicht mehr hoffte, das Licht des Tages vor seinem
Todesgange wiederzusehn.
Preziosa und ihre Großmutter führte man sofort der Stadtrichterin vor, die,
als sie sie kaum gesehn hatte, schon rief: »Mit Recht preist man ihre
Schönheit!« Damit trat sie auf Preziosa zu, umarmte sie und konnte sich an
ihr nicht satt sehn und fragte die Großmutter, wie alt die Kleine sei.
»Ein paar Monate mehr oder weniger als fünfzehn Jahre,« antwortete die
Zigeunerin.
»So alt wäre jetzt eben auch meine arme Constanza!« entgegnete die
Stadtrichterin. »Ach, ihr guten Leute, wie ruft mir dies Mädchen mein
Unglück zurück!«
Da ergriff Preziosa die Hände der Dame, küßte sie zu wiederholten Malen,
bedeckte sie mit ihren Tränen und sprach:
»Gnädige Frau, der verhaftete Zigeuner trägt keine Schuld, denn er wurde
sehr gereizt. Man nannte ihn einen Dieb, was er doch nicht ist, und gab ihm
einen Streich in das Gesicht, auf dem seine Herzensgüte so deutlich
geschrieben steht. Um Gottes und Eurer selbst willen, gnädige Frau, sorgt,
daß man ihm Gerechtigkeit widerfahren lasse und daß der Herr Stadtrichter
sich nicht zu sehr beeile, die Strafe, mit der die Gesetze ihn bedrohn, an
ihm zu vollziehn. Wenn meine Schönheit Euer Wohlgefallen erregt, so
erhaltet sie mir, indem Ihr den Gefangenen erhaltet, denn sein Tod würde
auch meinen herbeiführen. Er soll mein Gatte werden, aber Recht und Ehre
haben uns bis jetzt gehindert, einander die Hände zu reichen. Sollte Geld
vonnöten sein, um die Begnadigung zu erlangen, so soll unser ganzes Lager
in öffentlicher Versteigerung verkauft und noch mehr gegeben werden, als
man verlangt. Ach, gnädige Frau, wenn Ihr wißt, was Liebe ist, und wenn Ihr
sie je empfunden habt und noch jetzt gegen Euern Gemahl empfindet, so
erbarmt Euch meiner, die ich meinem Verlobten mit zärtlicher und reiner
Liebe zugetan bin.«
Während sie dies sprach, ließ sie die Hände der Frau keinen Augenblick los
und sah sie unverwandt unter Strömen bitterer, schmerzlicher Tränen an.
Doch auch die Stadtrichterin hielt Preziosa bei den Händen und sah sie
nicht weniger aufmerksam und unter nicht minder zahlreichen Tränen an. Da
trat der Stadtrichter ein, und als er das Mädchen und seine Frau in dieser
Situation erblickte, blieb er, ergriffen von den Tränen wie von der
Schönheit der Fremden, stehn. Er fragte nach der Ursache ihrer Bewegung,
und zur Antwort ließ Preziosa die Hände der Stadtrichterin fahren,
umschlang die Füße des Stadtrichters und rief: »Erbarmen, gnädiger Herr,
Erbarmen! Wenn mein Verlobter stirbt, so bin auch ich des Todes. Er ist
schuldlos; und ist er es nicht, so treffe die Strafe mich; und kann dies
nicht sein, so werde wenigstens der Prozeß so lange hingehalten, bis man
alles aufgeboten hat, ihn zu befreien: denn es ist ja möglich, daß der
Himmel dem, der nicht aus bösem Willen fehlte, das Heil der Gnade sendet.«
Der Stadtrichter war gerührt durch die treffenden Worte des
Zigeunermädchens, und hätte er sich nicht geschämt, ein Zeichen der
Schwäche zu verraten, so hätten seine Tränen sich mit den ihrigen gemischt.
Inzwischen stand die alte Zigeunerin in mannigfaltige Betrachtungen
verloren da und rief endlich nach langem Sinnen aus: »Wollet die Gnade
haben, meine Herrschaften, einen Augenblick zu warten; ich will diese
Tränen in Lachen verwandeln, und sollte es mich auch das Leben kosten.«
Damit eilte sie raschen Schrittes hinaus und ließ die Anwesenden in
Verwunderung über ihre Worte zurück. Bis zu ihrer Rückkehr hörte Preziosa
nicht auf, unter Weinen und Bitten darauf zu dringen, man möge das Urteil
über ihren Verlobten hinausschieben; denn sie beabsichtigte im stillen,
seinem Vater Nachricht zu geben, damit er komme und eingreife. Bald kehrte
die Zigeunerin mit einem Kästchen unterm Arm zurück und bat den
Stadtrichter, mit seiner Gemahlin und ihr in ein andres Zimmer zu treten,
da sie ihm insgeheim etwas sehr Wichtiges mitzuteilen habe. Der
Stadtrichter glaubte, sie wollte ihm irgendeinen Diebstahl der Zigeuner
entdecken, um ihn dadurch für den Prozeß des Gefangenen günstig zu stimmen,
und so zog er sich denn mit ihr und seiner Frau in sein Kabinett zurück, wo
die Alte sich vor den beiden auf die Knie warf und also begann:
»Sollte die frohe Nachricht, die ich Euch geben will, gnädige
Herrschaften, mir nicht zum Dank Verzeihung für ein schweres Vergehen
verschaffen, so mag mich auch jede Züchtigung treffen, die Ihr mir
auferlegen wollt. Ehe ich mich jedoch genauer erkläre, möchte ich, daß Ihr
mir sagtet, ob Ihr diesen Schmuck kennt.« Damit zog sie das Kästchen
hervor, in dem sich Preziosas Kostbarkeiten befanden, und überreichte es
dem Stadtrichter, der es öffnete und einen Kinderschmuck darin erblickte,
jedoch ohne daß ihm deutlich wurde, was für eine Bewandtnis es damit habe.
Auch die Stadtrichterin betrachtete die Schatulle verständnislos und
bemerkte nur: »Das ist der Putz eines kleinen Mädchens.«
»Ganz recht,« erwiderte die Zigeunerin, »und welches Mädchens, das sagt die
Schrift in diesem zusammengelegten Papier.«
Hastig öffnete der Stadtrichter es und las wie folgt: »Die Kleine heißt
Doña Constanza de Acevedo und de Meneses; ihre Mutter ist Doña Guiomar de
Meneses und ihr Vater Don Fernando de Acevedo, Ritter des Calatrava-Ordens.
Sie ward geraubt am Himmelfahrtstage, morgens um acht Uhr, im Jahr
Eintausend fünfhundert und fünfundneunzig. Sie hatte den Schmuck an, den
dieses Kästchen enthält.«
Kaum hatte die Stadtrichterin den Inhalt des Papiers vernommen, als sie den
Schmuck plötzlich wiedererkannte und, indem sie ihn an den Mund drückte und
mit unzähligen Küssen bedeckte, ohnmächtig niedersank. Der Stadtrichter
eilte ihr erst zu Hilfe, ehe er die Zigeunerin weiter nach seinem Kinde
fragte; sie aber rief, sobald sie wieder zu sich gekommen war: »Liebstes
Mütterchen, mehr Engel als Zigeunerin, wo ist die Besitzerin, ich meine das
Kind, dem dieser Putz gehörte?«
»Wo, gnädige Frau?« erwiderte die Zigeunerin. »In Eurem Hause habt Ihr
sie; dem Zigeunermädchen, das Euch die Tränen in die Augen trieb, gehört
der Putz, und sie ist ohne Zweifel Eure Tochter, die ich in Madrid an dem
Tage und zu der Stunde, die der Zettel angibt, aus Eurem Hause gestohlen
habe.«
Als die erregte Dame das hörte, schleuderte sie in der Eile die Pantoffeln
von sich und eilte in vollem Lauf in den Saal, wo sie Preziosa
zurückgelassen hatte und sie nun, umgeben von ihren Mädchen und
Dienerinnen, immer noch weinend fand. Sie stürzte auf sie zu, entblößte ihr
in voller Hast, ohne ein Wort zu sagen, den Busen und sah nach, ob sie
unter der linken Brust ein kleines Mal in Form eines weißen Fleckes habe,
mit dem sie auf die Welt gekommen war. Wirklich fand sie es noch, wenn auch
durch die Zeit bedeutend größer geworden. Dann zog sie ihr ebenso schnell
den Schuh aus, enthüllte einen Fuß, der wie aus Schnee und Elfenbein
gedrechselt war, und entdeckte auch dort, was sie suchte, nämlich daß die
zwei letzten Zehen des rechten Fußes in der Mitte durch ein wenig Fleisch
verbunden waren, das man ihr als Kind nicht hatte durchschneiden wollen, um
ihr keinen Schmerz zu machen.
Brust, Zehen, Schmuck, Tag des Diebstahls, das Geständnis der Zigeunerin
und endlich der freudige Schreck, den die Eltern bei ihrem Anblick
empfunden hatten -- all das ließ in der Seele der Stadtrichterin keinen
Zweifel mehr übrig, daß Preziosa ihre Tochter war. Sie schloß sie daher in
die Arme und kehrte mit ihr zum Stadtrichter und der Zigeunerin zurück.
Preziosa war ganz verwirrt, da sie nicht wußte, weshalb man diese
Untersuchung mit ihr vorgenommen hatte, zumal die Stadtrichterin sie jetzt
gar in ihre Arme schloß und sie mit Küssen bedeckte. Endlich kam Doña
Guiomar mit ihrer kostbaren Bürde bei ihrem Gatten an, legte sie ihm in die
Arme und sprach:
»Empfanget hier, mein Gemahl, Eure Tochter Constanza; sie ist es, Ihr
dürft nicht den geringsten Zweifel hegen, denn ich habe das Zeichen an den
Zehen und an der Brust gesehn, und mehr noch als diese hat mein Herz es mir
gesagt, vom ersten Augenblick an, da meine Augen sie sahen.«
»Ich zweifle nicht daran,« entgegnete der Stadtrichter, als er Preziosa in
den Armen hielt, »denn dieselben Gefühle sind auch durch mein Herz
gegangen; und überdies könnten so viele Einzelheiten bei einer, die nicht
unser Kind wäre, nur durch ein Wunder zusammentreffen.«
Sämtliche Diener im Hause waren der Verwunderung voll, und die einen
fragten die andern, was dies denn heißen sollte. Keiner aber traf das
Rechte, und wer hätte sich auch denken können, daß das Zigeunermädchen die
Tochter der Herrschaft sei? Der Stadtrichter ermahnte Frau und Kind und die
alte Zigeunerin, die Sache so lange geheimzuhalten, bis er selbst sie
kundtun würde. Zugleich versicherte er der Alten, daß er ihr alles, was sie
ihm durch den Raub seines Kindes angetan, verzeihe; ja die Entschädigung,
die sie ihm durch dies Wiedersehn gewähre, verdiene noch obendrein Lohn. Es
kränke ihn nur, daß sie, die doch von Preziosens Stande gewußt, sie mit
einem Zigeuner, ja einem Räuber und Mörder verlobt habe.
»Ach, mein Vater,« rief Preziosa, »er ist weder ein Zigeuner noch ein
Räuber, wenn er auch einen Menschen erschlagen hat; denn er erschlug nur
den, der ihm seine Ehre rauben wollte; und um zu zeigen, wer er sei, konnte
er nichts Geringeres tun, als ihn töten.«
»Wie, er ist kein Zigeuner, mein Kind?« fragte Doña Guiomar.
Da erzählte die alte Zigeunerin kurz die Geschichte des Herren-Andres: daß
er der Sohn des Don Francisco de Carcamo, Ritters von Sant Jago, sei, Don
Juan de Carcamo heiße und denselben Orden trage, wie sie denn seine
Ordenstracht, die er gegen die Zigeunerkleider umgetauscht, noch bei sich
habe. Ebenso berichtete sie von der zwischen Preziosa und Don Juan
getroffenen Abrede, nach der er vor der Verlobung eine Probezeit von zwei
Jahren bestehen sollte, und pries die Sittsamkeit beider und Don Juans
liebenswürdigen Charakter. Die beiden wunderten sich hierüber fast
ebensosehr wie über das Wiedersehn mit ihrer Tochter, und der Stadtrichter
ließ deshalb die Alte Don Juans Kleider holen. Sie ging und kehrte bald mit
einem andern Zigeuner zurück, der sie trug.
Während ihrer Abwesenheit hatten die Eltern hunderttausend Fragen an
Preziosa gerichtet, die sie mit so viel Verstand und Anmut beantwortete,
daß sie das ganze Herz der Fragenden gewonnen hätte, wenn sie auch nicht
gewußt hätten, daß sie ihre Tochter war. Sie fragten, ob sie Don Juan
liebte, und sie erwiderte: nicht mehr, als sie aus Erkenntlichkeit einen
Menschen lieben müßte, der um ihretwillen bis zum Zigeuner herabgestiegen
sei; sie werde jedoch ihre Dankbarkeit nie weiter ausdehnen, als ihre
verehrten Eltern ihr gestatten würden.
»Still, meine Preziosa,« erwiderte der Vater, »denn dieser an das
Kostbarste erinnernde Name soll dir zur Erinnerung an dein Verschwinden und
deine Wiederauffindung bleiben; ich als dein Vater nehme es auf mich, einen
Gemahl für dich auszuwählen, der deines Standes nicht unwürdig ist.«
Preziosa seufzte, und ihre Mutter merkte, zartfühlend wie sie war, daß
dieser Seufzer auf Liebe zu Don Juan deutete, daher sagte sie zu ihrem
Gatten: »Mein Gemahl, da Don Juan de Carcamo von so gutem Hause und unsrer
Tochter so ergeben ist, so würde es uns nicht zur Unehre gereichen, wenn
wir sie ihm zur Frau gäben.«
Er erwiderte: »Erst heute haben wir sie gefunden, und Ihr wollt schon, daß
wir sie verlieren? Erfreuen wir uns ihrer eine Zeitlang, denn wenn Ihr sie
verheiratet, gehört sie nicht mehr Euch, sondern Ihrem Manne an.«
»Ihr habt recht, mein Gemahl,« versetzte sie; »aber gebt mindestens Befehl,
daß Don Juan, der sich sicher in einem unterirdischen Kerker befindet, an
einen andern Ort gebracht werde.«
»Gewiß befindet er sich in einem solchen,« rief Preziosa, »denn einem
Räuber und Mörder, der obendrein ein Zigeuner ist, hat man schwerlich einen
bessern Aufenthaltsort eingeräumt.«
»Ich will selbst zu ihm gehn,« erwiderte der Stadtrichter, »als wollte ich
ihn ins Verhör nehmen. Noch einmal trage ich Euch auf, meine Gemahlin, daß
niemand etwas von dieser Geschichte erfahre, bis ich es für gut halte.«
Damit umarmte er Preziosa, begab sich unverweilt in das Gefängnis und von
da ohne jede Begleitung in das unterirdische Verlies, in dem Don Juan lag.
Er fand ihn mit beiden Beinen in einen Block geschlossen und mit
Handschellen gefesselt; ja selbst das Fußeisen hatte man ihm noch nicht
abgenommen. Die Zelle war ganz finster; der Stadtrichter ließ aber einen
nach oben gehenden Kellerhals öffnen, so daß notdürftig ein wenig Licht
hereinfiel, und sobald er den Gefangenen sehen konnte, hub er also an:
»Wie gehts, mein sauberer Vogel? Wenn ich nur alle Zigeuner Spaniens so
aneinandergekoppelt bekäme, dann würde man an einem einzigen Tage mit ihnen
fertig, wie Nero es gern mit ganz Rom auf einen einzigen Streich geworden
wäre. Wisset, Meister Spitzbube, ich bin der oberste Richter dieser Stadt
und will von Euch erfahren, ob wirklich ein Zigeunermädchen unter Eurer
Begleitung Eure Braut ist.«
Als Andres dies hörte, glaubte er, der Stadtrichter habe sich in Preziosa
verliebt; denn die Eifersucht gehört zu den flüchtigen Körpern, die andre
Körper durchdringen, ohne sie zu durchbrechen, zu trennen oder zu
zerteilen. Indessen erwiderte er: »Wenn sie gesagt hat, ich sei ihr
Verlobter, so ist dies ganz richtig; und wenn sie gesagt hat, ich sei es
nicht, so ist es ebenfalls richtig; denn Preziosa kann keine Lüge
aussprechen.«
»Ist sie so wahrheitsliebend?« fragte der Stadtrichter. »Das ist nicht
wenig für eine Zigeunerin! Nun gut, Bursche, sie hat gesagt, sie sei Eure
Braut, habe Euch aber die Hand noch nicht gegeben. Sie hat erfahren, daß
Ihr Eures Verbrechens wegen sterben müßt, und bat mich deshalb, sie noch
vor Eurem Tode mit Euch zu vermählen, denn sie setze eine Ehre darein, die
Witwe eines so großen Spitzbuben zu sein.«
»So mögen denn Euer Gnaden tun, wie sie gebeten hat. Bin ich ihr angetraut,
so werde ich mit Freuden ins andre Leben gehn, da ich das gegenwärtige als
ihr Gatte verlasse.«
»Ihr scheint sie sehr zu lieben?« fragte der Stadtrichter.
»So sehr,« antwortete der Gefangene, »daß meine Liebe nichts wäre, wenn ich
sie aussprechen könnte. Kurz, Herr Richter, kommt zum Schluß! Ich habe den
getötet, der mir die Ehre rauben wollte; ich bete dieses Zigeunermädchen
an, ich sterbe gern, wenn ich in ihrer Gunst sterbe, und ich weiß, daß die
Gnade Gottes uns nicht fehlen wird, denn wir beide haben ehrlich und
gewissenhaft gehalten, was wir einander gelobten.«
»So werde ich Euch denn heute nacht holen lassen,« sagte der Stadtrichter,
»Euch in meinem Hause mit Preziosa vermählen, und morgen mittag hängt Ihr
am Galgen, wodurch ich der Gerechtigkeit wie auch Eurem beiderseitigen
Wunsch Genüge tue.«
Andres dankte, und der Stadtrichter kehrte in sein Haus zurück und
erzählte seiner Gemahlin, was er mit Don Juan gesprochen hatte und was er
Weiteres zu tun gedächte. Während seiner Abwesenheit hatte Preziosa ihrer
Mutter ihren ganzen Lebenslauf berichtet: wie sie sich immer für eine
Zigeunerin und für die Enkelin jener Alten gehalten, sich jedoch stets viel
höher geachtet habe, als man von einer wirklichen Zigeunerin hätte erwarten
können. Die Mutter bat sie, ihr aufrichtig zu gestehn, ob sie Don Juan de
Carcamo zugetan sei. Errötend und mit gesenkten Augen erwiderte sie, da sie
sich für eine Zigeunerin gehalten habe und ihr Stand durch die Heirat mit
einem Ordensritter und einem so vornehmen jungen Mann, wie Don Juan de
Carcamo, sehr gehoben worden wäre; da ferner auch sein gutes Gemüt und sein
sittsames Wesen ihr aus Erfahrung bekannt gewesen sei, so habe sie ihn hie
und da mit Neigung betrachtet, doch habe sie ja schon gesagt, daß sie
keinen andern Willen zu haben sich erlaube, als den ihrer Eltern.
Die Nacht kam, und gegen zehn Uhr holte man Andres ohne die Handschellen
und den Fußblock aus dem Gefängnis; aber noch war er mit einer großen Kette
gefesselt, die ihm von den Füßen aufwärts den ganzen Körper umschloß. So
gelangte er, von niemand gesehn als von seinen Wächtern, ins Haus des
Stadtrichters, wo man ihn in größter Stille in ein Zimmer führte und allein
ließ. Nach einiger Zeit trat ein Geistlicher ein und hieß ihn beichten,
weil er am folgenden Tage sterben müsse. Andres erwiderte: »Ich will von
Herzen gern beichten, aber wird man mich nicht zuvor trauen? Wahrhaftig,
nach der Trauung erwartet mich ein schlimmes Brautbett!«