Endlich brach nach, wie ihm schien, ungewöhnlich langem Zaudern der Tag an;

er begab sich zu dem Fremden und fragte ihn, wie er heiße, wohin er gehe

und warum er so spät und so abseits der Landstraße reise, doch hatte er

sich zuvor nach seinem Befinden erkundigt und gefragt, ob die Bisse ihn

noch schmerzten. Der junge Mensch erwiderte, er befinde sich nun besser und

sei ohne allen Schmerz, so daß er sich wieder auf den Weg machen könne.

Über seinen Namen und das Ziel seiner Reise sagte er weiter nichts, als daß

er Alonso Hurtado heiße und in einer gewissen Angelegenheit zu »Unsrer Frau

von Penna di Francia«[3] wandere. Um schneller dorthin zu kommen, reise er

auch bei Nacht; er habe in der eben vergangenen den Weg verloren und sei

zufällig in dieses Lager geraten, wo ihn die Wachthunde auf die

geschilderte Art zugerichtet hätten. Andres hielt diese Erklärung

keineswegs für wahrheitsgemäß; von neuem fuhr ihm sein Argwohn über die

Seele, und er sprach:

[3] Ein Flecken in der Provinz Leon, elf Stunden südöstlich von Ciudad

Rodrigo.

»Freund, wäre ich Richter, und Ihr wäret wegen irgendeines Vergehens meiner

Gerichtsbarkeit verfallen, so daß ich Euch diese Fragen stellen müßte, ich

wäre durch Eure Antwort genötigt, Gewalt gegen Euch zu gebrauchen. Ich will

jetzt nicht mehr wissen, wer Ihr seid, wie Ihr heißet und wohin Ihr geht;

aber ich rate Euch: wenn es Euch auf dieser Reise von Nutzen sein sollte zu

lügen, so bringt Eure Lüge wahrscheinlicher vor. Ihr sagt, Ihr reiset nach

Penna di Francia und habt diesen Ort doch hier, wo wir sind, schon volle

dreißig Stunden rechts hinter Euch. Ihr reiset bei Nacht, um schneller

anzukommen, und streicht doch außerhalb der Straße unter Büschen und Bäumen

umher, wo es kaum Fußpfade, geschweige denn Landstraßen gibt. Steht auf,

Freund, lernet lügen und geht mit Gott. Aber werdet Ihr mir für den guten

Rat, den ich Euch hiermit gebe, nicht eine Wahrheit sagen? Ich denke wohl,

da Ihr Euch ja doch so schlecht aufs Lügen versteht! Sagt mir denn, seid

Ihr vielleicht ein Mensch, so in der Mitte zwischen Page und Kavalier, den

ich oft in der Residenz gesehen habe, wo er in dem Rufe eines großen

Dichters stand und eine Romanze und ein Sonett an ein Zigeunermädchen

richtete, das unlängst in Madrid umherzog und als eine ausgezeichnete

Schönheit galt? Sagt mirs; ich verspreche Euch auf Zigeunerehre, Euer

Geheimnis so gut zu bewahren, wie Ihr es nur wünschen könnt. Bedenkt, daß

es zu nichts führen kann, wenn Ihr die Wahrheit leugnet, da ich Euer

Gesicht, das ich vor mir sehe, sicher erkenne; denn natürlich veranlaßte

mich der Ruf Eurer ausgezeichneten Geistesgaben, Euch als einen seltenen

und besondern Menschen mehr als einmal ins Auge zu fassen, und so habe ich

mir denn Eure Gestalt so ins Gedächtnis eingeprägt, daß ich Euch

wiedererkannte, obgleich Eure jetzige Tracht von Eurer damaligen so

verschieden ist. Macht Euch deshalb keine Sorge, seid guten Muts und glaubt

nicht unter einen Haufen Spitzbuben, sondern an einen Zufluchtsort geraten

zu sein, an dem man Euch gegen die ganze Welt zu schützen und zu

verteidigen weiß. Seht, ich denke mir etwas, und verhält es sich so, wie

ich es mir denke, so hat Euch Euer guter Stern mit mir zusammengeführt. Ich

denke mir nämlich, daß Ihr in Preziosa, das schöne Zigeunermädchen, auf das

Ihr die Verse machtet, verliebt seid und hierherkamt, um sie aufzusuchen;

ich schätze Euch darum auch nicht geringer, sondern um vieles höher. Bin

ich auch nur ein Zigeuner, so weiß ich doch aus Erfahrung, wie weit die

mächtige Gewalt der Liebe sich erstreckt, und welchen Verwandlungen sie

alle unterwirft, die unter ihr Joch geraten. Verhält es sich wirklich so

mit Euch, worüber denn wohl kaum ein Zweifel walten dürfte, so ist die

kleine Zigeunerin hier.«

»Ja, sie ist hier,« erwiderte der Fremde, »ich habe sie heute nacht

gesehn,« -- ein Wort, das Andres wie der Tod durchs Herz ging, denn es

schien ihm seinen Argwohn zu bestätigen. »Ich habe sie heute nacht gesehn,«

fuhr der Jüngling fort, »aber nicht gewagt, ihr zu sagen, wer ich bin, weil

es mir nicht geraten schien.«

»So seid Ihr«, rief Andres, »wirklich der Dichter, von dem ich sprach?«

»Ja, ich bin es,« entgegnete der junge Mann, »ich kann und will es nicht

leugnen. Vielleicht daß ich jetzt gerade da, wohin ich zu meinem Unglück

gekommen zu sein glaubte, mein Glück finde, wenn anders man Treue in den

Wäldern und gastliche Aufnahme in den Bergen trifft.«

»Die trifft man allerdings,« versetzte Andres, »und überdies unter uns

Zigeunern die größte Verschwiegenheit. In dieser Zuversicht könnt Ihr mir

Euer Herz eröffnen, Herr, denn Ihr werdet in meinem nicht die geringste

Arglist finden. Das Zigeunermädchen ist meine Verwandte und unterwirft

sich, falls Ihr sie etwa zur Frau haben wollt, ganz dem, was ich ihr rate;

ich und all ihre übrigen Verwandten, wir hätten Vorteil davon und würden es

gern sehn. Wollt Ihr sie nur zur Freundin, so werden wir auch gegen einen

Mann nicht sonderlich heikel sein, der Geld hat, denn nie verläßt die

Habgier unser Lager.«

»Geld habe ich,« antwortete der Jüngling; »in den Ärmeln des Hemdes da, das

ich mir um den Leib geknüpft, bringe ich vierhundert Goldtaler mit.«

Das war für Andres ein zweiter Todesstreich, denn er glaubte, man werde

nicht so viel Geld bei sich tragen, wenn man nicht eine teure Ware zu

kaufen denke. Mit unsicherer Stimme sagte er:

»Das ist ein hübsches Sümmchen; Ihr braucht Euch nur noch zu entdecken, und

dann ans Werk! Denn das Mädchen ist nicht auf den Kopf gefallen und wird

wohl einsehn, wie gut es für sie ist, wenn sie die Eure wird.«

»Ach, Freund,« erwiderte der Jüngling, »die Gewalt, die mich genötigt hat,

meine Tracht so zu ändern, ist weder die Liebe, von der Ihr sprecht, noch

überhaupt eine Sehnsucht nach Preziosen, denn es gibt Schönheiten in

Madrid, die einem ebensogut, ja besser als die reizendsten Zigeunerinnen

das Herz rauben und die Seele gefangennehmen können, wenn ich auch zugeben

muß, daß die Reize Eures Bäschens alles übertreffen, was ich je gesehn

habe. In diese Kleidung aber, auf die Wanderschaft und unter die Zähne der

Hunde hat mich nicht die Liebe, sondern mein Unglück getrieben.«

Bei diesen Worten kehrten Andres die verlorenen Lebensgeister wieder

zurück, denn die Rede des jungen Mannes schien einem andern Ziele

zuzulenken, als er hatte glauben müssen. Begierig, diese Verwirrung zu

lösen, gab er dem Gaste von neuem die Versicherung, daß er sich ohne

Rückhalt entdecken dürfe, und dieser fuhr also fort:

»Ich lebte in Madrid im Hause eines Herrn vom hohen Adel, dem ich jedoch

nicht als einem Gebieter, sondern als meinem Verwandten diente. Er hatte

einen einzigen Sohn zum Erben, der mich sowohl wegen unsrer Verwandtschaft,

wie auch weil wir beide in einem Alter standen und gleichen Charakters

waren, vertraulich als seinen Freund behandelte. Nun geschah es, daß dieser

Kavalier sich in ein vornehmes Fräulein verliebte, welches er gern zur

Gemahlin erwählt hätte; als guter Sohn jedoch unterwarf er seinen Willen

dem seiner Eltern, die ihn noch höher zu verheiraten trachteten, machte

aber jener, von allen Augen, die seine geheime Neigung hätten verraten

können, unbemerkt, noch fortwährend die Aufwartung; nur ich war Zeuge

seines Tuns. Nun sahen wir an einem Abend, den das Unglück für das

Ereignis, das ich sogleich erzählen werde, eigens ausgewählt haben mußte,

sahen wir, als wir eben aus dem Hause jener Dame traten, zwei Männer von

scheinbar guter Herkunft an der Türe lehnen. Mein Vetter wollte sehn, wer

sie seien; kaum aber war er auf sie zugetreten, als sie mit großer

Schnelligkeit nach den Degen und nach zwei kleinen Schilden griffen und auf

uns eindrangen. Natürlich zogen auch wir, und so griffen wir uns denn mit

gleichen Waffen an. Der Kampf dauerte nicht lange, denn schnell war es um

das Leben unsrer beiden Gegner getan; sie waren gleich nach den beiden

ersten Streichen verloren. Meinem Vetter verlieh die Eifersucht und mir das

Bestreben, ihn zu verteidigen, Kraft und Schwung -- gewiß ein wunderbarer

und seltener Fall! Wir kehrten mit unserm ungesuchten Sieg nach Hause

zurück, rafften so viel Geld zusammen, wie wir konnten, und begaben uns in

das Kloster des heiligen Januarius, wo wir den Tag erwarteten, der den

Vorfall ans Licht bringen und zeigen mußte, auf wen der Verdacht der

Täterschaft fallen würde. Wir erfuhren jedoch, daß nicht das geringste

Zeichen gegen uns spräche; daher rieten uns die klugen Geistlichen, nach

Hause zurückzukehren, um nicht durch unsre Abwesenheit Verdacht zu erregen.

Schon wollten wir ihrem Rate folgen, als wir Nachricht erhielten, die

Herren Hofrichter hätten die Eltern des Fräuleins und das Fräulein selbst

in ihrem Hause verhaftet, und von den Bedienten, die man ins Verhör

genommen, habe eine Magd ausgesagt, mein Vetter sei bei Nacht und bei Tage

oftmals bei ihrer Gebieterin gewesen. Auf diese Anzeige hin sei man

sogleich davongeeilt, um uns herbeizuschaffen, und da man nicht uns, wohl

aber viele Spuren unsrer Flucht gefunden, habe sich bei dem ganzen

Gerichtshof die Ansicht festgesetzt, daß wir jene beiden Kavaliere (denn

das waren sie, und zwar aus sehr angesehenen Häusern) getötet hätten. Kurz,

auf den Rat des Grafen, meines Verwandten, und der Geistlichen wandte sich

mein Gefährte, nachdem wir uns vierzehn Tage lang im Kloster aufgehalten

hatten, in Mönchstracht, begleitet von einem andern Mönch, nach Aragonien,

um sich dann nach Italien und von dort aus nach Flandern zu begeben, wo er

den Verlauf der Sache abwarten wollte. Ich für mein Teil wollte mein

Schicksal von dem seinen trennen und schlug daher, damit unser Geschick

nicht den gleichen Lauf nähme, zu Fuß und in der Tracht eines Laienbruders

einen andern Weg ein, begleitet von einem andern Geistlichen, der mich in

Talavera verließ. Von dort bin ich allein und abseits von der Straße

weitergezogen, bis ich bei Nacht zu Eurem Lager gelangte, wo mir begegnete,

was Ihr ja wißt. Wenn ich von dem Wege nach Penna di Francia sprach, so

geschah es nur, um Euch auf Eure Frage irgendeine Antwort zu geben, denn in

Wahrheit weiß ich nichts weiter von jenem Orte, als daß er oberhalb

Salamankas liegt.«

»Das ist richtig,« entgegnete Andres, »und Ihr habt es schon fast zwanzig

Stunden weit von hier zur rechten Hand liegen lassen, und daraus könnt Ihr

sehn, wie wunderlich mir Euer Weg erscheinen mußte, wenn Ihr wirklich

dorthin wolltet.«

»Eigentlich wollte ich nach Sevilla,« versetzte der Jüngling, »denn ich

kenne dort einen vertrauten Freund des Grafen, meines Vetters, einen

genuesischen Kavalier, der große Silbersendungen nach Genua zu schicken

pflegt. Ich wollte ihn bitten, mich den Leuten, die den Transport besorgen,

einzureihen, denn so gedachte ich, da in kurzer Zeit wieder zwei Galeeren

eintreffen sollen, um das Silber an Bord zu nehmen, nach Cartagena und von

dort nach Italien zu gelangen. Das, lieber Freund, ist meine Geschichte;

urteilt selbst, ob mich nicht eher das Unglück treibt, als die Liebe. Wenn

die Herren Zigeuner mich aber, falls sie selber nach Sevilla gehn, dorthin

mitnehmen wollen, so will ich sie gut dafür bezahlen, denn ich sehe, daß

ich in ihrer Begleitung sicherer und ohne Besorgnis reisen kann.«

»Sie werden Euch wohl mitnehmen,« antwortete Andres, »und wenn Ihr nicht

mit unsrer Truppe reisen könnt (denn bis jetzt weiß ich noch nicht, ob wir

nach Andalusien gehn), so könnt Ihr Euch einer andern anschließen, mit der

wir in zwei oder drei Tagen zusammentreffen werden. Gebt Ihr der ein wenig

von dem, was Ihr bei Euch habt, so werdet Ihr Euch den Weg zu jeder

Unmöglichkeit bahnen.«

Andres verließ ihn und erstattete den andern Zigeunern Bericht von der

Erzählung und von den Wünschen des jungen Mannes, sowie von seinem

Anerbieten, gut zu zahlen. Alle waren der Ansicht, er sollte in der Bande

bleiben, nur Preziosa wollte es nicht, und die Großmutter sagte, sie könnte

weder nach Sevilla gehn noch in die Umgegend, und zwar wegen eines

Scherzes, den sie sich vor einigen Jahren mit einem in jener Stadt sehr

bekannten Mützenmacher, namens Triguillos, erlaubt hätte. Sie habe ihn

nämlich veranlaßt, splitternackt, mit einem Zypressenkranz auf dem Kopfe,

bis an den Hals in ein Faß mit Wasser zu steigen und so die Mitternacht zu

erwarten, um dann herauszusteigen und einen Schatz zu heben, der, wie sie

ihm vorgelogen hätte, an einem bestimmten Ort seines Hauses liege. »Wie

nun«, fuhr sie fort, »der gute Kappenmacher die Frühmesse läuten hörte,

hatte er, um nicht den rechten Augenblick zu versäumen, solche Eile, aus

dem Faß herauszukommen, daß er damit umfiel und sich durch den harten Sturz

und die losspringenden Splitter den nackten Leib übel zerfetzte. Das Wasser

lief heraus, er plätscherte darin herum und schrie aus vollem Hals, er

ertrinke. Sein Weib und seine Nachbarn rannten unverzüglich mit Lichtern

herbei und fanden ihn, wie er allerlei Schwimmbewegungen machte, prustete,

den Bauch auf dem Boden fortschleppte, mit Armen und Beinen zappelte und

laut rief: >Zu Hilfe, zu Hilfe, ich ertrinke!< Denn die Angst hatte sich

seiner so bemächtigt, daß er allen Ernstes zu ertrinken glaubte. Sie faßten

ihn bei den Armen und entrissen ihn der Gefahr; er kam zu sich und erzählte

den Zigeunerstreich. Nichtsdestoweniger aber und allen zum Trotz, die da

behaupteten, das Ganze sei nur eine Prellerei, grub er an dem bezeichneten

Ort bis über Mannshöhe hinunter, und hätte ihn nicht ein Nachbar gehindert,

an dessen Hausfundament er schon streifte, so hätte er beide Häuser zum

Einsturz gebracht. Die Geschichte machte die Runde in der ganzen Stadt, so

daß selbst die Kinder mit Fingern auf ihn zeigten und von seiner

Leichtgläubigkeit und meinem Schwank erzählten.«

So berichtete die alte Zigeunerin und sagte, deshalb könnte sie nicht nach

Sevilla gehn. Die Zigeuner aber, die vom Herren-Andres bereits wußten, daß

der junge Mensch Geld in Fülle bei sich hatte, nahmen ihn mit Vergnügen in

ihre Gesellschaft auf und waren bereit, ihn zu hüten und zu verbergen, so

lange er nur wollte. Da sie jedoch zugleich beschlossen, statt nach

Sevilla nach links weiterzuziehn und sich in die Mancha und das Königreich

Murcia zu begeben, so riefen sie den Jüngling herbei und eröffneten ihm,

was sie für ihn zu tun vermöchten. Er dankte und gab ihnen hundert

Goldtaler, die sie unter sich verteilen sollten. Durch diese Freigebigkeit

wurden sie geschmeidiger als ein Marderpelz. Nur Preziosa war nicht

sonderlich damit zufrieden, daß Don Sancho, wie er sich nannte, dablieb:

ein Name, den die Zigeuner sofort in Klemens verwandelten. Auch Andres war

verdrießlich und hatte keine rechte Freude an dem neuen Gefährten, denn ihm

schien, er habe seinen ursprünglichen Plan ohne Grund aufgegeben. Aber als

läse er in Andres' Seele, warf der Gast gelegentlich die Bemerkung hin, er

freue sich, bald nach Murcia zu kommen, weil er auf diesem Wege ebenfalls

in die Nähe von Cartagena gelange; liefen dann die Galeeren dort ein, woran

er nicht zweifle, so könne er mit Leichtigkeit nach Italien übersetzen.

Andres aber erwählte ihn, um ihn mehr vor Augen zu haben, sein Tun

beobachten und seine Gedanken erforschen zu können, zu seinem

Zeltkameraden, und Klemens betrachtete diese Freundschaft als eine große

Auszeichnung. Sie hielten immer zusammen, ließen fleißig auftischen und

sparten die Taler nicht, liefen, tanzten, sprangen, warfen den Ger besser

als irgendein Zigeuner, standen bei den Zigeunerinnen keineswegs in Ungunst

und wurden von den Zigeunern im höchsten Grade geachtet.

Man verließ Estremadura, durchzog die Mancha und näherte sich allmählich

dem Königreich Murcia. In allen Dörfern und Flecken, durch die man kam,

hielt man Wettkämpfe im Ballspiel, im Fechten, Laufen, Springen, Gerwerfen

und sonstigen Übungen der Kraft und Behendigkeit ab, und aus jedem Kampf

gingen Andres und Klemens, wie früher Andres allein, als Sieger hervor.

Während dieser ganzen Zeit, mehr als anderthalb Monate hindurch, fand und

suchte Klemens nie Gelegenheit, Preziosa zu sprechen, bis er eines Tages,

als sie und Andres beisammen standen, von diesen herbeigerufen, an ihrem

Gespräche teilnahm.

»Auf den ersten Blick«, sagte Preziosa, »erkannte ich dich, als du in unser

Lager kamst, Klemens, und gleich fielen mir die Verse ein, die du mir in

Madrid gegeben hast. Ich wollte aber nichts sagen, weil ich nicht wußte,

aus welchem Grunde du zu uns gestoßen sein mochtest. Als ich jedoch von

deinem Unglück hörte, ging es mir durch die Seele, und mein erschrockenes

Herz beruhigte sich erst wieder bei dem Gedanken: wie es in der Welt einen

Don Juan gebe, der sich in einen Andres verwandelt habe, so möge wohl auch

ein Sancho einen neuen Namen annehmen können. Ich spreche so offen mit dir,

weil Andres mir gesagt hat, er habe dir anvertraut, wer er sei und in

welcher Absicht er Zigeuner wurde.« (Und wirklich hatte Andres ihn ins

Geheimnis gezogen, um sich freier mit ihm aussprechen zu können.) »Glaube

übrigens nicht, der Umstand, daß ich dich erkannte, sei ohne weiteren

Nutzen für dich geblieben, denn nur aus Rücksicht auf mich und auf das, was

ich von dir sagte, ging deine Aufnahme in unsre Gesellschaft so leicht

vonstatten. Nun möge Gott dir alles Gute daraus erwachsen lassen, das du

nur wünschen kannst. Ich aber verlange dafür, daß du Andres sein Streben

nicht als zu niedrig darstellst, noch ihm vorhältst, wie schlecht es ihm

anstehe, in diesem Verhältnis zu beharren. Denn wenn ich auch überzeugt

bin, daß sein Wille sich ganz unter meinen beugt, so würde es mir doch

schmerzlich sein, wenn er nur im geringsten eine Reue über das, was er tat,

erkennen ließe.«

Klemens erwiderte: »Glaube nicht, einzige Preziosa, daß Don Juan mir

leichtsinnig entdeckt habe, wer er sei; ich selbst habe es zuerst entdeckt,

und seine Augen verrieten mir zuerst seine Seele. Ich war der erste, der

ihm sagte, wer er sei, und ich erriet, daß sein Herz, wie du eben

angedeutet hast, gefesselt war. Da erst schenkte er mir das verdiente

Vertrauen und gestand sein Geheimnis. Nun aber kann er selbst am besten

bezeugen, welches Lob ich seinem Entschluß und seiner Beharrlichkeit in dem

übernommenen Dienste spendete; denn ich bin nicht so engen Sinnes,

Preziosa, daß ich nicht begriffe, wie weit sich die Macht der Schönheit

erstrecken kann. Und die deine, die die höchsten Reize übertrifft, könnte

noch weit größere Verirrungen entschuldigen, wenn anders man das eine

Verirrung nennen kann, was so unwiderstehlichen Gewalten entspringt. Ich

danke dir, schöne Freundin, für alles, was du in meiner Sache getan hast,

und hoffe es dir durch den Wunsch zu vergelten, daß diese Liebe, die mit so

vielen Hindernissen kämpft, ihr Ziel glücklich erreichen und du in den

Besitz deines Andres, Andres mit voller Einwilligung seiner Eltern in den

Besitz seiner Preziosa gelangen möge, damit aus einer so schönen Verbindung

die schönsten Sprößlinge hervorgehn, die die sorgsame Natur zu bilden

vermag. Dies wünsche ich, Preziosa, und nur dies werde ich zu deinem Andres

sagen, nichts aber, was ihn von seinem wohlüberlegten Entschluß abbringen

könnte.«

Klemens sprach diese Worte mit solcher Wärme, daß Andres zweifelte, ob er

nur als Mann von Welt so redete oder als Verliebter; denn der höllische

Krankheitsstoff der Eifersucht ist so fein, daß er sich selbst an

Sonnenstäubchen anhängt und durch alles, was den Gegenstand der Liebe

berührt, dem Liebenden Angst und Verzweiflung einflößt. Indessen vermochte

er doch keine weitere Bestätigung seines Argwohns zu finden, wobei er

freilich mehr auf Preziosens Tugend als auf sein Glück baute; denn Liebende

halten sich nun einmal für unglücklich, solange sie das, was sie wünschen,

noch nicht erreicht haben. Kurz, Andres und Klemens blieben Kameraden und

warme Freunde, da Klemens' ehrenhafte Gesinnung und Preziosens Klugheit und

Zurückhaltung, die jeden Anlaß zur Eifersucht sorgfältig vermied, Andres

vollkommen beruhigten.

Klemens war in der Dichtkunst keineswegs ohne Begabung, wie er schon in den

Preziosa gewidmeten Versen gezeigt hatte. Auch Andres hatte ein wenig

Talent, und beide liebten die Musik. Als nun einst das Lager vier Stunden

von Murcia in einem Tale aufgeschlagen war, nahm eines Nachts Andres unter

einem Korkbaum, Klemens ihm gegenüber unter einer Steineiche Platz, wo sie,

der Einladung der nächtlichen Stille folgend, zu ihren Gitarren

wechselseitig folgende Verse sangen:

Andres

Klemens, sieh das Sterngewimmel,

Das im kühlen Hauch der Nächte,

Greifend in des Tages Rechte,

Lichtumflossen schmückt den Himmel.

Und in diesen holden Zügen --

Wenn so hoch dein Geist kann fliegen --

Mög das Antlitz dir erscheinen,

Wo der Schönheit Höhen sich vereinen.

Klemens

Wo der Schönheit Höhen sich vereinen

Und worin die frohe Jugend

Und der spröde Reiz der Tugend

Sich zur süßsten Milde reinen:

Dies in Menschenlob zu bringen,

Wird dem Geiste nie gelingen,

Wenn er nicht sich himmelan geschwungen

In den höchsten Dichterzungen.

Andres

In den höchsten Dichterzungen

Nie gebrauchter Redeweise,

Wie empor zum Sternenkreise

Nie ein Weg noch ist gedrungen,

Mögst du, Mädchen, dich erheben!

Wär mir Wunderkraft gegeben,

O daß ich der Ruhm dann wäre,

Dich zu tragen so zur Himmelssphäre!

Klemens

Dich zu tragen so zur Himmelssphäre

Hieße nur das Rechte singen,

Hieß dem Himmel Freude bringen,

Wenn dein Name ihm erklungen wäre;

Und wenn in des Staubes Enge

Dann herab der holde Name klänge,

Würde Wohllaut in das Ohr sich gießen,

Ruh das Herz und Lust den Sinn durchfließen.

Andres

Ruh das Herz und Lust den Sinn durchfließen,

Wann des holden Liedes Töne

Also anstimmt die Sirene,

Daß die Klügsten selbst das Ohr erschließen!

Doch von ihres Wesens Grunde

Gibt selbst Schönheit nur geringe Kunde:

Sie ist höchste aller Seelenwonnen,

Von der Anmut holdem Kleid umsponnen.

Klemens

Von der Anmut holdem Kleid umsponnen,

Schönste der Zigeunerinnen,

Purpur bei des Tags Beginnen,

Milder Zephir in der heißen Sonnen;

Strahl, durch den das Herz erblindet

Und das kältste wird entzündet;

Kraft, der solcher Zauber ist gegeben,

Daß sie tötet und durchhaucht mit Leben.

Allem Anschein nach hätten sowohl der Freie wie der Liebessklave so bald

noch nicht in ihrem Gesange innegehalten, wäre nicht hinter ihnen eine

Stimme erklungen: es war Preziosa, die ihr Lied mitangehört hatte. Beide

verstummten, und bewegungslos horchten sie mit gespannter Aufmerksamkeit.

Wunderbar lieblich sang sie wie zur Antwort folgende Verse, von denen ich

nicht weiß, ob sie sie in jener Stunde erfand, oder ob irgend jemand sie

ihr früher gewidmet hatte:

In dem Liebesunterfangen,

Draus die Liebe mir entsprungen,

Hab ich mehr des Ruhms errungen

Mir durch Zucht als schöne Wangen.

Selbst die allerkleinste Pflanze

-- Finde aufwärts sie nur Wege,

Sei's Natur, sei's Menschenpflege! --

Steigt empor zum Himmelsglanze.

Meiner armen Kupferwürde

Leiht die Reinheit Goldesschimmer,

Und mein Herz entbehret nimmer

Großen Reichtums schwere Bürde.

Nimmer stört es meinen Frieden,

Wenn man mich nicht ehrt noch achtet,

Denn ich habe stets getrachtet,

Mir mein eigen Glück zu schmieden.

Sei nur stets von mir geübet,

Was da führt zum Tugendpfade,

Und dann mag des Himmels Gnade

Tun, was ihr zu tun beliebet.

Möchte doch wahrhaftig sehen,

Obs der Schönheit sei gegeben,

Auf die Höhe mich zu heben,

Drauf ich wünsche einst zu stehen.

Wenn von gleichem Stoff die Seelen,

Kann, wer mit dem Pflug sich nährte,

Wohl nach seinem innern Werte

Gleich sich einem Kaiser zählen!

Preziosa unterbrach ihren Gesang, und die beiden erhoben sich, um ihr

entgegenzugehn. Ein anziehendes Gespräch entspann sich zwischen den dreien,

und Preziosa verriet so viel Klugheit, Anmut und Geist, daß Klemens seines

Gefährten Tun völlig begriff, was bisher nicht ganz der Fall war, da er

seinen kühnen Entschluß mehr der Jugend als der Überlegung zuschrieb.

Geschichte des Zigeunermädchens: Eine Novelle · 第 4 / 6 段