ich nicht eben für sonderlich gut. Man muß mit der Poesie verfahren wie mit
einem höchst kostbaren Kleinod, das der Besitzer nicht jeden Tag bei sich
trägt und nicht allen Leuten und bei jedem Schritte vorzeigt, sondern nur
bei schicklicher Gelegenheit. Die Poesie ist ein wunderschönes Mädchen,
keusch, sittsam, verständig, witzig und zurückhaltend, das sich in den
Schranken der höchsten Klugheit bewegt. Es liebt die Einsamkeit, die
Quellen sprechen mit ihm, die Fluren trösten es, die Bäume spielen mit ihm,
die Blumen machen es froh; selbst aber erfreut und belehrt es alle, die mit
ihm verkehren.«
»Trotzdem«, versetzte Preziosa, »habe ich gehört, sei das Mädchen sehr
arm, ja fast eine Bettlerin.«
»Im Gegenteil,« antwortete der Page, »es gibt keinen Dichter, der nicht
reich wäre; denn sie sind alle mit ihrer Lage zufrieden: eine Philosophie,
zu der es nur wenige Menschen bringen. Was aber veranlaßt dich, Preziosa,
mir diese Frage zu stellen?«
»Der Anlaß«, erwiderte Preziosa, »war, daß mich bei meinem Glauben an die
Armut aller oder doch der meisten Dichter der in Eure Verse eingewickelte
Goldtaler in Erstaunen setzte. Jetzt aber, da ich weiß, daß Ihr kein
Dichter, sondern nur ein Liebhaber der Poesie seid, mögt Ihr vielleicht
reich sein, obwohl ich dies bezweifle; denn da Euch ein Teil Eures Wesens
treibt, Verse zu machen, so würde durch ihn auch Euer Vermögen draufgehn;
denn man sagt, es gäbe keinen Dichter, der ein Vermögen, das er hat, zu
erhalten und eins, das er nicht hat, zu erwerben wüßte.«
»Aber ich gehöre nicht zu ihnen,« entgegnete der Page; »ich mache Verse und
bin weder arm noch reich; und ohne viel darauf zu achten oder Rechnung
darüber zu führen, kann ich wie die Genueser bei ihren Gastmählern dem, dem
ich wohl will, einen oder zwei Taler schenken. Nimm, kostbare Perle, dieses
zweite Papier mit dem zweiten Taler darin, ohne dir Gedanken darüber zu
machen, ob ich ein Dichter sei oder nicht. Denke und glaube nur, daß der,
der dir dies gibt, gern den Reichtum des Midas hätte, um ihn dir schenken
zu können.«
Damit übergab er ihr ein Papier, in dem Preziosa den Taler wirklich fand,
daher sagte sie:
»Dies Papier wird sicherlich sehr alt, denn es hat zwei Seelen; die eine
ist der Taler, die andre sind die Verse, die immer voller Seelen und Herzen
stecken. Der Herr Page wisse jedoch, daß ich nicht so viele Seelen bei mir
haben mag, und nimmt Er nicht die eine zurück, so glaube Er auch nicht, daß
ich die andre annehme; denn ich will ihm wohl, weil er ein Dichter ist,
aber nicht etwa, weil er Geschenke austeilt. Unter dieser Beschränkung
jedoch können wir eine dauernde Freundschaft schließen, denn an einem
Taler, so stark das Wohlwollen auch sei, kann es eher einmal fehlen als an
der Stimmung für eine Romanze.«
»Steht es so,« antwortete der Page, »und willst du, Preziosa, durchaus, daß
ich arm sei, so verschmähe mindestens die Seele, die in diesem Papier
enthalten ist, nicht; den Taler aber gib mir zurück, denn da ihn deine Hand
einmal berührt hat, so werde ich ihn zeitlebens als eine Reliquie
aufbewahren.«
Preziosa nahm den Taler aus dem Papier und behielt nur dies zurück, ohne es
jedoch auf offener Straße zu lesen. Der Page entfernte sich höchst
zufrieden, denn er hielt Preziosa schon für gewonnen, da sie so freundlich
mit ihm gesprochen hatte. Ihr aber lag jetzt vor allem daran, Andres'
väterliches Haus zu suchen; sie wollte sich nirgends aufhalten noch tanzen
und gelangte schnell in die ihr wohlbekannte Straße, in der das Gebäude
liegen sollte. Als sie ungefähr bis in die Mitte gekommen war, warf sie
einen Blick auf ein paar vergoldete Balkone, die man ihr als Kennzeichen
genannt hatte. Dort stand ein Kavalier von etwa fünfzig Jahren, mit einem
farbigen Ordenskreuz auf der Brust und von achtunggebietender Erscheinung.
Kaum hatte er das Zigeunermädchen bemerkt, so rief er ihr zu: »Kommt
herauf, Kinder, ihr sollt ein Almosen haben!«
Bei diesem Ruf eilten noch drei andre Herren auf den Balkon, unter denen
auch Andres war, und als er Preziosa gewahr wurde, erblich er und verlor
fast die Besinnung, so überraschend wirkte ihr Anblick auf ihn. Sämtliche
Zigeunerinnen stiegen hinauf, mit Ausnahme der Alten, die unten blieb, um
bei der Dienerschaft Erkundigungen darüber einzuziehn, ob Andres die
Wahrheit gesagt hatte. Als die Mädchen den Saal betraten, sagte der alte
Herr eben zu den übrigen: »Das ist ohne Zweifel die schöne junge
Zigeunerin, die gegenwärtig in Madrid umherziehen soll.«
»Sie ist es,« erwiderte Andres, »und sie ist ohne Zweifel das schönste
Geschöpf, das man je sah.«
»So sagt man,« entgegnete Preziosa, die jene Worte im Hereintreten gehört
hatte; »aber man täuscht sich wahrlich um wenigstens die Hälfte meines
wirklichen Wertes. Hübsch glaube ich freilich zu sein, aber daß ich so
schön wäre, wie die Leute behaupten, das glaube ich nicht.«
»Beim Leben meines Sohnes, meines Juanico,« erwiderte der alte Herr, »du
bist noch schöner als man sagt, niedliche Zigeunerin!«
»Und wer ist Euer Juanico?« fragte Preziosa.
»Der hübsche junge Mann da neben dir,« erwiderte der Kavalier.
»Glaubte ich doch wahrhaftig,« versetzte Preziosa, »Euer Gnaden schwüren
bei einem Kind von zwei Jahren! Seht einmal, welch ein Don Juanico! Welch
eine Pracht! Auf mein Wort, der könnte schon eine Frau nehmen; und nach den
Linien auf seiner Stirne werden auch keine drei Jahre ins Land gehn, ehe er
eine hat, und zwar ganz nach seinem Geschmack, falls er ihn bis dahin nicht
verliert oder gegen einen andern umtauscht.«
»Seht mir doch,« bemerkte einer der Anwesenden, »was das Mädchen von Linien
versteht!«
Unterdessen hatten sich die drei Begleiterinnen Preziosens in einen Winkel
des Zimmers gedrängt, steckten die Köpfe zusammen und flüsterten, um nicht
gehört zu werden, ganz leise miteinander.
»Mädchen,« sagte Christina, »das ist der Herr, der uns heute früh die drei
schweren Realen gegeben hat.«
»Freilich, freilich,« antworteten die andern, »aber wir wollen kein Wort
darüber verlieren, wenn er selbst nichts sagt; wissen wir doch nicht, ob er
sich gern zu erkennen gibt!«
Während dies unter den dreien vorging, erwiderte Preziosa dem, der die
Bemerkung über die Deutung der Linien in der Hand gemacht hatte: »Was ich
nicht mit den Augen sehe, das sagt mir mein kleiner Finger. So weiß ich vom
Herrn Juanico, ohne seine Hand gesehen zu haben, daß er ein wenig verliebt,
ungestüm, vorschnell ist und gern Dinge verspricht, die unmöglich scheinen;
und wolle Gott, daß er nicht etwa gar lügnerisch ist, denn das wäre das
Schlimmste von allem. Er hat jetzt eine Reise an einen weit entfernten Ort
zu machen; aber anders denkt der Rappe und anders der, der ihn sattelt. Der
Mensch denkt, und Gott lenkt. Vielleicht vermeint er nach Oñez zu gehn und
kommt nach Gamboa.«
Da erwiderte Don Juan: »Wahrhaftig, Zigeunermädchen, du hast manches von
meiner Gemütsart erraten; was aber die Neigung zum Lügen betrifft, so bist
du auf ganz falschem Wege, denn ich rühme mich, in jedem Fall die Wahrheit
zu sagen. In betreff der weiten Reise hast du wiederum recht; gefällt es
Gott, so werde ich allerdings in vier oder fünf Tagen nach Flandern
aufbrechen, und zwar trotz deiner Prophezeiung, daß ich den Weg verfehlen
werde; denn ich hoffe nicht, daß mir unterwegs irgendein Unfall zustößt,
der mich daran hindern könnte.«
»Still, kleiner Herr!« erwiderte Preziosa. »Empfiehl dich Gott, so wird
alles gut gehn, und sei versichert, daß ich nichts von dem, was ich zu
wissen behauptet habe, wirklich wußte; und das ist auch weiter kein Wunder,
denn da ich aufs Geratewohl allerlei herausschwatze, so treffe ich mitunter
auch die Wahrheit. Jetzt möchte ich nur, ich könnte dich mit ebensoviel
Erfolg überreden, nicht abzureisen, sondern ruhigen Herzens bei deinen
Eltern zu bleiben und ihnen ein glückliches Alter zu bereiten; denn bei
diesem Hin- und Herreisen nach Flandern kommt nichts Gutes heraus,
besonders für junge Leute von so zartem Alter. Werde erst ein wenig älter,
um die Beschwerden des Kriegs ertragen zu können, um so mehr, als du Krieg
genug im eignen Hause hast und genug der Liebeskämpfe in deinem Herzen
stürmen. Ruhig, ruhig, kleiner Brausekopf, und bedenke, was du tust, ehe du
heiratest, uns aber gib ein Almosen um Gottes und deiner selbst willen;
denn ich glaube wahrhaftig, du bist aus trefflichem Stamme; und kommt die
Wahrhaftigkeit noch hinzu, so will ich, wenn sie sich erprobt hat, ein
Jubellied anstimmen, weil ich in all meinen Angaben das Richtige getroffen
habe.«
»Ich sagte dir schon, mein Kind,« entgegnete der Don Juan, der zum
>Herren-Andres< werden sollte, »daß du in allem die Wahrheit triffst; nur
in deiner Besorgnis, ich sei nicht sonderlich wahrheitsliebend, irrst du
völlig. Das Wort, das ich dir im Felde gebe, halte ich in der Stadt und wo
sonst du willst, ohne mich erst mahnen zu lassen; denn wer dem Laster der
Lüge verfällt, darf sich für keinen Ritter achten. Mein Vater wird dir um
Gottes und meinetwillen ein Almosen reichen; denn wahrlich, ich habe, was
ich bei mir hatte, heute früh einigen Damen gegeben, die mir keine
sonderlichen Zinsen zahlen werden, wenn sie, besonders die eine unter
ihnen, so leichtfertig sind wie schön.«
Als Christina das hörte, flüsterte sie den übrigen Zigeunerinnen ebenso
heimlich wie das erstemal zu: »Kinder, ich will des Todes sein, wenn er da
nicht die drei schweren Realen meint, die er uns heute morgen gegeben hat.«
»Das kann nicht sein,« erwiderte eine von ihnen, »denn er sagt ja, es seien
Damen gewesen, was wir nicht sind, und da er so wahrhaftig zu sein
behauptet, wird er auch hierin nicht lügen.«
»Eine Lüge,« antwortete Christina, »die niemandem zum Schaden, dem aber,
der sie sagt, zu Nutz und Vorteil gereicht, ist nicht von so großer
Bedeutung; übrigens sehe ich bei all dem noch nicht, daß wir einen Pfennig
erhielten oder daß man uns tanzen ließe.«
Inzwischen kam auch die alte Zigeunerin herauf und sprach: »Kind, mach daß
du fertig wirst; es wird spät, und es gibt noch viel zu tun und noch mehr
zu reden.«
»Nun, was gibt es denn, Großmutter?« fragte Preziosa, »einen Jungen oder
ein Mädchen?«
»Einen Jungen, und einen hübschen,« entgegnete die Alte; »komm, Preziosa,
und du sollst deine Wunder hören.«
»Wolle Gott, daß er keines jähen Todes sterbe!« erwiderte Preziosa.
»Alles wird gut gehn,« versetzte die Alte, »besonders da die Geburt bis
jetzt gehörig vor sich gegangen; und das Kind ist ein wahres Goldbübchen.«
»Ist eine Dame in die Wochen gekommen?« fragte der Vater des Herren-Andres.
»Ja, mein Herr,« erwiderte die Zigeunerin, »aber die Geburt fand so im
stillen statt, daß niemand davon weiß als Preziosa und ich und noch jemand;
und somit können wir nichts darüber verlauten lassen.«
»Wir wollen auch nichts wissen,« sagte einer der Anwesenden; »aber Gott
gnade derjenigen, die ihr Geheimnis auf eure Zungen niederlegt und ihre
Ehre eurem Beistand anvertraut.«
»Wir sind nicht alle so schlimm,« erwiderte Preziosa; »vielleicht gibt es
eine unter uns, die sich der Verschwiegenheit und der Wahrheitsliebe
ebensosehr rühmen kann wie der vornehmste Mann in diesem Saal. Kommt,
Großmutter, man schlägt uns hier zu niedrig an, denn wahrhaftig, wir sind
weder Diebe noch Bettler.«
»Werde nicht böse,« sagte der Vater, »denn wenigstens von dir, Preziosa,
läßt sich, denke ich, Schlimmes nicht sagen; dein unschuldiges Gesicht
bürgt für die Unschuld deines Treibens. Aber tu mir die Liebe, Prezioschen,
und tanze ein wenig mit deinen Begleiterinnen. Ich habe da eine Golddublone
mit zwei Gesichtern, von denen jedoch keins dem deinigen gleichkommt,
obwohl die Köpfe Königen angehören.«
Kaum hatte die Alte das vernommen, so rief sie: »Auf, Mädchen, tummelt euch
und macht den Herren ein Vergnügen!«
Preziosa ergriff die Schellentrommel, und sie tanzten ihre Wendungen und
verschlungenen Schritte mit so viel Leichtigkeit und freiem Anstand, daß
die Augen aller Zuschauer ihren Füßchen folgten, besonders die des Andres,
die an Preziosas Füßen hingen, als fänden sie dort den Mittelpunkt ihres
Himmels. Das Schicksal aber trübte ihm diesen Himmel plötzlich so, daß er
sich in eine Hölle verwandelte, denn es traf sich, daß in der Lebhaftigkeit
des Tanzes Preziosen das Papier entfiel, das ihr der Page gegeben hatte.
Kaum aber war es gefallen, so hob jener Herr, der von den Zigeunerinnen
eine so schlimme Meinung hatte, es auf, öffnete es unverweilt und rief:
»Vortrefflich! ein Sonettchen! haltet ein mit dem Tanze und hört mir zu,
denn nach dem ersten Vers zu schließen, ist es gar nicht übel.«
Preziosen war dies verdrießlich, da sie den Inhalt noch nicht kannte. Sie
bat, man möchte es ihr ungelesen zurückgeben; der Eifer aber, mit dem sie
darum bat, schärfte in Andres nur die Begierde, es zu hören. Kurz, der
Kavalier las mit lauter Stimme diese Verse:
Wenn Preziosa greift zum Spiel der Glocken
Und in die Luft die süßen Klänge hallen,
So läßt sie Perlen ihrer Hand entfallen,
Und aus dem Munde streut sie Blütenflocken.
Die Seele staunt, es steht das Herz erschrocken
Vor dieses Geistes holdem Erdenwallen,
Den nach des Himmels staubentrückten Hallen
Die Unschuld und die Reinheit wieder locken.
Gefesselt führt sie an dem kleinsten Haare
Viel tausend Seelen, und von ihren Füßen
Hervor läßt Amor Pfeil um Pfeile fliegen.
Sie hellt und blendet mit dem Sonnenpaare,
Worin der Liebe ewge Throne liegen,
Und läßt auf höhern Glanz noch für sich schließen.
»Bei Gott!« rief der Kavalier, der vorgelesen hatte, »der Dichter, der dies
schrieb, versteht sich auszudrücken!«
»Es ist kein Dichter,« sagte Preziosa, »sondern ein sehr höflicher und
freigebiger Page.«
Bedenke, was du gesagt hast und was du sagen willst, Preziosa, denn es ist
nicht sowohl ein Lob des Pagen wie ein Dolchstoß durch die Brust deines
Zuhörers Andres. Willst du ihn sehn, Kind? Wende nur die Augen, und du
wirst ihn ohnmächtig, mit Angstschweiß bedeckt auf dem Stuhl erblicken.
Denke nicht, Mädchen, Andres liebe dich nur zum Scherz, und ihn verwunde
und ängstige nicht die kleinste deiner Unbesonnenheiten! Um Gottes willen,
tritt zu ihm hin und sage ihm ein paar Worte ins Ohr, die ihm zu Herzen
gehn und ihn wieder zu sich bringen. Willst du das nicht, so bringe nur
jeden Tag ein Sonett zu deinem Lobe zum Vorschein, und bald wirst du sehn,
wohin ihn das führt.
All das begab sich wirklich so, denn als Andres dem Sonette lauschte,
durchzuckten ihn tausend Bilder der Eifersucht. Er sank zwar nicht in
Ohnmacht, aber er wurde so blaß, daß sein Vater es bemerkte und fragte:
»Was ist dir, Don Juan? Du wechselst die Farbe, als wolltest du ohnmächtig
werden.«
»Keine Sorge!« rief Preziosa, »laßt mich ihm nur ein Wörtchen ins Ohr
sagen, und Ihr werdet sehn, daß es zu keiner Ohnmacht kommt.«
Damit trat sie auf ihn zu und flüsterte, beinahe ohne die Lippen zu
bewegen: »Ein schöner Mut für einen Zigeuner! Wie willst du die Folter
aushalten, Andres, wenn du nicht einmal ein Stück Papier erträgst?«
Zugleich machte sie ihm ein halb Dutzend Kreuze aufs Herz und trat zurück.
Andres begann wieder zu atmen, was darauf schließen ließ, daß Preziosas
Worte wohltätig auf ihn eingewirkt hatten. Kurz, sie erhielt die
doppelköpfige Dublone und sagte ihren Gefährtinnen, sie werde sie wechseln
lassen und ehrlich mit ihnen teilen.
Andres' Vater bat sie, ihm den Spruch, mit dem sie Don Juan zugesprochen
hatte, aufzuschreiben, da er ihn für alle Fälle zur Hand haben möchte. Sie
erwiderte, sie wolle ihm die Worte gern angeben, er dürfe versichert sein,
obwohl sie scheinbar nur Unsinn seien, besäßen sie doch die besondere
Kraft, Ohnmachten und Schwindel zu vertreiben. Sie lauteten also:
Köpflein, du hast selbst die Schuld;
Woll dich nicht so sehr erhitzen,
Und erwähle, dich zu stützen,
Die gesegnete Geduld.
Rascher Mut
Kühle dein Blut.
Wolle nicht wanken
Zu schlimmen Gedanken,
Und bald wirst du Wunder sehn,
Wie sie nicht zu oft geschehn.
Somit Gott gepriesen
Und Sankt Christoph, den Riesen!
»Nur die Hälfte dieses Spruches«, sagte Preziosa, »braucht man dem
Ohnmächtigen zuzuflüstern, indem man sechsmal das Zeichen des Kreuzes
macht, so ist er alsbald wieder frisch wie ein Apfel.«
Als die alte Zigeunerin diesen angeblichen Segen hörte, war sie ganz
erstaunt, und noch mehr war es Andres, der wohl sah, daß alles nur eine
Erfindung ihres schnell besonnenen Geistes war. Das Sonett behielt man
zurück, weil Preziosa es nicht fordern mochte, um Andres nicht neue Qualen
zu bereiten; denn ohne daß man es sie gelehrt hatte, wußte sie bereits, was
es heißt, wenn man einem Liebenden, der sich ganz hingibt, die Angst und
Pein und die Schrecken der Eifersucht einflößt. Als die Zigeunerinnen
Abschied nahmen, sagte sie zu Don Juan: »Bedenkt, mein Herr, daß jeder Tag
dieser Woche für Eure Abreise günstig und keiner unheilvoll ist;
beschleunigt Euren Aufbruch, so sehr Ihr könnt, denn es wartet Euerer ein
reiches, freies und gar angenehmes Leben, falls Ihr Euch ihm bequemen
wollt.«
»Mir scheint im Gegenteil,« erwiderte Don Juan, »als böte das Soldatenleben
mehr des Zwanges als der Freiheit; aber ich will sehn, wie ich mich
dahinein schicke.«
»Ihr werdet mehr sehn, als Ihr denkt,« entgegnete Preziosa; »Gott schütze
und erhalte Euch, wie Euer gutmütiges Gesicht es verdient.«
Diese letzten Worte heiterten Andres auf, die Zigeunerinnen aber waren
voller Freude; sie ließen die Dublone wechseln und verteilten sie
gleichmäßig unter sich, nur daß die Alte, wie von allen Sammlungen,
anderthalb Teile bekam, und zwar erstens ihrer hohen Jahre wegen, und
zweitens weil sie die Magnetnadel war, nach der die andern sich auf dem
hohen Meer ihrer Tanzkünste, Scherze und Schelmenstücke richteten.
Endlich kam der Morgen, an dem sich der Herren-Andres in aller Frühe auf
einem gemieteten Maultier, ohne irgendeinen Bedienten, an dem Orte
einstellte, wo wir ihn zuerst gefunden haben. Dort traf er Preziosa und
deren Großmutter, die ihn voll Freuden empfingen. Er bat, sie möchten ihn
vor Anbruch des Tages nach dem Lager führen, damit man nicht auf seine Spur
geriete, falls man ihn etwa suchen sollte. Sie, die vorsichtig genug
gewesen waren, allein zu kommen, traten sofort den Rückweg an und gelangten
in kurzer Zeit mit ihm zu ihren Hütten. Andres ging in eins der Zelte, das
größte des Lagers, und alsbald eilten zehn bis zwölf Zigeuner zu seinem
Empfang herbei, insgesamt junge, starke, wohlgestaltete Leute, denen die
Alte den neuen Gefährten, der kommen sollte, schon gemeldet hatte.
Verschwiegenheit brauchte sie ihnen dabei nicht erst besonders zu
empfehlen, da sie Geheimnisse stets gewissenhaft und klug bewahren. Sie
warfen zugleich ein Auge auf das Maultier, und einer sagte: »Das kann man
am Donnerstag in Toledo verkaufen.«
»Nein,« erwiderte Andres, »denn es gibt keinen Maultiertreiber in Spanien,
der nicht jedes gemietete Maultier auf den ersten Blick kennte.«
»Bei Gott, Herr Andres,« versetzte einer von den Zigeunern, »hätte das Tier
auch mehr Zeichen an sich als dem jüngsten Tage vorausgehen werden, wir
würden es hier schon so verwandeln, daß es weder die Mutter, die es
geboren, noch der Herr, der es aufgezogen hat, mehr erkennen sollten!«
»Trotzdem«, entgegnete Andres, »muß diesmal meine Meinung entscheiden: das
Tier muß sterben und wird so verscharrt, daß auch kein Knochen von ihm je
wieder zum Vorschein kommt.«
»Das wäre eine große Sünde,« bemerkte ein anderer Zigeuner. »Einem
Unschuldigen soll man das Leben nehmen? Sprecht nicht so, guter Andres,
sondern merkt auf: Betrachtet das Tier genau, prägt Euch all seine
Kennzeichen recht ins Gedächtnis ein und laßt es mich dann fortnehmen:
erkennt Ihr es in zwei Stunden noch wieder, so mag man mich peitschen wie
einen entlaufenen Neger.«
»Ich kann durchaus nicht zugeben,« sagte Andres, »daß das Tier am Leben
bleibe, und wenn Ihr mir noch so viel von seiner Verwandlung erzählt.
Solange die Erde es nicht bedeckt, bin ich in Gefahr, entdeckt zu werden;
handelt es sich aber um den Nutzen, der aus seinem Verkauf zu gewinnen
wäre, so trete ich keineswegs so arm unter meine neuen Kameraden, um nicht
als Eintrittsgeld den Wert von vier Maultieren erlegen zu können.«
»Nun, wenn der Herr Andres es durchaus will,« erwiderte ein andrer
Zigeuner, »so möge das Unschuldige sterben, und Gott weiß, daß es mir leid
tut sowohl um seine Jugend, denn es hat noch seine Füllenzähne, was man bei
einem Mietsmaultier fast niemals trifft, wie auch, weil es einen guten
Schritt haben muß, denn es hat keine Striemen in den Weichen und keine
Sporenmäler.«