»Nicht schlimm,« erwiderte der Page; »aber nur Dichter zu sein, das halte

ich nicht eben für sonderlich gut. Man muß mit der Poesie verfahren wie mit

einem höchst kostbaren Kleinod, das der Besitzer nicht jeden Tag bei sich

trägt und nicht allen Leuten und bei jedem Schritte vorzeigt, sondern nur

bei schicklicher Gelegenheit. Die Poesie ist ein wunderschönes Mädchen,

keusch, sittsam, verständig, witzig und zurückhaltend, das sich in den

Schranken der höchsten Klugheit bewegt. Es liebt die Einsamkeit, die

Quellen sprechen mit ihm, die Fluren trösten es, die Bäume spielen mit ihm,

die Blumen machen es froh; selbst aber erfreut und belehrt es alle, die mit

ihm verkehren.«

»Trotzdem«, versetzte Preziosa, »habe ich gehört, sei das Mädchen sehr

arm, ja fast eine Bettlerin.«

»Im Gegenteil,« antwortete der Page, »es gibt keinen Dichter, der nicht

reich wäre; denn sie sind alle mit ihrer Lage zufrieden: eine Philosophie,

zu der es nur wenige Menschen bringen. Was aber veranlaßt dich, Preziosa,

mir diese Frage zu stellen?«

»Der Anlaß«, erwiderte Preziosa, »war, daß mich bei meinem Glauben an die

Armut aller oder doch der meisten Dichter der in Eure Verse eingewickelte

Goldtaler in Erstaunen setzte. Jetzt aber, da ich weiß, daß Ihr kein

Dichter, sondern nur ein Liebhaber der Poesie seid, mögt Ihr vielleicht

reich sein, obwohl ich dies bezweifle; denn da Euch ein Teil Eures Wesens

treibt, Verse zu machen, so würde durch ihn auch Euer Vermögen draufgehn;

denn man sagt, es gäbe keinen Dichter, der ein Vermögen, das er hat, zu

erhalten und eins, das er nicht hat, zu erwerben wüßte.«

»Aber ich gehöre nicht zu ihnen,« entgegnete der Page; »ich mache Verse und

bin weder arm noch reich; und ohne viel darauf zu achten oder Rechnung

darüber zu führen, kann ich wie die Genueser bei ihren Gastmählern dem, dem

ich wohl will, einen oder zwei Taler schenken. Nimm, kostbare Perle, dieses

zweite Papier mit dem zweiten Taler darin, ohne dir Gedanken darüber zu

machen, ob ich ein Dichter sei oder nicht. Denke und glaube nur, daß der,

der dir dies gibt, gern den Reichtum des Midas hätte, um ihn dir schenken

zu können.«

Damit übergab er ihr ein Papier, in dem Preziosa den Taler wirklich fand,

daher sagte sie:

»Dies Papier wird sicherlich sehr alt, denn es hat zwei Seelen; die eine

ist der Taler, die andre sind die Verse, die immer voller Seelen und Herzen

stecken. Der Herr Page wisse jedoch, daß ich nicht so viele Seelen bei mir

haben mag, und nimmt Er nicht die eine zurück, so glaube Er auch nicht, daß

ich die andre annehme; denn ich will ihm wohl, weil er ein Dichter ist,

aber nicht etwa, weil er Geschenke austeilt. Unter dieser Beschränkung

jedoch können wir eine dauernde Freundschaft schließen, denn an einem

Taler, so stark das Wohlwollen auch sei, kann es eher einmal fehlen als an

der Stimmung für eine Romanze.«

»Steht es so,« antwortete der Page, »und willst du, Preziosa, durchaus, daß

ich arm sei, so verschmähe mindestens die Seele, die in diesem Papier

enthalten ist, nicht; den Taler aber gib mir zurück, denn da ihn deine Hand

einmal berührt hat, so werde ich ihn zeitlebens als eine Reliquie

aufbewahren.«

Preziosa nahm den Taler aus dem Papier und behielt nur dies zurück, ohne es

jedoch auf offener Straße zu lesen. Der Page entfernte sich höchst

zufrieden, denn er hielt Preziosa schon für gewonnen, da sie so freundlich

mit ihm gesprochen hatte. Ihr aber lag jetzt vor allem daran, Andres'

väterliches Haus zu suchen; sie wollte sich nirgends aufhalten noch tanzen

und gelangte schnell in die ihr wohlbekannte Straße, in der das Gebäude

liegen sollte. Als sie ungefähr bis in die Mitte gekommen war, warf sie

einen Blick auf ein paar vergoldete Balkone, die man ihr als Kennzeichen

genannt hatte. Dort stand ein Kavalier von etwa fünfzig Jahren, mit einem

farbigen Ordenskreuz auf der Brust und von achtunggebietender Erscheinung.

Kaum hatte er das Zigeunermädchen bemerkt, so rief er ihr zu: »Kommt

herauf, Kinder, ihr sollt ein Almosen haben!«

Bei diesem Ruf eilten noch drei andre Herren auf den Balkon, unter denen

auch Andres war, und als er Preziosa gewahr wurde, erblich er und verlor

fast die Besinnung, so überraschend wirkte ihr Anblick auf ihn. Sämtliche

Zigeunerinnen stiegen hinauf, mit Ausnahme der Alten, die unten blieb, um

bei der Dienerschaft Erkundigungen darüber einzuziehn, ob Andres die

Wahrheit gesagt hatte. Als die Mädchen den Saal betraten, sagte der alte

Herr eben zu den übrigen: »Das ist ohne Zweifel die schöne junge

Zigeunerin, die gegenwärtig in Madrid umherziehen soll.«

»Sie ist es,« erwiderte Andres, »und sie ist ohne Zweifel das schönste

Geschöpf, das man je sah.«

»So sagt man,« entgegnete Preziosa, die jene Worte im Hereintreten gehört

hatte; »aber man täuscht sich wahrlich um wenigstens die Hälfte meines

wirklichen Wertes. Hübsch glaube ich freilich zu sein, aber daß ich so

schön wäre, wie die Leute behaupten, das glaube ich nicht.«

»Beim Leben meines Sohnes, meines Juanico,« erwiderte der alte Herr, »du

bist noch schöner als man sagt, niedliche Zigeunerin!«

»Und wer ist Euer Juanico?« fragte Preziosa.

»Der hübsche junge Mann da neben dir,« erwiderte der Kavalier.

»Glaubte ich doch wahrhaftig,« versetzte Preziosa, »Euer Gnaden schwüren

bei einem Kind von zwei Jahren! Seht einmal, welch ein Don Juanico! Welch

eine Pracht! Auf mein Wort, der könnte schon eine Frau nehmen; und nach den

Linien auf seiner Stirne werden auch keine drei Jahre ins Land gehn, ehe er

eine hat, und zwar ganz nach seinem Geschmack, falls er ihn bis dahin nicht

verliert oder gegen einen andern umtauscht.«

»Seht mir doch,« bemerkte einer der Anwesenden, »was das Mädchen von Linien

versteht!«

Unterdessen hatten sich die drei Begleiterinnen Preziosens in einen Winkel

des Zimmers gedrängt, steckten die Köpfe zusammen und flüsterten, um nicht

gehört zu werden, ganz leise miteinander.

»Mädchen,« sagte Christina, »das ist der Herr, der uns heute früh die drei

schweren Realen gegeben hat.«

»Freilich, freilich,« antworteten die andern, »aber wir wollen kein Wort

darüber verlieren, wenn er selbst nichts sagt; wissen wir doch nicht, ob er

sich gern zu erkennen gibt!«

Während dies unter den dreien vorging, erwiderte Preziosa dem, der die

Bemerkung über die Deutung der Linien in der Hand gemacht hatte: »Was ich

nicht mit den Augen sehe, das sagt mir mein kleiner Finger. So weiß ich vom

Herrn Juanico, ohne seine Hand gesehen zu haben, daß er ein wenig verliebt,

ungestüm, vorschnell ist und gern Dinge verspricht, die unmöglich scheinen;

und wolle Gott, daß er nicht etwa gar lügnerisch ist, denn das wäre das

Schlimmste von allem. Er hat jetzt eine Reise an einen weit entfernten Ort

zu machen; aber anders denkt der Rappe und anders der, der ihn sattelt. Der

Mensch denkt, und Gott lenkt. Vielleicht vermeint er nach Oñez zu gehn und

kommt nach Gamboa.«

Da erwiderte Don Juan: »Wahrhaftig, Zigeunermädchen, du hast manches von

meiner Gemütsart erraten; was aber die Neigung zum Lügen betrifft, so bist

du auf ganz falschem Wege, denn ich rühme mich, in jedem Fall die Wahrheit

zu sagen. In betreff der weiten Reise hast du wiederum recht; gefällt es

Gott, so werde ich allerdings in vier oder fünf Tagen nach Flandern

aufbrechen, und zwar trotz deiner Prophezeiung, daß ich den Weg verfehlen

werde; denn ich hoffe nicht, daß mir unterwegs irgendein Unfall zustößt,

der mich daran hindern könnte.«

»Still, kleiner Herr!« erwiderte Preziosa. »Empfiehl dich Gott, so wird

alles gut gehn, und sei versichert, daß ich nichts von dem, was ich zu

wissen behauptet habe, wirklich wußte; und das ist auch weiter kein Wunder,

denn da ich aufs Geratewohl allerlei herausschwatze, so treffe ich mitunter

auch die Wahrheit. Jetzt möchte ich nur, ich könnte dich mit ebensoviel

Erfolg überreden, nicht abzureisen, sondern ruhigen Herzens bei deinen

Eltern zu bleiben und ihnen ein glückliches Alter zu bereiten; denn bei

diesem Hin- und Herreisen nach Flandern kommt nichts Gutes heraus,

besonders für junge Leute von so zartem Alter. Werde erst ein wenig älter,

um die Beschwerden des Kriegs ertragen zu können, um so mehr, als du Krieg

genug im eignen Hause hast und genug der Liebeskämpfe in deinem Herzen

stürmen. Ruhig, ruhig, kleiner Brausekopf, und bedenke, was du tust, ehe du

heiratest, uns aber gib ein Almosen um Gottes und deiner selbst willen;

denn ich glaube wahrhaftig, du bist aus trefflichem Stamme; und kommt die

Wahrhaftigkeit noch hinzu, so will ich, wenn sie sich erprobt hat, ein

Jubellied anstimmen, weil ich in all meinen Angaben das Richtige getroffen

habe.«

»Ich sagte dir schon, mein Kind,« entgegnete der Don Juan, der zum

>Herren-Andres< werden sollte, »daß du in allem die Wahrheit triffst; nur

in deiner Besorgnis, ich sei nicht sonderlich wahrheitsliebend, irrst du

völlig. Das Wort, das ich dir im Felde gebe, halte ich in der Stadt und wo

sonst du willst, ohne mich erst mahnen zu lassen; denn wer dem Laster der

Lüge verfällt, darf sich für keinen Ritter achten. Mein Vater wird dir um

Gottes und meinetwillen ein Almosen reichen; denn wahrlich, ich habe, was

ich bei mir hatte, heute früh einigen Damen gegeben, die mir keine

sonderlichen Zinsen zahlen werden, wenn sie, besonders die eine unter

ihnen, so leichtfertig sind wie schön.«

Als Christina das hörte, flüsterte sie den übrigen Zigeunerinnen ebenso

heimlich wie das erstemal zu: »Kinder, ich will des Todes sein, wenn er da

nicht die drei schweren Realen meint, die er uns heute morgen gegeben hat.«

»Das kann nicht sein,« erwiderte eine von ihnen, »denn er sagt ja, es seien

Damen gewesen, was wir nicht sind, und da er so wahrhaftig zu sein

behauptet, wird er auch hierin nicht lügen.«

»Eine Lüge,« antwortete Christina, »die niemandem zum Schaden, dem aber,

der sie sagt, zu Nutz und Vorteil gereicht, ist nicht von so großer

Bedeutung; übrigens sehe ich bei all dem noch nicht, daß wir einen Pfennig

erhielten oder daß man uns tanzen ließe.«

Inzwischen kam auch die alte Zigeunerin herauf und sprach: »Kind, mach daß

du fertig wirst; es wird spät, und es gibt noch viel zu tun und noch mehr

zu reden.«

»Nun, was gibt es denn, Großmutter?« fragte Preziosa, »einen Jungen oder

ein Mädchen?«

»Einen Jungen, und einen hübschen,« entgegnete die Alte; »komm, Preziosa,

und du sollst deine Wunder hören.«

»Wolle Gott, daß er keines jähen Todes sterbe!« erwiderte Preziosa.

»Alles wird gut gehn,« versetzte die Alte, »besonders da die Geburt bis

jetzt gehörig vor sich gegangen; und das Kind ist ein wahres Goldbübchen.«

»Ist eine Dame in die Wochen gekommen?« fragte der Vater des Herren-Andres.

»Ja, mein Herr,« erwiderte die Zigeunerin, »aber die Geburt fand so im

stillen statt, daß niemand davon weiß als Preziosa und ich und noch jemand;

und somit können wir nichts darüber verlauten lassen.«

»Wir wollen auch nichts wissen,« sagte einer der Anwesenden; »aber Gott

gnade derjenigen, die ihr Geheimnis auf eure Zungen niederlegt und ihre

Ehre eurem Beistand anvertraut.«

»Wir sind nicht alle so schlimm,« erwiderte Preziosa; »vielleicht gibt es

eine unter uns, die sich der Verschwiegenheit und der Wahrheitsliebe

ebensosehr rühmen kann wie der vornehmste Mann in diesem Saal. Kommt,

Großmutter, man schlägt uns hier zu niedrig an, denn wahrhaftig, wir sind

weder Diebe noch Bettler.«

»Werde nicht böse,« sagte der Vater, »denn wenigstens von dir, Preziosa,

läßt sich, denke ich, Schlimmes nicht sagen; dein unschuldiges Gesicht

bürgt für die Unschuld deines Treibens. Aber tu mir die Liebe, Prezioschen,

und tanze ein wenig mit deinen Begleiterinnen. Ich habe da eine Golddublone

mit zwei Gesichtern, von denen jedoch keins dem deinigen gleichkommt,

obwohl die Köpfe Königen angehören.«

Kaum hatte die Alte das vernommen, so rief sie: »Auf, Mädchen, tummelt euch

und macht den Herren ein Vergnügen!«

Preziosa ergriff die Schellentrommel, und sie tanzten ihre Wendungen und

verschlungenen Schritte mit so viel Leichtigkeit und freiem Anstand, daß

die Augen aller Zuschauer ihren Füßchen folgten, besonders die des Andres,

die an Preziosas Füßen hingen, als fänden sie dort den Mittelpunkt ihres

Himmels. Das Schicksal aber trübte ihm diesen Himmel plötzlich so, daß er

sich in eine Hölle verwandelte, denn es traf sich, daß in der Lebhaftigkeit

des Tanzes Preziosen das Papier entfiel, das ihr der Page gegeben hatte.

Kaum aber war es gefallen, so hob jener Herr, der von den Zigeunerinnen

eine so schlimme Meinung hatte, es auf, öffnete es unverweilt und rief:

»Vortrefflich! ein Sonettchen! haltet ein mit dem Tanze und hört mir zu,

denn nach dem ersten Vers zu schließen, ist es gar nicht übel.«

Preziosen war dies verdrießlich, da sie den Inhalt noch nicht kannte. Sie

bat, man möchte es ihr ungelesen zurückgeben; der Eifer aber, mit dem sie

darum bat, schärfte in Andres nur die Begierde, es zu hören. Kurz, der

Kavalier las mit lauter Stimme diese Verse:

Wenn Preziosa greift zum Spiel der Glocken

Und in die Luft die süßen Klänge hallen,

So läßt sie Perlen ihrer Hand entfallen,

Und aus dem Munde streut sie Blütenflocken.

Die Seele staunt, es steht das Herz erschrocken

Vor dieses Geistes holdem Erdenwallen,

Den nach des Himmels staubentrückten Hallen

Die Unschuld und die Reinheit wieder locken.

Gefesselt führt sie an dem kleinsten Haare

Viel tausend Seelen, und von ihren Füßen

Hervor läßt Amor Pfeil um Pfeile fliegen.

Sie hellt und blendet mit dem Sonnenpaare,

Worin der Liebe ewge Throne liegen,

Und läßt auf höhern Glanz noch für sich schließen.

»Bei Gott!« rief der Kavalier, der vorgelesen hatte, »der Dichter, der dies

schrieb, versteht sich auszudrücken!«

»Es ist kein Dichter,« sagte Preziosa, »sondern ein sehr höflicher und

freigebiger Page.«

Bedenke, was du gesagt hast und was du sagen willst, Preziosa, denn es ist

nicht sowohl ein Lob des Pagen wie ein Dolchstoß durch die Brust deines

Zuhörers Andres. Willst du ihn sehn, Kind? Wende nur die Augen, und du

wirst ihn ohnmächtig, mit Angstschweiß bedeckt auf dem Stuhl erblicken.

Denke nicht, Mädchen, Andres liebe dich nur zum Scherz, und ihn verwunde

und ängstige nicht die kleinste deiner Unbesonnenheiten! Um Gottes willen,

tritt zu ihm hin und sage ihm ein paar Worte ins Ohr, die ihm zu Herzen

gehn und ihn wieder zu sich bringen. Willst du das nicht, so bringe nur

jeden Tag ein Sonett zu deinem Lobe zum Vorschein, und bald wirst du sehn,

wohin ihn das führt.

All das begab sich wirklich so, denn als Andres dem Sonette lauschte,

durchzuckten ihn tausend Bilder der Eifersucht. Er sank zwar nicht in

Ohnmacht, aber er wurde so blaß, daß sein Vater es bemerkte und fragte:

»Was ist dir, Don Juan? Du wechselst die Farbe, als wolltest du ohnmächtig

werden.«

»Keine Sorge!« rief Preziosa, »laßt mich ihm nur ein Wörtchen ins Ohr

sagen, und Ihr werdet sehn, daß es zu keiner Ohnmacht kommt.«

Damit trat sie auf ihn zu und flüsterte, beinahe ohne die Lippen zu

bewegen: »Ein schöner Mut für einen Zigeuner! Wie willst du die Folter

aushalten, Andres, wenn du nicht einmal ein Stück Papier erträgst?«

Zugleich machte sie ihm ein halb Dutzend Kreuze aufs Herz und trat zurück.

Andres begann wieder zu atmen, was darauf schließen ließ, daß Preziosas

Worte wohltätig auf ihn eingewirkt hatten. Kurz, sie erhielt die

doppelköpfige Dublone und sagte ihren Gefährtinnen, sie werde sie wechseln

lassen und ehrlich mit ihnen teilen.

Andres' Vater bat sie, ihm den Spruch, mit dem sie Don Juan zugesprochen

hatte, aufzuschreiben, da er ihn für alle Fälle zur Hand haben möchte. Sie

erwiderte, sie wolle ihm die Worte gern angeben, er dürfe versichert sein,

obwohl sie scheinbar nur Unsinn seien, besäßen sie doch die besondere

Kraft, Ohnmachten und Schwindel zu vertreiben. Sie lauteten also:

Köpflein, du hast selbst die Schuld;

Woll dich nicht so sehr erhitzen,

Und erwähle, dich zu stützen,

Die gesegnete Geduld.

Rascher Mut

Kühle dein Blut.

Wolle nicht wanken

Zu schlimmen Gedanken,

Und bald wirst du Wunder sehn,

Wie sie nicht zu oft geschehn.

Somit Gott gepriesen

Und Sankt Christoph, den Riesen!

»Nur die Hälfte dieses Spruches«, sagte Preziosa, »braucht man dem

Ohnmächtigen zuzuflüstern, indem man sechsmal das Zeichen des Kreuzes

macht, so ist er alsbald wieder frisch wie ein Apfel.«

Als die alte Zigeunerin diesen angeblichen Segen hörte, war sie ganz

erstaunt, und noch mehr war es Andres, der wohl sah, daß alles nur eine

Erfindung ihres schnell besonnenen Geistes war. Das Sonett behielt man

zurück, weil Preziosa es nicht fordern mochte, um Andres nicht neue Qualen

zu bereiten; denn ohne daß man es sie gelehrt hatte, wußte sie bereits, was

es heißt, wenn man einem Liebenden, der sich ganz hingibt, die Angst und

Pein und die Schrecken der Eifersucht einflößt. Als die Zigeunerinnen

Abschied nahmen, sagte sie zu Don Juan: »Bedenkt, mein Herr, daß jeder Tag

dieser Woche für Eure Abreise günstig und keiner unheilvoll ist;

beschleunigt Euren Aufbruch, so sehr Ihr könnt, denn es wartet Euerer ein

reiches, freies und gar angenehmes Leben, falls Ihr Euch ihm bequemen

wollt.«

»Mir scheint im Gegenteil,« erwiderte Don Juan, »als böte das Soldatenleben

mehr des Zwanges als der Freiheit; aber ich will sehn, wie ich mich

dahinein schicke.«

»Ihr werdet mehr sehn, als Ihr denkt,« entgegnete Preziosa; »Gott schütze

und erhalte Euch, wie Euer gutmütiges Gesicht es verdient.«

Diese letzten Worte heiterten Andres auf, die Zigeunerinnen aber waren

voller Freude; sie ließen die Dublone wechseln und verteilten sie

gleichmäßig unter sich, nur daß die Alte, wie von allen Sammlungen,

anderthalb Teile bekam, und zwar erstens ihrer hohen Jahre wegen, und

zweitens weil sie die Magnetnadel war, nach der die andern sich auf dem

hohen Meer ihrer Tanzkünste, Scherze und Schelmenstücke richteten.

Endlich kam der Morgen, an dem sich der Herren-Andres in aller Frühe auf

einem gemieteten Maultier, ohne irgendeinen Bedienten, an dem Orte

einstellte, wo wir ihn zuerst gefunden haben. Dort traf er Preziosa und

deren Großmutter, die ihn voll Freuden empfingen. Er bat, sie möchten ihn

vor Anbruch des Tages nach dem Lager führen, damit man nicht auf seine Spur

geriete, falls man ihn etwa suchen sollte. Sie, die vorsichtig genug

gewesen waren, allein zu kommen, traten sofort den Rückweg an und gelangten

in kurzer Zeit mit ihm zu ihren Hütten. Andres ging in eins der Zelte, das

größte des Lagers, und alsbald eilten zehn bis zwölf Zigeuner zu seinem

Empfang herbei, insgesamt junge, starke, wohlgestaltete Leute, denen die

Alte den neuen Gefährten, der kommen sollte, schon gemeldet hatte.

Verschwiegenheit brauchte sie ihnen dabei nicht erst besonders zu

empfehlen, da sie Geheimnisse stets gewissenhaft und klug bewahren. Sie

warfen zugleich ein Auge auf das Maultier, und einer sagte: »Das kann man

am Donnerstag in Toledo verkaufen.«

»Nein,« erwiderte Andres, »denn es gibt keinen Maultiertreiber in Spanien,

der nicht jedes gemietete Maultier auf den ersten Blick kennte.«

»Bei Gott, Herr Andres,« versetzte einer von den Zigeunern, »hätte das Tier

auch mehr Zeichen an sich als dem jüngsten Tage vorausgehen werden, wir

würden es hier schon so verwandeln, daß es weder die Mutter, die es

geboren, noch der Herr, der es aufgezogen hat, mehr erkennen sollten!«

»Trotzdem«, entgegnete Andres, »muß diesmal meine Meinung entscheiden: das

Tier muß sterben und wird so verscharrt, daß auch kein Knochen von ihm je

wieder zum Vorschein kommt.«

»Das wäre eine große Sünde,« bemerkte ein anderer Zigeuner. »Einem

Unschuldigen soll man das Leben nehmen? Sprecht nicht so, guter Andres,

sondern merkt auf: Betrachtet das Tier genau, prägt Euch all seine

Kennzeichen recht ins Gedächtnis ein und laßt es mich dann fortnehmen:

erkennt Ihr es in zwei Stunden noch wieder, so mag man mich peitschen wie

einen entlaufenen Neger.«

»Ich kann durchaus nicht zugeben,« sagte Andres, »daß das Tier am Leben

bleibe, und wenn Ihr mir noch so viel von seiner Verwandlung erzählt.

Solange die Erde es nicht bedeckt, bin ich in Gefahr, entdeckt zu werden;

handelt es sich aber um den Nutzen, der aus seinem Verkauf zu gewinnen

wäre, so trete ich keineswegs so arm unter meine neuen Kameraden, um nicht

als Eintrittsgeld den Wert von vier Maultieren erlegen zu können.«

»Nun, wenn der Herr Andres es durchaus will,« erwiderte ein andrer

Zigeuner, »so möge das Unschuldige sterben, und Gott weiß, daß es mir leid

tut sowohl um seine Jugend, denn es hat noch seine Füllenzähne, was man bei

einem Mietsmaultier fast niemals trifft, wie auch, weil es einen guten

Schritt haben muß, denn es hat keine Striemen in den Weichen und keine

Sporenmäler.«

Geschichte des Zigeunermädchens: Eine Novelle · 第 2 / 6 段