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GESCHICHTE DES ZIGEUNERMÄDCHENS
Eine Novelle
von
MIGUEL DE CERVANTES
[Illustration: Verlags-Signet]
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Es scheint, daß die Zigeuner und Zigeunerinnen nur auf die Welt kommen, um
Spitzbuben zu werden. Sie stammen von Eltern, die Spitzbuben sind, werden
mit Spitzbuben erzogen, studieren das Spitzbubenhandwerk und werden endlich
Spitzbuben, die auf alle Fälle gemacht und bedacht sind; die Lust am
Stehlen und das Stehlen selbst sind gleichsam unabtrennbare Teile ihres
Wesens, das sie erst mit dem Tode verlieren.
Eine nun von diesem Volk, eine alte Zigeunerin, die in der Kunst des
Cacus[1] bereits ihr Jubiläum gefeiert haben mochte, erzog als ihre Enkelin
ein junges Mädchen, dem sie den Namen Preziosa gab und das sie in all ihren
Zigeunerstreichen, Gaunereien und Diebeskünsten unterrichtete. Preziosa
wurde die vortrefflichste Tänzerin im ganzen Zigeunervolk und das schönste
und verständigste Kind, das man nicht nur unter Zigeunern, sondern unter
allen Schönen und Klugen finden konnte, deren Ruhm je erschollen ist. Weder
Sonne noch Luft noch auch alle Unbilden der Witterung, denen die Zigeuner
mehr ausgesetzt sind als andre Leute, vermochten ihrer Schönheit Abbruch zu
tun oder ihre Hände zu bräunen. Ja, was noch mehr ist, die rauhe Erziehung,
die sie erhielt, konnte nicht verdecken, daß sie von gesitteteren Eltern
abstammte, als es Zigeuner sind; denn sie war äußerst gewandt und sehr
verständig. Bei all dem war sie frei, ohne die Grenzen der Sittsamkeit zu
überschreiten; sie war vielmehr bei allem Witze so züchtig, daß in ihrer
Gegenwart keine Zigeunerin, mochte sie alt oder jung sein, ein
unanständiges Lied zu singen oder üble Worte zu sprechen wagte. Kurz die
Großmutter erkannte, welchen Schatz sie in der Enkelin besaß, und so
beschloß denn die alte Dohle, ihr junges Dohlchen ausfliegen zu lassen und
es zu lehren, sich den Unterhalt mit den eignen Fängen zu gewinnen.
Preziosa zog aus, reich versehen mit Festgesängen, Volksliedern,
Seguidillas, Sarabanden und andern Versen, besonders Romanzen, die sie mit
eigentümlicher Anmut vortrug; denn die schlaue Alte erkannte, daß bei der
Jugend und Schönheit ihrer Enkelin dergleichen Schwänke und Spiele ein sehr
glückliches Reiz- und Lockmittel abgeben müßten, das ihr Vermögen vermehren
würde. So hatte sie denn auf allen möglichen Wegen nach solchen Dingen
gesucht, und es fehlte nicht an Dichtern, die sie damit versahen; denn es
gibt ebensogut Poeten, die sich mit den Zigeunern verstehen und Werke an
sie verkaufen, wie es andre für die Blinden gibt, denen sie
Wundergeschichten erfinden, um den Gewinn mit ihnen zu teilen. In der Welt
kommt alles vor, und der Hunger treibt manche Köpfe, Dinge zu tun, die
ihnen nicht an der Wiege gesungen worden sind.
[1] Cacus: von Herkules erschlagener Riese und Räuber.
Preziosa war in verschiedenen Gegenden Kastiliens aufgewachsen; in ihrem
fünfzehnten Jahre aber führte ihre angebliche Großmutter sie in die
Residenz, und zwar auf ihren alten Lagerplatz, die Felder der heiligen
Barbara, wo sich die Zigeuner gewöhnlich aufhalten. Sie hoffte, in der
Hauptstadt, wo alles gekauft und alles verkauft wird, werde auch sie ihre
Ware losschlagen können. An dem Tage, als Preziosa ihren ersten Einzug in
Madrid hielt, war das Fest der heiligen Anna, der Patronin und Schutzherrin
der Stadt. Acht Zigeunerinnen, vier ältere und vier junge, führten unter
der Leitung eines Zigeuners, eines vorzüglichen Tänzers, einen Tanz auf,
und wenn sie auch alle sauber und geputzt erschienen, so trat doch
Preziosens Zierlichkeit so sehr hervor, daß sie allmählich die Blicke aller
Zuschauer auf sich zog. Durch den Klang der Schellentrommel und
Kastagnetten, durch die Wirbel des Tanzes scholl der Ruf, der die Schönheit
und Anmut des Zigeunermädchens pries. Jünglinge und Männer strömten herbei,
um sie zu sehn; als man sie aber gar singen hörte (denn der Tanz war mit
Gesang verbunden), wurde der Lärm so groß, daß das Lob der Zigeunerin von
allen Seiten widerhallte und die Vorsteher des Festes ihr einstimmig den
Preis für den besten Tanz zuerkannten. Nachher führten die Zigeuner in der
Kirche der heiligen Maria, vor dem Bildnis der glorreichen Anna, den Reigen
noch einmal auf, und nachdem er beendigt war, ergriff Preziosa ein
Tamburin, zu dessen Klang sie sich aufs leichteste und zierlichste im Kreis
bewegte, und sang folgende Romanze:
Köstlichster von allen Bäumen,
Der so lang nicht Frucht getragen,
Jahre, die wie einer Trauer
Hülle düster auf ihm lagen
Und auf reine Herzenswünsche
Eines liebevollen Gatten,
Überwölkend seine Hoffnung,
Schatten trüb geworfen hatten,
So daß aus der langen Säumnis
Kummer ward, der bitter nagte,
Und der aus dem heilgen Tempel
Den gerechten Mann verjagte.
Heilig unfruchtbarer Boden,
Dem im Anfang doch entsprossen
Jene überreiche Fülle,
Die die ganze Welt genossen.
Haus der königlichen Münzstatt,
Wo der Stempel ward geschlagen,
Der dem Gott die Form gegeben,
Die als Mensch er hat getragen.
Mutter du von einer Tochter,
In der wollt und konnt entfalten
Alle Tugenden der Höchste,
Die sonst Menschen nie erhalten.
Durch dich selbst und durch die Tochter
Bist die Zuflucht du, o Anne,
Welcher wir zur Rettung nahen
Hier in unsres Elends Banne.
In gewisser Art auch darfst du,
Keinen Zweifel laß ich walten,
Über deinem heilgen Enkel
Als gerechte Herrin schalten.
Mitzuthronen, gleich dir Hohen,
In der höchsten Himmelsfeste,
Hielten wohl viel tausend Eltern
Für der Glückesgaben beste.
Welche Tochter! welch ein Enkel!
Welcher Eidam! Hier ist wieder,
Ist gerechterweise Anlaß
Für Triumph- und Siegeslieder.
Aber du in deiner Demut
Bist ihr still voraufgeschritten:
Drauf hat demutsvoll dir deine
Heilge Tochter nachgelitten.
Und jetzt neben ihrer Seite
Vor den Höchsten zugelassen,
Schmeckest du die hohen Wonnen,
Die wir ahnend kaum erfassen.
Preziosens Gesang erregte bei allen Zuhörern Bewunderung. Die einen sagten:
»Gott segne dich, Kind.« Andre: »Wie schade, daß das Mädchen eine
Zigeunerin ist, wahrlich und wahrhaftig, sie verdiente die Tochter eines
großen Herrn zu sein!« Und wieder andre, die derber waren, sprachen: »Laßt
das Dirnchen nur heranwachsen, sie wird schon ihre Streiche machen; bei
Gott, sie wird ein hübsches Schleppnetz zum Fischen der Herzen.« Wieder ein
andrer, artiger, aber plump und ungeschickt in seinen Ausdrücken, rief, als
er sie so flink im Tanz dahinschweben sah: »Auf, Töchterchen, auf! Und die
Füße gerührt, mein Liebchen, damit es staubt.« »Und ich Euch den Staub
wieder ausklopfe,« erwiderte sie, ohne den Tanz zu unterbrechen.
Als die Vesper und das Fest der heiligen Anna vorüber war, fühlte Preziosa
sich ein wenig erschöpft, aber um ihrer Schönheit, ihres Witzes und
Verstandes und ihrer Tanzkunst willen war sie auch schon so berühmt, daß
man in der ganzen Residenz auf allen Straßen von ihr sprach. Vierzehn Tage
nachher kam sie abermals nach Madrid, und zwar in Begleitung von drei
andern Mädchen, mit Schellentrommeln und einem neuen Tanze. Alle waren sie
ausgerüstet mit Romanzen und munteren, aber sittsamen Liedchen, denn
Preziosa gab nie zu, daß ihre Gefährtinnen unschickliche Lieder sangen, so
wenig sie selbst jemals mit dergleichen vortrat. Viele merkten das denn
auch und hielten sie deshalb besonders hoch. Nie trennte sich die alte
Zigeunerin, die sie wie ein Argus bewachte, von ihr, denn sie war immer in
Angst, man könnte ihr das Mädchen entführen. Sie nannte sie ihre Enkelin,
und Preziosa hielt sie für ihre Großmutter. Um den Zuschauern ein Vergnügen
zu machen, stellten sie sich in der schattigen Toledostraße zum Reigen auf,
und bald sammelte sich das ihnen nachziehende Volk zu einem großen Kreise.
Während des Tanzes bat die Alte die Umstehenden um einen Beitrag, und die
Achtel- und Viertelrealen regneten wie Hagelschauer auf sie ein, denn die
Schönheit hat die Kraft, die schlafende Freigebigkeit zu wecken.
Als der Tanz zu Ende war, sprach Preziosa: »Wenn mir jeder vier
Viertelrealen gibt, so will ich euch allein eine gar schöne Romanze singen
über den ersten Kirchgang, den unsre Königin Doña Margarita nach ihrem
Wochenbett in Valladolid gehalten hat, und zwar zur Sankt-Lorenzkirche; und
ich sage euch, es ist ein Meisterstück, von einem Kapitalpoeten, der seinen
Mann zu stellen vermag.«
Kaum hatte sie dies ausgesprochen, als alle Umstehenden mit lauter Stimme
riefen: »Singe, Preziosa, da sind meine vier Quartos.« Und von neuem
hagelten die Geldstücke auf sie ein, so daß die Alte kaum Hände genug
hatte, um sie zu sammeln. Als die Ernte geborgen war, griff Preziosa nach
ihrem Tamburin und sang zu dem rauschenden Geklingel folgende Romanze:
Ersten Kirchgang nach den Wochen
Hielt der Fürstinnen Europens
Größte, die nach Wert und Namen
Strahlet über jedem Lobe.
Wie die Augen sie emporschlug,
Hat die Herzen sie erhoben
Aller, die bewundernd schauten
Ihre Andacht, ihre Hoheit.
Und zu zeigen, daß der Himmel
Raum hat auf der Erde Boden,
Wandelt hier die Sonne Östreichs,
Dort die schmelzende Aurora.
Hinter ihr kam nachgezogen
Hell der lichte Stern des Morgens,
Der so plötzlich aufgegangen,
Daß von Tau die Himmel flossen.
Und wenn Sterne hat der Himmel,
Die umstrahlte Wagen formen,
Schönre Sterne ihrem Himmel
Hier auf irdschen Wagen folgten.
Hier der alternde Saturnus
Glättet und verjüngt den Bart sich
Und geht schnell, der sonst so langsam,
Denn von Gicht heilt ihn die Wonne.
Und der Gott der leichten Rede
Spricht in süßen Schmeichelworten;
Und in bunten Chiffren Amor,
Die Rubin und Perl' umbortet.
Dort geht Mars, der Muterfüllte,
Wunderbar herausgeputzt,
Wie ein kecker Jüngling, der sich
An dem eignen Schatten stößt.
Hart am Haus der Sonne schreitet
Jupiter; denn was erobert
Nicht das innige Vertrauen,
Das durch Klugheit wird gewonnen?
Luna folgt ihm, auf den Wangen
Mancher Menschengöttin thronend;
Venus, in den Zügen jener,
Welche diesen Himmel bilden.
Kleine, holde Ganymede
Schwärmen, drängen, gehen, kommen
Um den goldumstrahlten Gürtel
Dieses hehren Himmelsbogens.
Und damit sich alles wundre,
Alle ihr Erstaunen zollen,
Steigt die strahlende Verschwendung
Nun hinan zum Wundervollen.
Mailands reiche Prachtgewebe
Liegen hier der Menge offen,
Indiens helle Diamanten
Und Arabiens Arome.
Denen, welche bösen Sinnes,
Muß der Neid im Herzen toben,
Aber Jubel füllt den Busen
Jedes echten spanschen Sohnes.
Fliehend aus der Trauer Banden
Zieht der allgemeine Frohsinn
Durch die Straßen, durch die Plätze,
Wie auf lauten Wahnsinns Wogen.
Zu viel tausend Segenswünschen
Tut der Mund sich auf der Stille,
Und es wiederholt die Jugend,
Was das Alter ausgesprochen.
Einer spricht: »Ergiebge Rebe,
Wachs empor und schling dich eng
Her um die geliebte Ulme,
Daß ihr Schatten dich umflore,
Dir zu deinem eignen Ruhme
Und zu Spaniens Ehr und Frommen
Und zur Förderung der Kirche
Wie zum Grausen des Mahoma!«
Eine andre Stimme rufet:
»Lebe hoch, o Taube, holde,
Die für uns du hast geboren
Einen Aar mit zweien Kronen,
Zu vertreiben aus den Lüften
Jeden raubergebnen Vogel,
Mit dem Fittich zu bedecken
Jeder Tugend bange Sorgen!«
Noch ein andrer, der noch feiner
Gab des raschen Witzes Proben,
Sprach, in Augen und im Munde
Ausgedrückt das Herz, das frohe:
»Diese Perle, die du schenktest,
Östreichs Perlenmutter, große,
Wie viel List hat sie vereitelt,
Wie viel Wünsche sie gebrochen!
Was zerstört sie nicht an Ränken,
Was gewährt sie nicht an Hoffnung,
Welche Fehlgeburten treibt sie
Jetzt nicht aus dem Zeitenschoße!«
Mittlerweile kam zum Tempel
Man des Phönix, der in Roma
Hat den Flammentod bestanden
Und nun lebt in ewger Glorie.
Und zum Bild des ewgen Lebens,
Zu der Königin dort oben,
Die, weil sie in Demut wallte,
Über Sterne ward erhoben,
Zu der Mutter und der Jungfrau,
Zu der Tochter und Verlobten
Gottes hat, aufs Knie gesunken,
Margarita so begonnen:
»Was du gabst, geb ich dir wieder,
Hand zum Geben stets erschlossen,
Denn wem deine Gnade fehlet,
Der wird stets vom Weh getroffen.
Sieh, den Erstling meiner Früchte
Bring ich, Jungfrau, dir zum Opfer;
Wie sie ist, nimm hin die Gabe,
Und laß herrlicher sie sprossen.
Seinen Vater auch empfehl ich,
Der, ein Atlas, unverdrossen
Sich der Last so vieler Reiche
Beugt, so vieler fernen Zonen.
Denn ich weiß, das Herz des Königs
Ruhet in den Händen Gottes,
Und ich weiß, daß Gott nie weigert,
Was du bittest, Demutvolle!«
Als geendet diese Rede,
Haben andre sich ergossen
In Gesänge, die bewiesen,
Daß auf Erden Himmel rollen.
Als vorüber dann des Hochamts
Königliche Zeremonien,
Kehrte heim der hehre Himmel
Mit den wundervollen Sonnen.
Als Preziosa ihre Romanze beendet hatte, erhob sich aus dem glänzenden
Kreis ihrer Zuhörer einstimmig der Ruf: »Singe noch einmal, Preziosa, es
soll Geld absetzen wie Sand am Meer!«
Nun sahen dem Tanz der Zigeunerinnen mehr als zweihundert Personen zu, und
alle lauschten ihrem Gesang, als zufällig (eben war das Gedränge am
stärksten geworden) einer der Stadtschultheißen des Weges kam, und da er so
viele Leute beisammen sah, fragte er, was es gäbe. Auf die Antwort, man
höre der schönen Zigeunerin zu, die eben singe, trat der Schultheiß
neugierig näher und horchte selbst ein Weilchen hin, wartete aber, um
seiner Würde keinen Eintrag zu tun, das Ende der Romanze nicht ab. Da ihm
jedoch das Mädchen außerordentlich gut gefallen hatte, befahl er seinem
Pagen, der Alten zu sagen, sie möge gegen Abend mit den Zigeunerinnen in
sein Haus kommen; er wünsche, daß auch seine Gemahlin, Doña Clara, sie
höre. Der Page gehorchte, und die Alte versprach sich einzufinden. Als Tanz
und Gesang zu Ende waren und man sich eben an einen andern Ort begeben
wollte, trat ein zweiter, sehr wohl gekleideter Page zu Preziosa, gab ihr
ein zusammengefaltetes Papier und sprach: »Prezioschen, singe die Romanze,
die hier steht; sie ist sehr gut, und ich werde dir von Zeit zu Zeit noch
andre geben, durch die du den Ruf der ersten Romanzensängerin der Welt
erlangen sollst.«
»Ich werde sie mit großem Vergnügen lernen,« entgegnete Preziosa, »und
vergeßt ja nicht, mein Herr, mir auch die andern Romanzen zu bringen, von
denen Ihr sprecht. Doch müssen sie anständig sein. Wollt Ihr, daß ich sie
bezahle, so wollen wir nach Dutzenden miteinander abrechnen, so daß ich für
ein Dutzend bezahle, wenn ich es gesungen habe. Im voraus zu zahlen ist mir
unmöglich.«
»Wenn mir Jungfer Prezioschen dies schwarz auf weiß geben will,« erwiderte
der Page, »so bin ichs zufrieden, und obendrein soll eine Romanze, die
nicht gut und ehrbar ausfällt, nicht gerechnet werden.«
»Die Wahl muß mir überlassen bleiben,« antwortete Preziosa und ging mit
ihren Begleiterinnen weiter, als einige Kavaliere sie aus einem
Fenstergitter anriefen. Preziosa trat an das niedrige Gitter und sah in
einem kühlen, freundlichen Saal mehrere vornehme Herren, von denen einige
auf und ab gingen, andre sich mit allerlei Spielen unterhielten.
»Wollt ihr mir ein Aufgeld geben, meine Herren?« fragte Preziosa mit dem
lispelnden Ton der Zigeuner, der ihnen übrigens nicht natürlich, sondern
künstliche Angewöhnung ist.
Da bei diesen Worten auch Preziosens Gesicht im Fenster erschien, verließen
die Spieler die Tische, die Umhergehenden blieben stehn, und alle eilten
sofort ans Fenster, um sie zu sehn; denn sie hatten bereits von ihr
vernommen. »Kommt herein, kommt herein, ihr Zigeunerinnen,« riefen sie,
»wir wollen euch Aufgeld geben.«
»Es könnte uns teuer zu stehn kommen, wenn ihr uns da in die Falle
locktet!« antwortete Preziosa.
»Nein, auf Ritterwort,« entgegnete einer, »du kannst getrost eintreten,
Kleine, und bei dem Kreuz, das ich hier auf der Brust trage, du darfst
sicher sein, daß dir niemand ein Haar krümmen wird.« Damit legte er die
Hand auf sein Calatravakreuz.
»Wenn du hinein willst, Preziosa,« sprach eine ihrer drei Gefährtinnen, »so
geh in Gottes Namen; ich für meine Person bleibe fort, wo so viel Männer
sind.«
»Nicht doch! Christina,« antwortete Preziosa. »Vor einem einzelnen Mann
mußt du dich hüten, und wenn du allein bist. Sind viele beisammen, so
brauchst du keine Angst zu haben, daß man dich ungebührlich behandle. Merk
dirs, Christinchen, und glaube mir, wenn ein Mädchen entschlossen ist,
seinen guten Ruf zu bewahren, so kann sie ihn selbst mitten in einem Heere
bewahren. Freilich soll man die Versuchung fliehen, aber die geheime, nicht
die öffentliche.«
»So laß uns hineingehn, Preziosa,« erwiderte Christina; »du weißt mehr als
ein Gelehrter.«
Auch die alte Zigeunerin ermunterte sie, und sie traten ein. Kaum war
Preziosa drinnen, als der Herr mit dem Kreuz das Papier bemerkte, das sie
im Busen stecken hatte; er trat auf sie zu und griff danach, Preziosa aber
rief: »Nehmt es mir nicht, mein Herr, es ist eine Romanze, die ich in
diesem Augenblick bekommen und noch nicht einmal gelesen habe.«
»So kannst du lesen, mein Kind?« fragte einer.
»Und auch schreiben!« entgegnete die Alte. »Ich habe meine Enkelin erzogen,
als wäre sie eine Gelehrtentochter.«
Der Kavalier faltete das Papier auseinander, fand einen Goldtaler
dareingewickelt und rief: »Zum Kuckuck, Preziosa, dem Brief ist das Porto
gleich beigeschlossen! Da hast du einen Taler; er lag in der Romanze!«
»Gut!« antwortete Preziosa, »der Dichter hat mich als ein armes Ding
behandelt, und schließlich ist es ein größeres Wunder, daß ein Dichter mir
einen Taler schenkt, als daß ich ihn nehme. Kommen all seine Romanzen mit
solcher Zugabe, so mag er ruhig den ganzen Romancero ausschreiben und mir
Stück für Stück schicken; ich werde ihnen schon den Puls fühlen, und sind
sie hart, so will ich weich sein und sie annehmen.«
Die Zuhörer bewunderten den Witz und die Anmut ihrer Worte; sie aber fuhr
fort: »Leset, mein Herr, und zwar recht laut; wir wollen sehn, ob der Witz
des Dichters so groß ist wie seine Freigebigkeit.«
Und der Kavalier las vor:
Du Zigeunerin, als Rose
Aller Schönheit wohl zu preisen,
Die du wirst mit Recht geheißen,
Gleich dem Edelstein, Preziose,
Auch aus dir ist jener Rede
Richtigkeit leicht zu ersehen,
Daß stets miteinander gehen
Schönheit und die härtste Spröde.
Wenn, wie du im Wert dich hebest,
Willst die eigne Schätzung steigern,
Mußt du jeden Kauf wohl weigern
Dem Geschlecht, in dem du lebest.
Traun, ein Basiliske nistet
Dir im Herzen, der uns tötet,
Und so weich dein Mund auch flötet,
Ists doch Herrschaft, was dich lüstet.
Unter armen Bettlern war es,
Daß solch Lichtbild ward geboren?
Wie zu solchem Glück erkoren
Ward der stille Manzanares?
Ja, in hellen Ruhms Geleite
Wird er jetzt, wie Tajo, fließen,
Um Preziosa mehr gepriesen
Als des Ganges Meeresbreite.
Wohl willst Glück voraus du sehen,
Doch du kannst nur Unglück bringen,
Da nach zwei verschiednen Dingen
Blick bei dir und Wille gehen.
Denn in der Gefahr, der großen,
Daß wir unverweilt dir huldgen,
Will dein Wille dich entschuldgen,
Doch dein Blick will uns durchstoßen.
Sagt man, daß im Zauber mächtig
Sämtliche Zigeuner seien,
So sind deine Zaubereien
Wahrer und mehr unheilsträchtig.
Daß du alle hast am Fädchen,
Die dir jemals nah gewesen,
Dieses Zaubers böses Wesen
Liegt in deinem Aug, o Mädchen.
Und du wirst es weiter bringen,
Denn du blickst uns an im Tanze,
Tötest mit des Auges Glanze
Und bezauberst uns im Singen.
Tausend Zauberein zusammen
Übst im Sprechen du und Schweigen;
Magst verstecken dich, dich zeigen,
Immer schürst du unsre Flammen.
Selbst die allerfreisten Seelen
Werden dir als Sklaven eigen,
Davon kann die meine zeugen,
Folgend deines Winks Befehlen.
Köstliches Juwel der Liebe,
Dieses wagte der zu schreiben,
Der, im Tod selbst, dein wird bleiben,
Arm zwar, doch mit reinem Triebe.
»Mit >arm< fängt die letzte Zeile an,« sagte Preziosa, »das ist ein
schlimmes Zeichen; Verliebte sollten nie sagen, daß sie arm sind, denn am
Anfang, scheint mir, ist die Armut eine große Feindin der Liebe.«
»Wer hat dich das gelehrt, Kind?« fragte einer.
»Wer brauchte es mich zu lehren?« antwortete Preziosa. »Habe ich keine
Seele im Leibe? Bin ich nicht schon fünfzehn Jahre alt? Mein Verstand ist
weder lahm noch verstümmelt noch verkrüppelt. Die Köpfe der Zigeunerinnen
stehen unter einem andern Stern als die der übrigen Leute; sie sind ihren
Jahren immer voraus. Es gibt keinen dummen Zigeuner und keine linkische
Zigeunerin. Da sie ihren Lebensunterhalt nur durch Schlauheit, Scharfsinn
und List verdienen, so schleifen sie den Verstand bei jedem Schritt und
lassen nirgends Rost daran. Seht meine jungen Begleiterinnen, die stehn so
still da wie die Rohrkolben. Steckt ihnen aber einmal den Finger in den
Mund und fühlt nach den Weisheitszähnen, so sollt ihr euer Wunder erleben.
Keine Zigeunerin von zwölf Jahren, die nicht so viel wüßte wie ein andres
Mädchen von fünfundzwanzig, denn sie haben zum Meister und Lehrer den
Teufel und die Übung, die ihnen in einer Stunde beibringen, woran andere
ein Jahr studieren.«
Durch solche Reden setzte das Mädchen ihre Zuhörer in Verwunderung, und
alle, ob sie spielten oder nicht, gaben Kartengeld. Die Büchse der Alten
wurde um dreißig Realen schwerer, und reicher und besser gelaunt als am
Palmsonntag sammelte sie ihre Lämmer und führte sie ins Haus des Herrn
Stadtschultheißen, indem sie versprach, sie würde nächster Tage mit ihrer
Herde wiederkommen, um den freigebigen Herren noch einmal aufzuwarten.
Señora Doña Clara, die Frau des Herrn Stadtschultheißen, war bereits
benachrichtigt, daß die jungen Zigeunerinnen in ihr Haus kommen würden, und
mit ihren Mädchen und Jungfern und denen der Frau Nachbarin, die sich alle
versammelt hatten, um Preziosa zu sehn, harrte sie ihrer voller Ungeduld.
Kaum aber waren sie eingetreten, so strahlte Preziosa unter den übrigen
hervor wie das Licht einer Fackel unter kleinen Lampen. Darum lief ihr
alles entgegen; die einen umarmten sie, die andern betrachteten sie, diese
wünschten den Segen des Himmels auf sie herab, und jene ergossen sich in
Lobeserhebungen.
»Ja,« rief Doña Clara, »das nenne ich goldene Haare, das nenne ich
Azuraugen!«
Die Frau Nachbarin ging sie prüfend von oben bis unten durch, unterwarf all
ihre Glieder und Gelenke einer Besichtigung, kam schließlich mit ihrem Lobe
zu einem Grübchen in Preziosens Kinn und rief: »Welch ein Grübchen! In
diese Grube muß ja jedes Auge fallen, das sie sieht!«
Dies hörte ein langbärtiger, hochbejahrter Kavalier der Doña Clara, der
anwesend war, und sagte: »Das nennen Euer Gnaden ein Grübchen? Ich müßte
mich schlecht auf Gruben verstehen, wenn dies ein Grübchen ist und nicht
vielmehr ein Grab lebendiger Wünsche. Bei Gott, die Kleine könnte nicht
niedlicher sein, und wenn sie aus Silber oder Marzipan wäre. Kannst du auch
wahrsagen Kleine?«
»Auf drei- bis viererlei Arten,« erwiderte Preziosa.
»Das auch noch!« rief Doña Clara. »Beim Leben des Stadtschultheißen, meines
Gemahls, du sollst mir wahrsagen, Goldkind, Silberkind, Perlenkind,
Karfunkelkind, Himmelskind! Das ist der höchste Name, den ich für dich
finde.«
»Gebt der Kleinen die Hand und etwas, womit sie das Kreuz machen kann,«
sagte die Alte, »und man wird sehn, was sie zu sagen weiß, denn sie
versteht mehr als ein Doktor der Heilkunst.«
Die Frau Stadtschultheiß griff in die Tasche, fand aber keinen Quarto
darin; sie bat ihre Mädchen um einen Viertelreal, doch keine vermochte
einen aufzufinden, und ebensowenig die Frau Nachbarin. Als Preziosa das
sah, rief sie: »Jedes Kreuz, wenn es nur ein Kreuz ist, taugt; die
silbernen oder goldenen aber sind besser, und ich darf Euer Gnaden nicht
vorenthalten, daß es dem Glücke schadet, wenn man auf der Hand das Zeichen
des Kreuzes mit einem Kupferstück macht, wenigstens wenn ich es tue. Daher
mache ich das erste Kreuz gar gern mit einem Goldtaler oder doch mit einem
schweren oder leichten Real; ich bin wie die Küster, die sich freuen, wenn
ein großes Opfergeld fällt.«
»Du bist nicht auf den Kopf gefallen, Kleine,« bemerkte die Frau Nachbarin,
wandte sich an den Kavalier und fragte: »Herr Contreras, habt Ihr nicht
einen leichten Real zur Hand? Gebt ihn mir! Sobald mein Mann, der Doktor,
kommt, gebe ich ihn Euch zurück.«
»Ich habe wohl einen,« erwiderte Contreras, »aber ich habe ihn für
zweiundzwanzig Maravedis versetzt, um die ich gestern zu Nacht gespeist;
gebt mir so viel, und ich will ihn auf der Stelle holen.«
»Wir alle haben keinen Viertelreal,« entgegnete Doña Clara, »und Ihr wollt
zweiundzwanzig Maravedis? Geht, Contreras, Ihr wart immer ein alberner
Kerl.«
Endlich sagte ein Mädchen, da das ganze Haus so unfruchtbar blieb, zu
Preziosa: »Kleine, schadet es denn, wenn man das Kreuz mit einem silbernen
Fingerhut macht?«
»Im Gegenteil,« erwiderte Preziosa, »das größte Kreuz in der Welt wird mit
silbernen Fingerhüten gemacht, wie gar mancher weiß!«
»Ich habe einen;« versetzte das Mädchen, »tut er die gleichen Dienste, so
nimm ihn, jedoch unter der Bedingung, daß du auch mir Glück prophezeist.«
»Für einen Fingerhut so viel Glück!« rief die Alte. »Töchterchen, tummle
dich, es wird Nacht!«
Preziosa nahm den Fingerhut sowie die Hand der Frau Stadtschultheiß und
begann also:
Schönes Weibchen, schönes Weibchen,
Mit der Hand aus Silberplatten,
Nicht den Alpujarrenkönig
Liebt wie dich dein treuer Gatte.
Bist ein Täubchen ohne Galle,
Aber oft auch bist du flammend
Wie die Löwenmutter Orans,
Wie die Tigerin Ocañas.
Doch eh man die Hand umdrehet,
Ist der Sturm vorbeigegangen,
Und du bist wie Gerstenzucker,
Gleichst an Sanftmut einem Lamme.
Zankest viel und issest wenig,
Etwas Eifersucht auch hast du,
Denn der Schultheiß liebt sein Späßchen,
Ob er auch nach Würde trachtet.
Dich als Mädchen schon begehrte
Einer von gar feinem Ansehn,
Doch zum Henker mit den Kupplern,
Die des Hauses Frieden schaden.
Wärst du etwa Nonne worden,
Würdst du ganz im Kloster schalten,
Denn du hast zu der Äbtissin
Mehr wohl als vierhundert Gaben.
Sollt es eigentlich nicht kundtun,
Doch gleichviel, es muß zutage:
Zweimal wirst du Wittib werden,
Zweimal wirst du wieder Gattin.
Weine nicht, o meine Herrin,
Evangelium ist nicht alles,
Was Zigeunerinnen sprechen,
Weine nicht, sei ruhig, Herrin.
Würdest du vom Tod gefordert
Vor dem Schultheiß, dem Gemahle,
So genügt dies, dich vor schlimmem
Witwenstande zu bewahren.
Erben wirst du, und zwar nächstens,
Ein bedeutendes Vermögen;
Domherr wird dein Sohn einst werden,
Welcher Kirch, ist schwer zu sagen,
Doch unmöglich in Toledo.
Wirst gebären, rot von Wangen,
Eine Tochter: wird sie Nonne,
Wird sie wohl auch einst Prälatin.
Wenn dein Gatte nicht verscheidet
Noch im Lauf von dreißig Tagen,
So bekommt ihn noch zum Richter
Burgos oder Salamanka.
Hast ein Muttermal! wie lieblich!
Jesus! wie der Mond so glanzhell!
Welch ein Glanz! bei Antipoden
Dringt er noch in dunkle Tale!
Ihn zu sehn gäb mancher Blinder
Mehr als einen halben Taler!
Und jetzt lächelst du darüber;
Ah, wie steht dir das so artig!
Aber hüte dich, zu stürzen,
Und nach hinten zu vor allem;
Denn solch Fallen ist gefährlich
Für die angesehnen Damen.
Vieles gäbs noch auszusprechen;
Willst du bis zum Freitag warten,
Wirst du's hören und dich freuen,
Doch auch grollen über manches.
Damit schloß Preziosa ihre Prophezeiung, die in allen Anwesenden den Wunsch
geweckt hatte, gleichfalls ihr Glück zu erfahren. Daher baten sie
insgesamt, auch ihnen wahrzusagen, aber Preziosa verwies sie auf den
kommenden Freitag, und sie versprachen, Silberrealen zur Zeichnung des
Kreuzes mitzubringen. Unterdes kam der Herr Stadtschultheiß, dem man von
der kleinen Zigeunerin Wunder über Wunder erzählte. Er ließ sie und ihre
Gefährtinnen ein wenig tanzen, erklärte das Preziosa erteilte Lob für
gerecht und verdient, fuhr mit der Hand in die Tasche und machte Miene, ihr
etwas zu geben. Als er die Tasche jedoch zu wiederholten Malen
durchstöbert, gerüttelt und geschüttelt hatte, zog er endlich die Hand leer
heraus und rief: »Bei Gott, ich habe keinen Quarto! Doña Clara, gebt Ihr
doch Prezioschen einen Real, ich werde ihn Euch wiedergeben.«
»Vortrefflich, Bester, da müßte ich erst einen haben! Wir alle zusammen
haben keinen Viertelreal aufbringen können, um das Zeichen des Kreuzes
damit zu machen, und Ihr verlangt einen ganzen von uns!«
»Nun, so gebt ihr einen Eurer Hemdkragen oder irgend etwas; Preziosa kommt
ja noch einmal zu uns, und dann wollen wir sie besser bedenken.«
»Aber damit sie wiederkommt,« versetzte Doña Clara, »will ich ihr diesmal
lieber gar nichts geben.«
»Nein,« entgegnete Preziosa, »wenn ich nichts erhalte, so komme ich auch
niemals wieder. Oder doch, ich will wiederkommen, um so vornehmen
Herrschaften einen Gefallen zu tun, aber ich finde mich schon im voraus
darein, daß ich auch dann nichts erhalte, und erspare mir so die Mühe, auf
etwas zu hoffen. Laßt Euch brav schmieren, Herr Stadtschultheiß, laßt Euch
schmieren, so werdet Ihr Geld haben; führt keine neuen Sitten ein, sonst
sterbt Ihr Hungers. Ich habe immer gehört, Euer Gnaden, (und so jung ich
bin, so weiß ich doch, daß es kein gar gutes Wort ist) man müsse aus den
Ämtern Geld ziehn, um bei den Visitationen die Strafen zahlen und neue
Ämter erwerben zu können.«
»So sprechen und handeln gewissenlose Leute,« erwiderte der
Stadtschultheiß; »ein Richter, der bei der Visitation gut besteht, braucht
keine Strafe zu zahlen, und hat er sein Amt gut verwaltet, so spricht das
genug für ihn, wenn er ein neues sucht.«
»Euer Gnaden reden wie ein Heiliger,« entgegnete Preziosa. »Fahrt so fort,
und man wird Euch die Lumpen als Reliquien vom Leibe schneiden.«
»Was du nicht alles weißt, Preziosa!« sagte der Stadtschultheiß. »Sei nur
ruhig, ich werde es einzurichten wissen, daß die Majestäten dich vor sich
kommen lassen, denn du bist eine Ware für Könige.«
»Sie werden mich zur Hofnärrin haben wollen,« versetzte Preziosa, »und dazu
bin ich verdorben. Wünschen sie mich aber, weil ich gescheit bin, so
brauchen sie mich nur holen zu lassen; doch in manchen Palästen gedeihen
die Narren besser als die Gescheiten. Übrigens befinde ich mich als arme
Zigeunerin wohl, und das Schicksal mag alles fügen, wie der Himmel es
will.«
»He, Kleine,« rief die alte Zigeunerin, »schwatze nicht weiter, du hast
genug geredet und weißt mehr, als ich dich gelehrt habe. Machs nicht zu
fein. Allzu scharf macht schartig! Sprich von dem, was sich für deine Jahre
schickt, und fliege mir nicht zu hoch hinaus, denn Hochmut kommt vor dem
Fall.«
»Die Zigeunerinnen haben den Teufel im Leib!« sagte der Stadtschultheiß.
Sie nahmen Urlaub; aber ehe sie gingen, sagte das Mädchen, das den
Fingerhut hergegeben hatte: »Preziosa, sag mir wahr oder gib mir den
Fingerhut zurück, denn ich habe keinen andern für meine Arbeit.«
»Werte Jungfer,« antwortete Preziosa, »bildet Euch ein, ich hätte Euch
schon prophezeit, und verschafft Euch einen andern Fingerhut, oder näht an
Euren Säumen bis zu unserm Wiedersehn am nächsten Freitag gar nichts; da
will ich Euch dann mehr Glück und Begebenheiten prophezeien, als ein ganzer
Ritterroman enthält.«
So gingen sie und schlossen sich den vielen Bäuerinnen an, die zur Zeit des
Ave-Maria Madrid zu verlassen pflegen, um in ihre Dörfer zu ziehn. Einige
gehörten zu ihren gewöhnlichen Begleiterinnen, an die sie sich
anzuschließen pflegten, da die alte Zigeunerin in beständiger Angst lebte,
man könnte ihr Preziosa entführen.
Nun geschah es, daß sie eines Morgens auf der Wanderung nach Madrid, als
sie dort wieder einmal mit den übrigen Zigeunerinnen ihre Steuer erheben
wollten, in einem etwa fünfhundert Schritt von der Stadt entfernten kleinen
Tal einen hübschen jungen Mann in reicher Reisekleidung erblickten. Sein
Degen und sein Dolch glühten ordentlich von Gold; der Hut war mit einer
kostbaren Schnur und vielfarbigen Federn geschmückt. Die Zigeunerinnen
blieben bei seinem Anblick stehn, um ihn in aller Gemächlichkeit zu
betrachten, denn sie wunderten sich, einen so schönen Jüngling zu solcher
Stunde an solchem Orte zu Fuß und allein zu treffen. Er trat auf sie zu und
redete die alte Zigeunerin an: »Bei Eurem Leben, Mütterchen, tut mir den
Gefallen und kommt mit Preziosa hier auf die Seite, um zwei Worte
anzuhören, die Euch von Nutzen sein sollen.«
»Wenn es nicht zu weit abführt und nicht zu lange aufhält, in Gottes
Namen!« versetzte die Alte und rief Preziosa. Sie entfernten sich etwa
zwanzig Schritte von den andern, worauf der junge Mann ohne weitere
Einleitung also begann:
»Ich bin vom Geist und von der Schönheit Preziosens so hingerissen, daß
ich trotz aller Anstrengungen, die ich machte, um es nicht so weit kommen
zu lassen, immer mehr überwältigt wurde und immer weniger imstande war,
Widerstand zu leisten. Meine Gebieterinnen (denn diesen Namen werde ich
euch fortan geben, wenn der Himmel mein Vorhaben begünstigt), ich bin ein
Ritter, wie euch mein Orden beweisen kann« -- damit schlug er den Mantel
zurück und zeigte auf der Brust eines der angesehensten Ordenskreuze
Spaniens -- »bin der Sohn des .....« (sein Name wird aus guten Gründen hier
noch nicht genannt), »unter dessen Vormundschaft und Obhut ich stehe; sein
einziger Sohn, der ein ansehnliches Erbe zu erwarten hat. Mein Vater
bewirbt sich hier am Hofe um ein Amt, für das er schon vorgeschlagen ist
und das er so gut wie sicher erhalten wird. Trotz des Standes und Adels,
von dem ich rede und den ihr wohl auch ohne meine Worte schon erkannt habt,
möchte ich schon jetzt ein großer Herr sein, um die Niedrigkeit Preziosens
zu meiner Höhe erheben zu können, indem ich sie zu meiner Gemahlin und
meinesgleichen mache. Ich bewerbe mich nicht um sie, um sie zu täuschen,
wie denn in dem Ernst der Liebe, die ich für sie fühle, irgendein Trug
nicht liegen kann. Ich will nur das, was ihr gefällt; ihr Wille ist der
meinige. Ihr gegenüber ist meine Seele von Wachs, für jeden Eindruck
empfänglich; aber dennoch wird sie den Eindruck bewahren, als sei er nicht
in Wachs, sondern in Marmor gegraben, dessen Härte der Dauer der Zeit
widersteht. Glaubt ihr mir dies, so wird sich meine Hoffnung durch nichts
erschüttern lassen; glaubt ihr mir aber nicht, so wird mich euer Zweifel,
selbst wenn ich eure Gunst gewinnen sollte, doch in ewiger Angst erhalten.
Mein Name ist ....« (hier nannte er ihn); »den meines Vaters habe ich euch
schon gesagt. Sein Haus steht in der und der Straße und hat die und die
Kennzeichen. Ihr werdet Nachbarn finden, bei denen ihr Erkundigungen
einziehen könnt; auch könnt ihr dies ebensogut bei solchen, die nicht zu
unsern Nachbarn gehören, denn meines Vaters und mein eigner Name und Stand
sind nicht so unansehnlich, daß man sie in den Höfen des Schlosses und
überhaupt irgendwo in der Residenz nicht kennen sollte. Hier habe ich
hundert Goldtaler, um sie euch als Aufgeld und Pfand dessen zu geben, was
ihr noch von mir bekommen sollt; denn die Hand darf nicht zurückhalten,
wenn das Herz einmal geschenkt hat.«
Während der Kavalier also sprach, betrachtete ihn Preziosa aufmerksam, und
augenscheinlich hatten ihr seine Worte und seine Gestalt nicht mißfallen.
Sie wandte sich an die Alte und sprach: »Erlaubt mir, Großmutter, diesem
verliebten Herrn selbst zu antworten.«
»Antworte ihm, was du willst, Kind,« erwiderte die Alte, »denn ich weiß, du
bist zu allem verständig genug.« Und Preziosa sprach:
»Herr Ritter, bin ich auch nur eine arme und niedrig geborene Zigeunerin,
so habe ich doch ein etwas schwärmerisches Köpfchen, das mich zu großen
Dingen hinzieht. Mich rühren weder Versprechungen, noch machen mich
Geschenke wankend, noch erweicht mich Unterwürfigkeit, noch bringen mich
Liebesworte außer Fassung, und wenn ich auch nach der Rechnung meiner
Großmutter am kommenden Michaelistage erst mein fünfzehntes Jahr vollende,
so bin ich dem Geist nach doch schon gereift und weiter, als mein Alter
vermuten läßt, freilich eher durch Mutterwitz als durch Erfahrung. Aber
beides sagt mir, daß die Regungen der Liebe in denen, die zum erstenmal
verliebt sind, blind wütenden Stürmen gleichen, die den Willen aus seinen
Angeln heben, so daß er alle Hindernisse niederwirft, töricht dem Ziel
seiner Wünsche nachstürzt und, während er in den Himmel zu fliegen glaubt,
den ihm seine Augen vorspiegeln, in die Hölle seines Unglücks fällt.
Erreicht er das, was er wünscht, so schwindet der Wunsch mit dem Besitz des
ersehnten Gegenstandes, und wohl ists möglich, daß sich dann die Augen des
Verstandes öffnen und er nun verabscheut, was er früher angebetet hat.
Diese Besorgnis macht mich so behutsam, daß ich keinen Worten glaube und
bei gar vielen Taten mißtrauisch bin. Ich habe ein einziges Juwel, das ich
höher schätze als das Leben selbst: das ist meine jungfräuliche Unschuld,
und die mag ich weder um Versprechungen noch um Geschenke verkaufen, denn
immer wäre sie schließlich verkauft; und wäre sie mir feil, so würde ich
sie sehr gering anschlagen. Auch werden sie mir weder eine List noch
Vorspiegelungen entreißen, und eher soll sie mit mir ins Grab oder
vielleicht in den Himmel gehn, als daß ich sie der Gefahr aussetze, von
Hirngespinsten und Träumereien verletzt zu sehn. Die Jungfräulichkeit ist
eine Blume, die sich womöglich nicht einmal durch Gedanken berühren lassen
sollte. Wie schnell und leicht verwelkt eine vom Strauch gebrochene Rose!
Der eine betastet sie, der andre riecht daran, ein dritter zerblättert sie,
und endlich verdirbt sie unter rohen Händen. Wenn Ihr, mein Herr, nur auf
diese Beute ausgeht, so könnt Ihr sie nicht anders bekommen als gebunden
mit den Schnüren und Banden der Ehe. Soll die Jungfräulichkeit sich beugen,
so kann es nur unter diesem heiligen Joch geschehn, denn dann geht sie
nicht verloren, sondern wird zu einem freien Geschenk, das seinerseits
wiederum einen herrlichen Gewinn verspricht. Wollt Ihr mein Gatte sein, so
werde ich Eure Gattin; dem müssen jedoch erst gar manche Bedingungen und
Prüfungen vorangehn. Zunächst muß ich erforschen, ob Ihr das, was Ihr sagt,
wirklich seid. Bestätigt es sich, so müßt Ihr das Haus Eurer Eltern
verlassen und es mit unsern Hütten vertauschen; Ihr müßt Zigeunertracht
anlegen und zwei Jahre lang in unsre Schule gehn. Inzwischen kann ich mich
dann genügend über Eure Gemütsart unterrichten, sowie Ihr Euch über meine.
Nach Ablauf dieser Frist will ich Euch, falls Ihr mit mir zufrieden seid,
als Eure Gattin angehören; bis dahin aber werde ich im Umgang nur Eure
Schwester und Eure gehorsame Dienerin sein. Auch müßt Ihr bedenken, daß Ihr
in der Zeit dieses Noviziats vielleicht Eure Sehkraft wiedererlangt, die
gegenwärtig geschwunden oder doch getrübt sein muß, und dann vielleicht
gewahr werdet, wie sehr Ihr zu fliehen habt, was Ihr gegenwärtig mit so
großem Eifer verfolgt. Erlangt Ihr aber die verlorene Freiheit wieder, so
erhaltet Ihr durch aufrichtige Reue auch Verzeihung für jede Schuld. Wollt
Ihr unter diesen Bedingungen als Schüler in unsre Schar eintreten, so steht
es in Eurer Hand; aber keinen Finger der meinigen bekommt Ihr zu fassen,
wenn Ihr gegen eine einzige Bedingung fehlt.«
Der Jüngling staunte über Preziosens Worte und sah ganz verstört auf den
Boden, während er allem Anschein nach über eine Antwort nachsann. Als
Preziosa dies bemerkte, hob sie von neuem an:
»Es ist dies nicht von so geringer Bedeutung, daß es sich in den wenigen
Minuten, die wir jetzt zur Verfügung haben, entscheiden ließe oder
entschieden werden müßte. Kehrt in die Stadt zurück, mein Herr, und
überlegt des weitern, was Ihr tun wollt. An dieser Stelle hier könnt Ihr
mich an jedem Festtage sprechen, wenn ich nach Madrid gehe oder von dort
zurückkomme.«
»Als der Himmel mir die Liebe zu dir eingab, meine Preziosa,« erwiderte der
Edelmann, »beschloß ich, alles für dich zu tun, was du von mir fordern
würdest, wobei mir freilich nicht in den Sinn kam, was du nun von mir
verlangst. Da es jedoch dein Wille ist, daß ich mich dir füge und
anschließe, so sieh mich von diesem Augenblick als einen Zigeuner an, denn
du wirst in mir stets den gleichen finden, der sich dir jetzt zeigt. Sag
mir nur, wann ich meine Kleidung vertauschen soll; ich wollte, es geschähe
sogleich. Denn da ich eben Veranlassung hätte, nach Flandern zu gehn, so
könnte ich meine Eltern jetzt am ehesten täuschen und mir auf einige Zeit
Geld verschaffen; ich werde nur etwa acht Tage für die Vorbereitungen
brauchen. Meine Reisegefährten will ich schon so hinters Licht führen, daß
mir mein Vorhaben gelingt. Aber um eins bitte ich dich, wenn ich mich
erkühnen darf, dich um etwas zu bitten und anzuflehen, daß du nämlich außer
heute, da du über meinen und meiner Eltern Stand Erkundigungen einziehen
wirst, nicht mehr nach Madrid gehst; denn ich möchte nicht, daß mich eine
der unzähligen Gefahren, die dich dort umlauern, des teuer erkauften
Glückes beraubte.«
»Daraus wird nichts, mein schöner Herr,« entgegnete Preziosa; »wisset ein
für allemal, daß ich mir meine Freiheit unverkümmert vorbehalte und sie mir
von keiner lästigen Eifersucht beeinträchtigen oder stören lasse. Freilich
werde ich keinen übermäßigen Gebrauch davon machen, und Ihr werdet sehn,
wie eng ich meine Sittsamkeit mit meiner Ungebundenheit zu verbinden weiß.
Die erste Pflicht jedoch, die ich Euch auferlege, besteht darin, daß Ihr
Vertrauen in mich setzt; denn laßt Euch gesagt sein: Liebhaber, die der
Eifersucht nachgeben, sind entweder töricht oder vermessen.«
»Du hast den Satan im Kopf, Mädchen!« rief hier die alte Zigeunerin; »du
redest von Dingen, die kein Professor von Salamanka im Munde führt; du
weißt von Liebe, von Eifersucht, von Vertrauen: wie kommt das? Steh ich
doch vor dir wie eine Gans und höre dir zu wie einer, die in der Verzückung
Lateinisch redet, ohne es gelernt zu haben.«
»Schweigt, Großmutter,« antwortete Preziosa, »und wisset, daß alles, was
Ihr von mir hörtet, nur ein Kinderspiel ist im Vergleich zu den viel
wichtigeren Dingen, von denen mir das Herz voll ist.«
Preziosens Worte und der Geist, den sie verriet, gossen Öl in die Flamme,
die in der Brust des verliebten Kavaliers entbrannt war. Endlich kam man
überein, daß man sich nach acht Tagen an diesem Ort wiedersehn wollte; da
sollte er dann vom Stande seiner Angelegenheiten Nachricht geben, und sie
hätte inzwischen Zeit gefunden, sich von der Wahrheit seiner Angaben zu
überzeugen. Der Jüngling zog eine Börse aus Goldstoff hervor, die, wie er
sagte, hundert Goldtaler enthielt, und überreichte sie der Alten. Als
Preziosa durchaus nicht zugeben wollte, daß die Zigeunerin sie annahm,
bemerkte diese:
»Schweig, Kleine! Das sicherste Zeichen, daß der Herr sich gefangen gibt,
liegt eben in der Auslieferung seiner Waffen an den Sieger. Zu schenken,
sei es aus welcher Ursache es wolle, hat immer als Beweis eines großmütigen
Herzens gegolten. Denk an das alte Sprichwort: >Von Gott soll mans bitten
und in Scheffeln verschütten.< Überdies möchte ich nicht, daß die Zigeuner
durch mich den seit Jahrhunderten behaupteten Ruf verlören, sie seien
betriebsam und fürs Nehmen. Hundert Taler, meinst du, soll ich fahren
lassen, die man in den Saum eines Rockes, der keine zwei Realen wert ist,
einnähen und bei sich tragen kann wie eine Rente aus den Wiesen in
Estremadura? Und wenn nun einer von unsern Söhnen, Enkeln oder Verwandten
das Unglück hätte, der Justiz in die Hände zu fallen, könnte er eine
bessere Fürsprache vor dem Ohr des Richters und Gerichtsschreibers finden,
als wenn diese Taler in ihren Beutel wandern? War ich doch schon dreimal
wegen drei verschiedener Delikte eben daran, auf den Schandesel gesetzt und
gestäupt zu werden; aber das eine Mal ermöglichte mir eine silberne Kanne
den Rückzug, das andre Mal eine Perlenschnur und das drittemal vierzig
schwere Realen, die ich für leichte eingewechselt hatte, wobei ich nur
zwanzig in den Kauf zu geben brauchte. Bedenke, Kind, daß wir ein gar
gefährlich Handwerk treiben voller Schwierigkeiten und Fallstricke, und daß
es keine Hilfe gibt, die uns schneller zur Hand wäre und kräftiger unter
den Arm griffe, als die unbesiegten Waffen des großen Philipp; denn über
dies Nonplusultra geht nichts. Für eine Dublone mit ihren zwei Gesichtern
klärt sich das griesgrämige des Prokurators und sämtlicher Diener des
hochpeinlichen Gerichts auf, die wahre Stoßvögel für uns arme Zigeunerinnen
sind und sich mehr darauf einbilden, uns zu rupfen und zu schinden, als
einen Straßenräuber. Nie, so zerlumpt und erbärmlich sie uns auch sehn,
halten sie uns für arme Leute, sondern sie sagen, wir seien wie die Wämser
der Strauchdiebe aus Belmonte, zerrissen und schmutzig, aber voller
Dublonen.«
»Um des Himmels willen, Großmutter, hört auf, Ihr führt am Ende, um das
Geld behalten zu dürfen, so viele Gesetze an, daß Ihr den römischen Kaiser
überbietet. Behaltet es, wohl bekomms Euch, und wolle Gott, daß Ihr es in
ein Grab senkt, wo es das Tageslicht nie wieder zu sehn bekommt noch zu
sehn braucht. Unsern Begleiterinnen werden wir übrigens etwas davon abgeben
müssen, denn sie warten schon lange auf uns, und sie werden verdrießlich
geworden sein.«
»Von diesem Geld sollen sie so wenig zu Gesicht bekommen«, erwiderte die
Alte, »wie vom Großtürken. Der gute Herr da sieht wohl nach, ob er noch
einiges Silbergeld oder ein paar Viertelstücke hat; die will ich unter sie
verteilen, denn sie sind mit dem Geringsten zufrieden.«
»Die habe ich,« entgegnete der Liebhaber und zog drei schwere Realen aus
der Tasche, die jene sofort unter die drei Zigeunermädchen verteilte und
sie froher und zufriedener machte als einen Theaterdichter, den man nach
einem Wettstreit an den Straßenecken als Sieger ausruft. -- Es wurde also,
wie schon gesagt, beschlossen, in acht Tagen wieder zusammenzukommen, den
jungen Mann aber, falls er Zigeuner würde, den >Herren-Andres< zu nennen,
weil es schon mehrere Zigeuner dieses Namens unter ihnen gab. Andres, denn
so wollen auch wir ihn fortan nennen, wagte es nicht, Preziosa zu umarmen,
übergab ihr aber mit einem Blick seine ganze Seele und machte sich, wenn
man so sagen darf, ohne Seele auf den Weg nach Madrid; die andern folgten
ihm in vergnügtester Stimmung. Preziosa, in der durch das gewinnende Wesen
des Andres wenn auch noch keine Liebe, so doch eine gewisse Zuneigung
geweckt war, wollte sich gern bald erkundigen, ob er wirklich der sei, für
den er sich ausgab. Sie kam in die Stadt, und kaum war sie durch einige
Straßen gegangen, als sie dem Pagen begegnete, von dem die Verse mit dem
eingewickelten Goldtaler stammten. Sobald er ihrer ansichtig wurde, trat er
auf sie zu und sprach: »Guten Tag, Preziosa; hast du vielleicht die Verse
schon gelesen, die ich dir neulich gab?«
Preziosa erwiderte: »Ehe ich dir eine Antwort gebe, mußt du mir ohne allen
Rückhalt und beim Leben dessen, was du am meisten liebst, etwas sagen.«
»Einer solchen Beschwörung«, entgegnete der Page, »kann ich nicht
widerstehen, sollte mich meine Geschwätzigkeit auch das Leben kosten.«
»Nun, ich wünsche von dir zu erfahren,« antwortete Preziosa, »ob du etwa
ein Dichter bist?«
»Wäre ich es, so müßte ich es zufällig geworden sein,« versetzte der Page;
»du mußt jedoch wissen, Preziosa, daß nur sehr wenige den Namen eines
Dichters verdienen, und so bin denn auch ich keiner, sondern nur ein
Liebhaber der Dichtkunst und brauche mir deshalb für meine eignen Zwecke
keine fremden Verse zu erbetteln. Die ich dir neulich gab, sind von mir,
und die ich dir jetzt gebe, ebenfalls; darum bin ich aber noch kein
Dichter: davor soll mich Gott bewahren!«
»Ist es denn so schlimm, ein Dichter zu sein?« fragte Preziosa.