Achter Auftritt

Henriette. Adrast.

Henriette. Wo stecken Sie denn, Adrast? Man hat schon zwanzigmal

nach Ihnen gefragt. Oh! schämen Sie sich, daß ich Sie zu einer Zeit

suchen muß, da Sie mich suchen sollten. Sie spielen den Ehemann zu

zeitig. Doch getrost! vielleicht spielen Sie dafür den Verliebten

alsdann, wann ihn andre nicht mehr spielen.

Adrast. Erlauben Sie, Mademoiselle; ich habe nur noch etwas Nötiges

außer dem Hause zu besorgen.

Henriette. Was können Sie jetzt Nötigers zu tun haben, als um mich zu

sein?

Adrast. Sie scherzen.

Henriette. Ich scherze?--Das war ein allerliebstes Kompliment!

Adrast. Ich mache nie welche.

Henriette. Was für ein mürrisches Gesicht!--Wissen Sie, daß wir uns

über diese mürrischen Gesichter zanken werden, noch ehe uns die

Trauung die Erlaubnis dazu erteilt?

Adrast. Wissen Sie, daß ein solcher Einfall in Ihrem Munde nicht eben

der artigste ist?

Henriette. Vielleicht, weil Sie glauben, daß die leichtsinnigen

Einfälle nur in Ihrem Munde wohl lassen? Unterdessen haben Sie doch

wohl kein Privilegium darüber?

Adrast. Sie machen Ihre Dinge vortrefflich. Ein Frauenzimmer, das so

fertig antworten kann, ist sehr viel wert.

Henriette. Das ist wahr; denn wir schwachen Werkzeuge wissen sonst

den Mund am allerwenigsten zu gebrauchen.

Adrast. Wollte Gott!

Henriette. Ihr treuherziges Wollte Gott! bringt mich zum Lachen, so

sehr ich auch böse sein wollte. Ich bin schon wieder gut, Adrast.

Adrast. Sie sehen noch einmal so reizend aus, wenn Sie böse sein

wollen; denn es kömmt doch selten weiter damit, als bis zur

Ernsthaftigkeit, und diese läßt Ihrem Gesichte um so viel schöner, je

fremder sie in demselben ist. Eine beständige Munterkeit, ein immer

anhaltendes Lächeln wird unschmackhaft.

Henriette (ernsthaft). Oh! mein guter Herr, wenn das Ihr Fall ist,

ich will es Ihnen schmackhaft genug machen.

Adrast. Ich wollte wünschen,--denn noch habe ich Ihnen nichts

vorzuschreiben,--

Henriette. Dieses Noch ist mein Glück. Aber was wollten Sie denn

wünschen?

Adrast. Daß Sie sich ein klein wenig mehr nach dem Exempel Ihrer

ältesten Mademoisell Schwester richten möchten. Ich verlange nicht,

daß Sie ihre ganze sittsame Art an sich nehmen sollen; wer weiß, ob

sie Ihnen so anstehen würde?--

Henriette. St! die Pfeife verrät das Holz, woraus sie geschnitten

ist. Lassen Sie doch hören, ob meine dazu stimmt?

Adrast. Ich höre.

Henriette. Es ist recht gut, daß Sie auf das Kapitel von Exempeln

gekommen sind. Ich habe Ihnen auch einen kleinen Vers daraus

vorzupredigen.

Adrast. Was für eine Art sich auszudrücken!

Henriette. Hum! Sie denken, weil Sie nichts vom Predigen halten.

Sie werden finden, daß ich eine Liebhaberin davon bin. Aber hören Sie

nur:--(In seinem vorigen Tone.) Ich wollte wünschen,--denn noch habe

ich Ihnen nichts vorzuschreiben,--

Adrast. Und werden es auch niemals haben.

Henriette. Ja so!--Streichen Sie also das weg.--Ich wollte wünschen,

daß Sie sich ein klein wenig mehr nach dem Exempel des Herrn Theophans

bilden möchten. Ich verlange nicht, daß Sie seine ganze gefällige Art

an sich nehmen sollen, weil ich nichts Unmögliches verlangen mag; aber

so etwas davon würde Sie um ein gut Teil erträglicher machen. Dieser

Theophan, der nach weit strengern Grundsätzen lebt, als die Grundsätze

eines gewissen Freigeistes sind, ist allezeit aufgeräumt und

gesprächig. Seine Tugend, und noch sonst etwas, worüber Sie aber

lachen werden, seine Frömmigkeit--Lachen Sie nicht?

Adrast. Lassen Sie sich nicht stören. Reden Sie nur weiter. Ich

will unterdessen meinen Gang verrichten, und gleich wieder hier sein.

(Geht ab.)

Henriette. Sie dürfen nicht eilen. Sie kommen, wann Sie kommen: Sie

werden mich nie wieder so treffen.--Welche Grobheit! Soll ich mich

wohl darüber erzürnen?--Ich will mich besinnen. (Geht auf der andern

Seite ab.)

(Ende des dritten Aufzuges.)

Der Freigeist · 第 71 / 123 题