Theophan. Noch besser! Aber ich sehe, Lisette hat Verstand--

Lisette. Verstand? Auf das Kompliment weiß ich, leider! nichts zu

antworten. Auf ein anders: Lisette ist schön, habe ich wohl ungefähr

antworten lernen: Mein Herr, Sie scherzen. Ich weiß nicht, ob sich

diese Antwort hieher auch schickt.

Theophan. Ohne Umstände!--Lisette kann mir einen Dienst erzeigen,

wenn sie mir ihre wahre Meinung von Julianen entdeckt. Ich bin gewiß,

daß sie auch in ihren Mutmaßungen nicht weit vom Ziele treffen wird.

Es gibt gewisse Dinge, wo ein Frauenzimmerauge immer schärfer sieht,

als hundert Augen der Mannspersonen.

Lisette. Verzweifelt! diese Erfahrung können Sie wohl nimmermehr aus

Büchern haben--Aber, wenn Sie nur acht auf meine Reden gegeben hätten;

ich habe Ihnen bereits meine wahre Meinung von Julianen gesagt. Sagte

ich Ihnen nicht, daß mir ihre Liebe ein gar zu vernünftiges Ansehen zu

haben scheine? Darin liegt alles, was ich davon denke. Überlegung,

Pflicht, vorzügliche Schönheiten der Seele--Ihnen die Wahrheit zu

sagen, gegen so vortreffliche Worte, in einem weiblichen Munde, mag

ein Liebhaber immer ein wenig mißtrauisch sein. Und noch eine kleine

Beobachtung gehöret hieher: diese nämlich, daß sie mit den schönen

Worten weit sparsamer gewesen, als Herr Theophan allein im Hause war.

Theophan. Gewiß?

Lisette (nachdem sie ihn einen Augenblick angesehen). Herr Theophan!

Herr Theophan! Sie sagen dieses Gewiß mit einer Art,--mit einer Art,--

Theophan. Mit was für einer Art?

Lisette. Ja! nun ist sie wieder weg. Die Mannspersonen! die

Mannspersonen! Und wenn es auch gleich die allerfrömmsten sind--Doch

ich will mich nicht irremachen lassen. Seit Adrast im Hause ist,

wollte ich sagen, fallen zwischen dem Adrast und Julianen dann und

wann Blicke vor--

Theophan. Blicke?--Sie beunruhiget mich, Lisette.

Lisette. Und das Beunruhigen können Sie so ruhig aussprechen, so

ruhig--Ja, Blicke fallen zwischen ihnen vor; Blicke, die nicht ein

Haar anders sind, als die Blicke, die dann und wann zwischen Mamsell

Henrietten und dem vierten vorfallen--

Theophan. Was für einem vierten?

Lisette. Werden Sie nicht ungehalten. Wenn ich Sie gleich den

vierten nenne, so sind Sie eigentlich doch in aller Absicht der erste.

Theophan (die ersten Worte beiseite). Die Schlaue!--Sie beschämt mich

für meine Neubegierde, und ich habe es verdient. Nichtsdestoweniger

aber irret Sie sich, Lisette; gewaltig irret Sie sich--

Lisette. O pfui! Sie machten mir vorhin ein so artiges Kompliment,

und nunmehr gereuet es Sie auf einmal, mir es gemacht zu haben.--Ich

müßte gar nichts von dem Verstande besitzen, den Sie mir beilegten,

wenn ich mich so gar gewaltig irren sollte.--

Der Freigeist · 第 31 / 123 题