Gebet um Reinheit

Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche.

Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder.

Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens,

Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände

spülen.

O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen!

O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt!

Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und

spülst,

Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle?

Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises.

Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend

der Waschung wartet.

Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne

wahr zu sein.

Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner

Eitelkeit verstummt.

Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen,

Und ich, mein Vater, folge ihm, und singe einen Psalm hier wider meinen

Feind!

Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht

einmal sosehr, um uns Feinde zu sein.

Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt,

und an alle meine Tore pocht.

Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und

Völlerei treibt,

Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster

die Hungrigen drängen.

Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre

raucht und fett wird,

Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner

Seele verpraßt.

Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz

verkehrt und in Selbstbetrug.

Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und

meine Liebe mit Trägheit erstickt,

Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur

Wollust des Sieges an den Spieltischen,

Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.

Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich

zu dieser Zwieheit gemacht?

Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o

Du Gewässer!

Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die

Zahl Zwei.

Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur

Waschung.

Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen

Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!

Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten,

selig die einfach Bösen!

Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und

abnehmenden Gegenspieler.

O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir!

Gesänge aus den drei Reichen: Ausgewählte Gedichte · 第 65 / 80 题