Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein
fremdes Bette.
Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der
aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte.
Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen
Dorfes und ich
Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.
Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf
meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet.
Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet,
betet heiser.
Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um
Fieber zu messen;
Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte
des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!
O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und
geschlagen.
Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden.
Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge,
gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im
Frevel und wertlos in der Reue,
Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht -- mein
Richter -- und muß mich hassen!
Ich bekenne -- und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts
dagegen, bekenne dennoch:
Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und
schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch --
Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit
zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung,
Sorge mit sorglosem Schwachsinn.
Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden
Vieh vergleiche.
Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich
wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe.
Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach
ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht.
Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage?
Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der
Schuld empören?!
Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht
ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter.
Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht,
Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich.
Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten
Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken!
Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du
bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.
Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an
meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn.
Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu,
und mache diesen Gesang den Schlafenden kund.
Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich,
ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit
des Herzens!
Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.
Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und
ruhig atmen.
Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und
Gestern, dies Immer und Ewig!
Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über
diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist.
Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen
und großen Steppen schenken!