6. Hirtenlieder.

Bei dem Hüten des Viehes lassen die „Kühjungen“ lautschallende Lieder

ertönen. -- Die unter Nr. 874 und 875 ausgeführten Reime sind zu

Michaelis gebräuchlich, von wo an der Hirt, wie bereits (642) erwähnt,

„über und über“ hüten darf.

871. Horaus! jetzt treibt der faule Kuhhirt aus.

Meine Küh sind lange ’raus.

Wenn ich austreib, liegst Du noch im Bett.

Du fauler Hirt hast ausgeheckt

Drei Mandeln junge Ziegenbock

Sind alle verreckt.[55]

O he ho, o he ho!

872. Treib ei, treib ei, du fauler Hert,

Wenn ich austreib, liegst du noch lang im Bett.

Meine Küh sei olle saat.

Deine ha’n net viel gefressen,

Weil d’ bist uff der Ufenbank gesessen.

873. Hohrei! Hohrei!

Meine Küh sind alle ’rei

’s fehlt mer nur e Ziegenbuck:

Wo muß der sei hingehuppt?

’nuner in dos Niederland,

Wo die reichen Bauern sitzen

Mit den langen Zippelmützen,

Die den Quark mit Löffeln fressen

und das Geld mit Scheffeln messen.[56]

874. Michel ist vorüber,

Nu hüt ich über und über.

Hüt ich nei in Kraut und Mähren,[57]

Ka mer der Bauer nischt verwehren.

Un wen der Bauer ’raus kimmt,

Setz ich mich auf den Geiselstäcken[58]

Un thu d’n Bauer den Buckel zu räcken.

875. Michele is do,

Dee Herten sind fruh,[59]

Den Bauern is leed[60]

Um schlecht’s Bissel Weed.[61]

[55] +verreckt+, krepirt, gestorben.

[56] Dieses Lied findet sich fast gleichlautend bei +Simrock+, das

deutsche Kinderbuch, Nr. 492.

[57] +Mähren+, Möhren.

[58] +Geiselstäcken+, Peitschenstecken.

[59] +fruh+, froh.

[60] +leed+, leid, bange.

[61] +Weed+, Weide.

Aberglauben, Sitten und Gebräuche des sächsischen Obererzgebirges: Ein Beitrag zur Kenntnis des Volksglaubens und Volkslebens im Königreich Sachsen · 第 49 / 54 题