§ 60. 1. +Feste und Vergnügungen der unerwachsenen Jugend.+ Jede
Jahreszeit bringt der Kinderwelt bis zu ihrem Austritt aus der Schule
und darüber hinaus besondere Vergnügungen, die nach der verschiedenen
Gegend ihr Charakteristisches haben und weil sie den Gesichtskreis
des heranwachsenden Geschlechtes mit bedingen helfen, nicht ohne
kulturhistorische Bedeutung sind.
~a.~ Der +Winter+: 614. Das hauptsächlichste Wintervergnügen ist das
sogenannte „Ruscheln“, d. h. Herabfahren von Anhöhen auf kleinen
Schlitten. Es wird mit seltener Ausdauer und Kühnheit schon von
vierjährigen Knaben und Mädchen getrieben und hat selbst unter den
Erwachsenen entschiedene Anhänger. Allerdings wird es auch durch
die bergige Gegend wesentlich begünstigt. -- 615. Daß daneben das
sogenannte „Zschinnern“, Schlittschuhfahren, Schneebataillen und
Anderes nicht fehlen, ist selbstverständlich.
~b.~ +Frühling.+ 616. Am 1. April hat man sich gegenseitig zum
Besten. Wer sich anführen läßt, wird „Aprilnarr“ genannt (allg.),
vgl. 592. -- 617. Sobald die ersten Frühlingsblumen zum Vorschein
kommen, wandern die Kinder hinaus in Wald und Flur, um Blumensträuße
zu pflücken; namentlich haben die Himmelschlüssel (~primula veris~)
zahlreiche Freunde. -- 618. Die erwachsenen Knaben betheiligen sich
bei dem Viehaustreiben, das gewöhnlich am ersten Mai (vgl. § 12
~c~) seinen Anfang nimmt. Die Hirten entwickeln ein gemüthliches
Naturleben: Eine Hauptunterhaltung ist das Knallen mit ihren großen
Peitschen, worin jeder den anderen zu übertreffen sucht. Oder sie
rufen sich gegenseitig von entfernten Höhen mit lauter Stimme zu:
„I nu aha, welle Zeit is deh? aha!“ Die Gegenantwort lautet: „Uem
die gestrige Zeit“ (Geiersdorf), vgl. 642. -- 619. Das +Anschlagen+,
ein Kinderspiel, das etwa seit 1840 aufgekommen ist, wird gespielt,
sobald die Straßen vom Winterschnee trocken sind. Man wirft einen
Spielpfennig mit der Breitseite an eine Häuserwand und sucht dadurch
denselben möglichst weit abzuprellen. Wessen Pfennig am weitesten
fällt, hat gewonnen. -- 620. Wenn die Frühlingswinde wehen, lassen
die Knaben +Drachen+ steigen, ein Vergnügen, das etwa seit 1810 auf
unseren Bergen heimisch geworden ist. -- 621. Aelter ist das Schießen
mit sogenannten +Himmelsbolzen+. Ein solcher Bolzen ist ein von
weichem Holz geschnitzter Pfeil, etwa eine halbe Elle lang, in der
Mitte mit einer Kerbe. Dazu gehört ein biegsames Stäbchen mit einer
Schnur, an deren Spitze ein kleines Hölzchen befestigt ist. Letzteres
legt man in die Kerbe, nimmt den Pfeil mit der Spitze zwischen Daumen
und Zeigenfinger der linken Hand und schnellt ihn nun mittelst des
peitschenartigen Stäbchens durch die rechte Hand in die Höhe. -- 622.
Auch das +Stelzenlaufen+ ist sehr gebräuchlich und wird mit großer
Virtuosität betrieben.
~c.~ +Sommer+: Im Zusammenhange mit den zuletzt erwähnten
Unterhaltungen des Knabenalters schließen wir eine kurze Uebersicht
der gebräuchlichsten +Spiele+ der Sommerzeit an, insofern sie etwas
Charakteristisches an sich tragen:
§ 61. ~aa.~ +Spiele der Knaben dieses Jahrhunderts in Annaberg+ waren:
623. Das „+Hödern+.“ Die Spielenden bilden einen Kreis. Einer zählt aus
und wen das letzte Wort trifft, muß „hödern,“ d. h. Einen aus der Zahl
der Mitspielenden, die alsbald nach allen Seiten aus einander stieben,
zu fangen suchen. -- 624. Das +Spittelschlagen+. Jeder Spielende hat
ein ohngefähr eine Elle langes, an der einen Seite zugespitztes Holz
von der Stärke einer Bohnenstange. Dieser Spittel (wohl Deminutiv von
Spaten?) wird von einem der Spielenden mit wuchtender Hand fest in den
Boden eingehauen. Ein anderer sucht nun, indem er einen Stab dicht
neben dem des ersten einschlagen läßt, diesen herauszuschlagen und so
fort die übrigen Spieler. Wer den Spittel des anderen herausschlägt,
ist Sieger. -- 625. Das +Schweinchenschlagen+ (vgl. 635). Jeder
Mitspieler, bewaffnet mit einem kurzen Stock, macht vor seinem Platze
ein kleines, rundes Loch in die Erde. In der Mitte des Kreises, den man
gebildet, liegt ein rundlicher Stein oder eine kleine Kugel. Diese
beginnt man nun mit den Stöcken zutreiben. Wer sie also schlägt, daß
sie in eines der Löcher rollt, empfängt von dem Betroffenen einen
Gewinn. -- 626. Außerdem übte man seinen Muth, seine Kraft und List
in großen Schlachten, die man sich auf und an den alten Berghalden
lieferte und wo es mitunter nicht ohne blutige Köpfe ablief.
§ 62. ~bb.~ +Knabenspiele der Gegenwart+ (gesammelt 1858): 627. +Räuber
und Schütz.+ Eine Partei macht die Räuber, die sich verstecken.
Auf ein von diesen gegebenes Zeichen bricht die andere Rotte, die
Schützen, auf, um dieselben zu suchen und zu greifen. -- 628. +Fuchs
in’s Loch+: Einer der Gesellschaft ist Fuchs, der seinen Bau (Loch) an
einem bestimmten Platze (einem Baume, Steine etc.) hat. Die Uebrigen
umkreisen denselben neckend und der Fuchs sucht einen derselben mit
seinem Plumpsack zu schlagen, muß aber dabei, sobald er über das ihm
angewiesene beschränkte Revier hinausgeht, auf Einem Beine hüpfen.
Gelingt es ihm, einen Anderen zu treffen, so wird dieser an seiner
Stelle Fuchs. -- 629. +Stando.+ Einer aus der Gesellschaft wirft
einen Ball gegen eine Wand und ruft einen auf, der ihn fangen soll,
während die Anderen die Flucht ergreifen. Sobald letzterer den Ball
gefangen, ruft er: „stando!“ bei welchem Wort Jeder auf seinem Platze
stehen bleibt. Der Ballinhaber wirft nun nach Einem, trifft er ihn, so
übernimmt dieser das Ballwerfen, wo nicht, so erhält der Fehlwerfer
von Jedem einen Schlag. -- 630. +Katze und Maus.+ Die Gesellschaft
bildet einen Kreis. Eine Person, die Katze, ist außerhalb des Kreises,
eine andere, die Maus, innerhalb desselben. Hierauf beginnt die Katze:
„Mäuschen, Mäuschen, komm heraus!“ worauf die Maus erwiedert: „Ich
komm’ dir doch nicht ’raus!“ Darauf die Katze: „Kratz’ ich dir die
Augen ’raus!“ und die Maus: „Fahr ich zu mein’ Löchel ’naus.“ Die
Katze sucht nun in den Kreis zu dringen; gelingt ihr dieses, so muß
die Maus heraus gelassen und die Katze zurückgehalten werden. Erhascht
die Katze die Maus, so werden zwei andere zu diesen Rollen gewählt. --
631. +Mauerbrechen.+ Die Gesellschaft bildet zwei Abtheilungen, die
mit den Händen fest zusammenhalten. Von der einen Partei wird Einer
gewählt, der die andere Reihe zu durchbrechen sucht, kommt er bei
dreimaligem Anlauf nicht hindurch, so muß er „Spießruthen laufen“.
-- 632. +Schlange.+ Die ganze Gesellschaft bildet durch Handreichen
eine lange Reihe. Der erste beginnt nun in verschiedenen Wendungen
zu laufen und ihm nach müssen die Anderen, sich fest an den Händen
haltend, in derselben Richtung ziehen. -- 633. +Krimmer+ (d. i.
Habicht). Man zählt aus und der Getroffene ist der Krimmer. Dieser
sucht die Anderen, die sich zerstreuen und ihn mit dem Verschen necken:
„Krimmerle, Krimmerle, geck, geck, Schneit mer meine Haare weg,“ mit
seinem Plumpsack zu treffen und dadurch zu seinen Gefangenen und
Mithelfern zu machen. Das Spiel dauert so lange, bis Alle in die Gewalt
des Krimmers gekommen sind -- 634. +Anbrennen.+ Man zählt aus. Der
Zurückgebliebene stellt sich mit zugehaltenen Augen an einen Baum und
zählt laut bis zu einer bestimmten Zahl. Unterdeß verstecken sich die
übrigen. Nun sucht er. Entfernt er sich jedoch zu weit vom Baume, so
springt ein Mitspieler schnell aus seinem Versteck hervor und eilt dem
Baume zu. Der Häscher rennt auch dahin. Kommt jener eher, so befreit er
sich vom weiteren Mitspielen, indem er dreimal an den Baum pocht und
ruft: „eins, zwei, drei erlöst“. Kommt jedoch der Haschende zuerst an
den Baum, und pocht dreimal an den Baum mit den Worten: „N. N. eins,
zwei, drei angebrannt“, so wird der Andere dadurch sein Gefangener.
Sind alle wieder versammelt, so wird der zuerst Angebrannte jetzt der
Anbrennende. -- 635. +Sautreiben+ (vgl. 625). Die Zahl der Spielenden
darf nicht zu groß sein. Es sind z. B. sechs, so gräbt man in einem
Kreis fünf kleine Löcher und in die Mitte ein größeres. Jeder Spieler
ist mit einem kurzen Stock bewaffnet, und außerdem braucht man noch die
sogenannte Sau, ein Stück Holz oder sonst einen Körper, der sich leicht
fortschlagen läßt. Nun stellt man sich an, indem die sechs Spielenden
mit ihren Knitteln die „Sau“, die abseits an der Erde liegt, halten.
Einer zählt: „eins, zwei, drei.“ Bei drei eilen alle den Erdlöchern
zu, um die kleinern zu besetzen. Der dem dies nicht gelingt, ist der
„Sautreiber“, oder „Saumelker.“ Dieser sucht nun die Sau in das große
Loch in der Mitte hineinzubringen, was aber die andern zu verhindern
streben, indem sie dieselbe mit den Knütteln fortschlagen. Dabei aber
müssen sie dem Sautreiber gegenüber stets ihre Stöcke in das von ihnen
besetzte Erdloch halten, denn gelingt es jenem in ein leerstehendes
seinen Stab zu stoßen, so kommt der Hinausgetriebene an seine Stelle.
Ebenso ist er erlöst, wenn die Sau in das große Loch gelangt, wo dann
das Spiel von neuem beginnt. Vgl. 619-622 und +Vogelsang+, Turnlehrer
in Annaberg, Leitfaden beim Unterrichte im Turnen, 2. Aufl. Annaberg
1862, S. 88 ff.
§ 63. Das Hauptfest in Annaberg für alle schulpflichtigen Kinder ist
das +Schulfest+, das die ganze Stadt in freudige Aufregung setzt. Ehe
wir aber zur näheren Beschreibung desselben übergehen, wollen wir des
+früheren+ Schulfestes, des Gregoriusfestes, gedenken, welches bis
zum Jahre 1824 die in Annaberg damals bestehende „lateinische Schule“
feierte.
636. Das +Gregoriusfest des Lyceums+: Dasselbe begann am Montag nach
dem Sonntag Rogate und dauerte bis Mittwoch vor Himmelfahrt. Schon
vier bis fünf Wochen vorher begann das Ueben der Trommler und Pfeifer.
Jene bestanden aus Primanern, diese aus Sekundanern. Nach vier Uhr,
wenn die Schulstunden zu Ende waren, mußten die „Serviteure“, d.
h. die unteren Alumnen, die Trommeln vor das Thor tragen. Von den
unteren Klassen schlossen sich mehrere freiwillig an. Draußen fanden
sich dann auch die Schüler der oberen Klassen dazu und übten sich
nun tüchtig auf der Trommel und der Pikelpfeife. Dies war schon ein
Vorgeschmack von den Freuden des eigentlichen Festes. Dieses selbst
wurde am +Montag+, früh 3 Uhr mit Reveille eröffnet, wobei die
Trommler und Pfeifer, sämmtlich kostümirt in rothen Collets mit blauen
Aufschlägen, abwechselnd aufspielten. Um 6 Uhr wurde Appell geschlagen
und nun strömte Alles herbei, was zur Schule gehörte. Alle Schüler,
vom obersten bis zum untersten, waren verkleidet: da gab es Husaren,
Dragoner, Schäfer, Köche, Jäger u. s. w., besonders viele Harlekine
mit Pritschen. Von den höheren Klassen hatten sich mehrere beritten
gemacht -- wer nur irgend eine Mähre auftreiben konnte, entlehnte sie
-- und paradirten kostümirt und mit Seitengewehren verschiedener Art
bewaffnet stolz zu Roß. Diese Reiterei zog nun abgesondert durch die
Gassen der Stadt und machte auch Ausflüge nach Klein-Rückerswalde,
Frohnau und Buchholz. Die Nichtberittenen dagegen begannen 7 Uhr
ihren Umzug durch die Stadt. Voran ging die Schulfahne, dann folgte
die Musik, bestehend aus Geigen und einer Baßgeige, die von Schülern
des Sängerchors gespielt wurden, darnach kam das Lehrerkollegium und
endlich die Schüler aller fünf Klassen. An der Seite schritten zwei
Primaner mit Sparbüchsen, welche die Beiträge, die aus jedem Hause
verabreicht wurden, einsammelten. Dieser Umzug dauerte bis 9 Uhr. Um
10 Uhr begann das Theater in dem zweiten Stockwerk des Rathhauses.
Gewöhnlich kam ein deutsches Lustspiel zur Aufführung, mitunter auch
eine deutsche Oper. Sämmtliche Spielende waren Primaner und Sekundaner,
denen ausnahmsweise auch einzelne Tertianer beigegeben wurden.
Die Spielenden waren natürlich entsprechend kostümirt und machten
ihre Sachen nach Verhältniß recht gut. Nach Beendigung der Komödie
begaben sich Alle zum Mittagsessen nach Hause und um 2 Uhr begann
abermals ein Umzug durch die Stadt, der bis nach 5 Uhr dauerte. Zum
Zapfenstreich ½8 Uhr fanden sich wieder alle Schüler, größtentheils in
Mißgestalten verwandelt, mit scheußlichen Larven vor den Gesichtern,
an der Schule ein. Da gab es Gespenster, Wechselbälge von allen Größen
u. dergl., selbst Nichtschüler mischten sich unter die Masken. Die
Primaner trommelten und spielten die Janitscharenmusik, zu der die
Schule sämmtliche Instrumente besaß, die übrige Musik besorgten die
Stadtmusici und so durchzog der Zapfenstreich die ganze Stadt bis in
die kleinsten und abgelegensten Gassen. Bei den Wohnungen der Behörden
und sonstiger Notabilitäten wurde Halt gemacht und ein kurzes Ständchen
gebracht, wofür nicht selten eine Erfrischung in Bier verabreicht
wurde. Nach 10 Uhr traf der Zug wieder an der Schule ein, worauf Alles
nach Hause strömte. -- +Dienstag+, der zweite Tag, verlief ähnlich
wie der erste, früh 3 Uhr Reveille, dann um 6 Uhr Appell, dann der
erste Umzug, hierauf wieder Aufführung eines zweiten Lustspieles im
Rathhause und nach Tische der zweite Umzug. Letzterer sammelte sich
gegen 4 Uhr auf dem Marktplatz unter Anschluß der Reiterei. Von dieser
hatte Jeder auf seinen blankgezogenen Säbel eine Citrone gesteckt und
so ritten sie mehrmals im Kreise auf dem Platze umher. Dann zogen
Alle, die Reiterei voran, nach der Schule zurück, worauf man sich nach
Hause begab, um sich ½8 Uhr zum Zapfenstreich einzufinden, der auch
diesmal den Tag beschloß. -- +Mittwoch+, als dem dritten Tag, war keine
Reveille. Um 8 Uhr fand ein grotesker Aufzug statt, dessen Kostüm früh
erst angeordnet und bekannt gemacht wurde. Ein Mal wurden lauter Mohren
dargestellt und sämmtliche Schüler erschienen dann schwarz gefärbt, ein
anderes Mal kamen andere Wilde zur Vorführung u. dergl. Unter Vortritt
der Janitscharenmusik ging es nun durch die ganze Stadt; an beiden
Seiten gingen Schüler mit Sparbüchsen, deren Einnahme, die aus allen
Häusern gesammelt wurde, man zu dem am Abend zu veranstaltenden Balle
verwendete. Kehrte der Zug gegen 12 Uhr von seiner Wanderung an die
Schule zurück, so trat der Präfekt vor die Fenster des Rektors, der
im Schulgebäude wohnte, und brachte dem Superintendenten, sämmtlichen
Behörden, dem Rektor u. s. w. ein Lebehoch, welches von Allen dreimal
wiederholt ward. Um 2 Uhr war Alles abermals auf dem Platze, die
oberen Schüler in gewöhnlichem, anständigem Anzuge, die kleine
Gesellschaft aber noch in ihrem Festkostüm. Es begann der Auszug nach
einem vor dem Thore gelegenen öffentlichen Orte (das eine Jahr nach
„Gensel’s Garten“, das andere nach dem Schießhaus) unter schallender
Janitscharenmusik. Dort angekommen unterhielt sich Jeder auf seine
Weise, die Schüler der oberen Klassen tranken Bier und rauchten Tabak
aus Thonpfeifen, die der unteren hielten sich schadlos an Kuchen, den
die Frau des Schulkalfaktors daselbst feilhielt. Gegen Abend wurden die
drei unteren Klassen entlassen, Prima und Sekunda aber begaben sich in
die Stadt, um die von den Eltern erbetenen Mädchen zum Balle abzuholen.
Dieser dauerte gewöhnlich so lange, bis die Glocken zum Gottesdienst
des Himmelfahrtfestes riefen. So endete das Fest. -- Einige Tage später
gab der Rektor dem ganzen Lehrerkollegium einen solennen Schmaus. Er
konnte dieses um so eher, da ihm die Einnahme bei dem ersten Umzug, das
Eintrittsgeld bei dem zweimaligen Theater und das sogenannte Rollengeld
(jeder Schüler, der in einem Stücke auftrat, mußte diese Bevorzugung
mit einem entsprechenden Betrage von 10 Neugroschen bis einen Thaler
vergüten) zuflossen. Alle diese Gaben hingen zwar von dem Belieben des
Einzelnen ab, fielen aber oft sehr reichlich aus. -- 637. Ein früherer
Lyceist, der vor drei Jahren (1859) hochgeachtet und hochbetagt starb,
urtheilte über dieses Fest also: „Ich werde die drei so fröhlich
verlebten Tage nie vergessen. Freilich würde dieses Fest jetzt bei dem
höheren Bildungsgrade als abgeschmackt erscheinen, allein das damalige
Publikum (um 1800) vertrug schon etwas und die tolle Lust der Jugend
fand allgemeinen Beifall und Theilnahme. Die Spenden fielen reichlich
aus und Jeder trug sein Scherflein bei. Das Wetter hat uns immer
begünstigt. Auch kann ich mich nicht entsinnen, daß nur ein Mal ein
Exceß dabei geschehen oder daß Jemand zu Schaden gekommen wäre.“
§ 64 (638). +Das Schulfest der Bürgerschule.+ Dieses seit Errichtung
einer Bürgerschule im Jahre 1835 gebräuchliche Fest hat der Natur
der Sache nach einen ächt kindlichen Charakter, erfreut sich aber
dessenohngeachtet oder vielmehr eben deshalb der entschiedenen Gunst
des Publikums der Gegenwart. Es fällt auf keinen bestimmten Tag,
sondern wird je nach Umständen, gewöhnlich an zwei ersten Wochentagen
im Spätsommer abgehalten. Schon mehrere Tage vorher rüstet sich Alles
darauf. Die Mütter sorgen für nette Kleidung namentlich der Mädchen;
da wird genäht, gewaschen und geplättet, Kränze gewunden und allerlei
Festschmuck, Fähnchen, Stäbe u. s. w., neu aufgeputzt. Draußen vor dem
Thore, auf dem Schießhause und dem umgebenden Platze läßt man es auch
nicht an Vorkehrungen fehlen. Es werden Buden aufgeschlagen, Schaukeln
errichtet, „Reitschulen“ (Karoussels) aufgebaut u. dergl.; ganze Lager
Bier werden hinausgeschafft und die Bäcker bereiten sich auf vermehrten
Absatz vor. Am Tage vor dem Feste windet man Kränze und Guirlanden im
Schulhause, womit man das Gebäude im Inneren und auswendig festtäglich
anputzt. Ist endlich der +erste Festtag+ angebrochen, so durchziehen
vier Tamboure in der 7. Morgenstunde die Stadt, um den sehnsüchtig
harrenden Kindern das Zeichen zum Sammeln zu geben. Alsbald strömen
Schüler und Schülerinnen, diese meist mit Kränzen, die an einem Stab
getragen werden, jene mit grün und weißen Fähnlein, in festlichem
Schmuck fröhlich und lustig nach dem Schulgebäude. Zunächst sammeln sie
sich in den verschiedenen Klassen und werden von da, geordnet von ihren
Lehrern, auf den angrenzenden Neumarkt geführt. Hier stellt sich die
gegen achtzehnhundert Köpfe betragende Kinderschaar, voran die unteren
Abtheilungen, auf, und gegen 8 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung.
Eröffnet wird derselbe durch den Primus der ersten Bürgerschulklasse,
der als Zeichen seiner Würde einen Marschallsstab trägt und geleitet
von seinen beiden Schulnachbarn langsam vorwärts schreitet. Hierauf
folgt das erste Musikchor, das einen munteren Marsch aufspielt, und
hinter demselben die Fahne der „Bürgerschule“, von einem Zögling
derselben getragen. Diesem Kopfe des Zuges schließt sich der Cötus an
und zwar zunächst die vier unteren Klassen der Bürgerschule. Jeder
Klasse schreitet bei den Knaben der Träger der Klassenfahne, bei den
Mädchen die Trägerin einer an einem Stab befestigten Lyra, voran. Etwa
in der Mitte des Zuges läßt ein zweites Musikchor seine heiteren Klänge
ertönen und nach diesem kommen drei Knaben, deren mittelster die Fahne
der gesammten Bürgerschule (d. h. Bürgerschule und Selekta) trägt.
Darnach folgen, an der Spitze ihre Fahne, die fünf Klassen der Selekta,
sowie die drei oberen Klassen der Bürgerschule, von denen die erste
Knabenklasse, bewaffnet mit Armbrüsten, den Schluß bildet. Zur Seite
des langen Zuges, der ein lebendiges Wogen von Fähnlein und Kränzen,
von weißen Kleidern und bunten Bänderschmuck darstellt, schreiten
ordnend und helfend die Lehrer der Anstalt. Man zieht inmitten einer
zahlreich sich drängenden Zuschauermenge, meist Väter und Mütter
oder andere Verwandte der festlich geschmückten Kinder, vom Neumarkt
hinunter nach dem Marktplatz, der mehrmals umwandert und dann von dem
dreireihig gestellten Kinderkreis, in der Mitte die Musikchöre und
das Lehrerkollegium, umschlossen wird. Hier stimmt man das Lied: „Den
König segne Gott“ an und läßt einige Vivats ertönen; dann kehrt der
Zug nach der Bürgerschule zurück, von wo man sich nach Hause begiebt.
Nach eingenommenen Mittagsessen erfolgt um 1 Uhr der Auszug von der
Bürgerschule aus nach dem Schießhausplatz, auf dessen weiter Fläche
sich bald ein vielgestaltiges Leben entwickelt. Für die verschiedenen
Wünsche der Kinder ist gesorgt. Mehrere Buden mit verschiedenen
Eßwaaren, wie sie der Bäcker und Konditor, auch der Fleischer liefert,
sind aufgestellt, allerlei Obst wird feilgeboten. Bier wird im
Schießhause verabreicht. Für die einzelnen Klassen sind Spielplätze
angeordnet: dort schießen die oberen Knaben einen Vogel ab, während
hier die Mädchen mit einem gußeisernen Stoßvogel, der an einer Schnure
schwebt, einem sogenannten Stechvogel, die Scheiben eines großen
Sternes zu treffen suchen. Dort drehen sich lustig die Reitschulen mit
fröhlichen Kindern übervoll besetzt, während hier eine Anzahl Schaukeln
Andere lustig hin und her schwenken. Eine Walze, wo es gilt, das
Gleichgewicht zu halten, damit man durch die Drehung derselben nicht
herabfällt, ist hier der Mittelpunkt eines Kinderkreises, während dort
Knaben oder Mädchen munter am Rundlauf sich herum schwenken. Hier sind
an eine Stange eine Anzahl Gegenstände, Pfefferkuchen, Schreibbücher
u. s. w. an lange Bindfäden geknüpft, wovon dem zu Theil wird, der mit
verbundenen Augen den Faden glücklich findet, während dort auf langem
in der Schwebe gehenden Balken zwei Parten sich jauchzend auf- und
niedersteigen lassen. Dazu kommen noch die verschiedensten anderen
Spiele, die im Freien gebräuchlich sind, Schlangeziehen, Haschen,
„mein Knötchen geht ’rum“ u. dergl. Ueberall sind Lehrer oder Zöglinge
der oberen Seminarklassen als Leiter und Mitspieler gegenwärtig, an
Preisen und Gewinnen fehlt es auch nicht und wo das eine Spiel zu
ermüden anfängt, ist bald ein Vorschlag zum Wechsel da und ausgeführt.
Zwischen diesem regen Leben wandern die Eltern und andere Zuschauer
auf und ab, bald hier bald dort stehen bleibend und ihre kleinen
Lieblinge beobachtend, oder man lagert sich auf den weichen Grasplatz
oder sucht in den für die Gäste aufgeschlagenen Zelten und Buden ein
Sitzplätzchen und erquickt sich mit Kaffee oder Bier oder schaut hinaus
in das wechselvolle Bild der sich belustigenden Jugend, oder horcht
auf die Klänge des Koncerts, das das Stadtmusikchor unter dem Schatten
der großen Linde ertönen läßt. Kurz Alles freut sich mit und an den
Kindern und erquickt sich an der heitern, lebensfrohen und doch sittsam
bescheidenen kleinen Welt. Nach 7 Uhr erschallen die Trommeln und geben
das Zeichen zur Rückkehr in die Stadt; der Zug ordnet sich von neuem
und kehrt unter den Klängen der Musik, unter Jubel und Jauchzen der
Kinder, umdrängt von dichten Zuschauerschaaren zur Bürgerschule zurück,
von wo man sich nach Hause begiebt. Am Morgen des +zweiten Festtages+
nach 8 Uhr ziehen die Kinder abermals in der beschriebenen Weise auf
den Schießanger, dort empfängt jedes einen „Butterstollen“ und nun
beginnt Spiel und Lust von neuem. Mittag 1 Uhr vereinigt ein Festmahl
die Lehrer sammt den Spitzen der Behörden und zahlreichen Freunden der
Schule, das in der heitersten, geistig gemüthlichen Stimmung gewöhnlich
bis nach drei Uhr sich ausdehnt. Der Nachmittag verläuft abermals
im unermüdeten Genießen der gebotenen Spiele seitens der fröhlichen
Kinderschaaren, im Schauen und Sichmitfreuen des wieder zahlreich
versammelten Publikums, bis endlich der hereinbrechende Abend der
Festlust ein Ende macht und der Einzug nach der Stadt die zwei frohen
Tage schließt. Ein gemüthliches Tanzvergnügen vereinigt gewöhnlich noch
Lehrer und deren Freunde bis in die späteren Nachtstunden, worauf ein
schulfreier Tag Lehrenden und Lernenden die nöthige Ruhe gewährt und
Herz und Sinne wieder in die gewohnten Gleise zurückkehren läßt.
639. Mit gleicher Betheiligung der Eltern an dem Freudenfest ihrer
Kinder feiern auch die meisten anderen Städte und Dörfer des Gebirges
ein +Schulfest+ seitens der Volksschulen mit Umzug, Spielen im Freien
und allerlei leiblichen Genüssen.
640. Außer den Spielen und deren Vereinigung im Schulfest ist während
der zweiten Hälfte des Sommers ein Hauptvergnügen namentlich der
ländlichen Jugend, das „in die +Beeren+ gehen.“ Dort, wo noch größere
Waldungen an die Ortschaften grenzen, ziehen Knaben und Mädchen in der
Zeit, wo die Heidelbeeren, hier „Schwarzbeeren“ genannt, reifen, oft
schon am frühen Morgen mit Tragkörben, in denen Töpfe und Krüge sich
befinden, hinaus in den Wald, um Beeren zu sammeln. Am Abend kehren sie
dann mit gefüllten Körben zurück. Außerdem werden fast täglich, wenn es
die Witterung erlaubt, nach beendigten Schulstunden kleinere Streifzüge
„in die Beere“ unternommen und für manche ärmere Familie sind diese
eingetragenen Waldbeeren ein werther Zuschuß zu des Lebens Bedürfnissen
(vgl. 865-870).
§ 65. ~d.~ +Herbst.+ 641. So lange die Witterung es gestattet, dauert
die Lust der Kinder im Freien fort. Spiele und Herumstreifen in Flur
und Wald, sowie die Betheiligung bei dem Ernten des Getreides und der
anderen Feldfrüchte, insbesondere der Kartoffeln, gelten der leicht
befriedigten und nach Thätigkeit trachtenden Jugend als Feste. --
642. Das +Hüten des Viehes+ ist bereits bei dem Frühling erwähnt: im
Herbste erreicht es seinen Höhepunkt, denn nun sind mit Ausnahme der
Kartoffel-, Kraut- und Rübenfelder die Fluren leer und es kann vom
Michaelistag (29. September) an, wie die Hirten zu sagen pflegen: „über
und über gehütet werden“, d. h. die Heerden dürfen auf die abgeernteten
Felder, auf Wiesen u. s. w. auch anderer Besitzer getrieben werden,
ohne daß diesen ein Verbietungsrecht zusteht. Es bleiben dann meist die
Hirten vom Vormittag bis Abend ohne Unterbrechung auf dem Felde (vgl.
618 u. 871-875). Vgl. auch 781.
§ 66. 2. +Feste und Vergnügungen der erwachsenen Jugend.+ Das
Hauptvergnügen der erwachsenen Jugend ist auch im Gebirge der +Tanz+.
Die verschiedenen Tänze der ländlichen Bevölkerung haben nichts
Charakteristisches, es sind meist Rundtänze, nur mit etwas ungenirteren
Manieren, tollerer Lust und geringerem Comfort als in der Stadt. Wir
erwähnen außerdem noch zwei Gebräuche (von denen der zweite auch auf
Bällen der gebildeteren Kreise vorkommt):
643. Die gewöhnlichen +Tänze+ sind: Rutscher, Dreher, Walzer, Reiter,
„Hopsel“, baierische Polka oder „Sackmütze“; Galopp, Schottisch,
Tirolienne. Letztere drei haben erst in der neuesten Zeit auch bei der
ländlichen Bevölkerung, d. h. bei der jüngeren Generation, Eingang
gefunden.
644. +Burkard+: Mitunter machen die Tanzenden unter sich aus, daß die
Jungfrauen die Rolle der jungen Burschen übernehmen, d. h. diese werden
von jenen zum Tanz aufgefordert, sowie von ihnen mit Bier u. s. w.
bewirthet. Man nennt dies „Borkert“ oder „Burkert“. Ob diese Benennung
mit dem heiligen Burkhardus, dessen Gedächtnißtag der 14. Oktober ist,
in Zusammenhang steht, wissen wir nicht. Auf den städtischen Bällen
wird dieser Wechsel der Rollen als „Damenengagement“ bezeichnet.
645. Das +Heimblasen+: Ist das Tanzvergnügen zu Ende, so nimmt ein
Bauernbursche seine Geliebte am Arm und geht mit ihr vor den Platz der
Musikanten. Dort bestellt er, indem er ihnen den Rest seines Geldes
reicht, das „Heimblasen.“ Das Paar geht nun voran und die Musici geben
ihnen, einige lustige Märsche blasend, die weithin in die nächtliche
Ruhe hinaustönen, eine Strecke das Geleite. Darauf kehren diese zur
Schenke zurück, um abzuwarten, ob vielleicht ein anderes Paar denselben
Dienst begehre.
§ 67. Reste der sogenannten +Rockenabende+ finden sich noch hie und da
auf dem Lande.
646. An Winterabenden kommen eine Anzahl Spinnerinnen oder
Spitzenklöpplerinnen bei einer befreundeten Familie zusammen. Dabei
wird nun weniger gesponnen oder geklöppelt, sondern geplaudert und
erzählt. Die jungen Burschen stellen sich auch ein und geben der
Unterhaltung die höhere Würze. Ein Gläschen Schnaps und einige
„Schälchen feiner Kaffee“ (vgl. 876-878) erhöhen die heitere Stimmung.
Man nennt derartige Zusammenkünfte die „lange Nacht“, oder, finden
sie unter Klöpplerinnen zu der Zeit, wo diese aufhören bei Licht zu
arbeiten, statt, sagt man wohl auch „’n Klöppelstock versaufen.“ --
647. Mancherlei Schabernak wird dabei getrieben und verschiedene Spiele
verkürzen die Stunden der Nacht; z. B. eine Variation zu dem unter
Fastnacht (vgl. 594) erwähnten Aschtopftragen. Die jungen Burschen
gehen hinaus und beschließen einen bereit gehaltenen Topf den Mädchen
zu überreichen. Einmal füllt man denselben mit Bretzeln, ein andermal
mit Kaffee, oder mit Asche, mit Unrath u. s. f. Einer wird durch das
Loos bestimmt, den Topf hineinzutragen. Vermögen ihn dabei die Mädchen
fest zu halten, so wird er gebunden und zum Gelächter Aller im Dorfe
herumgeführt (Wünschendorf b. Lengefeld).
§ 68. Bei dieser Gelegenheit führen wir einige +Wettspiele+ an, wie
sie von Klöpplerinnen häufig ausgeführt werden (vgl. ~Dr.~ +Schubert+,
Oberlehrer an der Realschule zu Annaberg, „Barbara Uttmann und die
Spitzenklöppelei im Erzgebirge“, Aufsatz in Weber’s Volkskalender für
1861).
648. Das „+Haschen+“ findet entweder zwischen einer Mutter und ihren
Kindern, oder überhaupt zwischen einer geübteren und minder geübten
Klöpplerin statt und besteht darin, daß z. B. die Mutter dem Kinde
hundert, d. h. hundert gesteckte Nadeln vorgibt. Das Kind zählt
nun nach der ersten gesteckten Nadel fort und sagt laut: 101, nach
der zweiten Nadel 102 u. s. f., wogegen die Mutter nach der ersten
gesteckten Nadel mit 1 anfängt, nach der zweiten Nadel 2 u. s. w.
zählt. Beide zählen nun ihre gesteckten Nadeln für sich, aber laut
fort. Hat nun die Mutter die ebensovielste Nadel gesteckt, wie sie das
Kind fortgezählt hat, dann hat jene dieses eingeholt oder „gehascht.“
Je länger es dauert, bis sie dahin kommt, desto fleißiger und
geschickter ist das Kind. -- 649. Das „+Zählen+“ findet zwischen zwei
Klöpplerinnen von gleicher Fertigkeit oder Gewandtheit statt. Nach der
ersten gesteckten Nabel sagt die eine: „Bist mir eine“ (nämlich Nadel),
und hat die zweite die erste Nadel gesteckt, dann antwortet sie: „Bin
dir keine“ u. s. w. Angenommen, daß der einen ein Faden reißt oder
sonst in der Arbeit eine Verzögerung eintritt, die andere aber dieselbe
ununterbrochen fortsetzen, d. h. ihre Faden schlagen und die nach jedem
Schlage nöthige Nadel fortstecken und der Andern voraus zählen kann,
so überholt sie natürlich ihre Mitarbeiterin um ein großes Stück. Je
weiter diese nun in ihrem Zählen: „bist mir zwei, bist mir drei“ u. s.
w. vorschreitet, desto emsiger muß jene dann arbeiten, um diese Nadeln
wieder herunter zu arbeiten und das Guthaben auszugleichen. An dem
raschen Zählen kann man die Fertigkeit einer Klöpplerin bemessen. Wenn
man hört, wie schnell das Zählen der Nadeln nacheinander folgt, und
dabei erwägt, daß von den beiden Klöppeln jeder zu dem ganzen Schlag
dreimal oder zum halben Schlage zweimal um seine Axe gedreht und dann
die Kreuzung der gedrehten Faden erfolgen muß, bevor die Nadel gesteckt
und die Masche gebildet werden kann, dann erstaunt man, wie alle
diese Bewegungen in so kurzer Zeit erfolgen können. -- 650. Bei dem
„+Wetten+“ zwischen zwei oder mehreren Klöpplerinnen bestimmen sie sich
gegenseitig die innerhalb einer gewissen Zeit, gewöhnlich einer halben
bis einer ganzen Stunde, zu fertigende Arbeit. Wer mit seiner Arbeit
zuerst fertig ist, erhält von jeder der übrigen Klöpplerinnen eine
Stecknadel als Gewinn. -- 651. So einfach diese Mittel scheinen mögen,
so tragen sie doch nicht wenig dazu bei, den Fleiß zu steigern, die
Fertigkeit zu vergrößern, die Leistungen zu erhöhen und den so geringen
Verdienst der Klöpplerinnen wenigstens relativ zu vermehren.
§ 69. Von Handwerksgebräuchen der +Gesellen+ sind uns folgende
zwei mitgetheilt worden, die bis in dieses Jahrhundert in Annaberg
stattfanden.
652. +Der Umzug der Posamentirgesellen+: Am dritten Pfingstfeiertag
Nachmittags hielten die Posamentirgesellen einen solennen Umzug mit
Musik, welcher mit Trompetenfanfaren, die vom Thurme geblasen wurden,
abwechselte. Den Zug eröffneten zwei Harlekine in aus lauter bunten
Tuchflecken zusammengestückten Anzügen, dazu spitzen Hüten, unter denen
bemalte Gesichter schmunzelten, in der Hand die Pritsche. Dann folgten
die übrigen Gesellen, welche die Insignien des Posamentirhandwerks und
hohe zinnerne Trinkkannen trugen. So bewegte sich der Zug durch die
Stadt nach der Herberge. Vor derselben bestieg einer der Harlekine
einen hölzernen Stuhl und brachte eine Anzahl Gesundheiten aus. Hierauf
zog man in die Herberge ein und verbrachte diesen und den folgenden
Tag unter Tanz und anderen, namentlich in Verkleiden bestehenden
Belustigungen. -- 653. Das +Deponiren+: Sämmtliche im Laufe eines
Jahres zu Gesellen gewordenen Lehrlinge mußten sich an einem bestimmten
Tage auf der Herberge einfinden, woselbst schon die früheren Gesellen
vereinigt waren. Jeder Novize mußte sich auf einen Stuhl setzen. Zuerst
bekam er hier von dem Altgesellen eine Ohrfeige. Dann trat ein anderer
Geselle, der als Zimmermann gekleidet war, vor und bearbeitete den
Neuling mit einer hölzernen Axt, um, wie man sagte, die anhängenden
Spähne abzuhauen. Ein Anderer seifte ihn hierauf ein und barbierte ihn
mit einem hölzernen Messer; es folgten dann noch gegen zehn solcher
grober Manipulationen, die sämmtlich mit bezüglichen, dazu gesprochenen
stehenden Versen begleitet waren. Hatte der arme Bursche endlich
Alles geduldig über sich ergehen lassen, so galt er nun als richtiger
Geselle. Den Abend beschloß ein fröhliches Trinkgelag. Vgl. 659.
§ 70. 3. +Die Feste und Vergnügungen der Erwachsenen.+ Die Bevölkerung
des Obergebirges läßt sich, insofern durch Stand und Beruf gewisse
charakteristische Züge bedingt sind, in +drei+ Hauptgruppen zerlegen,
den Bürger in der Stadt, dem die Gewerbtreibenden auf dem Lande in
Sitte und Gewohnheit mehr oder weniger ähneln, den Bergmann und den
Landmann. Doch ist dadurch nicht ausgeschlossen, daß diese Unterschiede
vielfach in einander übergehen und sich vermischen. Vgl. +Sigismund+,
„Schilderungen vom Erzgebirge“, Briefe in der wissenschaftlichen
Beilage der Leipziger Zeitung, 1858, 1859; mit geringen Aenderungen
wieder abgedruckt in +Lorck’s+ Eisenbahnbüchern unter dem Titel:
„Lebensbilder vom Sächsischen Erzgebirge“, Leipzig, 1859, und (+Oehme+,
Stadtrath in Annaberg), „ein Bild für das Niederland von dem östlichen
Obergebirge“ (1858), S. 39 ff.
§ 71. ~a.~ +Der Bürger in der Stadt.+ Die gewöhnliche Erholung des
Bürgers ist der Besuch des Bierhauses. Entweder begiebt er sich nach
einem der vielen öffentlichen Schanklokale der Stadt oder deren
nächsten Umgebung oder er besucht denjenigen seiner Mitbürger, der
den +Reihschank+ hat. Letzterer ist eine eigenthümliche Einrichtung,
die sich in mehreren Städten und Städtchen des Obergebirges (z. B.
Annaberg, Buchholz, Marienberg u. s. w.) bis auf den heutigen Tag
erhalten hat.
654. Alle innerhalb der Ringmauern gelegenen Häuser haben die
Gerechtigkeit, Bier zu brauen und zu verschänken. Von dieser
Gerechtigkeit kann natürlich nicht gleichzeitig, sondern nur nach
einander Gebrauch gemacht werden. Die Reihenfolge wird durch das
Loos bestimmt. Wer nun sein Loos nicht verkauft, sondern sein
Gebräude, das für ihn dann in dem kommunlichen Brauhaus gebraut wird,
selbst ausschänken will, der verwandelt, wenn die Reihe ihn trifft,
seine Wohnung in ein Schanklokal. Die Fässer werden in den Keller
gebracht, er empfängt, sobald sein Vorgänger ausgeschenkt hat, die
erforderliche Anzahl Biergläser sowie die zinnernen Maßkannen durch die
Braudeputation, das Bierzeichen („das Bierreiß“) wird zum Dachfenster
herausgesteckt und der Bierschank „aufgethan“. Namentlich die Freunde,
Nachbarn, alle, die mit dem Wirth in geschäftlichen oder anderen
Beziehungen stehen, sowie Fremde, kommen nun zu Biere wie in eine
öffentliche Wirthschaft. Frugales Essen („kalte Speise“) ist ebenfalls,
natürlich Alles gegen baare Bezahlung, zu haben. Auch ist der Verkauf
über die Gasse gestattet. Je schneller das Bier abgeht, desto lieber
ist es dem Inhaber. Er hat dann in Kurzem den gehofften Nutzen und
kann zu seiner gewohnten häuslichen Ordnung wieder zurückkehren. Am
letzten Tage wird „den Gästen der Zapfen gegeben“, d. h. sie werden mit
Brod, Wurst und Häring traktirt. -- Im Falle, daß das bedungene und
übernommene Bierquantum nicht binnen 24 Tagen verschenkt ist, so nimmt
das Haus, was durch die Loosung als das nächstfolgende bestimmt ist,
das „Reiß“, jedoch darf der frühere Wirth seinen Vorrath noch selbst
verschenken.
§ 72. Eine andere Erholung des Bürgerstandes während der schönen
Jahreszeit ist das +Schießen+ mit Büchsen nach der Scheibe oder
mit der Armbrust nach dem Vogel. Zu diesem Behufe bestehen in
den Städten des Obergebirges, wie überall in ganz Deutschland,
Schützengesellschaften, deren Gründung, was unsere Gegend anbelangt,
meist im 16. Jahrhundert geschehen ist, als der Zeit, wo die Mehrzahl
der Städte des Obergebirges in Folge der fündig gewordenen Silberadern
ihren Anfang genommen haben. Wir führen zur Charakteristik einiges
über die zu Annaberg bestehenden beiden +Schützengesellschaften+, die
Büchsenschützen und die Armbrustschützen, an.
655. Die Gesellschaft der +Freischützen+ oder +Büchsenschützen+ hat
ihren ersten Auszug im Jahre 1507 gehalten. Ihre Dienstleistungen
bestanden darin, daß sie, abgesehen von den Schießübungen, bei
Jahrmärkten, Feuers-, Kriegs- und anderen Gefahren die nöthigen Wachen
gegen Vergütung verrichtete, nicht minder zu Visitationen, Exekutionen
und als Eskorte, sowie bei feierlichen Aufzügen zur Erhaltung guter
Ordnung gebraucht wurde. Bis zum Anfange des 7jährigen Krieges
genoß dieselbe einen landesherrlichen „Vortheil“ von 43 Thalern
aus den Einkünften des Mühlenamtes Annaberg. In Folge eines von dem
Annaberger Kauf- und Handelsherrn Christoph +Gülden+ (starb 1604)
gestifteten Legates empfing die Gesellschaft bei den 25jährlichen
„Aufschießen“ je einen Thaler aus der Stadtkasse, den sogenannten
„Rathsvortheil“, sowie, ebenfalls in Folge eines Vermächtnisses, den
„Musketen-Thaler“. Die Stadtkämmerei mußte ihr ferner jährlich sechs
Paar größere und sechs Paar kleinere Scheiben, im Ganzen also 24 Stück,
verabreichen, sowie der Rathskellerpachter zu dem Auszuge acht alte
Kannen Wein liefern. Diese Emolumente sind jedoch in neuerer Zeit
mit einem Gesammtkapital von 526⅔ Thaler abgelöst worden. Außerdem
sind dem Verein von einigen Freunden Legate ausgesetzt, wovon die
Zinsen an bestimmten Tagen ausgeschossen werden und zwar 1. 60
Thaler von dem Geleits- und Landaccis-Kommissar Mathesius im Jahre
1801; 2. 25 Thaler von den Erben des Kaufmann und Bürgermeisters
Christian Jakob Eisenstuck im Jahre 1811; 3. 50 Thaler vom Kaufmann
und Bürgermeister Querfurth im Jahre 1817; 4. 50 Thaler von dem
Kaufmann und Bürgermeister Benedikt im Jahre 1826. An der Spitze
der Gesellschaft steht ein Hauptmann; die Gliederung abwärts ist
militärisch: ein Oberlieutenant, vier Lieutenants, ein Feldwebel,
zwei Sergeanten, drei Jaloneure, acht Korporale und die gewöhnlichen
Schützen. Außerdem gibt es noch zwei Aelteste, den Schützenschreiber
und Kassirer. Die Uniform besteht in blauen Röcken mit silbernen
Knöpfen, schwarzsammtenen Kragen und Aufschlägen, ferner schwarzen
Tuch- oder weißen Leinwandbeinkleidern und Schützenhut mit weißen
und grünen Hahnenfedern. Die Chargirten haben als Abzeichen am
Kragen silberne Tressen und die höheren Offiziere außerdem noch
Epauletten und Säbel, während die übrigen nur kurze Seitengewehre
tragen. Jeder, der Mitglied wird, verpflichtet sich, auf 20 Jahre der
Gesellschaft anzugehören und muß jährlich mindestens zehn Schießtage
(jeden zu 45 Pfennigen Einlage) abschießen, sowie außerdem beim Aus-
und Einzuge je 62 Pfennige einlegen. Im Laufe des Jahres werden
+vier+ Feste gefeiert: 1. das „Quartal“ (bis 1861 Mittwoch in der
Osterwoche, seit 1862 aber 14 Tage nach Fastnacht), bei welchem der
Rechenschaftsbericht abgelegt und ein neuer Aelteste gewählt wird;
2. der Auszug (s. u.) am Montag nach dem Sonntag Quasimodogeniti; 3.
das Augustvogelschießen und 4. der Einzug, gewöhnlich im September,
wenn alle Legate und Vortheile aufgeschossen sind. Außerdem werden
zwischen Auszug und Einzug 25 Schießtage, gewöhnlich des Sonntags nach
beendigtem Nachmittagsgottesdienst, gehalten, wo der Schütze für seine
Einlage drei, am Tage des Auszugs vier Schüsse frei hat. Während der
Schießübungen sitzen der Jour habende Offizier, der Schützenschreiber
und die beiden Aeltesten an dem erhöhten Schützentisch in der Mitte des
Schießstandes. Auf jenem steht eine drei Viertelellen hohe Trinkkanne,
der sogenannte „Willkommen“. Auf dem Deckel derselben ist ein Knopf und
über diesem hängt ein Kranz von etwa 8 bis 9 Zoll im Durchmesser, der
aus einer Menge alter Münzen von verschiedener Größe und verschiedenem
Werthe, die an starkem Drahte befestigt sind, besteht. An diesem
Kranze ist eine Hülse, in welcher ein großer, frischer Blumenstrauß
steckt. Wer getroffen hat, muß an den Schützentisch treten, um es zu
melden. Dies geschieht aber nicht in Worten, sondern durch Riechen
an den Blumenstrauß. Der Gewinn oder „Vortheil“ („Vortel“) an einem
gewöhnlichen Schießtage besteht in 18 Neugroschen und einem zinnernen
Teller, doch kann solchen nur ein wirkliches Mitglied und auch nur
einmal jährlich erhalten. Als Gegengabe hat der glückliche Schütze für
den nächsten Schießtag einen frischen Strauß auf den Kranz zu besorgen.
Der Preis auf den Königsschuß, der am Tage des Auszuges gethan wird,
beträgt 3⅓ Thaler. An einem besonderen Schießtage im Herbste wird
der sogenannte „Musketenthaler“ geschossen und am Tage des Einzuges
die „Ritterscheibe“. Letztere hat etwa eine Elle im Durchmesser und
ist mit einem Bilde bemalt, unter dem die Jahreszahl und die Namen
der jedesmaligen Aeltesten stehen. Auf jenem Bilde wird ein Kreis,
der jedoch nicht gerade im Mittelpunkte der Scheibe sich zu befinden
braucht, abgezirkelt und dessen Stelle nur der Jour habende Offizier
und die beiden Aeltesten kennen. Es ist daher blindes Glück, wer das
Centrum trifft. Diese Ritterscheiben werden aufbewahrt und es ist die
ganze Decke der Schützenstube mit denselben getäfelt. Außerdem sind
noch eine Anzahl interessanter Scheiben in und an dem Hause befestigt,
darunter auch die, nach welcher Kurfürst August der Starke bei einem
Besuche Annabergs, am 30. Juni 1708, auf dem Schießhause geschossen
und „einigemal scharf getroffen“ hat. -- 656. Zum Schluß geben wir
noch eine kurze Beschreibung des +Schützenauszuges+, dem der Einzug im
wesentlichen ähnelt: In früher Morgenstunde, doch nicht eher, „als bis
es so hell ist, daß man im Freien einen Brief lesen kann“, marschirt
durch die noch leeren Straßen das Musikchor, einen schmetternden Marsch
blasend. Unter den Instrumenten zeichnen sich besonders aus ein hoher,
hellblinkender, mit Roßschweifen gezierter „Halbmond“, ein anderes
mit lauter Klingeln behangenes pyramidenförmiges Messinginstrument,
die große Trommel und die Becken. Vor der Wohnung des ältesten (d.
i. bejahrtesten) Schützen, der „Aeltesten“ und anderer Chargirter
wird ein kurzes Ständchen gebracht und diese Reveille bis gegen 8
Uhr fortgesetzt. Hierauf versammeln sich die Schützen mit ihren
Offizieren auf dem Rathhause und von hier aus setzt sich der Festzug
in Bewegung. Denselben eröffnen 3 Jaloneure, die an ihren Büchsen
rothe Fähnlein befestigt haben. Diesen folgen 2-3 Kolonnen Schützen,
je zu 12 bis 16 Mann unter Anführung eines Offiziers. Hierauf kommt
das Musikchor, dem 8 Tamboure, unter Leitung des Regimentstambours,
voranschreiten. Letzterer trägt einen mit breiten Goldtressen und einer
Kokarde gezierten Hut auf dem Kopfe, ein breites Pandelier über die
Brust und in der Hand schwingt er den vergoldeten, mit grüner Schnur
umflochtenen Regimentsstab. Hinter der Musik geht, in der Mitte zweier
Begleiter, der vorjährige König im Festschmuck, mit Ehrenkranz und
Blumenstrauß. Ueber seinem Haupte flattert die Schützenfahne, von einem
Sergeanten mit zwei Mann Bedeckung getragen. Den Zug schließen die
übrigen Schützen, jede Kolonne unter Anführung ihres Offiziers. Auf dem
Schießhaus angekommen, beginnt alsbald das Schießen nach der Scheibe.
Mittag folgt Festessen und nach 2 Uhr wird das Schießen fortgesetzt bis
gegen 6 Uhr, wo man unter klingendem Spiele in die Stadt zurückkehrt.
Den Abend herrscht reges Leben in dem Schießhaus. Man vergnügt sich mit
Tanz und anderen Belustigungen bis spät in die Nacht.
§ 73. 657. Die +Armbrust-+ oder +Bogenschützen+ feiern ihr Schützenfest
sehr solenn in den ersten Tagen des August. Wir wollen dasselbe hier
nach der Weise beschreiben, wie es in den zwanziger Jahren dieses
Jahrhunderts gefeiert wurde, da es neuerdings vielfach von seinem alten
Glanze verloren hat, obgleich es immer noch ein sehr heiteres Fest,
namentlich für die höheren Stände ist. Montags früh wurde Reveille
geschlagen und um acht Uhr fand der Auszug statt. Den Zug eröffnete der
Zieler, welcher einen großen, hölzernen, einem Papagei ähnlichen Vogel
auf der Schulter trug; dann folgten die Bolzenjungen, deren gewöhnlich
jeder Schütze einen gemiethet hatte. Diese trugen die Rüstungen ihrer
Herren geschultert. Nun kam das Musikchor. Hinter diesem schritt der
vorjährige König des Hauptvogels, geleitet von zwei Rathsherren, dann
der König vom „Gesellenvogel“ in der Mitte der beiden Schützenältesten
und hierauf die übrigen Schützen mit den oft sehr zahlreichen Gästen.
Den Beschluß machte eine Kompagnie Freischützen (dies ist jetzt
beseitigt). Das Schießen nach dem Hauptvogel füllte nun diesen Tag,
sowie gewöhnlich den Vormittag des folgenden, war aber am ersten Tage
durch das Mittagsessen, das die meisten auf dem Schießhause einnahmen,
unterbrochen, sowie durch die zum Kaffee herauskommenden Frauen
verschönert und durch reiches Frühstück am zweiten Tage belebt. War der
Königsschuß endlich am Dienstag geschehen, so folgte großes Festmahl,
an dem auch die Frauen sich betheiligten. Nach dem Diner begann das
Abschießen des „Gesellenvogels“ durch die jüngeren Herren, sowie
gleichzeitig das jedoch erst in neuerer Zeit eingeführte Damenschießen,
wobei die Frauen und Fräuleins mittelst eines „Stechvogels“ (vgl.
638) einen Stern abschießen. War auch in diesen beiden Schießen der
Königsschuß geschehen, so folgte der +Einzug+ in der beim Auszug
angegebenen Ordnung, nur statt der vorjährigen Könige die neubeglückten
voran. Dem Zuge schlossen sich sämmtliche Damen, von Herren geführt,
an, an ihrer Spitze die Königin mit einem großen blumenreichen Kranze.
An diesem Abend folgte großer Ball, nachdem schon am ersten Tag ein
solcher, meist aber weniger besucht, stattgefunden hatte, und damit
schloß das Fest. -- Die Einlage beim Hauptvogel betrug 1½ Thaler, der
Gewinn 15 Thaler, die der Landesherr zahlte, einige schwere zinnerne
Teller, eine Anzahl Flaschen Wein und die Grasnutzung des Stadtgrabens
vom böhmischen bis zum Wolkensteiner Thore. Beim Gesellenvogel war
20 Neugroschen Einlage. Die Damen zahlen keine Einlage, gewinnen
aber nette Quincaillerien. -- Im Spätherbste fand dann noch der
+Vogelkönigschmauß+ statt, ein reichbesetztes Mittagsessen. Nach
aufgehobener Tafel folgte Kaffee, bei dem auch die Frauenwelt sich
einstellte, sowie am Abend Ball. -- 658. Ein eigenthümlicher Schmuck,
den sowohl der König der Armbrustschützen als der der Büchsenschützen
bei den Festzügen über Schulter und Brust trägt, ist ein großer
Kranz aus kleinen metallenen Scheiben, Schilder genannt, aus alten
seltenen Münzen bestehend. Die Büchsenschützen gebrauchen ihren alten
„Schilderkranz“ noch, die Armbrustschützen haben den ihren modernisiren
lassen. Vgl. auch „Michel’s Erzählung vom Vogelschießen in Annaberg“,
Gedicht in erzgebirgischer Mundart von Gottlieb Grund, dem „Annaberger
Naturdichter“ (oben bei 599 bereits angeführt), S. 186 ff.
§ 74. Außer den Schützenfesten, bei denen alle Stände und Innungen
vertreten sind, haben einzelne Korporationen und die verschiedenen
Zünfte ebenfalls ihre besonderen Festivitäten. Auch hier steht uns blos
ein skizzenhaftes Material zu Gebote.
659. +Der Bäckerauszug+: Bald nach Mittag 12 Uhr an einem Sonntage im
August versammeln sich die Bäcker+gesellen+, wohl auch einige Meister,
bei dem jüngsten Bäckermeister, der die Gesellenlade in Verwahrung
hat. Es beginnt der Zug, den das Musikchor eröffnet und der von den
Bäckergesellen und Mühlknappen (die Meister betheiligen sich höchstens
als Zuschauer) gebildet wird. Erstere erscheinen in schwarzem Frack
und Hosen, weißer Weste und Handschuhen, ein Dreimaster deckt den
Kopf und ein Degen ziert die Seite. Die Mühlknappen gehen in gleicher
Kleidung, haben aber außerdem noch Schurzfelle vorgebunden. Voran weht
die Fahne der Bäckerinnung, deren Träger zwei Marschälle zur Seite
hat. Die „Lade“ wird von zwei Gesellen getragen, ein dritter trägt
den „Willkomm,“ eine silberne Trinkkanne, ein Vierter einen mächtigen
Blumenstrauß. Der Zug bewegt sich durch mehrere Gassen und hält vor
der Wohnung des Obermeisters und des Vorsitzenden der Innung sowie der
obersten städtischen Beamten eine Weile still. Endlich zieht man in
die Restauration ein, wo das „Quartal“ abgehalten wird. Dort werden
zuerst die offiziellen Geschäfte (z. B. Bezahlung der Krankensteuer,
Rechnungsablage etc.) erledigt, dann folgt Abendessen, bis endlich Tanz
die Feier schließt. Das Recht zu diesem Auszug soll auf der tapferen
Vertheidigung +Wien’s+, bei der Belagerung durch die Türken im Jahre
1683, seitens der Bäcker beruhen; Kaiser Leopold I. habe in Folge
dessen den Bäckerinnungen des deutschen Reiches das Privilegium zu
solcher jährlichen Festfeier verliehen.
660. In mehreren Städten (z. B. in Buchholz, Elterlein) und Dörfern
(Sehma) des Obergebirges bestehen Vereine derer, die bei der
Aufführung von Kirchenmusiken sich betheiligen, die sogenannten
+Kantoreigesellschaften+. Dieselben haben wie andere Korporationen ihre
„Lade“ mit Urkunden und auf den Verein bezüglichen Denkwürdigkeiten,
sowie einen Ladenvater und übriges Vorstandspersonal. Im Oktober
feiert man zwei Tage lang den sogenannten Kantoreischmaus oder
„Kränzelschmaus“, den nach bestimmter Reihenfolge je ein Mitglied
ausrichtet, mit Umzug, Mittagsmahl, Kaffee, Tanz und Abendessen.
§ 75. (661). In Ehrenfriedersdorf giebt es eine
„+Thurmlautbrüderschaft+“ oder „+Thurmbrüderschaft+“, einen Verein,
welcher gegenwärtig (1862) aus 30 Mitgliedern besteht. Der Zweck
dieses Vereins ist: das Einlauten an den drei hohen Festen, sowie
am Neujahrsfest, und überhaupt das Lauten bei jeder festlichen
Gelegenheit, zu besorgen. Was die Veranlassung gegeben hat, diesen
Verein zu bilden, weiß man nicht und über die Zeit der Entstehung
ist nur so viel bekannt, daß sie in den Anfang des 17. Jahrhunderts
fällt. Im Jahre 1772, wo in Ehrenfriedersdorf 596 Menschen in Folge der
Hungersnoth starben, starb dieser Verein bis auf 3 Mitglieder aus. Doch
diese kamen ihrer Pflicht mit Hilfe ihrer Frauen getreulich nach, bis
sich die Mitglieder wieder vermehrten. Die Einrichtung dieses Vereins
ist innungsmäßig. Die Mitglieder nennen sich „Brüder,“ besitzen eine
Lade und werden von einem Ladenvorsteher, einem Ladenschreiber und
einem Kassirer geleitet. Wer Mitglied oder vielmehr „Bruder“ werden
will, darf nicht unter 21 und nicht über 35 Jahre alt sein, und muß
bei seinem Eintritt einen Thaler Eintrittsgebühren bezahlen. Söhne und
Anverwandte haben nach dem Tode eines „Bruders“ den nächsten Anspruch
auf Annahme. Alle Jahre, den 7. Januar, wird das Stiftungsfest oder
„Hauptquartal“ gehalten. An diesem Tage versammeln sich die Brüder,
schwarz gekleidet, in der Wohnung des Ladenvorstehers, von wo aus sie
in geordnetem Zuge mit Musik, welche, nach den Statuten, den Choral:
„Ich freue mich in dir“ spielt, an den Ort, wo sie ihre Festlichkeit
halten, ziehen. Die Ordnung des Zuges wird nach der Aufnahme der
„Brüder“ bestimmt, so daß die ältesten oder die am längsten Thurmbrüder
sind, voranschreiten. Früher wurde bei diesem Zuge eine aus Pappe
nachgebildete Glocke mit herumgetragen. Die Festlichkeit besteht,
nach gehaltenem Quartale, in einem einfachen Festmahle und darnach in
gemüthlichen Belustigungen, wie Gesellschaftsspielen, Deklamationen,
Gesang etc. Während des Quartals, sowie beim Dienste auf dem Thurme
ist alles unnütze Reden, Zanken, Fluchen, Schwören und Tabakrauchen
bei Strafe verboten; ebenso auch alle Nachlässigkeit im Kommen
zum Lauten und alles unfriedliche, unsittsame und ungebührliche
Betragen beim Nachhausegehen vom Thurme, sowie das Wegbleiben aus
dem Gottesdienste am ersten Feiertage der drei hohen Feste und am
Neujahrstage. Für ihre Bemühungen erhalten „die Brüder“ jährlich 1
Thlr. 25 Ngr. auf der Stadtkasse. Dies ist für das viermalige Lauten
an den hohen Festen und am Neujahrstage; besondere Fälle werden
besonders vergütet. -- Stirbt ein Bruder, so haben die Hinterbliebenen
für das Begräbnisgeläute nichts zu bezahlen, weil es ein Theil der
Brüder selbst thut, während der andere Theil den Verstorbenen zur
Ruhestätte begleitet, ihn auch womöglich trägt. Die „Thurmbrüderschaft“
unterhält auch eine Begräbnißkasse unter sich, aus welcher bei jedem
Sterbefalle gegenwärtig 5 Thaler gezahlt werden. -- Im Jahre 1821
feierte ein Weißgerber, Kreyer mit Namen, sein 50jähriges Jubiläum als
„Thurmbruder.“
§ 76. In den Ortschaften des Gebirges fehlt es wie anderwärts
selbstverständlich nicht an zahlreichen Vereinen theils zu
wissenschaftlichen und allgemeinen Bildungszwecken, theils zur Pflege
gewerblicher, geselliger, oder wohlthätiger Absichten (in Annaberg
besteht sogar ein homöopathischer Verein): es giebt Gewerb- und
Lesevereine, Tauben- und Blumenvereine, Gesang- und Musikvereine,
Frauenvereine, Brüderschaften (Sehma), Gesellschaften für heitere
Unterhaltungen mit allerlei Namen u. s. w. Alle diese Vereine feiern
zu bestimmten Zeiten ihre Feste oder halten sonst Zusammenkünfte,
bieten aber sonst nichts Eigenthümliches, so daß wir von einem näheren
Eingehen auf dieselben absehen.
§ 77. +Jahrmärkte.+ Ein charakteristisches Gepräge tragen theilweise
noch die Jahrmärkte und wir schalten dieselben hier ein, da sie mit den
Handel und Gewerbe treibenden Ständen zunächst im Zusammenhange stehen.
Im Uebrigen sind sie Volksfeste, an denen sich alle Stände betheiligen.
Freilich verlieren sie in der neuern Zeit immer mehr von ihrer Poesie,
seitdem die Quacksalber und Zahnbrecher von ihnen verschwunden, die
Händler mit den „Planeten“ (§ 17) und die Bänkelsänger mit ihren
Schauergeschichten, die sie durch Bild und Lied illustriren, seltener
werden, die verschiedenen Bedürfnisse des Lebens auch auf kleineren
Dörfern jederzeit zu haben oder in Folge der besseren Straßen und
des gesteigerten Verkehrs aus der nächsten Stadt leicht zu beziehen
sind, und überhaupt auch der schlichte Landmann das horazische ~nil
admirari~ (über nichts zu erstaunen) gelernt hat. Dennoch aber haben
die Jahrmärkte, namentlich diejenigen gewisser Orte oder zu bestimmten
Zeiten, im Gebirge noch immer eine Art ererbte Zugkraft und wirken
vorzüglich in dem jüngeren Geschlecht der Städte und in einem großen
Theil der Dorfbewohner eine stille Sehnsucht und laute Begeisterung für
ihre Freuden und Genüsse. Letztere, weniger der Zweck zu kaufen, bilden
den Glanzpunkt für die Einbildungskraft des besuchenden Publikums.
662. Die +Annaberger Märkte+. Annaberg hält zwei Märkte, Montag nach
Lätare und Montag nach St. Anna (26. Juli). Letzterer dauerte früher
acht Tage und wurde mit der Rathhausglocke ein- und ausgelauten.
Tanz und Musik, Bier und Branntwein, Grog und Punsch, Wein und
Kaffee, Häring und Pöklinge, Wurst und saure Gurken, Kuchen und
Pfefferkuchen, Elektrisirmaschine und Liebesspiegel, Bänkelsänger und
Fleckseifenmänner u. s. w. sind etwa die Stichwörter für das, was vor
Allem anzieht und fesselt.
663. Der +Buchholzer Markt+. Buchholz hat Einen Jahrmarkt am Montag
+vor+ St. Katharina (25. November). Derselbe wird namentlich zum
Einkauf von Wintersachen benutzt und bietet ebenfalls einen Reichthum
aller möglichen Genüsse. Vgl. „der Jahrmarkt zu Buchholz“, Gedicht in
erzgebirgischer Mundart von +Grund+, S. 190 ff.
664. Der +Auer Markt+. Derselbe fällt in der zweiten Hälfte des August,
Montag nach Bartholomäus. Lange vorher wird geklöppelt und gespart, um
nach Aue auf den Markt zu gehen; selbst die kleinsten Kinder werden auf
dem Arm dahin getragen. Jede Frau kauft sich ein kleines Töpfchen und
eine Bratwurst, was sie dann mit nach Hause nimmt. Viele Leute rechnen
ihren Geburtstag darnach, indem sie sagen: „soviel Wochen vor oder nach
dem ‚Draarmark‘“ (Dreiermarkt). Ueberhaupt ist derselbe der größte
„Freßmarkt“ in der Umgegend und wer davon nach Hause geht, ohne gehörig
angeheitert zu sein, ist kein rechter Kerl.
§ 78. ~b.~ +Der Bergmann und seine Feste.+ Ein wesentliches Glied
in der obergebirgischen Bewohnerschaft ist, trotz der geminderten
Ergiebigkeit der unterirdischen Schätze, noch immer der Bergmann.
665. Das +Leben des Bergmanns+. Am frühen Morgen erhebt er sich von
seinem Lager, begrüßt die Seinen mit einem frohen „Glück auf!“ und
nimmt sein einfaches Frühstück ein. Hierauf zieht er den blousenartigen
Bergkittel an, schnallt das Bergleder mit der daran befestigten
Blende um und setzt den Schachthut auf. Herzlicher als Andere nimmt
er von Weib und Kind Abschied, weiß er doch nicht, ob er von seinem
gefahrvollen Tagewerk wiederkehrt, und begiebt sich auf den Weg zu
seiner Grube. Dort versammelt er sich mit seinen Mitarbeitern in der
Betstube des Huthauses zu der gewöhnlichen Morgenandacht. Es wird ein
Lied aus dem Gesangbuch gesungen und ein gemeinsames Gebet gesprochen.
Nun begiebt man sich in den Schuppen, wo die Werkzeuge aufbewahrt sind.
Der Bergmann nimmt Fäustel und Bohrer, die Fimmeln (eiserne Keile) und
die Brechstange, Schaufel und Kübel und schafft dieselben, entweder
selbsttragend oder mit Hilfe eines sogenannten „Hundes“ (d. i. eines
Bergkarren) vor Ort. Er beginnt seine Arbeit: mit Fäustel und Bohrer
sprengt er ein Loch von einer halben bis drei Viertel Elle Tiefe in den
Felsen, reinigt es und treibt, nachdem er eine eiserne oder kupferne
„Nadel“ hineingesteckt hat, wieder Steine oder harten Lehm darauf.
Dann wird die Nadel herausgeschlagen und in die Oeffnung zwei bis drei
mit Sprengpulver gefüllte Raketen gesenkt, an deren oberster Spitze
ein Stück Schwefelfaden befestigt ist. Letzterer wird angezündet, der
Bergmann eilt zu einem geschützten Ort und der Schuß erfolgt. Ist die
Gefahr vorüber, so begiebt sich der Arbeiter wieder an den Sprengort,
räumt den losgesprengten Schutt in den Kübel, der dann mittelst Haspel
nach oben abgeführt wird und sieht, ob er gute Anbrüche gewonnen. So
arbeitet er „tief unter dem Schall der menschlichen Rede“ im einsamen
Schacht bis Mittag, fährt dann aus und verzehrt oben im Lichte des
Tages sein einfaches Mittagsbrod. Ein kurzes Schläfchen stärkt ihn
zu neuer Arbeit, die er am Nachmittag bis zum Abend fortsetzt. Nun
ist sein schweres Tagewerk vollbracht und er eilt heim zu den Seinen,
die ihn freudig begrüßen. Mit ihrer Hilfe legt er die schmutzigen
Kleidungsstücke ab und erholt sich nun beim schlichten Abendbrod,
umgeben von Weib und Kind, bis er das nächtliche Lager aufsucht.
§ 79. Das +Bergfest+. Einen Lichtblick im einförmigen Leben des
Bergmanns bildet das jährliche Bergfest, das in einigen Bergstädten
des Gebirges zu Fastnacht (Marienberg, Ehrenfriedersdorf), in Annaberg
früher auch an diesem Tage, seit 1821 aber an einem Donnerstag in der
Mitte des Juli (in der 2. Woche im Quartale Crucis) gefeiert wird. Wir
lassen eine Beschreibung des letzteren folgen.