Haus und Familie.
§ 97. Hausbau und Hochzeit 72
§ 98. Taufe und Begräbnis 73
Anhang.
§ 99. Lieder und Reime im Volksdialekt 74
Vorrede.
Die Kenntnis von dem Aberglauben, den Sitten und Gebräuchen des
deutschen Volkes ist von mehrfacher Bedeutung. Einestheils ruhen
darin, zumal in dem Aberglauben, mehr als tausend Jahre alte Reste
der heidnischen Religion unserer Väter. Dieselben sind aber bei den
spärlichen Quellen, die es für die deutsche Götterlehre giebt, von
nicht geringem Werthe, da sie manchen wichtigen Beitrag dazu liefern.
Daher spüren die deutschen Mythologen mit regem Eifer diesen Reliquien
nach und schöpfen aus ihnen wesentlichen Gewinn für ihre Wissenschaft.
Anderentheils ist es für Alle, welche für das Volksleben sich
interessiren, sei es von Berufswegen, wie es bei Beamten, Geistlichen,
Lehrern u. s. w. der Fall ist, sei es aus einem anderen Grunde,
von entschiedenem Nutzen, abergläubische und nicht abergläubische
Sitten und Gebräuche zu kennen, theils um jene zu bekämpfen, diese zu
veredeln, theils aber auch um überhaupt das Volk richtig zu verstehen
und zu beurtheilen. Wie wichtig z. B. die Kenntniß des Aberglaubens für
Kirche und Schule sei, geht schon daraus hervor, daß der „evangelische
Kirchentag“, als er im Jahre 1858 in Hamburg versammelt war, eingehend
sich damit beschäftigte und in Folge dessen die bekannte Schrift von
~Dr.~ +Wuttke+, Professor der Theologie zu Berlin: „der deutsche
Volksaberglaube der Gegenwart“, erschien. Endlich weht uns aus
vielen dieser Satzungen und Bräuche, sie mögen nun dem Gebiete des
Aberglaubens oder der gewöhnlichen Sitte angehören, ein poetischer
Hauch entgegen. Sind sie doch in ihrem letzten Grunde das Ergebnis
und der Ausdruck des Volksgemüthes. Darum fließen da die Quellen am
reichsten, wo das Volksleben weniger von „dem modernen Aufkläricht und
der ausgleichenden Verflachung der Gegenwart“ berührt worden ist.
Aus diesen und anderen Gründen hat man in neuerer Zeit angefangen,
derartige Beiträge zur „Naturgeschichte des Volkes“ zu sammeln und
bereits besitzen wir in dieser Beziehung werthvolle Monographien über
einzelne Gauen und Volksstämme, namentlich Süd- und Westdeutschlands.
Unter den wenigen Ländern, welche noch nicht vertreten sind, befindet
sich auch unser liebes Sachsenland (und zwar nur das Königreich
Sachsen, denn die sächsischen Herzogthümer oder Thüringen und die
Provinz Sachsen haben bereits Bearbeiter gefunden), welches doch sonst
eine so reiche Literatur über seine Geschichte, Geographie u. s. w.
aufzuweisen vermag. Es wird daher gerechtfertigt erscheinen, wenn
der Verfasser den Versuch gewagt hat, Material zu einer Ethnographie
des sächsischen Volkes in dieser Richtung aus dem Kreise zu sammeln,
welchem derselbe durch mehrjährigen Aufenthalt angehörte. Was die
geographische Ausdehnung dieses Bezirkes anbelangt, so liegt er etwa
von einer Linie, die man von Zwickau im Westen und Saida im Osten
zieht, südlich bis zur sächsisch-böhmischen Grenze. Der größte Theil
des Stoffes ging dem Verfasser in seiner damaligen Stellung, als
Oberlehrer an der Realschule zu Annaberg, von den Schülern der oberen
Klassen der Anstalt auf seinerseits geschehene Aufforderung zu und er
sagt dafür den bereitwilligen und fleißigen Sammlern nochmals seinen
aufrichtigsten Dank. Die den einzelnen Nummern beigefügten Ortsangaben
nennen zunächst die Stadt oder das Dorf, welches die Heimat des
Mittheilenden war, ohne damit behaupten zu wollen, daß sich das Gesagte
nur daselbst finde. Die Sätze, welche gleichlautend von mehreren Seiten
eingingen, wurden als „allgemein“ bezeichnet, womit jedoch nicht
ausgesprochen sein soll, daß sie in dem ganzen Bezirk ausnahmslos
herrschen.
Auf Vollständigkeit, selbst nur für die bezeichnete Gegend, kann die
vorliegende Sammlung um so weniger Anspruch machen, da der Verfasser,
ehe er noch zu einer Sichtung und Ordnung der im Laufe von drei Jahren
ziemlich zahlreich eingegangenen Beiträge gekommen war, zu Anfang
des vorigen Jahres (Januar 1861) in seine gegenwärtige Stellung,
als Diakonus nach Pirna, versetzt wurde, in Folge dessen jede noch
wünschenswerthe Ergänzung und Erweiterung äußerst umständlich wurde.
Es ist daher die vorliegende Arbeit nur als ein Anfang zu betrachten,
der zu weiterer Beschaffung von Material aus dem Umfang des Königreichs
Sachsen einladen und dessen leichtere Einordnung ermöglichen soll. Wir
richten daher an Alle, die ein Interesse an derartigen Forschungen
haben oder durch ihre Stellung in vielfache Berührung mit dem Volke
kommen, wie Beamte, Aerzte, Geistliche, Lehrer u. s. w., die Bitte,
uns mit Beiträgen zu einer umfassenderen Schrift in dieser Richtung
unterstützen zu wollen. Außer den aus vorliegender Abhandlung von
selbst sich ergebenden Gegenständen bezeichnen wir noch als werthvoll
für unsern Zweck: Volkssagen, Volks- und Kinderlieder, Sprüchwörter und
sprüchwörtliche Redensarten, Wörter des Volksdialektes, kirchliche und
religiöse Sitten und Gebräuche (vergl. S. 45 Anm.) u. dergl. Auch die
Angabe, daß dieser oder jener Aberglaube, Sitte und Gebrauch, den wir
anführen, hier oder dort ebenfalls verbreitet ist, sowie Mittheilungen
behufs der Berichtigung und Vervollständigung des Vorliegenden würden
erwünscht sein. Die königliche Hofbuchhandlung von +Hermann Burdach+
in Dresden und die Buchhandlung von +Ludwig Nonne+ in Annaberg sind
bereit, etwaige Eingänge an den Unterzeichneten zu übermitteln, wie er
denn auch selbst Beiträge gern in Empfang nehmen wird. Entsprechende
Honorarzahlung würde seiner Zeit erfolgen.
Schließlich verwahren wir noch das sächsische Obergebirge und
insbesondere die häufig angeführten Ortschaften, bezüglich der +ersten+
Abtheilung unserer Abhandlung, gegen die Folgerung, als ob dort der
Aberglaube heimischer sei wie anderwärts. Er ist überall zu Hause:
man muß ihn nur in der rechten Weise und bei den rechten Leuten zu
suchen wissen. Damit ist aber nicht, so wenig wie durch vorliegende
Abhandlung bezüglich des Gebirges, behauptet, daß, wo ein Aberglaube
vorhanden ist, derselbe auch wirklich überall geglaubt werde, sondern
er wird vielfach nur als alte Gewohnheit bewahrt, wohl auch in Erwägung
gezogen, ohne ihm in den meisten Fällen große Tragweite beizumessen.
Es ist daher aber auch hohe Zeit, diese Nachklänge aus dem Heidenthum
unserer Urväter zu sammeln, so lange sie noch ihr Scheinleben fristen.
Bei der +zweiten+ Abtheilung hat uns nebenbei die Absicht geleitet,
dem oder jenem Vorurtheil, das, in Bezug auf das Obergebirge, noch
verbreitet ist, durch die selbst redende Anführung der bestehenden
Verhältnisse und Gewohnheiten entgegenzutreten. Mögen hierin, wie in
der ganzen Arbeit, die Leser, welche der in Rede stehenden Gegend
angehören, ein Zeugniß erkennen, daß der Verfasser dem Obergebirge fort
und fort ein treues Gedächtniß bewahrt.
+Pirna+, den 31. März 1862.
Erste Abtheilung.
Aberglauben.
Bei Anordnung dieser Abtheilung sind wir meist der Schrift von ~Dr.~
Adolf +Wuttke+, Professor der Theologie zu Berlin: „der deutsche
Volksaberglaube der Gegenwart“ (Hamburg, 1860) gefolgt, weil dieselbe
auf diesem Gebiet der Literatur vor der Hand als maßgebend gilt und
wir unsere Arbeit nur als einen kleinen Beitrag zur Vervollständigung
des bereits dort angesammelten reichen Materials halten. Nur bei den
Festzeiten (siehe unter „Schicksalszeiten“) haben wir, um Alles das,
was dieselben in abergläubischer Beziehung charakterisirt, nicht zu
sehr zu zersplittern, Vieles vorausgenommen, was nach logischer Ordnung
unter das Kapitel der Zauberei gehören würde. Abgesehen von dieser,
wie wir glauben, gerechtfertigten Inconsequenz liegt vorliegender
Abtheilung folgender logischer Plan zu Grunde. Im ersten Kapitel
ist zusammengestellt, wann und woraus der Aberglaube das künftige
Schicksal zu erkennen sucht. Hier kommen die Schicksalszeiten und
Schicksalszeichen zur Sprache. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit
dem, was der Aberglaube thut, um Unglück von sich ab- oder Glück sich
zuzuwenden, behandelt also die Zauberei und zwar deren Mittel und deren
Zweck. Im Uebrigen müssen wir sowohl, was die Rechtfertigung dieser
Eintheilung, als die weitere Ausführung und Begründung des Einzelnen
anbelangt, auf das Wuttke’sche Buch selbst verweisen.
+Bemerkung.+ Die bei einzelnen Paragraphen in Parenthese beigefügten
Zahlen sind die Paragraphenziffern von +Wuttke+, der deutsche
Volksaberglaube. Die mit Sternchen *) bezeichneten Sätze finden
sich bei Wuttke nicht, die mit Kreuz †) weichen von dem von ihm
Mitgetheilten mehr oder weniger ab.
Erstes Kapitel.
Das Erkennen des künftigen Schicksals.