[Illustration: 296. Goldwaschschüsseln.]
Meine Träger, mit den Reizen des uns noch bevorstehenden Weges schon
vertraut, konnten sich nur schwer zur Fortsetzung des Marsches
entschließen und hätten am liebsten hier Lager gemacht. Ich bestand
aber darauf, heut noch Gimpu, das erste größere Dorf in Kulawi,
zu erreichen, und ruhte nicht, bis ich alle unterwegs wußte. Beim
Nachfolgen wurde es mir allerdings begreiflich, daß den Leuten der
Entschluß schwer gefallen war. Ohne jede Pfadspur gingen wir einfach
dem Flußufer nach, das mit ungeheuren Blöcken quarzreichen Granits und
des schon früher erwähnten Grünsteines bedeckt war. In ganz eigener
Weise erschwerte die Struktur der Rollblöcke, die wie mit einer
glänzend schwarzen Kruste überzogen schienen, die Vorwärtsbewegung. Es
war unmöglich, darauf Halt zu gewinnen; sie dienten nur als Stützpunkte
beim Springen. Wo der Fluß sein Bett in voller Breite ausfüllte, mußten
wir an den Böschungen entlang klettern, und wenn nicht einmal Buschwerk
einigen Halt gewährte, blieb nichts übrig, als die steilen Ufer hinan
zu klimmen und auf Umwegen mit dem Haumesser Zoll für Zoll durch das
Dornengerank Bahn zu schaffen, -- eine verzweifelt unangenehme Sache,
die mich aus der Sorge um Leute und Gepäck gar nicht herauskommen
ließ. Diese Eingeborenen wissen aber die Füße mit einer erstaunlichen
Sicherheit zu setzen. Ihre gespreizt stehenden Zehen schienen eine
Ansaugefähigkeit wie die der Haftzehen von Lurchen zu haben, so daß,
von einigen leichten Verletzungen abgesehen, Träger und Lasten heil aus
der Affäre hervorgingen. Zweimal trafen wir unterwegs auf halbzerstörte
Hängebrücken. Sich einer davon anzuvertrauen, wäre Selbstmord gewesen.
[Illustration: 297. Flußbett des Koro.]
Ich war es sicher nicht allein, der sich ordentlich beglückt fühlte,
als wir endlich nach 2½ Stunden dem Koro-Flußtal dauernd den Rücken
kehrten und einen hier beginnenden Fußpfad durch den Wald verfolgten,
der mir nach den überstandenen Strapazen ideal vorkam. Auf dem Wege
hierher waren meine Leute weit auseinander gekommen. Ohne die Ankunft
der Zurückgebliebenen abzuwarten, setzte ich den Marsch mit meinem
Dolmetsch und einem Führer fort. Wir kamen dabei bald in bergiges
Gelände mit vielen Schluchten und Bachläufen, bis wir gegen 2 Uhr
nachmittags auf einem Bergrücken auf eingezäunte Maisfelder stießen.
Diese ersten Anzeichen der Nähe menschlicher Wohnungen wurden von uns
freudig begrüßt. Hinter dieser angebauten Fläche folgte jetzt eine
Strecke dicht verwachsenen Busches. Nachdem wir bereits eine Weile in
einem Hohlwege zwischen dessen undurchdringlichen, dornigen Hecken
marschiert waren, sahen wir plötzlich den Pfad wenige Schritte vor
uns auf eine sehr ungewöhnliche Art versperrt. Der ungeschlachte
Riesenschädel eines Wasserbüffels, dessen Körper im Busch verborgen
blieb, füllte mit seiner Breite den engen Durchgang und glotzte uns mit
tückisch rollenden Augen an. Die Situation war mehr wie unbehaglich,
ein Ausweichen nach der Seite unmöglich, ein Zurückgehen bedenklich,
da Büffel einen Flüchtenden fast regelmäßig verfolgen. Regungslos
harrten wir also des Kommenden. Leider schien das Ungetüm die gleiche
Absicht zu haben: es rührte sich nicht vom Flecke. Unser Kulawi-Führer
versuchte in den Lauten, die diesen Tieren vertraut sind, es zum
Zurückweichen zu bewegen. Aber die Mühe war umsonst. Wie hypnotisiert
starrte der Büffel auf uns. Da holte ich meinen Revolver heraus und
feuerte rasch nacheinander ein paar Schreckschüsse in die Luft. Das
endlich half. Der Koloß prallte mit einem mächtigen Ruck in das
Gebüsch zurück, um dort, völlig gedeckt, abermals regungslos stehen
zu bleiben. Nun gab es kein weiteres Besinnen. So leise und eilends
als möglich, drückten wir uns an der gefährlichen Passage vorüber und
blieben denn auch von einer Attacke glücklich verschont.
Bald nahm auch der Busch ein Ende, und freies Bergland lag vor uns, von
unserem ungefähr 1100 m hohen Standorte aus einen weiten Blick auf die
sich unter und vor uns ausbreitende wunderschöne Landschaft gewährend.
In der Tiefe sahen wir das von reichen Kulturen und Palmenhainen
umgebene große Kulawi-Dorf Watukáma liegen, nahe bei der Einmündung des
Mewe-Flusses in den von Süden her strömenden Koro, den wir hier zum
letztenmal zu Gesicht bekamen. Rüstig bergan steigend, näherten wir uns
dem in 1230 m M. H. malerisch gelegenen kleinen Kampong Mangkudjáwa.
Die Hütten dieses Dörfchens zeichneten sich durch einen bisher noch
nicht gesehenen Giebelschmuck aus. Im ganzen Posso-Gebiet waren
flügelartig abstehende, mit durchbrochener Schnitzarbeit versehene
Planken die charakteristischen Firstabschlüsse gewesen. In Bada
wiederum bildeten 3 gegeneinander geneigte künstliche Büffelhörner die
Giebelkrönung. Hier in Kulawi fand ich als solche roh nachgeahmte ganze
Büffelschädel, deren Hörner aber bis auf ein Drittel ihrer vollen Länge
abgestumpft waren.
Von Mangkudjáwa aus stiegen wir zum Mewe-Tal hinab. Der Fluß, dessen
Geschiebe sehr goldhaltig sein soll, strömt in breitem, seichtem Bette
dem Koro entgegen. Auf einem hohen Hügel jenseits des Mewe lag unser
Marschziel Gimpu, wo wir gegen 4 Uhr, etwa 1½ Stunden vor den ersten
Nachzüglern eintrafen. Der Marsch hierher hatte außergewöhnliche
Anstrengungen erfordert, denen sich nicht alle gewachsen zeigten.
Zudem waren 6 Soldaten fieberkrank geworden und in Mangkudjáwa
zurückgeblieben.
[Illustration: 298. Der Lobo von Gimpu.]
Gimpu liegt ungefähr im Mittelpunkte der sich mehrere Stunden weit
am Mewe-Fluß hinziehenden Kulturflächen, etwa 400 m ü. d. M. Der
Ort selbst brachte mir eine arge Enttäuschung. Statt der erwarteten
großen Kulawi-Gemeinde fand ich ein unsauberes, aus 7 oder 8 Häusern
und einem Lobo bestehendes Dörfchen. Hohes Unkraut überwucherte Weg
und Steg und drängte sich ungehindert bis dicht an die Hütten. Eine
Ringumwallung mit Bambusgebüsch zog sich um das verwahrloste Nest.
Als Quartier sah ich mich wohl oder übel auf den Lobo angewiesen,
den ich vor allen Dingen erst auskehren ließ, eine Ehre, die ihm
wohl nur selten zu teil geworden war. Auf diesem Lobo befand sich
wie auf allen Kulawi-Kulthäusern ein Doppeldach. Etwa ½ m unter dem
Schindeldache ist ein zweiter Dachstuhl angebracht. Der Raum zwischen
den beiden Dächern ist den das Dorf beschützenden Geistern, den Anitus,
geweiht, welche nach dem Glauben der Kulawier dort ihre dauernden
Wohnsitze aufschlagen. Die sonstige Bauart und Inneneinrichtung des
Lobos entsprach auch hier in allem der schon öfter geschilderten. Ein
roher Pfahl mit 3 Kerbstufen führte zum Eingang hinan. Das Tageslicht
konnte unter dem weit vorspringenden Dache nur schräg von unten her
eindringen, fand jedoch noch durch die offene Tür und reichlich breite
Spalten ungehinderten Zutritt. An Geräten enthielt das Geisterhaus nur
Trommeln verschiedener Größen. Sie waren aus geraden Stammcylindern
gefertigt und mit Anoa-, Büffel- oder Schlangenhaut bespannt. Ihre
Ausschmückung bestand in einfachen Zierlinien, die sich um die Mitte
der Trommeln herumzogen und in 3 Varianten vorkamen.
Wie hier gleich bemerkt sein mag, glichen die Wohnhütten Gimpus
sowie des ganzen Mewe-Tales in ihrer Bauart völlig den in Salu-Boku
vorgefundenen. Einen Unterschied machten nur die hier überall
angebrachten Plattform-Vorbauten, die sich in ihrem Stil wieder dem von
Leboni näherten.
Stark ermüdet und in Schweiß gebadet, machte ich es mir im Lobo alsbald
sehr bequem, war aber binnen 5 Minuten derart von Moskitos zerstochen,
daß ich Hals über Kopf ins Freie flüchten mußte. Als dann später mit
den Trägern auch mein Koch ankam, wurde er angewiesen, im Lobo Feuer
zu machen und nicht wie sonst vor, sondern in dem Hause abzukochen, um
mit dem Rauche die entsetzlichen Mücken zu vertreiben. Zu Küchenzwecken
wurden auch einige Blecheimer voll Wasser hinaufgeschafft, ein Umstand,
der für uns von größter Bedeutung werden sollte.
Unsere Ankunft war unter den Talbewohnern rasch bekannt geworden,
und von allen Seiten strömten sie zusammen, um den seltenen Gast
zu bestaunen, so daß sich der Lobo bald mit Besuchern füllte. Im
Gegensatze zu den bisher ausschließlich kennengelernten Inlandstämmen
mit brachykephaler Schädelbildung waren die Eingeborenen im Mewe-Tal
mit ausgesprochenen Langschädeln ausgestattet und außerdem von so hohem
Wuchse, wie man ihn sonst nur bei Hindus findet. Als Sprecher der mich
umringenden Besucher fungierte der malayisch sprechende Häuptling eines
Nachbardorfes. Dieser versprach mir auch, sich wegen ethnographischer
Objekte zu bemühen und morgen wiederzukommen. Die Anwesenden wurden von
mir mit Cigaretten regaliert. Als des Fragens aber schließlich gar kein
Ende wurde, bedeutete ich ihnen zuguterletzt, daß ich sehr ermüdet
sei, worauf sie sich sofort verabschiedeten.
[Illustration: 299. Häuptling von Gimpu.]
Im Lobo schliefen außer mir nur noch No und Rámang. Meine in Tragkörben
verstauten Sammlungen füllten eine der Seitengalerien; auf der
entgegengesetzten Seite hatte ich mein Lager aufgeschlagen. Mitten in
der Nacht sollte mir ein furchtbares Erwachen bevorstehen. Die vor
Angst heiseren Rufe Rámangs: »Túan, túan rumah bákar!« (Herr, das Haus
brennt) schreckten mich jäh aus dem Schlafe. Auffahrend sah ich dicht
neben meinem Moskitonetz hochlodernde Flammen! Einen Augenblick stand
mir das Herz still; dann warf ich mich samt dem Bette instinktiv nach
der entgegengesetzten Seite und arbeitete mich aus dem Netz heraus.
Es hatte sich nur noch um Augenblicke gehandelt, und das Feuer hätte
den leichten Stoff ergriffen, aus dem es dann keine Rettung mehr gab.
Die beiden Jungen, völlig kopflos geworden, stierten entgeistert in
die Flammen. Mich beherrschte nur der eine Gedanke: meine Sammlungen
müßten gerettet werden. Mit einem Satze war ich bei den zum Glück
noch halb vollen Eimern (alten Petroleumbehältern) und goß das Wasser
mit sorglicher Sparsamkeit um die brennenden Bohlen. Den Boys befahl
ich, das Dorf zu alarmieren, und binnen wenigen Minuten kamen aus
allen Hütten Leute mit Wasser-Bambusen. Es gelang uns, des Feuers Herr
zu werden, das ungefähr in der Mitte des Raumes ein Loch von etwa 1
qm Größe aus dem Bodenbelag ausgebrannt hatte. Wahrscheinlich hatte
einer meiner Besucher einen noch brennenden Cigarettenstummel in eine
Dielenritze geworfen, und der dazwischen liegende Kehricht hatte zu
brennen angefangen. Da von unten her Luftzufuhr kam, glimmte der Funke
stundenlang weiter, ohne daß die dicken Bohlen Hartholzes helle Flammen
entwickelt hätten. Erst nachdem eine größere Öffnung herausgekohlt
war, kam das Feuer durch die Zugluft zum vollen Ausbruch und der
helle Schein weckte Rámang gerade noch zur rechten Zeit. Mit unserer
Nachtruhe war es jetzt natürlich vorbei. Das ganze Dörfchen war auf
den Beinen, und die Stunden bis zum Tagesanbruch vergingen in erregtem
Meinungsaustausch über die Entstehungsursache des Brandes.
+Gimpu -- Lemo+, den 19. November.
Der nächtliche Vorfall beschäftigte auch am Morgen noch alle Gemüter.
Frühzeitig kamen Leute mit Verkaufsobjekten nach Gimpu, dazu gesellten
sich die neuen Träger, und alle wollten orientiert sein, so daß ein
reges Leben in dem sonst so stillen Dorfe herrschte.
Unter den angekauften Gegenständen befand sich eine mir neue Art
bestickter Frauenjacken aus eingeführtem Gewebe, bei denen die
einheimische Fuja nur noch als Besatz Verwendung gefunden hatte. Völlig
abweichend war auch der Kopfputz der Frauen und Mädchen, die anstatt
der Bastscheitelringe hübsch benähte und mit Glimmerblättchen noch
besonders gleißend ausgeputzte Stirnbänder trugen, die rückwärts in
einer Fuja-Schleife endeten.
Unter Führung zweier Häuptlinge (Madika) machten wir uns gegen 7
Uhr auf den Weg, die letzte uns noch vom eigentlichen Centrum des
Kulawi-Ländchens trennende Strecke zurückzulegen. Einer der Soldaten
war so schwer fieberkrank geworden, daß ein Pferd für ihn requiriert
werden mußte. Auch mir bot der Madika einen Reitgaul an. Ich lehnte
jedoch dankend ab, da mir Reiten das Beobachten erschwert hätte.
[Illustration: 300. Frauenjacken aus Kulawi.]
Gimpu verlassend, stiegen wir zum Mewe hinab, dessen Tal wir auf fast
schnurgeradem schönen Wege aufwärts wanderten. Der Marsch durch die
fruchtbaren Landschaften mit ihrem reichen Wechsel an Scenerien war
ein seltenes Vergnügen. Während 4 Stunden hatten wir dabei nur einmal
einen größeren hügeligen Wald zu passieren. Diesen Hügeln wich der
Mewe-Fluß weit nach rechts aus. Wir aber folgten der alten Richtung
weiter, bis die Straße am Fuße hoher Bergzüge ein plötzliches Ende
nahm. Hier angelangt, bogen wir in das schmale, vielgewundene Tälchen
des kleinen Latipu-Flusses ab. Dort begegnete uns ein größerer Trupp
Kulawier, die von einem Markt im Hauptdorfe Lemo nach ihren Wohnorten
zurückkehrten. Alle waren schlank und groß gewachsen mit etwas derben,
aber ausdrucksvollen Gesichtern und leichten Bart-Ansätzen. Zu kurzen
Buginesenhosen hatten sie Sitzschürzen aus Fell umgebunden. Ein
vorausgehender Bursche trug auf der linken Schulter eine Lanze mit
Ziegenhaarschmuck, das in einer Scheide steckende Lanzenblatt nach
unten gerichtet. -- Die an Körpergröße ihren Gefährten bedeutend
nachstehenden Frauen trugen als ungewöhnlichen Schmuck breite
geflochtene Rotangbänder um die Fußknöchel. --
[Illustration: 301. Kulawier vom Mewe-Tal.]
Gegen 1 Uhr überraschte uns im Latiputal ein heftiger Gewitterregen,
der mich um meine in den Rückenkörben nur mangelhaft vor Nässe
geschützten Sammlungen recht besorgt machte. In aller Eile wurden die
Lasten mit allen verfügbaren Tüchern und großen Blättern zugedeckt,
so gut es ging. Die Wegebeschaffenheit gewann durch den Regen
natürlich nicht an Güte, und als wir bald darauf steile Bergrücken
hinanzusteigen hatten, waren die lehmigen Pfade zu Rutschbahnen
geworden, deren Beschreiten unmöglich war, so daß wir uns gezwungen
sahen, uns abseits im hohen Riede emporzuarbeiten. Über eine Reihe
solcher mit Lalang bestandenen Kämme von ca. 800 m Höhe gelangten wir
nun wieder allmählich talwärts und endlich zum Rande des gewaltigen
Gebirgseinbruches, als welcher sich die kesselförmige Senkung von
Kulawi darstellt. Sie lag 300 m unter uns und war von einem Kranze
hoher Waldberge umgeben, die nur nach Westen, nach Palu hinüber, einen
Ausweg freiließen. Die gestuften Abhänge weit hinan zogen sich die
Pflanzungen der Eingeborenen, reizvoll unterbrochen von Palmengärten
und zerstreut liegenden Wohnhütten. In dem reich bewässerten Talgrunde
tauchten etwa ein Dutzend geschlossener Dörfer wie Inseln aus dem
grünen Sawa-Meer empor.
[Illustration: 302. Sitzfell aus Kulawi.]
Stärker einsetzender Regen spornte uns zur Eile. Der letzte Teil des
Abstiegs in den Kulawi-Kessel war beinahe noch schlimmer als der
Anstieg aus dem Latipu-Tal. Mehrere Träger stürzten und rollten samt
den Blechkoffern den Hang hinunter, und auch ich selbst kam rascher
zu Tale, als in meiner Absicht gelegen hatte. Über das moränenartige
breite Flußbett des Nalúa hinweg kamen wir zu dem auf einer Anhöhe
gelegenen Dörfchen Somann, dessen Gärten und Felder hinter starken
Umzäunungen lagen. Nachdem wir letztere überklettert hatten, gerieten
wir auf die schmalen aufgeweichten Dämme ausgedehnter Sawas. Das
Hinüberbalancieren war eine heikle Aufgabe, zu deren erfolgreicher
Lösung ich mir selbst gratulierte. Ein Abrutschen in den grundlosen
Schlamm der Reisbeete hätte gerade noch gefehlt. Nachdem wir so
ziemlich die ganze Talbreite hinter uns hatten, sahen wir auch
das Hauptdorf Lemo hoch auf einem Hügel vor uns liegen und dicht
dabei, auf glücklich gewählter Stelle mit freiem Ausblick auf das
ganze Talgebiet das Gouvernements-Unterkunftshaus. In nicht gerade
präsentabler Toilette, aber in bester Laune hielt ich meinen Einzug in
das freundliche Logis. Auch meine Soldaten waren in gehobener Stimmung;
befand sich doch in Lemo ein ständiges Kommando von 20 Mann, dessen
Kaserne in geringer Entfernung im Tale am O-Flusse lag. Dort fanden sie
bequeme Unterkunft und Kameraden, und überdies wußten sie einen vollen
Ruhetag vor sich.
[Illustration: 303. Ceremonialhut aus Kulawi.]
In Lemo hat ein malayischer Inlandsassistent, der dem Controleur von
Palu unterstellt ist, seinen ständigen Aufenthalt. Er erschien alsbald,
um sich mir vorzustellen, und vernahm höchlichst überrascht, daß ich
von dem fernen Paloppo hierher gekommen war.
+Lemo+, den 20. November.
Der Kulawi-Kessel liegt 569 m ü. M. und hat ein verhältnismäßig rauhes
Klima. Trotz seiner geschützten Lage in den Bergen sind die Nächte
schon empfindlich kühl, und auch die letzte Nacht hatte der Wind ganz
gehörig um das Haus gepfiffen. Die besonders reichliche Bekleidung
der Kulawier ist sonach auch hier in den klimatischen Verhältnissen
begründet. -- Der heutige Rasttag meiner Leute war für mich ein
doppelter Arbeitstag. Außer einer eingehenden Besichtigung des Dorfes
wartete meiner die Abfertigung von Dutzenden Verkaufslustiger, die
eine Bekanntmachung des Assistenten herbeigelockt hatte. Derselbe
war mit einer Kulawierin den Bund »für längere Zeit« eingegangen,
welche dafür sorgte, daß ihre Landsleute über alle Vorgänge genügend
rasch orientiert wurden. So gingen und kamen nun unaufhörlich Scharen
Neugieriger, und Berge von Gegenständen häuften sich in meiner
Kammer. In kurzer Zeit war der Rest meiner Tauschartikel an den Mann
gebracht. --
[Illustration: 304. Lemo in Kulawi.]
[Illustration: 305. Kulawi-Frauenpfeife.]
Die Freude an grellen Farben und eine unleugbare Putzsucht der Kulawier
kamen in kontrastreichen Zusammenstellungen und in den Stickereien
ihrer Gewänder voll zum Ausdruck. Selbst die Kleidung der Männer machte
hiervon keine Ausnahme (s. Fig. 307). Die kurzen übergeschlagenen
Faltenröcke der Frauen waren so ziemlich die einzigen aus Fuja
hergestellten Kleidungsstücke. Die Duftbündel wurden hier noch mit
bunten Federbüscheln in besonderer Weise verschönt. Verzierung der
Gesichter mit Stanniol-Schönheitspflästerchen war eine allgemein geübte
Sitte. -- Der Anblick solcherart festlich herausgeputzter Frauengruppen
beim nächtlichen Gambero-Tanz erinnerte an ein groteskes Maskenfest. --
Unter meinen Erwerbungen erfreute mich als besonders seltenes Stück ein
Rotanghut (tónu-tónu) mit langen seitlichen Flügeln, die aus vielen
vertikal nebeneinander gestellten Bambusröhrchen bestanden (Fig. 303).
-- Sehr originell war eine Messingfigur von 6½ cm Höhe, einen sehr
realistisch modellierten, nackten weiblichen Körper darstellend, die
als eine Art glückbringendes Amulett vom Bräutigam der Braut verehrt
wird (Fig. 308). -- Als Kuriosum sei ferner noch eine »pamudúka«
genannte Frauen-Tabakspfeife erwähnt, deren Gebrauch ausschließlich auf
Kulawi beschränkt sein dürfte (s. Fig. 305).
[Illustration: 306. Kulawierin in Festtracht.]
[Illustration: 307. Bestickte Kulawi-Männerhosen.]
[Illustration: 308. Bronze-Brautamulett.]
Was die Wohnungen der Lemo-Kulawier anbetrifft, so fand ich sowohl
solche, die denen im Mewe-Tal völlig gleich waren, als auch einen
abgeänderten Häusertyp, bei dem die vertikalen Verbindungsstützen
fehlten und durch weitere Lagen horizontaler Rundhölzer auf höherem
Unterbau ersetzt waren. Im allgemeinen erinnerten die Häuschen alle
mehr oder weniger an Almenhütten, und ihr Blockhauscharakter dürfte
in dem Gebirgsklima seine Erklärung finden. Das Auffallendste an den
Lemo-Häusern waren ihre in das Bohlengefüge eingezapften massiven
Haustüren, die tagsüber offenstehen und so ziemlich der einzige
Lichteinlaß für das Innere sind, nachts aber geschlossen einen
zuverlässigen Schutz bieten. An den Wohnungen aller besser Situierten
sind diese Türen reich geschnitzt. Das am häufigsten verwendete Motiv
war hierbei der Büffelkopf. Eine interessante Abweichung hiervon
zeigte die Ornamentik einer von mir gleichfalls in Lemo erworbenen
Haustür, deren Schnitzwerk vier geschickt zu einem Ganzen verbundene
Sangóris, in Kulaxvi »pararúnki« genannt, darstellte. Um solche Türen
aus den Häusern zu entfernen, war es notwendig, mindestens einen ihrer
Drehzapfen abzusägen. -- Die Leute sind übrigens sehr stolz auf solche
Haustüren und entschließen sich nur schwer zu ihrer Veräußerung. Als
ich eine gekaufte Tür herausnehmen ließ, erklärte die Hausfrau weinend,
sich von ihrem Manne trennen zu wollen. Hoffentlich besann sie sich
später noch eines Besseren.
[Illustration: 309. Kulawi-Haustür mit Büffelkopf-Skulptur.]
Die Bewohner von Kulawi unterschieden sich auffällig von denen des
Mewe-Tales. Sie waren im Vergleich mit diesen klein und zierlich,
schienen aber gewandter und intelligenter. --
Beschneidung durch Incision mittels eines Bambusspanes und Deformierung
der Gebisse gehören in Kulawi wie überall in Central-Celebes zu den
unerläßlichen Eingriffen.
+Lemo -- Lindu-See+, den 21. November.
In Begleitung des Inlandsassistenten brachen wir zeitig auf, um
eine Exkursion nach dem im östlichen Gebirge liegenden Lindu-See
anzutreten. 9 Mann Militär nebst 22 Trägern mit den Sammlungen
marschierten auf direktem Wege nach Palu ab. Der Sergeant und 5
Soldaten begleiteten mich zum See. Über den kleinen O-Fluß hinweg
kamen wir anfangs durch ausgedehnte Kampongs und reich angebaute
Gefilde. Von hier und dort tönte mir dabei Fuja-Gehämmer an das Ohr.
Bald verließen wir den großen Weg und wandten uns den nordöstlich
gelegenen Bergen der Sibarónga-Kette zu. Eine gute Stunde lang
stiegen wir in steilen Serpentinen schattenlose Lalanghügel hinan,
bis die Waldgrenze erreicht war. Der Sonnenglut waren wir dort zwar
entrückt, hatten diese Annehmlichkeit aber mit der jämmerlichen
Beschaffenheit des Waldpfades erkauft. Die bereits im Monat November
fast alltäglich fallenden Regen hatten das Gestrüpp des Waldes leider
schon allzu üppig emporschießen lassen; der Fußweg aber war als
einzige Abzugsrinne der Regenbäche unter Bildung zahlreicher Löcher
tief ausgewaschen. Der auf schlüpfrigem Lehmboden schroff in die
Höhe führende Pfad war vom Dickicht verdeckt, und der tastende Fuß
strauchelte daher auf diesem Steige nur allzuoft und geriet häufig in
eine der wassergefüllten Lehmpfannen. Nach ¾ Stunden begann der Wald
lichter und der Weg entsprechend besser zu werden. Gegen 10 Uhr standen
wir bei rund 1400 m auf dem höchsten Punkte des Sibarónga-Rückens,
umgeben von majestätischer Waldespracht. Hier oben begann eine von
Lindu heraufgeführte halbfertige Weganlage, so daß die Wanderung zum
See hinab beträchtlich angenehmer zurückzulegen war. Eine knappe
Stunde genügte zur Erreichung der Altseefläche. Der beiderseits von
Wald flankierte Seeboden lief in einen schmalen, sich aber rasch
verbreiternden Talzipfel aus. Leider endete im Talgrunde auch der im
Bau begriffene Weg, so daß wir die nächste halbe Stunde abermals einem
Buschpfade nachzugehen hatten, der über morastigen Boden auf eine
freie Fläche hinausführte. Mitten auf derselben lag das von Mais- und
Zuckerrohrpflanzungen umgebene Lindu-Dörfchen Búro.
[Illustration: 310. Kulawi-Haustür mit Sangori-Ornamentik.]
Im Centrum der am Südende des Sees befindlichen Niederung völlig
reizlos gelegen, machte diese aus kaum einem Dutzend kleiner Hütten
bestehende Siedelung einen nicht gerade vorteilhaften Eindruck. Viel
mochte hierzu ja auch das Fehlen jeglichen Baumschmuckes beitragen;
denn außer neu angepflanzten Limonen- und Papayas gab es hier überhaupt
keinen Baum, und die viel angebauten Pisangs (lóka) boten keinen Ersatz.
Vom See war von Búro aus noch keine Spur zu entdecken. Ein breiter
Streifen Buschlandes schützte ihn vor profanen Blicken, und es sollte
uns noch ungeahnte Mühe kosten, den Ausblick darauf zu erzwingen.
Die Bewohner Búros sind wie alle See-Anwohner als To-Kulawi zu
bezeichnen. Der Mohammedanismus hat im Niederungsgebiet bereits
beherrschenden Einfluß gewonnen und mehr als alles andere dazu
beigetragen, alte Eigenart gründlich auszumerzen. Starke Anlehnungen
an die bei der Palu-Bevölkerung geltenden Normen in Sitte und
Lebensgewohnheiten sind bei allen Bewohnern der Seeniederung
unverkennbar. Allein die recht verlumpt herumlaufenden Weiber trugen im
Lindu-Gebiet noch braune Fuja-Bauschröcke und Fauxculs, Stirnbänder und
Rotangfußbänder, wie es in Kulawi üblich ist. Als Schmuckobjekte von
Wert tragen sie dazu bei festlichen Anlässen schwere Messingfußringe,
deren Preis mit einem Büffel pro Paar fest normiert war.
Muschelarmbänder fanden sich in jeder Hütte. -- Die Gesichtsbemalung
beschränkte sich auf feine Doppelreihen schwarzer Punkte auf Stirne,
Wange und Kinn.
[Illustration: 311. Krankheitsscheuche bei Búro am Lindu-See.]
Als ich, meinen Leuten weit voran, allein in Búro eintraf und spielende
Kinder meiner zuerst ansichtig wurden, flüchteten sie unter großem
Geschrei in die Hütten, worauf es im Augenblick im Dörfchen lebendig
wurde. Heftig gestikulierende und übermäßig laut sprechende Männer,
deren aufgeregtes Wesen seltsam gegen das zurückhaltende, gemessene
Auftreten der Leute in Lemo abstach, eilten mir entgegen. Ihr Anführer
sprach eindringlich auf mich ein, ohne daß ich ein Wort zu verstehen
vermocht hätte. Da sonst kein geeigneter Raum vorhanden war, geleitete
man mich zu einem Vorratsspeicher, unter dem ich mich auf schnell
herbeigebrachten Matten niederließ, um hier auf meine Gefährten zu
warten. Zur Restaurierung wurden mir Zuckerrohr und Pisang angeboten.
-- Eine merkwürdige Tätigkeit entfalteten sofort nach meiner Ankunft
die Weiber. Erst hatten sie sich als echte Evatöchter noch in aller
Geschwindigkeit mit Stirnbändern herausgeputzt, um sich sodann in
größter Hast daranzumachen, den Untergrund und die Umgebung der Hütten
sauber zu fegen. Diese ungewöhnliche Wirkung meines Erscheinens hing
mit einer Gouvernements-Verfügung zusammen, die es den an Reinlichkeit
nicht gewöhnten Eingeborenen zur Pflicht machte, Wohnungen und
Dorfplatz stets in stand zu halten. Die Befolgung dieser zur Besserung
der sanitären Verhältnisse gerade am Lindu-See sehr notwendigen
Maßregel wird von Zeit zu Zeit durch den in Lemo stationierten
Inlandsassistenten nachgeprüft, und wer die Leute auch nur flüchtig
kennengelernt hat, versteht, daß sie einen heiligen Respekt vor
solchen Visiten haben. Auch hinter meiner Ankunft vermuteten sie
eine Revision, und so erklärte sich der ungewohnte Betätigungsdrang.
Zu ihrer Arbeit bedienten sich die Frauen sehr sonderbarer, noch
unpatentierter Werkzeuge, nämlich der Beckenknochen und Schulterblätter
von Büffeln, die, durchbohrt und an Holzgriffe geschnürt, sowohl als
Spaten wie als Schaber und Schaufeln benutzt wurden. -- Sofort nach
dem Eintreffen meiner Leute wurde der Weitermarsch zum See unter
Führung des Häuptlings von Búro angetreten. An einer Wegkreuzung nahe
beim Dorfe war ein Fetisch errichtet. Die Puppe aus Arengfasern nach
Art der bereits beschriebenen Krankheitsscheuchen war gleichfalls
mit Fuja-Attributen ausgestattet, zeigte aber sonst erhebliche
Abweichungen. Sie war an der Mitte eines starken Bambuspfahles
befestigt, der an seinem oberen Ende auf Handlänge in dünne Streifen
gespalten und durch Ausbiegen derselben zu einem trichterförmigen
Behälter umgearbeitet war. Den Schädelteil der Figur hatte man oben
ausgehöhlt, damit es dem bösen Geist möglich sei, in die Puppe
hineinzufahren. Die in Tabak, Sirih und einem Ei bestehenden Opfergaben
wurden in den die Stelle eines Tischchens ersetzenden Trichter gelegt
(s. Fig. 311).
Der Pfad zum Seegestade begann kurz hinter dem Dorfe eine
Beschaffenheit anzunehmen, die aller Beschreibung spottet. Trotz
gewagtester Sprünge versank man dabei knietief im Morast, so daß ich
es bald aufgab, nach einem Wege zu suchen, wo eben keiner war. Stumpf
ergeben stapfte ich gleich meinen Begleitern durch den grundlosen
Schlamm. Nach ¾ Stunden war der am Seerande gelegene aus 3 erbärmlichen
Bambushütten bestehende Rastplatz Lángko erreicht. Über und über mit
Schmutz bespritzt und nach Darangabe eines Stiefelabsatzes nahm ich von
einer derselben Besitz.
Dieses Lángko, von dem man behauptet hatte, daß es am See läge, soll
vor Jahren einmal eine Dorfanlage gewesen sein. Gegenwärtig war das
Terrain völlig versumpft. Vom Lindu-See aber war auch hier absolut
nichts zu sehen. Nach welcher Richtung hin auch das Auge suchend über
die Schilfwüste schweifte, der See hielt sich verborgen. Trotzdem
war er uns nahe, nur verdeckt durch hohes Rohr, über welches hinweg
lediglich die an seinem jenseitigen Ufer sich erhebende Ngilaláki-Kette
sichtbar wurde.
[Illustration: 312. Der Lindu-See.]
Nach einem kleinen Imbiß bestand ich darauf, an diesen so hartnäckig
unsichtbar bleibenden See geführt zu werden. Kanoes gab es in Lángko
nicht; es wurde also beschlossen, mit wenigen Leuten nach dem am
Westufer gelegenen Kampong Antja aufzubrechen und von dort aus den
Rückweg nach Lángko über den See per Boot anzutreten.
Ein Marsch wie der von Búro nach Lángko wiederholte sich, als wir uns
um zwei Uhr auf den Weg machten. Einer vollen Stunde bedurfte es, um
das greifbar nah scheinende Randgebirge der Altseefläche zu erreichen.
Dort angekommen, überkletterten wir eine in den See vorspringende
bewaldete Bergzunge, und hinter dieser lag dann endlich der Spiegel des
Lindu-Sees offen vor unsern Augen.
Dieser kleinste der Binnenseen des centralen Celebes erinnerte
mich durch die Konturen seiner ziemlich gleichförmig verlaufenden
Ufergebirge an den Starnberger See meiner bayrischen Heimat. Die
Längsrichtung des Seebeckens zwischen den in unregelmäßigen Bogen
verlaufenden Uferlinien geht von Norden nach Süden. Im Westen und
Osten treten die Gebirge dicht an den See heran. Der höchste Gipfel der
östlichen Kette ist der Ngilalaki, der von unserem Standort aus recht
bedeutend erschien. Bei einer Meereshöhe von rund 900 m soll die Länge
des Sees 8 km, seine Breite 4-5 km betragen.
Der Kampong Tomádo, den wir zunächst erreichten, bestand aus 2 Reihen
ärmlicher Hütten, die unter schattigen Bäumen auf hohen Pfählen
ruhten. -- Einen ungewohnten Anblick boten größere Pferdekoppeln auf
der sanft ansteigenden See-Ebene beim Dorfe. Die Pferdezucht wird in
den Seeniederungen ziemlich intensiv, aber unrationell betrieben. Die
von Palu her importierten Pferde bleiben das ganze Jahr sich selbst
überlassen. Sie kennen weder Pflege noch Stall. Offene Schuppen in
der Nähe der Ortschaften gewähren ihnen notdürftig Schutz gegen
die Unbilden der Witterung. Frei schweifen sie Tag und Nacht in
den Seegründen umher, wo die harten Schilf- und Wiesengräser ihre
ausschließliche Nahrung sind.
An sonstigen Haustieren kommen außer den in großer Zahl gehaltenen
Büffeln fast nur noch kleine, fuchsköpfige Hunde sowie Geflügel vor,
Schweine höchstens noch bei einzelnen heidnisch gebliebenen Familien.
Etwas weiter westlich, nahe bei Tomádo lag auf einem Gebirgshange
der Kampong Antja, eine der bedeutenderen alten Ansiedelungen in
der See-Ebene, die sich sowohl durch ihre landschaftlich reizvolle
Lage, als durch ansehnlichere Größe auszeichnete. In Antja fand
ich einen Blockhaustyp vor, der sich bei aller Ähnlichkeit mit der
Kulawi-Bauart genügend davon unterschied, um als eigener Lindu-Typ
gelten zu können. Wie in Lemo stehen die Häuser auf hohen Rosten aus
Rundhölzern; doch liegen die Hölzer einer Schicht rechtwinklig zu denen
der folgenden, so daß ein Gitterrost statt eines kompakten Holzstoßes
entsteht. Die Oberbauten bestehen aus geschlossenen Wänden mit leicht
eingesattelten Dächern aus Gras oder Schilf. Diese springen an den
Giebelseiten genügend weit vor, um auch noch über einen Verandavorbau
hinwegzuragen. Zu diesem führt dann die Kerbtreppe hinan. Die Giebel
laufen oben in 3 Enden mit durchbrochener Schnitzarbeit aus.
[Illustration: 313. Blockhaus in Antja am Lindu-See.]
Ethnographisch gab es am Lindu-See sehr wenig zu holen. Mit dem
Vordringen des Islam sind viele altgewohnte Gebräuche gänzlich
abgeschafft worden oder verflachten. Auch haben sich die ehedem
gefürchteten Kopfjäger rasch den geregelten Verhältnissen unter
der holländischen Regierung angepaßt. Was sie früher an Waffen und
Kriegsschmuck besaßen, war lange dahin und ihnen abgenommen und
vernichtet worden. -- Leider auf kein Gebot erhältlich war ein
prächtiges altes Schwert mit Kahn-Scheide und Klaff-Griff. Letzterer
war mit einem Strang Menschenhaar und eingeknüpftem Federschmuck, die
Scheide aber mit langen roten Bändern und Quastenbehang ausgestattet.
Derartige sehr selten gewordene Waffen gelten am Lindu als Talismane
bei gewissen Erkrankungen. In solchen Fällen umgürtet sich der in seine
besten Gewänder gehüllte Kranke mit einem dieser Schwerter und begibt
sich vor Sonnenaufgang zum Seeufer, um dort zu den Dewátas zu beten
und ihnen Sirihopfer darzubringen, hernach aber im heiligen Wasser des
Sees zu baden. So getan, pilgert er hoffnungsfroh nach Hause. -- Es
ist dies ein alter Posso-Brauch, der sich merkwürdigerweise nach dem
Lindu-See verpflanzt hat.
Die Rückkehr nach Lángko wurde, wie beschlossen, in 2 Booten quer über
den See angetreten. Die Kanoes der Eingeborenen sind lange Einbäume mit
rundem Boden und eigentümlich erhöhten Plattform-Anbauten an beiden
Enden, auf welchen der Steuermann, bzw. 1-2 Ruderer Platz nehmen. Von
irgendwelchem Zierat an diesen Booten konnte ich nichts entdecken,
ebensowenig an den kurzstieligen, aber mit langen Schaufeln versehenen
Rudern. Ich fühlte mich in dem schwankenden Fahrzeug, in dem sich die
Passagiere, einer hinter dem anderen in höchst unbequemer Stellung
hockend, beileibe nicht rühren durften, nicht gerade behaglich und
suchte in der Versicherung meiner Begleiter Trost, daß es im Lindu-See
keine Krokodile gebe. An Fischen soll er dagegen reich sein, ebenso an
eßbaren Muscheln.
Die steil abfallende Westküste mit schönem baumbestandenen Kiesstrande
und saftigen Bergwiesen dahinter bot einen schönen Anblick. Das Bild
änderte sich leider in der Nähe des Altseegebietes an der Südwestecke,
wo uns unübersehbare und undurchdringliche Schilfmauern zu weitem
Ausbiegen zwangen. Dieser Rohrgürtel barg einen ungeahnten Reichtum an
Sumpf- und Wasserwild. So bemerkte ich zweierlei Enten, Wasserhühner
in mehreren Arten, Taucher, Kormorane, Schlangenhalsvögel, Reiher,
Ibisse, Störche, Rallen, Bekassinen und Seeschwalben. Auch Raubvögel
lebten hier einen guten Tag. Die Wasservögel zeigten sich wenig scheu
und ließen uns dicht herankommen, ohne abzustreichen. In der See-Ebene
sollen auch zahlreiche Hirsche und in den Waldgebirgen Anoa und
Babirusa leben.
Weite Flächen des Seespiegels waren mit einer prächtigen
hochstieligen Wasserrose vollkommen bedeckt. Die Riesenblätter einer
anderen Wasserpflanze wurden von den Eingeborenen, wie sie mir
vordemonstrierten, als Gemüse genossen.
Nahe am Südwestufer ragte aus dem See eine kleine bewaldete Felseninsel
mehrere Meter hoch heraus, von den Eingeborenen Bola genannt. Meinem
Verlangen, dorthin gerudert zu werden, wurde jedoch unter allen
möglichen Vorwänden Widerstand entgegengesetzt. Es hieß, die Insel
sei ein unbewohnter Fleck Erde, den sich die Geister als Wohnsitz
auserkoren hätten, und der deswegen bei allen See-Anwohnern als heilig
gelte. Auf der Insel befände sich ein Lobo, in dem zu gewissen Zeiten
religiöse Feste gefeiert würden. Nur bei solchen sei es gestattet,
die Insel zu betreten. -- Da mir auch der Inlandsassistent anriet,
von meinem Vorhaben abzustehen, verzichtete ich auf einen Besuch des
Eilandes.
Soweit es möglich war, wurden jetzt die Kanoes durch das Blättermeer
der Seerosen an den Schilfgürtel herangedrückt, und durch einen
vorher nicht bemerkten, kaum bootsbreiten Kanal fortgeschoben.
Schließlich aber saßen wir unverrückbar fest und mußten aus den
Fahrzeugen springen, um durch den Sumpf zu waten, bis wir auf schmale
Dämme stießen, auf denen wir unsere Hütten erreichten. Ich für meine
Person hatte genug von Lindus Herrlichkeiten und würde schwerlich ein
zweitesmal diese Gegend aufsuchen.
Angeblich sollte es am See keine Moskitos geben -- eine fromme Legende,
die ich leider zerstören muß. War ich auch persönlich durch mein Netz
etwas geschützt, so wälzten sich doch meine Begleiter von Stichen
gepeinigt ruhelos auf ihren Lagern und quittierten durch häufiges
Klatschen und kräftige Verwünschung. An Schlaf war übrigens bei dem
tausendstimmigen Froschkonzert ohnedies nicht zu denken, so daß sich
diese Nachtruhe am See all den andern Lindu-Spezialitäten würdig
anschloß.
+Lindu -- Túwa+, den 22. November.
Kaum jemals habe ich einem Ort mit solchem Vergnügen den Rücken
gekehrt als diesem Sumpfnest. Der Inlandsassistent verabschiedete
sich heut früh, um sich auf dem gekommenen Wege wieder nach Lemo
zurückzubegeben. Wir anderen schlugen einen neuen, aber nichts weniger
als besseren Weg ein, der uns über das Gebirge nach Palu, und damit dem
letzten Ziele meiner Reisen entgegen führte.
Über Bruch und Sumpf folgten wir am Rande der Altseefläche längere
Zeit einem Bachlaufe als Weg, um dabei schließlich in eine solche
Wildnis zu geraten, daß die vorausgesandten Leute erst einmal Breschen
durch die 4-5 m hohen Binsenwände schlagen mußten. Im Bereiche der
Bergwälder drangen wir später mitten durch den Busch, wobei sich unsere
Führer mit erstaunlicher Sicherheit zu orientieren verstanden. Über
Gebirgslehnen und durch Schluchten kamen wir nach reichlich 2 Stunden
zum Flüßchen Saluang, dessen Bett uns 4 weitere Stunden bis nahe zur
Einmündung in den Miu-Fluß einen Pfad ersetzen mußte. Nach ausgiebigen
Regenfällen schwillt das Flüßchen, wie Schlamm- und Geröllablagerungen
zeigten, um 3-4 m an und wird dann zu einem reißenden Bergstrome,
der mit ungeheurer Gewalt durch die Klamm dahinbraust, die Ufer
untergräbt, Erdrutsche verursacht und starke Bäume entwurzelt. In den
Engpässen stauen sich die mitgerissenen Opfer und bilden dort aus
Stämmen und Ästen, Schutt- und Geröllmassen förmliche Barrikaden, deren
Überkletterung keine geringe Mühe war. Ein Umgehen solcher Hindernisse
ist in den schmalen Cañons mit ihren fast senkrechten Felsenwänden nur
in seltenen Fällen möglich.
Endlich trat das Gebirge zurück und wurde niedriger, und der Saluang
floß in breiterem Bett durch den Wald. An den Ufern wuchs häufig eine
Palme mit großen Traubenbündeln grüner Früchte in etwa Nußgröße.
Diese »sarau« genannten Palmen wurden von unseren Lindu-Begleitern
regelmäßig geplündert. Sie benutzten die Früchte als Ersatz für die im
Lindu-Gebiet nicht vorkommende Arekanuß. --
Kurz nach 2 Uhr stießen wir auf den von Kulawi nach Palu führenden
Hauptweg, welcher den Saluang kreuzt. Die pfadlose Wildnis lag nun
endgültig hinter uns, und bereits eine halbe Stunde später kamen wir in
Túwa an, dem letzten Kulawi-Dorf auf unserem Wege nach Palu.
[Illustration: 314. Wegpartie im Saluang-Fluß.]
Das Walddörfchen Túwa in 305 m M. H. liegt bereits in den die
Palu-Ebene abschließenden Gebirgsausläufern, und nur noch 3 Tagemärsche
trennten uns von der Küste. Eine Art Heimkehrfieber, wie es sich nach
längerem Verweilen im Innern fast regelmäßig einstellt, machte sich
jetzt bei uns allen geltend. Die Soldaten waren sehr aufgeräumt,
die Boys lachten und scherzten, und auch mir erschien die Welt in
freundlicherem Lichte.
Als ersten Vorboten der in die Nähe gerückten Genüsse höherer
Zivilisation nahm ich das einfach ausgestattete Fremdenhaus in der Nähe
des im Walde versteckten Dörfchens Túwa. Bei meinen im Verlaufe der
letzten Wochen auf das bescheidenste Maß reduzierten Ansprüchen kamen
mir ein paar in diesem vorgefundene Rohrstühle und eine Hängelampe
schon beispiellos luxuriös vor.
Im Dorfe selbst gab es nichts irgendwie Bemerkenswertes zu sehen. Die
Bewohner sind bereits alle zum Islam übergetreten und unterscheiden
sich kaum mehr von den paluesischen Mohammedanern.
+Túwa -- Sakédi+, den 23. November.
Es war ein Glück, daß sich meine Reise ihrem Ende nahte. Der
Regenmonsun setzte mit aller Macht ein, und von den Verheerungen,
welche die niederstürzenden Wassermengen auf Wegen und Stegen
anrichten, sollten wir auf unserem Weitermarsch noch Proben zu sehen
bekommen. Die ganze verflossene Nacht hatte es fast unaufhörlich
geregnet. Wenn das so weiterging, mußten binnen kurzem alle
Gebirgssteige im Innern völlig ungangbar werden. -- Auf dem Wege
zur Palu-Ebene lagen noch eine Reihe das östliche und westliche
Hauptgebirge verbindender Bergketten, doch waren nur unbeträchtliche
Steigungen zu überwinden.
Noch fielen schwere Tropfen von allen Bäumen, und schwarze
Wolkenballen flohen, vom Winde gejagt, ostwärts, als wir unseren
letzten Marsch durch das Waldgebirge antraten. Durch prachtvollen
Hochwald gelangten wir an den Silócki, einen Nebenfluß des Miu.
Hier begann ein greulicher Weg über einen höheren Bergrücken. In
dem ansteigenden Hohlwege hatte das Unwetter der letzten Nacht
fürchterliche Verwüstungen angerichtet. Der angelegte Weg war völlig
weggeschwemmt und in ein grundloses Schlammbett verwandelt worden, in
dem nachgestürzte Schuttmassen und mitgerissene Bäume ein schauerliches
Chaos bildeten. Um vorwärts zu kommen, mußten wir erst mit den Messern
einen Tunnel durch das Astwerk schlagen.
Auf der Höhe angelangt, betraten wir ein kleines Grasplateau, auf
dessen undurchlässigem Tonboden das Regenwasser kleine Seen gebildet
hatte. Auch weiterhin waren die Spuren des Unwetters noch überall
ersichtlich; mancher Brückensteg war weggerissen und der Weg auf weite
Strecken zerstört.
[Illustration: 315. Sakédi in der Palu-Ebene.]
3½ Stunden waren vergangen, als wir den letzten Hügel überschritten und
den schnurgeraden Weg erreicht hatten, der zunächst durch lichteren
Wald, dann durch Buschwerk auf freies Land hinauslief. Es wird mir
unvergeßlich bleiben, als schließlich die weiten Flächen der Palu-Ebene
sich vor meinem Blicke dehnten und das Meer an der Westküste wie
ein schmaler Streifen geschmolzenen Silbers aus weiter, weiter Ferne
herüberblitzte.
In spitzem Winkel traten die Ausläufer der östlichen und westlichen
Hauptgebirge auseinander, um der breiter werdenden dicht bevölkerten
Ebene Raum zu geben. Bald hatten wir Sakédi, das erste Palu-Dorf
erreicht.
[Illustration: 316. Weißumflorte Schirme und Bahre vor einem Trauerhaus
in Sakédi.]
Sakédi ist in der befruchtenden Umarmung zweier Flüsse entstanden,
des vom Lindu-Gebirge herabkommenden Gumbása und des fern vom Süden
herströmenden Miu, welche sich etwas unterhalb des Ortes vereinigen
und unter dem Namen Palu-Fluß ins Meer münden. Der Ort liegt in einer
M. H. von 155 m in stickend heißer Sumpfluft und gilt für wenig gesund.
Reisbau und Kopra-Gewinnung sind die beiden Haupterwerbsquellen seiner
Bewohner. Diese wie alle Paluesen nennen sich selbst Kajeli und ihr
Idiom die Kajeli-Sprache. Sie sind ausnahmslos fanatische Anhänger der
Lehre Mohammeds; doch halten sie unbewußt an vielen altheidnischen
Bräuchen fest und üben sie bis auf den heutigen Tag.
Ein Regierungs-Pasangrahan mit daneben gelegenen Mannschaftsquartieren
bot uns in Sakédi gute Unterkunft.
[Illustration: 317. Fächerpalmen-Landschaft bei Sibaleia.]
+Sakédi -- Sidóndo+, den 24. November.
Die Nähe der Küste lockte unwiderstehlich, und es bedurfte heut keiner
besonderen Aufmunterung zur Eile. Alle Mann waren frühzeitig auf dem
Posten. In taufrischer Morgenstunde setzten wir auf einem Fährboot über
den Palu-Fluß, dessen schilfbestandene Ufer Entenflüge, Reiher und
gravitätisch stolzierende Störche belebten. Wir kreuzten die hier noch
schmale Ebene und setzten den Weg am Fuße des östlichen Randgebirges
auf einer hier beginnenden prächtigen Fahrstraße fort. In kurzen
Entfernungen folgten einander mehrere blühende Dörfer, die wir ohne
Aufenthalt passierten. Von der Ortschaft Lawára ab traten die Berge
weit zurück. Die Straße führte jetzt ziemlich durch die Mitte der
Ebene, immer in der Nähe des Palu-Flusses. Anmutig wechselten Wälder
und Wiesen. Von allen Seiten ertönte das zärtliche Gurren von Tauben;
prachtvoll gefärbte Papageien belebten die hohen Baumkronen, und auch
die blütenweißen Gefieder lärmender Kakadus hoben sich reizvoll vom
dunklen Grün der Bäume ab. Eine ungemein reiche Falterwelt, wie ich
sie im dichten Urwald niemals zu sehen bekommen hatte, erfreute mein
Auge. -- Nach Verlauf von 2 Stunden kamen wir durch das Dorf Sibaleia
mit weit hingedehnten Kulturen. Weiter ging es durch Feld und Busch.
Auf Brachland sah ich große stachelige Kakteen in Mengen beisammen.
Ebendaselbst traten auch Fächerpalmen (Corypha sylvestris) in großer
Zahl und in allen Stadien der Entwicklung auf. Namentlich die in Blüte
stehenden Palmen verliehen der Landschaft ein ungewöhnliches Aussehen.
Nach abermals zweistündigem Marsche langten wir in Sidóndo an, einer
großen betriebsamen Ortschaft am Palu-Flusse. Ein freundlicher Zufall
fügte es, daß ich in Sidóndo mit dem Controleur von Palu zusammentraf.
Herr van Nisse empfing mich sehr freundlich und beglückwünschte mich
zu meinen erfolgreich durchgeführten Reisen. Obwohl er mit einem
mehrtägigen Aufenthalt in Sidóndo gerechnet hatte, erklärte er sich
in liebenswürdiger Weise bereit, am andern Tage mit mir nach Palu
zurückzukehren.
Den Mittag und Abend verbrachten wir gemeinsam im gastlichen Heim eines
in Sidóndo einen einträglichen Koprahandel betreibenden Holländers,
Mynheer de Bet.
Anläßlich der Anwesenheit des Controleurs in Sidóndo hatten sich
daselbst mehrere eingeborene Fürsten -- Mágu, wie sie in Palu genannt
werden -- eingefunden. Als ich bei einem Zusammensein ihre prunkvollen
seidenen Kopftücher bewunderte, die mit echten Goldstickereien bedeckt
waren, nahm der Mágu von Biromáru sein »siga-sábe« ab, um es mir als
Geschenk zu überreichen.
[Illustration: 318. Kajeli-Priester-Ärztin im Ornat.]
Der freundlichen Vermittelung des Controleurs verdanke ich auch die
Bekanntschaft mit einer der interessantesten Palu-Spezialitäten, den
Priester-Ärztinnen der Kajeli (Wálias, pl. Bálias). Diese sondern
sich in 3 Kasten, deren höchste die der Rátu ist. Die diesen Rang
bekleidenden Frauen tragen bei Ausübung ihrer Funktionen eine Art
Bischofsmütze (talim-búso), die reich bestickt, mit aufgenähten
Glimmerplättchen verziert und mit aufrechtstehenden Büscheln
Reiherfedern geschmückt ist. Dazu gehören eine höchst interessante
weiße Fuja-Jacke mit schwarzen Mustern (badju sindjulo), ein besonders
feingewebter Sarong (sarong m’bésa) und ein Priestermesser (katándo).
-- Die Bálias zweiten Ranges sind die Djndja. Anstatt der hohen Mütze
tragen sie einen roten Kopfring oder besser Stirnband, das in zwei
gelbe Dreiecke ausläuft. Auch dieser Kopfschmuck ist kunstvoll bestickt
und mit Glimmerschmuck ausgestattet. Dazu gehören ein rotgelber
Fuja-Umhang in Gestalt einer ärmellosen offenen Jacke (alúa) und ein
Schultertuch (slendang sindjulo). In den Händen tragen die Djndja
Blattbüschel der heiligen roten Pflanze, die sie als Sprengwedel
gebrauchen. -- Auf der dritten und niedrigsten Rangstufe stehen
die Tambilángi. Diese tragen um die Stirn lange, rotgelb gefranste
Fuja-Kopfschärpen, deren Enden tief auf den Rücken herabhängen.
Auf Wunsch des Controleurs kamen im Laufe des Nachmittags
Vertreterinnen der 3 Rangklassen zu uns in den Pasangrahan zur
Vorstellung. Alle waren im vollen Ornat. Als ich sie photographieren
wollte, hielten sie sich wie auf Verabredung die Hände mit
weitgespreizten Fingern vor die runzeldurchfurchten Gesichter.
Ich ließ es natürlich nicht an Bemühungen fehlen, einige der
hochseltenen Gewänder zu erlangen, deren Alter mit dem ihrer
Trägerinnen wetteiferte. Doch wäre der Liebe Mühe wohl umsonst gewesen,
hätten sich nicht Herr v. N. und vor allem auch die Mágus für mich
verwendet. Der Hauptgrund für das ursprünglich so ablehnende Verhalten
der alten Weiblein war wohl in dem Mißtrauen zu suchen, man wolle ihnen
die Sachen ohne Vergütung nehmen. Auf Anraten meiner freundlichen
Gönner holte ich also eine Hand voll Ringgits hervor. Der Anblick
wirkte Wunder. Es war ordentlich amüsant zu sehen, wie die listigen
Äuglein aufleuchteten, als sie sich von dem Ernst meiner Kaufabsicht
überzeugt hatten. Alles weitere war rasch erledigt. Unter Assistenz
der Fürsten, an die sich die Bálias bei jedem Stück um Rat wandten,
wurden die Preise festgesetzt, und Gulden wie Gegenstände wechselten
ihre Besitzer. Es war eine stattliche Summe, die ich zu bezahlen hatte;
dafür aber handelte es sich auch um Objekte, die unter gewöhnlichen
Umständen überhaupt nicht zu erlangen sind. -- Die Kasten der Bálias
sind eine aus dem Heidentume überkommene Institution, und die Zeit ist
nicht mehr fern, da auch sie der Vergangenheit angehören.
Ein recht anregendes Bild bot sich uns gegen Sonnenuntergang, als die
Frauen Sidóndos auf dem zum Flusse führenden Wege vorüberkamen, um zu
baden und Wasser zu holen. Letzteres geschieht in Palu nur noch selten
in Bambusrohren, sondern in Schalen von Kokosnüssen, welche, wie die
Kokosnuß in Palu überhaupt, »kalúku« genannt werden. Auf dem Wege zum
Flusse tragen die Frauen die an Schnüren hängenden Schalen zu 10-20
an einer geschulterten Tragstange. Auf dem Rückwege verteilen sie die
gefüllten Behälter gleichmäßig auf beide Enden der elastisch federnden
Stange.
[Illustration: 319. Bálias-Attribute.]
Die Kajeli-Frauen sind ihrer Schönheit wegen berühmt, und die von
Sidóndo sollen die schönsten unter ihnen sein. Abgesehen von ihrer
stattlichen Figur ist davon außerhalb der Häuser leider nur wenig zu
sehen, da sie nach mohammedanischer Malayensitte von Kopf bis zum Fuß
in ihre Slendangs gehüllt sind.
+Sidóndo -- Palu+, den 25. November.
Das war mir schon ewig lange nicht mehr passiert, die Landschaft von
einem eleganten Cab herab so rasch an mir vorüberfliegen zu sehen. Ein
8stündiger Marsch auf heißer Landstraße blieb mir auf solche angenehme
Weise erspart. Wir verließen Sidóndo gegen 7 Uhr morgens und erreichten
nach einer Stunde flotter Fahrt den großen Kampong Dólo, der, aus
mehreren dicht aneinandergrenzenden Gemarkungen bestehend, auch
Kotarindau oder Kotabúlu genannt wird. Da wir von den hier maßgebenden
Persönlichkeiten niemand zu Hause antrafen, setzten wir die Fahrt
nach kurzem Aufenthalt fort, um ¾ Stunden später in einem der größten
Kampongs des Palu-Tales, in Kalukubula (= weiße Kokos) einzutreffen. In
diesem Dorfe fanden wir eine große Anzahl Eingeborener beisammen, deren
Verhalten uns gegenüber zum mindesten wenig freundlich war. Ohne zu
grüßen, traten die Leute scheu zur Seite. Keiner von ihnen erbot sich
freiwillig, das Pferd zu halten, wie sich denn die Palu-Bevölkerung
überhaupt wenig fremdenfreundlich zeigt.
Unbekümmert um die Menge, verließen wir den Wagen, um der hier
gebietenden Fürstin einen Besuch abzustatten. Diese blieb jedoch
unsichtbar. Dagegen wurde uns der kleine Prinz, ein Knäblein von 3-4
Jahren, vorgestellt. Seine ganze Kleidung bestand in einem grünen
Samtmützchen, einem Amulett um den Hals und einem originellen Anhängsel
»vorn herum«. Letzteres war eine Nachbildung der männlichen Genitalien
in Gold (rasu buláwa), ein Schmuck, den nur Radja-Sprößlinge zu
tragen berechtigt sind. Seine Babu (= Wärterin) war ein Mann, eines
jener sonderbaren, »Bissu« genannten Wesen, die niederen Priesterrang
bekleiden und sich wie Weiber tragen und gebärden. Sie spielen in den
vornehmen Eingeborenen-Familien eine nicht zu unterschätzende Rolle als
Berater. Dieser Bissu war ein bereits bejahrtes Mannweib mit vollkommen
ausgebildeten Frauenbrüsten und lang herabhängendem Haupthaar. Trotz
seines etwas kindischen Getues wäre ich nie auf den Gedanken gekommen,
in diesem seltsamen Geschöpf einen Hermaphroditen zu erblicken, wenn
mich nicht Herr v. N. speziell darauf aufmerksam gemacht hätte.
Inzwischen war in Kalukubula nach Bálias-Ornaten geforscht worden,
deren ich noch weitere 4 Stück erwarb.
[Illustration: 320. Donggala-Frauen beim Wasserholen.]
Nach einstündigem Verweilen fuhren wir weiter nach Palu, der
letzten Station. Die Landschaft nahm auf diesem Teile der Fahrt ein
steppenartiges Aussehen an. Rot-weiß blühende Kakteen (Opuntien)
traten in geschlossenen Beständen auf und bedeckten ganze Felder.
Der dürre Boden, dessen sie sich bemächtigt hatten, zeigte noch wohl
erkennbare Spuren alter Sawa-Anlagen. Da die Kunst Sawas anzulegen, wie
sie in höchster Entwickelung in Java existiert, den Kajeli unbekannt
ist, so darf hiernach wohl auf sehr frühe Einwanderung fremder Elemente
geschlossen werden.
Unweit des neu eingerichteten Kampongs Bone kamen wir um 12 Uhr
mittags an den auf baumlosem Steppenboden errichteten Kasernen und
Offizierswohnungen der wichtigen Regierungsstation Palu vorüber, und
wenige Minuten später fuhren wir vor dem Hause des Herrn v. N. vor, dem
schönsten Gebäude des Platzes inmitten gefälliger Anlagen.
Ich konnte die Vorzüge des eleganten, mit europäischem Komfort
ausgestatteten Heims des Herrn v. N. nur wenige Stunden genießen;
denn bald nach Sonnenuntergang gedachte ich mich nebst allem Gepäck
auf einer buginesischen Prau nach Donggala einzuschiffen. -- Die
vorausgesandten Träger hatten Palu wohlbehalten erreicht, und somit
war alles in bester Ordnung; trotzdem war jede Minute kostbar, da ich
noch möglichst viel an ethnographischem Material zu erwerben wünschte.
Für die mir dabei geleistete Unterstützung und die unübertreffliche
Bewirtung im Hause des Herrn Controleurs sei diesem hier nochmals
verbindlicher Dank gesagt.
Der große Eingeborenen-Kampong von Palu ist von der Regierungsstation
durch den Palu-Fluß getrennt, über den eine interessante eiserne
Hängebrücke führt. Regelmäßig angelegte Straßen durchziehen die
ausgedehnten Quartiere der einheimischen Bevölkerung, die hervorragend
sauber gehalten sind. Fast jedes der nach Buginesenmanier zierlich
bemalten und mit reichem Giebelschmuck versehenen Häuser liegt
gesondert in eigenem Fruchtgarten. In Palu, als einem bedeutenden
Hafenort, haben sich bereits viele Chinesen angesiedelt, die
wohlausgestattete Kaufläden unterhalten und ein eigenes Viertel am
Hafen bewohnen.
Ausgesandte Boten verständigten die Vorsteher der verschiedenen
Bezirke, sich gegen Abend mit ev. verkäuflichen Objekten im
Kontroleurhause einzufinden. Inzwischen unternahmen wir gleich nach
Tisch einen einstündigen Ritt nach Biromáru, dessen Fürst uns in
Sidóndo von einem dort erhältlichen goldenen Kris erzählt hatte. Wie es
sich jetzt herausstellte, war es eine silber-vergoldete Waffe, für die
ich die geforderten 250 fl. nicht ausgeben mochte. Unverrichteter Dinge
kehrten wir zurück. -- Desto besser verlief die Einkaufsaktion in Palu,
wo ich von den mittlerweile erschienenen Kapalas ganz hervorragend
seltene Objekte erwerben konnte, deren Aufzählung hier zu weit führen
würde. -- Meine Gepäckstücke waren bereits zum Boote gebracht worden,
und um 10 Uhr begab ich mich nach herzlicher Verabschiedung von Herrn
v. N., geleitet von einem mit Laterne versehenen Opas (= Polizisten),
bei stockfinsterer Nacht und strömendem Regen zur gemieteten Prau, um
die langweilige Fahrt bis Donggala womöglich zu verschlafen.
[Illustration: 321. Bronzebüffel, in Palu als Kaufunterpfand benutzt.
(Nat. Größe.)]
+Palu -- Donggala+, den 26. November.
Als ich beim Morgengrauen erwachte, erfuhr ich, daß widrige Winde
unsere Abfahrt unmöglich gemacht hatten und wir noch immer im Hafen von
Palu lagen, wo wir bis gegen 7 Uhr durch die Ebbe festgehalten wurden.
Erst bei einsetzender Flut segelten wir dann bei schwacher Brise in die
Bay hinaus, um ein paar Stunden später bei eingetretener Windstille auf
demselben Punkte zu verharren. Den Tag unter heißer Sonne im Boote zu
vertrauern, war nichts für mich. Kurz entschlossen, ließ ich mich an
Land rudern und trat, nur von No begleitet, den Marsch nach Donggala an.
Am Fuße der sich hier ins Meer verlierenden westlichen Gebirgsausläufer
ging es nun auf steiniger Straße rüstig vorwärts. Die Landschaft mit
ihren dürren Felsengehängen erinnerte an die Gestade Süditaliens.
Wir kamen an vielen kleinen Dörfern vorüber, alle von Palmen und
Mangogärten umgeben. Die Mangobäume waren voll reifer Früchte, deren
scharfer Duft auf größere Entfernung die Luft schwängerte. Überall
fanden wir die Dorfbewohner mit der Einerntung beschäftigt. In
Palmblattgeflechten wurden sie zu je 100 Stück zu Markte gebracht
und weithin verschifft, -- in Stücke zerschnitten und an der Sonne
gedörrt, von den Eingeborenen für den eigenen Bedarf aufbewahrt.
-- Die Kokospalmen fand ich allerorts mit Eigentumsbezeichnung,
eingeschlagenen oder aufgemalten Zeichen, versehen. -- Vor den meisten
Hütten wehten an langen Stangen weiße Zauberfähnchen zum Fernhalten von
Krankheit, eine Reminiscenz an die jüngst vergangene Schreckenszeit, in
der die Cholera hier fürchterlich gewütet hatte. --
Meine Erwartung, das zwischen Bergtälern versteckt liegende Städtchen
Donggala auf der gleichnamigen Landspitze, die in der Luftlinie ganz
nahe schien, in ein paar Stunden zu erreichen, erwies sich als irrig.
Tief einschneidende Buchten, die umgangen werden mußten, verdoppelten
die Entfernung. Nach langen 5 Stunden aber war auch der Endpunkt meiner
Celebes-Wanderungen erreicht, und herrlich blaute mir der unendliche
Ozean entgegen, der mich wenige Tage später auf seinem Rücken der
fernen Heimat entgegentragen sollte.
Donggala ist ein kleines Städtchen mit eng zusammengedrängten
Häusern und Gassen. Sehr heiß und ungesund, leidet es speziell
unter erbärmlichen Trinkwasserverhältnissen. -- Die stark gemischte
Bevölkerung mit allen Untugenden der Küstenbewohner hat wenig
Gewinnendes an sich. An geschäftlichem Einfluß fällt in Donggala den
schon ihrer Religion wegen großes Ansehen genießenden Arabern der
Löwenanteil zu. Erst in zweiter Linie kommen die Chinesen in Betracht.
Die Wohnungen der Beamten, die Kasernen und der Pasangrahan liegen
ringsum malerisch auf Hügeln.
[Illustration: 322. Bucht von Donggala.]
+Donggala+, den 27.-29. November.
Meine Prau traf erst am zweiten Tage nach ihrer Abfahrt von Palu,
morgens gegen 9 Uhr ein, und ihr langes Ausbleiben hatte mich schon
recht besorgt gemacht. -- Es waren aufregende und arbeitsreiche Tage,
die ich bis zum Eintreffen des fälligen Postdampfers in Donggala
verbrachte; die mir keine Zeit ließen, der näheren Umgebung dieses
Küstenplatzes meine Aufmerksamkeit zu schenken.
Am 29. vormittags dampfte die »G. G. Daendels« in die Bay. Alle meine
Kisten, über 50 an der Zahl, wurden zum Schiffe hinübergebracht.
Zum letztenmal vernahm ich von meinen sich verabschiedenden treuen
Begleitern Ramang und No deren »salamat!« (Heil)!
Dankbaren Gemütes schied ich von der wunderschönen Insel, von der
ich eine so reiche Fülle unvergeßlicher, herrlicher Eindrücke und
Erinnerungen mit nach Hause nehmen konnte, und aus vollem Herzen
rufe auch ich dem hinter unserem Schiffe verschwindenden Celebes zu:
Salamat, salamat!
[Illustration]