Marsch von Toulon nach Genua. -- Lüc. -- Frejus. -- Cannes. -- Die
lerinischen Inseln. -- Madame Grenet. -- Nizza. -- Landsleute. --
Seefahrt von Nizza nach Genua. -- Finale. -- Savona. -- Der Anblick
Genuas vom Golf aus gesehen.
Unser erstes Nachtquartier war das Städtchen Cüers, das etwa drei- bis
viertausend Einwohner zählen mag. Den zweiten Tag kamen wir nach dem
Flecken Pignans und den dritten nach Lüc, einer kleinen Stadt mit einem
alten Schloß, die durch ihre herrlichen Maronenwälder bekannt ist, deren
schöne Frucht hauptsächlich von den Pariser Konditoren gesucht wird und
die Prunktafeln der Reichen daselbst schmückt. Von Lüc ging der Marsch
nach Le Muy, einem großen Flecken, und von da nach Frejus, bekannt durch
Napoleons Landung, als er von Ägypten zurückkam. Diese Stadt, die unter
der Römerherrschaft sehr bedeutend war und ein Seearsenal hatte,
vergrößerte und verschönerte Cäsar außerordentlich und nannte sie Forum
Julii. Ihr Hafen war in gutem Stand; sie hatte ein Tor, welches man das
goldene nannte, weil es mit Nägeln beschlagen war, deren Köpfe vergoldet
waren und von dem noch Reste vorhanden sind. Der Hafen ist jetzt
versandet und das Meer, welches früher die Stadtmauern bespülte, eine
gute halbe Stunde davon entfernt. Hier schiffte sich 1814 der abgedankte
Kaiser nach seinem bescheidenen Reich, der Insel Elba, ein. Der
Hintergrund des Golfs von Frejus bietet einen schönen Anblick und ist
mit Pomeranzen-, Limonen- und Granatbäumen übersät. Man findet hier
sogar mehrere Edelsteine, namentlich Amethyste und weißen und roten
Jaspis im Überfluß. Von Frejus marschierten wir nach dem Seestädtchen
Cannes, das an einem steilen Abhang, auf dessen Höhe ein altes Schloß
liegt, gelegen ist und herrliche Umgebungen hat. Neben Oliven sind seine
Sardellen als vorzüglich bekannt und machen einen wichtigen
Handelsgegenstand der Stadt aus, da von diesen in günstigen Jahren bis
zweitausend Zentner versandt werden. Ihr Fang wird auf folgende Art
bewerkstelligt. Sobald es Nacht geworden, zünden die Schiffer auf ihren
Barken ein helloderndes Feuer mitten auf der See an, das die kleinen
Silberfische herbeilockt, die man dann zu Tausenden in den Netzen fängt.
Cannes gegenüber liegen die lerinischen Inseln, ganz nahe an der Küste;
die größte derselben, St. Marguerite, ist keine zweitausend Fuß entfernt
und hat ein Fort, in welchem unter Ludwig XIV. der Mann mit der eisernen
Maske gefangen saß, der für jeden, der Richelieus Memoiren mit
Aufmerksamkeit gelesen hat, kein Geheimnis mehr ist. Auf der zweiten
dieser Inseln, St. Honorat, war ein sehr berühmtes Kloster, das der
heilige Honorat im Jahr 410 stiftete. Andreas Doria nahm diese Inseln im
Jahr 1536 weg, und die Spanier bemächtigten sich 1635 derselben. In
Gesellschaft einiger Kameraden und eines Einwohners von Cannes fuhr ich
gegen Abend in einer Barke diesen Inseln zu, wo wir die sich zu einem
Staatsgefängnisse allerdings vortrefflich eignende Zitadelle in
Augenschein nahmen. Man zeigte uns das stark vergitterte Fenster, hinter
welchem der unglückliche Bruder Ludwig XIV. saß. Zu Cannes landete
Napoleon den 1. März 1815, von Elba zurückkehrend, um noch einmal Europa
auf kurze Zeit in Alarm und Unruhe zu setzen, den Wiener Kongreß zu
beendigen und dann zu St. Helena jämmerlich klein zu enden.
Von Cannes nach Nizza, wohin wir den nächsten Tag marschierten, bietet
der Weg nichts Bemerkenswertes; zur Linken meistens Berge, zur Rechten
das Meer, an dessen Ufern viele große, wildwachsende Aloestauden stehen.
Gleich nach unserem Ausmarsch begegneten wir etwa einem Dutzend ganz
schwarzer Schweine, die von mehreren Treibern begleitet waren, welche
ihnen Säcke mit Eicheln nachtrugen und sie auf die Felder jagten. Zu
meinem größten Erstaunen hörte ich, daß dieses abgerichtete
Trüffelschweine seien, die man hier wie bei uns die Hunde abrichtet,
diesen Leckerbissen schnüffelnd mit ihren Rüsseln unter dem Boden
hervorzuwühlen; da aber die gefräßigen Tiere diese köstlichen Knollen,
des Sprichworts eingedenk: >Jeder ist sich selbst der Nächste<, sobald
sie dieselben gewahren, verzehren würden, so wirft man ihnen schnell
einen Haufen Eicheln hin, über den sie nun herfallen, die Trüffeln im
Stiche lassend, welche die Treiber dann vollends ausgraben.
Auf diesem Marsch hatte ich die Arrieregarde des Bataillons kommandiert,
mit welcher Madame Grenet, die Gattin meines Kapitäns, eine allerliebste
junge Frau, erst zwei Jahre verheiratet, in ihrer Reisekalesche fuhr.
Neben dem Wagen hergehend, unterhielt ich mich recht angenehm mit ihr,
so daß mir der Marsch fast zu kurz vorkam. Bei dem Halten frühstückte
ich mit der Dame köstlichen Thunfisch, den sie mitgebracht hatte und den
man in dieser Gegend ganz vortrefflich findet, dafür braute ich ihr ein
Getränk aus süßen Pomeranzen und Muskatwein, eine Art Orangeade, die
sehr erfrischend und stärkend ist. Madame Grenet hatte die Güte, mir nun
einen Platz in ihrem Wagen anzubieten, den ich auf ein paar Stunden
annahm und so hinter meiner Arrieregarde herfuhr. Sie teilte mir mit,
daß sie sich zu Nizza, von wo der Weg über sehr steile Gebirge, die
Meeralpen, gehe, samt ihrem Wagen einschiffen und von da aus den Weg bis
Genua zur See machen werde. Da ich wußte, daß auch die Armatur und das
Gepäck des Bataillons daselbst unter dem Kommando eines Offiziers und
einiger Mannschaft ebenfalls eingeschifft werden sollte, so sagte ich
der freundlichen Dame, daß ich den Bataillonschef um dieses Kommando
bitten wolle, was mir Düret wohl zugestehen würde. Sie lächelte und
meinte: »Dann bleibe ich unter Ihrem Schutz.«
»Den ich Ihnen gewiß auf das kräftigste angedeihen lassen werde,«
erwiderte ich, ihre Hand küssend.
Vor der Etappenstadt stieg ich aus dem Wagen, Madame Grenet für die
gehabte Güte dankend, und führte mein Kommando unter Trommelschlag auf
den großen, mit Arkaden umgebenen Napoleonsplatz zu Nizza, dessen
sämtliche Gebäude von ganz gleicher Bauart, Farbe und Höhe waren, so daß
man sich eher in einem ungeheuren Schloßhof, als auf einem öffentlichen
Platz glaubte. Nachdem ich die Bagagewagen der neuen Wache übergeben und
die Leute entlassen hatte, suchte ich mein Quartier auf, das mir der
Zufall wieder bei der jungen Strohwitwe eines sich in Mailand
befindenden Armeebeamten, einer Piemonteserin aus Turin, bescherte, die
aber leider kein Wort Französisch, während ich noch kein italienisches
konnte. Ich bekam sie auch erst später zu sehen, da mir in Abwesenheit
der Gebieterin eine Zofe das Billett abnahm.
Ob ich gleich mehrere Tage in Nizza verweilte, so wurde ich doch wenig
mit den Schönheiten und Reizen der Umgegend bekannt, von denen so manche
Reisenden mit Entzücken phantasieren, ich war vielleicht auch noch ein
gar zu prosaisches Menschenkind, und zudem waren meine Gedanken mit
meiner hübschen Hauptmannsfrau zu sehr beschäftigt, als daß ich den
Naturschönheiten so viel Aufmerksamkeit hätte schenken können; nur die
sich gegen Norden erhebenden Gebirgsterrassen, aus vier übereinander
ragenden Bergen bestehend, machten durch ihr imposantes Ansehen einigen
Eindruck auf mich.
Es befanden sich wie gewöhnlich viele Fremde hier, welche hofften, daß
ihnen die Luft von Nizza die durch Ausschweifungen oder andere Umstände
verlorene Gesundheit wiedergeben sollte, betrogen sich aber meistens.
Nur die englischen Goldfische, Lords genannt, wenn auch oft nur
Bierlords, fehlten, da sich zu jener Zeit kein Engländer auf dem
Kontinent blicken lassen durfte, ohne als Kriegsgefangener behandelt zu
werden. Unter diesen Kranken waren auch ein paar schwindsüchtige
Landsleute von mir, Frankfurter, die, da sie gehört, daß sich junge
Leute aus ihrer Vaterstadt bei diesem Regiment befänden, mich
aufsuchten; es war ein gewisser Parrot aus der Antoniusgasse, der meine
Familie kennen wollte, von dem ich aber nie etwas gehört hatte, und der
mir durchaus »ä Ähr antu wollte«, wie er sagte, was ich mir aber verbat.
Noch andere meiner werten Landsleute erkannte ich an dem Akzent, den
sie, auf dem Korso spazieren gehend, hören ließen, wodurch man den
Frankfurter allenthalben errät. Ich hütete mich wohl, den ein Duett
hustenden und räuspernden Kompatrioten meine Landsmannschaft zu
verraten, und eilte von ihnen weg, um in einem Kaffeehaus unter den
Arkaden einige Erfrischungen einzunehmen, wo ich in einiger Entfernung
ein Paar muntere Damen bemerkte, die sich, wie es schien, recht vergnügt
miteinander unterhielten und auch manchmal zu mir herüberschielten, so
daß ich, aufmerksam auf sie geworden, sie besser ins Auge faßte und
recht hübsch fand. Bald darauf brachen sie auf; ich wollte schnell meine
Zeche berichtigen und ihnen nachgehen, um zu sehen, wohin sie ihre
Schritte lenkten; eben hatte ich bezahlt und wollte fort, da führte der
Henker wieder meinen hektischen Landsmann herbei, der mich mit Gewalt
mit Kaffee oder Gott weiß was regalieren und Frankfurter Neuigkeiten von
mir hören wollte, wodurch einige Augenblicke verloren gingen; und
obgleich ich mich unter dem Vorwand, daß mich der Dienst rufe, möglichst
schnell von ihm losmachte, war es doch zu spät, ich hatte die beiden
Schönen schon aus den Augen verloren und konnte trotz allem Suchen keine
Spur mehr von ihnen auffinden. Verdrießlich schlenderte ich endlich nach
Haus, der Abend brach herein, und ich legte mich ans offene Fenster, die
flimmernden Sterne und den azurnen Himmel des Südens anstaunend. Kaum
hatte ich angefangen, einige beschauliche Betrachtungen über das endlose
Firmament, das so schnell endende Leben und dessen so rätselhaften Zweck
anzustellen, als sich dicht neben meinem Fenster ein paar weibliche
Stimmen hören ließen, die mit Guitarrebegleitung eine zweistimmige
italienische Notturna in dem Nebenzimmer am offnen Fenster sangen. Es
war meine Hauswirtin mit noch einer anderen Dame, wie ich durch meinen
Burschen erfuhr, und ich beschloß, sogleich der ersteren, die ich bis
jetzt vernachlässigt hatte, meine Aufwartung zu machen. Ich ließ mich
melden und ward angenommen. Aber wie sehr war ich überrascht, als ich in
den beiden Frauen meine Unbekannten unter den Arkaden erkannte, die ich
so lange vergeblich gesucht. Ich machte mein Antrittskompliment und
meine Entschuldigungen in französischer Sprache, wogegen mir aber ein:
»_Non capisco, signor Uffiziale, non parliamo francese!_« erwidert
wurde. Dies war ein fataler Kasus, da ich noch nicht italienisch konnte,
wenngleich ich in dieser Sprache sang und die Worte gut aussprach. In
dieser Verlegenheit mußte ich die Mimik zu Hilfe nehmen und gab, so gut
es gehen wollte, durch Zeichen und Gestikulationen zu verstehen, man
möge sich doch ja nicht stören lassen und fortsingen, wozu man sich auch
herbeiließ, was unter solchen Umständen, wo keine Unterhaltung durch das
Organ der Sprache möglich, wohl das Beste war. Die Damen sangen noch ein
paar Kavatinen, und zwar gut, denn sie hatten beide schöne und reine
Stimmen, und von dem >_Solitario bosco ombroso_<, das die jüngere mit
sehnsüchtigen Blicken vortrug, ward ich ganz bezaubert. Diese war die
Frau eines Schiffskapitäns, der erst vor ein paar Tagen nach Marseille
abgefahren war. Als sie gesungen und mein Bravissimo bescheiden
hingenommen, gaben sie mir durch Zeichen zu verstehen, ob ich nicht auch
musikalisch sei. Ich bedeutete, daß ich zwar sänge und Klavier, aber
nicht Guitarre spiele. Man führte mich in ein Nebenzimmer, in welchem
sich ein Spinett befand, das ich probierte, jedoch schrecklich verstimmt
fand. Ich sang indes doch die Romanze des Pagen aus Mozarts Figaro im
italienischen Idiom. Die Damen hörten mir mit Verwunderung zu, und als
ich geendigt hatte, begriff ich von ihrem Gewälsche und aus ihren
Gestikulationen soviel, daß sie glaubten, ich müsse auch italienisch
reden; sie schienen nicht zu begreifen, daß man in einer Sprache singen
kann, die man nicht verstehe und nicht spreche, und ich war nicht
imstande, ihnen dies klar machen zu können, wodurch ein komisches
französisches und italienisches Charivari, von drolligem Gebärden- und
Mienenspiel begleitet, entstand, das damit endigte, daß ich ihnen noch
Figaros brillantes >_Non piu andrai_< vortrug, das sie nicht kannten und
das sie in Ekstase versetzte. Aber dabei blieb es, denn antworten auf
ihre Fragen konnte ich nun einmal nicht, wenn sie auch noch so ungläubig
die Köpfe schüttelten, mir nicht zu trauen schienen und mich mit
zweifelhaften Blicken ansahen. Dies war mir recht fatal, denn ich war
fest überzeugt, daß, wenn ich mit der Sprache fortgekonnt hätte, ich
hier wieder ein scharmantes Marschabenteuer gehabt haben würde, so mußte
es bei einem >_felicissima notte_< bleiben, mit dem ich mich unter
Bücklingen und Handkuß entfernte.
Den nächsten Morgen suchte ich Düret auf, ihn um das Kommando der sich
mit dem Gepäck nach Genua einschiffenden Mannschaft zu bitten, wie ich
mit Madame Grenet übereingekommen war. Er gestand mir dies auch zu ohne
andere Einwendung als: »Wahrscheinlich steigen Sie nicht gerne Berge,«
und fuhr fort: »Geben Sie nur auf die Armatur acht und lassen Sie sich
nicht von den Engländern erwischen.« Ich versprach, daß ich mein
Möglichstes tun wolle, beides zu befolgen, und eilte nun an den Hafen,
wo ich die Felukke aufsuchte, die zu diesem Zwecke in Beschlag genommen
war und den Namen >Proserpina< führte. Ich erkundigte mich bei dem
Patron derselben nach der Abfahrt, der mir sagte, er müsse einen
günstigeren Wind abwarten, man könne aber einstweilen immer die Gewehre
und Bagage einschiffen.[11] Ich beorderte den Adjutant-Unteroffizier,
dies zu besorgen, ging sodann zum Kapitän Grenet, ihn zu
benachrichtigen, daß mir das Militärkommando der Felukke erteilt worden,
der sich darüber freute und mir seine Frau und absonderlich seinen Wagen
dringend empfahl; ich versprach auch, daß ich für beide bestens sorgen
wolle, und bat Madame Grenet, ihre Effekten bereitzuhalten, damit ich
sie einschiffen lassen könne. Am anderen Morgen marschierte das
Bataillon, das in Nizza einen Rasttag gehabt, in aller Frühe ab. Den
Abend vorher hatte ich noch mit meinen italienischen Signoras
zugebracht, wo uns, wenn auch in unverständlicher, doch sehr lebhafter
Unterhaltung, mit Musik untermischt, die Zeit schnell verflog. Ich hatte
sie gebeten, eine Promenade mit mir zu machen, wozu sie sich aber
durchaus nicht verstehen wollten; sie bedeuteten mir, daß, wenn man sie
mit mir ausgehen sehe, die bösen Mäuler, die man hier sehr zu scheuen
habe, etwas zu reden bekämen und die Sache zehnmal verschlimmert ihren
Männern hinterbracht würde. Wir blieben also zu Hause, ich soupierte mit
den Frauen und ließ durch meinen Burschen Eis und Rosolio holen. Man
wurde nun lebendiger, und es kam dann noch zu allerlei Schäkereien und
Küssen, versteht sich, alles in Ehren, und nicht weiter. Wir trennten
uns endlich vergnügt, aber dennoch legte ich mich nieder, verdrießlich,
es nicht weiter gebracht zu haben, und nahm mir fest vor, in Genua
sogleich italienisch zu lernen. Am anderen Morgen begleitete ich das
abmarschierende Bataillon noch eine Strecke, Düret und Grenet empfahlen
mir nochmals Bagage und Damen, denn es schifften sich noch mehrere
andere Offiziersfrauen mit ein; ich kehrte sodann um und begab mich zu
Madame Grenet, die ich noch in einem reizenden Morgenanzuge in ihrem
Bette fand, was sie aber nicht hinderte, mich zu empfangen. Sie schien
kaum erwacht zu sein, denn noch glühten ihre Wangen schlaftrunken, und
sie blühte wie eine eben aufbrechende Rose, die ich mir zu pflücken
vornahm. Nachdem ich ihr mit geringem Widerstreben einige Küsse geraubt,
schlich ich an die Tür und verschloß sie von innen. -- »_Mais que faitez
-- vous donc_,« lispelte sie. »_Rien_,« antwortete ich ebenso leise und
erstickte alle weiteren Fragen unter einem Strom von Küssen, nachdem ich
ihr versichert, daß ich ihr gewiß nichts Böses tun werde. Als ich sie
fest umschlungen, sanft mit dem linken Arm auf das Bett zurückgedrückt
und mit der rechten Hand die mir, obgleich recht feinen, doch lästigen
Morgengewänder zu entfernen suchte, da sträubte sich zwar noch die Taube
ein wenig, aber schon fühlte ich das Schlagen und Pochen ihres Herzens
heftiger, purpurner wurden ihre Wangen, glühender ihr Hauch, aber trotz
Sträuben und Ach ließ ich nicht nach, und bald drückte auch sie mich
fester und fester an sich, und alles Bewußtsein schien ihr zu schwinden.
Etwas ermattet verließen wir endlich das Lager, ich half ihr die
Toilette in Ordnung bringen, und nachdem sie die Verschämte genug
gespielt und der letzte Kuß gegeben war, verließen wir das Gemach und
nahmen Schokolade unter den Arkaden ein. Hierauf begaben wir uns zum
Hafen, um uns zu erkundigen, wann man wohl abfahren könne. Der Patron
der Felukke meinte, noch an demselben Tage die Anker lichten zu können;
ich ließ nun schnell alle Bagage auf das Schiff bringen, befahl dem
Unteroffizier, die Leute einzuschiffen und die anderen Damen zu
avertieren, damit sie sich bereit halten möchten, und eilte sodann,
Abschied von meiner hübschen Wirtin zu nehmen, die mir erlaubte, sie
jetzt recht zärtlich zu umarmen. Bei einem Abschied sieht man manchem
durch die Finger, und man darf sich wohl etwas mehr herausnehmen und
zärtlicher sein, so auch ich, und wer weiß, was noch geschehen wäre,
wenn nicht gerade die Freundin zur rechten Zeit oder Unzeit dazugekommen
wäre. Da ich aber jemand kommen hörte, verließ ich schnell meine Schöne,
und als ich sah, daß es ihre Freundin war, die in die Türe trat, so flog
ich auch dieser rasch an den Hals, um der anderen Zeit zu geben, ihre
etwas zerstörte Toilette wieder zu ordnen, und erdrückte die erstaunt
Eintretende fast mit Küssen, damit sie die Unordnung der anderen nicht
wahrnahm. Die List gelang vollkommen, und dann bald die eine, bald die
andere unter hundert Addios und >_Grazie tante_< umarmend, schlüpfte ich
endlich zur Türe hinaus, eilte die Treppe hinunter und zu der mich
erwartenden Madame Grenet. Wir nahmen noch ein gutes Frühstück _à la
fourchette_ ein, begaben uns dann an den Hafen, wo schon Mannschaft,
Waffen und Gepäck und noch fünf andere Offiziersfrauen eingeschifft
waren. Madame Grenet nahm Platz in ihrem Wagen und lud noch drei andere
Damen, die keinen hatten, ein, sich zu ihr zu setzen, während ich mich
auf den Bock placierte.[12] >Proserpina< lichtete die Anker, und wir
segelten mit gutem Wind davon. Auf dem Schiffe befanden sich auch zwei
marode Hautboisten vom Regiment, die aber doch nicht so müde waren, daß
sie sich nicht ihrer Instrumente hätten bedienen können; ich ersuchte
sie, ein paar muntere Melodien zum Besten zu geben, wozu sie sich willig
fanden, und so fuhren wir, die hohen Alpen beständig vor Augen, immer
längs der Küste dahin. Der uns günstige Landwind wurde stärker und blies
so kräftig in die Segel, daß wir bald an Monaco, St. Remo, Oneglia und
Albenga vorüberflogen und mit der Dämmerung zu Finale ankamen, wo die
Damen, wie die meisten Passagiere, seekrank geworden, nachdem der Patron
Anker geworfen hatte, ans Land gehen wollten, was aber niemand gestattet
wurde, bevor der Syndikus des Orts unseren Schiffer eidlich verhört
hatte, daß er weder einen pestkranken Ort berührt, noch einen derartigen
Kranken an Bord habe. Wir fuhren indes bald wieder weiter, denn der
Patron hoffte noch vor Nacht Savona, wo der Hafen weit sicherer als zu
Finale, und die Nachtquartiere weit bequemer seien, zu erreichen. Auf
der Fahrt dahin erzählte er mir, daß er aus Nizza sei, daß diese Stadt
durch das Wegbleiben der Engländer seit mehreren Jahren außerordentlich
verloren und der Verdienst nicht mehr der vierte Teil wie früher sei,
gab mir auch nicht undeutlich zu verstehen, daß man daselbst eben nicht
sehr vergnügt über das Glück sei, jetzt einen Teil des französischen
Kaiserreichs auszumachen, doch wollte er sich nicht weiter einlassen und
mit der Sprache nicht heraus, denn er traute mir wohl nicht.
[Fußnote 11: Je weiter ein Regiment marschiert, desto mehr häufen sich
die Gewehre, Säbel, Patrontaschen und so weiter desselben, weil die von
allen zurückbleibenden Kranken mitgeführt werden.]
[Fußnote 12: Eine Felukke ist ein offenes Küstenschiffchen, mit einem
Mastbaum, aber ohne Vordeck, das auch durch Rudern in Bewegung gesetzt
wird.]
Die Fahrt bis Finale war äußerst angenehm gewesen, und die Aussicht auf
die Küste bot viel Abwechslung dar, die Ufer waren mit Südpflanzen jeder
Gattung bedeckt, und es ging an Buchten und Baien, Dörfern, Flecken und
Städten vorüber, oft unermeßliche Felsmassen und immer himmelhohe
Gebirge bildeten den Hintergrund. Auf der anderen Seite sah man nicht
selten große Schiffe in der Ferne vorübersegeln, lange Silberstreifen
hinter sich lassend, und in den Wellen spiegelten sich die Feuerstrahlen
der Abendsonne. Von Finale aus begann es schon dunkel zu werden, und
erst mit der einbrechenden Nacht fuhren wir in den Hafen von Savona ein.
Sämtliche Damen baten mich, ein Nachtquartier für sie zu besorgen, das
ich dann in der besten Locanda bestellte, was freilich nicht viel sagen
wollte, aber darauf bedacht war, daß ich ein Zimmer neben dem der Madame
Grenet erhielt, das mit diesem kommunizierte; die anderen Damen logierte
ich je zwei auf einem anderen Gang. Nach eingenommenem Abendbrot, das in
Fischen, Feigen und gutem Wein bestand, begaben wir uns sämtlich zur
Ruhe. Nachdem ich meine Tür von innen abgeschlossen, öffnete ich leise
die mit dem Zimmer der Madame Grenet kommunizierende und bat sie, diese
Nacht in meinem Gemach zubringen zu wollen, weil die Stube auf der
anderen Seite besetzt war, deren Inhaber leicht das mindeste Geräusch
durch eine ebenfalls in dasselbe gehende Tür vernehmen konnten; sie ging
darauf ein, und wir brachten eine herrliche Nacht zu, die sich wohl
denken, aber nicht beschreiben läßt. Gegen Morgen, das heißt um zwei Uhr
nach Mitternacht, verließ mich meine reizende Alcine, um Ruhe in dem
eigenen Bett zu suchen, was uns beiden not tat; aber als wir gerade im
erquickendsten Schlaf waren, gegen vier Uhr, weckte mich mein Bursche
mit den Worten, daß der Patron in einer Stunde abfahren wolle, um den
günstigen Wind zu benutzen und diesen Morgen bei Zeit in Genua
einzutreffen. Hier blieb nichts anderes übrig, als sich, so schwer es
auch fallen mochte, den Armen des so wohltuenden Schlafes zu
entreißen. Ich ließ nun auch die anderen Damen aufwecken, versah
Kammerjungferdienste bei Madame Grenet, damit sie schneller mit ihrer
Toilette fertig wurde, und gegen fünf Uhr waren wir wieder eingeschifft.
Die Damen endigten sämtlich ihren unterbrochenen Schlaf in dem Wagen,
während ich auf dem Bock nickte. Gegen zehn Uhr vormittags wurden wir
alle durch das Geschrei: »_Ecco Genova!_«, das der Patron und seine
Leute erhoben, aus unserem Schlummer erweckt. Als ich die Augen
aufschlug, erblickte ich die prächtige Stadt, die von der Seeseite
angesehen in der Tat einen großartig imponierenden Anblick darbietet. Da
lag sie in ihrer ganzen Herrlichkeit, _Genova la superba_, die
Vaterstadt der Columbus, Andreas Doria und Fiesko, von den Strahlen der
goldenen Morgensonne prächtig beleuchtet, vor unseren staunenden
Blicken, und Schiller läßt den Fiesko nicht zuviel sagen, wenn er
ausruft: »Diese majestätische Stadt!«, denn wahrhaft majestätisch lehnt
sie sich amphitheatralisch an den Fuß der Apenninen, während ihr
Piedestal von dem schönen Golf benetzt wird, der ihren Namen trägt. Auf
ihren Marmorpalästen und herrlichen Gebäuden sind Terrassen mit
Pomeranzen, Limonen, Gesträuchen und Blumen in Prachtvasen angebracht,
so daß, da sich die Häuser stufenartig hintereinander erheben, man die
schwebenden Gärten der Semiramis zu sehen wähnt; und dann im Hintergrund
die Berge, die bis zur Mitte ihrer Höhe mit prächtigen Villen,
Schlössern, Meierhöfen und so weiter bedeckt sind, die von der See aus
gesehen mit der Stadt ein Ganzes zu bilden scheinen, wodurch diese
unermeßlich groß wird. Sie bildet einen weiten Halbkreis, von dem zwei
Molos die äußersten, mit Türmen versehenen Enden machen. Bis jetzt hatte
noch keine Stadt einen solchen Eindruck auf mich gemacht. Nach zehn Uhr
fuhren wir im Hafen ein und landeten am Ponte di Mercanti: einem kleinen
in denselben gehenden Damm, wie deren mehrere vorhanden, an denen die
kleineren Schiffe anlegen. Wir stiegen aus, und das erste, was mir
auffiel, waren die vielen Mönche von allen möglichen Orden und Farben,
die sich unter den gaffenden Zuschauern befanden, etwas ganz Neues für
mich, denn in Deutschland und Frankreich sah man deren schon lange nicht
mehr. Ich ließ nun alles ausschiffen und die Damen und mich in ein gutes
Gasthaus in der Nähe der Post führen, wo wir sogleich sehr freundlich
aufgenommen wurden; als ich aber später die Quartierbillets für unser
Logis brachte, die ich mir auf der Mairie hatte geben lassen, da machte
der Wirt ein verdrießliches Gesicht, denn er hatte uns seine besten
Zimmer eingeräumt, aus denen wir uns nicht mehr ausquartieren ließen.
Die Vorstellung, die ich mir auf dem Meer von dem prächtigen Genua
gemacht hatte, wurde gewaltig geschmälert und alle Illusion verschwand,
als wir durch die vielen engen dunkeln Straßen wandern mußten, wo nicht
einmal ein Fuhrwerk gehen konnte, die jedoch reinlich und alle mit roten
Backsteinen gepflastert waren und in denen oft die schönsten Gebäude von
Marmor aufgeführt standen.