DER UNTERGANG DES HELDEN.

Indessen wir sind mit dem Bilde des Genusses, den die Tragödie gewähren

will, noch nicht völlig zum Abschluß gelangt. Wir haben schließlich noch

im Ganzen die Frage zu stellen, auf die wir gelegentlich und im Einzelnen

schon eine Antwort gaben. Wozu der Tod des tragischen Helden?

Warum muß ANTIGONE sterben? Weil sie nur angesichts des Todes die volle

Macht ihrer Bruderliebe an den Tag legen kann, und die Drohung KREONs

nicht etwa nachträglich als Scherz sich erweisen darf. Warum ROMEO? Weil

nur der _tödliche_ Schmerz die Macht seiner Leidenschaft voll offenbaren

kann. Warum endlich RICHARD III.? Daß sein Untergang notwendig ist, wenn

der Triumph RICHMONDs ein vollkommener, die Herrschaft besserer Zeiten,

die mit ihm anbricht, unzweifelhaft sein soll, kommt für die Tragik in

RICHARD nicht in Betracht. Wohl aber dies, daß auch er, so wie er einmal

ist, und nach solchen Zunichtewerden seines ganzen Wollens nicht weiter

leben kann. Darum stirbt er zwar keineswegs resigniert, aber er stürzt

sich in den Kampf, um zu siegen _oder_ unterzugehen.

Soweit erscheint der Tod in verschiedenen Tragödien verschieden

begründet. Es lassen sich aber zugleich die verschiedenen Gründe in einen

zusammenfassen. Der tragische Konflikt ist unlösbar und wir haben

gesehen, warum er es sein muß. Ebendarum, muß er _abgeschnitten_ werden.

Die Endlosigkeit des Konfliktes und Leidens würde wiederum die

Versöhnung, nämlich die Versöhnung unseres Gefühles mit sich selbst,

aufheben. Das endlose Leiden wäre nicht tragisch, sondern entsetzlich.

Aus diesem Grunde ist der Tod notwendig, nicht für den Helden, sondern

für uns, nicht objektiv, sondern für unser Empfinden.

Zugleich ist durch den Tod alles unnötige und dem Kunstwerk

widersprechende Fragen abgeschnitten: Was würde aus RICHARD, wenn er

weiter lebte? Was _wird_ aus ihm oder ANTIGONE in irgend welchem

Jenseits?--Im Kunstwerk ist es zu Ende; und wir haben nicht das Kunstwerk

auf unsere Kosten weiterzudichten. Nicht vorwärts soll unser Blick gehen,

über das Kunstwerk hinaus, in das Gebiet unserer Reflexionen, sondern

haften soll er und nach rückwärts gehen.

Das kann er aber jetzt in _besonderer_ Weise. Der Tod ist das Ende des

Leidens, auch in dem Sinne, daß mit ihm erst die Wirkung des Leidens auf

_uns_ sich abschließt und vollendet. Der Freund, der leidet, erscheint

uns liebens- und achtungswerter. Er erscheint uns in dem _ganzen_ Wert,

den er für uns hatte, wenn er uns entrissen ist. So auch tritt uns die

ganze Erhabenheit und Schönheit der ANTIGONE ins Bewußtsein, wenn sie

dahingegangen ist. Wir wissen, was sie war, wenn sie nicht mehr ist. Und

ebenso wird bei RICHARD III., was an ihm Wertvolles war und in seinem

Leiden zu Tage getreten ist, erst mit seinem Tod uns völlig gegenwärtig.

Der Tod wirkt verklärend, nicht objektiv, sondern in unseren Augen, nicht

den Helden, sondern sein Bild verklärend.

Und er wirkt zugleich andererseits mildernd, reinigend. Solange ANTIGONE

lebte, war sie verflochten in den Streit der Leidenschaften; und in ihm

mochte sie gelegentlich herb und verletzend erscheinen. Solche Gedanken

treten zurück angesichts des Todes. So lange RICHARD III. lebte, haftete

unser Blick an dem Schrecklichen, was sein Wollen und Thun als solches

für uns hatte und haben mußte. Dies einzelne Wollen und Thun

verschwindet, wie alles Einzelne, angesichts des Todes. Der Tod öffnet

die Augen für das Ganze der Persönlichkeit, für das, was sie im Ganzen w

a r. Und da sehen wir auch das Gute und berechtigt Menschliche, was

selbst dem verletzenden oder schrecklichen einzelnen Wollen und Thun zu

Grunde lag. Es ist wiederum keine objektiv, sondern eine subjektiv

reinigende, ich meine eine unsere Betrachtung, unser Bild des Helden

reinigende Wirkung, von der ich hier spreche.

Der Streit über die Tragödie · 第 16 / 17 题