So wenig wie die künstlerische Thätigkeit, ebenso wenig ist auch unser
Kunstgenuß bedingt durch die verständesmäßige Einsicht in die Gründe,
auf denen die Wirkung des Kunstwerkes beruht. Und es ist gut, daß es
sich so verhält. Wäre es anders, aller Kunstgenuß geriete ins Schwanken.
Vor allem dürfte kein tragisches Kunstwerk auf eine sichere und bei
allen gleichartige Wirkung rechnen. So groß ist die Unsicherheit und
Gegensätzlichkeit der Anschauungen über den "Grund unseres Vergnügens
an tragischen Gegenständen."
Die verstandesmäßige Einsicht bedingt nicht den Kunstgenuß. Aber die
_vermeintliche_ Einsicht, die _falsche Theorie_ vermag ihn empfindlich zu
_schädigen_. Nicht bei solchen, die die Theorie haben, aber klug genug
sind, von ihr angesichts des Kunstwerkes keinen Gebrauch zu machen; die
sich zu Hause an ihrer Theorie der Tragödie, im Theater an der Tragödie
erfreuen. Sie schaffen sich nur einen doppelten Genuß. Für sie ist die
Theorie ein Luxus, den man ihnen wohl gönnen mag. Wohl aber muß die
falsche Theorie Schaden stiften bei denjenigen, die damit praktisch Ernst
machen. Sie suchen, durch die Theorie verleitet, im Kunstwerk, was die
Theorie vorschreibt, und finden natürlich, was sie suchen. Und sie
übersehen mit ihrem durch die Theorie mißleiteten Blick, was das
Kunstwerk bieten will und bietet.
Vielleicht beruht die falsche Theorie immerhin auf ästhetischem Boden;
sie ist hervorgegangen aus oberflächlicher und einseitiger Betrachtung
des Kunstwerkes. Dies ist der bei weitem günstigere Fall. Schlimmer ist
es, wenn eine der Kunst fremde Theorie, eine Welt- oder Lebensauffassung,
wie sie der "Philosoph" aus der Betrachtung der Wirklichkeit gewonnen
oder in seinen Mußestunden erträumt hat, dem Kunstwerk untergeschoben,
und dies zum Mittel gemacht wird, jene Welt- oder Lebensauffassung zu
verkündigen oder zu bestätigen.