»Ja, wie ein Osterfeiertag,« antwortete Eva von Ringewald, »ein
Ostertag, an dem man den Frühling schon auf allen Wegen kommen sieht und
meint, so hell habe die Sonne nie geglänzt und so köstlich haben die
Veilchen nie geduftet.«
In den Herzen der Sternbuben bimmelten an diesem Tage auch kleine
Freudenglocken sehr lustig, und sie kamen aus dem Lachen und
Vergnügtsein gar nicht heraus. Gleich am Morgen fing es an. Da saß der
Zigeuner am Frühstückstisch, und er war wieder blond und nicht mehr
schwarz, denn er hatte sich die Farbe aus den Haaren herausgewaschen. Er
wollte Onkel Fritz genannt sein und schloß mit den Buben gleich eine
feste, gute Freundschaft. Und dann sagte die Tante Pate, heute früh
müßten die Buben das große Denkmal sehen, sie wolle zu Hause bleiben.
»Das will sie nur, weil der Herr Brummerjan kommt, sie will ihn erst
versöhnen,« murmelte Hulda. Sie dachte gewiß, hören kann das kein
Mensch, aber Mathes und Peter hörten manchmal Dinge, die sie eigentlich
nicht hören sollten. Also verstanden sie auch Huldas Rede. Herrn
Brummerjan gingen sie gern aus dem Wege, doch Eva und Fritz von
Ringewald sagten beide: »Heute gehen wir nicht.« Aber dann kam gerade,
als die Buben in den Garten geschickt werden sollten, Annedore und bat,
sie sollten mit ihr in den Zoologischen Garten gehen.
»Allein?« Die alte und die junge Tante machten beide höchst bedenkliche
Gesichter, doch Annedore erklärte flink und froh, sie würde schon auf
die Buben aufpassen und sie gut wieder heimbringen; man könne ganz ohne
Sorge sein.
»Hoho!« Onkel Fritz lachte dazu. »Das sind mir Buben, müssen sich
beschützen lassen!« neckte er.
Mathes und Peter ärgerten sich. Sie steckten beide trotzige Mienen auf
und wollten eben sagen: »Wir können allein gehen,« als Tante Eva
dazwischenredete. »Sie sind doch fremd hier, und wenn ich fremd in einer
Stadt bin, dann lasse ich mich auch führen.«
»Wir passen gegenseitig auf uns auf.« Annedores freundliches Lachen
verscheuchte allen Bubenzorn. Mathes und Peter wurden wieder vergnügt,
und beide sagten sie gnädig: »Wir passen auf dich auf.«
In schönster Eintracht zogen sie von dannen. Unterwegs erzählte
Annedore, bei Herta wäre es gestern langweilig gewesen, furchtbar
langweilig. Die Buben bedauerten sie darob sehr, und in diesem
Augenblick kamen schwipp, schwapp! Herta und Irene wie zwei Bachstelzen
die Straße entlang gewippt.
»Da kommen sie!« rief Herta.
»Wo?« fragte Irene.
Sie sah die Straße entlang, doch von den drei guten Kameraden war nichts
mehr zu erblicken; die rasten schon eine Seitenstraße entlang, bogen um
eine Ecke, und da erst standen sie still und freuten sich, den beiden
Zierpüppchen entwischt zu sein.
Im Zoologischen Garten wollten Mathes und Peter zuerst das Affenhaus
sehen. Peter behauptete kühn: »Die freuen sich, die kennen uns wieder.«
Ob Löwen und Bären, Kamele und Elefanten die Breitenwerter Sternbuben
auch wieder erkannten, war nicht genau zu unterscheiden, jedenfalls
waren die drei Freunde sehr lustig mitsammen. Es war eigentlich ein
Wunder, daß sie das Heimkommen zur rechten Zeit nicht vergaßen. Hulda
redete gerade in der Küche von Zuspätkommen, so was täten Buben meist,
als die Klingel ertönte. Die Buben waren da. »Wascht euch gut und geht
hinein, es ist ein Gast da,« flüsterte Ida ihnen zu.
Und als die beiden in das Speisezimmer traten, sahen sie zu ihrem
Erstaunen Herrn Brummerjan am Fenster stehen. Neben ihm stand Fritz von
Ringewald. Sein Gesicht war bleich, aber seine Augen leuchteten. Es war
ein ernstes Aussprechen zwischen Onkel und Neffen gewesen, es war manch
bitteres Wort gefallen, zuletzt hatte aber doch Herr Buchner dem Neffen
die Hand gegeben und gesagt: »So geh denn deinen Weg! Ich hab' es
eingesehen, man soll niemand von einem Beruf abbringen, zu dem ihn
seines Herzens Sehnsucht treibt.«
Er sagte nichts von dem großen Herzeleid, das Fritz durch seine Flucht
Mutter und Schwester angetan hatte, er meinte auch im Herzen, es sei
eine bittere Strafe für den Neffen gewesen, auf der Messe als Zigeuner
verkleidet spielen zu müssen.
Ja, bitter war das gewesen und noch schwerer die Stunden, in denen Fritz
von Ringewald nächtlich vor dem Hause gestanden hatte in Angst um die
kranke Mutter. Wenn er aber jetzt in das blasse Gesicht der Mutter sah,
dann dachte er doch, seine Strafe wäre noch zu leicht gewesen für all
das Leid der gütigen Mutter. Er fühlte, er mußte ein sehr liebevoller
Sohn sein, um seine Schuld wieder gutzumachen.
Von den ernsten Gesprächen und Gedanken merkten Mathes und Peter nichts.
Die merkten nur die stille, selige Freude und fanden, Herr Brummerjan
wäre wirklich kein Herr Brummerjan. Sehr lustig war er freilich nicht,
aber er redete doch sehr freundlich mit ihnen, dachte sogar, sie gingen
schon ins Gymnasium, während sie doch noch auf der Vorschule saßen, auch
nannte er sie nicht Buben oder Jungen, sondern Knaben, und das fanden
sie beide sehr vornehm. Er lud sie auch ein, ihn zu besuchen, und als er
hörte, was sie alles schon gesehen hatten, erklärte er, dies wäre zu
wenig, sie müßten noch viel, viel mehr sehen.
Damit waren nun Mathes und Peter sehr einverstanden. Wenn nur nicht die
Ferientage davongelaufen wären wie Mäuse, wenn die Katze kommt.
Wirklich, die Tage purzelten beinahe über ihre eigenen Beine vor
Eilfertigkeit. Es war nur gut, daß die Tanten immer sagten: »Ihr müßt
bald wiederkommen,« und damit meinten sie die Buben und die Ferientage
dazu.
Was gab es auch nicht alles zu sehen in der großen Stadt! Onkel Fritz
sagte: »Einer großen Stadt muß man in das Herz sehen. Wenn man immer auf
die Messe läuft und in den Zoologischen Garten, dann kennt man sie
nicht.« Er führte die Buben durch viele Straßen, über viele Plätze. Er
führte sie dahin, wo die Fabriken ihre großen roten und gelben
Fleißfinger in die Luft streckten. Und die Buben hörten das schrille
Pfeifen in der Nähe, sie sahen Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen
die Fabriken verlassen. Sie sahen auch Häuser mit vielen, vielen
Fenstern; hinter denen bauschten sich nicht luftige weiße Vorhänge, dort
arbeiteten von früh bis abends rastlos die fleißigen Männer und Frauen.
In diesen Vororten, im Umkreis der Fabriken, hatten die Straßen meist
lange, einreihige Häuserreihen; wie das Breitenwärter Löwengäßle sah
keine aus. Und als die Buben seufzten und sich nach Gärten umsahen,
guckten, ob nicht ein paar Bäume hinter einem Mäuerlein schatteten, da
führten Tante Eva und Onkel Fritz sie in andere Straßen. Da lagen still
und verträumt Eigenhäuser in schönen Gärten; manch eins sah wie ein
kleines Schloß aus, und die Buben vergaßen beinahe den Silbernen Stern
und wünschten sich, in einem solchen Haus zu wohnen. An der nächsten
Straßenecke hatten sie dann freilich den Wunsch schon wieder vergessen,
weil Fritz von Ringewald versprach: »Morgen führ' ich euch zum Onkel,
dort werdet ihr ein Stück unserer Bücherstadt sehen.«
Das Wort machte Mathes und Peter sehr neugierig, denn eine Bücherstadt
konnten sie sich nicht gut vorstellen. Sie fragten Hulda später, was es
bedeute, und Hulda, die lieber kochte und strickte als las, sagte ein
bißchen von oben herab: »Ach, da sind eben die Häuser mit Büchern
vollgestopft wie mein Wäschesack mit Flickwäsche!«
In ganz Breitenwert gab es eine Buchhandlung, außerdem hatte der Onkel
Adam nur noch Schulbücher zu verkaufen, und als die Sternbuben am
nächsten Morgen in die Bücherstadt wanderten, dachten sie sich die wie
den Breitenwerter Buchladen. Es gab aber nur Häuser und wieder Häuser zu
sehen. Vor vielen standen Wagen, auf die große Pakete geladen wurden,
und die Buben waren schon ein bissel enttäuscht, als Tante Eva in eins
der großen Häuser eintrat. Eine Treppe ging's hinauf, oben gab es ein
paar Türen mit allerlei Aufschriften; an einer klopfte Onkel Fritz, und
als er sie öffnete, sahen die Buben drinnen ein paar Herren sitzen, die
eifrig schrieben. Der Onkel war noch nicht zu sprechen, aber einer der
Herren führte die Besucher durch allerlei Räume. Zimmer neben Zimmer,
und in allen lagen Bücher hochaufgestapelt bis zur Decke.
»Wenn ihr das alles lesen müßtet!« sagte Tante Eva neckend.
Mathes und Peter erschraken, und sie waren froh, als ein Fräulein kam
und meldete, Herr Buchner hätte jetzt keine Zeit, er schickte aber eine
Karte mit, dort sollten sich die Knaben umschauen.
»Dann sehen wir uns also noch nach mehr Büchern um,« sagte Tante Eva.
Noch mehr Bücher!
Gab es denn die?
Onkel Fritz lachte über die erstaunten Gesichter der Buben. »Ja, ja, wir
gehen in ein Haus, das ist vollgestopft mit Bilderbüchern.«
Aber Onkel Fritz hatte etwas geflunkert. Das Haus war eigentlich eine
Straße, und wie in einer Straße liefen die Menschen drin hin und her,
hinaus, herein; es hatten's alle eilig. Ein Mann stand an einem breiten
Fenster und gab immer Pakete hinaus; drinnen waren Bücher, nur Bücher.
Große Ballen Bücher wurden verladen und ausgeladen. Bücher waren in
Sälen aufgestapelt, und wenn Tausende von Büchern auf zwei Beinen
dahergelaufen wären, die Sternbuben hätten sich nicht mehr gewundert.
Es war doch anders als im Breitenwerter Buchladen!
Onkel Fritz sagte: »Wenn ihr beide nun alles lernen müßtet, was in den
Büchern steht!«
Schon vor dem Lesen hatten die Buben Angst gekriegt, aber nun auch noch
lernen, was in den Büchern stand! Jemine, das wäre schrecklich!
Mathes seufzte tief. Doch plötzlich fiel ihm etwas ein, und er rief:
»Ich werd' mal Wirt vom Silbernen Stern, und Mutter sagt, da braucht man
net so arg lange lernen.«
Peter schwieg. Die vielen Bücher machten einen gewaltigen Eindruck auf
ihn, er wurde sehr still, es war ihm ordentlich ein bißchen feierlich
zumute, und als er wieder auf die Straße trat, sah er sich
ehrfurchtsvoll nach dem großen Haus um. Ein Stückchen weiter ging's, da
stand wieder so ein Riesengebäude, und Onkel Fritz erklärte: »Dort innen
werden die Bücher gedruckt.«
Er ging auf das Haus zu, gab seines Onkels Karte ab, und ein Mann führte
sie alle miteinander in einen großen Saal. Nur hier könnten sie
hineinsehen, sagte er, aber für die Sternbuben war das schon genug. In
dem Saal surrten und sausten große Maschinen, die arbeiteten flinker als
hundert Hände. Weißes Papier kam hinein, gedruckte Bogen kamen heraus,
klipp klapp! Stoß um Stoß. Die Maschinen sahen wie lebendig aus. Sie
redeten ganz emsig, schienen immer zu sagen: Flink, flink, flink! Sputet
euch, sputet euch! Und die Arbeiter und Arbeiterinnen, die daran
standen, sputeten sich auch. Es war gar nicht zu unterscheiden, wer in
dem Saal zur Arbeit antrieb, die Maschinen oder die Menschen.
Und doch waren es die Menschen. Auf einmal durchzitterte ein schriller
Klang den großen Raum und klapp, klapp! da standen die Maschinen stille.
Sie riefen nicht mehr »Flink!« und »Sputet euch!« sie waren stumm
geworden. Aber die Menschen redeten miteinander, ein paar lachten, viele
liefen eilig davon. Es war Mittagspause, und auch Fritz und Eva traten
den Heimweg an. Unterwegs führten sie die Buben noch in einen großen
Buchladen. Gegen den wäre nun freilich der Breitenwerter Buchladen fast
wie ein Zwerg erschienen, wenn er sich daneben gesetzt hätte. Tante Eva
kaufte ein Buch, bunte Bilder hatte es, und zur Kurzweil für der Buben
Heimreise sollte es sein. Während sie kaufte, konnten sich Mathes und
Peter recht umschauen. Mathes seufzte wieder, die vielen Bücher wurden
ihm langweilig, sie ängstigten ihn, aber Peter bekam Kulleraugen. Er
dachte, es müßte behaglich sein, in so einem großen Buchladen zu sitzen
und jedem, der kam, ein wunderfeines Büchlein zu verkaufen. Tante Eva
mußte ihn dreimal rufen, ehe er sich zum Hinausgehen entschloß, und kaum
war er draußen, da rief er: »So ein Lädle will ich mal haben; das
gefällt mir.«
Fritz von Ringewald, der kein Buchhändler hatte werden wollen, weil er
seine Geige zu sehr liebte, sagte doch: »Dann wirst du etwas Tüchtiges,
Peter. Halt dran fest! Auf meiner Wanderschaft bin ich weit
herumgekommen; so viele Buchläden wie in Deutschland habe ich kaum
irgendwo gefunden. Das hat mich immer stolz gemacht, weil ich daran
erkannte, daß wir vorangehen in der Welt.« Und ganz leise, nur Eva
konnte es hören, fügte er hinzu: »Dem Onkel hab' ich manch bitteres,
trotziges Wort im stillen abgebeten. Doch nun heim, und heute nachmittag
--«
»Das Denkmal sehen,« fiel Eva ein, »sonst fahren sie ab und haben es
nicht gesehen.«
Es war schon beinahe eine Reise hinaus zum Völkerschlachtdenkmal, das
weit draußen im Osten der Stadt liegt. Unterwegs erzählte Eva den Buben
von der gewaltigen Schlacht der Völker, von dem großen Befreiungskampf
gegen Napoleon. Und die Buben verrenkten sich bald die Hälse, um das
riesengroße Denkmal ja bald zu sehen. Sie dachten, bis zum Himmel müßte
es reichen, und als sie dann ausstiegen und vor dem großen Steinkoloß
standen, schwiegen sie muckstill.
Die junge Tante, die diesmal allein mit ihren Schützlingen
hinausgefahren war, wartete auf etliche Ah- und Ohrufe, und als die
nicht kamen, fragte sie: »Nun, was sagt ihr, gefällt es euch?«
Da guckten die wunderfitzigen kleinen Buben aus dem Breitenwerter
Löwengäßle das große Steindenkmal von oben bis unten an und riefen
geringschätzig: »Arg groß ist das aber net, unser Kirchturm ist höher!«
Und dabei blieben sie. Eva erstieg mit ihnen die hohen Steintreppen,
ließ sie das Denkmal von innen und außen beschauen, und die Bübles
nickten und freuten sich, aber weil das Denkmal nicht bis zum Himmel
reichte, fanden sie es doch nicht so groß wie den Turm der Breitenwerter
Stadtkirche. Es war auch ein Tag, an dem die Ferne im feinen Nebeldunst
verschleiert lag, und dieser graue Schleier über der Stadt gefiel den
Buben noch weniger. Eva war ganz ärgerlich. Sie hatte erwartet, die
Buben würden vergehen vor Staunen, und nun taten sie, als wäre so ein
gewaltiges Denkmal ein Pappenstiel.
Auf dem Heimweg -- es dämmerte noch, als sie am Hause ankamen, -- trafen
sie Annedore mit Herta und Irene. Mit den beiden waren Mathes und Peter
noch nicht wieder zusammengekommen, und die Mädel rächten sich für
Nichtbeachtung, taten hochmütig, und Herta fragte, als Eva in das Haus
hineingegangen war: »Nun, ihr staunt wohl immer noch Leipzig an! Wo ward
ihr denn?«
»Beim Denkmal waren sie,« rief Annedore. »Nicht wahr, das ist fein? So
schrecklich groß!«
»Noi,« sagte Mathes geringschätzig, »so arg groß ist das doch net!«
»Unser Kirchturm ist viel, viel höher.« Peter sah in die Luft, als
erblicke er oben neben den Wolken des Kirchturms Spitze.
Dies war den beiden kleinen Leipzigerinnen aber doch zu arg. Was, diese
Kleinstadtbuben wollten nicht ihr großes, berühmtes Denkmal anerkennen?
Das war zu frech! Sie fingen an, wie zwei Rohrspätzlein zu schelten und
zu streiten, nannten die Buben dumm und eingebildet und wer weiß noch
was.
Doch Mathes und Peter blieben die Antwort nicht schuldig. Sie riefen
manches Wort, das von ihrem Freunde, dem Hausknecht im Silbernen Stern,
stammte. Immer heftiger wurde das Streiten. Annedore bat und schalt, sie
sollten Frieden halten, aber vergebens. Die Buben zischten wie ein paar
Dampfkessel, die Mädel kreischten wie die schönen bunten Papageien im
Zoologischen Garten, und plötzlich rannten Mädel und Buben fuchswild
auseinander. Die Gartenfreundschaft war für immer vorbei.
Annedore stand allein auf der stillen Straße. Sie weinte und dachte
grollend: Die Jungen waren zu grob. Nun geh' ich auch nicht auf den
Bahnhof, wenn sie abfahren.
Am übernächsten Tag aber stand Annedore dann doch an dem Zug, in den die
Sternbübles stiegen, um heimzufahren, und der Abschied wurde ihr
bitterschwer. Den Buben auch. Trotzdem taten sie, als wäre
Abschiednehmen eine höchst vergnügliche Sache. Onkel Fritz hatte nämlich
gesagt: »Buben weinen nicht auf Bahnhöfen.« Und weil Mathes und Peter
nicht weinen wollten, lachten sie; sie grinsten ganz fürchterlich und
seufzten schwer, denn die dummen Tränen saßen ihnen schon in den Augen
und wollten rinnen.
Tante Eva war ein bißchen ängstlich, das Alleinreisen gefiel ihr nicht.
Sie gab allerlei Ermahnungen, aber zwei Buben, die vierzehn Tage in
einer großen Stadt waren, können doch allein wer weiß wohin fahren!
Mathes und Peter hatten das Gefühl, ungeheuer klug und welterfahren zu
sein; sie kletterten in das Abteil hinein, wieder heraus, wieder hinein,
wie zwei, die jeden Tag eine Reise tun. Doch nun ertönte ein schriller
Pfiff. Der Schaffner schrie: »Einsteigen!«
Die Türen wurden zugeschlagen, der Zug setzte sich in Bewegung.
In diesem Augenblick erschien den Buben der Abschied doch eine
schreckliche Sache zu sein, sie heulten laut, winkten mit den
Taschentüchern, und Eva lief erschrocken am Zuge entlang. »Fallt nicht
heraus, fallt nicht heraus!« mahnte sie.
Mathes und Peter fielen nicht heraus, sie hörten auch auf zu weinen, und
weil es ihnen aus Kummer sehr unbehaglich ums Herz war, fingen sie an zu
schmausen. Hulda hatte gut vorgesorgt, sie hatte gedacht, mit dem Vorrat
können die beiden wohl bis nach Amerika reisen. Doch es langte gerade
bis nach Breitenwert. Mathes schluckte just das letzte Krümchen
hinunter, als die Heimatstadt vor den Blicken der beiden auftauchte.
Aller Abschiedschmerz war längst vergessen, sie freuten sich beide auf
die Ankunft. Wer wohl alles am Bahnhof war, um sie einzuholen? Die
Mutter sicher und Gundel dazu. Vielleicht kamen aber auch die Freunde
aus der Löwengasse, Alette Amhag und die Grills. Ja, vielleicht selbst
Frau Tippelmann und Herr Häferlein! Vielleicht stand der ganze Bahnsteig
voll Menschen, die alle die Sternbuben begrüßen wollten, denn sicher
wußten es in Breitenwert alle: »Heute kommen sie!«
Und der Silberne Stern war sicher mit einem Kranzgewinde geschmückt, und
Mina hatte Kuchen gebacken, und wer nicht auf dem Bahnhof war, schaute
zum Fenster hinaus; vielleicht riefen sie auch: »Hurra, sie kommen!«
Da hielt der Zug, der Schaffner rief: »Breitenwert!« Doch wenn eine Dame
die Buben nicht ermahnt hätte: »Jetzt müßt ihr aussteigen, schnell, es
ist nur eine Minute Zeit,« die beiden wären vor lauter Ankunftsfreude
sitzen geblieben.
Sie kamen aber noch zur rechten Zeit aus dem Wagen, der Zug fuhr weiter,
und Mathes und Peter sahen sich um.
Es war niemand da!
Es war überhaupt ziemlich still auf dem Bahnhof. Die paar Leute, die
angekommen waren, eilten fort, und schließlich entschlossen sich die
Buben auch durch die Sperre zu gehen. Der Beamte nahm ihre Karten und
sagte -- nichts. Er wunderte sich nicht über ihre Heimkehr, es wunderte
sich überhaupt niemand auf dem Bahnhof darüber. Fragend blickten die
Buben jeden an; niemand fragte nach dem Woher und Wohin. Zu einer Frau,
die manchmal in den Silbernen Stern kam, sagten die Buben: »Guten Tag!«
Da nickte sie, sah auf ihr Köfferlein und fragte so nebenhin: »Ihr holt
wohl Fremde ab?«
Ganz verdattert machten sich die Buben auf den Heimweg. Es war still im
Städtchen, ganz sonderbar kam es den beiden vor. Sie trafen nur wenig
Menschen auf der Gasse, und von diesen wunderte sich auch niemand über
ihre Heimkehr, niemand fiel vor Erstaunen um, niemand sah die
Weitgereisten ehrfürchtig an. Nun bogen sie in die Löwengasse ein. Es
dämmerte schon, und auf der ganzen Gasse ging nur Bäckermeister Herings
Hund spazieren. Aus der Linde und Rose kamen nicht die Kamerädles
herausgestürzt, Herr Häferlein trat nicht vor seine Ladentür, Frau
Tippelmann sah nicht zum Fenster hinaus. Und da war der Silberne Stern.
Kein Kranzgewinde schmückte sein großes, rundes Tor, ganz still lag das
stattliche alte Haus da. Die Buben setzten ihr Köfferlein ab und sahen
sich um; kam denn wirklich niemand, sie zu begrüßen? Sie wollten rufen,
aber sie brachten kein Wort hervor.
Denn plötzlich erfaßte sie beide eine furchtbare Angst. Vielleicht waren
alle aus Breitenwert weggezogen, gestorben oder sonst etwas. Sie ließen
ihren Koffer stehen, rasten durch den Flur, rissen die Küchentüre aus
und schrieen: »Wir sind da!«
»Alle guten Geister! Unsere Bübles!«
»Mathes! Peter!«
Da waren die Mutter und Gundel, Mina, Käthle -- alle waren da. Von einer
Bank hopsten Trinle und Kasperle Grill und Alette Amhag herab, Frau
Tippelmann stand auch mitten in der Küche, und alle miteinander fragten:
»Aber wo kommt ihr denn auf einmal her, warum habt ihr nicht
geschrieben?«
Nicht geschrieben?
Mathes griff erschrocken in seine Tasche. Da knisterte ein Brieflein;
vor drei Tagen hatte er es in Leipzig in den Kasten stecken sollen. In
dem Brieflein aber stand: »Wir kommen Montag!«
»Es flog ein Gänslein über den Rhein und kam als Gickgack wieder heim,«
sagte Frau Tippelmann.
»Zum Kuckuck, welcher Esel hat denn da draußen seinen Koffer auf der
Gasse stehen lassen!« brüllte Friedrich plötzlich im Flur. Er steckte
den Kopf zur Türe hinein. »Herr Baldan ist eben darüber hingefallen. So
'ne Dummheit!«
Da sah er die Buben, und plötzlich ging ihm ein Lichtlein auf. »Ihr seid
's gewesen!« rief er. »Na ja, man merkt's, gescheiter seid ihr net
heimgekommen!«
Die Buben hörten es und hörten es nicht, denn die Mutter hielt sie fest
umschlungen, und Gundel zerrte an ihnen herum, und beide sagten: »Gott
sei Dank, daß ihr wieder da seid, wir haben uns schrecklich gebangt!«
»Wir auch!« riefen die Kamerädles alle.
»Ich auch!« sagten Mina und Käthle. --
Das Heimkommen ist eben doch eine schöne Sache, selbst wenn es keinen
feierlichen Empfang gibt!