auch mit strenger Beobachtung alter Formalitäten vollbracht. Fast in
jedem Worte und Schritte kann man eine tiefe Verehrung der Vergangenheit
erkennen. Die Stände des Reichs beriethen sich in den alten Hallen und
nach den alten parlamentarischen Regeln. Powle wurde nach der
althergebrachten Form von dem Antragsteller und dem Unterstützer zu
seinem Präsidentenstuhle geführt. Der Scepterträger führte die
Abgesandten der Lords an den Tisch der Gemeinen und es wurden die drei
pflichtmäßigen Verbeugungen gemacht. Die Conferenz wurde mit allen
alterthümlichen Formalitäten abgehalten. Auf der einen Seite der Tafel
im gemalten Saale saßen die Wortführer der Lords bedeckten Hauptes und
in ihren mit Hermelin und Gold besetzten Mänteln. Die Wortführer der
Gemeinen standen entblößten Hauptes auf der andren Seite. Die Reden
bilden einen fast komischen Contrast gegen die Revolutionsrhetorik jedes
andren Landes. Beide englische Parteien waren darüber einig, die alten
constitutionellen Überlieferungen des Reichs mit feierlicher
Ehrerbietung zu behandeln. Die Frage war nur, wie diese Überlieferungen
zu verstehen seien. Die Vertheidiger der Freiheit sprachen kein Wort von
der natürlichen Gleichheit der Menschen und der unveräußerlichen
Souverainetät des Volks, von Harmodius oder Timoleon, von Brutus dem
Älteren oder Brutus dem Jüngeren. Als man ihnen sagte, daß die Krone
nach englischem Recht im Augenblicke ihrer Erledigung auf den nächsten
Erben übergehen müsse, so erwiederten sie, daß nach englischem Rechte
ein lebender Mensch keinen Erben haben könne. Als man ihnen sagte, der
Fall sei noch nie vorgekommen, daß der Thron für erledigt erklärt worden
wäre, so legten sie aus den im Tower aufbewahrten Urkunden ein fast
dreihundert Jahr altes Pergament vor, auf welchem in wunderlicher
Schrift und in barbarischem Latein geschrieben stand, daß die Stände des
Reichs den Thron eines treulosen und tyrannischen Plantagenet für
erledigt erklärt hatten. Als endlich der Streit beigelegt war, wurden
die neuen Herrscher mit dem althergebrachten Gepränge ausgerufen. Der
ganze phantastische Pomp des Heroldwesens war dabei: Clarencieux und
Norroy, Portcullis und Rouge Dragon[104], die Trompeten, die Banner und
die mit Löwen und Lilien gestickten grotesken Wappenröcke. Auch der
Titel »König von Frankreich,« den der Sieger von Cressy sich beigelegt,
wurde von den königlichen Titulaturen nicht ausgeschlossen. Uns, die wir
das Jahr 1848 erlebt haben, muß es fast als ein Wortmißbrauch
erscheinen, daß man einer mit so reiflicher Überlegung, mit so ruhiger
Besonnenheit und so ängstlicher Beobachtung der herkömmlichen Etikette
bewerkstelligten Veränderung den schrecklichen Namen einer Revolution
giebt.
Und doch war diese Revolution, obgleich die mindest gewaltsame aller
Revolutionen, die wohlthätigste von allen. Sie entschied für immer die
große Frage, ob das volksthümliche Element, das sich seit den Zeiten der
Fitzwalter und de Monfort in der englischen Verfassung vorfand, durch
das monarchische Element zerstört werden, oder ob es sich frei sollte
entwickeln und das vorherrschende werden dürfen. Der Kampf zwischen den
beiden Prinzipien war lang, heftig und zweifelhaft gewesen. Er hatte
vier Regierungen hindurch gedauert und hatte Aufstände, Staatsprozesse,
Rebellionen, Schlachten, Belagerungen, Proscriptionen und Justizmorde
herbeigeführt. Bald hatte es den Anschein gehabt, als ob die Freiheit,
bald wieder, als ob die Monarchie auf dem Punkte stände unterzugehen.
Viele Jahre lang war die eine Hälfte der Kraft Englands beschäftigt
gewesen, die andre Hälfte zu bekämpfen. Die ausübende Gewalt und die
gesetzgebende Gewalt hatten einander in ihrer Thätigkeit so gehemmt, daß
der Staat in Europa fast keine Bedeutung gehabt hatte. Der Wappenkönig,
welcher Wilhelm und Marien vor dem Eingange von Whitehall proklamirte,
verkündete sehr wahr, daß dieser große Kampf nun vorüber sei, daß
vollkommene Einigkeit zwischen dem Throne und dem Parlamente obwalte,
daß das so lange abhängige und erniedrigte England wieder eine Macht
ersten Ranges geworden sei, daß die alten Gesetze, welche die
Prärogative beschränkten, hinfüro eben so heilig wie die Prärogative
selbst gehalten und bis zu allen ihren Consequenzen durchgeführt, daß
die ausübende Verwaltung in Übereinstimmung mit den Ansichten der
Vertreter des Volks geleitet und daß keine Reform, welche die beiden
Häuser nach reiflicher Erwägung vorschlagen würden, bei dem Souverain
beharrlichen Widerstand finden werde. Obwohl die Rechtserklärung nichts
zum Gesetz machte, was nicht vorher schon Gesetz gewesen wäre, so
enthielt sie doch den Keim des Gesetzes, das dem Dissenter
Religionsfreiheit gab, des Gesetzes, das die Unabhängigkeit der Richter
sicherte, des Gesetzes, das die Dauer der Parlamente beschränkte, des
Gesetzes, das die Preßfreiheit unter den Schutz von Geschwornen stellte,
des Gesetzes, das den Sklavenhandel verbot, des Gesetzes, das den
Religionseid abschaffte, des Gesetzes, das die Katholiken von den
Ausschließungen von Civilämtern befreite, des Gesetzes, welches das
System der Volksvertretung reformirte, kurz jedes guten Gesetzes, das
seit hundertsechzig Jahren eingeführt worden ist, wie jeden guten
Gesetzes, das auch fernerhin im Laufe der Seiten zur Förderung des
Gemeinwohls und zur Befriedigung der Wünsche der öffentlichen Meinung
für nöthig befunden werden wird.
Das beste Lob aber, das man der Revolution von 1688 geben kann, ist, das
sie unsre letzte Revolution war. Seit mehreren Generationen hat kein
verständiger und patriotischer Engländer mehr daran gedacht, sich gegen
die bestehende Regierung aufzulehnen. Alle rechtschaffenen und denkenden
Geister sind der Überzeugung, in der sie durch die tägliche Erfahrung
bestärkt werden, daß die Mittel, um jede der Verfassung nöthige
Verbesserung zu bewirken, von der Verfassung selbst geboten sind.
Unsre gegenwärtige Generation sollte besser als irgend eine die volle
Bedeutung des Widerstandes unserer Vorfahren gegen das Haus Stuart zu
würdigen vermögen. Rings um uns her wird die Welt von den
Verzweiflungskämpfen großer Nationen erschüttert. Regierungen, welche
noch vor Kurzem alle Aussicht auf ein jahrhundertelanges Fortbestehen zu
haben schienen, sind plötzlich erschüttert und gestürzt worden. In den
stolzesten Hauptstädten des westlichen Europa ist Bürgerblut geflossen.
Alle bösen Leidenschaften, die Gewinnsucht und der Rachedurst, die
Antipathie zwischen den Klassen und zwischen den Stämmen haben sich von
dem Zwange göttlicher und menschlicher Gesetze losgerissen. Furcht und
Angst haben die Stimmen von Millionen verdüstert und ihre Herzen
bekümmert. Der Handel ist ins Stocken gerathen und die Industrie gelähmt
worden. Die Reichen sind arm, die Armen noch ärmer geworden. Lehren,
welche allen Wissenschaften, allen Künsten und allem Gewerbfleiße feind
sind, Lehren, die, wenn sie praktisch angewendet würden, Alles was
dreißig Jahrhunderte für die Menschheit gethan haben, vernichten und die
schönsten Gauen Frankreichs und Deutschlands zu eben so wilden Ländern
als Congo oder Patagonien machen würden, sind auf der Tribüne gepredigt
und mit dem Schwerte vertheidigt worden. Europa hat die Unterjochung
durch Barbaren gedroht, im Vergleich mit denen die Barbaren Attila's und
Alboin's aufgeklärt und menschlich waren. Die aufrichtigsten Freunde des
Volks haben mit tiefem Schmerze gestanden, daß Interessen, welche
kostbarer als irgend welche politische Rechte sind, auf dem Spiele
stehen, und daß es nöthig werden könnte, selbst die Freiheit zu opfern,
um die Civilisation zu retten. Währenddem ist auf unsrer Insel der
regelmäßige Gang der Regierung nie auch nur einen Tag unterbrochen
worden. Die wenigen schlechten Menschen, denen nach Zügellosigkeit und
Plünderung gelüstete, haben nicht den Muth gehabt, nur einen Augenblick
der Kraft einer fest um den angestammten Thron geschaarten Nation zu
trotzen. Und fragt man nach dem Grunde dieses Unterschiedes zwischen uns
und Anderen, so ist die Antwort darauf: weil wir nie das verloren haben,
was Andere mit blinder Hast wieder zu gewinnen suchen. Weil wir im
siebzehnten Jahrhundert eine erhaltende Revolution gehabt haben, darum
haben wir im neunzehnten keine zerstörende Revolution gehabt. Weil wir
inmitten der Knechtschaft Freiheit hatten, darum haben wir inmitten der
Anarchie Ordnung. Für das Ansehen des Gesetzes, für die Sicherheit des
Eigenthums, für die Ruhe unserer Straßen und für das Glück unserer
Familien gebührt unser Dank nächst Dem, der nach seinem Willen die
Nationen erhebt und zu Boden wirft, dem Langen Parlamente, der
Convention und Wilhelm von Oranien.
[Anmerkung 104: Bezeichnungen verschiedener Wappenherolde. -- Der
Übers.]
Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.
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Druckfehler und Unregelmässigkeiten
Rechtschreibungsformen wie »funfzig« : »fünfzig«, »Urtel« : »Urtheil«
und »Partein« : »Parteien« sind ungeändert. Die Namen »Russel« und
»Russell«, »Dyckvelt« und »Dykvelt« sind ebenso ungeändert (auch
wenn es um die selbe Person handelt). Weitere:
Geschichtschreiber : Geschichtsschreiber
Verhaft(s)befehl
Geschicht(s)schreiber
angesehen(d)ste
IX. Kapitel
ihrer Ämter und Pfründen entsetzt zu werden [Pfründer]
[Anmerkung 4: ... edited by Blencowe [Blecnowe]
welche andere Municipalitäten beabchsichtigten [beasichtigten]
Er bemühte sich diesen Nachmittag [be-/bemühte _am Seitenende_]
um sich Verhaltungsbefehle zu erbitten
[ungeändert, mögligens »Verhaftungsbefehle«]
[Anmerkung 65: Witson's MS. [ungeändert, anderswo Witsen]
die ihm der spanische Stiefel und die Daumschraube bereitet
[ungeändert, anderswo Daumenschraube]
[Anmerkung 104: ... welche darüber zu entscheiden hat [enscheiden]
eine starke Abtheilung derselben nach Cirencester verlegt
[Circencester]
oder einen Ersatzmann zu stellen. [Ersatzman]
das Schwert an der Seite und Pistolen in den Holstern [Holftern]
den 27. November, im Speisesaale des Palastes [Speisesale]
ehe ich mich entscheide.«[137] [« _fehlt_]
hingebrachten Lebens ein wahrhaft religiöser Mann [relegiöser]
X. Kapitel
in der Gegend des Klosters von Clerkenwell.
[Clarkenwell, mögligens auch in Macaulays Englisch]
[Anmerkung 15: +Harl. MS. 255.+] [Harl;]
[Anmerkung 37: ... +Clarendon's Diary, Dec. 21. 1688+ [21.1688]
eine prächtige Terrasse angelegt [Terasse]
Auch ist es durchaus nicht unmöglich, daß er reussirt haben würde
[ungeändert, gewöhnliche Form ist reüssirt (Fr. réussir)]
Lincoln's Inn Fields und Conventgarden
[ungeändert, rechte Form ist Coventgarden = Covent Garden]
[Anmerkung 79: Dartmouth's Note zu Burnet, I. 393. [Darthmouth's]
durch die Wichtigkeit der Krisis gerechtfertigt [gerechfertigt]
die er mit Nutzen oder mit Ehren übernehmen könne [könnne]
daß die Mittel um jede der Verfassung nöthige Verbesserung [Mitttel]