Jedenfalls ist jeder Bewusstseinsvorgang durch das Merkmal der Bewusstheit

charakterisiert, das man als ein Wissen des Bewusstseinsvorganges um sich

selbst bezeichnen kann. Jeder hat sich selbst zu seinem Inhalte. In diesem

Sinne kann man sagen: jede Vorstellung stellt etwas vor, mag sie richtig

sein oder nicht, und das ist der nicht von ihr verschiedene Inhalt. Dieses

Wissen des Bewusstseinsvorganges um sich selbst muss natürlich immer wahr

sein: in ihm kann es keinen Irrtum, keine Falschheit geben. Aber es ist

kein eigentliches Wissen, kein namentliches, vorstellungsmässiges,

begriffliches Wissen. Wir gewinnen durch dasselbe noch keine

Vorstellungen, Begriffe von den Bewusstseinsvorgängen. Dieses

uneigentliche Wissen ist keine Einsicht, keine Erkenntnis. Aber wir können

über die Bewusstseinsvorgänge reflektieren und diese Reflexion, selbst ein

Bewusstseinsvorgang, ist von den Bewusstseinsvorgängen, die ihren

Gegenstand bilden, verschieden. Durch die Reflexion nun gewinnen wir

zweifellos nicht bloss von der Existenz sondern auch von der

Beschaffenheit der Bewusstseinsvorgänge eine Einsicht, eine Erkenntnis.

Wir stehen ihnen nicht ratlos gegenüber wie den Dingen und Vorgängen der

Natur oder müssen uns mit einer ganz unbestimmten Erkenntnis derselben

begnügen. Wir wissen, was es mit ihnen auf sich hat, wodurch sie sich von

einander unterscheiden auf Grund von Merkmalen, die wir in den

Bewusstseinsvorgängen selbst finden. Allerdings sind alle unsere

Vorstellungen, die wir von den Bewusstseinsvorgängen haben, aus dem

sinnlichen Gebiete entlehnte, übertragene, ursprünglich also sinnliche und

mit Bezug auf die Bewusstseinsvorgänge nur bildliche Vorstellungen. Wir

bedürfen dieser Krücken der sinnlichen Vorstellungen bei jedem Schritte,

den unser Denken thut und können ihrer nirgends entraten, auch nicht, wenn

es sich um die Erkenntnis unserer Bewusstseinsvorgänge handelt. Aber wir

wissen sehr wohl zwischen dem ursprünglichen und übertragenen Sinne dieser

Vorstellungen, z. B. der Vorstellung Vorstellen, zu unterscheiden und

geben ihnen unwillkürlich bei der Übertragung auf die Bewusstseinsvorgänge

eine diesen entsprechende andere Bedeutung. Hier kommt das mit jedem

Bewusstseinsvorgang verbundene, uneigentliche Wissen des

Bewusstseinsvorgangs um sich selbst zur Geltung und verhindert eine

Herabziehung der Bewusstseinsvorgänge in das sinnliche Gebiet. Die

Empfindungen, insofern sie Erkenntnismittel der Aussenwelt sind und als

solche immer unter Mitwirkung der Sinnesorgane, sei es der äussern, sei es

bloss der innern, der Gehirnerregungen, funktionieren, gehören dem

sinnlichen Gebiete an, ja sie konstituieren dasselbe. Insofern wir aber

bei der Reflexion über die Empfindungen von dieser ihrer körperlichen

Seite absehen, bilden sie, wie alle Bewusstseinsvorgänge, einen Gegensatz

wie zu allem Körperlichen, so auch zu allem Sinnlichen. Es ist unrichtig

zu sagen, dass wir von den Bewusstseinsvorgängen nur Vorstellungen haben

und nicht wissen, was diesen Vorstellungen eigentlich entspricht; von

unsren gegenwärtigen Gefühlen, gegenwärtigen Wollungen und gar von unsren

gegenwärtigen Vorstellungen sollen wir blosse Vorstellungen haben. Es

leuchtet unmittelbar ein, dass diese Annahme falsch ist, abgesehen von den

widersinnigen Konsequenzen, zu denen sie führt. Müssten wir ja dann auch

von den Vorstellungen unsrer Bewusstseinsvorgänge nur Vorstellungen haben

und von diesen Vorstellungen wieder nur Vorstellungen und so fort ohne

Ende. Man könnte denken, die Übertragung der aus dem sinnlichen Gebiete

entlehnten Vorstellungen auf die Bewusstseinsvorgänge könne nur in

Urteilen geschehen. Allein diese Urteile setzen das Einleuchten der

Zusammengehörigkeit der Bewusstseinsvorgänge mit den Vorstellungen und die

Einsicht in diese Zusammengehörigkeit voraus, die Übertragung geht also,

wie der Einsicht und dem Einleuchten, so auch dem Urteil voran, und wir

werden sie dem Blick des Geistes zuschreiben müssen, dem wir die

wesentlichen Merkmale verdanken.

Man kann die Bewusstseinsvorgänge isolieren, wie wir das thun, wenn wir

sie durch übertragene Vorstellungen näher bestimmen. Das ist ein

abstraktes Verfahren, welches zu diesem Zwecke angewendet werden kann und

in der Psychologie gute Dienste thut. Aber man darf nicht glauben, dass

die Bewusstseinsvorgänge in Wirklichkeit auch isoliert von einander sind.

Sie liegen nicht nebeneinander wie die Atome eines Körpers, haben vielmehr

einen übergreifenden, die gleichzeitigen und sogar auch die vorangehenden

Bewusstseinsvorgänge mit umfassenden Charakter. Ohne dieses Übergreifen

ist das Zustandekommen des Sinnenbildes der Ausdehnung, in dem die

gleichzeitigen Empfindungen, und des Sinnenbildes der Bewegung, in dem die

aufeinanderfolgenden Empfindungen in bewusster Weise zusammenhängen oder

einen bewussten Zusammenhang bilden, nicht zu erklären. Die den einzelnen

Bewusstseinsvorgängen eigentümliche Bewusstheit oder das Wissen um sich

selbst greift hier auch auf die andern gleichzeitigen oder vorausgehenden

und nachfolgenden Empfindungen hinüber. Das, was wir Einheit des

Bewusstseins nennen, vermöge deren wir von _unsrem_ Bewusstsein reden und

dieses den fremden Bewusstseinen gegenüberstellen, hat hierin seinen

Grund. Es ist zu beachten wichtig, dass wir nicht bloss eine wirkliche

Einsicht und Erkenntnis von der Existenz und Beschaffenheit der

Bewusstseinsvorgänge haben, sondern ebenso auch von ihrer Zugehörigkeit zu

unsrem Bewusstsein, oder dass sie unsere Bewusstseinsvorgänge sind. Auch

von dem besonderen Zusammenhange zwischen Vorstellungen und Gefühlen,

Gefühlen und Wollungen, zwischen Überlegung, Entschluss, Vorsatz,

Ausführung -- mag uns die Art dieses Zusammenhangs auch dunkel bleiben --

haben wir eine Einsicht, eine wirkliche Erkenntnis, also wenigstens davon,

dass dieser Zusammenhang besteht. Wir wissen, was wir beabsichtigen, und

wann wir ohne Absicht handeln und darum für den Erfolg unserer Handlungen

entweder gar nicht oder nicht völlig verantwortlich sind, und dieses

Wissen beruht auf einer Einsicht und Erkenntnis. Das Gefühl der Reue und

der Verantwortung und ihr Gegenteil hat darin seinen Grund.

Giebt es auf Einsicht beruhende Erinnerungen, sind Erinnerungen wirkliche

Erkenntnisse? Zweifellos können sie das sein und sind es in Wirklichkeit

oft genug. Eigentlich können wir uns nicht an Dinge und Vorgänge, sondern

nur an unsere Wahrnehmung der Dinge und Vorgänge erinnern. Die Erinnerung

ist ein Wissen der Zusammengehörigkeit eines vergangenen

Bewusstseinsvorganges mit dem gegenwärtigen, daher seiner Zugehörigkeit zu

unsrem Bewusstsein. Dass uns diese Eigentümlichkeit der Erinnerung bei der

Erinnerung selbst weniger zum Bewusstsein kommt, hat seinen Grund darin,

dass wir bei den Erinnerungen uns ganz in die Zeit des vergangenen

Vorgangs versetzen und mit unsrem Denken nur bei ihm verweilen; ähnlich

wie wir bei der Wahrnehmung uns an den Ort des Gegenstandes versetzen. Das

ist auch der Grund, warum wir nicht leicht von einer Einsicht sprechen

weder bei der Erinnerung noch bei der Wahrnehmung. Die Einsicht setzt

immer zwei Glieder voraus, deren Zusammengehörigkeit uns einleuchtet. Bei

dieser Versetzung in die Zeit des erinnerten und an den Ort des

wahrgenommenen Gegenstandes scheint aber immer nur ein Glied vorhanden zu

sein. Kommen wir aber auf dem Wege der Reflexion dazu, die Erscheinung des

Dinges in unsrem Bewusstsein von dem wahrgenommenen Dinge selbst oder den

gegenwärtigen Erinnerungsakt von dem vergangenen erinnerten

Bewusstseinsvorgang zu unterscheiden, so leuchtet uns die

Zusammengehörigkeit beider ein, und wir begreifen, dass wir auch bei der

Wahrnehmung und Erinnerung von einer Einsicht sprechen müssen. Sehen wir

unter dieser Voraussetzung ab von der Bedeutung der Zeit, der

Vergangenheit in ihrem Verhältnis zur Gegenwart, die wir nicht kennen,

sehen wir ferner ab von Ausdehnung, Bewegung, Raum, Substanz, die nur die

Erscheinung der Dinge und Vorgänge im Bewusstsein ausmachen können (falls

bei der Erinnerung auch äussere Dinge und Vorgänge, sofern sie

wahrgenommen wurden, in Frage kommen), so kann es keinem Zweifel

unterliegen, dass es Erinnerungen giebt, die in einer Einsicht oder

wirklichen Erkenntnis bestehen. Die ganz klaren und deutlichen sind von

dieser Art. Wer kann leugnen, dass er eine auf Einsicht beruhende

Gewissheit davon hat, heute Morgen aufgestanden zu sein, einen Spaziergang

gemacht zu haben, auf demselben jemand getroffen oder gesprochen zu haben,

von Kummer erfüllt gewesen zu sein beim Tode eines Angehörigen, beim

Verlust eines Vermögens usw.? Sogar darüber, ob unsere Erinnerung ungenau,

lückenhaft, verschwommen ist, können wir unter Umständen eine auf Einsicht

beruhende Gewissheit haben. Ist das Gedächtnisbild von einem früheren

Bewusstseinsvorgang von dieser Beschaffenheit, so werden die mit dem

früheren Bewusstseinsvorgang verbundenen Gefühle auch nur zum Teil in

lückenhafter, verwischter Weise wieder aufleben. Das hat eine Spannung,

ein Unbehagen zur Folge, worin wir etwa den psychologischen

Anknüpfungspunkt für das Einleuchten der Nichtzusammengehörigkeit, (die in

diesem Falle als Nichtangemessenheit bestimmt werden muss) des

Gedächtnisbildes mit dem Bewusstseinsvorgang erblicken können, der die

Einsicht in diese Nichtzusammengehörigkeit folgt.

So sicher es aber auch ist, dass wir Erinnerungen haben, die in Einsichten

bestehen und also wirkliche Erkenntnisse sind, so sind die bei der

Erinnerung gewonnenen Einsichten doch mancherlei Einschränkungen

unterworfen, und wir müssen ihnen gegenüber mancherlei Vorbehalte machen.

Noch mehr ist das der Fall, wenn wir von der Erkenntnis unseres Ich

sprechen. Wie jeder Bewusstseinsvorgang ein Wissen, freilich ein

uneigentliches Wissen von sich selbst hat, das wir seine Bewusstheit

nennen, so hat auch das, was wir unser Ich, unser Selbst nennen, ein

Bewusstsein von sich. Wir haben ein Ich-Bewusstsein, ein

Selbst-Bewusstsein, die Zusammengehörigkeit unsres Ich, unsres Selbst mit

diesem Bewusstsein von sich leuchtet uns unmittelbar ein; davon haben wir

eine Einsicht, eine Erkenntnis, eine unmittelbare Einsicht, die jeden

Zweifel ausschliesst. Wenn Hume behauptet, dass er in sich jederzeit nur

ein Bündel von Vorstellungen findet, so hat er eben vergessen, dass dazu

ein Vorfinder, eben das Ich, erforderlich ist. Aber was ist dieses Ich,

dieses Selbst? Das ist eine andere Frage. Und hier fehlt uns offenbar die

Einsicht oder Erkenntnis. Sicher ist es nicht unser Körper oder einer

seiner Teile, die Augen, die Ohren, die wir, auch abgesehen von ihrer

Erscheinung in unsrem Bewusstsein, unterscheiden müssen, obgleich das Wort

Ich lange Zeit hindurch von unsren Kindern und von vielen Erwachsenen ihr

Leben hindurch nur oder fast nur von ihrem Leibe verstanden wird, also von

dem leiblichen Ich; obgleich ferner das Ich von dem, was dem Leibe,

abgesehen von seiner Erscheinung im Bewusstsein, entspricht, nicht

getrennt werden kann, soll es nicht zu einem blossen Abstraktum werden.

Ohne dieses, dem sinnlich erscheinenden Leib Entsprechende ist ja kein

Bewusstsein denkbar, und ohne Annahme des Bewusstseins können wir auch von

keinem Ich reden. Sicher ist es ferner keine Substanz, die nur zur

Erscheinungsform der körperlichen Dinge gehören kann. Auch mit dem

Selbst-Bewusstsein oder Ich-Bewusstsein, das nur sein Merkmal bildet, kann

das Ich und Selbst nicht verselbigt werden. Es ist der Ausdruck für die

Zusammengehörigkeit der Bewusstseinsvorgänge zu Einem Bewusstsein, aber

doch kein blosses Wort; vielleicht ist es das Band dieser

Zusammengehörigkeit, das sich ebenso zu der Gesamtheit der

Bewusstseinsvorgänge verhält wie der Eine Denkende zum Reich der Wahrheit.

Hier sind wir auf blosse Vermutungen angewiesen, es fehlt uns jede

Einsicht und damit die wirkliche Erkenntnis. Wenn wir urteilen: ich freue

mich, ich bin traurig, ich stelle mir vor, so haben wir zweifellos eine

Einsicht und wirkliche Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit unsrer

Bewusstseinsvorgänge mit dem Ich- oder Selbstbewusstsein, von ihrer

Zugehörigkeit zu unsrem Bewusstsein, diese leuchtet uns unmittelbar ein.

Aber vorbehalten bleibt, was es mit dem Ich und Selbst auf sich hat.

Wir sehen, nicht bloss für die Erkenntnis der Aussenwelt, auch für die

Erkenntnis unsrer eignen Innenwelt giebt es unübersteigliche oder

wenigstens bis jetzt nicht überwundene Schranken; auch hier müssen wir

Vorbehalte machen, wenn wir von Einsicht und wirklicher Erkenntnis reden

wollen. Freilich besteht, was die Erkenntnis der Aussenwelt und die unsrer

eigenen Innenwelt angeht, ein wesentlicher Unterschied. Sehen wir vom Ich

ab, so wissen wir doch, was wir unter Händen haben, wenn wir uns mit den

Bewusstseinsvorgängen beschäftigen; wir kennen ihre Merkmale und können

sie danach von einander unterscheiden, während wir von den Dingen und

Vorgängen der Natur in der That nicht wissen, was sie sind, und sie

lediglich nach ihrer Erscheinung in unsrem Bewusstsein von einander

unterscheiden können. Bei den Bewusstseinsvorgängen fällt natürlich ihre

Erscheinung im Bewusstsein mit ihnen selbst zusammen. Denn diese ihre

Erscheinung im Bewusstsein ist nichts anderes als das mit ihnen verbundene

Wissen von sich selbst, das wir ihre Bewusstheit nennen. Die Reflexion ist

nur eine Wiederholung dieses mit jedem Bewusstseinsvorgange verbundenen

Wissens von sich selbst.

Zweiundzwanzigste Untersuchung.

Weitere Schranken unseres Erkennens.

Eine Schranke unsrer Erkenntnis, der Innen- und Aussenwelt, haben wir

bisher absichtlich unerwähnt gelassen. Wir erkennen das Wesen der Dinge

und Vorgänge der Natur wie der Vorgänge unsres Bewusstseins, ihre

Wahrheit, erst dann, wenn wir ihre Stellung in dem System aller Wahrheit

erfasst haben. Davon sind wir aber mit all den erörterten Einsichten und

Erkenntnissen noch weit entfernt. Wir gewinnen mit ihnen sozusagen nur die

Glieder dieses Systems. Über ihren Zusammenhang innerhalb desselben, auf

den doch alles ankommt, bleiben wir völlig im Dunkeln. Das ist die letzte,

höchste, eine allgemeine Schranke unserer Erkenntnis, die sowohl für die

Erkenntnis der Aussenwelt wie für die Erkenntnis der Innenwelt gilt.

Weitere, näher liegende, ebenfalls allgemeine Schranken unsrer Erkenntnis

bedürfen einer besondren Erörterung.

Wir bezeichnen gewöhnlich als unser Wissen alles das, von dem wir eine

Gewissheit haben. Die Gewissheit verbindet sich aber auch oft genug mit

einem blinden Dafürhalten und ist in diesem Falle ohne vernünftigen Grund.

Wenn wir die zahlreichen Quellen des blinden Dafürhaltens ins Auge fassen,

wenn wir insbesondere erwägen, wie oft unsre Zuneigungen und Abneigungen,

unsre Interessen auf unsre Überzeugungen einen massgebenden und

bestimmenden Einfluss ausüben, wie oft nach dem Sprichwort der Wunsch der

Vater des Gedankens ist, werden wir kaum zweifeln können, dass die Zahl

der auf blindem Dafürhalten beruhenden und darum des Charakters der

Vernünftigkeit entbehrenden Wissensinhalte sehr gross ist und kaum

überschätzt werden kann. Diese Wissensinhalte können natürlich nicht als

Erkenntnisse im eigentlichen Sinne gelten.

Von den Erkenntnissen im eigentlichen Sinne müssen ferner die sogenannten

Kenntnisse, die auf einer blossen Kenntnisnahme, auf einem blossen

Kennenlernen beruhen, sorgfältig unterschieden werden. Sie bilden die

unübersehbar grosse Gruppe der associativen Wissensinhalte, bei denen

ebenfalls in keiner Weise von einer Einsicht die Rede sein kann. Wir haben

Gesichtsempfindungen von den Dingen; mit ihnen zusammen treten die

Gehörsempfindungen oder Gehörsvorstellungen von den auf diese Dinge

angewendeten Worten auf; sie associieren sich mit den ersteren und werden

gelegentlich, wenn sich die Gesichtsempfindungen wiederholen,

reproduziert. Wir sagen dann, das Ding heisst so und so. Das ist natürlich

ein lediglich associatives Wissen, ohne alle Einsicht. Alles Namen- und

Wortwissen in der eigenen und fremden Sprache, alle Benennungsurteile sind

von dieser Art, da die Namen und Worte nur willkürliche Zeichen sind für

das, was sie bedeuten. Nicht bloss mit den Worten steht es so, es ist

vielfach nicht anders mit den Sachen. Wie selten haben wir

verhältnismässig eine Einsicht in den Zusammenhang der Teile, aus denen

wir die Dinge zusammensetzen, der Eigenschaften, die wir ihnen beilegen,

des Geschehens in Natur und Geschichte, wenigstens wenn wir über die

nächsten Zusammenhänge bei diesem Geschehen hinausgehen wollen. Die

Wissenschaft stellt sich die Aufgabe, diese Zusammenhänge darzulegen,

oder, was dasselbe ist, die Gesetze für dieselben zu finden. Aber wie weit

ist sie von der Lösung dieser ihrer Aufgabe entfernt. Sehr oft haben diese

Zusammenhänge für uns nur den Charakter des zufällig Verbundenen oder des

Zusammengeratenen, von dem es nur ein associatives Wissen geben kann, weil

das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit und damit die Einsicht fehlt.

Es ist endlich klar, wenn wir auf Grund einer geringeren oder grösseren

Zahl von Einzelfällen einen allgemeinen Satz aufstellen, wenn wir mit

andren Worten einen Induktionsschluss ziehen, so hat dieser Satz, je nach

der Zahl der Fälle, eine grössere oder geringere Wahrscheinlichkeit, aber

von dieser Wahrscheinlichkeit haben wir doch eine Einsicht, eine wirkliche

Erkenntnis, eine Einsicht in seine Wahrscheinlichkeit.

Dreiundzwanzigste Untersuchung.

Erkenntnis der Innenwelt andrer.

Wir haben gesehen, wie wir zur Erkenntnis unserer eigenen Innenwelt

gelangen und welche Schranken für diese Erkenntnis vorhanden sind. Aber

wie steht es mit unserer Erkenntnis der Innenwelt andrer? Haben wir eine

auf Einsicht beruhende wirkliche Erkenntnis von fremden Bewusstseinen?

Allgemein wird jetzt angenommen, dass diese Erkenntnisse, wenn es

wirkliche Erkenntnisse sind, auf dem Wege des Analogieschlusses zustande

kommen. Mit unsren Bewusstseinsvorgängen sind Ausdrucksbewegungen, z. B.

Lachen und Weinen mit Freude und Trauer, ausserdem Mienen, Gebärden als

Zeichen bestimmter Gefühle, Worte als Zeichen bestimmter Gedanken

verbunden. Nehmen wir diese nun an andren wahr, so schliessen wir, dass

auch bei ihnen die gleichen Bewusstseinsvorgänge vorhanden sein müssen.

Sollte wirklich alle Erkenntnis fremder Bewusstseine auf diesem Wege

zustande kommen? Sollte beispielsweise das Kind die Freude, die Trauer,

den Zorn und Unwillen der Mutter, ihre Liebe, ihren Beifall nur auf diesem

Wege kennen lernen? Ist das Kind, wenn es anfängt in dieser Weise in das

Bewusstsein der Mutter Blicke zu thun, wohl imstande, die mit seinen

Bewusstseinsvorgängen verbundenen Ausdrucksbewegungen, insbesondere seine

mit ihnen verbundenen Mienen, die fast ausschliesslich in Betracht kommen,

genau zu kennen, um sie mit den Mienen der Mutter vergleichen und daraus

bei der Mutter auf ähnliche Bewusstseinsvorgänge schliessen zu können? Das

scheint den Beobachtungen, die wir am Kinde machen können, durchaus zu

widersprechen. Aber auch soweit wir Erwachsene fremde Bewusstseine

erkennen, spielt dieser schwerfällige Analogieschluss, wie die Reflexion

deutlich lehrt, keine Rolle. Unsre Erkenntnis der fremden Bewusstseine

giebt sich uns als eine unmittelbare kund und, wie es scheint, kann sie

auch beim Kinde keine andere sein.

Aber wie ist das möglich? Der blosse Anblick der Bewegung eines andren,

z. B. beim Stossen einer Billardkugel, beim Springen über einen Graben,

erzeugt in uns, wenn nicht die gleiche Bewegung, so doch den Ansatz dazu.

Ähnlich kann man beobachten, dass die Gefühlsäusserungen eine ansteckende

Wirkung ausüben. Begegnen wir finstern Mienen, so verdüstert sich auch

unwillkürlich unsere eigene Miene. Wo alles lacht, müssen auch wir lachen;

wo alles weint, können wir uns des Weinens nicht enthalten, und wenn wir

auch nicht wirklich mitlachen oder mitweinen sollten, so werden wir doch

fröhlich oder traurig gestimmt. So lange wir Kinder sind und noch nicht

gelernt haben, unsren Gefühlsäusserungen Zügel anzulegen, werden wir nicht

bloss fröhlich mit den Fröhlichen und traurig mit den Traurigen; wir

lachen wirklich mit den einen und weinen mit den andren. Das ist die

Regel. Natürlich giebt es Ausnahmen, bei Kindern sowohl als bei

Erwachsenen, wenn sie sehr egoistische, sehr gefühllose Naturen sind. Das

Merkwürdige hierbei ist nur, dass die ansteckende Wirkung nicht bloss bei

den Gefühlsäusserungen stehen bleibt, sondern sofort auch, und wie es

wenigstens bei den Erwachsenen scheint, mit grösserer Sicherheit auf die

Gefühle selbst übergeht. Nehmen wir nun an, dass wir von unsren

Mitmenschen nach ihrer leiblichen Erscheinung bereits eine Erkenntnis

gewonnen haben, ist es dann nicht natürlich, dass wir in diesen uns

aufgedrängten Gefühlen und sonstigen Bewusstseinsvorgängen ihre eigenen

erblicken, dass die Zusammengehörigkeit dieser ihrer Bewusstseinsvorgänge

mit ihrer leiblichen Erscheinung sich uns aufdrängt, uns unmittelbar

einleuchtet und wir so eine unmittelbare Einsicht, eine unmittelbare

wirkliche Erkenntnis von dieser Zusammengehörigkeit und damit von den

fremden Bewusstseinen gewinnen? So erklärt sich denn die allbekannte

Erscheinung von der unwillkürlich in unsren Kindern auftretenden Abneigung

gegen Personen, die Kinder nicht leiden können oder die von schlechter

Gemütsart sind. Das Gefühl der Abneigung gegen Kinder, gegen alle Menschen

überhaupt, teilt sich den Kindern mit, und in diesem Gefühle lesen sie

gleichsam unmittelbar in der Seele des andren und sehen, was in ihr

vorgeht. Ich brauche nicht zu bemerken, dass diese Erscheinung zu den

Erfahrungen gehört, die wir täglich an uns selbst machen können und die

somit als eine allgemein menschliche Erscheinung betrachtet werden muss,

mithin auch für das Leben der Erwachsenen gilt. Die Unmittelbarkeit der

Erkenntnis der fremden Bewusstseine hat im Grunde nichts Auffälliges. Das

Gegenteil ist nur scheinbar natürlicher; der Raum, der uns anscheinend von

dem fremden Bewusstsein trennt, gehört selbstverständlich nur unserer

Vorstellung an. Eine actio in distans, Einwirkung aus der Ferne muss nach

dem jetzigen Stande der Naturwissenschaft sogar für die Körperwelt

angenommen werden, wenigstens so lange, als noch nicht nachgewiesen ist,

dass die Gravitation zu ihrer Wirkung Zeit braucht; bis jetzt gilt diese

Wirkung als eine unzeitliche oder zeitlose. Von der actio in distans der

Körper bis zum immediatum commercium animarum ist nur ein Schritt.

Freilich hat die Erkenntnis anderer, insbesondere ihres Innern, auch ihre

Schranken. Schon Aristoteles und Locke sagen, dass wir nicht wissen

können, ob die Empfindungen etwa von rot und grün, die wir beim Anblick

von Blut und Gras haben, bei andren die gleichen und nicht vielmehr die

umgekehrten sind, so dass ihnen beim Gras die Empfindung gegenwärtig ist,

die wir beim Blut haben, und umgekehrt. Da wir alle von Jugend an gelernt

haben, das Gras grün und das Blut rot zu nennen, so würden natürlich die

sprachlichen Bezeichnungen die gleichen bleiben. Da ferner für unsre

Erkenntnis andrer, so unmittelbar sie ist, doch ihre Gefühlsäusserungen

massgebend sind, so muss natürlich immer vorausgesetzt werden, dass diese

Gefühlsäusserungen natürliche sind und nicht etwa künstlich zum Zweck der

Verstellung oder der schauspielerischen Darstellung hervorgebracht werden.

Pestalozzi betont, dass darüber, ob eine Handlung aus selbstlosen oder

selbstsüchtigen Motiven hervorgeht, ob sie mit andren Worten sittlich oder

unsittlich ist, nur jeder bei sich selbst urteilen kann. Natürlich gilt

das Gleiche auch davon, ob neben dem negativen Moment der Selbstlosigkeit

auch das positive Moment der rückhaltlosen Hingabe an Gott, des

persönlichen Verhältnisses zu ihm, worin das Wesen der Religiosität

besteht, für das Zustandekommen der Handlung bestimmend war. Obgleich sich

das nun nicht bestreiten lässt, so ist doch anderseits auch nicht zu

leugnen, dass wir auf Grund von Erfahrungen, die wir an uns und an andren

machen, andren mehr Vertrauen schenken können und müssen als uns selbst,

andere für ehrlicher, uneigennütziger, hingebender, opferwilliger halten

müssen als uns selbst. In Bezug auf mich selbst bin ich doch eben wegen

meiner Eigenliebe, die zum Selbstbeschönigen und Selbstbetrügen führt,

viel mehr der Täuschung ausgesetzt, als in Bezug auf andere. Abgesehen

davon ist das in Wort und That vorliegende Leben des Einzelnen ebenso

Ausdruck seines Innern wie die Gefühlsäusserungen, und wenn wir hier das

Natürliche, Nichtkünstliche und Nichtverstellte von seinem Gegenteil

unterscheiden können, muss das auch dort gelten. Ist aber dies der Fall,

dann kann sich mit der Erkenntnis der Lebensführung des Einzelnen, wie sie

sich äusserlich kundgiebt, auch die Vorstellung der Sittlichkeit, der

Religiosität verbinden und die Zugehörigkeit dieser innern Vorzüge zu ihr

uns einleuchten, sodass wir nun auch von diesem Leben nach seiner innern

sittlich religiösen Seite eine Einsicht und wirkliche Erkenntnis haben

können. Oft macht das Leben eines Menschen auf uns einen so

überwältigenden Eindruck, dass wir bezüglich der Lauterkeit und Reinheit

seiner Gesinnung eine durch nichts zu erschütternde Überzeugung gewinnen

und uns sagen müssen und wirklich sagen, dass, wenn hier keine Einsicht

vorhanden ist, es überhaupt keine Einsicht giebt. Es ist merkwürdig, dass

die solchen seltenen Menschen Nahestehenden und mit ihnen Umgehenden trotz

der entgegengesetzten Erfahrung, die sie an sich selbst und an andren

machen, in diesem ihre Einsicht betreffenden Urteil übereinstimmen, auch

wenn der sogenannte Verehrungssinn in ihnen wenig oder gar nicht

entwickelt ist. Natürlich sind wir bei dieser auf Einsicht

zurückzuführenden Erkenntnis des Innern andrer auch auf ihre Worte als

ungewollte und unbeabsichtigte Selbstbeurteilungen angewiesen, also auch

auf die Mitteilungen andrer. Ob und inwiefern wir bezüglich der

Mitteilungen andrer auch von wirklichen Erkenntnissen oder Einsichten

reden können, darüber bedarf es einer besondren Untersuchung, der wir den

Titel Geschichtliche Erkenntnisse geben, da die geschichtlichen

Mitteilungen unter den Mitteilungen andrer die erste Stelle einnehmen.

Vierundzwanzigste Untersuchung.

Geschichtliche Erkenntnisse.

Den Mitteilungen andrer gegenüber sind wir gewohnt, von einem Dafürhalten

zu reden, das wir mit dem geringschätzigen Namen Glauben bezeichnen und

insofern dem Wissen als etwas Minderwertiges gegenüberstellen. Wir

vergessen dabei gewöhnlich, dass unser ganzes Gerichtsverfahren, auch wenn

es sich bei ihm um Leben und Tod handelt, auf Zeugenaussagen, also auf

einem Glauben in diesem Sinne beruht, und dass das Leben in der Familie,

in der Gesellschaft, im Staate, jeder Verkehr mit unsresgleichen ohne ihn

unmöglich würde. Sicher ist, dass blosse Mitteilungen an sich genommen

keine Einsichten sind, wenigstens nicht für diejenigen, denen die

Mitteilungen gemacht werden. Mitgeteilte Urteile sind zunächst noch keine

von uns gefällten Urteile, bei denen die Zugehörigkeit des Prädikates zum

Subjekt uns einleuchtet. Aber wir haben gesehen, wie unübersehbar gross

die Wissensinhalte sind, die wir uns selbst verdanken und bei denen

ebenfalls von einem solchen Einleuchten keine Rede sein kann. Wir

bezeichneten diese Wissensinhalte als Kenntnisse und unterschieden sie von

den Erkenntnissen. Mit diesen Kenntnissen stehen die Mitteilungen zunächst

auf einer Stufe. Aber ebenso wie die blossen Kenntnisse können auch sie

unter Umständen zu Einsichten oder Erkenntnissen erhoben werden. Es ist

also insofern kein Grund vorhanden, sie den Wissensinhalten gegenüber, die

wir uns selbst verdanken und die blosse Kenntnisse sind, für minderwertig

zu halten.

Sicher ist ferner, dass wir bezüglich der mitgeteilten Urteile sehr häufig

nicht zu einer unmittelbaren Einsicht in die Zusammengehörigkeit des

Prädikats mit dem Subjekte gelangen können, uns vielmehr mit der Einsicht,

dass der Mitteilende die Wahrheit sagen kann und sagen will, begnügen

müssen, und dass wir erst hieraus auf die Zusammengehörigkeit des

Prädikats mit dem Subjekte schliessen können. Aber auch von den

Wissensinhalten, die wir uns selbst verdanken und die zunächst blosse

Kenntnisse sind, gilt, dass wir sehr oft nur eine mittelbare Einsicht von

ihnen gewinnen und sie nur durch diese mittelbare Einsicht zu eigentlichen

Erkenntnissen erheben können. Wenn wir eine wirkliche Einsicht gewinnen,

ist es in der That nicht von Bedeutung, ob dieselbe mittelbar oder

unmittelbar ist, ebenso wenig, ob sie eine äussere ist, vermittelt durch

Einsicht in die Fähigkeiten und Gesinnungen der Mitteilenden, oder eine

innere, vermittelt durch Einsicht in Sätze, die von selbst einleuchten.

Auch die äussere mittelbare Einsicht führt in letzter Instanz auf Sätze

zurück, die durch sich selbst einleuchtend sind. Ich möchte deshalb

vorschlagen, die im Deutschen (im Englischen hat sowohl believe

dafürhalten, als faith Glauben im religiösen Sinne eine ganz andere

Bedeutung) übliche Unterscheidung des Glaubens von dem Wissen fallen zu

lassen und an ihre Stelle die andere von Wissensinhalten, die wir uns

selbst und die wir andren verdanken, zu setzen. Es ist dies die bei den

Engländern übliche Unterscheidung zwischen Kenntnissen erster und zweiter

Hand. Das Wort Glaube bleibt besser wie das englische faith auf seine

religiöse Bedeutung beschränkt.

Überblicken wir nun einmal das unermesslich grosse Gebiet der

Wissensinhalte, die wir andren verdanken, oder der Kenntnisse zweiter

Hand, gegenüber der kleinen Zahl von Wissensinhalten, die wir uns selbst

verdanken, oder der Kenntnisse erster Hand, und erwägen wir die

Konsequenzen, zu denen es führt, wenn wir die erstren als minderwertig

gegenüber den letztren betrachten wollen! Man bedenke, die ganze

Geschichte, die Geographie fremder Länder und Völker, die wir nicht selbst

gesehen, die Reisebeschreibungen und Naturbeschreibungen von Gegenständen

und Dingen, die wir nicht selbst erforschten, die Geschichte der

Wissenschaften, auch die Lehren der Biologie, Chemie und Physik, selbst

der Mathematik, die wir nicht nachgeprüft haben -- und welcher Fachmann

wäre im Stande, alles vor ihm Erforschte nachzuprüfen? -- alles das sind

Kenntnisse zweiter Hand, deren Wahrheit wir nur mittelbar erkennen, sofern

wir auf sie aus der Einsicht, dass die uns diese Kenntnisse Mitteilenden

die Wahrheit wussten und auch sagen wollten, schliessen. Können wir diese

sämtlichen Wissensinhalte, weil wir sie der Mitteilung andrer verdanken,

für minderwertiger halten als die geringe Zahl der durch eigene Thätigkeit

gewonnenen Wissensinhalte, die doch grösstenteils auch nur Kenntnisse sind

und insofern mit ihnen auf einer Stufe stehen? Oder doch für

minderwertiger als diejenigen unter ihnen, welche eigentliche Erkenntnisse

sind, insbesondere als die Begriffsurteile der Arithmetik, der Logik, der

Metaphysik und die diesen Begriffsurteilen sich nähernden, freilich nicht

ohne Vorbehalt als Erkenntnisse zu betrachtenden allgemeinen Lehrsätze der

Geometrie, Astronomie, Physik, Mechanik? Wegen der allgemeinen

Anwendbarkeit der Begriffsurteile und dieser sich ihnen nähernden

Lehrsätze ist ihr Nutzen für den Aufbau der Wissenschaften nicht hoch

genug anzuschlagen, und insofern mögen sie höherwertig sein als die

einfachen Thatsachenurteile. Aber der Erkenntniswert der Begriffsurteile

ist offenbar nicht grösser als der der Thatsachenurteile. Hier wie dort

besteht er in dem Einleuchten der Zusammengehörigkeit und der Einsicht in

dieselbe, was beides bei Thatsachen ebensowohl vorhanden sein kann als bei

Begriffen. Ausserdem hat die Wahrheit der Thatsachenurteile ebenso einen

überzeitlichen Charakter wie die Wahrheit der Begriffsurteile. Die meisten

der auf Mitteilung beruhenden Urteile, ausser denen, die zu den

erklärenden Naturwissenschaften und zur Mathematik gehören, sind solche

Thatsachenurteile; die geschichtlichen Wissenschaften bestehen fast

lediglich aus ihnen.

Es ist wichtig zu beachten, dass den geschichtlichen Thatsachen, die wir

sämtlich der Mitteilung andrer verdanken, kein geringerer, im Gegenteil

sicher ein höherer Erkenntniswert zukommt als, ganz allgemein gesprochen,

den Wissensinhalten der Naturwissenschaften, von denen wir viele durch

unsere eigene Beobachtung gewinnen und die wir, wenn sie durch Beobachtung

andrer gewonnen wurden, nachprüfen können, die ferner wegen ihrer

grösseren Einfachheit eher die Herstellung gesetzlicher, den

Begriffsurteilen sich nähernder Zusammenhänge ermöglichen. Wir haben

gesehen, dass sich uns die Natur als eine gebrochene Einheit, nicht als

eine wahre Vielheit darstellt; damit hängt zusammen, dass das Einzelne in

der Natur nur als Beispiel einer Gattung und Art und nicht als solches

Bedeutung hat. Den Botaniker interessiert dieses bestimmte Exemplar einer

viola tricolor nur als Beispiel der Art. Ganz anders in der Geschichte.

Die geschichtlichen Personen bilden eine wirkliche Vielheit. Jede einzelne

hat ihren Wert, ist sozusagen eine Gattung, eine Art für sich. Eben darum

stellen die geschichtlichen Thatsachen dem Erkennen eine viel schwerer zu

bewältigende Aufgabe als die Naturthatsachen; sie bieten dem Erkennen zu

gleicher Zeit aber auch einen Reichtum und eine Lebensfülle, hinter der

die reichste und lebensvollste Ausstattung der Naturgestalten

zurückbleibt. Die Geschichte ist die Quelle von Gedanken, welche uns der

Lösung des Rätsels des Weltgeschehens näher bringen, während die Natur

unsren Fragen gegenüber verstummt. Von dem Körperlichen, dem eigentlichen

Gegenstande der Naturwissenschaft, wissen wir strenggenommen nicht, was es

ist; von den Triebfedern und Beweggründen menschlicher Handlungen, die

sich uns als die Hebel der geschichtlichen Entwicklung darstellen, haben

wir eine eigentliche, in einer Einsicht bestehende Erkenntnis. Ausserdem

ist das Körperliche sicher dem für die Geschichte massgebenden und

bestimmenden Geistigen untergeordnet und hat in ihm seinen Zweck. Was

haben beispielsweise die freilich bloss hypothetisch angenommenen

Ätherschwingungen und die wirklich zu konstatierenden Luftschwingungen

sonst für einen Zweck, als in unserem Bewusstsein die Farben und die Töne

zu erzeugen und damit den Künsten der Malerei und Musik zur Geburt zu

verhelfen? Es giebt einen der Natur innewohnenden Zweckzusammenhang, der

in der Ermöglichung und Herausbildung des Bewusstseins, vor allem des

menschlichen Bewusstseins, seine Spitze hat und in ihm, wie es scheint,

seinen Abschluss findet. Es scheint nicht richtig, die Natur als Gegensatz

zum Geiste zu betrachten; vielmehr stellt sie sich uns dar als eine

Stufenleiter zum Geiste, der uns nicht bloss in unsrem Bewusstsein sondern

mehr noch in der Geschichte offenbar wird. Man könnte sagen, die Natur

oder Körperwelt sei für uns, die wir allein das Bewusstsein seiner

Beschaffenheit nach kennen, das Nichtbewusstsein, also Gegensatz des

Bewusstseins. Allein das ist nur ein andrer Ausdruck für unser

Nichtwissen. Eher kann man sagen, das Niedere sei um des Höheren willen,

also in letzter Instanz alles für das Bewusstsein da. Herausbildung des

Nervensystems als Bedingung der Empfindung, des Bewegungssystems als

Werkzeug des Willens -- das scheint der ganze Zweck des tierischen und

menschlichen Körpers zu sein. Wofür wäre die Farbenpracht, der

Formenreichtum der Pflanzenwelt, wenn nicht für das sehende Auge?

Oder soll etwa das Bewusstsein seinen Zweck in der Natur haben und ihr als

Mittel dienen? Allein die Natur geht die Jahrtausende hindurch ihren

unabänderlichen Gang nach ehernen Gesetzen, die das Bewusstsein entdecken

und dann sich dienstbar machen, aber nicht im geringsten ändern kann. Das

Antlitz des Weltalls und der Erde bleibt das gleiche Jahrtausende

hindurch, ohne von dem Bewusstsein einen ändernden Einfluss zu erfahren.

Die Benutzung der Naturgesetze zu seinen, nämlich des Menschen Zwecken,

das sich Dienstbarmachen und Beherrschen der Natur, das Zwingen derselben

zum Gehorsam im Experiment kraft dieser Gesetze ist ferner unerklärbar,

wenn das Bewusstsein der Natur wie das Mittel dem Zweck untergeordnet oder

um der Natur willen vorhanden wäre.

Es bleibt noch eine dritte Möglichkeit, nämlich mit der mechanischen

Naturauffassung den Zweckbegriff ganz zu eliminieren. Allein die Anhänger

dieser Auffassung können der Entwicklungshypothese nicht entbehren und

führen mit ihr gleichsam durch eine Hinterthür den Zweckbegriff wieder in

die Wissenschaft ein. Die Entwicklungshypothese verlegt die

Zielstrebigkeit, die Aristoteles zur Ermöglichung der Selbstentfaltung und

Selbstentwicklung für jedes einzelne Naturding in Anspruch nahm, in das

Ganze der Natur. Das Niedere ist nach ihr dem Höheren untergeordnet und

dient ihm als Mittel zum Zwecke. Man sucht freilich die Zweckmässigkeit

mechanisch zu erklären. Nur was seiner Umgebung angepasst und für den

Verkehr mit ihr eingerichtet ist, soll daseinsberechtigt und lebensfähig

sein. Woher kommt die Anpassung und Einrichtung? Es passt sich selbst an,

richtet sich selbst ein; vermöge seines Selbsterhaltungstriebes kommt es

zur Selbstentfaltung und Selbstentwicklung. Das ist eben das, was

Aristoteles Zielstrebigkeit nennt. Man sagt, das Stärkere erhält sich,

weil es besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet ist. Aber das gilt

nicht eigentlich vom Stärkeren, sondern vom feiner Organisierten, vom

Empfänglicheren, Reizbareren, also von dem Vollkommneren. Dieses ist das

Stärkere. Mit andren Worten, die Entwicklung zum Vollkommneren, die

Zielstrebigkeit setzt sich durch, hält sich aufrecht. Der Geruchssinn des

Parfumeriefabrikanten, der Geschmackssinn des Gourmands, der Gehörssinn

des Musikdirigenten, der Gesichtssinn des Mikroskopikers wird durch die

infolge der Übung und Gewöhnung wiederholt auftretenden und einander

weckenden Empfindungen feiner, zarter, für Unterschiede empfänglicher,

keineswegs aber gröber, stärker. Wäre das letztere der Fall, dann liesse

sich durch Summierung der wiederauflebenden Empfindungen alles sehr leicht

erklären, rein mechanisch; alle Vervollkommnung wäre nur ein

Stärkerwerden. Aber es ist anders in der Natur; man kann von einem

aristokratischen Prinzip als dem herrschenden, in letzter Instanz

ausschlaggebenden reden. Das Bessere, das Vollkommnere gewinnt im

Allgemeinen den Sieg, das Stärkere nur ausnahmsweise. Dem gegenüber

versagt die mechanische Erklärung. Dass sich das Bessere, Vollkommnere

durchsetzt und erhält, scheint ohne Zielstrebigkeit nicht erklärt werden

zu können.

Die fortschreitende Entwicklung der Natur ist nicht zu leugnen. Sie

vollzieht sich durch Zusammenfassung des Nebeneinanderliegenden,

Getrennten zur Einheit, durch Bildung kleinerer Ganzen, z. B. der

Himmelskörper im Weltenraum, der Krystalle, Pflanzen, Tiere auf der Erde,

und innerhalb dieser letztern durch Herstellung von Mittelpunkten zuerst

und dann von Systemen, die das kleine Ganze beherrschen: Ernährungs-,

Nerven-, Bewegungssystem. Aber wie langsam geht diese Entwicklung vor

sich, ihr Alter zählt nach Jahrmilliarden! Die eigentliche Stätte

unablässiger, augenscheinlicher, fortschreitender Entwicklung ist die

Geschichte. Insofern kann man sie als die an Intensität freilich alles

Vorausgehende hinter sich lassende Fortsetzung der Natur bezeichnen. Auch

in ihr handelt es sich um Herausbildung von Einheiten; aber diese

Einheiten sind nicht Zusammenfassungen neben- und aussereinanderliegender

Teile, sondern Einheiten, die in einem Bewusstsein von sich selbst, an dem

alle ihre Glieder teilnehmen, bestehen: Volk, Staat, Gesellschaft, Nation.

Einheiten ferner im strengen Sinne, nämlich geistige Einheiten,

Persönlichkeiten, welche die eigentlichen Träger der geschichtlichen

Entwicklung bilden. Sie sind Träger von Ideen, welche die Massen bewegen.

Darin liegt ihre Bedeutung. Die Geschichte bewährt sich gerade durch diese

in ihr hervortretenden, in den Persönlichkeiten verkörperten Ideen als

fortschreitende Entwicklung. Die Frage, ob es einen Fortschritt in der

Geschichte giebt, sollte darum von rechtswegen gar nicht gestellt werden.

Für die Wissenschaft und Religion hat man ihn nicht leugnen können;

zeitweilige Rückschritte sind nur Anläufe zu kräftiger Erhebung. Man wird

hienach nicht bestreiten können, dass die Geschichte einen viel

bedeutsameren und gehaltreicheren Erkenntnisgegenstand ausmacht als die

Natur. Es giebt ohne Zweifel in der fortschreitenden Entwicklung der Natur

etwas Neues, das aus den vorausgehenden Faktoren nicht erklärt werden

kann, -- das Organische gegenüber dem Unorganischen ist, wie das Tier

gegenüber der Pflanze, ein solches Neues -- wenn man nicht etwa den Satz

ex nihilo fit nihil zu leugnen versucht. Das gilt in noch viel höherem

Grade von der Geschichte. Hier ist das Neue an das Individuum gebunden,

und die Bedeutung des Individuums bedingt und bestimmt den geschichtlichen

Fortschritt.

Fünfundzwanzigste Untersuchung.

Künstlerische und wissenschaftliche Inspiration.

Es giebt eine alte Unterscheidung von drei Erkenntnisquellen: Erfahrung,

Vernunft und Offenbarung. Man begegnet ihr heute nicht mehr. Sie gilt für

veraltet. Indes hat sie doch ihr gutes Recht. Die Redeweise: es war mir

oder kam über mich wie eine Offenbarung, wird nicht selten gebraucht, und

viele werden gestehen müssen, dass sie so etwas wirklich erlebt haben. Man

spricht allgemein von einer künstlerischen Inspiration. Die schöpferische

Einbildungskraft ist etwas andres. Worin liegt der Unterschied? Was ist

unter dieser Inspiration, Eingebung, die als Offenbarung bezeichnet werden

muss, zu verstehen?

Es bedarf eines Blickes des Geistes, um das Wesentliche von dem

Unwesentlichen in den Dingen unterscheiden, um die Merkmale ihres

Begriffes auffinden und entdecken zu können. Nicht jeder verfügt über

diesen Blick. Viele bleiben an dem Äusserlichen und Nebensächlichen mit

ihrem Denken haften. Wir sagen dann, sie können nicht denken. Wie sie des

eigentümlichen Erlebnisses, das wir als Einsicht bezeichnen, ermangeln und

sich kaum über die Stufe des bloss associativen Wissens erheben, so fehlt

ihnen auch der Blick des Geistes, durch den allein das Wesentliche erfasst

werden kann. Eines solchen Blickes bedarf es nun auch, um den Gedanken zu

erfassen, der in einem Kunstwerke ausgedrückt ist. Aber für den Künstler

selbst, der den Gedanken in dem Stoffe verwirklicht, genügt dieser Blick

nicht. Ihm muss der Gedanke _gegeben_ werden. Und das geschieht eben durch

die Eingebung oder Inspiration. Sie ist, wie ersichtlich, von dem Blicke

des Geistes, durch den wir das Wesen, den Kern der Sache erfassen,

verschieden. Dieser Blick orientiert sich an der äussern Erscheinung des

Wesens, er ist durch sie bedingt und wird durch sie bestimmt, obgleich er

sozusagen durch sie hindurchdringt und über sie hinausgeht. Die

Inspiration oder Eingebung hingegen ist ein objektiver Zustand, der ohne

unser Zuthun zustande kommt, dem gegenüber wir uns leidend verhalten. Sie

setzt natürlich in uns eine Empfänglichkeit voraus, die mannigfach

vermittelt ist; ihre Auffassung hängt darum von einer bestimmten

Entwicklung des Bewusstseins ab. Man kann die Inspiration mit dem

Einleuchten der Zusammengehörigkeit vergleichen und muss dann die

Auffassung der Inspiration mit der Einsicht zusammenstellen. Auch bei der

Eingebung handelt es sich um Zusammenhänge, um Zusammengehörigkeiten,

freilich andrer, höherer Art als bei dem Einleuchten, wie sie

beispielsweise das Motto der Goetheschen Iphigenie darstellt: Alles

irdische Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit. In der schaffenden

Thätigkeit des Künstlers nun spielt vor allem die Inspiration oder

Eingebung eine Rolle, sie macht sich die Phantasie des Künstlers dienstbar

und lässt sie an seiner Schöpferkraft teilnehmen. Die so schöpferisch

gewordene Phantasie schaltet und waltet mit ihrem sinnlichen Stoff gemäss

der Eingebung, ihn formend und gestaltend.

Natürlich sagen wir nicht, dass alle Ideen, die unsren Kunstwerken

zugrunde liegen oder die in ihnen verkörpert sind, auf einer Eingebung

beruhen. Oft ist das Kunstwerk ja nur eine Darstellung des in Erfahrung

und Geschichte Gegebenen, freilich so, wie es sich im Geiste des Künstlers

spiegelt, wie es seiner Auffassung entspricht. Diese Spiegelung oder

Auffassung hängt natürlich, wie die Auswahl der darzustellenden

Gegenstände, von der Individualität des Künstlers ab. Man wird

demgegenüber schwerlich von einer auf Eingebung beruhenden Idee reden

können, wenn man nicht etwa für diese Individualität, wie überhaupt für

die Bedeutung des Individuums in der Geschichte etwas der Eingebung

Analoges in Anspruch nehmen will, das nicht bloss Gedanken im menschlichen

Bewusstsein sondern Wirklichkeiten erzeugt. Abgesehen davon wird man nicht

leugnen können, dass vielen Kunstwerken, insbesondere Werken der redenden

Kunst, Ideen zugrunde liegen, die auf einer Eingebung beruhen, die mit

andren Worten aus dem in Erfahrung und Geschichte Gegebenen nicht erklärt

werden können. Das Motto der Goetheschen Iphigenie ist unzweifelhaft eine

solche Idee, wenn auch für Goethe diese Idee keine eigentliche Eingebung

war, sondern dem reichen Schatze der Eingebungen entnommen wurde, die in

der christlichen Religion gegeben sind und deren Mittelpunkt eben diese

Idee bildet.

Können wir auch von einer wissenschaftlichen Inspiration reden? Ohne

Zweifel müssen wir es! Wird das Forschungsergebnis, zu dem man nur mühsam

durch langwierige Arbeit gelangt, nicht meistens schon mit

vorausschauendem Blicke vorweggenommen, und ist nicht dieser

vorausschauende, das Ergebnis vorwegnehmende Blick der Ansporn, der uns

zur Forschungsarbeit drängt, und das Licht, das uns hierbei leitet? Alle

grossen wissenschaftlichen Entdeckungen, wie alle Entdeckungen überhaupt,

scheinen so auf ursprünglichen Intuitionen zu beruhen, die vielfach

Eingebungen sind. Das Ergebnis wird oft erst auf sehr verwickelten und

verschlungenen Wegen gewonnen, und doch steht es uns von Anfang an

deutlich vor der Seele. Wie ist das zu erklären, wenn das Ergebnis nicht

eine Eingebung, Inspiration ist? Wir sprechen davon, dass uns Gedanken

einfallen, wodurch der Fortschritt im Denken vielfach bedingt ist. Oft

sind das freilich nur Reminiscenzen aus der Lektüre, aus den Gesprächen

mit andren, oft nur mehr oder minder berechtigte Verallgemeinerungen, oft

blosse Associationen. Aber wir wissen auch, dass das keineswegs immer der

Fall ist. Nicht selten tritt uns ein Gedanke, der gleichsam aus der

verborgenen Tiefe unsres Innern auftaucht, als etwas durchaus Neues

entgegen, für das wir in unsrem bisherigen Geistesleben vergebens nach

Anknüpfungspunkten suchen. Solche Gedanken werden wir doch Eingebungen

nennen müssen. Das Ergreifen, Erfassen derselben im Bewusstsein ist von

dem Blicke für das Wesentliche, der durch die Erscheinung der Dinge und

Vorgänge im Bewusstsein bedingt und bestimmt ist, verschieden. Solche

Gedanken drängen sich uns auf, werden uns so aufgenötigt, wie wir von den

Empfindungen sagen, dass sie uns aufgedrängt, aufgenötigt werden. Von

unsrem Bewusstsein scheinen sie nicht hervorgerufen oder erzeugt zu

werden; aus ihm scheinen sie nicht hervorzugehen oder zu entstehen,

vielleicht aus den uns selbst verborgenen Tiefen unseres Wesens. Durch

dieses Sichaufdrängen und Sichaufnötigen, das die auf Eingebung beruhenden

Gedanken mit den Empfindungen gemein haben, unterscheiden sie sich

insbesondere von dem Wesentlichen, das wir durch einen einfachen Blick des

Geistes erfassen, bei dem von einer innren Nötigung, einem innren Zwange

nichts zu verspüren ist.

Natürlich bilden auch die eingegebenen Gedanken Zusammenhänge,

Zusammengehörigkeiten, sie treten in der Form von Urteilen auf; aber das

Einleuchten dieser Zusammengehörigkeit und das mit ihr verbundene

Einsehen, der Blick für das Wesentliche verbindet sich nicht ohne weiteres

mit den eingegebenen Gedanken, ist auch grundverschieden von dem

Sichaufdrängen, das die eingegebenen Gedanken wie die Empfindungen

charakterisiert. Wie bei dem Blicke des Geistes für das Wesentliche, so

ist auch bei dem ihm folgenden Einleuchten und Einsehen der

Zusammengehörigkeit von irgendwelcher Nötigung, irgendwelchem Zwange

nichts zu entdecken. Die auf Eingebung beruhenden Gedanken stellen sich

meistens dann ein, wenn der Blick für das Wesentliche versagt, sodass ihr

Aufleuchten gleichsam einen Ersatz, eine Ergänzung für diesen Blick

bildet. Wir kennen das Wesen des Körperlichen nicht, können es vielmehr

nur nach seiner Erscheinung in unsrem Bewusstsein charakterisieren und

näher bestimmen. Wenn man das Körperliche für den Gegensatz des Geistigen

erklärt, so geschieht das auf Grund einer Eingebung in unsrem Sinne; der

Erfahrung folgend würde es eher als eine Stufenleiter zum Geistigen hin

betrachtet werden müssen. Aber auch diese Betrachtung findet in der

Erfahrung keine ausreichende Stütze und muss insofern ebenfalls als

Eingebung bezeichnet werden. Natürlich sind solche Eingebungen keine

Erkenntnisse; es kommt darauf an, sie zu verifizieren. Die

wissenschaftliche Arbeit hat in ihnen wohl einen Ansporn und ein Licht,

aber sie beginnt erst mit der Eingebung und muss so lange fortgesetzt

werden, bis die Zusammengehörigkeit der Eingebung mit dem Wirklichen

einleuchtet und eingesehen wird. Dann erst wird die Eingebung zur

Erkenntnis.

Der Ausdruck Eingebung ist insofern ein vorläufiger. Zu einer wirklichen,

von der Einbildung sich unterscheidenden Eingebung wird ein Gedanke erst

dadurch, dass wir ihn zu einer wirklichen Erkenntnis erheben. Von den

beiden Gedanken über das Wesen des Körperlichen, die wir erwähnten,

scheint sicher zu sein, dass sie zu wirklichen Erkenntnissen nicht erhoben

werden können. Nach dem ersteren Gedanken, der die Natur als Gegensatz zum

Bewusstsein fasst, müsste man die Natur etwa als Schranke des

Bewusstseins, als symbolischen Ausdruck seiner Endlichkeit auffassen, dem

sich dann die scheinbar unendliche Ausdehnung der Natur im Raume als

symbolischer Ausdruck ihrer vorgeblichen Unendlichkeit zur Seite stellt.

Nach dem letzteren Gedanken müsste man etwa annehmen, dass die Natur in

einer stufenweisen Entwicklung allmählich zu einem geistigen Dasein

verklärt würde, wie es die Anschauung des neuen Testamentes ist oder zu

sein scheint. Aber was in beiden Fällen die Wirklichkeit der Natur

eigentlich sein soll, bleibt völlig dunkel.

Wenn wir an dem wirklichen Bestehen von Eingebungen nicht zweifeln können,

so fragt es sich, woher sie kommen. Wir haben gesehen, dass das Wesen der

Dinge in ihrer Wahrheit besteht und dass sie nur dadurch, dass sie wahr

sind, wirklich sein können. Ihre Wahrheit ist Bedingung ihrer Wirklichkeit

und ihr gegenüber das Massgebende und Entscheidende. Alle Dinge hängen so

mit dem Reiche der Wahrheit, mit dem System der Wahrheit zusammen -- eine

einzelne Wahrheit giebt es streng genommen nicht -- sind von ihm

durchdrungen oder in dasselbe eingegliedert. Das gilt natürlich auch von

unsrem Bewusstsein, von unsrem Erkennen und allen dasselbe vorbereitenden

Vorgängen. Sie sind aufs engste mit dem Reiche oder System der Wahrheit

verbunden, und aus dieser Verbindung erklärt es sich, dass scheinbar

unvermittelt in uns Gedanken auftreten oder, wie wir gewöhnlich sagen, uns

eingegeben werden.

Es giebt sicher zwei Erkenntnisquellen, das Wort im weitesten Sinne

genommen: nicht Quellen, aus denen wir die Erkenntnisse schöpfen, sondern

Ausgangspunkte, zwei verschiedene Ausgangspunkte für unser Erkennen, die

dasselbe bedingen und seinem Inhalte nach bestimmen. Das sind einerseits

die Empfindungen als Erkenntnismittel der Aussenwelt und die

Bewusstseinsvorgänge als Erkenntnismittel der Innenwelt, beide zusammen

das ausmachend, was wir als Erfahrung bezeichnen können, wenn wir darunter

eben den Ausgangspunkt für das Erkennen verstehen. Diesen stehen

anderseits die Eingebungen gegenüber. Die Erkenntnis ist natürlich von

beiden verschieden. Sie ist Sache des Denkens, der Vernunft, und besteht

weder in einer blossen Umformung der Empfindungen, wie Condillac und die

Sensualisten meinen, noch in einer blossen Umformung der

Bewusstseinsvorgänge. Dass uns die Eingebungen, die nur dem

hochentwickelten Bewusstsein zuteilwerden können, in den an die Erfahrung

sich anschliessenden Formen des Denkens gegeben werden, hindert natürlich

nicht, sie als Ausgangspunkt für das Erkennen in dem erörterten Sinne zu

betrachten.

Sechsundzwanzigste Untersuchung.

Religiöse Erkenntnisse.

Nimmt man an, dass es künstlerische und wissenschaftliche Inspirationen

giebt, so wird man auch den religiösen Inspirationen seine Anerkennung

nicht versagen können. Die Religion ist, ganz allgemein gefasst, das

Bewusstsein von der Verbindung des Menschen mit Gott und ein auf Grund

dieses Bewusstseins eingeleiteter Verkehr des Menschen mit Gott, der in

der rückhaltlosen Hingabe des Willens, der Person, des ganzen Wesens an

Gott seinen Grund hat und in einer persönlichen Beziehung zu Gott besteht.

Wird nun unter Gott, wie es in der Religion der Fall ist, das über der

Welt der Erscheinungen erhabene Wesen verstanden, in dem alles wirkliche

Sein und alle Wahrheit ihren Grund hat, so ist begreiflich, dass gerade

auf religiösem Gebiete die Inspirationen die grösste Rolle spielen. Sie

sind von der Religion ihrem wahren Wesen nach unabtrennbar. Das kann man

nur leugnen, wenn man dieses Wesen völlig verkennt oder in sein Gegenteil

verkehrt. In allen weltbewegenden Religionen treten Seher, Propheten auf,

die sich solcher von Gott empfangener Inspirationen rühmen. Sofern sie

eine neue religiöse Bewegung herbeiführen, nennen wir sie Gründer, Stifter

der Religionen oder Verbesserer, Reformatoren. Der Inhalt ihrer

Inspirationen sind keineswegs, nicht einmal grösstenteils, Zukunftsbilder,

sondern die ganze Natur und Menschenwelt umspannende Gedanken, die über

das eigentliche Wesen und die Wahrheit der Dinge, d. h. über ihre Stellung

und Bedeutung für die Gesamtheit des Wirklichen oder im System der

Wahrheit Licht verbreiten. Sie haben deshalb zu allen Zeiten das lebhafte

Interesse des Philosophen geweckt, dem es um die Erkenntnis des Wesens und

der Wahrheit der Dinge zu thun ist.

Allerdings sind diese Gedanken in erster Linie praktischer Natur, denn die

Religion ist zunächst eine praktische, das Gefühl und den Willen angehende

Angelegenheit. Aber sie schliessen die umfassendsten und bestimmtesten

theoretischen Voraussetzungen ein, ohne die sie Halt und Bestand verlieren

und bei deren Veränderung sie selbst völlig verändert werden. Und diese

theoretischen Voraussetzungen sind nicht etwa darum wahr, weil sie sich

praktisch für das Gefühl und den Willen bewähren. Der Wert der Praxis

liegt gerade darin, dass diese Voraussetzungen wahr sind. Wie alles in der

Welt, so erhält auch sie ihren Wert nur durch die Wahrheit, die sie

natürlich nicht verbürgen und garantieren kann. Es ist eine den

Religionsbegriff verflachende und entleerende Auffassung, wenn man

erklärt, die Religion bestehe in blossen Gefühlen, und wenn man sie in

diesem Sinne mit Gesinnungen verselbigt. Als ob Gesinnungen ohne

theoretische Grundlagen denkbar wären! Gewiss, das Wesen der Religion, ihr

Herz und ihre Seele besteht nicht in theoretischen Anschauungen, nicht in

Lehren, sondern in der persönlichen Hingabe der Menschen an Gott, in dem

Opfer seiner selbst. Aber wie verschieden ist doch die stoische Hingabe an

den Weltlauf, die auch von den Stoikern als Gehorsam gegen Gott bezeichnet

wird, und die christliche Ergebung in den Willen Gottes! Worin liegt die

Verschiedenheit? Nun darin, weil die diesen Gesinnungen zugrunde liegende

Lehre eine andere ist. Heilswahrheiten sind nicht wahr, weil sie uns Heil

bringen, sondern weil sie wahr sind, deshalb bringen sie uns Heil. Der

Glaube als rückhaltlose Hingabe an Gott setzt die Erkenntnis Gottes als

der rückhaltlosen Hingabe an uns voraus. Er soll den Frieden des Innern

und die Kraft zum sittlichen Handeln bringen. Aber man kann nicht auf

Probe glauben, abgesehen davon, dass das keine rückhaltlose Hingabe wäre.

Mit andren Worten: die Erkenntnis, auf der der Glaube beruht und die uns

seine Wirkung verbürgt, ist nicht um dieser Wirkung willen wahr, und der

diese Erkenntnisse einschliessende Glaube erhält nicht durch diese seine

Wirkung seine Wahrheit. Dass der Glaube seine Wahrheit nicht erhält durch

seine Wirkungen, geht schon daraus hervor, dass die Wirkungen rein

psychologisch auch eintreten, wenn der Glaube falsch ist, d. h. wenn die

in ihm enthaltene Annahme, also das intellektuelle Element in ihm, nicht

wahr ist. Ohne dieses intellektuelle Element, dass Gott ist, dass er die

Liebe ist, kommt kein Glaube zustande, ohne dasselbe kann er keinen

Augenblick bestehen. Ist es nicht wahr, so ist er Trug, Täuschung,

Einbildung, also völlig wertlos, trotz seiner guten Wirkungen.

Aber hat das intellektuelle Element, von dessen Wahrheit wir reden, in der

Religion nur Bedeutung als Voraussetzung, als bedingender Bestandteil?

Muss man nicht vielmehr sagen, die Wahrheit sei das Einzige, was um seiner

selbst willen geschätzt werden müsse, alles andere könne nur darum

geschätzt werden, weil es wahr ist (nur weil es wahr ist, ist es ja auch

wirklich)? Wir sprechen von wahrer, wirklicher Liebe, von wahrer,

wirklicher Sittlichkeit, von wahrem, wirklichem Menschsein und meinen

damit eine Liebe, wie sie sein soll, eine Sittlichkeit, wie sie sein soll,

einen Menschen, wie er sein soll. Das ist natürlich Wahrheit in andrem

Sinne; Wahrheit als Übereinstimmung mit einem Ideal. Aber im höchsten

Sinne ist Liebe, Sittlichkeit, Mensch nur wahr, insofern sie eine Stellung

in der Gesamtheit des Wirklichen haben, die durch das System der Wahrheit

bestimmt wird, also als Glieder des Reiches der Wahrheit -- nur insofern

haben sie eine ewige Bedeutung und einen unvergänglichen Wert. Insofern

ist dann die Wahrheit alles in allem, das einzige, das wahrhaft höchste

Gut. Dieser höchste Sinn der Wahrheit muss auch für die Religion gelten.

Als einzelne Wahrheit oder Teilwahrheit ist sie blosse Voraussetzung,

bedingender Bestandteil der Religion; als Wahrheit im höchsten Sinn ist

sie auch für die Religion alles. Was Voraussetzung, bedingender

Bestandteil und insofern Anfang für Glaube, Liebe, Sittlichkeit, Religion

ist, dass muss auch das Ende, das höchste Ziel sein. In diesem höchsten

Sinne wird in der christlichen Religion Gott als die Wahrheit bezeichnet

und die Erkenntnis mit dem ewigen Leben verselbigt, oder das ewige Leben

auf die Erkenntnis zurückgeführt. »Das ist das ewige Leben, das sie Dich

erkennen und den Du gesandt hast, Jesum Christum.« In diesem höchsten

Sinne des Wortes Wahrheit wird dann auch in der christlichen Religion

alles auf Gott, den König im Reiche der Wahrheit, bezogen, alles sub

specie aeternitatis betrachtet, alles nach seiner ewigen Bedeutung im

Gegensatze zu dem vergänglichen Scheine ins Auge gefasst und gewertet. In

diesem höchsten Sinne des Wortes Wahrheit endlich wird alle Wahrheit in

der christlichen Religion als auf Eingebung, Inspiration, Offenbarung

beruhend betrachtet.

Für die Erkenntnis der Wahrheit in diesem höchsten Sinne gilt dann

freilich auch wieder Glaube, Liebe und Sittlichkeit als Bedingung. »Wer

meine Worte hält und danach thut, der wird erkennen, dass sie wahr sind«.

Insofern muss zugestanden werden, dass die Wahrheit wohl an sich, nicht

aber für uns das höchste Gut ist. Für uns ist die Sittlichkeit ein höheres

Gut als die Wahrheit und hinwiederum die Seligkeit, der Friede, ein

höheres Gut als die Sittlichkeit. Denn nur wenn wir die Seligkeit oder den

Frieden erlangt haben, können wir sittlich leben, und das sittliche Leben

hinwiederum ist Bedingung der Erkenntnis der Wahrheit im vollen Sinne des

Wortes. Insofern gilt der Primat des Willens, nicht der Primat des

Intellekts; insofern können wir auch die beiden letzten Glieder der für

das Zustandekommen des Glaubens wichtigen Reihe notitia assensus

(Einsicht) fiducia umkehren und sagen notitia fiducia assensus, was

übrigens auf den alten Satz von der fides quaerens intellectum

hinauskommt.

Man unterscheidet Eingebung und Offenbarung. Eingebungen, Inspirationen

werden einem Einzelnen zuteil, und wenn dieser sie andren mitteilt als von

Gott stammend oder auf Inspiration beruhend, so werden sie Offenbarungen

genannt. Kann der, dem die Eingebung zuteil wird, diese wirklich als

Eingebung erkennen? Will man das bezüglich der künstlerischen und

wissenschaftlichen Eingebungen nicht leugnen, so ist kein Grund vorhanden,

es für die religiösen Eingebungen zu bestreiten. Dass der religiös

Inspirierte seine Eingebungen auf Gott zurückführt, spricht nicht dagegen.

Gott ist ihm der König und Herrscher im Reiche der Wahrheit, und vom

Gläubigen wie von dem Künstler und Gelehrten gilt, dass er sein ganzes

Sein und Wesen von diesem Reiche der Wahrheit zu Lehen trägt und nur als

Glied dieses Reiches ein Sein und Wesen besitzt. Wie alle Dinge, so stehen

auch die bevorzugten Menschen, die Künstler, Gelehrten und religiös

Inspirierten unter dem unmittelbaren Einflusse dieses Reiches und werden

von ihm unmittelbar berührt. Warum sollten sie nicht eine Einsicht und

darum eine wirkliche Erkenntnis davon gewinnen können, dass ein in ihnen

auftauchender Gedanke nicht das Ergebnis ihres Nachdenkens, noch weniger

das Endglied einer rein mechanisch sich vollziehenden Association, sondern

etwas wirklich Neues ist, das nur jenem geheimnisvollen Reiche der

Wahrheit entstammen kann, das wir um des überzeitlichen Charakters aller

Wahrheit willen annehmen mussten?

Können auch diejenigen, denen die Eingebung als von Gott stammend

verkündigt wird, eine Einsicht davon gewinnen, dass sie wahr ist, können

sie mit andren Worten eine Einsicht davon gewinnen, dass der Verkündende

die Wahrheit sagen kann und sagen will? Denn diese Einsicht ist der

einzige Weg, auf dem wir uns von der Wahrheit einer Mitteilung durch

andre, sofern sie eben eine Mitteilung ist und bleibt, überzeugen können.

Massgebend hierfür und entscheidend ist einzig und allein der Eindruck der

Persönlichkeit des Verkündigers nach seiner sittlichen und religiösen

Seite. Es giebt und gab zu allen Zeiten Persönlichkeiten, die in beider

Hinsicht einen überwältigenden Eindruck auf uns ausüben, solange wir uns

gegen solche Eindrücke nicht verhärtet und abgestumpft haben, wie wir ja

auch gegenüber dem Eindrucke der Wahrheit, dem Einleuchten oder der

Evidenz blind und gleichgültig werden können. Wenn wir jenen

überwältigenden Eindruck erfahren, dann ist es einfach konsequent,

jedenfalls einzig vernünftig, dass wir ihren auf Religion und Sittlichkeit

sich beziehenden Aussagen rückhaltlosen Glauben schenken oder sie auf

Grund dieser mittelbaren Einsicht für wahr halten -- was auch immer

geschieht, wenn nicht die eigenen Neigungen und Interessen jenen Aussagen

widerstreiten. Ob wir unmittelbar von der Wahrheit dieser Aussagen eine

Einsicht oder Erkenntnis gewinnen können, ist eine andere Frage, die aber

für den Religiösen nur eine untergeordnete Bedeutung hat. Jener

überwältigende Eindruck wird bei ihm ein Ergriffensein des Gemüts und

Sichunterwerfen des Willens zur unmittelbaren Folge haben, das eine

Verstärkung durch die unmittelbare Einsicht in die Wahrheit jener Aussagen

schwerlich und nie, sehr häufig und leicht aber eine Abschwächung erfährt,

da die unmittelbare Einsicht in die Wahrheit selbst die Gefahr mit sich

bringt, die Wahrheit zu einer blossen Verstandes- oder Kopfwahrheit

herabzusetzen. Darum begnügt sich der Religiöse gern und freudig mit der

äusseren Einsicht in die Wahrheit der Offenbarung, die sich darauf stützt,

dass der die Offenbarung Verkündigende die Wahrheit sagen konnte und sagen

wollte.

*Schluss.*

Man wird sagen, unsere Darlegung sei Metaphysik. Gewiss mit Recht! Wir

kennen keine andren Wahrheiten als die einen überzeitlichen Charakter

haben, und Wahrheit in diesem Sinne ist Metaphysik, auch wenn man sie

durch ihre unlösbare Verbindung mit dem Erkennen davor schützt, Ding an

sich zu sein. Wer die Metaphysik in diesem Sinne leugnet, für den giebt es

keine Wahrheit mehr. Er ist unrettbar dem Skepticismus verfallen. Oder

nicht? Man sagt, Wahrnehmungen, die sich bewähren, sind wahr, wie die

Wahrnehmung, dass Digitalis den Puls herabsetzt, Chinin Fieber beseitigt.

Oder Wahrnehmungen, die sich als Teil einem widerspruchslosen System von

Sätzen einordnen lassen, sind wahr. In beiden Fällen werden aus den

Wahrnehmungen Erfahrungen. Das erstere ist die empiristische

Wahrheitstheorie, das letztere die rationalistische. Aber es fragt sich,

woher wir wissen, dass etwas sich bewährt, das etwas sich einem

widerspruchslosen System von Sätzen einordnen lässt. Doch nur daraus, dass

es uns einleuchtet und wir es einsehen. Was immer uns aber einleuchtet und

was immer wir einsehen, das leuchtet uns ein, oder das sehen wir ein als

eine Wahrheit, die für alle Zeiten und darum auch für alle Denkenden gilt.

Das Sichbewährende ist, wie alles induktiv Erschlossene, nur

wahrscheinlich, das Widerspruchslose nur möglicherweise wahr. Oft wenn die

Verhältnisse einfach überschaubar sind, haben wir schon bei der einzelnen

Wahrnehmung eine Einsicht in die Wahrheit. Wir erkennen z. B. sofort, dass

der glühende Ofen verbrennt, dass Wasser aus Wasser- und Sauerstoff

besteht; ebenso dass gleichseitige Dreiecke gleiche Winkel haben, dass

Peripheriewinkel die Hälfte der Centriwinkel ausmachen. Dort bedarf es nur

Einer Wahrnehmung, hier nur einer beliebig gewählten Figur. Das Probieren,

Versuchen der Wiederholung einer Wahrnehmung oder ihrer Einordnung in ein

System hat seinen Wert: die Wiederholung, um unsere Lebenszwecke zu

sichern und zu fördern, die Einordnung, um ein Erkenntnisideal zu

verwirklichen; aber beides ist kein Prüfstein der Wahrheit.

Einführung in die moderne Logik. Erster Teil. · 第 43 / 46 题