Timur. So sag' mir doch, was für Geheimnisse--

Barak. Fort! Fort aus Peckin! Keine Zeit verloren!

(Truffaldin zeigt sich im Hintergrund mit seinen Schwarzen.)

--Weh uns! Es ist zu spät. Sie kommen schon!

Sie suchen mich, die Schwarzen, die Verschnittnen

Der fürchterlichen Turandot--Sinnlose!

In welchen Jammer stürzt uns deine Zunge!

(Truffaldin hat ihn bemerkt und bedeutet den Verschnittenen

durch Geberden, daß sie sich seiner bemächtigen sollen.)

Ich kann nicht mehr entfliehen--Fliehe du,

Verbirg dich, rette dich und diesen Alten!

Timur. So sag' mir doch!

Barak. Fort! Keine Widerrede!

Ich bin entdeckt!--Verschlossen wie das Grab

Sei Euer Mund! Nie komme Euer Name,

Nie, nie der seine über Eure Lippen!

--Und du, Unglückliche, wenn du das Übel,

Das deine Zunge über uns gebracht,

Gut machen willst, verbirg dich, nicht in deiner,

In einer fremden Wohnung! Halte diesen

Verborgen, bis der nächste Tag zur Hälfte

Verstrichen ist--

Skirina. Willst du mir denn nicht sagen?

Timur. Willst du nicht mit uns fliehn?

Barak. Thut, was ich sage!

Werde mit mir, was will, wenn Ihr Euch rettet.

Skirina. Sprich, Hassan! Worin hab' ich denn gefehlt?

Timur. Erklär' mir diese Räthsel.

Barak (heftig). Welche Marter!

Um aller Götter willen, fort, und fragt

Nicht weiter! Sie umringen uns; es ist

Zu spät, und alle Flucht ist jetzt vergebens.

--Die Namen, alter Mann, die Namen nur

Verschweigt, und Alles kann noch glücklich enden!

Siebenter Auftritt.

Vorige. Truffaldin mit den Verschnittenen.

Truffaldin (ist nach und nach näher gekommen, hat die Ausgänge

besetzt und tritt nun hervor, mit übertriebenen Geberden dem

Barak den Degen auf die Brust haltend).

Halt an und steht! Nicht von der Stelle! Nicht

Gemuckst! Der ist des Todes, der sich rührt.

Skirina. O wehe mir!

Barak. Ich weiß, Ihr sucht den Hassan.

Hier bin ich, führt mich fort.

Truffaldin. Bst! Keinen Lärmen!

's ist gut gemeint. Es soll Euch eine ganz

Absonderliche Gnad' und Ehr' geschehn.

Barak. Ja, ins Serail wollt Ihr mich führen, kommt!

Truffaldin. Gemach! Gemach! Ei, seht doch, welche Gunst

Euch widerfährt! Ins Harem! ins Serail

Der Königin--Ihr glückliche Person!

's kommt keine Fliege ins Serail, sie wird

Erst wohl besichtigt und beschaut, ob sie

Ein Männchen oder Weib, und ist's ein Männchen,

Wird's ohne Gnad' gekreuzigt und gepfählt.

--Wer ist der Alte da?

Barak. Ein armer Bettler,

Den ich nicht kenne--Kommt und laßt uns gehn.

Truffaldin (betrachtet den Timur mit lächerlicher Genauigkeit).

Gemach! Gemach! Ein armer Bettler! Ei!

--Wir haben uns großmüthig vorgesetzt,

Auch dieses armen Bettlers Glück zu machen.

(Bemerkt und betrachtet die Skirina.)

--Wer ist die Weibsperson?

Barak. Was zögerst du?

Ich weiß, daß deine Königin mich erwartet.

Laß diesen Greis! Das Weibsbild kenn' ich nicht,

Hab's nie gesehn und weiß nicht, wer sie ist.

Truffaldin (zornig). Du kennst sie nicht? Du hast sie nie gesehn?

Verdammte Lüge! Was! Kenn' ich sie nicht

Als deine Frau und als die Mutter nicht

Der Sklavin Zelima? Hab' ich sie nicht

Zu hundert Malen im Serail gesehn,

Wenn sie der Tochter weiße Wäsche brachte?

(Mit komischer Gravität zu den Verschnittenen.)

Merkt, Sklaven, den Befehl. den ich euch gebe!

Die drei Personen hier nehmt in Verwahrung,

Bewacht sie wohl, hört ihr, laßt sie mit keiner

Lebend'gen Seele reden, und bei Nacht,

Sobald es still ist, führt sie ins Serail!

Timur. O Gott! Was wird aus mir!

Skirina. Ich fass' es nicht.

Barak (zu Timur). Was aus dir werden soll, und was aus mir?

Ich werde Alles leiden. Leid' auch du!

Vergiß nicht, was ich dir empfahl--und, was

Dir auch begegne, hüte deine Zunge!

--Jetzt hast du, thöricht Weib, was du gewollt.

Skirina. Gott steh uns bei!

Truffaldin (zu den Schwarzen). Ergreift sie! Fort mit ihnen!

(Gehen ab.)

Vierter Aufzug.

Vorhof mit Säulen. In der Mitte eine Tafel mit einem mächtig

großen Becken, voll von Goldstücken.

Erster Auftritt.

Turandot. Zelima. Skirina. Timur. Barak.

(Barak und Timur stehen, jeder an einer Säule, einander gegenüber,

die Verschnittenen um sie herum, alle mit entblößten Säbeln und

Dolchen. Zelima und Skirina stehen weinend auf der einen, Turandot

drohend und streng auf der andern Seite.)

Turandot. Noch ist es Zeit. Noch lass' ich mich herab,

Zu bitten--Dieser aufgehäufte Berg

Von Gold ist euer, wenn ihr mir in Gutem

Des Unbekannten Stand und Namen nennt.

Besteht ihr aber drauf, ihn zu verschweigen,

So sollen diese Dolche, die ihr hier

Auf euch gezückt seht, euer Herz durchbohren!

He da, ihr Sklaven! Machet euch bereit.

(Die Verschnittenen halten ihnen ihre Dolche auf die Brust.)

Barak (zu Skirina). Nun, heillos Weib, nun siehst du, Skirina,

Wohin uns deine Plauderhaftigkeit geführt.

--Prinzessin, sättigt Eure Wuth! Ich biete

Den Martern Trotz, die Ihr ersinnen könnt,

Ich bin bereit, den herbsten Tod zu leiden.

--Herbei, ihr Schwarzen! Auf, ihr Marterknechte.

Tyrannische Werkzeuge der Tyrannin,

Zerfleischt mich, tödtet mich, ich will es dulden.

--Sie hat ganz Recht, ich kenne diesen Prinzen

Und seinen Vater, Beider Namen weiß ich;

Doch keine Marter preßt sie von mir aus,

Kein Gold verführt mich; weniger als Staub,

Als schlechte Erde acht' ich diese Schätze!

Du, meine Gattin, jammre nicht um mich!

Für Diesen Alten spare deine Thränen,

Für ihn erweiche dieses Felsenherz,

Daß der Unschuldige gerettet werde!

Sein ganz Verbrechen ist, mein Freund zu sein.

Skirina (flehend zu Turandot).

O Königin, Erbarmen!

Timur. Niemand kümmre sich

Um einen schwachen Alten, den die Götter

Im Zorn verfolgen, dem der Tod Erlösung,

Das Leben eine Marter ist. Ich will

Dich retten, Freund, und sterben. Wisse denn,

Du Grausame--

Barak (unterbricht ihn). Um aller Götter willen, schweigt!

Der Name komme nicht aus Eurem Munde!

Turandot (neugierig).

Du weißt ihn also, Greis?

Timur. Ob ich ihn weiß?

Unmenschliche!--Freund, sag' mir das Geheimniß,

Warum darf ich die Namen nicht entdecken?

Barak. Ihr tödtet ihn und uns, wenn Ihr sie nennt.

Turandot. Er will dich schrecken, Alter, fürchte nichts!

Herbei, ihr Sklaven, züchtigt den Verwegnen!

(Die Verschnittenen umgeben den Barak.)

Skirina. Ihr Götter, helft! Mein Mann! Mein Mann!

Timur (tritt dazwischen). Halt! Haltet!

Was soll ich thun! Ihr Götter, welche Marter!

--Prinzessin, schwört mir's zu bei Eurem Haupt,

Bei Euren Göttern schwört mir, daß sein Leben

Und dieses Fremdlings Leben ungefährdet

Sein soll--Mein eignes acht' ich nichts und will

Es freudig Eurer Wuth zum Opfer geben--

Schwört mir das zu, und Ihr sollt Alles wissen.

Turandot. Bei meinem Haupt, zum furchtbarn Fohi schwör' ich,

Daß weder seinem Leben, noch des Prinzen,

Noch irgend eines hier Gefährde droht--

Barak (unterbricht sie).

Halt, Lügnerin--Nicht weiter--Glaubt ihr nicht!

Verrätherei lauscht hinter diesem Schwur.

--Schwört, Turandot, schwört, daß der Unbekannte

Euer Gatte werden soll, im Augenblick,

Da wir die Namen Euch entdeckt, wie recht

Und billig ist; Ihr wißt es, Undankbare!

Schwört, wenn Ihr könnt und dürft, daß er, verschmäht

Von Euch, nicht in Verzweiflung sterben wird

Durch seine eigne Hand--Und schwört uns zu,

Daß, wenn wir Euch die Namen nun entdeckt,

Für unser Leben nichts zu fürchten sei,

Noch, daß ein ew'ger Kerker uns lebendig

Begraben und der Welt verbergen soll--

Dies schwört uns, und der Erste bin ich selbst,

Der Euch die beiden Namen nennt!

Timur. Was für Geheimnisse sind dies! Ihr Götter,

Nehmt diese Qual und Herzensangst von mir!

Turandot. Ich bin der Worte müd--Ergreift sie, Sklaven!

Durchbohret sie!

Skirina. O Königin! Erbarmen!

(Die Verschnittenen sind im Begriff, zu gehorchen, aber Skirina

und Zelima werfen sich dazwischen.)

Barak. Nun siehst du, Greis, das Herz der Tigerin!

Timur (niedergeworfen).

Mein Sohn! Dir weih' ich freudig dieses Leben.

Die Mutter ging voran, ihr folg' ich nach.

Turandot (betroffen, wehrt den Sklaven).

Sein Sohn! Was hör' ich! Haltet!--Du ein Prinz?

Ein König? Du des Unbekannten Vater?

Timur. Ja, Grausame! Ich bin ein König--bin

Ein Vater, den der Jammer niederdrückt!

Barak. O König! Was habt Ihr gethan!

Skirina. Ein König!

In solchem Elend!

Zelima. Allgerechte Götter!

Turandot (in tiefes Sinnen verloren, nicht ohne Rührung).

Ein König und in solcher Schmach!--Sein Vater!

Des unglücksel'gen Jünglings, den ich mich

Zu hassen zwinge und nicht hassen kann!

--O der Bejammernswürdige--Wie wird mir!

Das Herz im tiefsten Busen wendet sich!

Sein Vater!--Und er selbst--Sagt' er nicht so?

Genöthiget, als niedrer Knecht zu dienen

Und Lasten um geringen Sold zu tragen!

O Menschlichkeit! O Schicksal!

Barak. Turandot,

Dies ist ein König! Scheuet Euch und schaudert

Zurück, die heil'gen Glieder zu verletzen!

Wenn solches Jammers Größe Euch nicht rührt,

Euch nicht das Mitleid, nicht die Menschlichkeit

Entwaffnen kann, laßt Euch die Scham besiegen.

Ehrt Eures eignen greisen Vaters Haupt

In diesem Greis--O, schändet Euch nicht selbst

Durch eine That, die Euer Blut entehrte!

Genug daß Ihr die Jünglinge gemordet,

Schonet das Alter, das ohnmächtige,

Das auch die Götter zum Erbarmen zwingt!

Zelima (wirft sich zu ihren Füßen).

Ihr seid bewegt, Ihr könnt nicht widerstehn.

O, gebt dem Mitleid und der Gnade Raum,

Laßt Euch die Größe dieses Jammers rühren!

Zweiter Auftritt.

Adelma zu den Vorigen.

Turandot (ihr entgegen).

Kommst du, Adelma? Hilf mir! O, schaff' Rath!

Ich bin entwaffnet--Ich bin außer mir!

Dies ist sein Vater, ein Monarch und König!

Adelma. Ich hörte Alles. Fort mit diesen Beiden,

Schafft dieses Gold hinweg, der Kaiser naht!

Turandot. Mein Vater? Wie?

Adelma. Ist auf dem Weg hieher. (Zu den Schwarzen)

Fort, eh wir überfallen werden! Sklaven,

Führt diese Beiden in die untersten

Gewölbe des Serails, dort haltet sie

Verborgen bis auf weitere Befehle! (Zu Turandot)

Es ist umsonst. Wir müssen der Gewalt

Entsagen. Nichts kann retten, als die List.

--Ich habe einen Anschlag--Skirina,

Ihr bleibt zurück. Auch Zelima soll bleiben.

Barak (zu Timur). Weh uns, mein Fürst! Die Götter mögen wissen,

Welch neues Schreckniß ansgebrütet wird!

--Weib! Tochter! Seid getreu, o, haltet fest,

Laßt euch von diesen Schlangen nicht verführen!

Turandot (zu den Schwarzen).

Ihr wisset den Befehl. Fort, fort mit ihnen

In des Serails verborgenste Gewölbe!

Timur. Fall' Eure ganze Rache auf mein Haupt!

Nur ihm, nur meinem Sohn erzeiget Mitleid!

Barak. Mitleid in dieser Furie! Verrathen

Ist Euer Sohn, und uns, ich seh' es klar,

Wird ew'ge Nacht dem Aug der Welt verbergen.

Man führt uns aus dem Angesicht der Menschen,

Wohin kein Lichtstrahl und kein Auge dringt,

Und unser Schmerz kein fühlend Ohr erreicht! (Zur Prinzessin.)

Die Welt kannst du, der Menschen Auge blenden,

Doch zittre vor der Götter Rachgericht!

Magst du im Schlund der Erde sie verstecken,

Laß tausend Todtengrüfte sie bedecken,

Sie bringen deine Übelthat ans Licht.

(Er folgt mit Timur den Verschnittenen, welche zugleich die

Tafel und das Becken mit den Goldstücken hinwegtragen.)

Dritter Auftritt.

Turandot. Adelma. Zelima und Skirina.

Turandot (zu Adelma). Auf dich verlass' ich mich, du einz'ge Freundin!

O, sage, sprich, wie du mich retten willst.

Adelma. Die Wachen, die auf Altoums Befehl

Des Prinzen Zimmer hüten, sind gewonnen.

Man kann zu ihm hineingehn, mit ihm sprechen--

Und was ist dann nicht möglich, wenn wir klug

Die Furcht, die Überredung spielen lassen.

Denn arglos ist sein Herz und gibt sich leicht

Der Schmeichelstimme des Verräthers hin.

Wenn Skirina, wenn Zelima mir nur

Behilflich sind und ihre Rolle spielen,

So zweifelt nicht, mein Anschlag soll gelingen.

Turandot (zu Skirina). So lieb dir Hassans Leben, Skirina!

Er ist in meiner Macht, ich kann ihn tödten.

Skirina. Was Ihr befehlt, ich bin bereit zu Allem,

Wenn ich nur meines Hassans Leben rette.

Turandot, Prinzessin von China · 第 2 / 5 题