Barak. Weh mir! Wir sind verloren!--Rasende!--

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Turandot, Prinzessin von China.

Friedrich Schiller.

Ein tragikomisches Märchen nach Gozzi.

Personen:

Altoum, fabelhafter Kaiser von China.

Turandot, seine Tochter.

Adelma, eine tartarische Prinzessin, ihre Sklavin.

Zelima, eine andere Sklavin der Turandot.

Skirina, Mutter der Zelima.

Barak, ihr Gatte, ehmals Hofmeister des

Kalaf, Prinzen von Astrachan.

Timur, vertriebener König von Astrachan.

Ismael, Begleiter des Prinzen von Samarcand.

Tartaglia, Minister.

Pantalon, Kanzler.

Truffaldin, Aufseher der Verschnittenen.

Brigella, Hauptmann der Wache.

Doctoren des Divans.

Sklaven und Sklavinnen des Serails.

Erster Aufzug.

Vorstadt von Peckin.

Prospekt eines Stadtthors. Eiserne Stäbe ragen über demselben

hervor, worauf mehrere geschorne, mit türkischen Schöpfen

versehene Köpfe als Masken und so, daß sie als eine Zierrath

erscheinen können, symmetrisch aufgepflanzt sind.

Erster Auftritt.

Prinz Kalaf, in tartarischem Geschmack, etwas phantastisch

gekleidet, tritt aus einem Hause. Gleich darauf Barak, aus

der Stadt kommend.

Kalaf.

Habt Dank, ihr Götter! Auch zu Peckin sollt' ich

Eine gute Seele finden!

Barak (in persischer Tracht, tritt auf, erblickt ihn und fährt

erstaunt zurück).

Seh' ich recht?

Prinz Kalaf! Wie? Er lebt noch!

Kalaf (ernennt ihn). Barak!

Barak (auf ihn zueilend). Herr!

Kalaf. Dich find' ich hier?

Barak. Euch seh' ich lebend wieder!

Und hier zu Peckin!

Kalaf. Schweig! Verrath mich nicht!

Beim großen Lama, sprich! Wie bist du hier?

Barak. Durch ein Geschick der Götter, muß ich glauben,

Da es mich hier mit Euch zusammenführt.

An jenem Tag des Unglücks, als ich sah,

Daß unsre Völker flohen, der Tyrann

Von Tefflis unaufhaltsam in das Reich

Eindrang, floh ich nach Astrachan zurück,

Bedeckt mit schweren Wunden. Hier vernahm ich,

Daß Ihr und König Timur, Euer Vater,

Im Treffen umgekommen. Meinen Schmerz

Erzähl' ich nicht; verloren gab ich Alles,

Und sinnlos eilt' ich zum Palaste nun,

Elmazen, Eure königliche Mutter,

Zu retten; doch ich suchte sie vergebens!

Schon zog der Sieger ein zu Astrachan,

Und in Verzweiflung eilt' ich aus den Thoren.

Von Land zu Lande irrt' ich flüchtig nun

Drei Jahre lang umher, ein Obdach suchend,

Bis ich zuletzt nach Peckin mich gefunden.

Hier unterm Namen Hassan glückte mir's,

Durch treue Dienste einer Wittwe Gunst

Mir zu erwerben, und sie ward mein Weib.

Sie kennt mich nicht; ein Perser bin ich ihr.

Hier leb' ich nun, obwohl gering und arm

Nach meinem vor'gen Loos, doch überreich

In diesem Augenblicke, da ich Euch,

Den Prinzen Kalaf, meines Königs Sohn,

Den ich erzogen, den ich Jahre lang

Für todt beweint, im Leben wieder sehe!

--Wie aber lebend? Wie in Peckin hier?

Kalaf. Nenne mich nicht. Nach jener unglücksel'gen Schlacht

Bei Astrachan, die uns das Reich gekostet,

Eilt' ich mit meinem Vater zum Palast;

Schnell rafften wir das Kostbarste zusammen,

Was sich an Edelsteinen fand, und flohn.

In Bauerntracht verhüllt, durchkreuzten wir,

Der König und Elmaze, meine Mutter,

Die Wüsten und das felsigte Gebirg.

Gott, was erlitten wir nicht da! Am Fuß

Des Kaukasus raubt' eine wilde Horde

Von Malandrinen uns die Schätze; nur

Das nackte Leben blieb uns zum Gewinn.

Wir mußten kämpfen mit des Hungers Qualen

Und jedes Elends mannigfacher Noth.

Den Vater trug ich bald und bald die Mutter

Auf meinen Schultern, eine theure Last.

Kaum wehrt' ich seiner wüthenden Verzweiflung,

Daß er den Dolch nicht auf sein Leben zuckte;

Die Mutter hielt ich kaum, daß sie, von Gram

Erschöpft, nicht niedersank! So kamen wir

Nach Jaik endlich, der Tartarenstadt,

Und hier, an der Moscheen Thor, mußt' ich

Ein Bettler flehen um die magre Kost,

Der theuren Eltern Leben zu erhalten.

--Ein neues Unglück! Unser grimm'ger Feind,

Der Khan von Tefflis, voll Tyrannenfurcht,

Mißtrauend dem Gerücht von unserm Tode,

Er ließ durch alle Länder uns verfolgen.

Vorausgeeilt schon war uns sein Befehl,

Der alle kleinen Könige seiner Herrschaft

Aufbot, uns nachzuspähn. Nur schnelle Flucht

Entzog uns seiner Spürer Wachsamkeit--

Ach, wo verbärg' sich ein gefallner König!

Barak. O, nichts mehr! Eure Worte spalten mir

Das Herz! Ein großer Fürst in solchem Elend!

Doch sagt! Lebt mein Gebieter noch, und lebt

Elmaze, meine Königin?

Kalaf. Sie leben.

Und wisse, Barak, in der Noth allein

Bewähret sich der Adel großer Seelen.

--Wir kamen in der Karazanen Land;

Dort, in den Gärten König Keicobads,

Mußt' ich zu Knechtes Diensten mich bequemen,

Dem bittern Hungertode zu entfliehn.

Mich sah Adelma dort, des Königs Tochter,

Mein Anblick rührte sie, es schien ihr Herz

Von zärtlichern Gefühlen, als des Mitleids,

Sich für den fremden Gärtner zu bewegen.

Scharf sieht die Liebe, nimmer glaubte sie

Mich zu dem Loos, wo sie mich fand, geboren.

--Doch weiß ich nicht, welch bösen Sternes Macht

Der Karazanen König Keicobad

Verblendete, den mächt'gen Altoum,

Den Großkhan der Chinesen, zu bekriegen.

Das Volk erzählte Seltsames davon.

Was ich berichten kann, ist dies: Besiegt

Ward Keicobad, sein ganzer Stamm vertilgt;

Adelma selbst mit sieben andern Töchtern

Des Königs ward ertränkt in einem Strome.

--Wir aber flohen in ein andres Land;

So kamen wir nach langem Irren endlich

Zu Berlas an--Was bleibt mir noch zu sagen?

Vier Jahre lang schafft' ich den Eltern Brod,

Daß ich um dürft'ges Taglohn Lasten trug.

Barak. Nicht weiter, Prinz. Vergessen wir das Elend,

Da ich Euch jetzt in kriegerischem Schmuck

Und Heldenstaat erblicke. Sagt. wie endlich

Das Glück Euch günstig ward?

Kalaf. Mir günstig! Höre!

Dem Khan von Berlas war ein edler Sperber

Entwischt, den er in hohem Werthe hielt.

Ich fand den Sperber, überbracht' ihn selbst

Dem König--Dieser fragt nach meinem Namen;

Ich gebe mich für einen Elenden,

Der seine Eltern nährt mit Lastentragen.

Drauf ließ der Khan den Vater und die Mutter

Im Hospital versorgen. (Er hält inne.) Barak! Dort,

Im Aufenthalt des allerhöchsten Elends,

Dort ist dein König--deine Königin.

Auch dort nicht sicher, dort noch in Gefahr,

Erkannt zu werden und getödtet!

Barak. Gott!

Kalaf. Mir ließ der Kaiser diese Börse reichen,

Ein schönes Pferd und dieses Ritterkleid.

Den greisen Eltern sag' ich Lebewohl;

Ich gehe, rief ich, mein Geschick zu ändern,

Wo nicht, dies traur'ge Leben zu verlieren!

Was thaten sie nicht, mich zurückzuhalten

Und, da ich standhaft blieb, mich zu begleiten!

Verhüt' es Gott, daß sie, von Angst gequält,

Nicht wirklich meinen Spuren nachgefolgt!

Hier bin ich nun, zu Peckin, unerkannt,

Viel hundert Meilen weit von meiner Heimath.

Entschlossen komm' ich her, dem großen Khan

Vom Lande China als Soldat zu dienen,

Ob mir vielleicht die Sterne günstig sind,

Durch tapfre That mein Schicksal zu verbessern.

--Ich weiß nicht, welche Festlichkeit die Stadt

Mit Fremden füllt, daß kein Karvanserai

Mich aufnahm--Dort in jener schlechten Hütte

Gab eine Frau aus gutem Herzen mir

Herberge.

Barak. Prinz, das ist mein Weib.

Kalaf. Dein Weib?

Preise dein Glück, daß es ein fühlend Herz

Zur Gattin dir gegeben! (Er reicht ihm die Hand.)

Jetzt leb' wohl.

Ich geh' zur Stadt. Mich treibt's, die Festlichkeit

Zu sehn, die so viel Menschen dort versammelt.

Dann zeig' ich mich dem großen Khan und bitt'

Ihn um die Gunst, in seinem Heer zu dienen.

(Er will fort. Barak hält ihn zurück.)

Barak. Bleibt, Prinz! Wo wollt Ihr hin? Mögt Ihr das Aug'

An einem grausenvollen Schauspiel weiden?

O, wisset, edler Prinz--Ihr kamt hieher

Auf einen Schauplatz unerhörter Thaten.

Kalaf. Wie so? Was meinst du?

Barak. Wie? Ihr wißt es nicht,

Daß Turandot, des Kaisers einz'ge Tochter,

Das ganze Reich in Leid versenkt und Thränen?

Kalaf. Ja, schon vorlängst im Karazanenland

Hört' ich dergleichen--und die Rede ging,

Es sei der Prinz des Königs Keicobad

Auf eine seltsam jammervolle Art

Zu Peckin umgekommen--Eben dies

Hab' jenes Kriegesfeuer angeflammt,

Das mit dem Falle seines Reichs geendigt.

Doch Manches glaubt und schwatzt ein dummer Pöbel,

Worüber der Verständ'ge lacht--Darum

Sag' an, wie sich's verhält mit dieser Sache?

Barak. Des Großkhans einz'ge Tochter, Turandot,

Durch ihren Geist berühmt und ihre Schönheit,

Die keines Malers Pinsel noch erreicht,

Wie viele Bildnisse von ihr auch in der Welt

Herumgehn, hegt so übermüth'gen Sinn,

So großen Abscheu vor der Ehe Banden,

Daß sich die größten Könige umsonst

Um ihre Hand bemüht--

Kalaf. Das alte Märchen

Vernahm ich schon am Hofe Keicobads

Und lachte drob--Doch fahre weiter fort

Barak. Es ist kein Märchen. Oft schon wollte sie

Der Khan, als einz'ge Erbin seines Reichs,

Mit Söhnen großer Könige vermählen.

Stets widersetzte sich die stolze Tochter,

Und, ach! zu blind ist seine Vaterliebe,

Als daß er Zwang zu brauchen sich erkühnte.

Viel schwere Kriege schon erregte sie

Dem Vater, und obgleich noch immer Sieger

In jedem Kampf, so ist er doch ein Greis

Und unbeerbt wankt er dem Grabe zu.

Drum sprach er einsmals ernst und wohlbedächtlich

Zu ihr die strengen Worte: Störrig Kind!

Entschließe dich einmal, dich zu vermählen,

Wo nicht, so sinn' ein ander Mittel aus,

Dem Reich die ew'gen Kriege zu ersparen;

Denn ich bin alt; zu viele Kön'ge schon

Hab' ich zu Feinden, die dein Stolz verschmähte.

Drum nenne mir ein Mittel, wie ich mich

Der wiederholten Werbungen erwehre,

Und leb' hernach und stirb, wie dir's gefällt--

Erschüttert ward von diesem ernsten Wort

Die Stolze, rang umsonst, sich loszuwinden;

Die Kunst der Thränen und der Bitten Macht

Erschöpfte sie, den Vater zu bewegen;

Doch unerbittlich blieb der Khan--Zuletzt

Verlangt sie von dem unglücksel'gen Vater,

Verlangt--Hört, was die Furie verlangte!

Kalaf. Ich hab's gehört. Das abgeschmackte Märchen

Hab' ich schon oft belacht--Hör', ob ich's weiß!

Sie fordert' ein Edict von ihrem Vater,

Daß jedem Prinzen königlichen Stamms

Vergönnt sein soll, um ihre Hand zu werben.

Doch dieses sollte die Bedingung sein:

Im öffentlichen Divan, vor dem Kaiser

Und seinen Räthen allen, wollte sie

Drei Räthsel ihm vorlegen. Löste sie

Der Freier auf, so mög' er ihre Hand

Und mit derselben Kron' und Reich empfangen.

Löst er sie nicht, so soll der Kaiser sich

Durch einen heil'gen Schwur auf seine Götter

Verpflichten, den Unglücklichen enthaupten

Zu lassen.--Sprich, ist's nicht so? Nun vollende

Dein Märchen, wenn du's kannst vor langer Weile.

Barak. Mein Märchen? Wollte Gott! Der Kaiser zwar

Empört' sich erst dagegen; doch die Schlange

Verstand es, bald mit Schmeichelbitten, bald

Mit list'ger Redekunst das furchtbare

Gesetz dem schwachen Alten zu entlocken.

Was ist's denn auch? sprach sie mit arger List;

Kein Prinz der Erde wird so thöricht sein,

In solchem blut'gen Spiel sein Haupt zu wagen!

Der Freier Schwarm zieht sich geschreckt zurück,

Ich werd' in Frieden leben. Wagt es dennoch

Ein Rasender, so ist's auf seine eigne

Gefahr, und meinen Vater trifft kein Tadel,

Wenn er ein heiliges Gesetz vollzieht!--

Beschworen ward das unnatürliche

Gesetz und kund gemacht in allen Landen.

(Da Kalaf den Kopf schüttelt.)

--Ich wünschte, daß ich Märchen nur erzählte

Und sagen dürfte. Alles war ein Traum!

Kalaf. Weil du's erzählst, so glaub' ich das Gesetz.

Doch sicher war kein Prinz wahnsinnig gnug,

Sein Haupt daran zu setzen.

Barak (zeigt nach dem Stadtthor). Sehet, Prinz!

Die Köpfe alle, die dort auf den Thoren

Zu sehen sind, gehörten Prinzen an,

Die toll genug das Abenteuer wagten

Und kläglich ihren Untergang drin fanden,

Weil sie die Räthsel dieser Sphinx zu lösen

Nicht fähig waren.

Kalaf. Grausenvoller Anblick!

Und lebt ein solcher Thor, der seinen Kopf

Wagt, um ein Ungeheuer zu besitzen!

Barak. Nein! Sagt das nicht. Wer nur ihr Konterfei

Erblickt, das man sich zeigt in allen Ländern,

Fühlt sich bewegt von solcher Zaubermacht,

Daß er sich blind dem Tod entgegen stürzt,

Das göttergleiche Urbild zu besitzen.

Kalaf. Irgend ein Geck.

Barak. Nein, wahrlich! Auch der Klügste.

Heut ist der Zulauf hier, weil man den Prinzen

Von Samarcanda, den verständigsten,

Den je die Welt gesehn, enthaupten wird.

Der Khan beseufzt die fürchterliche Pflicht;

Doch ungerührt frohlockt die stolze Schöne.

(Man hört in der Ferne den Schall von gedämpften Trommeln.)

Hört! Hört Ihr! Dieser dumpfe Trommelklang

Verkündet, daß der Todesstreich geschieht;

Ihn nicht zu sehen, wich ich aus der Stadt.

Kalaf. Barak, du sagst mir unerhörte Dinge.

Was? Konnte die Natur ein weibliches

Geschöpf wie diese Turandot erzeugen,

So ganz an Liebe leer und Menschlichkeit?

Barak. Mein Weib hat eine Tochter, die im Harem

Als Sklavin dient und uns Unglaubliches

Von ihrer schönen Königin berichtet.

Ein Tiger ist sie, diese Turandot,

Doch gegen Männer nur, die um sie werben.

Sonst ist sie gütig gegen alle Welt;

Stolz ist das einz'ge Laster, das sie schändet.

Kalaf. Zur Hölle, in den tiefsten Schlund hinab

Mit diesen Ungeheuern der Natur,

Die kalt und herzlos nur sich selber lieben!

Wär' ich ihr Vater, Flammen sollten sie

Verzehren.

Barak. Hier kommt Ismael, der Freund

Des Prinzen, der sein Leben jetzt verloren.

Er kommt voll Thränen--Ismael!

Zweiter Auftritt.

Ismael zu den Vorigen.

Ismael (reicht dem Barak die Hand, heftig weinend). Er hat

Gelebt--Der Streich des Todes ist gefallen.

Ach! Warum fiel er nicht auf dieses Haupt!

Barak. Barmherz'ger Himmel!--Doch warum ließt Ihr

Geschehn, daß er im Divan der Gefahr

Sich bloßgestellt?

Ismael. Mein Unglück braucht noch Vorwurf.

Gewarnt hab' ich, beschworen und gefleht,

Wie es mein Herz, wie's meine Pflicht mich lehrte.

Umsonst! Des Freundes Stimme wurde nicht

Gehört; die Macht der Götter riß ihn fort.

Barak. Beruhigt Euch!

Ismael. Beruhigen? Niemals, niemals!

Ich hab' ihn sterben sehen. Sein Gefährte

War ich in seinem letzten Augenblick,

Und seine Abschiedsworte gruben sich

Wie spitz'ge Dolche mir ins tiefste Herz.

"Weine nicht!" sprach er. "Gern und freudig sterb' ich,

"Da ich die Liebste nicht besitzen kann.

"Mag es mein theurer Vater mir vergeben,

"Daß ich ohn' Abschied von ihm ging. Ach, nie

"Hätt' er die Todesreise mir gestattet!

"Zeig' ihm dies Bildniß!

(Er zieht ein kleines Portrait an einem Band aus dem Busen.)

"Wenn er diese Schönheit

"Erblickt, wird er den Sohn entschuldigen."

Und an die Lippen drückt' er jetzt, lautschluchzend,

Mit heft'gen Küssen dies verhaßte Bild,

Als könnt' er, sterbend selbst, nicht davon scheiden;

Drauf kniet' er nieder, und--mit einem Streich--

Noch zittert mir das Mark in den Gebeinen--

Sah ich Blut spritzen, sah den Rumpf hinfallen

Und hoch in Henkers Hand das theure Haupt;

Entsetzt und trostlos riß ich mich von dannen.

(Wirft das Bild in heftigem Unwillen auf den Boden.)

Verhaßtes, ewig fluchenswerthes Bild!

Liege du hier, zertreten in dem Staub!

Könnt' ich sie selbst, die Tigerherzige,

Mit diesem Fußtritt so wie dich zermalmen!

Daß ich dich meinem König überbrächte!

Nein, mich soll Samarcand nicht wieder sehn.

In eine Wüste will ich fliehn und dort,

Wo mich kein menschlich Ohr vernimmt, auf ewig

Um meinen vielgeliebten Prinzen weinen. (Geht ab.)

Dritter Auftritt.

Kalaf und Barak.

Barak (nach einer Pause).

Prinz Kalaf, habt Ihr's nun gehört?

Kalaf. Ich stehe

Ganz voll Verwirrung, Schrecken und Erstaunen.

Wie aber mag dies unbeseelte Bild,

Das Werk des Malers, solchen Zauber wirken?

(Er will das Bildniß von der Erde nehmen.)

Barak (eilt auf ihn zu und hält ihn zurück).

Was macht Ihr!--Große Götter!

Kalaf (lächelnd). Nun! Ein Bildniß

Nehm' ich vom Boden auf. Ich will sie doch

Betrachten, diese mörderische Schönheit.

(Greift nach dem Bildniß und hebt es von der Erde auf.)

Barak (ihn haltend). Euch wäre besser, der Medusa Haupt

Als diese tödtliche Gestalt zu sehn.

Weg! Weg damit! Ich kann es nicht gestatten.

Kalaf. Du bist nicht klug. Wenn du so schwach dich fühlst,

Ich bin es nicht. Des Weibes Reiz hat nie

Mein Aug gerührt, auch nur auf Augenblicke,

Viel weniger mein Herz besiegt. Und was

Lebend'ge Schönheit nie bei mir vermocht,

Das sollten todte Pinselstriche wirken?

Unnütze Sorgfalt, Barak--Mir liegt Andres

Am Herzen, als der Liebe Narrenspiel. (Will das Bildniß anschauen.)

Barak. Dennoch, mein Prinz--Ich warn' Euch--Thut es nicht!

Kalaf (ungeduldig). Zum Henker, Einfalt! Du beleidigst mich.

(Stößt ihn zurück, sieht das Bild an und geräth in Erstaunen.

Nach einer Pause.)

Was seh' ich!

Barak (ringt verzweifelnd die Hände).

Weh' mir! Welches Unglück!

Kalaf (faßt ihn lebhaft bei der Hand). Barak!

(Will reden, sieht aber wieder auf das Bild und betrachtet

es mit Entzücken.)

Barak (für sich). Seid Zeugen, Götter--Ich, ich bin nicht schuld,

Ich hab' es nicht verhindern können.

Kalaf. Barak!

--In diesen holden Augen, dieser süßen

Gestalt, in diesen sanften Zügen kann

Das harte Herz, wovon du sprichst, nicht wohnen!

Barak. Unglücklicher, was hör' ich? Schöner noch

Unendlichmal, als dieses Bildniß zeigt,

Ist Turandot, sie selbst! Nie hat die Kunst

Des Pinsels ihren ganzen Reiz erreicht;

Doch ihres Herzens Stolz und Grausamkeit

Kann keine Sprache, keine Zunge nennen.

O, werft es von Euch, dies unselige,

Verwünschte Bildniß! Euer Auge sauge

Kein tödtlich Gift aus dieser Mordgestalt!

Kalaf. Hinweg! Vergebens suchst du mich zu schrecken!

--Himmlische Anmuth! Warme, glühende Lippen!

Augen der Liebesgöttin! Welcher Himmel,

Die Fülle dieser Reize zu besitzen!

(Er steht in den Anblick des Bildes verloren, plötzlich wendet er

sich zu Barak und ergreift seine Hand.)

Barak! Verrath mich nicht--Jetzt oder nie!

Dies ist der Augenblick, mein Glück zu wagen.

Wozu dies Leben sparen, das ich hasse?

--Ich muß auf einen Zug die schönste Frau

Der Erde und ein Kaiserthum mit ihr

Gewinnen oder dies verhaßte Leben

Auf einen Zug verlieren--Schönstes Werk!

Pfand meines Glücks und meine süße Hoffnung!

Ein neues Opfer ist für dich bereit

Und drängt sich wagend zu der furchtbarn Probe.

Sei gütig gegen mich--Doch, Barak, sprich!

Ich werde doch im Divan, eh' ich sterbe,

Das Urbild selbst von diesen Reizen sehn?

(Indem sieht man die fürchterliche Larve eines Nachrichters

sich über dem Stadtthor erheben und einen neuen Kopf über

demselben aufpflanzen.--Der vorige Schall verstimmter Trommeln

begleitet diese Handlung.)

Barak. Ach, sehet, sehet, theurer Prinz, und schaudert!

Dies ist das Haupt des unglücksel'gen Jünglings--

Wie es Euch anstarrt! Und dieselben Hände,

Die es dort aufgepflanzt, erwarten Euch.

O, kehret um! Kehrt um! Nicht möglich ist's,

Die Räthsel dieser Löwin aufzulösen.

Ich seh' im Geist schon Euer theures Haupt,

Ein Warnungszeichen allen Jünglingen,

In dieser furchtbarn Reihe sich erheben.

Kalaf (hat das aufgesteckte Haupt mit Nachdenken und Rührung

betrachtet).

Verlorner Jüngling! Welche dunkle Macht

Reißt mich geheimnißvoll, unwiderstehlich

Hinauf in deine tödtliche Gesellschaft?

(Er bleibt nachsinnend stehen; dann wendet er sich zu Barak.)

--Wozu die Thränen, Barak? Hast du mich

Nicht einmal schon für todt beweint? Komm, komm!

Entdecke keiner Seele, wer ich bin.

Vielleicht--wer weiß, ob nicht der Himmel, satt,

Mich zu verfolgen, mein Beginnen segnet

Und meinen armen Eltern Trost verleiht.

Wo nicht--Was hat ein Elender zu wagen?

Für deine Liebe will ich dankbar sein,

Wenn ich die Räthsel löse--Lebe wohl!

(Er will gehen, Barak hält ihn zurück, unterdessen kommt Skirina,

Baraks Weib, aus dem Hause.)

Barak. Nein, nimmermehr! Komm mir zu Hilfe, Frau!

Laß ihn nicht weg--Er geht, er ist verloren,

Der theure Fremdling geht, er will es wagen,

Die Räthsel dieser Furie zu lösen.

Vierter Auftritt.

Skirina zu den Vorigen.

Skirina (tritt ihm in den Weg).

O weh! Was hör' ich? Seid Ihr nicht mein Gast?

Was treibt den zarten Jüngling in den Tod?

Kalaf. Hier, gute Mutter! Dieses Götterbild

Ruft mich zu meinem Schicksal. (Zeigt ihr das Bildnis.)

Skirina. Wehe mir!

Wie kam das höll'sche Bild in seine Hand?

Barak. Durch bloßen Zufall.

Kalaf (tritt zwischen Beide). Hassan! Gute Frau!

Zum Dank für Eure Gastfreundschaft behaltet

Mein Pferd! Auch diese Börse nehmet hin!

Sie ist mein ganzer Reichthum--Ich--ich brauche

Fortan nichts weiter--denn ich komm' entweder

Reich wie ein Kaiser oder--nie zurück!

--Wollt Ihr, so opfert einen Theil davon

Den ew'gen Göttern, theilt den Armen aus,

Damit sie Glück auf mich herab erflehen;

Lebt wohl--Ich muß in mein Verhängniß gehen! (Er eilt in die Stadt.)

Fünfter Auftritt.

Barak und Skirina.

Barak (will ihm folgen)

Mein Herr! Mein armer Herr! Umsonst! Er geht!

Er hört mich nicht!

Skirina (neugierig). Dein Herr? Du kennst ihn also?

O, sprich, wer ist der edelherz'ge Fremdling,

Der sich dem Tode weiht?

Barak. Laß diese Neugier!

Er ist geboren mit so hohem Geist,

Daß ich nicht ganz an dem Erfolg verzweifle.

--Komm, Skirina. All dieses Gold laß uns

Und Alles, was wir Eigenes besitzen,

Dem Fohi opfern und den Armen spenden!

Gebete sollen sie für ihn gen Himmel senden

Und sollen wund sich knien an den Altären,

Bis die erweichten Götter sie erhören!

(Sie gehen nach ihrem Hause.)

Zweiter Aufzug.

Großer Saal des Divans, mit zwei Pforten, davon die eine zu den

Zimmern des Kaisers, die andere ins Serail der Prinzessin Turandot

führt.

Erster Auftritt.

Truffaldin, als Anführer der Verschnittenen, steht gravitätisch

in der Mitte der Scene und befiehlt seinen Schwarzen, welche

beschäftigt sind, den Saal in Ordnung zu bringen. Bald darauf

Brigella.

Truffaldin. Frisch an das Werk! Rührt euch! Gleich wird der Divan

Beisammen sein.--Die Teppiche gelegt,

Die Throne aufgerichtet! Hier zur Rechten

Kommt kaiserliche Majestät, links meine

Scharmante Hoheit, die Prinzeß, zu sitzen!

Brigella (kommt und sieht sich verwundernd um).

Mein! Sagt mir, Truffaldin, was gibt's denn Neues,

Daß man den Divan schmückt in solcher Eile?

Truffaldin (ohne auf ihn zu hören--zu den Schwarzen).

Acht Sessel dorthin für die Herrn Doktoren!

Sie haben hier zwar nicht viel zu dotieren;

Doch müssen sie, weil's was Gelehrtes gibt,

Mit ihren langen Bärten figurieren.

Brigella. So redet doch! Warum, wozu das alles?

Truffaldin. Warum? Wozu? Weil sich die Majestät

Und meine schöne Königin, mit sammt

Den acht Doktoren und den Excellenzen,

Sogleich im Divan hier versammeln werden.

's hat sich ein neuer, frischer Prinz gemeldet,

Den's juckt, um einen Kopf sich zu verkürzen.

Brigella. Was? Nicht drei Stunden sind's, daß man den letzten

Hat abgethan--

Truffaldin. Ja, Gott sei Dank! Es geht

Von statten! die Geschäfte gehen gut.

Brigella. Und dabei könnt Ihr scherzen, roher Kerl!

Euch freut wohl das barbarische Gemetzel?

Truffaldin. Warum soll mich's nicht freuen? Setzt's doch immer

Für meinen Schnabel was, wenn so ein Neuer

Die große Reise macht--denn jedesmal,

Daß meine Hoheit an der Hochzeitklippe

Vorbeischifft, gibt's im Harem Hochzeitkuchen.

Das ist einmal der Brauch, wir thun's nicht anders:

So viele Köpfe, so viel Feiertage!

Brigella. Das sind mir heillos niederträchtige

Gesinnungen, so schwarz, wie Eure Larve.

Man sieht's Euch an, daß Ihr ein Halbmann seid,

Ein schmutziger Eunuch!--Ein Mensch, ich meine

Einer, der ganz ist, hat ein menschlich Herz

Im Leib und fühlt Erbarmen.

Truffaldin. Was! Erbarmen!

Es heißt kein Mensch die Prinzen ihren Hals

Nach Peckin tragen, Niemand ruft sie her.

Sind sie freiwillig solche Tollhausnarren,

Mögen sie's haben! Auf dem Stadtthor steht's

Mit blut'gen Köpfen leserlich geschrieben,

Was hier zu holen ist--Wir nehmen Keinem

Den Kopf, der einen mitgebracht. Der hat

Ihn schon verloren, längst, der ihn hier setzt!

Brigella. Ein saubrer Einfall, den galanten Prinzen,

Die ihr die Ehr' anthun und um sie werben,

Drei Räthsel aufzugeben und, wenn's einer

Nicht auf der Stelle trifft, ihn abzuschlachten!

Truffaldin. Mit nichten, Freund! Das ist ein prächtiger,

Exzellenter Einfall!--Werben kann ein Jeder;

Es ist nichts leichter, als aufs Freien reisen.

Man lebt auf fremde Kosten, thut sich gütlich,

Legt sich dem künft'gen Schwäher in das Haus,

Und mancher jüngre Sohn und Krippenreiter,

Der alle seine Staaten mit sich führt

Im Mantelsack, lebt bloß vom Körbeholen.

Es war nicht anders hier, als wie ein großes

Wirthshaus von Prinzen und von Abenteurern,

Die um die reiche Kaisertochter freiten;

Denn auch der Schlechtste dünkt sich gut genug,

Die Hände nach der Schönsten auszustrecken.

Es war wie eine Freikomödie,

Wo Alles kommt, bis meine Königin

Auf den scharmanten Einfall kam, das Haus

In vier und zwanzig Stunden rein zu machen.

--Eine andre hätte ihre Liebeswerber

Auf blutig schwere Abenteuer aus-

Gesendet, sich mit Riesen 'rum zu schlagen,

Dem Schach zu Babel, wenn er Tafel hält,

Drei Backenzähne höflich auszuziehen,

Das tanzende Wasser und den singenden Baum

Zu holen und den Vogel, welcher redet--

Nichts von dem allem! Räthsel haben ihr

Beliebt! Drei zierlich wohlgesetzte Fragen!

Man kann dabei bequem und säuberlich

In warmer Stube sitzen, und kein Schuh

Wird naß! Der Degen kommt nicht aus der Scheide,

Der Witz, der Scharfsinn aber muß heraus.

--Brigella, die versteht's! Die hat's gefunden,

Wie man die Narren sich vom Leibe hält!

Brigella. 's kann Einer ein rechtschaffner Kavalier

Und Ehmann sein und doch die spitz'gen Dinger,

Die Räthsel, just nicht handzuhaben wissen.

Truffaldin. Da siehst du, Kamerad, wie gut und ehrlich

Es die Prinzeß mit ihrem Freier meint,

Daß sie die Räthsel vor der Hochzeit aufgibt.

Nachher war's noch viel schlimmer. Löst er sie

Jetzt nicht, ei nun, so kommt er schnell und kurz

Mit einem frischen Gnadenhieb davon.

Doch, wer die stachelichten Räthsel nicht

Auflöst, die seine Frau ihm in der Eh'

Aufgibt, der ist verlesen und verloren!

Brigella. Ihr seid ein Narr, mit Euch ist nicht zu reden.

--So mögen's denn meintwegen Räthsel sein,

Wenn sie einmal die Wuth hat, ihren Witz

Zu zeigen--Aber muß sie denn die Prinzen

Just köpfen lassen, die nicht sinnreich gnug

Für ihre Räthsel sind--Das ist ja ganz

Barbarisch, rasend toll und unvernünftig.

Wo hat man je gehört, daß man den Leuten

Den Hals abschneidet, weil sie schwer begreifen?

Truffaldin. Und wie, du Schafskopf, will sie sich der Narren

Erwehren, die sich klug zu sein bedünken,

Wenn weiter nichts dabei zu wagen ist,

Als einmal sich im Divan zu beschimpfen?

Auf die Gefahr hin, sich zu prostituieren

Mit heiler Haut, läuft Jeder auf dem Eis.

Wer fürchtet sich vor Räthseln? Räthsel sind's

Gerad, was man fürs Leben gern mag hören.

Das hieß' den Köder statt des Popanz's brauchen.

Und wäre man auch wegen der Prinzessin

Und ihres vielen Gelds daheim geblieben,

So würde man der Räthsel wegen kommen.

Denn Jedem ist sein Scharfsinn und sein Witz

Am Ende lieber, als die schönste Frau!

Brigella. Was aber kommt bei diesem ganzen Spiel

Heraus, als daß sie sitzen bleibt? Kein Mann,

Der seine Ruh liebt und bei Sinnen ist,

Wird so ein spitz'ges Nadelkissen nehmen.

Truffaldin. Das große Unglück, keinen Mann zu kriegen!

(Man hört einen Marsch in der Ferne.)

Brigella. Der Kaiser kommt.

Truffaldin. Marsch ihr in eure Küche!

Ich gehe, meine Hoheit herzuholen. (Gehen ab zu verschiedenen Seiten.)

Zweiter Auftritt.

Ein Zug von Soldaten und Spielleuten. Darauf acht Doctoren,

pedantisch herausstaffiert; alsdann Pantalon und Tartaglia,

beide in Charaktermasken. Zuletzt der Großkhan Altoum in

chinesischem Geschmack mit einiger Übertreibung gekleidet.

Pantalon und Tartaglia stellen sich dem kaiserlichen Thron

gegenüber, die acht Doctoren in den Hintergrund, das übrige

Gefolge auf die Seite, wo der kaiserliche Thron ist. Beim

Eintritt des Kaisers werfen sich alle mit ihren Stirnen auf

die Erde und verharren in dieser Stellung bis er den Thron

bestiegen hat. Die Doktoren nehmen auf ihren Stühlen Platz.

Auf einen Wink, den Pantalon gibt, schweigt der Marsch.

Altoum. Wann, treue Diener, wird mein Jammer enden?

Kaum ist der edle Prinz von Samarcand

Begraben, unsre Thränen fließen noch,

Und schon ein neues Todesopfer naht,

Mein blutend Herz von neuem zu verwunden.

Grausame Tochter! Mir zur Qual geboren!

Was hilft's, daß ich den Augenblick verfluche,

Da ich auf das barbarische Gesetz

Dem furchtbaren Fohi den Schwur gethan.

Nicht brechen darf ich meinen Schwur, nicht rühren

Läßt sich die Tochter, nicht zu schrecken sind

Die Freier! Nirgends Rath in meinem Unglück!

Pantalon. Rath, Majestät? Hat sich da was zu rathen!

Bei mir zu Hause, in der Christen Land,

In meiner lieben Vaterstadt Venedig,

Schwört man auf solche Mordgesetze nicht,

Man weiß nichts von so närrischen Mandaten.

Da hat man gar kein Beispiel und Exempel,

Daß sich die Herrn in Bilderchen vergafft

Und ihren Hals gewagt für ihre Mädchen.

Kein Frauensmensch bei uns geboren wird,

Wie Dame Kieselstein, die alle Männer

Verschworen hätte--Gott soll uns bewahren!

Das fiel uns auch im Traum nicht ein. Als ich

Daheim noch war, in meinen jungen Jahren,

Eh mich die Ehrensache, wie Ihr wißt,

Von Hause trieb und meine guten Sterne

An meines Kaisers Hof hieher geführt,

Wo ich als Kanzler mich jetzt wohl befinde,

Da wußt' ich nichts von China, als es sei

Ein trefflichs Pulver gegen's kalte Fieber.

Und jetzt erstaun' ich über alle Maßen,

Daß ich so curiöse Bräuche hier

Vorfinde, so curjose Schwüre und Gesetze

Und so curjose Fraun und Herrn.

Erzählt' ich in Europa diese Sachen,

Sie würden mir unter die Nase lachen.

Altoum. Tartaglia, habt Ihr den neuen Wagehals

Besucht?

Tartaglia. Ja, Majestät. Er hat den Flügel

Des Kaiserschlosses inn', den man gewöhnlich

Den fremden Prinzen anzuweisen pflegt.

Ich bin entzückt von seiner angenehmen

Gestalt und seinen prinzlichen Manieren.

's ist Jammerschade um das junge Blut,

Daß man es auf die Schlachtbank führen soll.

's Herz bricht mir! Ein so angenehmes Prinzchen!

Ich bin verliebt in ihn. Weiß Gott! Ich sah

In meinem Leben keinen hübschern Buben!

Altoum. Unseliges Gesetz! Verhaßter Schwur!

--Die Opfer sind dem Fohi doch gebracht,

Daß er dem Unglückseligen sein Licht

Verleihe, diese Räthsel zu ergründen!

Ach, nimmer geb' ich dieser Hoffnung Raum!

Pantalon. An Opfern, Majestät, ward nichts gespart.

Dreihundert fette Ochsen haben wir

Dem Tien dargebracht, dreihundert Pferde

Der Sonne und dem Mond dreihundert Schweine.

Altoum. So ruft ihn denn vor unser Angesicht!

(Ein Theil des Gefolges entfernt sich.)

--Man such' ihm seinen Vorsatz auszureden.

Und ihr, gelehrte Lichter meines Divans,

Kommt mir zu Hilfe--nehmt das Wort für mich,

Laßt' s nicht an Gründen fehlen, wenn mir selbst

Der Schmerz die Zunge bindet.

Pantalon. Majestät!

Wir werden unsern alten Witz nicht sparen,

Den wir in langen Jahren eingebracht.

Was hilft's? Wir predigen und sprechen uns

Die Lungen heiser, und er läßt sich eben

Den Hals abstechen, wie ein wälsches Huhn.

Tartaglia. Mit Eurer Gunst, Herr Kanzler Pantalon!

Ich habe Scharfsinn und Verstand bei ihm

Bemerkt, wer weiß!--Ich will nicht ganz verzagen.

Pantalon. Die Räthsel dieser Schlange sollt' er lösen?

Nein, nimmermehr!

Dritter Auftritt.

Die Vorigen. Kalaf, von einer Wache begleitet. Er kniet vor

dem Kaiser nieder, die Hand auf der Stirn.

Altoum (nachdem er ihn eine Zeit lang betrachtet).

Steh auf, unkluger Jüngling!

(Kalaf steht auf und stellt sich mit edelm Anstand in die

Mitte des Divans.)

--Die reizende Gestalt! Der edle Anstand!

Wie mir's ans Herz greift!--Sprich, Unglücklicher!

Wer bist du? Welches Land gab dir das Leben?

Kalaf (schweigt einen Augenblick verlegen, dann mit einer

edeln Verbeugung). Monarch, vergönne, daß ich meinen Namen

Verschweige.

Altoum. Wie? Mit welcher Stirn darfst du,

Ein unbekannter Fremdling, namenlos,

Um unsre kaiserliche Tochter werben?

Kalaf. Ich bin von königlichem Blut, ein Prinz, geboren.

Verhängt der Himmel meinen Tod, so soll

Mein Name, mein Geschlecht, mein Vaterland

Kund werden, eh' ich sterbe, daß die Welt

Erfahre, nicht unwürdig hab' ich mich

Des Bundes angemaßt mit deiner Tochter.

Für jetzt geruhe meines Kaisers Gnade

Mich unerkannt zu lassen.

Altoum. Welcher Adel

In seinen Worten! Wie beklag' ich ihn!

--Doch wie, wenn du die Räthsel nun gelöst,

Und nicht von würd'ger Herkunft--

Kalaf. Das Gesetz,

Monarch, ist nur für Könige geschrieben.

Verleihe mir der Himmel, daß ich siege,

Und dann, wenn ich unköniglichen Stamms

Erfunden werde, soll mein fallend Haupt

Die Schuld der kühnen Anmaßung bezahlen,

Und unbeerdigt liege mein Gebein,

Der Krähen Beute und der wilden Thiere.

Schon eine Seele lebt in dieser Stadt,

Die meinen Stand und Namen kann bezeugen.

Für jetzt geruhe meines Kaisers Gnade

Mich unerkannt zu lassen.

Altoum. Wohl! Es sei!

Dem Adel deiner Mienen, deiner Worte,

Holdsel'ger Jüngling, kann ich Glauben nicht,

Gewährung nicht versagen--Mögst auch du

Geneigt sein, einem Kaiser zu willfahren,

Der hoch von seinem Thron herab dich fleht!

Entweiche, o entweiche der Gefahr,

Der du verblendet willst entgegen stürzen,

Steh ab und fordre meines Reiches Hälfte!

So mächtig spricht's für dich in meiner Brust,

Daß ich dir gleichen Theil an meinem Thron

Auch ohne meiner Tochter Hand verspreche.

O, zwinge du mich nicht, Tyrann zu sein!

Schon schwer genug drückt mich der Völker Fluch,

Das Blut der Prinzen, die ich hingeopfert;

Drum, wenn das eigne Unglück dich nicht rührt,

Laß meines dich erbarmen! Spare mir

Den Jammer, deine Leiche zu beweinen,

Die Tochter zu verfluchen und mich selbst,

Der die Verderbliche gezeugt, die Plage

Der Welt, die bittre Quelle meiner Thränen!

Kalaf. Beruhige dich, Sire! Der Himmel weiß,

Wie ich im tiefsten Herzen dich beklage.

Nicht, wahrlich, von so mildgesinntem Vater

Hat Turandot Unmenschlichkeit geerbt.

Du hast nicht Schuld, es wäre denn Verbrechen,

Sein Kind zu lieben und das Götterbild,

Das uns bezaubert und uns selbst entrückt,

Der Welt geschenkt zu haben--Deine Großmuth

Spar' einem Glücklicheren auf. Ich bin

Nicht würdig, Sire, dein Reich mit dir zu theilen.

Entweder ist's der Götter Schluß und Rath,

Durch den Besitz der himmlischen Prinzessin

Mich zu beglücken--oder enden soll

Dies Leben, ohne sie mir eine Last!

Tod oder Turandot! Es gibt kein Drittes.

Pantalon. Ei, sagt mir, liebe Hoheit! Habt Ihr Euch

Die Köpfe überm Stadtthor wohl besehn?

Mehr sag' ich nicht. Was, Herr, in aller Welt

Treibt Euch, aus fernen Landen herzukommen

Und Euch frisch weg, wie Ihr vom Pferd gestiegen,

Mir nichts, dir nichts, wie einen Ziegenbock

Abthun zu lassen? Dame Turandot,

Das seid gewiß, dreht Euch drei Räthselchen,

Daran die sieben Weisen Griechenlands,

Mit sammt den siebenzig Dolmetschern sich

Die Nägel Jahre lang umsonst zerkauten.

Wir selbst, so alte Practici und grau

Geworden über Büchern, haben Noth,

Das Tiefe dieser Räthsel zu ergründen.

Es sind nicht Räthsel aus dem Kinderfreund,

Nicht solches Zeug, wie das:

"Wer's sieht, für den ist's nicht bestellt,

"Wer's braucht, der zahlt dafür kein Geld,

"Wer's macht, der will's nicht selbst ausfüllen,

"Wer's bewohnt, der thut es nicht mit Willen,"

Nein, es sind Räthsel von dem neusten Schnitt,

Und sind verfluchte Nüsse aufzuknacken.

Und wenn die Antwort nicht zum guten Glück

Auf dem Papier, das man den Herrn Doktoren

Versiegelt übergibt, geschrieben stünde,

Sie möchten's auch mit allem ihrem Witz

In einem Säculum nicht ausstudieren.

Darum, Herr Milchbart, zieht in Frieden heim!

Ihr jammert mich, seid ein so junges Blut,

Und Schade wär's um Eure schönen Haare.

Beharrt Ihr aber drauf, so steht ein Rettich

Des Gärtners fester, Herr, als Euer Kopf.

Kalaf. Ihr sprecht verlorne Worte, guter Alter.

Tod oder Turandot!

Tartaglia (stotternd). Tu--Turandot!

Zum Henker, welcher Steifsinn und Verblendung!

Hier spielt man nicht um wälsche Nüsse, Herr,

Noch um Kastanien--'s ist um den Kopf

Zu thun--den Kopf--bedenkt das wohl! Ich will

Sonst keinen Grund anführen als den einen;

Er ist nicht klein--den Kopf! Es gilt den Kopf.

Die Majestät höchstselbst, auf ihrem Thron,

Läßt sich herab, Euch väterlich zu warnen

Und abzurathen--Dreihundert Pferde sind

Der Sonne dargebracht, dreihundert Ochsen

Dem höchsten Himmelsgott, dreihundert Kühe

Den Sternen und dem Mond dreihundert Schweine.

Und Ihr seid störrig gnug und undankbar,

Das kaiserliche Herz so zu betrüben?

Wär' überall auch keine andre Dame

Mehr in der Welt, als diese Turandot,

Blieb's immer doch ein loser Streich von Euch,

Nehmt mir's nicht übel, junger Herr. Es ist,

Weiß Gott! die pure Liebe und Erbarmniß,

Die mich so frei läßt von der Leber sprechen.

Den Kopf verlieren! Wißt Ihr, was das heißt?

Es ist nicht möglich--

Kalaf. So in Wind zu reden!

Ihr habt in Wind gesprochen, alter Meister!

Tod oder Turandot!

Altoum. Nun denn, so hab' es!

Verderbe dich, und mich stürz' in Verzweiflung! (Zu der Wache)

Man geh' und rufe meine Tochter her. (Wache geht hinaus.)

Sie kann sich heut am zweiten Opfer weiden.

Kalaf (gegen die Thüre gewendet, in heftiger Bewegung).

Sie kommt! Ich soll sie sehen! Ew'ge Mächte,

Das ist der große Augenblick! O, stärket

Mein Herz, daß mich der Anblick nicht verwirre,

Des Geistes Helle nicht mit Nacht umgebe!

Ich fürchte keine als der Schönheit Macht.

Ihr Götter, gebt, daß ich mir selbst nicht fehle!

Ihr seht es, meine Seele wankt; Erwartung

Durchzittert mein Gebein und schnürt das Herz

Mir in der Brust zusammen.--Weise Richter

Des Divans! Richter über meine Tage!

O, zeiht mich nicht strafbaren Übermuths,

Daß ich das Schicksal zu versuchen wage!

Bedauert mich! Beweint den Unglücksvollen!

Ich habe hier kein Wählen und kein Wollen!

Unwiderstehlich zwingend reißt es mich

Von hinnen, es ist mächtiger, als ich.

Vierter Auftritt.

Man hört einen Marsch.

Truffaldin tritt auf, den Säbel an der Schulter, die Schwarzen

hinter ihm, darauf mehrere Sklavinnen, die zu den Trommeln

accompagnieren. Nach diesen Adelma und Zelima, jene in tartarischem

Anzug, beide verschleiert. Zelina trägt einen Schüssel mit

versiegelten Papieren. Truffaldin und seine Schwarzen werfen

sich im Vorbeiziehen vor dem Kaiser mit der Stirn auf die Erde

und stehen sogleich wieder auf; die Sklavinnen knieen nieder mit

der Hand auf der Stirn. Zuletzt erscheint Turandot verschleiert,

in reicher chinesischer Kleidung. majestätisch und stolz. Die

Räthe und Doctoren werfen sich vor ihr mit dem Angesicht auf die

Erde. Altoum steht auf; die Prinzessin macht ihm, die Hand auf der

Stirn, eine abgemessene Verbeugung, steigt dann auf ihren Thron und

setzt sich. Zelima und Adelma nehmen zu ihren beiden Seiten Platz,

und die letztere den Zuschauern am nächsten. Truffaldin nimmt der

Zelima die Schlüssel ab und vertheilt unter lächerlichen Ceremonien

die Zettel unter die acht Doctoren. Darauf entfernt er sich mit

denselben Verbeugungen, wie am Anfang, und der Marsch hört auf.

Turandot (nach einer langen Pause).

Wer ist's, der sich aufs Neu vermessen schmeichelt,

Nach so viel kläglich warnender Erfahrung,

In meine tiefen Räthsel einzudringen!

Der, seines eignen Lebens Feind, die Zahl

Der Todesopfer zu vermehren kommt!

Altoum (zeigt auf Kalaf. der erstaunt in der Mitte des Divans steht).

Der ist es, Tochter--würdig wohl ist er's,

Daß du freiwillig zum Gemahl ihn wählest,

Ohn' ihn der furchtbarn Probe auszusetzen

Und neue Trauer diesem Land, dem Herzen

Des Vaters neue Stacheln zu bereiten.

Turandot (nachdem sie ihn eine Zeit lang betrachtet, leise zur Zelima).

O Himmel! Wie geschieht mir, Zelima!

Zelima. Was ist dir, Königin?

Turandot. Noch Keiner trat

Im Divan auf, der dieses Herz zu rühren

Verstanden hätte. Dieser weiß die Kunst.

Zelima. Drei leichte Räthsel denn, und Stolz--fahr hin!

Turandot. Was sagst du? Wie, Verwegne? Meine Ehre?

Adelma (hat während dieser Rede den Prinzen mit höchstem

Erstaunen betrachtet, für sich).

Täuscht mich ein Traum? Was seh' ich, große Götter!

Er ist's, der schöne Jüngling ist's, den ich

Am Hofe meines Vaters Keicobad

Als niedern Knecht gesehn!--Er war ein Prinz!

Ein Königssohn! Wohl sagte mir's mein Herz;

O, meine Ahnung hat mich nicht betrogen!

Turandot. Prinz, noch ist's Zeit. Gebt das verwegene

Beginnen auf! Gebt's auf! Weicht aus dem Divan!

Der Himmel weiß, daß jene Zungen lügen,

Die mich der Härte zeihn und Grausamkeit.

--Ich bin nicht grausam. Frei nur will ich leben;

Bloß keines Andern will ich sein; dies Recht,

Das auch dem allerniedrigsten der Menschen

Im Leib der Mutter anerschaffen ist,

Will ich behaupten, eines Kaisers Tochter.

Ich sehe durch ganz Asien das Weib

Erniedrigt und zum Sklavenjoch verdammt,

Und rächen will ich mein beleidigtes Geschlecht

An diesem stolzen Männervolke, dem

Kein andrer Vorzug vor dem zärtern Weibe

Als rohe Stärke ward. Zur Waffe gab

Natur mir den erfindenden Verstand

Und Scharfsinn, meine Freiheit zu beschützen.

--Ich will nun einmal von dem Mann nichts wissen,

Ich hass' ihn, ich verachte seinen Stolz

Und Übermuth--Nach allem Köstlichen

Streckt er begehrlich seine Hände aus;

Was seinem Sinn gefällt, will er besitzen.

Hat die Natur mit Reizen mich geschmückt,

Mit Geist begabt--warum ist's denn das Loos

Des Edeln in der Welt, daß es allein

Des Jägers wilde Jagd nur reizt, wenn das Gemeine

In seinem Unwerth ruhig sich verbirgt?

Muß denn die Schönheit eine Beute sein

Für Einen? Sie ist frei, so wie die Sonne,

Die allbeglückend herrliche, am Himmel,

Der Quell des Lichts, die Freude aller Augen,

Doch Keines Sklavin und Leibeigenthum.

Kalaf. So hoher Sinn, so seltner Geistesadel

In dieser göttlichen Gestalt! Wer darf

Den Jüngling schelten, der sein Leben

Für solchen Kampfpreis freudig setzt!--Wagt doch

Der Kaufmann um geringe Güter Schiff

Und Mannschaft an ein wildes Element;

Es jagt der Held dem Schattenbild des Ruhms

Durchs blut'ge Feld des Todes nach--Und nur

Die Schönheit wär' gefahrlos zu erwerben,

Die aller Güter erstes, höchstes ist?

Ich also zeih' Euch keiner Grausamkeit;

Doch nennt auch Ihr den Jüngling nicht verwegen

Und haßt ihn nicht, weil er mit glühnder Seele

Nach dem Unschätzbaren zu streben wagt!

Ihr selber habt ihm seinen Preis gesetzt,

Womit es zu erkaufen ist--die Schranken

Sind offen für den Würdigen--Ich bin

Ein Prinz, ich hab' ein Leben dran zu wagen.

Kein Leben zwar des Glücks; doch ist's mein Alles,

Und hätt' ich's tausendmal, ich gäb' es hin.

Zelima (leise zu Turandot).

Hört Ihr, Prinzessin? Um der Götter willen!

Drei leichte Räthsel! Er verdient's.

Adelma. Wie edel! Welche Liebenswürdigkeit!

O, daß er mein sein könnte! Hätt' ich damals

Gewußt, daß er ein Prinz geboren sei,

Als ich der süßen Freiheit mich noch freute!

--O, welche Liebe flammt in meiner Brust,

Seitdem ich ihn mir ebenbürtig weiß!

--Muth, Muth, mein Herz! Ich muß ihn noch besitzen.

(Zu Turandot.)

Prinzessin! Ihr verwirret Euch! Ihr schweigt!

Bedenket Euren Ruhm! Es gilt die Ehre!

Turandot. Und er allein riss' mich zum Mitleid hin?

Nein. Turandot, du mußt dich selbst besiegen.

--Verwegener, wohlan! Macht Euch bereit!

Altoum. Prinz, Ihr beharrt noch?

Kalaf. Sire! ich wiederhol' es:

Tod oder Turandot! (Pantalon und Tartaglia geberden sich ungeduldig.)

Altoum. So lese man

Das blutige Mandat. Er hör's und zittre!

(Tartaglia nimmt das Gesetzbuch aus dem Busen, küßt es, legt es

sich auf die Brust, hernach auf die Stirn, dann überreicht er's

dem Pantalon.)

Pantalon (empfängt das Gesetzbuch, nachdem er sich mit der Stirn

auf die Erde geworfen, steht auf und liest dann mit lauter Stimme.)

"Es kann sich jeder Prinz um Turandot bewerben,

"Doch erst drei Räthsel legt die Königin ihm vor.

"Löst er sie nicht, muß er vom Beile sterben,

"Und schaugetragen wird sein Haupt auf Peckins Thor.

"Löst er die Räthsel auf hat er die Braut gewonnen.

"So lautet das Gesetz. Wir schwören's bei der Sonnen."

(Nach geendigter Vorlesung küßt er das Buch, legt es sich auf

die Brust und Stirn und überreicht es dem Tartaglia, der sich

mit der Stirn auf die Erde wirft, es empfängt und dem Altoum

präsentiert.)

Altoum (hebt die rechte Hand empor und legt sie auf das Buch).

O Blutgesetz! du meine Qual und Pein!

Ich schwör's bei Fohis Haupt, du sollst vollzogen sein.

(Tartaglia steckt das Buch wieder in den Busen, es herrscht eine

lange Stille.)

Turandot (in declamatorischem Ton, aufstehend).

Der Baum, auf dem die Kinder

Der Sterblichen verblühn,

Steinalt, nichts desto minder

Stets wieder jung und grün;

Er kehrt auf einer Seite

Die Blätter zu dem Licht;

Doch kohlschwarz ist die zweite

Und sieht die Sonne nicht.

Er setzet neue Ringe,

So oft er blühet, an.

Das Alter aller Dinge

Zeigt er den Menschen an.

In seine grüne Rinden

Drückt sich ein Name leicht,

Der nicht mehr ist zu finden,

Wenn sie verdorrt und bleicht.

So sprich, kannst du's ergründen,

Was diesem Baume gleicht? (Sie setzt sich wieder).

Kalaf (nachdem er eine Zeitlang nachdenkend in die Höhe gesehen,

verbeug sich gegen die Prinzessin).

Zu glücklich, Königin, ist Euer Sklav,

Wenn keine dunklern Räthsel auf ihn warten.

Dieser alte Baum, der immer sich erneut,

Auf dem die Menschen wachsen und verblühen,

Und dessen Blätter auf der einen Seite

Die Sonne suchen, auf der andern fliehen,

In dessen Rinde sich so mancher Name schreibt,

Der nur, so lang sie grün ist, bleibt.

--Er ist--das Jahr mit seinen Tagen und Nächten.

Pantalon (freudig).

Tartaglia! Getroffen!

Tartaglia. Auf ein Haar!

Doctoren (erbrechen ihre Zettel).

Optime! Optime! Optime! das Jahr, das

Jahr, das Jahr! Es ist das Jahr. (Musik fällt ein.)

Altoum (freudig). Der Götter Gnade sei mit dir, mein Sohn,

Und helfe dir auch durch die andern Räthsel!

Zelima (bei Seite).

O Himmel, schütz' ihn!

Adelma (gegen die Zuschauer). Himmel, schütz' ihn nicht!

Laß nicht geschehn, daß ihn die Grausame

Gewinne, und die Liebende verliere!

Turandot (entrüstet, für sich).

Er sollte siegen? Mir den Ruhm entreißen?

Nein, bei den Göttern! (Zu Kalaf.) Selbstzufriedner Thor!

Frohlocke nicht zu früh! Merk' auf und löse!

(Steht wieder auf und fährt in declamatorischem Tone fort.)

Kennst du das Bild auf zartem Grunde?

Es gibt sich selber Licht und Glanz.

Ein andres ist's zu jeder Stunde,

Und immer ist es frisch und ganz.

Im engsten Raum ist's ausgeführt,

Der kleinste Rahmen faßt es ein;

Doch alle Größe, die dich rühret,

kennst du durch dieses Bild allein.

Und kannst du den Krystall mir nennen?

Ihm gleicht an Werth kein Edelstein;

Er leuchtet, ohne je zu brennen,

Das ganze Weltall saugt er ein.

Der Himmel selbst ist abgemalet

In seinem wundervollen Ring;

Und doch ist, was er von sich strahlet,

Oft schöner, als was er empfing.

Kalaf (nach einem kurzen Nachdenken, sich gegen die

Prinzessin verbeugend).

Zürnt nicht, erhabne Schöne, daß ich mich

Erdreiste, Eure Räthsel aufzulösen.

--Dies zarte Bild, das, in den kleinsten Rahmen

Gefaßt, das Unermeßliche uns zeigt,

Und der Krystall, in dem dies Bild sich malt

Und der noch Schönres von sich strahlt--

Er ist das Aug, in das die Welt sich drückt,

Dein Auge ist's, wenn es mir Liebe blickt.

Pantalon (springt freudig auf).

Tartaglia! Mein' Seel! Ins schwarze Fleck

Geschossen.

Tartaglia. Mitten hinein, so wahr ich lebe!

Doctoren (haben die Zettel eröffnet).

Optime! Optime! Optime! Das Auge, das Auge,

Es ist das Auge. (Musik fällt ein.)

Altoum. Welch unverhofftes Glück! Ihr güt'gen Götter!

O, laßt ihn auch das letzte Ziel noch treffen!

Zelima (bei Seite). O, wäre dies das letzte!

Adelma (gegen die Zuschauer).

Weh mir. Er siegt! Er ist für mich verloren! (Zu Turandot.)

Prinzessin, Euer Ruhm ist hin! Könnt Ihr's

Ertragen? Eure vor'gen Siege alle

Verschlingt ein einz'ger Augenblick.

Turandot (steht auf in heftigem Zorn). Eh soll

Die Welt zu Grunde gehn! Verwegner, wisse!

Ich hasse dich nur desto mehr, je mehr

Du hoffst mich zu besiegen, zu besitzen.

Erwarte nicht das letzte Räthsel! Flieh!

Weich aus dem Divan! Rette deine Seele!

Kalaf. Nur Euer Haß ist's, angebetete

Prinzessin, was mich schreckt und ängstiget.

Dies unglücksel'ge Haupt sinkt in den Staub,

Wenn es nicht werth war. Euer Herz zu rühren.

Altoum. Steh ab, geliebter Sohn! Versuche nicht

Die Götter, die dir zweimal günstig waren.

Jetzt kannst du dein gerettet Leben noch,

Gekrönt mit Ehre, aus dem Divan tragen.

Nichts helfen dir zwei Siege, wenn der dritte

Dir, der entscheidende, mißlingt--Je näher

Dem Gipfel, desto schwerer ist der Fall.

--Und du--laß es genug sein, meine Tochter,

Steh ab, ihm neue Räthsel vorzulegen.

Er hat geleistet, was kein andrer Prinz

Vor ihm. Gib ihm die Hand, er ist sie werth,

Und endige die Proben.

(Zelima macht flehende, Adelma drohende Geberden gegen Turandot.)

Turandot. Ihm die Hand?

Die Proben ihm erlassen? Nein, drei Räthsel

Sagt das Gesetz. Es habe seinen Lauf.

Kalaf. Es habe seinen Lauf. Mein Schicksal liegt

In Götterhand. Tod oder Turandot!

Turandot. Tod also! Tod! Hörst du's?

(Sie steht auf und fährt auf die vorige Art zu declamieren fort.)

Wie heißt das Ding, das Wen'ge schätzen,

Doch ziert's des größten Kaisers Hand;

Es ist gemacht, um zu verletzen,

Am nächsten ist's dem Schwert verwandt.

Kein Blut vergießt's und macht doch tausend Wunden,

Niemand beraubt's und macht doch reich,

Es hat den Erdkreis überwunden,

Es macht das Leben sanft und gleich.

Die größten Reiche hat's gegründet,

Die ältsten Städte hat's erbaut;

Doch niemals hat es Krieg entzündet,

Und Heil dem Volk, das ihm vertraut.

Fremdling, kannst du das Ding nicht rathen,

So weich aus diesen blühenden Staaten!

(Mit den letzten Worten reißt sie sich ihren Schleier ab.)

Sieh her und bleibe deiner Sinne Meister!

Stirb oder nenne mir das Ding!

Kalaf (außer sich, hält die Hand vor die Augen).

O Himmelsglanz! O Schönheit, die mich blendet!

Altoum. Gott, er verwirrt sich, er ist außer sich.

Faß dich, mein Sohn! O, sammle deine Sinne!

Zelima (für sich).

Mir bebt das Herz.

Adelma (gegen die Zuschauer). Mein bist du, theurer Fremdling!

Ich rette dich, die Liebe wird mich's lehren.

Pantalon (zu Kalaf).

Um Gotteswillen, nicht den Kopf verloren!

Nehmt Euch zusammen! Herz gefaßt, mein Prinz!

O weh, o weh! Ich fürcht', er ist geliefert.

Tartaglia (gravitätisch für sich).

Ließ' es die Würde zu, wir gingen selbst zur Küche

Nach einem Essigglas.

Turandot (hat den Prinzen, der noch immer außer Fassung

da steht, unverwandt betrachtet).

Unglücklicher!

Du wolltest dein Verderben. Hab' es nun!

Kalaf (hat sich gefaßt und verbeugt sich mit einem ruhigen

Lächeln gegen Turandot).

Nur Eure Schönheit, himmlische Prinzessin,

Die mich auf einmal überraschend, blendend

Umleuchtete, hat mir auf Augenblicke

Den Sinn geraubt. Ich bin nicht überwunden.

Dies Ding von Eisen, das nur Wen'ge schätzen,

Das Chinas Kaiser selbst in seiner Hand

Zu Ehren bringt am ersten Tag des Jahrs,

Dies Werkzeug, das, unschuld'ger als das Schwert,

Dem frommen Fleiß den Erdkreis unterworfen--

Wer träte aus den öden, wüsten Steppen

Der Tartarei, wo nur der Jäger schwärmt,

Der Hirte weidet, in dies blühende Land

Und sähe rings die Saatgefilde grünen

Und hundert volkbelebte Städte steigen,

Von friedlichen Gesetzen still beglückt,

Und ehrte nicht das köstliche Geräthe,

Das allen diesen Segen schuf--den Pflug?

Pantalon. O, sei gebenedeit! Laß dich umhalsen!

Ich halte mich nicht mehr vor Freud' und Jubel.

Tartaglia. Gott segne Eure Majestät! Es ist

Vorbei, und aller Jammer hat ein Ende.

Doctoren (haben die Zettel geöffnet).

Der Pflug, der Pflug! Es ist der Pflug!

(Alle Instrumente fallen ein mit großem Geräusch. Turandot

ist auf ihrem Thron in Ohnmacht gesunken.)

Zelima (Um Turandot beschäftigt).

Blickt auf, Prinzessin! Fasset Euch! Der Sieg

Ist sein; der schöne Prinz hat überwunden.

Adelma (an die Zuschauer).

Der Sieg ist sein! Er ist für mich verloren.

--Nein, nicht verloren! Hoffe noch, mein Herz!

(Altoum ist voll Freude, bedient von Pantalon und Tartaglia,

vom Throne gestiegen. Die Doctoren erheben sich alle von ihren

Sitzen und ziehen sich nach dem Hintergrund. Alle Thüren werden

geöffnet. Man erblickt Volk. Alles dies geschieht, während die

Musik fortdauert.)

Altoum (zu Turandot).

Nun hörst du auf, mein Alter zu betrüben,

Grausames Kind! Genug ist dem Gesetz

Geschehen, alles Unglück hat ein Ende.

--Kommt an mein Herz. geliebter Prinz, mit Freuden

Begrüß' ich Euch als Eidam!

Turandot (ist wieder zu sich gekommen und stürzt in sinnloser

Wuth von ihrem Throne, zwischen beide sich werfend).

Haltet ein!

Er hoffe nicht, mein Ehgemahl zu werden!

Die Probe war zu leicht. Er muß aufs neu'

Im Divan mir drei andre Räthsel lösen.

Man überraschte mich. Mir ward nicht Zeit

Vergönnt, mich zu bereiten, wie ich sollte.

Altoum. Grausame Tochter, deine Frist ist um!

Nicht hoffe mehr, uns listig zu beschwatzen.

Erfüllt ist die Bedingung des Gesetzes,

Mein ganzer Divan soll den Ausspruch thun.

Pantalon. Mit Eurer Gunst, Prinzessin Kieselherz!

Es braucht nicht neue Räthsel zuzuspitzen

Und neue Köpfe abzuhacken--Da!

Hier steht der Mann! Der hat's errathen! Kurz:

Das Gesetz hat seine Endschaft, und das Essen

Steht auf dem Tisch--Was sagt der Herr Collega?

Tartaglia. Das Gesetz ist aus, ganz aus, und damit Punctum.

Was sagen Ihre Würden, die Doctoren?

Doctoren. Das Gesetz ist aus. Das Köpfen hat ein Ende.

Auf Leid folgt Freud. Man gebe sich die Hände.

Altoum. So trete man den Zug zum Tempel an.

Der Fremde nenne sich, und auf der Stelle

Vollziehe man die Trauung--

Turandot (wirft sich ihm in den Weg). Aufschub, Vater!

Um aller Götter willen!

Altoum. Keinen Aufschub!

Ich bin entschlossen. Undankbares Kind!

Schon allzulang zu meiner Schmach und Pein

Willfahr' ich deinem grausamen Begehren.

Dein Urtheil ist gesprochen; mit dem Blut

Von zehen Todesopfern ist's geschrieben,

Die ich um deinetwillen morden ließ.

Mein Wort hab' ich gelöst, nun löse du

Das Deine, oder, bei dem furchtbarn Haupt

Des Fohi sei's geschworen--

Turandot (wirft sich zu seinen Füßen). O mein Vater!

Nur einen neuen Tag vergönnt mir--

Altoum. Nichts!

Ich will nichts weiter hören. Fort zum Tempel!

Turandot (außer sich).

So werde mir der Tempel denn zum Grab!

Ich kann und will nicht seine Gattin sein,

Ich kann es nicht. Eh tausend Tode sterben,

Als diesem stolzen Mann mich unterwerfen,

Der bloße Name schon, schon der Gedanke,

Ihm unterthan zu sein, vernichtet mich.

Kalaf. Grausame, Unerbittliche, steht auf!

Wer könnte Euren Thränen widerstehn? (Zu Altoum.)

Laßt Euch erbitten, Sire! Ich flehe selbst

Darum. Gönnt Ihr den Aufschub, den sie fordert.

Wie könnt' ich glücklich sein, wenn sie mich haßt!

Zu zärtlich lieb' ich sie--Ich kann's nicht tragen,

Ihr Leiden, ihren Schmerz zu sehn--Fühllose!

Wenn dich des treusten Herzens treue Liebe

Nicht rühren kann, wohlan, so triumphiere!

Ich werde nie dein Gatte sein mit Zwang.

O, sähest du in dies zerrißne Herz,

Gewiß, du fühltest Mitleid--Dich gelüstet

Nach meinem Blut? Es sei darum. Verstattet,

Die Probe zu erneuern, Sire--Willkommen

Ist mir der Tod. Ich wünsche nicht zu leben.

Altoum.

Nichts, nichts! Es ist beschlossen. Fort zum Tempel!

Kein anderer Versuch--Unkluger Jüngling!

Turandot (fährt rasend auf).

Zum Tempel denn! Doch am Altar wird Eure Tochter

Zu sterben wissen.

(Sie zieht einen Dolch und will gehen.)

Kalaf. Sterben! Große Götter!

Nein, eh' es dahin kommt--Hört mich, mein Kaiser!

Gönn' Eure Gnade mir die einz'ge Gunst.

--Zum zweitenmal will ich ihr im Divan,

Ich--ihr ein Räthsel aufzulösen geben.

Und dieses ist: Weß Stamms und Namens ist

Der Prinz, der, um das Leben zu erhalten,

Gezwungen ward, als niedrer Knecht zu dienen

Und Lasten um geringen Lohn zu tragen;

Der endlich auf dem Gipfel seiner Hoffnung

Noch unglücksel'ger ist, als je zuvor?

--Grausame Seele! Morgen früh im Divan

Nennt mir des Vaters Namen und des Prinzen.

Vermögt Ihr's nicht--so laßt mein Leiden enden

Und schenkt mir diese theure Hand! Nennt Ihr

Die Namen mir, so mag mein Haupt zum Opfer fallen.

Turandot. Ich bin's zufrieden, Prinz! Auf die Bedingung

Bin ich die Eurige.

Zelima (für sich). Ich soll von Neuem zittern!

Adelma (seitwärts).

Ich darf von Neuem hoffen!

Altoum. Ich bin's nicht

Zufrieden. Nichts gestatt' ich. Das Gesetz

Will ich vollzogen wissen.

Kalaf (fällt ihm zu Füßen). Mächt'ger Kaiser!

Wenn Bitten dich bewegen--wenn du mein,

Wenn du der Tochter Leben liebst, so duld' es!

Bewahren mich die Götter vor der Schuld,

Daß sich ihr Geist nicht sättige. Er weide

Mit Wollust sich an meinem Blut--Sie löse

Im Divan, wenn sie Scharfsinn hat, mein Räthsel!

Turandot (für sich).

Er spottet meiner noch, wagt's, mir zu trotzen!

Altoum (zu Kalaf).

Unsinniger! Ihr wißt nicht, was Ihr fordert,

Wißt nicht, welch einen Geist sie in sich hat,

Das Tiefste auch versteht sie zu ergründen.

--Sei's denn! Die neue Probe sei verstattet!

Sie sei des Bandes mit Euch los, kann sie

Im Divan morgen uns die Namen nennen.

Doch eines neuen Mordes Trauerspiel

Gestatt' ich nicht--Erräth sie, was sie soll,

So zieht in Frieden Euren Weg--Genug

Des Blutes ist geflossen. Folgt mir, Prinz!

--Unkluger Jüngling! Was habt Ihr gethan?

(Der Marsch wird wieder gehört. Altoum geht gravitätisch mit dem

Prinzen, Pantalon. Tartaglia, den Doctoren und der Leibwache

durch die Pforte ab, durch die er gekommen. Turandot, Adelma,

Zelima, Sklavinnen und Truffaldin mit den Verschnittenen entfernen

sich durch die andere Pforte, ihren ersten Marsch wiederholend.)

Dritter Aufzug.

Ein Zimmer im Serail.

Erster Auftritt.

Adelma allein.

Jetzt oder nie entspring' ich diesen Banden.

Fünf Jahre trag' ich schon den glühnden Haß

In meiner Brust verschlossen, heuchle Freundschaft

Und Treue für die Grausame, die mir

Den Bruder raubte, die mein ganz Geschlecht

Vertilgte, mich zu diesem Sklavenloos

Herunterstieß--In diesen Adern rinnt,

Wie in den ihren, königliches Blut;

Ich achte mich, wie sie, zum Thron geboren.

Und dienen soll ich ihr, mein Knie ihr beugen,

Die meines ganzen Hauses Mörderin,

Die meines Falles blut'ge Ursach ist.

Nicht länger duld' ich den verhaßten Zwang,

Erschöpft ist mir die Kraft, ich unterliege

Der lang getragnen Bürde der Verstellung.

Der Augenblick ist da, mich zu befrein,

Die Liebe soll den Rettungsweg mir bahnen.

All' meine Künste biet' ich auf--Entweder

Entdeck' ich sein Geheimniß oder schreck' ihn

Durch List aus diesen Mauern weg--Verhaßte!

Du sollst ihn nicht besitzen! Diesen Dienst

Will ich aus falschem Herzen dir noch leisten.

Mir selber dien' ich, süße Rache üb' ich,

Dein Herz zerreiß' ich, da ich deinem Stolz

Verräthrisch diene--ich durchschaute dich!

Du liebst ihn, aber darfst es nicht gestehn.

Du mußt ihn von dir stoßen und verwerfen,

Wider dich selber mußt du thöricht wüthen,

Den lächerlichen Ruhm dir zu bewahren;

Doch ewig bleibt der Pfeil in deiner Brust,

Ich kenn' ihn; nie vernarben seine Wunden.

--Dein Frieden ist vorbei! Du hast empfunden!

(Turandot erscheint im Hintergrund, auf Zelima gelehnt,

welche beschäftigt ist, sie zu beruhigen.)

Sie kommt, sie ist's! Verzehrt von Scham und Wuth

Und von des Stolzes und der Liebe Streit!

Wie lab' ich mich an ihrer Seele Pein!

--Sie nähert sich--Laß hören, was sie spricht!

Zweiter Auftritt.

Turandot im Gespräch mit Zelima. Adelma, anfangs ungesehen.

Turandot. Hilf, rath mir, Zelima. Ich kann's nicht tragen,

Mich vor dem ganzen Divan überwunden

Zu geben!--Der Gedanke tödtet mich.

Zelima. Ist's möglich, Königin? Ein so edler Prinz

So liebeathmend und so liebenswerth,

Kann nichts als Haß und Abscheu--

Turandot. Abscheu! Haß! (Sie besinnt sich)

--Ich hass' ihn, ja. Abscheulich ist er mir!

Er hat im Divan meinen Ruhm vernichtet.

In allen Landen wird man meine Schande

Erfahren, meiner Niederlage spotten.

O, rette mich--In aller Frühe, will

Mein Vater, soll der Divan sich versammeln,

Und lös' ich nicht die aufgegebne Frage,

So soll in gleichem Augenblick das Band

Geflochten sein--"Weß Stamms und Namen ist

"Der Prinz, der, um sein Leben zu erhalten,

"Gezwungen ward, als niedrer Knecht zu dienen

"Und Lasten um geringen Preis zu tragen;

"Der endlich auf dem Gipfel seiner Hoffnung

"Noch unglücksel'ger ist, als je zuvor?"--

--Daß dieser Prinz er selbst ist, seh' ich leicht.

Wie aber seinen Namen und Geschlecht

Entdecken, da ihn Niemand kennt, der Kaiser

Ihm selbst verstattet, unerkannt zu bleiben?

Geängstigt, wie ich war, geschreckt, gedrängt,

Ging ich die Wette unbedachtsam ein.

Ich wollte Frist gewinnen--Aber wo

Die Möglichkeit, es zu errathen? Sprich!

Wo eine Spur, die zu ihm leiten könnte?

Zelima. Es gibt hier kluge Frauen, Königin,

Die aus dem Thee- und Kaffeesatz wahrsagen--

Turandot. Du spottest meiner! Dahin kam's mit mir!

Zelima. Wozu auch überall der fremden Künste?

--O, seht ihn vor Euch stehn, den schönen Prinzen!

Wie rührend seine Klage war! Wie zärtlich

Er aus zerrißnem Herzen zu Euch flehte!

Wie edelmüthig er, sein selbst vergessen,

Zu Eures Vaters Füßen für Euch bat,

Für Euch, die kein Erbarmen mit ihm trug,

Zum zweitenmal sein kaum gerettet Leben

Darbot, um Eure Wünsche zu vergnügen!

Turandot (weggewendet). Still, still davon!

Zelima. Ihr kehrt Euch von mir ab!

Ihr seid gerührt! Ja, ja! Verbergt es nicht!

Und eine Thräne glänzt in Eurem Auge--

O, schämt Euch nicht der zarten Menschlichkeit!

Nie sah ich Euer Angesicht so schön.

O, macht ein Ende! Kommt--

(Adelma ist im Begriff hervorzutreten.)

Turandot. Nichts mehr von ihm!

Er ist ein Mann. Ich hass' ihn, muß ihn hassen.

Ich weiß, daß alle Männer treulos sind,

Nichts lieben können als sich selbst; hinweg-

Geworfen ist an dies verräterische Geschlecht

Die schöne Neigung und die schöne Treue.

Geschmeid'ge Sklaven, wenn sie um uns werben,

Sind sie Tyrannen, gleich, wo sie besitzen.

Das blinde Wollen, den gereizten Stolz,

Das eigensinnig heftige Begehren,

Das nennen sie ihr Lieben und Verehren.

Das reißt sie blind zu unerhörter That,

Das treibt sie selber auf den Todespfad;

Das Weib allein kennt wahre Liebestreue.

--Nicht weiter, sag' ich dir. Gewinnt er morgen,

Ist mir der Tod nicht schrecklicher, als er.

Mich sah' die Welt, die mir gehässig ist,

Zu dem gemeinen Loos herabgewürdigt

An eines Mannes und Gebieters Hand!

Nein, nein! So tief soll Turandot nicht sinken!

--Ich seine Braut! Eh' in das offne Grab

Mich stürzen, als in eines Mannes Arme!

(Adelma hat sich wieder zurückgezogen.)

Zelima. Wohl mag's Euch kosten, Königin, ich glaub' es,

Von Eurer stolzen Höh' herabzusteigen,

Auf der die Welt Euch staunend hat gesehn.

Was ist der eitle Ruhm, wenn Liebe spricht?

Gesteht es, Eure Stunde ist gekommen!

Weg mit dem Stolze! Weicht der stärkeren

Gewalt--Ihr haßt ihn nicht, könnt ihn nicht hassen,

Warum dem eignen Herzen widerstreben?

Ergebt Euch dem geliebten Mann, und mag

Alsdann die Welt die Glückliche verhöhnen!

Adelma (ist horchend nach und nach näher gekommen und

tritt jetzt hervor).

Wer von geringem Stand geboren ist,

Dem steht es an, wie Zelima zu denken.

Ein königliches Herz fühlt königlich.

--Vergib mir! Zelima! Dir ist es nicht gegeben,

An einer Fürstin Platz dich zu versetzen,

Die sich so hoch wie unsre Königin

Gestellt und jetzt, vor aller Menschen Augen,

Im Divan so herunter steigen soll,

Von einem schlechten Fremdling überwunden.

Mit meinen Augen sah ich den Triumph,

Den stolzen Hohn in aller Männer Blicken,

Als er die Rätsel unsrer Königin,

Als wären's Kinderfragen, spielend löste,

Der überlegnen Einsicht stolz bewußt.

O, in die Erde hätt' ich sinken mögen

Vor Scham und Wuth--Ich liebe meine schöne

Gebieterin; ihr Ruhm liegt mir am Herzen.

--Sie, die dem ganzen Volk der Männer Hohn

Gesprochen, dieses Mannes Frau!

Turandot. Erbittre mich

Nicht mehr!

Zelima. Das große Unglück, Frau zu werden!

Adelma. Schweig. Zelima! Man will von dir nicht wissen,

Wodurch ein edles Herz beleidigt wird.

Ich kann nicht schmeicheln. Grausam wär' es, hier

Zu schonen und die Wahrheit zu verhehlen.

Ist es schon hart genug, daß wir den Mann,

Den übermüthigen, zum Herrn uns geben,

So liegt doch Trost darin, daß wir uns selbst

Mit freier Wahl und Gunst an ihn verschenken,

Und seine Großmuth fesselt seinen Stolz.

Doch welches Loos trifft unsre Königin,

Wie hat sie selbst sich ihr Geschick verschlimmert!

Nicht ihrer freien Gunst und Zärtlichkeit,

Sich selbst nur, seinem siegenden Verstand

Wird sie der Stolze zu verdanken haben;

Als seine Beute führt er sie davon--

Wird er sie achten, Großmuth an ihr üben,

Die keine gegen ihn bewies, auf Tod

Und Leben ihn um sie zu kämpfen zwang,

Ihm nur als Preis des Sieges heimgefallen?

Wird er bescheiden seines Rechtes brauchen,

Das er nur seinem Recht verdankt?

Turandot (in der heftigsten Bewegung). Adelma, wisse!

Find' ich die Namen nicht, mitten im Tempel

Durchstoß' ich diese Brust mit einem Dolch.

Adelma. Faßt Muth, Gebieterin. Verzweifelt nicht!

Kunst oder List muß uns das Räthsel lösen.

Zelima. Gut. Wenn Adelma mehr versteht, als ich,

Und Euch so zugethan ist, wie sie sagt,

So helfe sie und schaffe Rath.

Turandot. Adelma!

Geliebte Freundin! Hilf mir, schaffe Rath!

Ich kenn' ihn nicht, weiß nicht, woher er kommt;

Wie kann ich sein Geschlecht und Namen wissen?

Adelma (nachsinnend).

Laß sehn--Ich hab' es--hörte man ihn nicht

Im Divan sagen, hier in dieser Stadt,

In Peckin, lebe Jemand, der ihn kenne?

Man muß nachspüren, muß die ganze Stadt

Umkehren, weder Gold noch Schätze sparen--

Turandot. Nimm Gold und Edelsteine, spare nichts.

Kein Schatz ist mir zu groß, nur, daß ich's wisse!

Zelima. An wen uns damit wenden? Wo uns Raths

Erholen?--Und, gesetzt, wir fänden wirklich

Auf diesem Wege seinen Stand und Namen,

Wird es verborgen bleiben, daß Bestechung,

Nicht ihre Kunst das Räthsel uns verrathen?

Adelma. Wird Zelima wohl der Verräther sein?

Zelima. Das geht zu weit--Spart Euer Gold, Prinzessin!

Ich schwieg, ich hoffte Euer Herz zu rühren,

Euch zu bewegen, diesen würdigsten

Von allen Prinzen, den Ihr selbst nicht hasset,

Freiwillig zu belohnen--Doch Ihr wollt es!

So siege meine Pflicht und mein Gehorsam!

--Wißt also! Meine Mutter Skirina

War eben bei mir, war entzückt, zu hören,

Daß dieser Prinz die Räthsel aufgelöst,

Und von dem neuen Wettstreit noch nichts wissend,

Verrieth sie mir in ihrer ersten Freude,

Daß dieser Prinz in ihrem Haus geherbergt,

Daß Hassan ihn, ihr Gatte, sehr wohl kenne,

Wie seinen Herrn und lieben Freund ihn ehre.

Ich fragte nun nach seinem Stand und Namen;

Doch, dies sei noch ein Räthsel für sie selbst.

Spricht sie, das Hassan standhaft ihr verberge;

Doch hofft sie noch, es endlich zu ergründen.

--Verdien' ich es nun noch, so zweifle meine

Gebieterin an meiner Treu' und Liebe!

(Geht ab mit Empfindlichkeit.)

Turandot (ihr nacheilend).

Bleib, Zelima! Bist du beleidigt?--Bleib!

Vergib der Freundin!

Adelma (hält sie zurück). Lassen wir sie ziehen!

Prinzessin, auf die Spur hat Zelima

Geholfen; unsre Sache ist es nun,

Mit Klugheit die Entdeckung zu verfolgen.

Denn Thorheit war's, zu hoffen, daß uns Hassan

Gutwillig das Geheimniß beichten werde,

Nun er den ganzen Werth desselben kennt.

Verschlagne List, ja, wenn die List nicht hilft,

Gewalt muß das Geständniß ihm entreißen;

Drum schnell--Kein Augenblick ist zu verlieren.

Herbei mit diesem Hassan ins Serail,

Eh' er gewarnt sich unserm Arm entzieht.

Kommt! Wo sind Eure Sklaven?

Turandot (fällt ihr um den Hals). Wie du willst,

Adelma! Freundin! Ich genehm'ge Alles.

Nur daß der Fremde nicht den Sieg erhalte! (Geht ab.)

Adelma. Jetzt, Liebe, steh mir bei! Dich ruf' ich an,

Du Mächtige, die Alles kann bezwingen!

Laß mich entzückt der Sklaverei entspringen;

Der Stolz der Feindin öffne mir die Bahn!

Hilf die Verhaßte listig mir betrügen,

Den Freund gewinnen und mein Herz vergnügen! (Geht ab.)

Dritter Auftritt.

Vorhalle des Palastes.

Kalaf und Barak kommen im Gespräch.

Kalaf. Wenn aber Niemand lebt in dieser Stadt,

Der Kundschaft von mir hat, als du allein,

Du treue Seele--Wenn mein väterliches Reich

Viel hundert Meilen weit von hier entlegen

Und schon acht Jahre lang verloren ist.

--Indessen, weißt du, lebten wir verborgen,

Und das Gerücht verbreitet unsern Tod--

Ach, Barak! Wer in Unglück fällt, verliert

Sich leicht aus der Erinnerung der Menschen!

Barak. Nein, es war unbedacht gehandelt, Prinz.

Vergebt mir. Der Unglückliche muß auch

Unmöglichs fürchten. Gegen ihn erheben

Die stummen Steine selber sich als Zeugen;

Die Wand hat Ohren, Mauern sind Verräther.

Ich kann, ich kann mich nicht zufrieden geben.

Das Glück begünstigt Euch, das schönste Weib

Gewinnt Ihr wider Hoffen und Erwarten,

Gewinnt mit ihr ein großes Königreich,

Und Eure weib'sche Zärtlichkeit raubt Euch

Auf einmal Alles wieder!

Kalaf. Hättest du

Ihr Leiden, ihren wilden Schmerz gesehn!

Barak. Auf Eurer Eltern Schmerz, die Ihr zu Berlas

Trostlos verlassen, hättet Ihr, und nicht

Auf eines Weibes Thränen achten sollen!

Kalaf. Schilt meine Liebe nicht! Ich wollt' ihr gerne

Gefällig sein.--Vielleicht, daß meine Großmuth

Sie rührt, daß Dankbarkeit in ihrem Herzen--

Barak. Im Herzen dieser Schlange Dankbarkeit?

Das hoffet nie.

Kalaf. Entgehn kann sie mir nicht.

Wie fände sie mein Räthsel aus? Du, Barak,

Nicht wahr? Du hast mich nicht verrathen? Nicht?

Vielleicht, daß du im Stillen deinem Weibe

Vertraut hast, wer ich sei?

Barak. Ich? Keine Silbe.

Barak weiß Euren Winken zu gehorchen;

Doch weiß ich nicht, welch schwarze Ahnung mir

Den Sinn umnachtet und das Herz beklemmt!

Vierter Auftritt.

Die Vorigen. Pantalon. Tartaglia und Brigella mit Soldaten.

Pantalon. Sieh, sieh! Da ist er ja! Potz Element,

Wo steckt Ihr, Prinz? Was habt Ihr hier zu schaffen?

(Den Barak mit den Augen musternd.)

Und wer ist dieser Mann, mit dem Ihr schwatzt?

Barak (für sich). Weh' uns! Was wird das?

Tartaglia. Sprecht! Wer ist der Mann?

Kalaf. Ich kenn' ihn nicht. Ich fand ihn hier nur so

Von ohngefähr, und weil ich müßig war,

Fragt' ich ihn um die Stadt und ihre Bräuche.

Tartaglia. Haltet zu Gnaden, Prinz! Ihr seid zu grad

Für diese falsche Welt; das gute Herz

Rennt mit dem Kopf davon--Heut früh im Divan!

Wie Teufel kamt Ihr zu dem Narrenstreich,

Den Vogel wieder aus der Hand zu lassen!

Pantalon. Laßt' s gut sein. Was geschehn ist, ist geschehn.

Ihr wißt nicht, lieber junger Prinz, wie tief Ihr

Im Wasser steht, wie Euch von allen Seiten

Betrug umlauert und Verrätherstricke

Umgeben--Lassen wir Euch aus den Augen,

So richtet man Euch ab, wie einen Staar. (Zu Barak)

Herr Nachbar Naseweis, steckt Eure Nase

Wo anders hin--Beliebt es Eurer Hoheit

Ins Haus herein zu gehn--He da, Soldaten!

Nehmt ihn in eure Mitte!--Ihr, Brigella,

Wißt Eure Pflicht--Bewachet seine Thür

Bis morgen frühe zu des Divans Stunde.

Kein Mensch darf zu ihm ein! So will's der Kaiser.

(Zu Kalaf.)

Merkt Ihr? Er ist verliebt in Euch und fürchtet,

Es möchte noch ein Unheil zwischen kommen.

Seid Ihr bis morgen nicht sein Schwiegersohn,

So, fürcht' ich, tragen wir den alten Herrn

Zu Grabe--Nichts für ungut, Prinz! Doch das

Von heute Morgen war--mit Eurer Gunst--

Ein Narrenstreich!--Ums Himmelswillen! Gebt Euch

Nicht bloß, laßt Euch den Namen nicht entlocken!

(Ihm ins Ohr zutraulich.)

Doch wollt Ihr ihn dem alten Pantalon

Ganz sachtchen, sachtchen in die Ohren wispern,

So wird er sich gar schön dafür bedanken.

Bekommt er diese Recompens?

Kalaf. Wie, Alter?

Gehorcht Ihr so dem Kaiser, Euerm Herrn?

Pantalon. Bravo! Scharmant!--Nun marsch! Voran, Brigella!

Habt Ihr's gehört? Was steht Ihr hier und gaffet?

Brigella. Beliebet nur das Plaudern einzustellen,

So werd' ich thun, was meines Amtes ist.

Tartaglia. Paßt ja wohl auf! Der Kopf steht drauf, Brigella.

Brigella. Ich habe meinen Kopf so lieb, als Ihr

Den Euren, Herr! 's braucht der Ermahnung nicht.

Tartaglia. Es juckt und brennt mich nach dem Namen--Uh!

Geruhtet Ihr, ihn mir zu sagen, Hoheit,

Recht wie ein Kleinod wollt' ich ihn bei mir

Vergraben und bewahren--Ja, das wollt' ich!

Kalaf. Umsonst versucht Ihr mich. Am nächsten Morgen

Erfahrt Ihr ihn. erfährt ihn alle Welt.

Tartaglia. Bravo! Bravissimo! Hol' mich der Teufel!

Pantalon. Nun, Gott befohlen, Prinz! (Zu Barak)

Und Ihr, Herr Schlingel!

Ihr thätet besser, Eurer Arbeit nach

Zu gehn, als im Palast hier aufzupassen,

Versteht Ihr mich? (Geht ab.)

Tartaglia (sieht ihn scheel an). Ja wohl! Ja wohl! Ihr habt mir

So ein gewisses Ansehn--eine Miene,

Die mir nicht außerordentlich gefällt.

Ich rath' Euch Gutes, geht! (Folgt dem Pantalon.)

Brigella (zu Kalaf). Erlaubt mir, Prinz,

Daß ich Dem, der befehlen kann, gehorche.

Laßt's Euch gefallen, in dies Haus zu gehn.

Kalaf. Das will ich gerne. (Zu Barak leise.)

Freund, auf Wiedersehn!

Zu besserer Gelegenheit! Leb wohl!

Barak. Herr, ich bin Euer Sklav!

Brigella. Nur fort! Nur fort!

Und macht den Ceremonien ein Ende!

(Kalaf folgt den Soldaten, die ihn in ihre Mitte nehmen, Timur

tritt von der entgegengesetzten Seite auf, bemerkt ihn und macht

Geberden des Schreckens und Erstaunens.)

Barak (ihm nachsehend).

Der Himmel steh' dir bei, treuherz'ge Unschuld!

Was mich betrifft, ich hüte meine Zunge.

Fünfter Auftritt.

Timur, ein Greis in dürftiger Kleidung. Barak.

Timur (entsetzt, für sich).

Weh mir! Mein Sohn! Soldaten führen ihn

Gefangen fort! Sie führen ihn zum Tode!

Gewiß, gewiß, daß der Tyrann von Tefflis,

Der Räuber meines Reichs, ihn bis nach Peckin

Verfolgen ließ und seine Rache sättigt!

Doch mit ihm will ich sterben! (Eilt ihm nach und ruft laut.)

Kalaf! Kalaf!

Barak (tritt ihm in den Weg und hält ihm das Schwert auf die Brust).

Halt ein, Unglücklicher! Du bist des Todes!

(Pause. Beide sehen einander erstaunt an. Unterdessen hat sich

Kalaf mit den Soldaten entfernt.)

Wer bist du, Alter? Woher kommst du? Sprich!

Daß du den Namen dieses Jünglings weißt?

Timur. Was seh' ich? Gott! Du, Barak? Du in Peckin?

Du sein Verräther? Ein Rebell? Und zückst

Das Schwert auf deinen König?

Barak (läßt erstaunt das Schwert sinken). Große Götter!

Ist's möglich?--Timur?

Timur. Ja, Verräther!

Ich bin es, dein unglücklicher Monarch,

Von aller Welt, nun auch von dir verrathen!

Was zögerst du? Nimm dieses Leben hin!

Verhaßt ist mir's, da ich die treusten Diener

Um schnöden Vortheils willen undankbar

Und meinen Sohn dem Tod geopfert sehe!

Barak. Herr!--Herr! O Gott! Das ist mein Fürst, mein König!

Er ist's! Nur allzuwohl erkenn' ich ihn. (Fällt ihm zu Füßen.)

In diesem Staub! In dieser Niedrigkeit!

Ihr Götter, muß mein Auge dies erleben!

--Verzeiht, Gebieter, meiner blinden Wuth!

Die Liebe ist's zu Eurem Sohn, die Angst,

Die treue Sorge, die mich hingerissen.

So lieb Euch Eures Sohnes Heil, so komme

Der Name Kalaf nie aus Eurem Munde!

--Ich nenne mich hier Hassan. nicht mehr Barak--

--Ach, weh mir! Wenn uns Jemand hier behorchte!--

Sagt, ob Elmaze, meine Königin,

Sich auch mit Euch in dieser Stadt befindet?

Timur. Still, Barak--still! O, sprich mir nicht von ihr!

In unserm traur'gen Aufenthalt zu Berlas

Verzehrte sie der Gram um unsern Sohn,

--Sie starb in diesen lebensmüden Armen.

Barak. O die Bejammernswürdige!

Timur. Ich floh!

Ich konnt' es, einsam, dort nicht mehr ertragen.

Des Sohnes Spuren folgend, frag' ich mich

Von Land zu Land, von einer Stadt zur andern.

Und jetzt, da mich nach langem Irren endlich

Der Götter Hand hieher geleitet, ist

Mein erster Anblick der gefangne Sohn,

Den man zum Tode führt.

Barak. Kommt, kommt, mein König!

Befürchtet nichts für Euren Sohn! Vielleicht

Daß ihn, eh noch der nächste Tag verlaufen,

Das höchste Glück belohnt und Euch mit ihm!

Nur, daß sein Name nicht, noch auch der Eure

Von Euern Lippen komme--Merkt Euch das!

Ich nenne mich hier Hassan, nicht mehr Barak.

Timur. Was für Geheimnisse--Erklär' mir doch!

Barak. Kommt! Hier ist nicht der Ort, davon zu reden!

Folgt mir nach meiner Wohnung--Doch, was seh' ich?

(Skirina tritt aus dem Palast.)

Mein Weib aus dem Serail! O wehe mir!

Wir sind entdeckt! (Zu Skirina heftig.) Was hast du hier zu suchen?

Unglückliche! Wo kommst du her?

Sechster Auftritt.

Skirina zu den Vorigen.

Skirina. Nun! Nun!

Aus dem Serail komm' ich, von meiner Tochter.

Die Freude trieb mich hin, daß unser Gast,

Der fremde Prinz, den Sieg davon getragen.

Die Neugier auch--Nun ja--Ich wollte sehn,

Wie dieser männerscheuen Unholdin

Der Brautstand läßt--und freute mich darüber

Mit meiner Tochter Zelima.

Barak. Dacht' ich's doch!

Weib! Weib! Du weißt nicht Alles, und geschwätzig

Wie eine Elster läufst du ins Serail;

Ich suchte dich, es dir zu untersagen.

Umsonst! Zu spät! Des Weibes Unverstand

Rennt immer vor des Mannes weisem Rath

Voraus--Was ist nicht alles dort getratscht,

Geplaudert worden! Nur heraus! Mir ist,

Ich höre dich in deiner albernen

Entzückung sagen: Dieser Unbekannte

Ist unser Gast; er wohnt bei uns; mein Mann

Kennt ihn und hält ihn hoch in Ehren--Sprich,

Hast du's gesagt?

Skirina. Und wenn ich nun? Was wär's?

Barak. Nein, nein, gesteh es nur! Hast du's gesagt?

Skirina. Ich hab's gesagt. Warum sollt' ich's verbergen?

Sie wollten auch den Namen von mir wissen,

Und--daß ich's nur gestehe, ich versprach's.

Barak. Weh mir! Wir sind verloren!--Rasende!--

(Zu Timur sich wendend.)

Wir müssen fort! Wir müssen fliehn!

Turandot, Prinzessin von China · 第 1 / 5 题