Das ist es ja. _Die Andern sind Menschen!_

Schon was sie wollen, gehört ihnen. Sie bemessen ja einander nach Willen

und Erfolg.

Meine Sehnsucht ist Flucht, mein Streben ein Wegstreben.

O ich Midas. Was ich berühre, wird unnahbar, fern und heilig und läßt mich

allein.

Und warum mir gerade dies fürchterliche Geschenk der Poesie? Es leben noch

durchdringendere unwiderrufliche Geister, es leben schwellendere,

wirksamere, umfassendere Herzen.

Warum mir ein Schicksal, das ich nicht zu ertragen vermag?

Ich kann diesen irdischen Vergnügen, an denen ich täglich strande, nicht

entsagen.

Ich brauche diese Atmosphäre von Welt, die mich ewig beschämt. Ich brauche

die Rennplätze, die Strandkasinos, diesen kosmopolitischen Jargon, den ich

durchschaue. Ich brauche diese glänzenden Terrassen, auf denen ich mich

minderwertig erzeige.

Warum, warum dieser Dämon, der mich immer zur Demütigung treibt?

O du verhaßtes, geliebtes Menschentum.

Du angebetet, wohlerwogenes Handeln aus Gründen, du bespien ersehntes

Beschränktsein!

Satan:

Was jammerst du? Ich will dir helfen.

Der Dichter:

O Satan!

So krümme ich mich zu deinen Füßen.

Zermalmter, von den Dingen verzehrter, hochmütiger von den Stunden

behandelt ist auf dieser ganzen Welt kein Wesen, als ich. Ich wanke erhaben

zwischen den konstanten Naturen. Jeder Gegenstand ruft mir zu: »Schau mal

an, wie fest ich bin. Versuch's doch, mach mir's nach. Ich pfeife auf den

Auf- und Abschwung deiner Seele. Damit kommt man nicht weit. Und das Leben

ist doch plausibel, und manches wäre zu erringen. Was mein Teil ist, wird

mein sein. Hörst du? Ich fühle mich wohl in mir; dann streck ich bloß die

Hand aus und was ich will, habe ich. Aber eins, Väterchen, ist nötig.

Festigkeit, ein Charakter!«

So flüstert's um mich.

Und erst die Verzweiflung in mir.

Schwächling, nicht fähig ein Schicksal zu ertragen. Du Unsittlicher! Du

erkennst das Gute, dich empört die Niedrigkeit, manchmal schwillt es in dir

empor, die verfaulte Welt niederzurennen und in deinem Innern Ordnung und

Gesetz zu schaffen, vermagst du nicht. Satan, Satan, was soll mir die

Kraft, im Banalen das Ewige zu sehen, was soll mir die Wonne, Entzücken in

der Vernichtung zu fühlen?

Ich habe niemals ein festes Ja gesagt! Ich war niemals Mensch!

Mein Wunsch macht mich lächerlich, Satan, gib mir einen Charakter!

Satan:

Sieh' hin, was ich dir geben will, Sterblicher.

Der Dichter:

Was ich erblicke, sind die Reiche dieser Welt.

Satan:

Und mehr als die Reiche dieser Welt sollen dein sein.

Ich will dir unschätzbare Eigenschaften verleihen. Ich will dir die

Eigenschaft verleihen, daß niemals dein Frackhemd ermatte, daß niemals die

klare Eleganz deines Smokings sich trübe. Begreife wohl, das sind

Eigenschaften, die ich nicht etwa nur zu deinem Äußeren füge, nein, in dein

Gemüt senke ich geheime geschlossene Kräfte. Um deinen Mund lebe ein

Lächeln, das dich fürchterlich macht. Quintessenz der Diplomatie spiegle

der Glanz deiner gestrafften Stirnhaut. Eine Kälte sei dein, die Menschen

zum Spielzeug macht. Die Stunde sei deine Sklavin. Spürst du schon deine

unabwendbaren Schritte in den Spielsälen? Spürst du schon den Rausch

finanziell wahnsinniger Machinationen? Ahnst du deine neue Welt? In den

Hallen des Verwaltungsrats, im Direktionszimmer enormer

Opernunternehmungen?

Und über allem Sicherheit der Macht. Dein Weg geht weiter. Ein Thron ist

nicht nur ein Wort. Dynastien sind Puppenspiel. Sei Herr der Haupt- und

Staatsaktion! Fühlst du im Taumel jagender Überlegenheit schon bewimpelte

Perrons und die Trommelwirbel der Ehrenkompanie?

Der Dichter:

Für wie unkompliziert mußt du mich halten, Satan, um mir mit Konträrem zu

kommen. Kann meine vom Unendlichen verwöhnte Brust ausfüllen dieses

kindische Herrsein über kindische Institutionen? Vielleicht bebt manchmal

mein weltzerrissenes Herz nach _innerer Autokratie_. Aber deines Bürgertums

im Verwegenen, deiner scharfen Mundwinkel, deiner Potentaten-Triumphe

spotte ich.

Satan:

Überlege es wohl, ehe du diesen meinen ersten Vorschlag verwirfst. Wonach

ihr Menschen strebt, was ist es anderes, als Leidlosigkeit? Leidloses Leben

biete ich dir.

Der Dichter:

Das Leid, das Leid gerade ist es, was ich suche.

Satan, Satan, ewiger Geist, blamiere dich nicht! Haben dich meine wirren

Klagen so getäuscht, daß du mich auf diese Formel bringen willst? Deine

Aussichten sind gut für ungeschickte Schullehrer, für giftige

Bezirksrichter und enttäuschte Oberleutnants; nicht für mich.

Satan:

Eins vergißt du, ewig Ungeliebter! Von Stund an wärst du der Geliebteste

des Erdkreises.

Der Dichter:

Glaubst du, lächerliches Wesen, ich gäbe einen Heller drum, wenn mich Miß

Olivia liebte?

. . . . Doch darüber erkundige dich in meinem dramatischen Gedicht »Der

Besuch aus dem Elysium«.

Und schließlich, was ist aller Besitz, alle Wollust gegen das metaphysische

Vergnügen bei der Betrachtung der in sich wandelnden Geliebten mit

Sonnenschirm?

Satan:

Du verschmähst meinen Vorschlag, weil er das Wichtigste in dir nicht

berechnet hat. Die Poesie.

Hier mein zweites Wort!

Ich will dir eine berückende Biographie geben, ein Leben voll süßer

weinender Abenteuer. Ich will in dein Schicksal wunderbar geheimnisvolle

Wesen mischen. Schauspielerinnen. Dann sollst du schön sein und mit den

Frauen dich selbst anbeten. Dem Schwung deiner Züge sollen sich die Abende

und Nächte, die dir geschenkt sind, die Arme, die dich je halten und die

Worte, die deinem Mund entsinken, anschmiegen.

Dein trauriger, leidenschaftlicher Genius soll Verse haben, daß knöchrige

Monarchen und Kindermädchen in dem erfüllten, verdunkelten Raum heulen.

Triumphe seien dein, vor denen Könige und Tenöre erblassen. Wenn du nach

der Apotheose deiner Premiere ins Proszenium trittst, überrasen dich

Kavallerieattacken des Applauses aus den Hinterhälten der Galerie.

Leitartikler lässest du antichambrieren. Doch auch die ruhigen, ernsten,

bedeutendsten Geister sollen sich deinem Zauber beugen. Premierminister

bestimmst du durch die Hölle eines Wortes zu paradoxen Umwälzungen, hundert

Seiten von dir, und das Wahnsinnige wird Ereignis. Der besonnte Flug eines

rhetorischen Vogelschwarms, und das zynische Zeitalter schlägt sich an die

Brust und explosive Güte wird Mode. Wildes brillante Geste sei gegen dein

Furioso ein Salonwalzer gegen eine Bach'sche Fuge, Pindars olympische

Krönung von minder mythischer Gewalt als deine verzehnfachten Nobelpreise,

Byron das Erdenwallen eines krämrigen Poseurs angesichts deines rührend

erhabenen Dahinschwebens, und krachten aus Missolounghis morschen

Balkanscharten 21 Kanonenschüsse, sollen nach deinem Tod die Flotten der

Nationen, von Pol zu Pol, diesem Tag den Trauersalut bringen. So gebe ich

dir den Ruhm im Leben.

Und nachher das höchste, was ich verleihen kann, _Unsterblichkeit_.

Der Dichter:

Ruhm! Ruhm! Du Vision über meiner Schulbank.

Wer gibt mir den Ehrgeiz des Ungedruckten zurück? Wer den Tag, da ich dich

ausschöpfte bis zum letzten Nachgeruch des letzten Tropfens dich einatmete,

Ruhm!

Ich sehe mich noch, wie ich Gymnasiast, zitternd von Vorahnung, meinen

Freund zu seiner Wohnung begleitete.

Zu jenem gelben, bestaubten Haus des Ledergeruchs. Ich fühle noch seine

Bewegung, mit der er die Treppe hinaufzulaufen pflegt.

Eine Schicksalserwartung im Hausflur. Und doch wollte er sich nur ein

Taschentuch holen. Ach, da kommt er atemlos, springt drei Stufen auf einmal

und hat in der Hand die kleine rosa Sonntagsbeilage einer Residenzzeitung.

Und die Besinnung verbleicht, die Augen werden machtlos, das Herz verliert

die Fassung, eine tiefe Übelkeit schraubt alle Nerven tief . . . Gott, auf

der ersten Seite wohlgereiht, ungeträumt, unverrückbar, da, und doch vor

Ohnmacht nicht erkannt, das kleine, steife Gedicht, das Wochen hindurch,

dreimal während jeder Speise, auf dumpfen Schulwegen, ja bei jedem

Stuhlgang dreimal mein Traum sich aufsagte.

Den Tag eines kaum mehr Irdischen verlebte ich. Meine Schritte bekamen

einen anderen, tieferen Klang. Ich ging ausstrahlender, furchtloser,

unverletzter durch die Straßen und drängte mit meinem Körper, der mir antik

gewandet vorkam, mit meinem Kopfe, den ich als etwas marmorn umlocktes

empfand, Wind und Gespräch, Fluch und Wagengerassel zur Seite. Vor

Warenhäusern, Wagenreihen, Kaffees blieb ich stehen und war erstaunt, als

ich erkannte, wie tief das Ereignis meines gedruckten Werkes in die Welt

gegriffen hatte; etwas schien an allem vorgegangen zu sein, alles schien

auf mich zu deuten mit einem achtungsvoll schielenden »Aha«. Und dieses

Wissen der Dinge machte mich geradezu frech. Ich sagte zu einem Polizisten

»Sie da, wo kommt man auf den Castulusplatz« und bat einen

Feldmarschall-Leutnant verdrießlich um Feuer.

Ja, damals ward Ruhm erlebt. Von meinem Ruhm ward jedes Auge, jeder Mund

voll. Ich schlug mit Sicherheit jede Zeitung auf, und als ich meinen Namen

nicht fand, war das selbstverständlich, denn das gewohnte Ohr hört auch

nicht den Ton des Meeres und der Luft, und gar das ewige Geräusch der

Sterne, und so war auch mein großes Dasein als schon natürlich und alles

ausfüllend übergangen worden.

O, daß der irdische Genuß nur einmal genossen wird.

Was ist mir jetzt mein ärmlicher Ruhm? Klatsch dreier Kaffees und

lächerliche Politik dreizehn übelgeratener Literaten?

Und was wäre ein großer Ruhm? Mehr unsachlich, weniger böswillig, doch

einfältigerer Klatsch der befestigten Gesellschaft.

Unsterblichkeit? Das Argument dagegen liegt auf der Hand.

Gewiß, gewiß. Oft sehe ich mich im Traum. Wie ich jahrelang in der Nähe

einer Frau diese floh. Sie lachte über mich weg den Diabolokreisel

spielender Kinder an. Und da komme ich auf gezäumtem, festlichem Pferd die

Straße herab. Und das Spalier wirft toll die Hüte in die Luft und aus

offenen Fenstern streut man langsame Blumen um mich. Und da ist auch die

Schöne. Ich halte mein Pferd an, und mein fast schon steinerner Mund

spricht ein Wort, das langsam wie die Ehrenblumen rings niederfällt. Da

schaut mir die Frau in die Augen und streichelt mein Pferd, und rasend

jubelt, wie ich weiterreite, das Volk um uns mit Tambourins und

Tschinellen.

Aber das ist ein Traum, wie ein Bub die Geliebte aus dem brennenden Hause

zu retten träumt.

Ruhm, Unsterblichkeit. Nein, nein, nein! Ich halte mir die Ohren zu, Satan.

Satan, Satan, bist du ein Quacksalber? Hast du in deinem Feuersack nur

Medizinflaschen? Um mich zu vergessen oder zu erweitern, gab Gott uns

Haschisch und Opium.

Satan, Satan, bist du ein Theaterfriseur? Hast du in deinem Feuersack

Perücken und Schminkstifte? Willst du meinem Inwendigen und Äußeren eine

schneidig geringschätzige Treumannmaske anmalen und mit ein paar höllischen

Kohlenstrichen ein brutal fernes Lächeln mir um die Lippen ziehen, oder mit

fachmännischem Zu- und Wegspringen mir einen melancholisch hinreißenden

Lockenkopf von säkularer Gültigkeit anordnen?

Ich will, ich will keine Metamorphose.

Ich will _meine_ Wahrheit kennen. Mein _innerlichstes_ Licht oben haben.

Wenn ich um einen Charakter flehte, so meinte ich nichts als die Kraft,

durch den Urwald des Selbst durchzukönnen nach einer erkannten, mit den

Schlüssen des Zuendedenkens und den Blitzen des

Nach-allen-Seiten-hin-Fühlens übereinstimmenden Richtung.

Satan:

Es ehrt dich, Mensch, daß du es verschmähst, von mir ein neues Leben

anzunehmen! Es hätten sich Naturen, die du für stärker hältst, durch weit

geringeren Bauernsang erwischen lassen.

Wisse es, so oft du auch dumpf, weinerlich und unfähig zu leben bist, deine

Seele, Mensch, deine Seele ist stark. Sie sollen nur höhnen, Ästhet! Dich

hat der Teufel, verwirrt Ehrlicher, durch kein Raffinement gefangen.

Erkenne nun, was ich für die besten Temperamente bewahre, und wähle!

Kein neues Leben gebe ich dir. Aber ein neues Schicksal. Und zwar, mein

Unersättlicher, das schmerzlichste aller Schicksale und das triumphalste:

Den Kampf!

Der Dichter:

Kampf! Verzeih' Satan, wenn ich skeptisch werde, an mir skeptisch werde. Es

ist etwas Unpolemisches in mir. Etwas, was einem irdischen Übel ein

ironisch transzendentales Gewicht entgegenhält. Einen vielleicht billigen

Trost in der ewigen Ordnung.

Satan:

Ich habe dein Herz beim Lesen mancher Notiz aus dem Gerichtssaal belauscht.

Du unterschätzest deine Vehemenz. Bisher warst du wohl allzu gesättigt. Das

irdische Übel erschien dir in derselben Distanz wie die ewige Ordnung. Aber

ich will dir das irdische Übel naherücken, ich will's um dich gruppieren.

Du sollst das Leben nicht mehr aushalten, wird mein Geschenk sein. Du wirst

verwandt werden meinem Geschlecht. Dein Schmerz wird ein Luzifer-Schmerz

sein. Schweig'. Du wirst dich nicht umbringen. Du bist ein Dichter. Du

wirst brausen.

Nicht mehr werde ich, wenn ich vielleicht als Hauswirtin dir früh den

Kaffee bringe, dich bei jenen uns bekannten Monologen ertappen.

»So, da stehe ich nun auf und bin voll von einem Vers, den auszudrücken ich

zwei Tage brauchen werde. Warum kommt dies Erschrecken über mich und diese

verächtliche Frage, wozu dies alles? Soll dies schön Fühlen und schön Reden

wirklich der Ersatz sein für all die Erbärmlichkeit? Warum bin ich gerade

dazu verdammt, mein Leben an eine Lüge hinzuwerfen, die nur dadurch in mir

gehalten werden kann, daß sie die anderen, das Publikum, scheinbar aufrecht

erhalten. Wenn dieser Abgeordnete gestern nicht zitiert hätte »Es soll der

Dichter mit dem Fürsten gehn« (wie ist im Herzen des Abgeordneten dieses

Wort leer), so hätte ich gestern vielleicht nicht so tief an Wert und

Wichtigkeit der Poesie geglaubt!

Wie gemein bin ich doch im Grunde. Ich freue mich ja zuschauend über das

Gute und Böse, das mir passiert, um nachher nur darüber innerlich

herzufallen. Plausibel wäre vielleicht einzig noch »Selbstmord durch

Kunst«. Sich aufgeben, aber gestalten. Oder -- oder. Ein Wirkender zu sein.

Ein unerforschlicher Gigant der eigenen Idee. In dem Scheiterhaufen der

Sätze verbrennen die schnöden Gesinnungen, die gleichgültigen Taten,

Systeme und Menschen, Kunst als Revolution. In Tyrannos!«

Siehst du, Dichter, ich will dir ein Schicksal geben, daß du dieser

herjagende Erfüller sein wirst. Ich will dich mit Ekel und Mitleid bis oben

anfüllen, daß du über Parlamenten, Kongressen und Weltversammlungen wie ein

Samum dahinfährst. Ich will dich durch Wahnsinn des dir Begegnenden

aufreißen zu unerhörtem Mut, zu unerhörten Taten. Du sollst die Wonne

fühlen! Einer gegen Millionen. Und den Tod aller Tode sollst du sterben. Im

Triumph, im Sieg, während eines Bombenattentats oder durch die Kugel eines

ohnmächtigen Feindes nach dem Erdbeben einer deiner Reden.

Der Dichter:

Halt ein, halt ein! Alles, was du versprichst, ist Rausch. Alles ist

Rausch! Auch deinen Kampf will ich nicht. Ich will mich nicht vergessen.

Haschisch und Opium nannte ich schon. Ich gebe nicht meine Zweifel der

Geschäftigkeit hin. Nicht ein Aufwachen, wo man noch Verse des Traumes im

Ohr hat, gegen ein intrigantes Pathos. Wer sich der Richtigkeit

entgegenwirft, wird selbst nichtig. Wer in der kleinen Misere Leid der

Ewigkeit spürt, singt, aber kämpft nicht. Nein, nein, dein Kampf gegen

Dynastien, Parlamente, Dummheit, Verbrechen, ist nicht mein Kampf. Häufe

Hunger und Unglück auf mich, du täuschest dich, wenn du meinst, ich würde

zum rhetorischen Parteigänger, zum dialektischen Anarchisten.

_Dies Herz weiß zuviel, es hat zu sehr die Trostlosigkeit, die Einsamkeit,

die Einsamkeit jedes Grashalms und jedes Lämpchens erfahren, hat zu heiß

über verlassene Bänke bei Sonnenuntergang im Park geweint, als daß es den

Unsinn der Wehrmacht und der Gesetzgebung überschätzen würde._

Satan, Satan, du bist mir nicht gewachsen. Ahnst nicht die Zartheit, die

Demut in mir. Ich brauche nicht den Rausch des Außerordentlichen. Mich

berauschen ja all die lieben Wiesen, die Bienen, und ein gütiger Weltblick

einer zahnlos ordinären Hexe zum Kruzifix oder zu den Wolken versöhnt mich

mit der entsetzlichsten Verleumdung aus ihrem Munde.

Ha, ich fühle, wie in mir all die Qualen so klein und niedrig werden, wenn

das Leben, das Leben wieder unendlich an meine Brust greift.

Satan:

Ehe du mich verstößt, ehe ich entfliehe, vernimm noch. Schlag nicht aus die

Hand Luzifers, des zur Erde Gefallenen, dem Gott das nahm, was jetzt aus

deinen Augen bricht.

Die Menschen, höre, sind dein Untergang. Du sprichst nicht ihre Sprache,

sie werden dich wegwerfen. Dein sei die Einsamkeit! Trage deine Liebe in

die Wildnis! Ich will die Welt um dich bezaubern. Die Flüsse, die Lerchen,

Vulkane und Bestien seien Träger deiner Stimme, Behälter deines Schmerzes.

Die sieben Farben sollen beglückt um dich tanzen. Dein Leid harmonisiert

sich. Du kraftvoller Widerstrahl Gottes, Orpheus, süßes, seliges Abbild,

Erinnerung meiner selbst, ehe ich schuldig worden.

Ich wollte dich vernichten, als ich dich dreimal unter die Menschen

verwies. Meine Erinnerung vernichten. Jetzt aber beugt mich Sehnsucht,

Sehnsucht nach der alten Reinheit. Bleibe, o Klang des Kosmos, bleibe mir.

Der Dichter:

Satan, Satan, du auch mein Bruder.

Jetzt weiß ich, daß ich unter die Menschen muß. Alle meine Zweifel, meine

Anklagen gegen mich, schrumpfen nun ein, wo urplötzlich eine ungeheure

Sonne aufging, und ich sehe, daß all das, was ich für Mangel hielt,

Schicksal ist, mein einziges Schicksal, das keinem, keinem Wesen

angeglichen werden kann. Ich werde nicht mehr zetern über chaotisches

Gemüt, Unstandhaftigkeit, Unsittlichkeit. Die Gesetze des Menschen, auch

seine Moralgesetze, sind nicht die meinigen, weil ich in Beziehung zu ganz

anderen, höheren Gewalten stehe.

Ich werde nicht mehr weinen, weil nichts Menschliches an mir ist außer

Hunger, Durst, Schlaf und Wollust. Und doch, so ich nun mein unmenschliches

Schicksal erkenne, treibt es mich wieder, unsäglich treibt es mich zu den

Menschen.

Die Versuchung: Ein Gespräch des Dichters mit dem Erzengel und Luzifer · 第 5 / 6 题