Der Dichter:
Sie haben vor den Pyramiden Aida aufgeführt. Ich jauchzte, als ich die
superbe Auffahrt vor den berühmten Jahrtausenden sah.
Und diese Beleuchtungen, diese Fanfaren, diese Musik, die all die
liebgewonnenen Theaterschicksale in luxuriös unsterbliche Melodien setzt.
Ich war diesen Nachmittag so glücklich. Nichts als ein Kultus, ein ewiger
Kniefall für dich, Miß Olivia. Warum hast du mir das getan? Wo ich doch
jenes glückliche Lachen hatte, das in mir Tribünen und Automobile,
Fellachen und Ladies, Sphynxe und Statistenbäuche, Kamele und Wiener
Kaffees tanzen ließ.
Warum mußtest du sagen, daß ich jenem braunen, o-beinigen Baritonisten
ähnlich sehe! Weißt du denn nicht, wie eitel ich bin? Mußt du mich täglich
zerschmettern? Das erstemal, als wir uns in Luzern auf der Reunion im Hotel
National sahen und ich dich bebend, wie kein Kaiser vor einem
Staatsstreich, zum Twostep aufforderte . . . schweige, Mensch! Unsäglicher
Schlemihl. Alles um dich siegt.
Nur du bist dumpf und zitterst vor jedem bißchen Leben, das du großartig
das äußere nennst, und das dich, wenn du sicher bist, so seltsam
gleichgültig läßt. Jeder Kellner unterjocht dich, jede Dirne blamiert dich.
Apropos, peinige nur dein Herz. In einem Münchener Weinlokal, hat nicht ein
Herr aus Magdeburg, ein Statistiker des jährlichen Niederschlages, ein
Wetterprophet, ein Kerl wie Weißbier, die süße Erika, die du wie ein
Legendenwesen behandeltest, von deiner Seite gerissen?
Womit? Gott, ich muß zu meiner Schande gestehen, ich war die bessere
Wurzen. --Womit? Mit welchem Heroentum? Er bestellte bei der Musik das Lied
»Zeppelin kommt nach Berlin«, schlug mit den Fäusten den Takt, sprühte
hinter seinem Zwicker, war eine durchwärmte, anschmelzende Büste von
Vertraulichkeit und lustigem Wohlwollen . . . und hin war alles.
Das ist das Gesicht der Sieger!
Und du, Miß Olivia. Wie nenn' ich dich?
Du Element, du Abend, du leiblos Üppige, du Regen im Saal!
Ich, ich sollte eifersüchtig sein!
Haha, hätt' ich doch wenigstens die menschliche Kraft dazu.
Aber im Grunde verehre ich die anderen.
Das sind große Herren, in sich, voll Ruhe, Gemessenheit und Mittelpunkt.
Sie haben das Leben wie sie's wollen. Heute und morgen ist ihnen ein Ziel.
Was daneben geht ein Malheur. Und du, Miß Olivia, was bist du ihnen? Etwas,
was man erreichen und besitzen kann.
Begreift dich denn einer?
»Gemach,« falle ich mir selbst ins Wort, »willst du denn etwas anderes als
erreicht und besessen werden? Du rechnest nur zu gut. Alles, was du tust,
ist Rechnung.« Und ich fühle in diesem Moment wieder bis ins Mark, wie ich
Narr des Zufalls dir fremd und widerlich sein muß.
Und doch, nur ich empfinde dich, nur ich empfinde deine Seele, nur ich
deine metaphysische Erscheinung zur Welt.
Warum, wenn du die Hotel-Hall betrittst und in die Hände klatschend
ausrufst »Kinder, das war schön, den ganzen Vormittag sind wir im Segelboot
gesessen und haben uns treiben lassen«, warum werde ich dann so müde und
traurig?
Warum muß ich an einen ganz bestimmten schwindsüchtigen, todbleichen Lehrer
aus dem Erzgebirge denken, wie er aus seinem engbrüstigen Häuschen tritt
und aus dem dünnen Vorbeet einen Salatkopf zieht? Warum habe ich diese
Vision vom Aztekenkönig Montezuma? Wie dieser in überirdischer
Märtyrerheiterkeit, goldgepanzert und konradinblond auf der Freitreppe
seines brennenden Palastes steht? Sehe ich dich in Balltoilette, warum habe
ich das rasche überwältigende Gefühl von Hochtouren, Durst, Ahnung von
Quellensturz und jauchzende Glieder?
Gott, Gott, bin ich das Medium, das dich ahnungslos in dir Beruhende mit
der Welt verbindet, bin ich jener leitende bewußte Stoff zwischen dir und
der Unendlichkeit?