Scene 3.

_Katya Stanyek_ (tritt ein, läßt die Thüre halb offen. Man sieht den Diener

und eine ältere, einfach gekleidete Person. Katya ist in vollständig weißer

Konzerttoilette. Nur an der Schulter und im Haar dunkle Rosen. Um die

Taille eine feine, goldene Gürtelkette, deren Enden sich in einer Falte des

Kleides verlieren. Lose um die Schultern geschlungen ein weißes Seidentuch.

In der linken Hand hält sie Stonebergs offenen Brief und ein kleines

Taschentuch. Sie ist etwas erschöpft, in starker aber verhaltener Erregung,

spricht mit durchaus czechischem Accent, aber ohne Gewöhnlichkeit, mit

weicher, ein wenig gebrochener Stimme.)

_Katya_: Bin ich da. (Tritt an den Tisch.) Also?

_Stoneberg_ (verletzt, macht ihr eine ostentative Verbeugung): Ich habe die

Ehre, meine Gnädigste, Sie zu begrüßen.

_Katya_ (ohne darauf zu achten): Wie viele Geld verlangen Sie? Bitte --

rasch.

_Stoneberg_: Gnädiges Fräulein, Sie nehmen die Sache sehr geschäftlich.

Ich halte die Hergabe einer Amati für mehr als einen bloßen Handel.

Zum mindesten ist dabei ein oder das andere Wort zu reden, welches die

Dienerschaft nicht zu hören braucht. (Geht an die Thüre, schließt sie.)

_Katya_ (folgt ihm mit den Augen): Ah -- so! (Geht.)

_Stoneberg_ (für sich): Was?! (Laut, mit halbem Lachen): Das hätte ich von

Fräulein Stanyek nicht erwartet. Sie fürchten sich?

_Katya_ (schon an der Thüre, wendet sich rasch um, mißt ihn von oben

bis unten, greift einen Moment an die Gürtelkette): Nein. (Geht an den

Mitteltisch, fest sich auf den Stuhl rechts, nimmt ihr Tuch ab.)

_Stoneberg_ (nimmt den Stuhl links): Gestatten ... ... (setzt sich.)

Gnädiges Fräulein, Sie befinden sich in einer ungewöhnlichen -- bei Ihnen

ganz ungewöhnlichen Aufregung. Ich halte mich für berechtigt, nach der

Ursache zu fragen.

_Katya_ (schweigt).

_Stoneberg_: Wenn Sie meiner Neugierde die Erklärung verweigern, so

gewähren Sie dieselbe meiner Teilnahme. Ich helfe gerne -- Ihnen. Was haben

Sie?

_Katya_ (in Thränen ausbrechend, wirft sich vornüber auf die Tischplatte):

Hab' ich gespielt schlecht.

_Stoneberg_: Schlecht gespielt?! Heute? Sie haben mit einem Feuer, mit

einer Leidenschaft gespielt, das Publikum --

_Katya_: Feuer, Leidenschaft, Publikum! Adagio habe ich gespielt schlecht.

Und Narren da unten haben geschrieen Bravo. O, hätten ausgezischt mich, mir

wäre nicht so unglücklich. Aber nehmen Lob und haben nicht verdient. Ist

mir in Herzen, als hätte ich beschimpft Mutter Gottes.

_Stoneberg_: Ach, lassen Sie doch die Mutter Gottes aus dem Spiel. Sie thun

dem Publikum Unrecht und sich. Haben Sie Ihre Ansicht vielleicht meinen

Zeilen entnommen? Sie haben das Adagio ausgezeichnet gespielt. Nur meine

hohe Meinung von Ihrer Begabung veranlaßt mich zu dem Glauben, daß Sie's

noch besser können.

_Katya_: Sie sind Narr wie Andere. Wissen nicht, daß man spielt Beethoven

schlecht, wenn man nicht spielt Beethoven vollendet.

_Stoneberg_: Demzufolge müßten freilich sämtliche moderne Virtuosen das

Beethovenspielen aufgeben.

_Katya_: Ich nicht gehöre zu Ihre moderne Virtuose. Hexerei von große

Technik haben keine Wert für mich, seit ich kann Hexerei. Weiß ich sehr

gut, daß ich kann mehr als die Andere. Und hab' ich gesehen heute, daß ich

kann gar nichts.

_Stoneberg_: Auf die Gefahr hin, mich wieder von Ihnen den -- Narren

beigezählt zu hören, erlaube ich mir nochmal die Bemerkung, daß Sie sich

Unrecht thun. Sie haben den ersten und letzten Satz des Beethovenkonzertes

gespielt wie -- wie eben nur Sie es können. Wenn das Adagio Sie nicht ganz

befriedigen konnte, so liegt die Schuld an dem Ton Ihres Instruments.

Er ist groß, kräftig, aber ohne jene höchste Weichheit, jene innere

Verklärung, wie sie einer -- Amati innewohnt.

_Katya_ (leise): Weiß ich lange wohl. Aber will ich nicht geben zu mir. Ist

so jämmerlich, suchen Entschuldigen für Nichtkönnen von sich selbst.

_Stoneberg_: Also diese weibliche Schwäche haben Sie nicht. Nur thun Sie

auf der anderen Seite zuviel. Und wenn Sie wirklich schlecht gespielt

hätten, so verstehe ich noch immer nicht, warum Sie die Sache so tragisch

behandeln, als ein solches Unglück.

_Katya_: Für mich -- ist es Unglück.

_Stoneberg_ (zuckt die Achseln).

_Katya_ (mit tiefgesenktem Haupt, sehr leise beginnend.) Seit erstemal habe

ich gehört einer Melodie von Beethoven, ist Herz geworden taub für andere

Ton. Hab' ich gespielt viel andre Ton, weil ich wollte lernen. Wollt' ich

warten, bis ich konnte ganz viel, um es zu machen recht für Beethoven. Aber

wenn ich habe gespielt andre Ton, war es immer so leise in mir: =Kde je

-- milost Pan?= Wo ist -- gnädiger Herr? O mein gnädiger Herr, hab' ich es

gemacht schlecht!

_Stoneberg_ (für sich): Interessante Komödie. Gut gespielt. Nur ihre Augen

-- ich darf nicht hineinschauen. Sonst fange ich an, ihr zu glauben ....

_Katya_: Ist ungeschickt von meine Mund, Ihnen sagen solche Worte. Aber bin

ich so große Trauer.

_Stoneberg_: Und in solchen Fällen thut es den Damen wohl, sich

auszusprechen. Bitte, sprechen Sie nur weiter. Einem Freund gegenüber --

_Katya_ (sehr rasch): Sie nicht sind Freund von mir.

_Stoneberg_: Warum nicht?

_Katya_: Weiß nicht so deutlich. Und Sie kennen gar nicht mich.

_Stoneberg_: Sie kennen mich auch nicht.

_Katya_: O ja.

_Stoneberg_: So?

_Katya_: Sie haben gewesen arm in Deutschland und haben verdient viele

Geld in Amerika. Nun Sie haben gemacht Ihre Namen bis in die Hälfte

amerikanisch. Stone-berg. Ihre deutsche Name ist Steinberg. Das ist nicht

gefallen mir. Würde ich nie nehmen eine andere Nam' als die von meiner

Vaterland.

_Stoneberg_: Mehr haben Sie mir nicht vorzuwerfen?

_Katya_: Doch. Ist mehr noch. Aber kann man nicht sagen es.

_Stoneberg_: Sagen Sie's nur. Meinen Ohren wirds nicht weher thun es zu

hören, als Ihren Lippen es auszusprechen. Die Schellenkappe haben Sie mir

vorhin schon aufgesetzt. Ich nehm's Ihnen nicht übel, wenn Sie mir auch

noch die Pritsche in die Hand geben.

_Katya_: An die Uebelnehmen -- die Uebelnehmen ist mir gleich. Werd' ich

Ihnen sagen ganze Wahrheit. In Ihre Herz ist geblieben noch eine

kleine Stück von deutsche Wald und so klare Blum'. Doch über sie stehen

amerikanische Verstand, der ist so klug und haben eine große Sack mit Geld.

Und über Wald und Blume und Verstand und Sack mit Geld ist gebreitet eine

lange Teppich von Höflichkeit und ganz feiner Benehmen. Seit ich bin hier

vier Wochen habe ich gesehen Sie vieler Abend in großer Gesellschaft. Haben

Sie nie gemacht eine Fehler und haben nie gesagt besseres Wort als andre

feine Herrn.

_Stoneberg_: Wissen Sie denn, Fräulein Stanyek, daß Ihre Worte eine große

Schmeichelei für mich sind? Sie haben mich ja beobachtet, als ob ich Ihnen

interessant wäre.

_Katya_: Hat man gesagt zu mir, Sie sind gewesen arm als kleine Junge. Sie

sind gegangen ganz mit sich allein über Meer und haben gemacht Arbeit so

viel und so gut, bis Sie waren reiche Mann, vor dem Leute haben Achtung. So

hab' ich gehabt Aufmerken für Sie -- weil ich war auch arm.

_Stoneberg_: Sie waren arm? Davon hab' ich nichts gehört. Aber sonderbare

Dinge von Ihrer Herkunft. Eine sehr romantische junge Dame erklärte mir

mit großer Bestimmtheit, Sie stammten von echt indischen Zigeunern ab.

Der französische Gesandtschafts-Attaché äußerte sich mit liebenswürdigem

Lächeln dahin, er hielte Sie für die Tochter eines ungarischen Magnaten;

ein Dritter --

_Katya_: Haben Unrecht alle. Wahrheit weiß nur eine Mensch. Ich.

_Stoneberg_: Wollen Sie auch mir ein Geheimnis daraus machen?

_Katya_: Ja.

_Stoneberg_ (erregt): Was haben Sie für einen Grund? Müssen Sie sich

vielleicht der Wahrheit schämen?

_Katya_ (schweigt).

_Stoneberg_: Reden Sie, ich bitte, reden Sie.

_Katya_: Habe ich keine Grund zu schämen mich, aber Grund Wahrheit nicht

zu sagen. Sage ich ihr jetzt, so schreiben Sie morgen großer Artikel in

Zeitung über Leben von Katya Stanyek.

_Stoneberg_: Ich werde schweigen. Mein Ehrenwort.

_Katya_: Ehrenwort? Habe ich gehört schon oft geben Ehrenwort und dann

(macht die Bewegung des Entzweibrechens) -- mitten entzwei. Nein. Ist

nichts Ehrenwort.

_Stoneberg_: Sie mögen an manchen Menschen solche Erfahrungen gemacht

haben. Ich halte denjenigen, der sein Wort bricht, für einen Schurken, dem

nur eins übrig bleibt: sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Nochmals:

mein Ehrenwort.

_Katya_ (sieht ihn eine Weile stumm an): Sehen wohl, jetzt haben wieder

gerauscht deutsche Wald in Ihre Herz. -- Haben Sie gehört, was macht Böhme,

wenn wird geboren eine Kind?

_Stoneberg_: Nein.

_Katya_: Rechts von Kind legt man Geige, links von Kind Beutel mit Geld.

Greift Kind nach Geige, wird es Musikant. Greift Kind nach Geld, wird es

Dieb.

_Stoneberg_: Es war schon klüger von Ihnen, nach der Geige zu greifen.

_Katya_: Habe ich müssen thun. Hat mir nur hingelegt Geige. Vater hatte

keine Beutel mit Geld. War böhmische Musikante, wo ziehen hinauf hinunter

an große Fluß Moldau. Hatte junges Weib mit Augen von Nacht und kleine Fuß.

War nachgelaufen arme böhmische Musikante und geworden sein Weib ohne Ring

an Finger und ohne Segen in Kirche. Ohne Segen! Auf Landstraße war geboren

kleine Katya, auf Landstraße junge Weib war tot.

_Stoneberg_ (ist ein wenig näher gerückt, beobachtet Katya mit wachsender

Teilnahme): Und dann?

_Katya_: Dann hat Vater getragen kleine Mädchen auf der Rücken durch ganze

Land. Waren Leute viel mitleidig, weil er war immer so traurig und hatte

nur lieb kleine Katya. Hab' ich gelernt eher Singen wie Gehen. Und spielen

auf Geige. Hat so geweint Vater als erstemal spielte ich ohne Helfen: =Kde

domov muj= --

_Stoneberg_: Was heißt das?

_Katya_: Das ist schönste böhmische Volkslied und heißen: Wo ist meiner

Heimat? Hab' ich es gesungen oft mit so heißer Gefühl und habe gehabt

in Heimat so große Weh. Hab' ich gefürchtet mich, wenn kam weiße stille

Schnee. War viel kalte Nacht und haben wir gehabt oft keine Bett zu

schlafen. Aber bei Häuser, wo wird gemacht bunte Glas, liegt große Berg von

Asche. Wird gefahren aus Ofen für Glas und ist warm. Haben wir uns gewühlt

in warme Asche und geschlafen. Nach eine Nacht ist Vater geschlafen sehr

lange. Hab' ich genommen Geige, gespielt =Kde domov muj=. Vater haben

geschlafen weiter. Hab' ich gewußt, er war tot. Leute haben gesagt, Asche

war zu heiß, haben gehabt in sich böse Dampf, arme Vater ist erstickt.

Arme, arme Vater.

_Stoneberg_: Armes Kind.

_Katya_: Hab' ich wollen springen hinein in Grab zu meine Vater. Aber Leute

haben gehalten mich. Hab' ich geschrieen wie wilde Tier und gebissen mit

Zähnen vor meine Jammer. Ist gekommen alte Herr von Haus mit buntes Glas,

haben gesagt, er will geben viele Geld, weil ist geschehen mir so große

Unglück auf seiner Eigentum. Haben mich schon gehört spielen Geige seine

Arbeiter. Haben gesagt zu alte Herr, er soll schicken mich in Praha und

geben zu gute Lehrer von Geige. Haben er gethan. War ich noch so kleine

Kind von sechs Jahre, haben er mich lassen bringen in Praha durch eine von

seine Arbeiter. Eine junge Mensch mit guter Gesicht. Haben mich gebracht zu

seine Mutter. Alte Frau mit Schnee auf Haar. Alte Frau war gut mit traurige

Kind. Haben geführt zu berühmte Lehrer von Geige. Hab' ich nicht wollen

spielen vor. Habe wollen spielen nie wieder, nie wieder. Alle Rede von alte

Frau und berühmte Mann waren keiner Hilfe. Ist geschehen eine Wunder. Im

Zimmer neben haben gespielt eine Hand einer Melodie .... oh .... bin ich

gefallen auf Knie, habe gebeten berühmte Mann, mir geben Lehre, daß ich

könnte spielen eine Mal in meiner Leben solcher Melodie. War Beethoven.

_Stoneberg_: Was ist das für eine Melodie?

_Katya_: Opus 90, zweite Satz. Nicht für Geige, nur für der Klavier. Aber

war meiner Sehnsucht von dieser Tag zu spielen ihn auf Geige. Wollte ich

spielen jeder Melodie von Beethoven auf Geige. Habe ich immer gehabt

Zorn, daß er haben gedichtet so vieler Melodie für Klavier. Ist eine tote

Instrument -- -- Aber glaube ich meine Erzählen gehen lange, zu lange,

werden haben Langeweile.

_Stoneberg_: Nein. Ich möchte Ihnen zuhören -- tausend und eine Nacht.

_Katya_: Ist nicht mehr zu sagen vieles. Habe ich gespielt Geige ganze Tag

und halbe Nacht. Nicht gethan andres, nicht gelernt andres. Haben keine

Mensch mich erzogen. Als kam ich in große Welt war böse Gesellschaft. War

ich oft in Gefahr, zu thun nicht gute Sache. Aber war dann in meine Ohr

eine Zittern von Melodie von Beethoven und habe nicht gethan Unrecht. Ist

meine Glauben, daß ich kann nicht mehr spielen Beethoven, wenn ich thue

Sünde. Habe ich oft nicht rechte Benehmen, weiß ich wohl gut. Aber hab' ich

in Herz Rechtes, weil bete ich zu große Genius. Er ist meine Heiland.

_Stoneberg_: Und dieser Heiland hat Sie bewahrt -- in jeder Versuchung?

_Katya_: Ja. Denn hab' ich gelernt bewahren mich selbst. Sehen hier

(zieht die Kette ein wenig empor. Am Ende derselben ist ein kleiner Dolch

befestigt) kleine spitze Ding. Trag' ich seit lange Jahre. Ist Gefühl von

Sicherheit. Habe ich geglaubt heute Abend Sie haben böse Sinn. Wäre nicht

geblieben mit Ihnen ohne kleine Messer. Aber habe ich gehabt Unrecht. Sehe

wohl, Sie sind nicht böse Sinn.

_Stoneberg_ (ruhig, aber mit tiefer, innerer Bewegung): Sie irren sich,

Fräulein Stanyek. Ich habe sehr bösen Sinn gehabt. Ich wollte Ihnen

keineswegs die Amati geben --

_Katya_: Die Amati? Nicht die Amati? O wie können sagen Sie so harte Wort.

Will ich Ihnen geben, was Sie verlangen, will ich Ihnen geben alles, was

werde ich verdienen noch in viele Jahre, will ich lieber hungern, aber

geben Sie mir der Amati, geben Sie mir!

_Stoneberg_: Ich werde sie Ihnen geben. Aber lassen Sie mich jetzt reden.

Ich werde es schlechter machen als Sie, wenn ich auch die rechten Worte

habe. Sie haben den rechten Ton. Der geht in die Seele tief hinein. Ich

wußte nicht mehr, daß ich eine Seele habe. Durch Sie, durch Ihr Wesen,

durch Ihr .... ja, sehen Sie, ich weiß wirklich nicht weiter -- ich liebe

Sie.

_Katya_ (steht langsam auf, die Augen starr auf ihn geheftet).

_Stoneberg_ (leidenschaftlich werdend): Ich will vor Ihnen nicht mehr

lügen. Ich liebe Sie -- seit dieser Stunde. Aber ich verlangte nach Ihnen,

leidenschaftlich, ehrlos, schon viele Nächte. Ich hatte nur eine Begierde:

Sie zu küssen. Jetzt habe ich nur einen Wunsch: vor Ihnen zu knieen.

_Katya_: Ihre Worte klingen gut, aber kann ich nicht geben Glauben. Lassen

mich gehen mit Amati und geben mir Hand als gute Freund.

_Stoneberg_: Nein.

_Katya_: Dann Sie haben nicht Liebe für mich. Nur Leidenschaft.

_Stoneberg_: Ich habe die wahre Liebe für Sie. Nehmen Sie die Amati -- als

Brautgeschenk. Werden Sie mein Weib.

_Katya_: Ah -- die Amati --

_Stoneberg_ (leise): Werden Sie mein Weib.

_Katya_: Nein. Lieb' ich Sie nicht.

_Stoneberg_: Sie haben Vertrauen zu mir. Sie werden's lernen mir gut sein.

_Katya_: Lernt man nicht.

_Stoneberg_: Ich liebe Sie so unendlich --

_Katya_: Glauben Sie -- aber ist nicht Wahrheit. Haben mir jetzt gesagt

viel Worte mit schöner Klang, nicht eine Mal meiner Nam', weil steht

meiner Nam' nicht in Ihre Herz. Er haben mir nur gesagt meiner Nam', haben

geschrien meiner Nam' im Tod ....

_Stoneberg_: Wer? wer?

_Katya_ (eintönig): War arme Junge. Sohn von alte Frau, wo ich haben

gewohnt in Praha. Haben mich sehr geliebt. Und ich -- war ich jung und

war er schöne Bursch, wär' ich vielleicht gelaufen mit ihm betteln auf

Landstraße ohne Ring an Finger und ohne Segen in Kirche. Aber der gnädige

Herr -- haben er verlangt große Opfer und hab' ich gegeben ihm. Habe gesagt

nein zu armer Junge. Bin gefahren hinaus in Welt und er haben geworfen

sich vor der Pferde und geschrien meiner Nam': Katya, Katya! -- Oh er haben

geliebt mich recht.

_Stoneberg_: Aber begreifen Sie denn nicht, daß die Natur eines jeden

Menschen sich anders äußert?

_Katya_: Ist nur eine Liebe. Liebe immer gleich.

_Stoneberg_: Ich mag's glauben, daß jener Ihnen seine Liebe anders

gestanden hat. Ich glaub's nicht, daß er Sie mehr geliebt hat als ich. Ich

mache Sie zu meinem Weib. Ich trete mit meinem Namen, mit meiner Ehre für

das Weib ein. Das ist nicht wenig vor der Welt, denn die Welt kennt Sie

nicht, wie ich. Und dennoch bin ich bereit, Sie auf meinen Armen wie eine

Königin durchs Leben zu tragen, Allen zum Trotz.

_Katya_ (leise): Ist Wahrheit, was er sagen. Sehr Wahrheit. Aber würde er

nicht sagen mir, wenn er liebte mich.

_Stoneberg_: Glauben Sie mir nun?

_Katya_: Glaube ich, daß Sie würden haben wahre Liebe, wenn müßten leiden

eine große, große Weh um mich. Jetzt -- nein.

_Stoneberg_ (wendet sich von ihr): Gute Nacht.

_Katya_ (geht ein paar Schritte, wendet sich zögernd um) Und -- der Amati

-- darf ich nicht nehmen ihr mit?

_Stoneberg_: Nein.

_Katya_ (steht, mit sich kämpfend, an der Thüre): Der Amati -- o der Amati

-- (Kehrt um). Bitte, schauen Sie mir in Gesicht. Habe ich Ihnen gesagt,

daß ich nicht liebe Sie. Wollen Sie meiner dennoch?

_Stoneberg_: Ich will, ich will! Denn ich weiß, daß Sie mich lieben werden.

_Katya_: Wollen Sie helfen mir werden immer besser in meine Kunst?

_Stoneberg_: Ich werde ehrgeiziger sein als Sie.

_Katya_: Wollen Sie nicht haben Zorn, wenn ich mache Fehler in Leben und

mit gute Wort mir sagen wie ich soll machen anders?

_Stoneberg_ (neigt sein Haupt auf ihre Hände): Ich habe Ihnen nichts zu

sagen.

_Katya_: So -- so werd' ich sein Ihre Weib.

_Stoneberg_ (fällt in wortloser Bewegung vor ihr auf die Knie): -- Dank.

_Katya_: O nein. Wissen nicht, ob Sie haben Dank mir.

_Stoneberg_: Sie werden's nicht bereuen, Sie werden Ihr Wort nicht

zurücknehmen?

_Katya_: Nein.

_Stoneberg_: Ich fürchte mich -- ich fürchte mich, Sie zu verlieren. Sie --

Sie werden mein Weib?

_Katya_ (langsam): Meine Ehrenwort.

_Stoneberg_: Ihr Ehrenwort? Wissen Sie, was das bedeutet? Wissen Sie's?

_Katya_: O ja. Hab' ich jetzt Ring an Finger. Meine Ehrenwort.

_Stoneberg_ (hält einen Moment stumm ihre Hand. Nimmt dann die Amati, giebt

sie Katya): Ihr Brautgeschenk.

_Katya_ (schreit auf, preßt die Geige in die Arme, küßt sie. In namenlosem

Jubel): Mein, mein!

_Stoneberg_ (für sich, auf Katya blickend): Mein.

_Katya_: O -- o die kleine, braune Ding, wie ich ihr liebe. Wird sie helfen

mir, wenn ich suche rechte Ton für gnädige Herr. Werd' ich können spielen,

wie ich habe geträumt seit Jahre. Werd' ich finden eine Mal, eine Mal in

meiner Leben Glück.

_Stoneberg_ (für sich): Welche Schönheit, welche Kraft! Ich liebe -- ich

fürchte sie. Aber ich lasse sie nicht. Und müßte ich um sie ringen -- mit

ihr selbst.

_Katya_: Hab' ich einer großen Bitte an Sie. Kann nicht erwarten zu hören

Amati. Möchte spielen Melodie, erste, die habe ich gehört von Beethoven als

kleine Kind. Wollen begleiten mich auf Klavier. Bitte, bitte!

_Stoneberg_: Kind, großes Kind! Wenns Dir Freude macht -- (Katya zuckt

leicht zusammen). Aber ich kann den Satz nicht auswendig.

_Katya_: Wird sein hier unter Noten. Sehen wohl -- hier Beethoven.

_Stoneberg_ (nimmt den Band, setzt sich ans Klavier, schlägt auf. Katya

behält von jetzt bis zum Schluß die linke Seite, zwar so, daß sie sich

immer mehr der Beethovenbüste nähert).

_Stoneberg_: Ja, hier stehts.

_Katya_: Spielen immer zu. Geh' schon mit. Aber Tempo zu schnell nicht. So.

(Taktiert mit dem Bogen.)

_Stoneberg_ (spielt prüfend die ersten Takte): So recht?

_Katya_: Ja. Eins, zwei --

(Katya und Stoneberg spielen den Satz durch. Nach dem Schluß läßt Katya

Bogen und Geige sinken, unbeweglich vor sich hinstarrend.)

_Stoneberg_ (steht auf, sehr erschüttert): Heute habe ich die Melodie zum

ersten Mal gehört. Sind Sie zufrieden mit sich -- und der Amati?

_Katya_ (reicht ihm die Geige hin): Da.

_Stoneberg_: Was soll das? Sie geben sie mir wieder?

_Katya_ (wie in einer Vision unbeweglich): Habe ich gehört reden zu mir

seine Stimme aus kleine, braune Ding und sagen gewaltige Wort. Von Sünde,

die trägt nicht Namen von Sünde, von Verbrechen, die trägt nicht Namen von

Verbrechen, von Schande, die trägt nicht Namen von Schande. Und will ich

thun Sünde, will ich thun Verbrechen, will ich thun Schande.

_Stoneberg_: Was geht in Ihnen vor? Um Gotteswillen, sehen Sie mich an,

einmal --

_Katya_: Will ich werden seine Weib! Und habe nicht Gefühl zu gehen mit ihm

auf Landstraße betteln, hungern, sterben. Ah, ah, will ich reißen von mir

meiner Ehre -- denn keine Ring an Finger und keine Segen in Kirche kann

machen mich zu seine ehrliche Weib!

_Stoneberg_ (sehr bleich, atemringend): Sie -- steigern sich mit aller

Gewalt in eine Einbildung hinein. Wären Sie nur einen Moment ruhig, Sie

würden fühlen, daß es vor allem Sünde ist, das Glück eines Menschenlebens

zu zertreten.

_Katya_: Ueber Glück stehen Ehre und meiner Ehre sein mehr wert als

Menschenleben tausend! Haben es gesagt gnädiger Herr zu mir, und sollen er

haben nicht gesprochen für nichts.

_Stoneberg_: Und hat er Ihnen auch von Ihrem -- Ehrenwort gesprochen?

_Katya_ (aufschreiend): Meine Ehrenwort! (Sehr leise): Bitte.

_Stoneberg_: Reden Sie nicht! Bitten Sie nicht! Jeder Laut von Ihren Lippen

macht mich unfähiger, Sie zu lassen. Ich könnte Sie sterben sehen, ehe ich

Sie freigebe!

_Katya_ (ganz gebrochen, fällt vor ihm auf die Knie): Seien Sie Erbarmen!

Geben Sie mir wieder meine Ehrenwort!

_Stoneberg_: Nein.

_Katya_ (hebt die gerungenen Hände zu ihm empor): Geben Sie mir wieder --

_Stoneberg_: Nie, ich schwör' Dir's, nie!

_Katya_ (springt auf): So muß ich brechen meine Ehrenwort -- mitten

entzwei. (Stößt sich mit einer raschen kleinen Bewegung den Dolch in die

Brust.)

_Stoneberg_: Nicht -- nicht -- o Gott!

_Katya_ (steht noch einen Augenblick aufrecht): Meine gnädige Herr werden

verzeihen mir. (Sinkt langsam an der Beethovenbüste nieder.)

_Stoneberg_ (hat unterdessen die Thür aufgerissen): Rennen Sie zu

einem Arzt, schnell, aber erst Wasser, es ist ein Unglück -- (zu Katya

zurückkehrend) -- und mußte das geschehen -- o Du, Du!

_Katya_: Lassen doch! Ist Bestes für mich, sterben für meine Glauben. Hab'

ich gespielt deiner Melodie doch gut. Nicht wahr -- =milost pane?= (Sie

sinkt tot zurück.)

_Stoneberg_ (beugt sich über sie, fällt dann vor ihr nieder): Katya, Katya!

Ende.

Druck von Leistner & Drewfs, Magdeburg.

Von Ernst Rosmer sind erschienen:

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#Alexander L. Kielland#, Johannisfest. Geh. M. 2.--, gebd. M. 3.--.

#Hans Land#, Mutterrecht. Eine Novelle. Geh. M. 1.--.

#John Henry Mackay#, Die Menschen der Ehe. Geh. M. 1.50.

#John Henry Mackay#, Die letzte Pflicht. Geh. M. 2.--.

#Meier-Graefe#, Nach Norden. Roman. Geh. M. 3.50, gebd. 4.50.

#Ernst Rosmer#, Madonna. Novellen. Geh. M. 3.--, gebd. 4.--.

#Rudolph Schmidt#, Novellen. Geh. M. 3.--, gebd. 4.--.

#Johs. Schlaf#, In Dingsda. Geh. M. 2.--, gebd. 3.--.

A. Seydel & Cie., Berlin C., Neue Friedrichstr. 48.

[ Hinweise zur Transkription

Der Zweittitel wurde entfernt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden

Ausnahmen,

Seite 14:

":" eingefügt

(tausend unnütze bunte Sächelchen: Zeitungshalter, Sofaschoner)

Seite 29:

".." geändert in "..."

(Und so gut erzogen, so rührend ungalant ...)

Seite 30:

"." eingefügt

(Nervenfieber. Hat sich beim Examen überarbeitet)

Seite 35:

"." eingefügt

(Unser philosophischer Graf bleibt auch zu Hause.)

Seite 39:

"j .. ja" geändert in "j ... ja"

(J ... j ... ja.)

Seite 43:

"." eingefügt

(Ich habe mich noch nie um diesen Ruhm bemüht.)

Seite 48:

Absatz eingefügt hinter "lesen."

(Ich habe keine Zeit, es zu lesen.)

Seite 57:

"sechszehn" geändert in "sechzehn"

(Sie ist sechzehn Jahre und hat goldene Locken)

Seite 62:

"." eingefügt

(Ich spiele meine Partie vortrefflich.)

Seite 69:

".." geändert in "..."

(Er kann spielen ... aber ich habe die Sonate)

Seite 70:

"," entfernt hinter "diesen"

(Verlangen in mir, diesen Knaben zu zwingen)

Seite 71:

"vosichtig" geändert in "vorsichtig"

(Sie muß vorsichtig gewählt werden.)

Seite 78:

"," eingefügt

(zerdrückten, vom Waldboden beschmutzten Kleider verbergen)

Seite 79:

"." eingefügt

(Mit einem Ruck sprang er auf.)

Seite 82:

"nnd" geändert in "und"

(trete an den Toilettentisch und schütte mir)

Seite 82:

"." eingefügt

(ein wenig =eau de Cologne= aufs Taschentuch.)

Seite 103:

"mindenstes" geändert in "mindestens"

(zeigte nur zu deutlich, daß er mindestens)

Seite 105:

"Korallenohringen" geändert in "Korallenohrringen"

(mit großen Nasenlöchern und falschen Korallenohrringen)

Seite 112:

"vereidigen" geändert in "verteidigen"

(Und doch hätte er sich nicht besser verteidigen können.)

Seite 118:

"," eingefügt

(Dinge, die er nicht mehr hatte anbringen können.)

Seite 124:

"jämmerlicheu" geändert in "jämmerlichen"

(Sie war schön in dem jämmerlichen zigeunerhaften Aufputz.)

Seite 125:

"." eingefügt

(Rote Wangen und rote Lippen.)

Seite 126:

"Ausruck" geändert in "Ausdruck"

(küßte sich mit einem seltsamen Ausdruck auf die Schultern)

Seite 149:

"," eingefügt

(Klappt seinen Cylinder zusammen, trägt den Ueberrock)

Seite 149:

"nm" geändert in "um"

(eine Amati handelt, um diese Amati!)

Seite 155:

"." eingefügt

(Sie nicht sind Freund von mir.)

Seite 157:

"hab" geändert in "hab'"

(So hab' ich gehabt Aufmerken für Sie)

Seite 160:

"." entfernt hinter "sein"

(geworden sein Weib ohne Ring an Finger)

Seite 163:

"hab" geändert in "hab'"

(Aber hab' ich in Herz Rechtes)

Seite 164:

"Tief" geändert in "tief"

(Der geht in die Seele tief hinein.)

Seite 165:

"Nam" geändert in "Nam'"

(haben geschrien meiner Nam' im Tod)

Seite 172:

":" eingefügt

(_Stoneberg_ (hat unterdessen die Thür aufgerissen):) ]

Madonna: Novellen · 第 3 / 3 章