Scene 1.

=ERNST ROSMER=

Madonna

Novellen

Berlin

S. Fischer, Verlag

1894.

Inhalt.

Madonna 5

=Corriger l'amour= 27

Platonisch 95

In der Mauernstraße 115

=Milost pan= 139

Madonna.

Er war allein mit ihr. Seit zwanzig Jahren zum ersten Mal. Sie war tot. Er

legte den Reisehut auf den alten Lehnstuhl und trat mit gefalteten Händen

an die ungeschmückte Bahre. Das mädchenzarte Angesicht eines stillen tiefen

Weibes ruhte auf dem schwarzen Totenkissen. In seinen Augen stieg ein altes

unendliches Leid auf. »Wenn Du mich geliebt hättest, wie ich Dich!«

Er ging langsam durch das große, von lebendigem Sonnenlicht durchflutete

Zimmer. Ueber dem Flügel hing in schwarzem Ebenholzrahmen die Sixtina.

»Fräulein Maria von einem alten Freunde zum Andenken. 25. Mai« -- stand in

der Ecke. Auf dem Flügel lag die schwere Partitur seines letzten Werkes.

=Missa solemnis.= Das =Agnus Dei= war aufgeschlagen. »So hat sie mich doch

nicht vergessen«. Mit wehmutvoller Freude blätterte er die bekannten

Seiten durch. Die Partitur mußte viel gespielt worden sein. Verschiedene

Druckfehler waren auf kundige Weise ausgebessert. Am Rande standen

allenthalben musikalische Anmerkungen. Er las sie langsam durch. »Wie

richtig! Welch' vornehmes künstlerisches Gefühl. .... Freilich, hier wäre

die Mollterz besser«. Er schrieb sich die Stelle in sein Taschenbuch und

schlug die letzte Seite um. Da lag ein großes versiegeltes Couvert. In

festen klaren Zügen stand sein Name und seine genaue Adresse darauf. »Nach

meinem Tode dem Adressaten zu übergeben und nur von ihm zu öffnen«. Sein

Eigentum. Sein ernstes altes Gesicht war von junger Glut übergossen. Von

ihr! Er rückte einen Stuhl an die Bahre und brach langsam die Siegel

auf. Feine weiße Papierbögen mit blauer Seide zusammengeheftet fielen ihm

entgegen. Er nahm sie auf. Sie waren ganz mit schmalen festen Schriftzügen

bedeckt, die einige Jahre alt sein mochten. Er las: --

»Wenn ich tot bin, sollst Du wissen, wie's gekommen ist.

Ich hab' Dich immer lieb gehabt. Als kleines Mädchen schon, da Du mich

»Aennchen von Tharau« und »Jetzt geh' ich an's Brünnele« singen lehrtest.

Aber ich wußte es nicht. Ich fand Dich alt und strenge und gar nicht

hübsch. Gleichwohl weinte ich heimlich, wenn Du einen Sonntag nicht kamst.

Halb aus unklarer Sehnsucht, halb aus sehr klarer Selbstsucht, denn Du

brachtest mir stets ein Buch, eine Spielerei, ein Naschwerk mit. An meinem

fünfzehnten Geburtstag schenktest Du mir die Sixtina und nahmst Abschied.

Du wolltest nach Italien. »Werden Sie mir schreiben?« fragtest Du. Ich

lachte. »Nein, ich mache zu viele orthographische Fehler«. »Die werde ich

Ihnen korrigieren. Also schreiben Sie mir und wäre es nur, daß Sie etwas

lernen. Sie haben es nötig, denn Sie sind sehr unwissend«. »Ich will aber

nichts lernen. Ich bin hübsch und wenn mich einer heiraten will, geht's

auch so«. Du sahst mich mit einem ganz strengen bösen Blicke an. »Ich finde

Sie gar nicht hübsch«. Und Du gingst.

Meine gute nachsichtige Mutter nahm mich in die Arme und küßte mich. »Warum

bist Du so unfreundlich gegen ihn? Er hat Dich so gerne«.

Jawohl. Aber ich wollte Dich nicht. Ich wollte einen jungen, lustigen, der

meine orthographischen Fehler nicht korrigierte, und mir sagte, daß ich

hübsch wäre.

Der junge Lustige kam. Unserem Hause gegenüber in einer einstöckigen Villa

wohnte eine kluge alte Dame. Die beste Freundin meiner Mutter seit dem Tode

des Vaters. Ich kam oft zu ihr hinüber, bewunderte die vielen Bilder an

den Wänden, lauter berühmte Leute, wie die Vestvali, Daudet, die Goncourts,

Flaubert und viele andere. Ein einziges Oelbild war da, aber ohne berühmten

Namen. Ein schönes, fröhliches Jünglingsgesicht mit tolllustigen Augen

und braunem dicklockigem Haar. Das war der Sohn der alten Dame. Ein

junger Schriftsteller, der in Berlin lebte und eine neue naturalistische

Zeitschrift herausgab. Diesen Sommer wollte er kommen und seine Mutter

besuchen. Ich war sehr neugierig auf ihn. Er kam in der Nacht an. Am

nächsten Tage hatten wir ihn und seine Mutter zum Mittagsessen gebeten.

Ich hatte allein gekocht und den ganzen Tisch mit blühenden Junirosen

geschmückt. Mein weißes Battistkleid hatte ich mir ein wenig kürzer

gemacht. Die schwarzen Lederschuhe mit dunkelblauen Stahlschnallen sahen so

hübsch aus, und ich hatte sehr kleine Füße.

Er war schöner als das Bild, fünfundzwanzig Jahre alt und von toller

lebenatmender Lustigkeit. Wir neckten uns am ersten Tage, schlugen uns

am zweiten auf die Hände und nannten uns am dritten Du. Die beiden Mütter

wußten es, lachten und freuten sich. Wir waren den ganzen Tag beisammen und

den halben allein. Er las mir seine Geschichten vor, die mich entzückten.

Das war so leicht und unterhaltend, ich brauchte mir gar keine Mühe zu

geben, um es zu verstehen. Manches fand ich ein wenig unanständig und sagte

es ihm auch. Er lachte. Das wäre die realistische Schule, daran würde ich

mich schon gewöhnen. Ich mochte mich aber nicht daran gewöhnen. Zu

eitel und zu feig, es einzugestehen, log ich mich mit einem »wunderbar,

großartig, meisterhaft« darüber hinweg. Die kluge alte Dame küßte mich und

nannte mich ihr Töchterchen, wenn ich von dem Genie ihres Sohnes sprach,

und was für ein großer Dichter er wäre. Eines Tages sah sie mir mit ihren

schönen großen Augen fest ins Gesicht. »Möchtest Du ihn wohl heiraten?« Ich

wurde sehr rot und wußte keine Antwort. Sie zog mich auf ihren Schoß. »Du

bist das einzige Mädchen, dem ich ihn gönne. Ich habe Dich lieber als alle

anderen. Es wäre mein größtes Glück«.

Ich hatte mich immer so gefreut auf das Heiraten. Da war's auf einmal.

»Ja«, sagte ich ganz leise. »Aber noch nicht gleich. Ich möchte doch den

Winter erst tanzen«.

Sie lachte glücklich. »Du liebes kindisches Ding. Jawohl sollst Du

tanzen«. --

Drei Tage später standen wir auf unserer großen Schaukel, rings die

dämmernde Sommernacht. Wir hatten uns beide müde gearbeitet und blickten

nach den Sternen. »Wie blau der Himmel ist!« »In Italien ist er noch tiefer

blau«, sagte er. In Italien! Ich dachte an Dich. Er wickelte meine langen

Locken um seine Finger und flüsterte mir kaum hörbar ins Ohr: »Du bist ein

liebes reizendes Geschöpf. Ich möchte Dich haben, ganz haben, so wie

Du bist, mit dem kleinen Muttermal am Kinn und all den süßen kindischen

Thorheiten. Willst Du mich?«

Ich war gar nicht verwirrt, fühlte mich nur sehr geschmeichelt und gab ihm

mein übermütiges lachendes Ja. Dann liefen wir durch den Garten, küßten die

Rosen und küßten uns. Ganz tief innen sagte etwas, daß ich mir die Sache

doch anders vorgestellt hätte. Das war ja gerade so, als wenn ich meine

wunderschöne große Schreipuppe küßte.

»Müssen wir's nicht der Mama sagen?« fragte ich. »»Nicht nötig. Die weiß

es von selbst««. Sie wußten's beide von selbst und ließen uns noch mehr

gewähren. Wir rannten stundenlang durch die stillen grünen Eichenwälder,

plauderten von unserer künftigen Wohnung, zankten uns über die Tapeten, und

heimlich langweilte ich mich oft unaussprechlich. Anfangs Oktober mußte er

nach Berlin zurückkehren. Er war trauriger als ich. »Nächstes Jahr im Mai

komme ich wieder, und dann ... Wirst Du mich nur nicht vergessen? Du bist

so jung!«

Schreiben sollten wir uns nicht, zu meiner großen Erleichterung. »Solch'

eine Correspondenz wird leicht langweilig«, sagte die kluge alte Dame.

»Er hört von mir über Dich, und Du hörst von mir über ihn«. Ich war sehr

zufrieden. Am fünften Oktober reiste er ab. Wir brachten ihn zur Bahn. Ich

hatte mein schönstes Taschentuch mitgenommen, um dem Zug nachzuwinken. Auf

dem Heimweg weinte ich ein wenig und kaufte mir drei große Aepfel. Die aß

ich Abends auch auf.

In meinem Innern rührte und regte sich nichts. Ich langweilte mich in der

ersten Zeit, da ich des vielen Alleinseins entwöhnt war. Da war niemand

mehr, der viertelstundenlang vor mir auf den Knieen lag, mir die Hände

küßte und mir erzählte, wie schön meine Augen und wie glänzend meine

Haare wären. Die klassischen Bücher aus der alten Bibliothek meines Vaters

verstand ich nicht. Meinen sehr mangelhaften Sprachkenntnissen durch

Studien nachzuhelfen, wäre mir schon gar nicht eingefallen. Ich spielte ein

wenig Klavier und arbeitete den ganzen Tag für meinen künftigen

Haushalt tausend unnütze bunte Sächelchen: Zeitungshalter, Sofaschoner,

Tintenwischer, Wandkörbchen und dergleichen. Am Weihnachtsabend traf ein

Kästchen aus Berlin ein und eine Kiste aus Rom. In dem Kästchen war ein

zierliches Armband aus glänzend farbigen Emailplatten. Von ihm. In der

Kiste war der Moses des Michelangelo und ein ruhiger freundlicher Brief,

der um kurze Nachricht über unser Befinden bat. Von Dir.

»Du mußt antworten und Dich bedanken!« sagte meine Mutter. Ich that es

nicht. Ich war zu sehr mit meinem Armband und meinem neuen Ballkleid

beschäftigt. Ich tanzte in diesem Winter zum ersten Mal, tanzte viel und

fand mich immer hübscher und liebenswürdiger. Es sagten's mir ja Alle. Die

kluge alte Dame schrieb von meinen Triumphen nach Berlin und las mir die

Antworten ihres Sohnes vor. Ich hörte äußerlich mit großer Aufmerksamkeit,

innerlich sehr zerstreut zu. Ich dachte immer weniger an den guten lustigen

Jungen, oder nur in Verbindung mit meinem Brautkleide und den niedlichen

kleinen Capotehüten, die ich als junge Frau tragen würde.

Meine Mutter hatte bei einem großen auswärtigen Geschäfte meine Aussteuer

bestellt. Ich stickte mir Wäschehalter mit verschlungenen Buchstaben und

dachte heimlich daran, die Hochzeit bis zum Herbst zu verschieben. Das

Heiraten kam mir jetzt nicht mehr so lustig vor. Ich durfte dann nicht mehr

tanzen, und das Tanzen war mir jetzt die Hauptsache.

Als die Ballsaison vorüber war, sank ich in die frühere trostlose

Langeweile zurück. Ich quälte meine Mutter, ärgerte mich über die kleine

Stadt, wo man so wenig Zerstreuung haben konnte, und wollte Reisen machen.

Die kluge alte Dame nahm meine Unruhe und Unlust zu jeglicher Beschäftigung

für Sehnsucht. »Ich werde ihm schreiben; er soll schon im April kommen«.

Ich freute mich mit übertriebenem Lachen und Händeklatschen, bestellte mir

zwei neue Kleider, und schrieb am Abend auf vieles Drängen der Mutter einen

trockenen dürren Brief an Dich. Das Schreiben verursachte mir Mühe, die

Worte mußte ich aus allen Winkeln meines Gehirns zusammensuchen, ich wurde

ungeduldig und namenlos ärgerlich auf Dich. Ich wollte Dich kränken, ich

wollte Dir wehthun, und von einem dunklen bösartigen Instinkt getrieben,

schrieb ich ganz zum Schluß, daß ich mit einem wunderschönen jungen Manne

verlobt sei und ihn ungeheuer liebe. Mit dem unliebenswürdigsten Händedruck

preßte ich die Marke auf das Couvert und übergab ihn dem Mädchen. Aber

der Gedanke an Dich ließ sich nicht so ohne weiteres fortschicken. Ich

erinnerte mich an so viel, was früher gewesen, anders als jetzt gewesen.

Ich dachte an mein lang vernachlässigtes Klavier. Ich versuchte zu spielen.

Meine Finger waren schwer und unbehilflich geworden. Das reizte mich. Ich

spielte -- was sehr selten geschah -- einige Tonleitern und langte mir

schließlich einen Band Sonaten her. Ich schlug auf -- das Adagio der

Pathétique. Ich hatte es als Kind oft von Dir gehört. Einmal hattest Du

mich bei der Hand genommen, mir lange in die Augen gesehen. Endlich sagtest

Du: »Wenn Du ein echtes großes Weib werden willst, dann kannst Du es von

diesen vier Seiten besser lernen, als durch alle Weisheit der Welt. In

diesen Tönen atmet das schönste und reinste Frauengemüt«. Das fiel mir

wieder ein. Ich spielte das Adagio. Es ging sehr schlecht, aber die

wunderbare Musik siegte über meine Ungeschicklichkeit. Es begann etwas

in mir zu zittern. Als ich zu Ende war, weinte ich. Ich weinte vor

Ergriffenheit und weil ich leise, aber schmerzhaft deutlich empfand, daß

ich nichts, gar nichts von dem Frauengemüt hatte, das in diesen Tönen

lebte. Aber seit diesem Abende spielte ich viel, wenn es auch kein

geregeltes und regelmäßiges Ueben war.

Nach fünf Tagen kam Dein Brief. Ich warf ihn damals ins Feuer. Weniger

zornig über den kühlen traurigen Glückwunsch als über den einen Satz, der

sich in mein Gedächtniß bohrte: »Ich glaube nicht, daß Sie ihn heiraten,

denn Sie lieben ihn nicht. Sie sind noch ein Kind, kein Charakter«.

Ich sollte ihn nicht lieben, ich sollte kein Charakter sein! Jetzt wollte

ich erst recht beweisen, wie sehr ich ihn liebte, was für ein Charakter ich

war.

Er kam. Ich war liebenswürdiger gegen ihn als früher, und wärmer. Aber das

Adagio der Pathétique spielte ich nicht mehr. Was die Hochzeit betraf, so

hatte ich meinen Willen durchgesetzt. Erst im Herbst. Und noch war es mir

zu früh.

Der Mai brachte sommerheiße Tage. Ich war seit dem letzten Jahre größer und

stärker geworden, atmete tiefer und errötete sehr oft, ohne daß ich wußte

warum. Die unnatürlich heiße Frühlingssonne machte mich tagsüber müde,

während ich nachts vor den lauten Schlägen meines Herzens nicht schlafen

konnte. Ich sagte es der klugen alten Dame. Sie blickte mich mit einem

eigentümlichen Lächeln an, das ich nicht verstand.

Drei Tage vor meinem sechzehnten Geburtstag saß ich mit ihm allein auf

einem freien grünen Waldrain. Aus der Erde drang ein heißer feuchter Duft

empor. Ich hatte den Kopf gesenkt. Plötzlich fühlte ich seinen Blick

auf meinem Nacken ruhen. Eine brennende Empfindung und ein leichter

widerwärtiger Schauer stieg in mir auf. Dennoch wandte ich mich, von einer

bösen Neugier getrieben, zu ihm. Es war nur ein Moment, ein Blick -- aber

dieser Blick, der wie eine sinnlich zitternde Berührung über meinen Körper

glitt -- mir war's, als stände ich nackt, von unkeuscher Glut übergossen,

in dieser freien, lichtvollen Natur -- o Gott!

In der Nacht brach die Lüge meines Innern zusammen. Ich wußte, daß ich

ihn nicht liebte. Aber was hatte ich für die Wahrheit geben müssen! Die

Keuschheit meiner Seele, auf der jener Blick wie eine Entehrung brannte,

nicht Entehrung vor Menschen, Sitte und Religion, aber Entehrung vor dem

Höchsten, was es für ein Weib giebt, vor dem geheimnisvollen, gottähnlichen

Gefühl der Reinheit. Das fühlte ich in jener Nacht. Ich lag da in stillem

irrsinnigem Weinen -- ich dachte an Dich. Und ich war noch feige. Drei

Tage. Drei endlose verzweifelte Tage schob ich den entscheidenden Schritt

hinaus. Da kam mein Geburtstag. Er brachte mir einen goldenen Ring, den

Verlobungsring. Ich nahm ihn nicht.

Er verstand mich nicht, und als er mich verstand, fiel er vor mir auf die

Knie. Er griff wie einst nach meinen Händen, aber der grauenvolle Ekel, der

mein Gesicht erstarren machte, ließ ihn zurückfahren. Er ging, totenbleich,

in trostlosem Zorn.

Sie versuchten mich zu überreden. Umsonst. Ich widerstand -- nicht aus

Charakterfestigkeit, denn -- nur zu wahr, ich hatte noch keinen Charakter,

sondern mit dem Eigensinne der Verzweiflung um ein ewig Verlorenes. O dies

ewig Verlorene, dies Ungreifbare, Unnennbare....

Nun lebten wir ganz allein. Aus dem Häuschen drüben waren sie fortgezogen

nach Berlin. Ich arbeitete. Ich hatte einen freundlichen alten Herrn zum

deutschen Lehrer, der mit kleinem Kopfschütteln und großer Geduld meine

unglaublichen Fehler verbesserte. Nach vier Monaten schrieb ich an Dich.

Nicht mehr auf buntem parfümiertem Papier, auf einem einfachen weißen Bogen

einen einfachen, orthographisch richtigen Brief. Zuletzt sagte ich, daß ich

nicht mehr verlobt sei.

Seitdem schrieben wir uns regelmäßig. Du wurdest nicht müde, mir gute und

treue Worte zu sagen. Meine Lebensanschauung habe ich aus Deinen Händen

empfangen. Ich fing an zu verstehen, daß wir keinen Richter über uns

erkennen dürfen, als das Ideal, das strenge, unerbittliche Ideal, nicht das

nach den Forderungen der Menschen zugeschnittene. Ich fing an zu verstehen,

warum ich ohne Schmerz und Vorwurf an jene thöricht-traurige Spielerei

denken konnte, bis zu dem Augenblicke, wo ich innerlich schuldig geworden

war. Das blieb. Das ließ sich nicht hinwegweinen oder hinwegarbeiten. Das

blieb.

Nach drei Jahren kamst Du wieder. Ich war nicht mehr hübsch. Aber ich war

still und gut geworden. Eine kleine Freude machte es mir, Dich mit allem zu

überraschen, was ich gelernt hatte. Französisch, englisch und italienisch.

Ich hatte die Klassiker gelesen und konnte auch schwere Bach'sche Fugen

spielen. Du gabst mir Compositionslehre, um mir das Partiturlesen zu

ermöglichen und meinem instinktiven Verständnis durch das theoretische

nachzuhelfen. Ich weiß noch sehr gut, was Du bei den falschen Quinten

und Oktaven sagtest: »Man hört sie oft nicht, sie dürfen aber doch nicht

gemacht werden«. Ja .... man hört vieles nicht mit Menschenohren und sieht

vieles nicht mit Menschenaugen, und doch darf es nicht geschehen.

Dein vierzigster Geburtstag kam. Du verbrachtest ihn bei uns. Ich hatte

mittags in der Küche zu thun. Als ich etwas spät ins Eßzimmer kam, hörte

ich Dich und die Mutter im kleinen blauen Salon reden. Wie es schien,

ernsthaft. Ich wollte nicht stören. Ich nahm mir eine Arbeit. Durch die

offene Thür klangen Eure Worte.

Die Mutter fragte: »Warum haben Sie nicht geheiratet?« -- -- -- Deine Worte

fielen wie schwere heiße Thränen auf mein Herz. »Ich möchte nur ein Weib

lieben, das ich hoch über alle andern stellen, das ich als ein einziges,

auserwähltes ansehen kann. Zu diesem Weibe müßte ich beten können, wie zur

Madonna. Auf ihrer Stirne dürfte kein Hauch und in ihrem Herzen kein

Fehler sein. Ich hätte sie zu lieb, um es ihr vergeben zu können. Bei

dem Unendlichen darf es kein Begnügen und keine Nachsicht geben. Ich muß

fraglos anbeten und mich in den Staub niederwerfen können: »Ich verdiene

Dich nicht, aber ich kann Dich nur lieben, wenn Du bist wie das Licht

selbst«. Solch' ein Weib habe ich noch nicht gefunden -- ein Weib wie Ihre

Tochter«.

Ich starrte mit weiten Augen in die große flammende Mittagssonne.

»Meine Tochter -- Wissen Sie, daß sie verlobt war?«

»Ich weiß es. Aber gnädige Frau, halten Sie mich nicht für eine so kleine

Natur, daß ich solch' einer äußerlichen Sache nur einen Gedanken schenken

würde. Diese empfindungslose Kinderthorheit hat die Seele Ihrer Tochter

nicht berührt. Sie ist rein -- wie Madonna«.

Die Nacht! Ich sah Dich vor mir stehen und lag mit gefalteten Händen vor

Dir auf den Knieen.

Ich liebe Dich -- und kann Dir's nicht sagen, denn ich kann nicht mehr

Madonna für Dich sein. Ich bin schuldig -- und wenn ich's Dir gestehen

könnte, so könnte ich mir's doch nicht von Dir vergeben lassen. Du darfst

mir nichts zu vergeben haben, Du bist zu hoch dazu und ich liebe Dich zu

sehr. Ich bin besser als die Anderen, aber nicht gut genug für Dich. Ich

bin stolzer als die Andern, und liege hier vor Dir auf den Knieen: ich

liebe Dich.

Ich habe Dir's nie gesagt. Ich konnte nicht, ich konnte nicht. Jener Blick

stand nachtdunkel zwischen diesem Wort und mir. Ich ließ Dich gehen und

sagte meiner weinenden Mutter: »Ich liebe ihn nicht. Nein. Nein«.

Mein lebendiges Leid hat sich nicht so leicht im toten Herzen begraben

lassen. Manchmal wachte es auf und schrie mir mein Elend in die Ohren. Ich

wurde älter und sah, wie die Menschen lügen und sündigen, ohne es für Lüge

und Sünde zu halten. Ihnen mußte ich lächerlich sein. Aber mein Ideal mit

den traurigen goldenen Augen sprach anders.

Die Mutter starb. Ich war ganz einsam. Ich hörte durch die Zeitungen viel

von Dir. Dies und Deine Werke waren mein einziges Glück. Ich wußte auch,

daß Du nicht geheiratet hattest .... Du konntest keine Madonna finden.

Ich lebe still weiter, freue mich, armen Menschen helfen zu können, und

sterbe langsam. Ich liebe Dich zu sehr. Und nun, da lange fünfzehn Jahre

vorbei sind, habe ich Dir diese meine Geschichte erzählt. Du sollst sie

lesen, wenn ich tot bin. Zu meinem Begräbnis soll meine alte Pflegerin Dich

rufen lassen. Ich weiß, daß Du kommen wirst.

Du sollst wissen, daß ich Dich geliebt habe, und doch solltest Du mich

nicht Madonna nennen. Es wäre eine Lüge gewesen. Sage mir, daß ich recht

gethan habe.

Nun weißt Du, wie's gekommen ist«. --

Das Abendrot hauchte seine Lichter auf die Stirne der Sixtina. Ein Abglanz

fiel auf das Antlitz der toten Maria. Es war so ernst und herrlich rein,

wie das der Himmelskönigin.

Er lag auf den Knieen und neigte sein Haupt auf ihre bleichen Hände. »Du

hast recht gethan -- Madonna«.

=Corriger l'amour=

Soll ichs? ... Es ist ein hübscher Junge und ich ennuyiere mich. Mein

geliebter Gemahl ist den ganzen Tag in den Bergen. Er sitzt am See;

schreibt seinem Aussehen nach Gedichte. Ich? ... was thue ich? Brauche

möglichst lang zu meiner Toilette; lasse mir von der Köchin das Menu

zeigen; sitze auf der Veranda und bilde mir ein, See, Wald und Berge zu

zu bewundern. =Voilà tout.= Ah, meine Gnädigste, in solcher Stimmung

ist's verzeihlich, ein Tagebuch zu beginnen! Fünfundzwanzig Jahre und

ein Tagebuch! Lächerlich! Aber die Langeweile ... Dazu ärgerten mich die

weißen, öden Blätter. Ich fing an, Spinnen und Fliegen darauf zu zeichnen.

Und während ich es that, kamen mir die Gedanken ... Es ist wirklich ein

hübscher Junge. Noch ein wenig blaß von seiner Krankheit. Und so gut

erzogen, so rührend ungalant ...

Vor acht Tagen kam der Brief seines Vaters. Fritz las ihn. Ein-, zweimal.

Dann schob er die Cigarette in den rechten Mundwinkel. Ah! macht' ich

in Gedanken. Der will etwas. Die Cigarette wanderte wieder in den linken

Mundwinkel. Mich geht's auch an? So! Pause. Ich sah auf die Badestatuette

von Tabachi. Man sagt, ich sehe ihr ähnlich. Ich gähnte.

Thea!

Fritzl?

Der Lobkowitz hat geschrieben.

So. Was?

Sein Jüngster, der Ossi, war krank. Nervenfieber. Hat sich beim Examen

überarbeitet. Er möchte ihn auf's Land schicken; zu uns. Willst Du?

Wie alt ist der -- Ossi?

Neunzehn oder zwanzig, weiß nicht recht. Also willst Du?

Neunzehn, zwanzig -- nein.

Aber Thea!

Fritzl, sei vernünftig. Der Junge ist neunzehn, meinetwegen auch zwanzig.

Ich bin hübsch. Wir leben hier sehr einsam. In acht Tagen ist er verliebt

in mich bis über die Ohren und wir haben den Skandal.

Fritz lachte.

Das ist Deine ganze Besorgnis? Möglich, daß er sich in Dich verliebt.

Sicher, daß ich einen Skandal verhindre. Ich lasse ihn kommen.

Und er kam. Ganz anders, als ich ihn erwartet hatte. Schlank, brünett, mit

der zigeunerischen Noblesse des slavischen Adels, aber zugleich schüchtern,

linkisch, wie ein bürgerlicher Privatdozent. Keine Spur von =savoir-vivre=.

Und sein Vater ist Gesandter! Ich interpellierte Fritz.

Wo hat der Lobkowitz seinen Jungen erziehen lassen?

Weiß nicht. Keinenfalls in Paris. Der Fred hat ihn zu viel Geld gekostet.

Darum sollte der Ossi wohl desto solider werden. Ich glaube, er hat

Philosophie studiert. Bist Du nun ruhig, daß er sich nicht in Dich

verliebt?

Ganz ruhig, mein Herr Gemahl. Aber Sie hätten das nicht so spöttisch zu

sagen brauchen. --

Mein philosophischer Graf sitzt noch immer auf seinem Felsen, dichtend ...

Was gilts? Eine Spielerei von zwei Monaten -- =ce n'est que le premier pas

qui coûte=.

Soll ichs? -- Ich werds!

_21. Juli._

Ich las, was ich gestern geschrieben. Es amüsiert mich. Ich werde weiter

schreiben. Ich langweile mich noch immer. Die -- Affaire ist noch nicht im

Gang. ... Sentimental wird mein Tagebuch nicht. In dieser Richtung bin

ich ein Genie an Talentlosigkeit. Sentimental -- Affaire -- Genie --

wie unlogisch ich durcheinander schreibe. Ah, =laissons=! Logik ist die

schreckliche Begabung der gelehrten Frauen; ich kann sie nicht leiden; sie

verstehen nichts von Koketterie. Ich bin nicht gelehrt; kokett? --

Ich spreche französisch, nicht mit schwerfällig-deutscher

Institutsrichtigkeit, sondern so anmutig und unordentlich, als käme ich aus

dem tiefsten Paris; englisch wie eine Lady, deren Augenbrauen weißer als

ihre Haut sind; italienisch -- man hat mich für eine Toskanerin gehalten.

Weiter kann ich nichts. Oder von allem ein wenig. Natürlich spiele ich

Klavier. Mit viel Technik und wenig =sentiment=. Manchmal phantasiere ich

auch, =cela veut dire=, ich spiele eine unmögliche Melodie, dazu suche ich

mir noch unmöglichere Akkorde. Kurz, es sieht in meinem Kopf aus wie in

einem =bric-à-brac=-Laden. Ich weiß es ganz genau und mache mir gar nichts

daraus. Die Grisettenwirtschaft solch eines =bric-à-brac=-Ladens ist weit

interessanter als die anständige Steifheit wohlgeordneter Wohnzimmer. Ich

habe mich in Paris mit Daudet, in London mit Gladstone, in Bayreuth mit

Wagner aufs beste unterhalten. Ohne jede Gelehrsamkeit. Ein wenig Esprit,

ein wenig Koketterie. Ich kenne all meine Fehler und finde sie alle

reizend. Z. B. meinen Egoismus. Ich beweise ihn schon dadurch, daß ich nur

von mir rede. Da ist ja noch -- =monsieur mon mari=. Ich liebe ihn heute

ebenso wie vor fünf Jahren an unsrem Hochzeitstage. Mittelmäßig. Warum

ich ihn geheiratet? Er war zweiunddreißig Jahre, die Perfektion eines

Kavaliers, sein Vermögen groß genug, um mir Toiletten =à la= Sarah

Bernhardt und Diamanten =à la= Judic zu gestatten; und in mich verliebt!

Sehr! Ich? ich wußte recht gut, daß mein Ministerpapa eine glänzende

Einnahme, aber kein Vermögen habe. Die glänzende Einnahme wurde durch

ein glänzendes Leben verbraucht. Meine Heirat mit Baron Gersewald war das

Vernünftigste, was ich thun konnte. Ich that es.

Fritzl ist heute wie vor fünf Jahren galant, liebenswürdig, verliebt.

Wir leben in der größten Harmonie. Wir sind beide nicht eifersüchtig. Wir

wissen beide, daß wir uns hie und da etwas vorlügen. Was die gegenseitigen

Wünsche angeht, schicken wir uns ineinander. Vier Wintermonate in Paris,

reizendes Hotel Place Vendôme, das ist für mich. Drei Sommermonate Eibsee,

einsame Villa, das ist für ihn. Eine Laune meines seligen Schwiegervaters

hat diese Bonbonnière in die Felseneinöde gestellt. Die Gegend entzückte

ihn, doch nicht genug, um sie ohne Comfort genießen zu wollen. Fritz hat

seine ersten Lebensjahre fast ausschließlich hier verbracht; wahrscheinlich

ist seine Bergfexerei auf diesen Umstand zurückzuführen. Sie stimmt

keineswegs zu seinem übrigen Charakter. Vor einigen Tagen fand ich in einem

Winkel mehrere seiner Schulbücher. Besonders amüsierte ich mich über ein

dickes Buch: Homer. Voller Tintenflecke und Eselsohren. Ich zeigte es

Fritz. Weißt Du noch etwas davon? Er lachte: Kein Wort.

Mir ist der Aufenthalt hier nicht unbequem genug, um mich dagegen

aufzulehnen. Die Luft, die Ruhe die Bäder sind der Gesundheit sehr

zuträglich. Volle Gesundheit trägt wesentlich zur Verlängerung der Jugend

und Schönheit bei. Ich möchte mir beides möglichst lange erhalten. Aber es

ist schwer, hier zu leben, wenn man für sogenannte Naturschönheiten keinen

Sinn hat. Fritzl ist tagelang in den Bergen. Ich glaube, er war schon ein

dutzend Mal auf der Zugspitze. Die längste _meiner_ Fußpartieen erstreckte

sich nur bis nach Lermoos. Seitdem sitze ich lieber zu Hause oder mache

kurze Spaziergänge an den Frillensee. Baadersee ist mir schon zu weit; dazu

der Rückweg bergauf. Auch wohnen mir in dem kleinen Hotel zuviel Kaufleute

und Commerzienräte. Ich befinde mich trotz der Langeweile immer noch am

besten -- =chez moi=.

Unser philosophischer Graf bleibt auch zu Hause. Das Bergsteigen ist ihm

noch verboten ... =L'affaire?= Ist noch nicht im Gang. Zum ersten Mal weiß

ich nicht, wie einem Menschen beikommen. Wir sehen uns Mittags und Abends.

Morgens ist er von fünf Uhr ab im Wald; Fritz in den Bergen.

Punkt zwölf kommt der Graf zurück. Rasch, erhitzt, zerzaust. Er muß über

die Veranda, an mir vorbei. Drei Schritte entfernt bleibt er stehen. Sein

überkorrektes Compliment ist steif und ungeschickt. Er dreht seinen weichen

Schlapphut in den Händen und wird ganz unmotiviert rot.

Wie haben gnädige Frau geruht?

Danke, Graf, gut. Sie?

Vortrefflich, gnädige Frau. Erlauben Sie, daß ich jetzt meine Toilette in

Ordnung bringe.

Wieder ein eingelerntes Compliment. Er geht. So eilig als es mit der

Höflichkeit vereinbar ist.

Bei Tisch führen Fritz und ich die Conversation. Der Graf spricht nur, wenn

er gefragt wird. Wir fragen nicht mehr. Seine Antworten sind zu

einsilbig. Auch wird er immer bis an die Haarwurzeln rot. Ich habe eine

unwiderstehliche Lust, ihn durch boshafte Bemerkungen in Verlegenheit zu

bringen. Fritz verbot es mir. Er hat ein =faible= für den Grafen. Warum,

kann ich mir nicht erklären. Vielleicht weil er ihn für gar so ungefährlich

hält. Er ist es auch. Und doch ...

22.

=L'affaire s'en va= ... Fritz hat sich für fünf Tage verabschiedet. Er

macht eine Tour nach Tirol. Gestern Abend teilte er es mir mit. Der Graf

stand dabei.

Ich hoffe, Ossi, daß Sie der Baronin während meiner Abwesenheit

Gesellschaft leisten.

Der Graf wurde rot -- und schwieg. Das aigrierte mich.

Ich werde den Herrn Grafen in keiner Weise bemühen. -- Ich klingelte. --

Heinrich, Sie werden morgen dem Herrn Grafen hier, mir auf meinem Zimmer

servieren.

Ich machte ihm eine förmliche Verbeugung. Mit einem ganz kleinen Blick

bemerkte ich, wie er sich auf die Lippen biß. Ich lächelte innerlich. =Ça

commence.=

Eine Stunde später trat Fritz in mein Boudoir.

Thea, Du warst unartig gegen den Grafen.

Nur Revanche.

Er ist schüchtern.

Nein, ungezogen.

Ich zerdrücke einen kleinen, roten Chenilleaffen, der an einer blassen

Chrysanthemenblüte hängt. Fritz beobachtet mich. Ich fühl's.

Thea -- ich werde meine Partie nicht machen.

Ich erschrak. Ich hatte mich unklug benommen. Das mußte wieder gut gemacht

werden. Gleichgiltig, unbeweglich blickte ich vor mich hin.

Es ist nur Deine Pflicht, mich nicht allein zu lassen mit dem dummen

Jungen.

Ich accentuierte die »Pflicht« sehr scharf; den »dummen Jungen« ließ ich

fallen -- eben weil er mir die Hauptsache war. Er sah mich an, drehte

bedächtig die feinen Spitzen seines blonden Schnurrbarts:

Ich werde meine Partie doch machen.

Ich spielte die Zornige:

Wirklich? Nun dann bitte ich, sie sofort anzutreten.

Er küßte mir langsam beide Hände:

Sie sind reizend, Baronin.

Er ging.

Ich schlief sehr ruhig. Gegen vier Uhr weckte mich das Oeffnen der

Zimmerthür. Fritz. Er beugt sich über mich. Ich stelle mich fest schlafend.

Madame -- Mylady -- Signora!

Ich rühre mich nicht.

Thea -- hübschester kleiner Satan, der je --

Ich konnte das Lachen nicht mehr verbeißen, schlug die Augen auf. Er setzte

sich auf den Bettrand und nahm meinen Kopf in seine Arme.

Ich gehe fort, Kleine. Sei artig während meiner Abwesenheit. Quäle den

Grafen nicht. Ich habe Befehl gegeben, daß ihr zusammen diniert. Das Souper

will ich Dir schenken.

Ich setze mich kerzengrade auf:

Ich werde nicht mit dem Grafen dinieren.

Die Erklärung nehme ich mit Vergnügen an; doch nur die Erklärung. Im

übrigen wirst Du die Liebenswürdigkeit haben, meine Anordnung anzuerkennen.

Nein.

Mein liebes Kind, dies »Nein« ist gleichbedeutend für mich mit einer

Blamage vor den Dienstboten. Und wenn ich auch duldsam wie ein Lamm bin --

darin nicht.

Ich zerreiße die Picots an den Seidenbändern meines Nachtkleides.

Also ja?

J ... j ... ja.

Er will mich küssen. Ich vergrabe den Kopf in die Polster. Er küßt mich in

den Nacken und lacht leise:

Baronin, ich nehme mir ein Andenken mit.

Ich schaue rasch um. Er hält eines meiner Morgenpantöffelchen in der Hand

und mißt es mit Daumen und Zeigefinger.

Welche Nummer? Hm! 35!

Nein 33! rufe ich eifrigst. Er sieht mich komisch-ungläubig an: Wahr? Dann

neigt er sich dicht zu mir:

Ich muß es doch wissen. Ich habe dies Cendrillonfüßchcn oft genug in der

Hand gehabt. Adieu. --

Jetzt sitze ich auf der Veranda. Schreibend. Der Graf wird kommen. Ich habe

eine Toilette gemacht, eine Toilette -- --! Er versteht nichts davon, ich

weiß es. Doch empfindet jeder Mann unwillkürlich den Zauber eines guten

Ensembles.

Spitzen, nichts als Spitzen. Weich, weiß. Nachlässige Draperien von

reizender Unregelmäßigkeit. Mein Gesicht habe ich nach meiner Toilette

eingerichtet. =L'air de petite fille.= Das steht mir. Und grüßen werde ich

ihn, grüßen -- -- so, daß er mich anreden muß.

Da kommt er. Sehr langsam. Ist ihm unbequem, daß er an mir vorbei muß.

Sehr gut, sehr gut. Ich vertiefe mich eifrigst ins Schreiben. Uebers Papier

hinweg sehe ich seinen schmalen Fuß ...

_Halbe Stunde später._

Die Philosophie? Ich lache! Ah Herr Graf, sie wird Sie nicht schützen gegen

Ihre zwanzig Jahre. Soll ich schreiben? Das eben stattgehabte Gespräch?

Mir zuckt's und prickelt's in den Fingern. Also ... Der Graf kam die Treppe

herauf. Ich kratzte zwanzig i-Striche nacheinander. Ich mußte ja schreiben.

»Guten Morgen, gnädige Frau.« Mein Ohr seziert den Ton, in welchem er

die vier Worte spricht. Schüchternheit und Trotz; so das Resultat meiner

raschen Analyse. Ich hob den Kopf, dankte ihm, ohne zu sprechen.

Gnädige Frau ...

Ich sehe mit dem liebenswürdigsten Gesichtsausdruck an ihm vorbei. Er ist

tötlich verwirrt.

Gnädige Frau, ich ... ich bin sehr ungeschickt.

Gewiß.

Er wird weiß bis in die Lippen. Noch siegt die Philosophie über seine

gekränkte Mannheit. Das ist mir nicht recht. Ich muß ihn reizen, reizen,

bis er sich vergißt und ....

Gnädige Frau, ich habe Sie gestern beleidigt.

Graf, beleidigen können Sie -- mich nicht.

Einen Augenblick ist's sehr still. Dann macht er mir eine tiefe Verbeugung.

Sehr unkorrekt, aber zum ersten Mal frei und natürlich.

Gnädige Frau, ich werde heute Abend abreisen.

Wenn Sie das für das Richtige halten --

Das Richtige?

Es dürfte zum mindesten ein sehr eigentümliches Licht auf mich werfen, wenn

Sie nach dem ersten Tage des Alleinseins mit mir -- abreisen.

Das trifft.

Ich -- werde -- bleiben.

Ich schaue von unten zu ihm hinauf und fange an zu lachen.

Aufrichtig, Graf, wir sind doch wie zwei Kinder. Nur, daß es bei mir

verzeihlicher ist. Ich bin eine Frau. Sie, ein Mann, der Philosophie

studiert hat ....

Er, sehr bitter: Aber keine Lebensart.

Nein. Ich habe es Ihnen schon zu verstehen gegeben.

Sehr deutlich!!!

So? Das kann Ihnen doch nur gefallen. Ein Philosoph, ein Verehrer der

Wahrheit ...

Das bin ich.

Beweisen Sie es. Was unsere heutige Unterhaltung angeht -- =passons=. Von

heute an werden Sie ein wenig höflicher, ich ein weniger nachsichtiger

sein.

Ja.

Mein Mann hat meinen gestrigen =faux pas= schon wieder gut gemacht. Wir

dinieren zusammen.

Ich weiß.

Er hat es Ihnen schon gesagt? Desto besser. Heute Morgen winkte mir die

angenehme Aussicht, in Ihrer Gegenwart keinen Bissen genießen zu können.

Ich hoffe, es wird besser gehen, aber -- --

Aber?

Appetitanregend sind Sie auch gerade nicht, Graf.

Ein schwaches, finstres Lächeln huscht um seine Mundwinkel.

Ich habe mich noch nie um diesen Ruhm bemüht.

Und ich, um eine Nuance wärmer als bisher: Wollen Sie es heute versuchen?

Nein!

Ah!

Gnädige Frau -- -- Sie -- wollen -- mir gefallen.

Einen Moment bin ich starr. Nur einen Moment. =Vogue la galère.=

Ja.

Er blickt mich mit unverhohlener Entrüstung an. Ich habe keinen Spiegel.

Kann mich nicht sehen in diesem Augenblick. Doch weiß ich genau, wie ich

aussehe. Sonnig. Lieb. Kindlich.

Ich _will_ Ihnen gefallen. Ist das etwas Schlimmes? Ich will jedem Menschen

gefallen. Ich bin mit Allen liebenswürdig, um Allen liebenswert zu sein.

Mein Mann hat Sie gerne, Graf. Er hält Sie für eine besondere Natur. Soll

ich mich da nicht bemühen, Ihnen zu gefallen?

Ich wende den Kopf so, daß mir die Sonne gerade in die Augen scheint. Ich

habe sehr schöne Augen. Sie glänzen im Sonnenlicht wie Tautropfen. Und mit

diesen Augen sehe ich ihn an ... er ist eine Weile ganz stumm.

Ich habe Unrecht gethan, gnädige Frau. Ich werde es gut machen.

Und langsam, langsam tritt er ins Haus.

Und jetzt! Ich bin lebhaft geworden; lebhaft vor Freude und Kampflust und

Bosheit. Dieser kleine Graf! »Sie wollen mir gefallen!«

Ja, ja, ja, das will ich -- und ich werd's.

_Nachmittags._

Ich hätte nicht gedacht, daß ein Tagebuch so anziehend werden könnte. Mir.

Unser Diner -- -- =C'est un drôle d'homme.= Um was für Dinge er sich

gekümmert hat. Ich wußte nicht recht, was für ein Gespräch mit ihm

beginnen, und nahm darum den ersten besten Gegenstand auf.

Waren Sie schon in dem Gasthof zum Eibsee?

Ja.

Wohl alles sehr schlecht?

Nein, einfach.

Ich glaube auch von einem Pensionat Krinner gehört zu haben.

Ja, Pensionat und Künstlerherberge.

Künstlerherberge?

Es wohnen mehrere Maler dort. Außerdem sind nur noch zwei Bauernhäuser da.

Eines ist uralt. Zigeuner sollen darin gewohnt haben. Die früheren Besitzer

des Eibsees.

Und jetzt?

Wohnen ihre Nachkommen darin, derbe, dunkelköpfige Bauern.

=Tiens=, wie romantisch. Sie sind sehr unterrichtet, Graf.

Ich spreche manchmal mit den Leuten.

Können Sie sie denn verstehen?

Ich gebe mir Mühe.

So. Und verlohnt es sich der Mühe?

Ja. Diese einfachen sind die interessantesten Menschen.

Unter diesen »interessanten Menschen« sind wohl ein paar hübsche,

schwarzhaarige Dirnen?

Die Mädchen sind sehr hübsch.

Ah, nun verstehe ich die Anziehungskraft.

Sie irren, gnädige Frau. Die Mädchen sind mir gleichgiltig. Aber es lebt in

dem Hause ein vierundsiebzigjähriger Mann. Der Tonerl. Schwere Arbeit kann

er nicht mehr verrichten. Er sitzt im Wald, bindet Besen und raucht

seine Pfeife. Ich habe mich oft mit ihm unterhalten. Er sei schon weit

herumgekommen, erzählte er mir. Nach München? fragte ich. O nein, aber

bis Tölz! Werktags geht er bei gutem und schlechtem Wetter in Hemdärmeln.

Sonntags hängt er sich den Lodenrock über die Schulter und steckt sich eine

Rose hinters Ohr. Das sieht zu seinem zusammengerunzelten Gesicht rührend

komisch aus.

Ist er verheiratet?

Nein.

Ah, er denkt wohl ins Bäurische übersetzt: =Marriage and hanging go by

destiny=?

Doch nicht. Das Heiraten sei nur für reiche Leute, erklärte er mir.

Sehr wahr. -- Aber Sie essen gar nicht, Graf.

Ich bin nicht hungrig.

Nachdem Sie den ganzen Morgen im Wald waren?

Ich habe mir im Bauernhaus ein Glas Milch und ein Stück Brot geben lassen.

Das hätten Sie bei uns nicht bekommen?

Nein. Die Milch nicht so frisch und das Brot nicht so schwarz.

=C'est un goût extraordinaire.=

Wenigstens kein französischer.

Sie dehnen Ihren Patriotismus auch auf Nahrungsmittel aus?

Hie und da.

Jedenfalls sind Sie kein Anhänger Brillat-Savarins.

Wer ist das?

Sie kennen doch die »Physiologie des Geschmacks«?

Nein.

Brillat-Savarin ist der Verfasser. Ein französischer Professor.

Ich habe von dem Buch gehört. Gelesen habe ich es nicht.

Ich kann es Ihnen geben.

Ich danke sehr. Ich habe keine Zeit, es zu lesen.

Aber mit Bauern zu plaudern?

Ja.

Ah, Graf, mit Ihnen werde ich nicht fertig. Unsere Ansichten gehen zu sehr

auseinander.

Es scheint.

Glauben Sie nicht, daß wir uns vereinigen könnten? Ich bin nicht

eigensinnig.

Ich auch nicht. Nur überzeugungstreu.

Ueberzeugungstreu! Wie pathetisch! Diesen Tragödienton goutiere ich nicht.

Gehen wir lieber zur Tagesordnung über -- zum Marasquin crême.

Das Diner ist vorüber. Er wünscht mir, echt kleinbürgerlich: Gesegnete

Mahlzeit. Ich begebe mich in mein Toilettenzimmer. Wie kann er nur mit

einem Menschen plaudern, der nach Tisch weder Nagel- noch Zahnbürste

gebraucht. Unbegreiflich.

Ich werde in den Wald gehen. Dann baden. Ob der Graf sich verpflichtet

fühlt, mir späterhin noch Gesellschaft zu leisten -- Ja? Nein?

23.

=Oui, madame la baronne!=

_5½ Nachmittag._

Er kam mit einem Strauß tiefblauer Enziane aus dem Wald. Ich wartete seinen

Gruß nicht ab.

Dieser Strauß! =Ravissant!= Wo haben Sie die Blumen gefunden?

Auf dem Weg nach den Thörlen. Da wachsen sie in Menge.

Sie lieben die Blumen?

Ja.

Ich auch. Stellen Sie sie hier ins Glas. Ich glaube, sie welken sehr rasch.

Wollen Sie nicht Platz nehmen?

Wenn Sie gestatten ...

Er setzt sich. Sein Auge schweift mit einem vagen Ausdruck über

den sonnenbestrahlten See. Zwischen den Enzianblüten kriecht ein

Marienkäferchen. Ich setze es auf meine Hand und beobachte seine

ängstlichen Spaziergänge. Auch er blickt auf das Tierchen. Die Sonne

schimmert durch meine geschlossenen Finger. Sie zeigt jede Blutwelle

in dieser kleinen schmalen Hand. Ich fühle, wie sein Blick an meinen

Fingerspitzen haften bleibt.

Sind Sie schon lange von Wien fort, Graf?

Sechs Jahre, gnädige Frau.

Ihr Vater hat Sie nie in München besucht?

Nein.

Sie waren in einem Institut?

Nein. In einer Familie.

Das wußte ich gar nicht. Wohl bei Verwandten?

Bei Fremden.

Nun, ich bitte Sie, diejenigen, die einem Kreise angehören, können sich nie

ganz fremd sein?

Es waren Bürgerliche.

Bürgerliche -- Graf Lobkowitz?

Ich habe mich nie glücklicher gefühlt, als bei diesen Bürgerlichen. Ich

habe ihnen sehr viel zu verdanken. Ich habe noch keine besseren Menschen

kennen gelernt.

Nie habe ich einen Aristokraten in stolzerem Ton reden hören. Und dieser

Ton wurde für das Lob Bürgerlicher verschwendet.

-- Sie sind Demokrat?

Nein. Nur ein Mensch.

Wollen Sie mir nicht von diesen außerordentlichen Bürgerlichen erzählen?

Er schwieg.

Sie können damit ein gutes Werk thun. Mich bekehren. Denn ich habe bis

heute keine große Sympathie für die Bürgerlichen gehabt.

Warum?

Genau weiß ich das nicht. Sie verstehen nicht, sich zu benehmen. Die Männer

haben keinen Takt, die Frauen keine Grazie.

Lauter ästhetische Fehler, die Sie ihnen vorwerfen. Keine moralischen,

keine Charakterfehler.

Aesthetische Fehler verletzen mein Schönheitsgefühl.

Das Schönheitsgefühl darf nicht richten, nur die Wahrheit.

Sie mögen Recht haben. Ich werde darüber nachdenken -- was Sie mir

wahrscheinlich nicht zutrauen. Doch jetzt erzählen Sie mir von Ihren

bürgerlichen Freunden. Wie kamen Sie überhaupt gerade nach München?

Meine Mutter war tot. Mein Vater war nach Paris versetzt worden, wohin er

meinen ältern Bruder mitnahm. Ich hatte gegen Wien eine unüberwindliche

Abneigung. Das Münchner Gymnasium, die Universität, wurden meinem Vater

sehr gerühmt, und ich freute mich, etwas Neues kennen zu lernen.

Und wie kamen Sie in jene Familie?

Durch die Empfehlung des Fürsten Kinsky. Professor Richter ist längere Zeit

bei ihm gewesen.

Richter, Richter? Wenn ich mich recht erinnere, habe ich einen Professor

Richter in Bayreuth kennen gelernt. Im Jahre 82. Bei Wagners. Er war sehr

bekannt, geachtet und etwas gefürchtet. Er soll sehr grob sein können.

Wenn man eine ganz ungewöhnliche Aufrichtigkeit dafür nehmen will -- gewiß.

Professor Richter ist eben kein moderner Mensch.

Um das zu verstehen müßten Sie mir erst erklären, was ein moderner Mensch

ist ... und ich möchte jetzt von jener Familie hören. Die Frau?

Ist eine echte Frau. Sie hat weniger Verstand als Gemüt.

Kinder?

Eine.

Ich horche auf. Diese seltsame kurze Antwort, der Ton ...

Eine Tochter? Sie heißt?

Gabriele.

Wie ist sie?

Sein Auge wird groß und licht:

Gut.

Das ist nicht viel, werfe ich übereilt ein. Er mißt mich mit einem

unsäglich mitleidigen Blick.

Bei einem Weibe -- alles.

Ist sie schön? --

Ich glaube nicht, daß er spricht, um mir Antwort zu geben. Er träumt die

Worte.

Sie ist sechzehn Jahre und hat goldene Locken. Sie kann lachen und weinen.

Sie will nicht anders sein als sie ist.

Das halten Sie für einen großen Vorzug?

Ja.

Dessen kann ich mich freilich nicht rühmen. Ich möchte immer anders sein,

als ich bin. Denn ich bin mir lange nicht gut genug.

Das gehört nicht hierher. Ich habe mich falsch ausgedrückt. Man soll nicht

anders scheinen wollen, als man ist.

Thue ich das?

Ich glaube -- ja.

Diese Worte sind zögernd und sein Auge ist traurig. Jetzt ist der

Augenblick. Wenn ich ihn jetzt nur ein wenig ...

Man darf nicht immer scheinen, was man ist. Am wenigsten in der Welt. Wenn

ich jedes Lächeln und jede Thräne zeigen wollte --

Thräne?

O ja. Sie wiederholen das Wort in so fragendem Ton ... ich habe schon

bitter geweint. Nur durfte ich es nicht zeigen.

Er hat mir sein Antlitz voll und ernst zugewendet.

Ihrem Gatten?

Auch -- ihm -- nicht. Er würde mich nicht verstanden haben.

Ich zwinge mich zu einem Lächeln:

Ich lebe in einer menschenreichen Wüste.

Ich habe Sie für glücklicher gehalten.

Das thun Alle. Und das ist's, was mich oft so tief verletzt. Sie beneiden

mich um mein Elend.

Elend? Ist das nicht ein zu schweres Wort?

Vom allgemeinen Standpunkt aus gewiß. Was fehlt mir denn? Ich kann mir

mit Konfitüren den Magen und mit französischen Stöckeln die Gesundheit

verderben. Aber leider ist die Dame auch ein Weib. Und das Weib sehnt

sich nach Licht und Luft, die Brust verlangt nach einem freien kräftigen

Atemzug, nicht gehindert durch das seidene Corset der Convention.

Und doch, gnädige Frau, habe ich gerade bei Ihnen die peinlichste

Beobachtung der äußeren Form gesehen.

Gewiß, so lange sie eine Rücksicht, ja mehr, eine Höflichkeit gegen unsere

Mitmenschen ist. Convention nenne ich die Schranke, die meiner geistigen

Ausbildung von Jugend an gesetzt wurde. Was habe ich gelernt? Fast nichts.

Ich bekomme jetzt oft ein Buch in die Hand, das ich lesen und verstehen

möchte. Dazu fehlt mir eine gewisse Vorbildung. Ich möchte eine Treppe

hinaufsteigen, in der so und so viele Stufen fehlen.

Sollte sich das nicht gut machen, nachholen lassen?

Mein Mann hat zu viel andere Dinge im Kopf, um sich für diese zu

interessieren. Allein, das gestehe ich offen, ist es mir nicht möglich.

Und wenn ich mich erbieten wollte, Ihnen zu helfen?

Sie sind sehr liebenswürdig. Danke. Ich glaube, es ist zu spät. Von Ihrem

Standpunkt aus sind all meine Versuche doch nur Kindereien. Ein so ernster

Mann darf sich nicht mit dergleichen abgeben.

Darf nicht? Es ist des Mannes würdigste Beschäftigung, dem nach Wahrheit

Strebenden zu helfen.

Aber ich bin ungeschickt.

Desto mehr Freude wird Ihnen das Errungene machen.

Ich bereite Ihnen eine Plage ...

Sie machen mir eine Freude.

=Bon.= Ich nehme Sie an als Lehrer.

Womit möchten Sie beginnen?

Ich habe soviel von der Iliade gehört. Wollen wir sie morgen lesen, oder

ist das noch zu schwer für mich?

Sie verraten einen vortrefflichen Geschmack. Wir können ohne alle Bedenken

damit beginnen. Ich habe eine sehr gute Uebersetzung mit.

Und ich habe die von Fritz, denke ich im Stillen. Denn sonst hätte ich

weder von Homer noch von der Iliade etwas gewußt.

Und wo soll die erste Stunde abgehalten werden? Hier?

Ich sehe ihn an.

Hier? Nein. Es wäre kaum der geeignete Ort. ... Die anmutige Neugier meiner

Dienstboten -- -- Sie gehen jeden Morgen in den Wald. Kann ich Sie um zehn

Uhr am Frillensee treffen?

Ich werde pünktlich sein.

Ich auch. Ich würde gerne früher kommen, aber meine Leute sind nicht

gewohnt, mich vor zehn Uhr fortgehen zu sehen. Ah, über die Convention. --

=Enfin= -- wir plauderten noch ein wenig. Das Abendrot überschimmerte meine

weißen Hände. Sein Auge haftet auf ihnen -- immer wieder.

Gute Nacht, gnädige Frau.

=Felicissima notte.= --

Sie ist sechzehn Jahre und hat goldene Locken ... seine erste =amourette=.

Natürlich. Jetzt _muß_ ich .... ah, Ihre Augen sollen nicht mehr glänzen,

wenn Sie an jene denken. Sie sollen blitzen, flammen -- für mich.

Ich bin sehr müde. Doch werde ich noch lernen. Für morgen. Die Iliade

durchlesen. Er soll überrascht sein durch mein rasches Fassungsvermögen.

* * * * *

Diese Iliade! =Affreux!= Langweilig, geistlos. Kein Bonmot, keine pikante

Bemerkung. Ich werde Mühe haben, das Gähnen zu maskieren. Meine Kenntnis

der griechischen Geschichte erstreckte sich nur bis zur schönen Helena

und Orpheus in der Unterwelt. =A demain, mon maître; après-demain, mon

esclave!=

24.

Morgens im Wald. Er war schon da. Ich stieg langsam den schmalen, steilen

Weg hinab. Er lächelte -- zum ersten Mal.

Wie schön es hier ist!

Nicht wahr, gnädige Frau?

Ich setzte mich auf die niedrige Holzbank. Er blieb stehen.

Es ist nur _eine_ Bank da. Wir müssen uns schon vertragen.

Er nahm am äußersten Ende Platz.

Sie werden aus lauter Rücksicht so rücksichtslos sein, hinunterzufallen.

Kommen Sie nur näher. Mir ist es peinlich, Sie in einer so unbehaglichen

Situation zu wissen. =Commençons!=

Er zog ein geschmacklos gebundenes Buch aus der Tasche. Der grünblau

marmorierte Einband allein hätte genügt, um mir eine Antipathie gegen den

Inhalt einzuflößen. Der Graf schien verlegen.

Was haben Sie? Sind Sie Ihres Lehramtes müde, ehe Sie es angetreten?

Nein, doch überlegte ich, daß die Iliade eine gewisse Kenntnis der

griechischen Götterlehre voraussetzt --

Die ich nicht habe, fiel ich ihm lachend ins Wort. Wollen Sie mir vor

Beginn unserer Lektüre einen kleinen Vortrag halten?

Und er sprach. Gründlich, ernst, langweilig. Ich gab meinem Blick den

Ausdruck der gespanntesten Aufmerksamkeit. Hie und da warf ich eine

Frage ein, stellte sie absichtlich kindlich, ja kindisch. Er gab mir

bereitwilligst Auskunft. Erst erstaunt über meine Naivetät, dann lächelnd.

Schließlich mit der frohen Heiterkeit, die jeder Mann beim Geltendmachen

seiner Ueberlegenheit empfindet. Und ich sah ihm in die Augen -- -- --

fortwährend ... mit weichem, träumend lächelndem Blick ... o, ich habe ihn

nicht umsonst vor dem Spiegel geprüft ... er sprach stockender, verwirrt,

schwieg plötzlich.

Eine Minute lang saßen wir stumm einander gegenüber. Ich weltvergessen,

traumumfangen -- innerlich jede Geberde berechnend. Verlegen, errötend fuhr

ich empor.

Sind -- Sie nicht wohl?

Doch -- doch.

Er stammelt und beugt sein flammendes Gesicht auf den blaugrünen Homer.

Ich streife mit dem Zeigefinger auf der Tischplatte hin und her und sehe zu

Boden.

Ich mache mir Vorwürfe. Ich habe Sie zu lange reden lassen. Mein Egoismus.

Aber ich will mich bessern. Heute wird nichts mehr gelesen. Schauen wir uns

den Wald an. Er ist so schön. Und daß Sie nicht ganz aus Ihrer Lehrerrolle

fallen -- was ist das für ein Baum?

Ein Ahorn.

Sehen Sie, das habe ich gar nicht gewußt. Und wie heißt die prächtige rote

Blume dort?

Das ist ein Türkenbund. Soll ich sie Ihnen holen?

Nein, nein. Das ist zu stolz. Das paßt nicht für mich. Wenn Sie etwas

Kleines, Feines sehen, das können Sie mir bringen.

Und ich lasse mir von ihm alle Baum- und Blumenarten erklären. Ich baue aus

Tannenzapfen Häuschen und spähe atemlos einem schwarzen Eichhörnchen nach.

Graziös, kindlich, mit unterdrücktem Lachen und halblautem Jubel.

Ich fühle, daß er mich unverwandt betrachtet. Ich fühle, daß er sich

unwillkürlich immer dahin wendet, wohin ich gehe ... o ... o ...!

Ich sehe auf meine Uhr und erschrecke. Auch er.

Adieu, Graf. Auf Wiedersehen. Morgen. O es ist schön hier.

Ich springe davon. Ohne mich umzusehen, weiß ich, daß er mir nachschaut.

Bei Tische sahen wir uns wieder. Er war blaß. Ich blasiert und steif. Nicht

seine Worte, der angstvolle Ton seiner Stimme fragte mich: Bist du denn

wirklich das Kind, das heute Morgen mit mir im Walde war? Ich beachtete es

nicht; sprach über Rennsport und Tanagrafiguren, über alte Spitzen und die

Rhapsodien von Liszt.

Sie spielen Klavier, gnädige Frau?

Schlecht.

Ah -- darf man Sie nicht einmal hören?

Einmal -- vielleicht. Heute nicht. Spielen Sie?

Ja.

Ich fordre ihn absichtlich nicht auf. Es ist noch nicht an der Zeit.

Ich sitze in dem amerikanischen Schaukelstuhl, rauchend, ein Knie über dem

andern. Er zerknittert zornig seine Serviette. Ich sehe ihn an und werfe

die Cigarette fort.

»Oh -- gnädige Frau!«

Der dumme Junge wird feuerrot vor Erregung. Dann läuft er davon.

25.

Andre Frauen würden heute erregt sein. Ich bin so ruhig. Ich spiele meine

Partie vortrefflich. Schach dem König .... matt? Noch nicht. Das wäre auch

schade. Wenn das Spiel zu Ende ist, werde ich gähnen. =Mon petit comte= --

er ist so recht, was man einen idealen Menschen nennt, und darum würde

er mich langweilen, wenn nicht .... Er haßt die Slaven und nennt sich von

ganzem Herzen einen Deutschen. Aber sein Blut fragt nichts nach seiner

politischen Ueberzeugung. Das ist so heiß, so wild, so echt slavisch ...

ich hielt seine Hand eine Sekunde lang in der meinen. Seine Fingerspitzen

brannten, pochten --

Wir haben im Homer gelesen, und ich war so begeistert. Wie er sich freute

darüber! Ich habe auch eine Aufgabe: den gelesenen Abschnitt aus dem

Gedächtnis schriftlich wiederzugeben. Ich bat darum. Er meinte, es sei zu

schwer. Ganz recht. Er weiß ja nicht, daß ich weniger aus dem Gedächtnis

als abschreiben werde.

Ja heute morgen ...

Dichten Sie? fragte ich.

Nein, nein, nein.

Ich lachte hell auf. So heftig sagen Sie das? Und dreimal? Nun weiß ich,

daß Sie dichten. Darf man nichts sehen?

Er schüttelt stumm den Kopf.

Wie Sie wollen. Ich bin nicht neugierig.

Sie sind doch nicht böse, gnädige Frau?

Nein. Oder doch. Aber nicht der vorenthaltenen Gedichte wegen, sondern

... warum sagen Sie mir immer so steif, so kleinbürgerlich »gnädige Frau«?

Warum nicht kurzweg »Baronin«, wie es in unseren Kreisen gebräuchlich? Sage

ich denn »gnädiger Herr«?

Er sah mit einem schüchtern bittenden Blick zu mir auf.

Ich weiß es nicht anders.

=C'est ça.= Sie wissen es nicht anders. Sie haben zu lange in einer

beschränkten, kleinbürgerlichen Umgebung gelebt. Sie haben dort mit den

besten Grundsätzen das steifste Benehmen bekommen. Wenn Sie einmal Ihr

Compliment sehen könnten!

Ich machte es ihm vor. Ein wenig karrikiert, die Füße auswärts wie zwei

Windmühlenflügel, die Arme steif an den Körper gepreßt. Ich glaubte, er

würde lachen. Er sah mich fest und ernsthaft an.

So mache ich es? Das ist wirklich nicht schön.

Wollen Sie es besser lernen?

Ja.

Gut. Ich werde es Ihnen zeigen; aber vorher machen Sie ein anderes Gesicht.

Ich würde fragen, ob Sie beleidigt sind, wenn das nicht zu albern wäre.

Ich bin jedem dankbar, der mich auf einen Fehler aufmerksam macht.

Ah, so will ich es auch nicht. Dankbar -- Fehler. Sie nehmen alles gleich

=au grand tragique=. Ihr Compliment ist eine Ungeschicklichkeit, kein

Fehler, daß ich es Ihnen sage, ist eine Pflicht und verdient keinen Dank.

Oder wenn Sie mir danken wollen, revanchieren Sie sich. Ich weiß ja, daß

Ihnen vieles an mir nicht gefällt.

Das ist wahr. Sie haben sehr viele Fehler.

Gesamtsumme?

Kann ich noch nicht feststellen.

Details?

Darf ich offen sein?

Welche Frage! =Vite!=

Ihr erster und größter: Sie können nicht deutsch.

Nicht -- deutsch?

Nein. Fast jeder ihrer Sätze enthält ein unnötiges französisches Wort.

Sogar jedes ihrer Worte hat einen französierten Klang. Ich habe immer die

Empfindung, als setzten Sie Accents über die Vokale.

Und das gefällt Ihnen nicht?

Nein. Unsre deutsche Sprache ist so schön. Der fremde Aufputz steht ihr

ungefähr so, wie der griechischen Chlamys eine moderne Schleifengarnitur.

Ich kann Ihnen nicht ganz Recht geben. Es giebt tausend französische Worte,

für die der Deutsche gar keine Begriffe hat. Die französische Sprache

tanzt, die deutsche geht. Doch werde ich Ihren Wünschen entgegenkommen.

Machen Sie mich aufmerksam, wenn ich wieder -- tanze.

Ich werde so frei sein.

Wie steif er das sagt. Es klingt sehr komisch und sein bleiches Gesicht hat

sich ein wenig gerötet vor Freude.

Der Wind rauscht stärker durch die Bäume und wirft mir Blätter und kleine

Zweige ins Haar. Das paßt mir. Ich schüttle sie rasch und energisch ab.

Dabei fallen mir die Locken auf die Schultern. Ich weiß es sehr gut, aber

ich sehe es nicht.

Jetzt beginnt Ihre Stunde. Stellen Sie sich mir gegenüber. So. Und nun

geben Sie Acht. Vor allem zeige ich Ihnen die vier Positionen.

Ich hebe das Kleid ein wenig in die Höhe, um ihn meine Füße sehen zu

lassen, und mache es ihm vor. Er macht es möglichst korrekt und möglichst

ungeschickt nach.

Ja, ja, so ist es schon recht. Aber Sie müssen mehr auf Kleinigkeiten

achten. Sie setzen die Füße viel zu viel auswärts -- noch immer zu viel --

ach warten Sie!

Ich trete rasch an ihn heran und bringe mit der Spitze meines Fußes den

seinigen in die richtige Lage.

Nun treten Sie rechts in die zweite Position, ziehen den linken Fuß an,

neigen den Kopf -- nicht so tief, nicht so tief! -- stehen wieder gerade

und treten links einen Schritt zurück. Das wäre die Hauptsache. Jetzt muß

aber erst die Leichtigkeit, der gewisse Elan --

Elan?

Pardon! Bitte noch einmal .... Gut -- sehr gut. Nur Ihr Gesicht schaut so

unliebenswürdig drein, lächeln Sie ein wenig, noch ein wenig ...

Er macht das Compliment zwei-, dreimal, er lächelt.

Nun werde ich Ihnen zur Belohnung ein schönes Damencompliment machen.

Während ich den Kopf neige, blicke ich zu ihm herauf ... o über seine

erbleichenden Lippen, seine stockende Stimme.

Es ist schon spät, gnädige Frau.

Gnädige Frau?

Nun denn, Baro -- -- nein, ich kanns nicht!

Das war ein Schrei. Eine Minute lang -- so still. Aug' in Auge.

So -- nennen Sie mich -- Thea.

Er wendet sich ab und birgt sein Gesicht an einem Baumstamm. Ich gehe

langsam fort.

Er kam nicht zu Tische. Das war mir sehr angenehm. In seiner Gegenwart

hätte ich zum mindesten einige Appetitlosigkeit zeigen müssen. Nach dem

Diner schlief ich eine Stunde. Die unerträgliche Schwüle weckte mich. Ein

Gewitter steht am Himmel; und in meinem Tagebuch. Ich werde in den Salon

hinuntergehen.

_Nachts._

Wie ich lache! Wie ich vor Vergnügen mein Taschentuch mit den Zähnen

zerreiße. Das Gewitter ist vorbei. Draußen die nasse, funkelnde Erde -- und

während der rauschende Regen niederströmte, hat er ... Geduld, Geduld.

Im Salon. Er war da. Wir grüßen uns stumm. Ich setze mich an den

Schreibtisch. Er blickt zum Fenster hinaus. Ich nehme ein Buch und

beobachte ihn. Seine schwarzumränderten glutigen Augen, seine trockenen,

zersprungenen Lippen ....

Draußen wetterleuchtets; die Berge sind verschwunden in dem bräunlichgrauen

qualmenden Wolkendunst, über ein Kurzes wird der Sturm daherfegen. Ich

klingle dem Diener, erteile den Befehl, Thüren und Fenster sorgfältig

zu schließen. Er geht. Ich drücke einen Augenblick die Stirn an die

Glasscheiben und mit einem leisen Seufzer:

Das wird ein böses Wetter.

Er wendet sich zu mir. Um seine Nasenflügel zuckt es wie gezwungener Spott:

Sie fürchten?

Nicht den Ausbruch des Gewitters. Nur sein Herannahen bedrückt mich

unwillkürlich.

Ich gehe ein paarmal unruhig auf und ab.

Möchten Sie mir nicht etwas vorspielen? Ich wäre Ihnen sehr dankbar.

Er verneigt sich und tritt an den Flügel.

Was soll ich spielen?

Das überlasse ich Ihnen.

Er sitzt einen Augenblick still mit tiefgesenktem Kopf. Dann fällt seine

Hand wuchtig auf die Tasten ... die ersten Akkorde der Pathétique. Er kann

spielen ... aber ich habe die Sonate zu oft gehört, selbst zu oft gespielt,

als daß sie mich noch interessierte. Er kann mich nicht sehen. Eben beginnt

er das Adagio. Sehr schön. Nur für mein Gefühl zu langsam, zu zart. Ich

bin gespannt, ob er dem Presto die nötige Schärfe, ich möchte sagen ein

gewisses sarkastisches Weh geben wird. Der erste Blitz -- ein Krachen und

Prasseln -- mein Graf läßt sich in seinem Adagio nicht stören. Daß ihm

nicht einfällt, ich könnte ohnmächtig geworden sein ...

Er ist zu Ende.

Wollen Sie mir nicht auch etwas vorspielen, gnädige -- Frau? -- -- --

Ein paar übermäßige Akkorde, und weiter, weiter -- sehnsüchtig träumende,

wild erregte Volksmelodien, slavische! Und das trotzige Verlangen in

mir, diesen Knaben zu zwingen, giebt meinem Spiele eine nie besessene

Leidenschaftlichkeit, gesteigert durch alle Tollheiten moderner

Virtuosität. Er steht neben mir; sein trockner heißer Atem fliegt mir

über die Stirne. Ohne ihn zu sehen, fühle ich, wie er mit sich kämpft. Das

schwüle, gewitterdämmrige Zimmer, die verhüllte Sinnlichkeit der Töne ...

mit emporgehobenen Armen fällt er vor mir auf die Knie:

Thea!

Sein Herz sieht mich an und spricht zu mir. Ohne Worte. Und ich sitze still

und traurig mit müden Augen vor ihm, bis er nach meiner Hand greift. Da

stehe ich auf. Meine zitternden Finger drücken wie unversehens die Tasten

nieder: =E=-Moll-Akkord.

Gute Nacht!

Er liegt noch immer auf den Knien. Sie -- kommen doch morgen?

Natürlich, sagte ich innerlich, laut: Nein.

Oh! -- Er faßt nach dem Herzen. Thea!

Ich erbebe und mache rasch einige Schritte.

Bitte -- bitte!

Ich bin an der Thür. Ein Blick, ein Neigen des Kopfes, ein Hauch der

Lippen:

Ja.

Er jauchzt auf und wirft sich vornüber, das Gesicht in den Teppich

vergrabend. --

Vor zehn Minuten sah ich ihn im Mondschein im Garten herumrennen. Er hob

eine Hand voll Rosenblätter vom Boden auf und preßte sie an seine Lippen.

Ach diese Romantik!

Ich muß noch meine Toilette für morgen auswählen. Sie muß vorsichtig

gewählt werden. Ich will morgen sehr blaß sein. Dazu brauche ich meine

dunkelsten Korallen ...

_26. Nachmittag._

Das war ein Tag -- -- --

Der Saum meines weißen Battistkleides ward naß, als ich durch den Wald

ging. Unzählige schwarze Molche krochen vor meinen Füßen hin und her. Aus

dem Waldboden stieg eine betäubende würzige und feuchte Wärme. Der See

lag da wie ein dunkelgrüner Stein, auf welchem tausend boshafte

Sonnenteufelchen Cancan tanzten.

Ich bin erstaunt. Er ist nicht da. Ich setze mich und warte. Minute auf

Minute -- was soll das bedeuten? Ich werde unruhig. Und zornig. Diese

Ungezogenheit. Immer noch nichts. Endlich -- da ist er. In einem Zustand --

das Haar hängt ihm rauh und wirr um die Stirne. Die Gesichtshaut spröde und

fleckig. Die schlaffen, zersprungenen Lippen lassen die untere Zahnreihe

frei. Mit beiden Händen in eine Dornhecke greifend bleibt er stehen. Ein

schauerndes Schluchzen rinnt durch seinen Körper. Und wie von brutalem

Jammer erwürgt, grollt es aus seiner Brust: Ich will nicht -- ich will

nicht!

Ich springe auf, will zu ihm. Er streckt beide Hände gegen mich aus.

Bleib -- nicht zu mir -- sonst -- alles verloren. Ich wollt' nicht kommen.

Dich nicht mehr sehen. Nur fort, nur fort. Deine Ehre, meine -- und doch,

und doch ...

Wie der Strom über die Felswand, so stürzt sein Blick an meiner Gestalt

nieder. Ich halte die Wimpern tief gesenkt. Der lächelnde Triumph meiner

Augen ist nichts für seine Qual. Und ich überlege auch. Soll ich ihn

lassen? Gehen lassen? =Le jeu est fait.= Schach matt. Allein noch amüsiert

mich seine Tollheit. Gefährlich? Ah bah! Ich bin meiner sicher.

Und er ringt mit sich wie ein Sterbender. Ein großes Schluchzen steigt ihm

in die Kehle.

Leb wohl -- leb wohl!

Und er geht, hat wirklich die Kraft -- Das soll nicht! Leise, leise, mehr

Klang als Wort:

Ossi! --

Doch er hört's. Mit einem Sprung ist er bei mir. Und ich schlage meine

schimmernden Augen zu ihm auf:

Du!

Vergraben das Gesicht in die Falten meines Kleides, wortlos, nur süße

wilde gebrochene Laute murmelnd; dann mit einem tolljauchzenden Schrei

aufspringend, mich mit seinen Armen hoch emporhebend -- dieser Knabe! Er

preßt mich an seine Brust, küßt mich mit entsetzlicher Glut, mit taumelnder

Innigkeit. Aber mein Körper bleibt kalt wie meine Seele. Ich empfinde keine

andre Wollust, als daß seine atmende Trunkenheit an mir abrinnt, wie das

Wasser vom glatten Leib einer Schlange. Er setzt sich auf einen Baumstumpf

und hält mich auf seinen Knieen.

Wie schön du bist, wie schön! Ich habe nicht gewußt, daß ein Weib so schön

... ich habe ja keines gekannt. Nur ein Kind ... ach wie das vorbei ist, so

vorbei. Nur du! Nur du!

Dann sieht er mich eine Weile stumm an. Wie ein Kind mit vorsichtiger

Neugier sein Spielzeug, so berührt er meine Haare, meine Stirn, meine

Wangen mit seinen Fingern. Dann mit seinen Lippen. Minutenlang ruhen sie

auf den meinen, daß mir der Atem zu vergehen droht.

Weißt du, daß ich Gedichte an dich gemacht habe? Willst du sie hören?

Ich schlinge meinen Arm um seinen Nacken und er flüstert mir ins Ohr.

Ueberschwängliche Poesie, für die mir jedes Verständnis abgeht. Aber meine

Arme zittern und mein Mund haucht ihm zu:

Wie schön! wie groß!

Seine liebende Eitelkeit jauchzt auf, und wie einen farbigen Regen

schüttet er mir rückhaltlos seine innersten Gedanken in den Schoß. Er hat

Philosophie studiert. Aber er will ein Dichter werden. Ein echter Dichter.

Nur das Große, Herrliche, Gewaltige will er den Menschen vorführen. Nun, da

er mich gefunden, nun wird er das Höchste erreichen. Die Liebe, die Liebe!

Die große, einzige, göttliche Liebe, sie ist ihm alles, Leben und Sterben.

So schwärmt und rast seine Phantasie. Aber in seiner Tollheit ist eine

dämonische Kraft, eine Naturkraft, die meine Nerven unangenehm berührt. Ich

winde mich aus seinen Armen. Unbändiges Flehen, zornige Thränen, maßlose

Küsse ergießen sich über mich. Er läßt mich nicht eher fort, als bis ich

verspreche, mich heute Abend im Dunkel noch einmal herzuschleichen.

Das letzte Mal. Denn morgen Nachmittag kommt Fritz. Er denkt freilich nicht

daran.

Gegenwärtig fühle ich mich ordentlich müde von dem heute Morgen erlebten

Sturm. Ich langweile mich nicht. Aber die Sache fängt an, mir unbequem zu

werden. Es wird Zeit, daß ich die Karten zusammenwerfe. Der Spiegel zeigt

mir mein fatiguiertes Gesicht. =Dieu=, wenn ein Fältchen zurückbliebe!

Ich wäre untröstlich. Warum ist dieser Narr auch so unbändig in seiner

Leidenschaft.

_Nachts ein Uhr._

Ah -- =cette bêtise, cette bêtise=! Ruhe, Ruhe! Schreib, überleg. Jetzt

gilt nur eins -- -- -- -- -- ich kann nicht.

_Morgens acht Uhr._

Kein Schlaf. Nur die Gedanken wie flatternde Fledermäuse. Rastlos. Planlos.

Ich möchte schreien vor Zorn. Daß dies geschehen konnte. Mir! Ich muß mich

zwingen, klar zu überdenken -- sonst komme ich zu keinem Ende.

Gestern Abend zehn Uhr schlich ich fort. Unbemerkt. Die Nacht war trüb. Er

kam mir auf dem steilen Weg entgegen. Er trug mich weiter, immer weiter in

den Wald.

Ich bat, flehte.

Vergeblich. Die Lippen fest in meine Locken gedrückt, schritt er fort. Bis

zu einer Schlucht. Unten stürzte das Wasser. Er breitete meinen Mantel auf

das Moos und legte mich behutsam nieder. Sein Haupt ruht an meiner Brust.

Dumpfes Wasserrauschen, Nachtdämmer und eine Leidenschaft, die sich wie

alle Sonnen des Weltalls über mich ergießt. Ich fühle die Erregung meiner

Nerven, das Fiebern meiner Pulse, fühle, wie mein Atem zu fliegen beginnt,

fühle es in Zorn und Angst, und dennoch unfähig, mich zu beherrschen,

unfähig, mich zu regen. =C'est plus fort que moi.= Und er! Er fühlt das

Beben meines Körpers, das Nachgeben meiner Glieder, meine Schwäche ist

seine Kraft -- die Perlen meiner zerrissenen Korallenkette rieseln mir kalt

über den Nacken --

_Zwei Stunden später._

Ich mußte vorhin aufhören. Die innere Wut erstickt mich. Auch mußte ich

meine feuchten, zerdrückten, vom Waldboden beschmutzten Kleider verbergen.

Und ein wenig =rouge= auf meine bleifahlen Wangen.

Louison bringt eine Empfehlung des Herrn Grafen: Ob die Frau Baronin nicht

Lust zu einer Partie nach Garmisch hätten, im Hotel wäre ein bequemer Wagen

zu haben.

Was soll das bedeuten? Ich habe bitten lassen. Ich muß ja doch mit ihm

sprechen. Nur jetzt keine Sentimentalität. Rücksichtslose Klugheit.

_Mittags._

=C'est fait.= Die Affaire beendigt. Ich bin wieder ruhig -- bin ich. Aber

ich habe mir geschworen, mich nie mehr mit diesen sogenannten idealen

Naturen einzulassen, die nichts sind als überspannt und gesellschaftlich

schlecht erzogen. Die Tragödienszene von heute Morgen hat mir ihre

Lächerlichkeit im hellsten Lichte gezeigt.

Louison meldete den Grafen. Er trat ein. Im schwarzen Anzug. Ungewöhnlich

korrekt gekleidet, mit ungewöhnlich tiefer Verbeugung. Als das Mädchen die

Thüre wieder geschlossen hatte, warf er sich vor mir nieder. Ein wahrer

Thränenstrom und dazwischen Jubel- und Schmerzenslaute: Mein Lieb, mein

einziges Lieb, verzeih mir, verzeih mir! Ich konnte sein Gesicht nicht

sehen. Nur seine weiße Stirn. Das unnatürliche, blendende und doch bleiche

Weiß echter Perlen, durchzogen von feinen, blauen Adern. Diese Stirn ist

sehr schön, sagte ich mir. Es bestimmte mich, ein wenig mitleidig mit ihm

zu verfahren. Ich ließ ihn sich ausweinen. Doch es währte nicht lange.

Mit einem Ruck sprang er auf. Ich gewahrte erstaunt in seinem Gesicht eine

sieghafte Entschlossenheit, einen starken hellen Willen. Er setzte sich und

ergriff meine Hände. Er sprach, und auch seine Stimme klang tiefer.

Vergieb mir die Thränen. Es sollen die letzten sein. Der Knabe ist tot. Ich

habe Dich, ich habe Dich durch die Welt zu tragen -- dazu bedarf es eines

Mannes. Und der Mann soll Dir mit der Kraft seines ganzen Lebens vergelten,

was Du in dieser Nacht für den Knaben gethan hast.

Ich starrte ihn diesmal in Wahrheit völlig verständnislos an.

Was -- was?

Und in steigender Hast, flüsternd, fast atemlos:

Du mußt fort, so rasch wie möglich. Ich bringe Dich nach München. Oder

weiter. Leite die Scheidung ein, und dann, dann -- Thea -- unsere Hochzeit!

Ich entreiße ihm meine Hände:

Hochzeit?!

Sein zum Tod erschrockener Blick gab mir meine Fassung wieder.

Ossi! Was fällt Dir ein! Ein solcher Streich! Ohne Stellung, ohne Geld eine

Frau heiraten, die älter ist als Du!

Seine großen irren Augen bohren sich in mein Gesicht.

Thea -- ich liebe Dich! Ich werde arbeiten.

Dein Vater, der Eclat --

Ich vertrete mein Recht!

=Vous êtes fou!=

Er hebt sich halb vom Sessel empor.

Nein. Aber -- Thea, was sind das für Worte? Fühlst Du denn nicht, daß ich

thun muß, was ich thun will?

Ich sehe nur, daß Du Dich ruinieren willst.

Thea, wenn ich nicht an Dir zweifeln soll, muß ich Deine Worte für Edelmut

nehmen. Aber das ist ein falscher, ein schlechter Edelmut.

Und mit weißen, bebenden Lippen raunt er mir ins Ohr:

Was ich in dieser Nacht gethan, ist ein Verbrechen. Kann nur gesühnt werden

durch die höchste Liebe, die den Menschen über alle irdischen Schranken,

über sich selbst hinaushebt. Und diese Liebe muß den Mut zum Licht haben.

Sie darf vor keiner ihrer Consequenzen zurücktreten -- sonst, Thea,

merk wohl, bin ich ein Schurke, ein gemeiner, erbärmlicher Schurke, ein

Ehrloser.

Ich bin ganz kalt, gelassen.

Was Du da sagst, ist Unsinn. Du hast kein Verbrechen begangen, sondern

nur eine Dummheit, die am besten durch Schweigen gut gemacht wird. Uns

aneinander ketten, heißt, uns beide unglücklich machen. In zwei Jahren

bist Du meiner überdrüssig, oder ich Deiner. Ich bin nicht gewöhnt, mich

einzuschränken. Die Erträgnisse Deiner Liebesgedichte würden wohl kaum für

das Parfum ausreichen, welches ich gebrauche. Unter solchen Umständen ist

die höchste Liebe etwas durchaus Unhaltbares.

Sein Körper bricht zusammen. Er scheint tot zu sein. Nur die Augen leben

noch. Endlich murmelt er:

Wer bist Du denn? Wer bist Du denn?

Und dann mit drohender Geberde und flehender Stimme:

Geh mit mir!

Nein.

-- -- -- hast Du mich nie geliebt?

Nie.

Ich atme erlöst auf. Nun ists vorbei. Ich trete an den Toilettentisch

und schütte mir ein wenig =eau de Cologne= aufs Taschentuch. Er sieht

unangenehm grün aus; es ist ihm wohl sehr schlecht. Ich reiche ihm mein

Tuch hin. Er stößt mich zurück. Sein Antlitz flammt.

Nie geliebt!! Aber meine Ehre zerbrochen. Weißt Du, daß ich nicht

leben kann, so -- so --. Was ich von je als das Schmählichste, das

Niederträchtigste angesehen, ich hab's gethan. Und dann verkriechen?

Feig verkriechen? Nein, nein! Er soll mich niederschießen wie einen Hund,

wehrlos, ich gestehe alles --

Und verrätst eine Frau. Wie edel!

Einen Moment ist mir doch bange. Ich glaube, er stirbt. Auf seinen Lippen

stehen zwei Blutstropfen. Ich fühle sehend, wie eisig seine Hände werden.

Da lösen sich seine zusammengeklebten Finger. »Meine Ehre, meine Ehre!« Und

in jähem Umschlag, rauh, brutal:

Wohl, wenn Sie den Mut haben, eine Dirne zu zu sein, so werde ich den Mut

finden -- ein ehrlicher Mann zu bleiben. =A -- Dieu=, Baronin!

Welch infame Ironie! Sie trifft mich mehr als die rohe Beleidigung. Er

schreitet weiß und kalt zur Thüre hinaus. Die schwere Portière fällt wie

ein Grabtuch hinter ihm zu.

_9. August._

=Life is a comedy to those who think, a tragedy to those who feel.= Ich

denke. Das geschriebene Lebenskapitel muß doch einen Schluß bekommen.

Diese vierzehn Tage waren -- =dégoûtants=. Und noch liegt's in der Luft wie

Leichengeruch ...

Fritzl traf an dem verhängnisvollen Tag einige Stunden früher ein, als ich

erwartet. Sehr braun und verwildert, besten Humors, und galanter gegen mich

als je. Daraus schloß ich, daß er mit irgend einem hübschen Gebirgskind ein

kleines Abenteuer gehabt. Er ist vernünftig genug, es nicht einzugestehen,

sondern durch doppelte Liebenswürdigkeit gut zu machen. Ganz mein

Grundsatz. Eine seiner ersten Fragen galt dem Grafen. »Wie vertragen?« Ich

zuckte die Achseln:

Nicht gut, nicht schlecht. Heute ist er beleidigt. Er lud mich zu einer

Tour nach Garmisch ein. Ich schlug natürlich aus, da ich Dich erwartete. Er

muß übrigens bald zurückkommen.

Heinrich, der eben eintritt, bemerkt:

Entschuldigen Frau Baronin, aber der Herr Graf sind nicht nach Garmisch

gefahren, sondern haben den Wagen abbestellt und sind in den Wald gegangen.

Fritz schaut verwundert auf:

Und nicht zum Mittagessen gekommen?

Ach, das thun der Herr Graf manchmal.

So -- so --, dehnt Fritz vor sich hin. Als der Diener hinaus ist, meint er

ein wenig mißtrauisch prüfend:

Ihr müßt Euch doch nicht glänzend vertragen haben.

Die Zeit vergeht im amüsantesten Geplauder. Es thut mir wohl. Fritzl

gefällt mir besser als je. Da ist doch Chic, Raffinement. Ich bin ein

wenig verliebt, lasse es ihn merken, und er ist entzückt. Die Rokokopendule

schlägt mit ihrem hellen zitternden Stimmchen neun Uhr. Fritz fährt

erschrocken empor.

Neun Uhr! Und Ossi noch nicht zu Hause! Es wird dem Jungen doch nichts

geschehen sein?

Ich wehre ab:

Bitte Dich, was sollte denn -- unartig ist er, weiter nichts.

Aber Fritz ist nicht zu beruhigen. Meine Gleichgiltigkeit beleidigt ihn

fast.

Natürlich! Du kannst ihn nicht leiden. Aber ich habe den Jungen gern, sehr

gern, und werde darum sogleich ...

Er ist schon hinaus. Ich höre Befehle, Anordnungen. Eine Viertelstunde

später flammen am Rande des Sees Pechfackeln auf, die sich im Walde

verlieren. Der Herr Baron haben auch aus dem Hotel und aus den

Bauernhäusern Leute mitgenommen, erzählt Louison, während sie mich

entkleidet. Ich schlüpfe in mein Negligé und blättere, auf der Chaiselongue

liegend, im neuesten von Malot. Müdigkeit und Nervenabspannung lassen mich

in einen tiefen unruhigen Halbschlaf versinken. Verworrnes Stimmengemurmel,

dazwischen laute Commandorufe wecken mich. Ich fahre empor. Ans Fenster.

Ein Menschenknäuel. Der Fackelrauch läßt mich nichts erkennen. Was ist

geschehen? schreie ich hinunter. Eine breite bäurische Stimme antwortet:

Tot.

Eine Minute später tritt Fritz ins Zimmer. Mit Erde beschmutzt, die Kleider

in Fetzen gerissen, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Er wirft

sich in einen Stuhl.

-- -- Wir haben ihn gefunden. In einer Schlucht oberhalb des Frillensees.

Mit zerschmetterten Gliedern. Halb im Wasser liegend. Er ist verunglückt,

oder ...

Er springt auf und packt mich mit einer schrecklichen Geberde am

Handgelenk, unbarmherzig:

Thea, als ich mit der Fackel suchend am Rande der Schlucht hinging, blinkte

mir aus dem Moos etwas Rotes entgegen. Ich bücke mich. Eine rote Perle,

zwei, drei -- da!

Er schleudert sie auf den Boden.

Deine Korallen! Wenn es -- oh, oh, Deine Korallen!

Ich schaue starr zur Erde, fieberhaft überlegend, was ich sagen, am

klügsten sagen ...

Thea, was hast Du mit dem unglückseligen Jungen gemacht? Wenn Du -- ah,

es wäre zu schändlich, zu schrecklich. Sag, sag Du's: Ist er

verunglückt? -- -- --

Nein! -- Heute Morgen gestand er mir seine tolle Leidenschaft, flehte mich

an, ihm in die Welt zu folgen. Ich wies ihn zurück. Die Kette nahm er mit

sich -- als letztes Andenken.

Und das würdest Du mir verschwiegen haben, wenn ich nicht fragte?!

Ja. Hätte ich Dirs immer sagen wollen, wenn mir ein Andrer seine Liebe

gestand ...! Wer trägt die Schuld? Ich? Ich habe Dich gewarnt am ersten

Tag. Aber Du warst ja so sicher. --

Er bedeckt sein Gesicht mit den Händen: Es ist ja wahr, wahr. Dann dumpf

und gewaltsam:

Komm mit.

Er preßt mir die Knöchel zusammen und will mich fortziehen. Ich mache mich

kühl und gelassen los:

Keine Beleidigung. Ich gehe allein.

Sein Zimmer. Er liegt auf dem Bett. Der zerschmetterte Unterkörper mit der

seidenen Steppdecke verhüllt. Der Kopf ist unversehrt. Die nassen Haare

weit von der Stirne zurückgestrichen. Und über diese wunderschöne Stirn

läuft ein schmaler roter Streif. Das Gesicht ist finster schmerzlich. Auf

den Lippen klebt ein wenig Blut. Ich stehe da und empfinde nicht viel mehr

als den unangenehmen Eindruck des Leichenhaften. Fritz beobachtet mich:

Und kein Augenzucken, keine Thräne des Mitleids!

Thränen? Ich habe ihn gehaßt.

Und er ist für Dich gestorben! Geh, geh!

Boten werden mit Telegrammen nach Baadersee hinuntergeschickt; das Haus

ist die ganze Nacht in Unruhe. Fritz weicht nicht von dem Toten. Einmal

schleiche ich an die Thür. Sie ist halb geöffnet. Er geht ruhelos auf und

ab. Mein armer Junge, flüstert er, und dann wieder: Und meine Schuld, meine

Schuld.

Am nächsten Tage Telegramme aus Paris und München. Der alte Graf kann nicht

kommen. Fritz möchte das Begräbnis übernehmen. Wo, sei gleich. Fritz lachte

bitter: Der muß seinen Jungen ja recht lieb gehabt haben. -- Anders der

Bescheid des Professors. Er wird kommen.

Noch ein Tag und noch einer. Das Begräbnis. Auf einem tannenumrauschten

Hügel am See. Eine Menge Menschen sind aus der Umgegend gekommen. Bauern

aus Baadersee, Krainau, Garmisch und Partenkirchen. Und die Fremden, die

sich gerade dort aufhalten. Ein Zeitungsreporter macht sich Notizen ins

Taschenbuch. Alle sind sehr neugierig und sehr wenig betrübt, bis auf die

Professorsfamilie. Ich war nicht wenig gespannt, meine =ci-devant= Rivalin

zu sehen. Ein gescheit-hübsches, pikanterieloses Gesicht. Die Figur nicht

übel, doch zu wenig geschnürt. Nur das Haar sehr schön und reich. Die

Mutter gutmütig, natürlich, ein Muster von Anständigkeit, mit breiter

Taille und Doppelkinn. Der Vater schweigsam und unhöflich. Nach der

schrecklichen Grabrede des Dechanten von Oberkrainau gingen wir zurück in

unsre Villa. Fritz hatte die Professorsfamilie zu Tisch gebeten. Man

saß unbehaglich und appetitlos beisammen. Die Frau Professor konnte

ihre Thränen nicht zurückhalten. Die Kleine weinte nicht. Das gefiel mir

eigentlich. Fritz und der Professor sprachen zusammen.

Es war ein so begabter Junge. Ich setzte große Hoffnungen auf ihn. Noch zu

leidenschaftlich und überspannt, aber ich dachte immer: Laß sich den Most

auch noch so toll geberden, es giebt zuletzt doch noch 'nen Wein. Im Herbst

wollte er seine Gedichte herausgeben, und nun ...

Ich habe alles, was sich in seinem Schreibtisch fand, zusammenpacken

lassen, sagte Fritz. Und hier das Notizbuch, welches er in der Tasche trug

-- Ich erschrecke -- man kann aber nichts mehr erkennen, das Wasser hat es

vollständig ruiniert.

Ich atmete auf.

Das Mädchen flüsterte mit ihrer Mutter. Diese schien abzuwehren:

Warum denn, Jella, warum!

Ich bog mich hinüber.

Was möchte denn das Fräulein?

Ach -- sie hat ihren Rosenstock, den Ossi so sehr liebte, mitgeschleppt --

für sein Grab.

Ich hielt mich mit Gewalt ernsthaft.

Unser Gärtner soll es sogleich besorgen.

Nein, ich will es selbst thun.

Leise, aber sehr bestimmt kam es aus dem kleinen Mund. Sie stand auf. Eine

gewisse Neugier ergriff mich.

Ich gehe mit Ihnen, liebes Fräulein.

Sie schien nicht sehr erfreut, machte aber ihren schüchtern anmutigen

Fräuleinknix und ließ mich vorantreten. Wir kamen auf die Veranda.

Wo haben Sie denn die Blumen?

Ich muß sie aus dem Hotel holen.

Das kann ja der Diener.

Aber sie schüttelte das Köpfchen und flog davon. Ich schritt unterdessen

zu dem frischen, ungeschminkten Grabhügel hinunter. Das Kreuz wird erst

in einigen Tagen eintreffen. Die Kleine kam wieder. Mit einem unförmlichen

weidengeflochtenen Marktkorb am Arm.

Den haben Sie von München hergeschleppt?

Ja.

Vorsichtig hebt sie einen großen, schönen Rosenstock heraus. =Gloire de

Dijon.= Dann wühlt sie mit ihren Händen die Erde auf.

=Mais, ma petite=, Sie machen sich schmutzig.

Sie sieht mich erstaunt an: Was thut das?

Ich begebe mich jedes weiteren Einwandes. Und sie drückt die Erde wieder

fest; schöpft in ein Blechgefäß Wasser, um die Pflanze zu begießen; wäscht

am Strand ihre Hände rein. Nun steht sie am Grab. Die scharfe, heiße

Nachmittagssonne huscht über ihr schwarzes Cachemirekleidchen, dessen

Einfachheit von der Eile der Herstellung zeugt. Es sieht trostlos dürftig

aus im Gegensatz zu den funkelnden Perlenagréments meiner schweren

Atlasrobe. Plötzlich fällt die Kleine mit einem tiefen Schluchzen auf

das Grab hin. Erschrocken will ich ihr emporhelfen. Aber sie krallt sich

förmlich in die Erde. Ich muß sie gewähren lassen. Endlich richtet sie sich

halb empor und schluchzt wie entschuldigend:

Ich habe ihn so lieb gehabt, so lieb! Und nun soll ich nicht einmal sein

Grab in der Nähe haben, nicht manchmal zu ihm gehen und ihm Blumen bringen

können.

Aber liebes Fräulein, Ihr Herr Papa hat meinem Mann auf seine Anfrage doch

geantwortet, er sei dafür, den Grafen hier zu beerdigen. Hätte da nicht ein

Wort von Ihnen ...

O, Papa hat mich gefragt. Und da habe ich gesagt -- sie sollen ihn hier

begraben. Nicht auf dem großen öden Friedhof mit den vielen andern. Er hat

die Berge so lieb gehabt. Es ist auch recht selbstsüchtig daß ich darüber

weine, aber --

Sie macht in schmerzlichem Heroismus einen kleinen harten Ballen aus ihrem

Taschentuch und steht auf. Sie ist plötzlich wieder sanft und schüchtern.

Ich -- möchte -- zu Mama.

Wir gehen zur Villa hinauf, und sie sieht sich um, sieht sich fortwährend

um mit den schmerzensgroßen Kinderaugen -- =c'est drôle=!

Einförmig gehen die Tage weiter. Fritz ist höflich, eiskalt höflich gegen

mich. Ich bin gleichmäßig ruhig mit glatter Stirn und klaren Augen. Ich

lasse ihn völlig gewähren. In ein paar Monaten habe ich ihn so gewiß

zurückerobert, als ich noch jung und schön bin. Ich bin ganz froh, daß ich

etwas zu thun haben werde, und lege mir jetzt schon die Karten zurecht.

Fritz war öfters wieder fort. Aber keine Gebirgstouren. In München. Vor

drei Tagen kündigte er mir den Verkauf der Villa an:

Ich kann nicht mehr hier bleiben. Das Grab da unten ist mir ein ewiger

Vorwurf ...

Allein auf meinem Zimmer klatsche ich vor Freude in die Hände. Die Villa

verkauft! Mein sehnlichster Wunsch erfüllt, nicht mehr in diese Einöde zu

müssen.

Die Möbel sind teilweise schon fortgeschafft. In den Zimmern ist's jetzt

in Wahrheit -- =bric-à-brac=. Die Vorhänge sind herabgenommen. Ungehindert

strömt das Sonnenlicht herein. Ich kann das große vergoldete Kreuz auf dem

Grab dort unten sehen. Es ist ein Geschenk von Fritz. Er hat sich das

nicht nehmen lassen. Und der Rosenstock hat eine Menge Blüten. Ich habe

den zurückbleibenden Gärtner beauftragt, ihn zu pflegen. Warum sollt' ich

nicht? Dafür bin ich gerade gutmütig genug.

Auf dem Boden liegt ein Haufen zusammengekehrter Papierschnitzel, Spitzen,

Schleifen, Haarnadeln, Stecknadeln, Seidenfäden, eine Puderschachtel mit

verschüttetem Inhalt -- es sieht häßlich aus im vollen Sonnenlicht.

Was schimmert denn so?

Eine rote Perle ....

Platonisch.

»Sie lassen sich also nicht von mir lieben, kleine Eigensinnige?«

Sie streifte die weichen dänischen Handschuhe noch ein wenig über den

Ellenbogen und schaute mit suchendem Blick auf den Requisitentisch.

»O ja, aber --«

»Aber?«

»Platonisch.« -- Er lachte aufdringlich. Die Coulissenelegance seiner

Haltung für einen Augenblick vergessend, steckte er die Hände in die

Hosentaschen.

»Platonisch? Das ist ein weiter Begriff. Was verstehen Sie darunter?«

Die schmalen abfallenden Schultern des jungen Mädchens schienen noch tiefer

zu sinken. Sie musterte mit melancholischer Bosheit die von der Schminke

stark porös gewordene dunkle Gesichtshaut des Bonvivant.

»Etwas, was Sie nicht verstehen. Stumme Liebe.«

Der Schauspieler brach in ein rohes schmetterndes Gelächter aus und warf

wie im Uebermaße der Lustigkeit seine Rolle zu Boden.

»Teufel noch einmal! Sie verlangen hübsch viel --«.

»Weil ich nichts verlange.«

Der Inspizient eilte erschrocken herbei. »Aber meine Herrschaften! So laut!

Eben hat der Regisseur geklingelt. Uebrigens kommen Sie in der nächsten

Scene, Herr Possanski. Und Sie auch, Fräulein!« Der Schauspieler hob die

schmutzige stark zerlesene Rolle wieder auf, ohne den Staub abzuklopfen.

Seiner Kollegin noch ein liebenswürdiges Lächeln und einen bösen Blick

zuwerfend ging er nach dem Vordergrunde der Bühne.

»Kröte!« murmelte er vor sich hin. Die junge Dame war zurückgeblieben.

»Ich habe keine Requisiten,« wandte sie sich an den in seinem

Buche blätternden Inspizienten. »Ich kann doch nicht selbst in die

Requisitenkammer gehen.«

Der Inspizient sah sich um. »Wo sind denn all' die Kerls.... Aha, Klaus!«

Der baumlange Theaterarbeiter ließ die Versatzstücke stehen. Schon eine

ganze Weile hatte er sie geräuschlos aus dem Wege geräumt, ohne in dem

trügerischen Dämmer von Gas- und Taglicht bemerkt zu werden.

»Verlangen Sie in der Requisitenkammer einen Brief und eine Zeichenmappe.

Aber rasch.«

Die anmutig herbe Stimme der Schauspielerin fügte hinzu: »Ich bitte.«

Ich bitte! Wie zwei kleine silberne Perlen fielen diese Worte in die großen

abstehenden Ohren des ungeschlachten Burschen, und diese Ohren hatten

vorher schon einiges aufgefangen von »platonisch« und »stummer Liebe«.

Der schweigsame Theaterarbeiter hatte das Gespräch wohl gehört. Für

gewöhnlich besaß er gar keine Beobachtungskraft. Wenn nur die Kleine nicht

gewesen wäre. Anfangs hatte er sie gar nicht bemerkt. Sie war ja so sehr

klein; gegen ihn. Er hatte über sie hinweggesehen wie der gemalte Mont

Blanc im Manfred über die cachierten Felsstücke zu seinen Füßen. Aber

gehört hatte er sie. Diese eigentümlich regungslose Stimme, die immer so

unendlich viel zu verbergen schien. Er glaubte sie zu sehen, wenn er die

Augen schloß, glaubte eine weite sonnenbeschienene Haide zu sehen. Das war

seine Heimat. Von dorther hatte er die riesigen Glieder mitgebracht, gelbe

Haare und tote tagklare Augen. Aber jene Stimme hatte sie lebendig gemacht.

Er fing an, zu sehen. Das kleine Geschöpf mit dem weichen blassen Gesicht.

Während der Proben machte er sich in ihrer Nähe etwas zu schaffen. Er

schleppte die schwersten Dekorationsstücke zehnmal allein hin und her, nur

um vom Theatermeister an keine andere Arbeit geschickt zu werden. Auf

der letzten Galerie des Schnürbodens oder im dritten Versenkungsstockwerk

horchte er mit Anstrengung auf ihre Stimme, auf ihre kleinen ruhigen

Schritte. Die eintönige Musik derselben verfolgte ihn den ganzen Tag.

Abends bemächtigte sich seiner eine schwerfällige Unruhe, bis sie aus

der Garderobe kam. Das sammtartige Weiß und Rot der Schminke, die feinen

schwarzen Striche an Brauen und Wimpern machten ihr Gesicht lebhafter,

leuchtender. Seine kritiklose Bewunderung fand sie so am schönsten. Er

hatte sich ihre Photographie gekauft; ein schlechtes Bild in der beliebten

Tischkantenposition. Das übermäßig retouchierte Gesicht lächelte wie die

Vignette eines Cigarrenkastens. Wenn der Arbeiter spät Abends nach

Hause kam, war es seine liebste Beschäftigung, bei einem qualmenden

Lichtstümpfchen den Platz des Bildes hundertmal zu verändern. Im geleimten

Muschelrahmen aus dem Fünfzig-Pfennig-Bazar sah es mit hochmütiger

Gewöhnlichkeit auf die rauhen, zersprungenen Zimmerwände.

Morgens wickelte er es in einen blauen Papierbogen. In großen

schwerfälligen Buchstaben war ein Wort darauf gemalt. Das einmal gehörte

und halb verstandene Wort mit dem fremdartigen Klang. Es hatte in seinem

Gedächtnis Wurzel gefaßt wie die Haideblüten im rauhen dunklen Boden seiner

Heimat. Farb- und duftlos, aber mit hundert zähen kleinen Wurzeln, mit

schmerzlicher Eigensinnigkeit. Dieselbe Eigensinnigkeit machte den langen

Haideburschen verschlossen und einsilbig. Er lebte ganz in der Phantasie,

ohne Phantasie zu haben. Im Theater verspotteten die andern Arbeiter

seine Dummheit und beneideten seine Kraft. Die Schauspieler ärgerten sich

heimlich über die unbewußte stolze Unverdorbenheit seines Wesens. Den

Vorgesetzten war er nicht höflich und diensteifrig genug. Alle nannten ihn

den Haidelümmel. Er wußte es nicht. Es hätte ihn auch wenig gekümmert. Aber

seine Augen waren dunkler geworden und sein Schritt schwerer.

Es war eine Woche vor Weihnachten. Eine großartige Feerie sollte als

Festvorstellung am fünfundzwanzigsten Dezember zum ersten Mal gegeben

werden. Dornröschen. Nach den Vorstellungen mußte oft bis vier Uhr Morgens

gearbeitet werden, um die neuen Dekorationen und Maschinerien fertig zu

stellen. Die doppelt bezahlte Nachtarbeit ging schwerfällig und langsam von

statten. Die übermüdeten Arbeiter schwatzten viel und tranken noch mehr,

um sich wach zu erhalten. Beleuchtungseffekte sollten probiert werden.

Zwei Arbeiter setzten neue farbige Gläser vor die Rampe. Die gähnende

Unterhaltung klang abgebrochen ins zweite Versenkungsstockwerk hinab,

wo Klaus unter Aufsicht des Maschinenmeisters ein Netzwerk von eisernen

Stangen anbrachte.

»Warum geht sie denn Neujahr?«

»Wer's wüßte! Sie hat ihre Entlassung verlangt. Ich denk' mir, der Schwarze

setzt ihr stark zu. Das ist ihre letzte Rolle. Dornröschen.«

Im Versenkungsstockwerk krachte etwas zu Boden. Die Erschütterung war so

stark, daß den Händen des älteren Arbeiters eine rote Glastafel entfiel.

Sie zersplitterte in tausend Stücke.

»Was ist denn los?« schrie er zornig hinunter.

»Nichts, nichts,« tönte es zurück.

Nach einigen Minuten kam der Maschinenmeister herauf. »Aergerlich!

Der Klaus muß sich überarbeitet haben. Er scheint krank. Ich muß ihn

fortschicken. Kommt ihr beide hinunter.«

Er war wirklich krank. Sie geht fort. Diese drei Worte hatten ihn aus dem

dämmernden Zustand, in dem er dahinlebte, herausgerissen. Sie geht fort.

Eine stille traurige Wut ließ ihn ruhelos in seinem Zimmer auf und

ab rennen bis es dämmerte. Er wurde so müde. Ein innerliches Weinen

durchschütterte ihn. Aber seine Augen blieben trocken. Ohne eine Minute

geruht zu haben, ging er morgens ins Theater. Es war die erste Probe

von Dornröschen. Sie ging in ihrer lautlosen verschleierten Weise an ihm

vorüber. Einen Augenblick hätte er sie am liebsten vor Zorn geschlagen.

Dann versank die rohe Gewaltsamkeit seiner Natur in dem stärkeren Gefühl

eines großen Leids. Sie geht fort. Sie geht fort.

»Ich gehe auch fort,« sagte er, spät abends in seine Kammer zurückkehrend.

»Auf den Haidhof. Da ist's still.«

Er sah sie jetzt täglich. Auf den Proben. Er hörte, wie die Kollegen

ihr jedesmal auf's neue ihr unendliches Bedauern über ihren Fortgang

ausdrückten. Mit einem Aufwand von Herzlichkeit, dem man die Lüge anmerken

mußte, wäre er auch weniger bühnenhaft gewesen.

»Lassen Sie sich an dem Abend nur ja einen Heuwagen kommen, sonst

können Sie all' die Blumen und Kränze nicht fortschaffen,« sagte mit

schiefgezogenen Mundwinkeln der Bonvivant. Die lächelnde Impertinenz seines

Gesichts zeigte nur zu deutlich, daß er mindestens die Hälfte dieser Blumen

und Kränze auf selbstgekauft taxiere. Und mit einem Wiederschein dieser

Impertinenz, der sich je nach dem Rollenfach naiv oder intriguant äußerte,

stimmten die Uebrigen bei. »Ja, die Blumen und Kränze!«

Während der Mittagspause überzählte Klaus sein Geld. Sie soll auch von mir

einen Kranz haben. Den allerschönsten. Er hatte die grünen Dinger nach

den Aktschlüssen oft auf die Bühne fliegen sehen, wenn die Leute im

Zuschauerraum so erschrecklichen Lärm machten. Er hatte nie begriffen, was

an diesen farbentoten Blätterkränzen schön sein sollte. Sie vertrockneten

in wenigen Tagen. Dann mußte man sie fortwerfen. Sein Kranz sollte ganz

anders werden. Groß, ungeheuer groß. Er wollte ihn selbst binden. Als

Knabe hatte er beim Einzug der Gutsherrschaft an den langen Blumenketten

mitgeholfen, die über der Schloßthür befestigt wurden. Er erinnerte sich

noch an die bunten Schleifen, die zwischenhinein geflochten waren. So

wollte er's auch machen.

Erst kaufte er bei einem Faßbinder einen elastischen Holzreifen. Groß

wie ein Wagenrad. In einem Eisenmagazin Draht und eine feine Zange. Mit

Herzklopfen öffnete er zuletzt die spiegelnde Glasthüre eines großen

Geschäfts. Lauter ausgezeichnete Ware zu fabelhaft billigen Preisen.

Eine blondgefärbte Ladnerin mit großen Nasenlöchern und falschen

Korallenohrringen fragte ihn, was er wünsche. Blumen. Sie brachte mehrere

Kartons herbei. Moderne Ballgarnituren in fahlen Farben und raffinierten

Zusammenstellungen. Er schüttelte den Kopf. So nicht. So welche zum Kranz

binden. Die Ladnerin sah ihn an. Es mochte ihr wohl einfallen, daß dieser

blöde Riese im schmutzigen Leinwandkittel keine mit Glastropfen übersäten

Ballgarnituren kaufen werde. Mit einem leichten verächtlichen Achselzucken,

soweit es die übermäßig spannende Trikottaille gestattete, trug sie

andere Kasten herbei. Das war das Richtige. Haufenweis zusammengebundene

Papierblumen in schreienden Farben. Lauter naturgeschichtliche

Unmöglichkeiten. Daneben glänzende, grünlackierte Blätter mit langen

Drahtstielen und starkem Leimgeruch. Er wählte sich einen Berg von Blumen

und Blättern aus. Zuletzt forderte er farbige Bänder. Die Ladnerin, jetzt

mit dem Geschmack des Käufers schon besser vertraut, legte ihm ordinäres

raschelndes Knitterband vor. Blau, rot, gelb, grün. Er ließ sich von jeder

Farbe mehrere Meter abschneiden. Die Ladnerin sah ihm mit einem gemeinen

prüfenden Blick nach, als er das Geschäft verließ, das große Packet

vorsichtig im Arm haltend.

Am Weihnachtsabend band er den Kranz. Es war eine schwere Arbeit für seine

harten großen Finger. Viele Papierblumen wurden zerdrückt oder zerrissen.

Der fertige Kranz war von einer ungeheuerlichen Größe und Unregelmäßigkeit.

Zwölf Schleifen mit lang flatternden Enden prangten in der Runde. Nach

vielem Ueberlegen befestigte er rückwärts eine steife weiße Karte. Mit

unendlicher Mühe hatte er wenige ungelenke Buchstaben darauf gemalt. Das

Ganze ein Werk lächerlicher Geschmacklosigkeit. Er wußte es nicht. Mit

dunkelglänzenden Augen betrachtete er den Kranz wieder und wieder. Sein

wirkliches Leid verschwand in der naiven Selbstbefriedigung. Er dachte

nicht mehr daran, daß sie fortgehe, sondern nur, daß sie sich mit diesem

Kranze freuen würde. Er war getröstet.

Am nächsten Tag holte er seine Sonntagskleider hervor. Er wusch und kämmte

sich so sauber, wie er's nur einmal in seinem Leben gethan hatte. Bei dem

Begräbnis seines Vaters. Um vier Uhr nachmittags ging er ins Theater. Den

Kranz trug er in ein großes Tuch eingeschlagen. Es dunkelte bereits stark.

Er war froh darüber. Beim Portier gab er den Kranz ab. Erst ganz zum Schluß

sollte er geworfen werden. Ein Herr habe ihn damit beauftragt. Er log

zum ersten Mal. Er war feuerrot, stotterte und hätte in seiner Verwirrung

beinahe vergessen, dem Portier den bereitgehaltenen Thaler zu geben.

Auf der Bühne lärmten die Arbeiter. Hinauf und hinunter schallten durch's

Sprachrohr die Kommandorufe der Maschinisten. Der Theatermeister prüfte

noch einmal die verschiedenen Versenkungen und las die im Buch des

Inspizienten notierten Klingelzeichen nach. Der Abend war für ihn von

großer Bedeutung. Er hatte eine ganz neue Mechanik erfunden, um die

Dornenhecke aus der Erde wachsen und sie wieder versinken zu lassen. Aus

dem farbduftigen Feenmärchen war eine geschminkte Feerie geworden. In acht

Bildern, mit einem ungeheuern Aufwand von Farben und Beleuchtung, und eben

darum ohne Duft und Licht. Dornröschen selbst kam erst im dritten Bilde.

In den ersten beiden wurde ihre Geburt und Verwünschung mit

Dekorationseffekten, Ballet und Musik gefeiert. Nachdem der Vorhang zum

zweiten Male gefallen und das prächtige Königsschloß aufgestellt war,

erschien Dornröschen auf der Bühne.

Alles drängte sich um sie. Die überschlanke Gestalt im Schleppkleid

aus lichtrosigem Atlas, mit silbernem Gürtel geschürzt, einen schmalen

Heckenrosenzweig wie ein Krönlein durch's Haar geflochten. Das fiel wie

ein goldseidener Mantel über die Schultern bis hinab auf die Schleppe.

Das Licht versank in der weichen glänzenden Fülle. Es war eine echte

Märchenkönigstochter.

Sie stand in der Seitencoulisse und wartete auf ihr Stichwort. Ein wenig

bleich und erregt, fröstelnd im scharfen Bühnenzug. Der Inspizient trat an

sie heran. »Gleich, Fräulein.« Sie wendete sich zu Klaus, der dicht

neben ihr stand. »Bitte, wollen Sie mir das Taschentuch halten, bis ich

wiederkomme?« Er hatte keine Zeit, Ja oder Nein zu sagen. Das feine weiche

Ding lag schon in seiner Hand, und Dornröschen trat aus dem Halbdunkel der

Coulisse in den blendenden Bühnentag hinaus. Klaus hörte nichts von dem

lärmenden Beifallsgetön, mit dem sie empfangen wurde. Er sah nicht,

wie viele Kränze und Blumen zu ihren kleinen rosa beschuhten Füßen

niederflogen. Er betrachtete nur das winzige weiße Spitzentüchlein. Er

fühlte es nicht auf seiner hartgearbeiteten Hand. Der leiseste Hauch konnte

es fortwehen und dennoch wagte er nicht, es fest zu fassen. Er hätte es

zerdrücken können. Das machte seine Freude ängstlich. Er blickte nicht

auf die Bühne, wo Dornröschen arme Kinder mit ihren Perlen und Edelsteinen

beschenkte. Er atmete erst wieder auf, als sie in die Coulisse abging

und das Tuch mit einem »Danke« entgegennahm. Jetzt besann er sich, daß er

eigentlich zusehen wollte. Aber ein Schwarm von Kindern, Balleteusen und

müßigen Zuschauern drängte ihn aus der Coulisse fort. Der Theatermeister

rief ihn in die Versenkung. Mühselig kletterte er die dunkle gewundene

Treppe hinunter. Die andern Arbeiter in ihren schmutzgetränkten

Leinwandkitteln lachten über seinen Sonntagsrock. Zum ersten Mal ekelten

ihn die vom Coulissenstaub fahlgrauen Gesichter. Er horchte nach oben. Wie

ein unendliches jubelndes Lachen tönte es herunter: »Prinzeß Dornröschen

spinnt, kann spinnen, spinnen.« Gleichzeitig das erste Klingelzeichen.

Die Arbeiter packten die eisernen Hebel fester. Man hörte die gemachten

Entsetzensrufe der Choristen, bis ein kleiner müder gebrochener Schrei

mitten hinein klang. Die Königstochter hatte sich mit der verwunschenen

Spindel gestochen. Dann wurde es still, totenstill. Ein zweites

Klingelzeichen, und langsam durch die Kraft vieler schwer arbeitender Hände

stieg die Dornhecke aus dem Boden vor den Augen der Zuschauer bis in den

gemalten Himmel hineinwachsend.

Nun durfte Klaus wieder auf die Bühne. Er sah, wie das schlafende

Dornröschen auf der Marmorbank in üblicher elektrischer Beleuchtung dem

blausammtnen Prinzen als Traumbild erschien. Er sah, wie die Dornhecke zu

blühen begann und der Theaterprinz sich in herrlicher Tapferkeit einen

Weg durch die leinwandnen Dornen bahnte. Er sah, wie er mit dem erlösten

Dornröschen auf goldenem Thron bis in die Soffiten hinaufschwebte, von

bengalischen Flammen rot und grün beleuchtet, begleitet vom rasenden

Klatschen des Publikums.

Der Applaus wurde auf jähe Weise unterbrochen. Es polterte etwas wie

ein eisernes Gewicht auf die Bühne. Durch den Zuschauerraum ging ein

schallendes Gelächter. Der Regisseur stürzte aus der ersten Coulisse an die

elektrische Klingel: »Vorhang herunter!« Der Vorhang fiel. Alles rannte auf

die Bühne. Klaus mit. Da lag sein Kranz.

Dornröschen war von ihrem Thron heruntergestiegen. Mit weißen starren

Lippen betrachtete sie das Ungetüm. Die Meisten lachten. Die Damen trugen

eine übermäßige Entrüstung zur Schau. Es sei unerhört, jemandem auf solche

Weise den Abend zu verderben, ihn vor dem ganzen Publikum zu blamieren. Der

Bonvivant hob den Kranz ein wenig in die Höhe. »Da ist ja auch ein Zettel.

Ah -- ah -- ah!« Er schüttelte sich vor Lachen. »Meine Herrschaften

lesen Sie doch: >Blathonisch<!« Ein tief verächtlicher Blick aus den

schlafdunkeln Dornröschenaugen traf ihn. Sie wandte ihm den Rücken und

ging. Zwei Kolleginnen folgten ihr, mit einander flüsternd. »Du, was

glaubst Du, von wem der Kranz ist? Von dem Schwarzen?« »Pst! Freilich«.

Armer Klaus! Er war allein auf der verdunkelten leergeräumten Bühne. Nur

der phantastische, goldene Thron stand noch in der Mitte und die Coulissen

zeigten die Bruchstücke der Dornhecke. Ganz im Hintergrund schliefen

auf Holzbänken die Feuerwehrmänner. Die Schauspielerinnen kamen aus der

Damengarderobe. Sie mußten über die Bühne gehen, um durch den Korridor zur

Ausgangstreppe zu gelangen. Jetzt waren alle fort. Sie war die letzte. Sie

ging gewöhnlich durch die vordere Bühnenthür. Da wartete er, an die

große Donnerpauke gelehnt. Sie kam. In einen grauen Radmantel mit großem

Pelztragen eingewickelt, das Köpfchen in einem weißen Tuch versteckt. Sie

ging rasch und geradeaus blickend, so daß sie ihn nicht bemerkte, obwohl

er eben unter der herabgeschraubten Gasflamme stand. Er mußte sie anreden.

»Fräulein.« Sie wandte sich um, erstaunt, aber nicht erschrocken. »Wer

ist ...? Was wollen Sie?« Er schwieg. In seinem Leben war ihm das Weinen

nicht so nahe gewesen. Sie wartete einen Augenblick auf Antwort. Dann zog

sie mit einer kleinen ungeduldigen Bewegung den Mantel fester um sich. Das

brachte ihn zum Reden. Stotternd, halb erstickt klemmte es sich zwischen

seinen Lippen hervor: »Der Kranz.« Mit einer tiefinnerlichen Heftigkeit

trat sie rasch auf ihn zu. »Sie wissen, von wem er ist?«

Er sah in ihre heißen zorntraurigen Augen und das Bekenntnis seiner Schuld

stürzte in wirrem Durcheinander aus seiner Seele hervor. Er wußte nicht

mehr, was er sprach. Es war eine Wohlthat, eine Buße, sich anzuklagen. Und

doch hätte er sich nicht besser verteidigen können. Das schienen die

zwei Augen ihm gegenüber auch zu glauben. Sie waren wieder still und klar

geworden. Als er schwieg und die große Erregung noch wie eine rote Welle

auf seiner Stirn auf- und abwogte, reichte sie ihm die Hand. »Wenn ich all'

dies früher gewußt hätte, würde ich mich nicht gekränkt haben. Ihr Kranz

ist mir jetzt der liebste von allen.« Er sah sie traurig ungläubig an. Es

war ganz still geworden. Sie wußten nichts zu sagen und doch hätte keines

gehen mögen. Endlich fragte sie: »Könnte ich Ihnen gar keinen Gefallen

thun? Haben Sie keinen Wunsch?« Er schüttelte den Kopf und blickte sie

unverwandt an. Es wurde immer stiller. War auf der totengrauen Bühne ein

Märchenhauch zurückgeblieben, der einen unfühlbaren Zauber ausübte?

Sie hob sich ein wenig auf die Zehen. »Wie groß Sie sind«, sagte sie mit

einem bewundernden Kinderlächeln. »Bitte, bücken Sie sich ein wenig -- noch

ein wenig -- so ....«

Ueber die steinerne Treppe hastete ein kleiner herzklopfender Schritt

hinunter. Wie er lauschte, der arme Glückliche, mit geschlossenen Augen,

unbeweglich. Dornröschen hatte ihn geküßt. Das Licht huschte wie mit

Elfenfüßen über den einsamen goldenen Thron. Dicht vor ihm lag eine

zertretene blaue Papierblume ... platonisch.

In der Mauernstraße.

Armer Junge! Er saß auf der ausgetretenen Schwelle und weinte große stille

Thränen. Sie hatten seine Mutter begraben und ihn aus der kleinen sauberen

Dachstubenwohnung fortgeführt. Zu entfernten Verwandten. Die wollten für

ihn sorgen. Was sie eben sorgen nannten. Sie waren sehr arm. Er konnte mit

ihnen hungern.

Seine Mutter war auch arm gewesen. Aber sie hatte ihn nicht hungern lassen.

Sie hatte sehr viel gearbeitet und sehr wenig gegessen, um ihr blasses

verkrüppeltes Kind mit einem Schimmer von Wohlbehagen zu umgeben. Früh

morgens saß sie an ihrem zerbrochenen alten Nähtischchen und stickte mit

feinem Leinenfaden Blumen und Arabesken in durchsichtige Batisttücher.

Die schickte man ihr aus dem großen Weißwaarengeschäft. Das Geschäft war

berühmt wegen seiner billigen Preise. Darum wurde die arme Stickerin sehr

schlecht bezahlt. Abends, wenn ihre Augen zu brennen anfingen, nahm sie ihr

stilles geduldiges Kind auf den Schooß. Sie erzählte ihm von seinem Vater.

Der war Lehrer an der Antonyschule gewesen. So brav und so gescheit. Und so

stolz. Er hatte nie eine Unterstützung angenommen. Er hatte gearbeitet

-- bis er sich zu Tode gearbeitet. Seine Frau dachte wie er. Am letzten

Weihnachtsabend war die Versuchung freilich groß gewesen. Sie hatte kein

Bäumchen für ihr Kind. Im ersten Stock wohnte eine vornehme alte Dame.

Sollte sie bitten .... Sie stand mit thränenzitternden Augen vor dem

kleinen Jungen. »Friedel, -- soll ich hinuntergehen -- soll ich --

betteln?« Und mit sonderbar wildem Aufschrei hatte er sich vor ihr auf die

Kniee geworfen: »Nein, Mutter, nein!« Im Frühjahr war sie gestorben.

Mit der Arbeit in der Hand und einem Seufzer auf den Lippen: »Nur nicht

betteln.«

Und ihr Kind saß auf der Schwelle und weinte.

Es war ein anderes Leben im Hinterhause der Mauernstraße als in der kleinen

Dachstube. Der Oheim kaufte und verkaufte alle alten Gegenstände, vom

rostigen Eisen bis zur gebrauchten Balltoilette. Er sprach heiser, von

beständigem Husten unterbrochen. Auf den Versteigerungen hatte er sich die

Stimme verschrieen. Er trug Leinwandhosen und einen Bedientenfrack.

Dinge, die er nicht mehr hatte anbringen können. Seine Frau war klein und

zusammengerunzelt, beständig in Demut versinkend wie ein verprügelter Hund.

Und die Tochter .... ein hübsches braunes Ding mit runden Armen und heißen

Augen. Sie hatte gelacht, als der kleine Friedel zum ersten Mal mit seinen

Krücken die steile Treppe heraufgestolpert kam. Sie hatte gelacht und

sein verweintes Gesicht in ihre Hände genommen. »Er ist häßlich wie ein

Maulwurf, aber ich werde ihn über die Treppe tragen.«

Sie trug ihn hinunter. Jeden Morgen, ehe sie in die Schule ging. Er saß

auf der Schwelle und sah, wie das schleimige Moos in den Rinnsteinen wuchs.

Schmutzige Kinder mit ungesunden blauroten Gesichtern spielten um ihn

herum. Sie schrieen und zankten sich mit häßlichen gemeinen Worten. Das

machte ihnen dieselbe tierische Freude, wie das Wühlen im Straßenkot. Auf

die zersprungenen Asphaltplatten zeichneten die Größeren mit Kreide oder

Kohle scheußliche Köpfe. Das seien die reichen Leute, sagten sie, spieen

darauf und trampelten mit den Füßen auf ihnen herum. Sie waren böse, und

schlimmer, sie wußten das Böse. Mit den übergroßen Augen des jungen Lasters

sahen sie alles und bemerkten alles. Dann schlüpften sie in die dunkelsten

Ecken zwischen den schiefen alten Häusern und erzählten sich mit

innerlich fiebernder Stimme schlimme Dinge, oft durch schrilles Gelächter

unterbrochen. Das Leben in der Mauernstraße war so faul und übelriechend,

wie das Pfützenwasser in den Löchern der ausgebrochenen Pflastersteine.

Tagsüber schillerte das Sonnenlicht in blau und grünen Spiegeln darüber

hin. Nachts versanken die bleichen trostlosen Sternstrahlen in dem trüben

Tümpel. Es war sehr traurig.

So dachte auch der lahme Junge auf der Thürschwelle. Er konnte nicht mit

den anderen spielen und hätte auch keine Freude daran gefunden. Er wäre

lieber in die Schule gegangen. Seine Mutter hatte ihn aus einem großen

alten Buche schon Buchstaben und Zahlen gelehrt. Aber man hatte ihn nicht

genommen. »Zu schwächlich«, sagte der Lehrer. »Noch ein Jahr warten.« Und

er wartete. Er suchte aus den Lumpensäcken, welche der Oheim nach Hause

brachte, die Seidenfleckchen heraus und packte sie in Cigarrenkisten.

Er kehrte die dunkle dunstige Stube zusammen und schälte die Kartoffeln

möglichst dünn ab. Er stopfte dem wilden lustigen Mädchen die Löcher im

Rock und wichste ihr Sonntags mit großer Kraftanstrengung die Schuhe. Er

wollte das Brot doch nicht ganz umsonst essen. Und noch ein Anderes war's.

Mit dem leidenschaftlichen Liebesbedürfnis eines kränklichen frühreifen

Kindes hing er an dem schönen, bösartigen Geschöpfe, das ihn schlug oder

liebkoste, je nachdem seine Laune war. Jeden Abend spähte er fiebernd vor

Erwartung die von einer einzigen Gaslaterne erleuchtete Straße hinunter,

bis er sie kommen sah. Einen gemeinen Walzer singend, sich lässig und

herausfordernd in den Hüften wiegend, an jedem Arme eine ältere Freundin.

Sie hatten alle drei die belebtesten Straßen der Stadt abgelaufen. Weniger

um die strahlenden Schaufenster der großen Geschäfte zu betrachten, als um

mit innerlichem Vergnügen die zweideutigen schmeichelhaften Scherze

eines Vorübergehenden zu hören. Mit heimlicher unbefriedigter Erregung

schlenderten sie langsam nach Hause. Die beiden Aelteren schlüpften scheu

und geduckt in die Hausthüren, nachdem sie sich für den nächsten Abend

verabredet hatten. Die Jüngste fürchtete sich nicht. Der Vater kam erst

später, und die Mutter ... lieber Gott! Mit überlautem Singen tastete sie

die steinernen Stufen hinauf, bis ihr Fuß an den wartenden Knaben stieß. Er

faßte mit den von der Nachtluft starren Händen in den Saum ihres Kleides.

»Ich hab' auf Dich gewartet.« »Dummer Junge! Wäre auch gescheiter gewesen,

Du hättest Dich schlafen gelegt.« Aber sie nahm ihn doch auf den Arm,

um ihn hinaufzutragen. Sie mußte über den finsteren Hof. Wenn sie über

Kohlstrunken oder einen Haufen Kartoffelschalen stolperte, puffte sie den

Kleinen. In einem Anfalle von Reue küßte sie ihn nachher mit unheimlicher

Leidenschaftlichkeit. Keuchend unter ihrer Last langte sie in der

moderdumpfen Stube an. Eine leise schwindsüchtige Stimme klagte aus den

schweren Federkissen des Bettes hervor: »So spät, Kinder.« Das Mädchen gab

keine Antwort. Sie gähnte und begann sich auszuziehen. Die Kleider warf

sie auf den Boden. Der kleine Friedel legte erst die ihren sorgfältig glatt

gestrichen auf den Schemel, dann auch seine eigenen. Sie hielt ihm die Füße

hin. »Zieh mir die Schuhe aus. Die Strümpfe auch.« Und mit einer elastisch

katzenartigen Bewegung sich in das Bett schwingend, suchte sie sich die

bequemste Stelle dicht an der Wand aus. Sie wühlte sich mit Wollust in

die dicken Kissen. Ihrem Schlafkameraden gönnte sie nur ein notdürftiges

Plätzchen. Gut, daß er nicht viel brauchte. Sein magerer kleiner Körper

drückte sich geduldig an die äußerste Kante. Sie versank nach wenigen

Augenblicken in den tiefen Schlaf einer urgesunden, rücksichtslosen Natur.

Der Knabe lag oft bis Mitternacht wach. Er betrachtete die vom Mondlicht

versilberten Zahnreihen der Schläferin, und brachte sie vorsichtig in eine

andere Lage, wenn sie mit dem Kopfe auf dem Arme ruhte. Das mache böse

Träume, hatte seine Mutter einst gesagt. Seinen Schlaf bewachte Niemand.

Morgens weckte er sie. Ein unangenehmes Amt. Sie war kaum aus dem Schlaf

zu bekommen und dann in sehr ungnädiger Stimmung. »Es ist noch eine halbe

Stunde zu früh. Kannst Du keine Ruhe geben, boshafter Junge.« Während sie

sich ankleidete, suchte er die verstreuten Schulhefte zusammen. Sie wusch

und putzte sich wie ein Kätzchen, weniger aus Reinlichkeitsbedürfnis als

aus Eitelkeit. Teilweise erstreckten sich ihre Bemühungen auch auf den

kleinen Jungen. Sie rieb ihm das geduldige Gesichtchen, bis es von der

schwarzen Pechseife feuerrot brannte. Mit dem zerbrochenen Kamme scheitelte

sie seine dünnen weichen Haare. »Das steht Dir besser, als wenn Du sie ganz

aus der Stirne gekämmt hast.« Und er schielte mit trübseligem Lächeln in

die quecksilberarme Spiegelscherbe. Er wußte recht gut, wie häßlich er war.

Von seinem Frühstücksbrot gab er ihr die Hälfte. Die Mutter sah es manchmal

und schalt. Dann lachte sie ihr halb böses, halb übermütiges Lachen. »Er

darf nicht viel essen; er muß klein bleiben. Sonst kann ich ich ihn nicht

mehr über die Treppe tragen.«

Manchmal traf sich's, daß die Kinder einen Nachmittag allein zu Hause

waren. Dann schlichen sie hinauf ins Magazin. Ein langer, schmaler Raum mit

halbrunden, dicht am Boden angebrachten Fenstern. Da befanden sich all die

tausend Dinge, welche der Vater gekauft hatte, um sie wieder zu verkaufen.

»Ich weiß, er hat gestern ein Ballkleid nach Haus gebracht«, sagte das

Mädchen. Und sie suchten so lange, bis sie es in einer Kiste oder in einem

Schrank entdeckt hatten. Sie jubelte. »Das zieh ich an. Friedel, Du mußt

mir's zuschnüren. Schuhe sind auch dabei, schau nur!« Sie konnte nicht

rasch genug in die zerknitterte Pracht schlüpfen. Das tief ausgeschnittene

Kleid, zu weit für ihre kindliche Gestalt, fiel fast von den Schultern

herunter. Die Aermel ihres grobleinenen Hemdchens sahen hervor. Die Schuhe

mit den schiefgetretenen Holzabsätzen waren zu groß. Ins Haar hatte sie

sich eine blätterarme Rose mit deutlich sichtbarem Wattekern gesteckt. Um

den Hals eine Kette aus großen zersprungenen Wachsperlen geschlungen. Mit

beiden Händen nahm sie das Kleid vorn in die Höhe, um gehen zu können.

Sie war schön in dem jämmerlichen zigeunerhaften Aufputz. Das ungesunde

reizende Schöne der schlechtverhüllten körperlichen und seelischen

Nacktheit. »Trag mir die Schleppe«, befahl sie. Und er humpelte ihr nach,

in der einen Hand die Schleppe, in der andern seine Krücke haltend. So

zogen beide durch den staubdämmernden Raum, sie singend, er in stummer

Bewunderung. Bis sie müde waren. Sie setzten sich auf eine der rissigen

Kisten. Sie stemmte die Ellenbogen auf die Kniee und ließ den grünen

Atlasschuh auf der Spitze ihres Fußes tanzen. Ihr kleiner Finger wies dem

Knaben einen roten fettigen Fleck am Taillenausschnitt. »Das ist Schminke«.

Er wußte nicht, was das war. »Damit macht man sich hübsch. Rote Wangen und

rote Lippen.« »Wer hat's Dir gesagt?« »Die von Nummer 8. Das ist eine von's

Theater.« »Was macht sie denn?« »Sie tanzt.« Sie spannte beide Hände über

das Knie und beugte sich zurück. »Ob ich's auch könnte? Hübsch wär's.« Sie

stand auf. Ein leiser versteckter Zug spielte um ihre Mundwinkel, während

sie langsam das Kleid ablegte. »Pack's wieder ein.« Er legte sorgfältig ein

Stück nach dem andern in die große Schachtel. Ohne Schuhe, im sehr kurzen

zerflickten Unterröckchen, die Blume noch im Haar und die Perlen um den

Hals, stand sie mit halb gehobenen Armen da, halblaut, aber scharf im Takte

eine Tanzweise summend. Zögernd, versuchend folgten ihre Füße der Melodie.

Erst vor, dann zurück, immer vereint mit der leicht gleitenden Bewegung des

Oberkörpers. Nach wenigen Sekunden waren die Schritte rascher, sicherer,

die Füße lösten sich vom Boden. Das atemlose Lachen, das von den

weitgeöffneten Lippen klang, war nur die Einleitung zu einem Wirbel wilder

Bewegungen. Feurig, sinnlich schön, aber ohne Weichheit, ohne Reinheit. Sie

tanzte, bis sie sprachlos, schwindelnd niederstürzte. Der kleine Friedel

kniete erschrocken neben ihr. Sie richtete sich atemringend in die Höhe.

»Weine nicht.« Sie schlug ihn auf die Finger. »Ich kann das Weinen nicht

leiden.« Langsam, liebkosend streichelte sie ihre Arme und küßte sich mit

einem seltsamen Ausdruck auf die Schultern. »Ich bin doch schön. Wenn ich

nur schon stärker wäre --«

Drei Tage später war in der engen Stube großer Lärm. Die Mutter weinte, die

heisere röchelnde Stimme des Vaters schalt und fluchte, der Knabe drückte

sich krampfhaft ängstlich in eine Ecke. Das Mädchen stand ein wenig blaß,

mit übereinander gebissenen Zähnen in der Mitte des Zimmers. Aber nicht die

leiseste Erregung zitterte in ihrer Stimme. »Nächsten Monat komme ich doch

aus der Schule ....« Der Vater ließ sie nicht ausreden. »Dann steck' ich

Dich in ein Geschäft, wo man Dir aufpaßt.« »Das Fräulein wird im Theater

schon auf mich Acht geben.« »Die soll erst selber auf sich Acht geben,

die Person die ....« »Und im Theater bekomme ich jeden Monat fünf Mark. Im

Geschäft geben sie mir im ersten Jahr gar nichts.« Fünf Mark! Das wirkte.

Der Vater dachte daran, wie viel er sich plagen mußte, um fünf Mark zu

verdienen. Wenn das dumme Mädel es für ein bißchen Springen und Hüpfen

bekommen konnte -- gut. Und er wollte ihr schon die Knochen entzwei

schlagen, wenn sie sich unterstehen sollte ....

Sie unterstand sich gar Vieles. Aber er wußte nichts davon. Denn sie war

klug. Sie ging jetzt täglich ins Theater. »Balletratte« schrieen ihr die

Kinder in der Straße nach. Dem kleinen Friedel wurde es bei dem Worte immer

so sonderbar heiß und schwindlich. Er wußte nicht warum. Er hatte sich

schon an so viele häßliche Worte gewöhnt. Er gebrauchte sie selbst. Er war

ja ein Kind. Er hatte der Verdorbenheit nichts entgegenzusetzen. Nicht die

bessere Erkenntnis, nicht die Kraft des Willens. Aus seinem Wesen war die

unbewußte Feinheit gewichen, die sein häßliches Gesichtchen angenehm und

rührend gemacht hatte. Um die Mundwinkel lagerte schon ein leiser Strich

der Gewöhnlichkeit. Nur die Augen waren noch klar und sanft wie einst.

Denn in ihnen schimmerte die Rettung des einsamen Kindes. Die große stille

Liebe, ob auch für ein unwertes Geschöpf. Er ahnte es dunkel -- und liebte

sie. Er mußte jetzt noch mehr leiden als früher. Er konnte sie abends nicht

mehr erwarten. Sie kam oft erst um zehn oder um elf Uhr nach Hause. Sie

hatte »zu thun«.

War sie tags zu Hause, so achtete sie nicht auf ihn, sondern arbeitete. Sie

machte stundenlang mit Armen und Füßen ein und dieselbe Bewegung. Der Knabe

sah ihr schüchtern und geduldig zu. »Was machst Du da?« fragte er manchmal.

Und sie erklärte herablassend: »Das ist ein Steh-Glissé und das ist ein

Balancé und das ist ein Chassé.« Des öfteren wurde sie ärgerlich auf sich.

»Ob ich mich nicht mehr in die Hüfte legen kann!« Dann arbeitete sie mit

solcher Heftigkeit und Ausdauer, bis sie, mit weißen eisigen Lippen, auf

einen Stuhl sank. Sie sah auch sonst nicht mehr so frisch aus. Unter den

Augen schwammen mattblaue Schatten und die Lider waren von gelbbräunlicher

Färbung. Sie fing an, sich zu pudern. Ihr Anzug war ein Durcheinander

von Putz und Armseligkeit. Sie stahl ihrem Vater alle Augenblicke eine

Schleife, eine zerknitterte Blume, ein unechtes zerbrochenes Schmuckstück.

Sie kämmte sich die Locken tief in die Stirne, und verlängerte mit

angebrannten Schwefelhölzchen ihre Augenbrauen. Sie wurde unzufrieden und

verbittert. Die für die Uebungsstunden notwendigen Gegenstände mußte sie

sich selbst beschaffen. Dazu reichten die fünf Mark monatlich gerade hin.

Leinwandschuhe ohne feste Sohlen, bis weit übers Knie reichende Strümpfe,

Gazeröcke und kurze weite Pumphöschen. Der kleine Friedel stopfte mit

grober Wolle die rasch durchgetanzten Schuhe. Er nähte die abgerissenen

Knöpfe ans Mieder, und die Bänder an die Höschen. »Genierhöschen«, sagte

sie mit zusammengekniffenen Augen. Was er sich heimlich grämte. Er hätte

das kleine Bild seiner Mutter darum gegeben, sie einmal wieder lächeln

zu sehen. Sie lächelte nicht mehr. Den zeitweiligen Vorwürfen des Vaters

setzte sie so herausfordernden Trotz entgegen, daß er anfing zu schweigen.

Langsam verlor er die Gewalt über sie. Sie fürchtete ihn nicht mehr.

Eines Tages zeigte er seiner Frau ein feines Schmuckkästchen. »Da habe

ich was billig gekauft. Schau her.« Er hielt ihr ein hübsches Armband aus

doppelreihigen Granaten hin. Das Mädchen stand daneben. »Schenk mir's.«

-- »Bist Du verrückt? Das wird nochmal so teuer verkauft. Freilich, Dir

schenken!« Er packte den Schmuck wieder ein und ging. Sie sah ihm starr

nach. In ihrem Antlitz dämmerte der drohende Entschluß der Sünde. Der Junge

faßte angstvoll ihre Hand. »Das Armband -- ist das so teuer?« »Teuer! Wenn

man's im Laden kauft -- fünfzehn Mark. Ein Lumpengeld. O wenn ich wollte

-- nicht heimkommen, nur eine Nacht --« Sie biß sich erschrocken auf die

Lippen. Aber der Knabe hatte begriffen. Die Kinder in der Mauernstraße

begreifen so schnell. Er fällt vor ihr nieder. »O, Du, Du -- das thust Du

nicht. Ich versprech' Dir's -- bis Weihnachten schenk' ich Dir das Armband

-- aber Du kommst heim, gewiß, Du kommst heim.« Sie versteht seine Worte,

aber nicht den rasenden Schmerz, der seine Stimme entzweibricht. Ein

letztes menschliches Empfinden, das Mitleid, regt sich in ihr. »Dummer

Junge -- was fällt Dir denn ein? Freilich komme ich nach Haus. Sei nur

still!«

Er ist still. Sehr still. Er atmet kaum. Es thut ihm weh. Am nächsten

Morgen steht er fröstelnd im nassen Novemberwind vor der Hausthüre. Sein

weißes blutloses Kindergesicht ganz starr, ganz farblos. Er schleppt sich

mühselig die schmutzige schwarze Straße entlang. An der Ecke bleibt er

nochmals stehen. Sein Körper zittert vor innerlichem Schluchzen. Aber er

geht weiter, biegt in die große lärmende Straße ein. Er geht betteln.

Tag für Tag. Die Vorübergehenden wissen nicht, welch' wehevolle

Ueberwindung jede Bitte aus diesem kleinen schmerzverzerrten Munde ist. Es

schaut ihm ja Keiner in die Augen. Sie blicken aus dem müden Gesichtchen

wie zwei aus dem Herzen emporgewachsene Todesblumen. Denn er stirbt

langsam. Er stirbt an der Schande.

Jeden Abend wechselt er seine kleinen Münzen in einem Bäckerladen. Die

dicke gutmütige Frau hat so großes Mitleid mit ihm. Sie hat auch noch nie

solch' seltsames Bettelkind gesehen. Als er am zweiten Abend kam, wollte

sie ihm ein Stückchen Kuchen zustecken. Er dankte mit unverständlicher

Heftigkeit. Und als sie es ihm mit Gewalt in die Tasche schieben wollte,

fing er an zu weinen. »Nein, nein.« »Warum nicht?« »Ich will nichts für

mich.« »Ist denn das Geld nicht für Dich?« »Nein.« »Für wen denn?« Er

bleibt stumm. Auf dem Heimweg schleicht er sich regelmäßig an einem großen

Juweliergeschäft vorbei. Da hat er im Schaufenster genau so ein Armband

entdeckt wie jenes. Zwei Reihen Granaten mit schmalem goldenem Schloß.

Auf einem Zettelchen steht der Preis notiert. Vierzehn Mark und fünfzig

Pfennige. Soviel Geld!

Daheim fragt ihn Niemand, was er den ganzen Tag auf der Straße macht. Oft

kommt er spät nach Hause. Sie wissen's gar nicht. Ob der kleine Junge im

Bette liegt oder nicht, es kümmert sich Keiner darum. Und wenn er kommt,

schleicht er so leise durch das Zimmer, daß sie ihn nicht hören.

Der Weihnachtstag. Er steht an der Staßenecke, frierend, in Todesangst.

Er hat noch nicht genug. Wie flehend er seine von großen roten Frostbeulen

bedeckten Hände den Vorübergehenden entgegenstreckt. Aber die haben's heute

so eilig. Wer sieht solche kleinen Betteljungen. Der Weihnachtstag wird

für ihn der schlimmste. Er hat nichts, gar nichts bekommen. Es ist dunkel

geworden. Er hält sich an der schneeverwehten Mauer. Er geht nicht nach

Hause, wenn er sein Versprechen nicht erfüllen kann. Ihm gerade gegenüber

blitzt's und funkelt's im Schaufenster des Juweliers, sein Verlangen und

seine Hoffnungslosigkeit nur vergrößernd. Das Menschengewühl hat längst

nachgelassen. Die wenigen noch Vorübereilenden wagt er nicht mehr

anzureden. Er fällt auf die Kniee und weint. Plötzlich fühlt er, daß Jemand

neben ihm stehen bleibt. »Lieber Gott, Kind -- warum weinst Du denn?«

Ein junges Mädchen steht neben ihm. Das rote Licht der Gaslaternen glitzert

auf den Stahlknöpfen ihres dunkelblauen Tuchmantels. Er kann vor Schluchzen

nicht reden. Sie hebt ihn mitleidig in die Höhe »Willst Du etwas? Kann ich

Dir etwas helfen?« Er blickt auf, in ein schmales, freundliches Gesicht mit

ruhigen, grauen Augen. Er faltet die Hände. »Das Armband -- da drüben. Ich

muß es haben. Und ich habe nicht genug.«

Sie stutzt. »Wofür brauchst Du denn ein Armband?« Er giebt keine Antwort,

murmelt nur eintönig, herzzerreißend vor sich hin: »Das Armband -- das

Armband.« Sie faßt ihn bei der Hand. »Komm' mit.« Sie führt ihn über die

Straße, gerade vor das Schaufenster. »Welches willst Du?« Er weist hin.

»Da, da.« »Wie viel Geld hast Du?« Er giebt ihr ein schmutziges Papier.

Darin hat er's aufbewahrt. Sie zählt es nicht, sieht ihn nur nochmals an.

»Warte hier. Ich werde Dir das Armband kaufen ...« Ihm ist, als fiele der

ganze große Sternenhimmel zu seinen Füßen nieder. Er sucht und ringt nach

einem Worte. »Mutter, Mutter!« Er findet kein anderes. Das junge Mädchen

kommt aus dem Laden zurück und steckt ihm ein feines buntes Schächtelchen

in die Hände. »Da -- das ist Dein Christkindchen. Nun weine nicht mehr.

Gute Nacht.«

Nach Hause! Nur nach Hause! Durch die stillen, eisigen Straßen stolpert

er atemlos dahin, nicht einen Blick nach den weihnachtshellen Fenstern

hinaufwerfend. In der Mauernstraße ist's dunkel. Die Gaslaterne brennt

noch. Er steht vor der Thüre und drückt angestrengt auf den rostigen

eisernen Knopf. Er giebt nicht nach. Die Thüre ist verschlossen. Es schlägt

neun Uhr. Was soll er thun? Klopfen? Rufen? Man wird ihn nicht hören. Und

er fürchtet sich auch. Er will warten. Um zehn Uhr muß sie heimkommen. Sie

hat sich heute morgen den Hausschlüssel von der Mutter geben lassen. Es sei

abends noch eine große Probe, aber um zehn Uhr sei sie gewiß zu Hause.

Er wartet. In die Ecke zwischen Thüre und Mauer gedrückt, in der Hand

das Armband. Er hat es aus dem Schächtelchen herausgenommen, um es zu

betrachten. Wie's funkelt! Er denkt an ihre Freude. Nur daran. Nicht an

seine Schmerzen. Auch nicht an die Geberin. Nur an sie.

Zehn Uhr. Nun wird sie gleich kommen. Wirklich Schritte ... Er beugt sich

weit vor. Es ist nur der Mann, der die Laternen auslöscht. Sie nicht. Die

Probe kann länger gedauert haben. Sie hat sich vielleicht verspätet. Sie

wird schon kommen. Gewiß. Es wird immer kälter. Er steckt die Hände in die

Hosentaschen und zieht abwechselnd die Füße empor. Ist das ein trauriges

Warten in der schneehellen, todesstillen Winternacht. Von Viertelstunde zu

Viertelstunde verfolgt er die dröhnenden Schläge der Turmglocke. Elf

Uhr. Sie ist nicht da. Er weint nicht. Er drückt die Hände in die kleinen

spitzigen Eiszapfen an den Mauervorsprüngen. Wem er umsonst gebettelt

hätte, umsonst ...! Ihm ist, als müßte das Blut zu seinen entzündeten Augen

herausspritzen. Und warten, warten, warten! Er kann vor Kälte nicht

mehr ruhig stehen. Er humpelt die Stufen herunter und wankt hin und her.

Mechanisch drei Schritte vor und drei zurück, den Kopf weit zurückgeworfen,

zum silberschimmernden Weihnachtshimmel aufstierend.

Mitternacht. -- Er wirft sich zu Boden, heult und beißt mit den Zähnen in

die gefrorene Erde. Seine Krücken hat er weit von sich geworfen. Auf allen

Vieren kriecht er zur Thüre zurück. Und liegt da -- ächzend, wimmernd,

sterbend. Er verliert das Bewußtsein. Eine rote, glitzernde Schlange mit

goldenem Krönchen ringelt sich um seinen Hals. Sie erwürgt ihn. Er regt

sich nicht einmal. Da knarrt's über den Schnee her. Er richtet sich

krampfhaft wild empor. Seine flimmernden Augen sehen zwei dunkle,

aneinandergepreßte Gestalten. Mehr kann er nicht erkennen. Er hört nur,

hört -- Worte, die ihm alles Blut in Thränen verwandeln. Umsonst!

Müde, schwankend kommt sie die Stufen herauf. Ihre tastende Hand stößt an

den Knaben. Sie fährt zurück. Er streckt ihr die erstarrte Hand mit dem

funkelnden Reif entgegen. »Da -- Dein Armband. Weißt Du, ich -- habe --

gebettelt.« Er fällt schwer und steif vor ihren Füßen zu Boden. Er ist tot.

=Milost pan.=

_Personen_:

William Stoneberg.

Katya Stanyek.

Ein Diener.

Ein großes Zimmer. Im Hintergrund rechts eine Thüre. Vorn rechts ein

geöffneter Flügel mit Notenheften und Partituren bedeckt. In der Mitte des

Zimmers ein großer, runder Tisch. Darauf ein Schreibzeug. Rechts und links

Stühle. Links vorn in einer Gruppe von Zierpflanzen eine schwarze Säule

mit großer Beethovenbüste. Dicht davor ein kleiner Tisch mit zwei niedrigen

Fauteuils. Weiter zurück links ein Fenster mit schweren Vorhängen. In der

Mitte des Hintergrundes ein hohes Regal mit Partituren. Rechts und links

davon Luftheizungsklappen. Die ganze Einrichtung schwer und dunkel. Es ist

vollkommen Nacht.

Scene 1.

Die Thüre wird von außen aufgeschlossen. Stoneberg in Winterrock und

Cylinder. Der Diener trägt eine Lampe und einen Violinkasten. Die Thür

bleibt offen. Man sieht in ein kleines Vorzimmer mit einigen Rohrstühlen,

Kleiderhaken und Schirmständern. Von ferne hört man ganz leise die

spanischen Weisen von Sarasate mit Orchesterbegleitung.

_Stoneberg_ (auf den Mitteltisch deutend): Hierher.

(Der Diener stellt den Kasten und die Lampe nieder, hilft dann Stoneberg

den Ueberrock ablegen. Stoneberg ist in Frack und weißer Kravatte.)

_Stoneberg_: Ich kann hier bleiben, ungestört?

_Diener_: Ganz ungestört. Das Zimmer wird nur vor- oder nachmittags zu den

Einzelproben benützt. Abends nie.

_Stoneberg_: Gut. Zünden Sie das Gas an. (Zieht die Handschuhe aus, reibt

sich die Hände.) Unerträgliche Kälte.

_Diener_: Ich werde sogleich die Heizungsklappen öffnen.

_Stoneberg_ (geht an eine der geöffneten Klappen, die Hände in die

ausströmende warme Luft haltend, spricht mit rückwärts gewendetem Kopf

zu dem Diener, der die Fenstervorhänge zuzieht und das Gas anzündet): Wie

lange bleibt der Portier auf?

_Diener_: Nach Schluß des Konzertes noch eine Stunde. Aber wenn Herr

Stoneberg wünschen, daß er länger ....

_Stoneberg_: Nein; so lange bleibe ich nicht. (Geht im Zimmer umher, bleibt

vor dem Flügel stehen): Ah, ein Stoneberg. (Schlägt ein paar Tasten an

und geht dann an den Mitteltisch, sucht einen Briefbogen und ein Couvert

heraus, schreibt. Der Diener ist unterdessen mit dem Anzünden fertig

geworden.)

_Diener_: Wünschen Herr Stoneberg noch etwas?

_Stoneberg_ (schreibend): Warten Sie. (Der Diener geht ins Vorzimmer.)

_Stoneberg_ (schreibend): Sie haben auch den Dienstmann bezahlt, welcher

den Violinkasten aus meinem Hotel holte?

_Diener_: Ja.

_Stoneberg_ (steht auf, wirft einen prüfenden Blick nach dem Diener, geht

langsam im Vordergrund des Zimmers auf und ab, halblaut das Geschriebene

lesend): »Gnädigste! Heute Abend habe ich mich überzeugt, daß Ihr

Instrument der Künstlerin nicht würdig ist. Sie haben das Adagio des

Beethovenkonzertes nicht gespielt, wie Sie es spielen können. Das Publikum

hat es nicht bemerkt, wohl aber das Ohr eines Musikers. Ich habe mich daher

entschlossen, Ihnen die in meinem Besitz befindliche Amati zu überlassen.

Ich muß so unhöflich sein, Sie noch heute Abend zu bemühen. Ein vor wenigen

Stunden erhaltenes Telegramm zwingt mich morgen früh fünf Uhr zur Abreise

nach New-York. Darf ich Sie für wenige Minuten auf das neutrale Gebiet des

Probezimmers bitten? Ich habe das Instrument holen lassen, Sie können es

genau prüfen. Ihr bewundernder Verehrer William Stoneberg.« (Geht an den

Tisch, schließt den Brief in ein Couvert, schreibt die Adresse, winkt dem

Diener.) Gehen Sie ins Künstlerzimmer und warten Sie bis zum Schluß des

Konzertes. Wenn Fräulein Stanyek kommt, übergeben Sie ihr diesen Brief und

bitten um Antwort. Sollte sie es verlangen, so führen Sie die Dame her. Nun

-- (zieht seine Börse heraus) für den Dienstmann und Ihre Bemühungen.

_Diener_: Danke, gnädiger Herr. (Geht, schließt hinter sich die Thüre.)

Madonna: Novellen · 第 1 / 3 章