Fransen zu lang war, verwirrte er sich leicht. Der Gedanke lag nahe,
ihn auf einer Spule aufzuwickeln -- nun wurde die Spule ein Hindernis
beim Knüpfen, man verkreuzte die Fäden einfach oder geflochten -- dies
bedingte aber vorläufige Stützpunkte -- erst mit der Erfindung der
Drahtstecknadel (Nürnberg 1513) konnten die eigentlichen Klöppelspitzen
ausgeführt werden.
Jedes Land hat die Technik dieser zweierlei ~guipures~ in seiner Art
weiter gestaltet und Neues geschaffen, und auch parallel mit den
anderen Nationen Gleiches geleistet.
Um vorerst bei Italien zu bleiben, sind ~a~) die eigentlichen
~guipures~ oft aus groben, ungebleichten Leinenfäden und mit
erhabenen -- wie aufgenähten -- Schnürchen gearbeitet (wie schon
oben die spanischen geschildert sind) von ihnen abgeleitet, ~b~) die
Bändelspitzen; diese sind ihnen eng verwandt. Das Ornament wird durch
eine Art Band gebildet, das vorerst der Zeichnung angepaßt geklöppelt
wurde. Die Zeichnungen sind etwas derbe Blumen und Ornamente oder
ineinander verschlungene Bänder und die Zwischenräume sind mit Klöppel-
oder Nadel~jours~ gefüllt und mit ~brides~ vereint.
Diese Spitzen, besonders die mit verschlungenem Bandmuster, werden
häufig zu den sogenannten Kirchenspitzen gerechnet. Die Bändelspitzen
mit geklöppeltem Band sind oft leicht und zierlich verschlungen, im
Italienischen heißen sie ~vermicelli~. Sehr häufig findet man an
italienischen Arbeiten dieser Art im ~toilé~ in kurzen Abständen kleine
Löcher in der Größe eines Stecknadelkopfes.
Die Litzenspitzen sind eine Abart von diesen Bändelspitzen; das
geklöppelte Bandornament wird durch eine gewebte Litze ersetzt und
dadurch muß diese in der Verarbeitung an den Rundungen und Biegungen
eingehalten werden und bildet Fältchen, an den Kreuzungen liegt
sie doppelt übereinander. Solche Litzenspitzen sind, wenn auch
wirkungsvoll und dekorativ, selbstverständlich stets etwas plump und
stellen nicht hohe Kunst vor. Aus dieser Art entstanden zu guter Letzt
die schrecklichen ~point lace~, die in ihrem Dilettantismus Europa
überschwemmten und als »~home made~« gepriesen wurden.
Die dritte Art, die sogenannten Mailänderspitzen, haben auch
Bandornamente oder Adler, Wappen und dergleichen, die als stilisierte
Motive in einem ziemlich groben vier- oder sechseckigen geflochtenen
Klöppel-~réseau~ sitzen -- manchmal ist dieser ~réseau~ in Nadelarbeit,
in letzterem Fall, wenn die Techniken gemischt sind, heißen sie ~mezzo
punto~. Die Mailänderspitzen sind die einzigen italienischen Spitzen,
die einen ~réseau~ haben.
Es mag daher sehr häufig vorgekommen sein, daß ein solcher Grund erst
in späteren Zeiten auf alte Spitzen, an welchen der Grund zuerst
abgenutzt wurde, angewendet wurde, denn im allgemeinen werden sowohl
Klöppel- wie Nadelspitzen mit der Nadel ausgebessert.
Nun muß erwähnt werden, daß in vielen Fällen bei italienischen
besonders aber auch bei flämischen Spitzen dieser Art, ~Fond~ und
Motive, wenn auch separat, so doch gleichzeitig gemacht wurde, das
heißt man arbeitete ein Motiv, dann sofort den ~réseau~ und legte die
~réseau~klöppel beiseite, bis ein neuer Raum zum Füllen geschaffen war,
man führte die Klöppelfäden quer über ein Motiv auf der Rückseite und
erst in späteren Zeiten entwickelte sich die ganz getrennte Art wie bei
~Bruges~ und Applikation etc.
Aus diesen drei oben geschilderten Spitzenarten haben sich die
Brüsseler, die ~Bruges~ und ~duchesses~ entwickelt.
Die zweite Klasse der italienischen Spitzen können nur dann zu den
Guipures gerechnet werden, wenn ihre Art kein eigentliches ~toilé~
aufweist, wenn sich also die Zeichnung und Ausführung nicht im Grund
und ~guimp~ trennt, sondern diese ein harmonisches Ganzes bilden und
sich in geflochtene Schnüre oder Stäbe verbreiten und in Flächen
auflösen. Die ältesten geflochtenen heißen ~point de Gênes frisé~
(genuesische Giupures) und wurden vielfach als Ersatz für die sehr
teuren Nadelspitzen, die venetianischen ~Reticella~, verwendet;
sie sind aus ganz geflochtenen Zöpfchen gebildet und sind meistens
Zackenspitzen, sie sehen in der Nähe wie gehäkelt aus, von ferne aber
haben sie die größte Ähnlichkeit mit ~Reticella~, ihre Ornamente
sind ganz geometrisch. Eine Art Ornament wiederholt sich stereotyp,
das sogenannte Gerstkornmotiv, bald zieht es sich wie eine Reihe
von Kindern aufgefaßter Beeren im Zickzack durch die Spitzen, bald
ist es zum Kleeblatt oder sternartig zusammengesetzt. Eine andere
Gattung Zackenspitzen, auch genuesischen Ursprungs, ist offenbar aus
der geflochtenen Guipure entstanden, sie sind flach, haben dickes
~toilé~, ebenfalls wie Beeren oder Kugeln, welche aus dem geklöppelten
Bandornament entstanden sind, und sind mit ~brides~ verbunden. Für
unser heutiges Auge wären sie zu plump, um sie für den Schmuck der
Kleidung zu verwenden, aber ihre allgemeine Ähnlichkeit mit der
~Reticella~ verschafften ihnen im XVII. Jahrhundert große Verbreitung
für das bürgerliche Alltagskleid der Minderbemittelten und für die
sparsamen Kaufleute der republikanischen Gesellschaften des Westens;
man kann sie häufig auf Porträts ehrsamer Ratsherrn und Bürger
abgebildet sehen. Sie haben ein neues Element in die Klöppeltechnik
gebracht, nämlich die tiefeingekerbten Spitzen und runden Zacken, die
bei den Engländern ~vandyked~ heißen, nach der auf Van Dyk-Porträts
abgebildeten Spitzen, die fast alle diese Formen haben. Aus diesen
Spitzen in einem Zug geklöppelt, entwickelten sich die vielen groben
Leinenspitzen, welche für den Hausgebrauch in Oberitalien verwendet
wurden. Sie sind gute, dauerhafte Spitzen mit einfachen bäuerlichen
aber geschmackvollen Motiven, man fand sie vielfach an gestickten
Leintüchern und Bettwäsche angenäht, ihre Verbreitung reichte weit über
Italien hinaus. In Tirol, Kroatien und Istrien wurden sie ebenfalls
gemacht.
Zu dieser Gruppe gehören noch die Malteserspitzen, in schwarzer oder
weißer Seide oder aus Leinenfäden geklöppelt. -- Die Zeichnung ist sehr
einfach: Bandmotive mit Gerstkorn-Gruppen zu Kreuzen gestellt und Räder
aus ~brides~ sind so ziemlich die hergebrachten Ornamente.
Italien hat seine Technik vernachlässigt, es blieb bei der Fertigkeit
des XVII. Jahrhunderts stehen und überließ es anderen Völkern, den
Belgiern und Franzosen, darin reiche Ausbeute an Variationen zu
schaffen. Der italienische Flachs eignete sich nicht so gut zu feinen
regelmäßigen Gespinsten. Daher kann man italienische Klöppelspitzen
stets an ihrer relativen Grobheit des Fadens erkennen, wenn nicht an
dem Stil der Zeichnung, der etwas Großzügiges und Elegantes hat.
Flämische Klöppelspitzen.
Vermutlich ist es eine Gedankenassoziation, die viele befällt, daß
man sich ein altes niederländisches Interieur gar nicht ohne einen
Klöppelpolster vorstellen kann; man sieht so viele Spitzen auf allen
Porträts und die holländischen Maler sind jedenfalls diejenigen,
welche am häufigsten die Spitzenklöpplerinnen in ihren Genre-Bildern
dargestellt haben. Und doch will man dafür Beweise erbringen, so
erscheint es fast wie ein Trugschluß, man weiß wenig über die
holländische Spitzenerzeugung und zur Geschichte der Luxusspitzen
haben sie jedenfalls nichts beigetragen; betrachtet man aber die
holländischen Pottenkant, denkt man an die Individualität dieses
Volkes, an ihre verhältnismäßig ruhige Geschichte, so meint man ohne
es völlig beweisen zu können, daß doch früher die Klöppelindustrie
sehr stark ausgebreitet war, aber aus irgend welcher Ursache früher
versiegte, als die große Blüte-Zeit für die Spitzen anbrach; daß es
also bei einfachen Erzeugnissen blieb, die zwar allgemein im Gebrauch
waren, aber schon in der dritten oder vierten Generation zugrunde
gegangen sein mögen, denn man muß bedenken, daß Spitzen, die älter
wie 150 Jahre sind, zu den großen, geschätzten Seltenheiten gehören.
Daher erklärt es sich, daß man von den einfacheren alten Spitzen sehr
wenig weiß, weil sie zu sehr durch den täglichen Hausgebrauch abgenutzt
wurden und viel schneller zugrunde gingen, wie die sehr großen und
kostbaren Luxusspitzen. Dies ist zu bedauern, da man gerade an den
einfacheren Klöppelspitzen gut die Entwickelungsgeschichte studieren
könnte.
Auch der feinste, zarteste holländische Flachs, besonders berühmt
von Harlem, der allen nordischen Spitzen ein gewisses Übergewicht an
Eleganz gegen die gröberen italienischen Gespinste gab, trägt dazu bei,
in Holland Spitzen zu suchen -- um -- keine zu finden.
Die Klöppelspitzen haben ihre Heimat in Flandern, Brabant, kurzum in
ganz Belgien und mit belgischen Klöppelspitzen kann kein Land der Welt
in Wettbewerb treten, auch Italien und Frankreich nicht. Belgien hat
vor allem sämtliche existierenden Gattungen Klöppelspitzen gepflegt,
es hat den ~réseau~ erfunden und mit wenigen Ausnahmen wie Frankreich
mit ~Chantilly~ und Italien mit Mailänder ~réseau~spitzen, auch allein
ausgenutzt. Die einheimischen Klöppelspitzen der anderen Länder haben
meistens nur ~brides~ in allen möglichen Ausführungen oder sind getreue
Nachahmungen von flämischen Spitzen. Der ~réseau~ wurde aber nirgends
so eingebürgert, daß er neue nationale Abarten im Laufe der Jahrzehnte
gebildet hätte, und selbst die Imitationen wurden meistens gröber und
bäuerlicher wie die Originale des Stammlandes gemacht.
Es erscheint daher unnötig und schwer, wie schon einmal erwähnt, die
Spitzen durchwegs nach Nationalitäten zu differenzieren, insbesondere
wenn sie kein besonders abweichendes Gepräge zeigen. Ist es nicht
logischer, die ~Valenciennes~ unter die flämischen Spitzen zu
gliedern, als wie unter die französischen zu reihen? ~Valenciennes~
gehörte bis zum Jahre 1677, als es durch den Frieden von Nymwegen zu
Frankreich kam, zu den Niederlanden. Die vielerlei kleinen Spitzen,
die in der ~Normandie~ und der ~Bretagne~ gemacht wurden, tragen
alle ~Valenciennes~ oder malineartigen Typus, ebenso die Spitzen des
Erzgebirges und nirgends wurden sie vervollkommnet noch liefen sie
denen des Mutterlandes irgendwie den Rang ab; sie blieben Epigonen.
Charakteristisch gesondert erscheinen hingegen die ~Chantilly~
und Blonden für Frankreich, wenn sie auch heute vielfach nur mehr
in ~Grammont~ erzeugt werden, so bleiben sie doch ein wesentlich
französisches Produkt. Und Spitzen ohne ~réseau~ kann man einige
anführen, die ganz nationales Aussehen haben, so die russischen und
skandinavischen mit ihrem monotonen Muschelornament, das an die
versteinerten Ammoniten erinnert, und viele andere.
Klöppelspitzen kann man jedoch in zwei der Technik nach höchst
verschiedene Gattungen einteilen, welche beide in Italien, Belgien und
Frankreich gepflegt wurden. Es sind erstens die Spitzen, die in einem
Zuge fortlaufend gearbeitet wurden, zweitens Spitzen, die in ihren
einzelnen Teilen separat angefertigt und dann mittelst Häkelnadel[10]
und Klöppel zu einem Ganzen vereinigt wurden.
[10] Das Wort Häkelnadel könnte leicht einen falschen Begriff geben;
sie dient nur dazu, um den Faden in einer Schlinge am Rande der
fertigen Motive durchzuziehen, durch welche Schlinge ein Klöppelpaar
gezogen wird.
Die ersteren werden in Belgien auf einem viereckigen, leicht geneigten
Polster gemacht, in anderen Ländern besonders für schmale Spitzen,
auf einem muffartigen, dem die Vorlagzeichnung ringartig angepaßt
wird, und auf dem die Spitzen ins Unendliche fortgearbeitet werden
können. Man findet in allen Ländern eine Art Spitzen, die man häufig
auch Kirchenspitzen nennt, und die untereinander, sei es der ~point
d'Anvers~, oder deutsche oder italienische, ein und denselben Ursprung
haben und sehr alt sind, es sind Spitzen, die keinen eigentlichen Grund
noch Leinwandschlag aufweisen; sie sind locker und die Formen lösen
sich auf und gehen ineinander über, kaum bildet sich in dem Gewirre der
Klöppel eine kleine Insel als Leinwandschlag, gleich wird sie gelöst
und verteilt sich in geflochtenen Stäben (Ganzschlag und Halbschlag)
etc. Es sind dies die einfachen Flechtspitzen.
Diese Spitzen bilden die Ahnen für die ganze Gruppe der in Einem
gemachten Spitzen. Italien und Deutschland haben sie verhältnismäßig
am wenigsten umgebildet und sie blieben Spitzen für Haus- und
Kirchengebrauch. In Frankreich entwickelten sich aus ihnen die
~torchons~, die heute noch in der ~Auvergne~ tausenden und
abertausenden Händen Beschäftigung geben. Am meisten hat aber Belgien
diese Spitzen umgestaltet, so sehr, daß man in der primitiven
verwischten ~dentelle d'Auvers~ kaum mehr die Verwandtschaft mit den
~réseau~spitzen erkennen kann.
In Italien gehören hieher alle bäuerlichen und die Dekorationsspitzen
(~guipure d'ameublement~) wie sie in ganz Oberitalien von den
genuesischen Litorale bis zur Adria gemacht werden. Spitzen in
spagatgrober, ungebleichter Leinwand sind heute überall in allen
Industriebezirken zu finden. In Frankreich wurden sie in der Auvergne
gemacht und bilden die ~torchons~ und ~dentelles d'ameublement~
(~guipure d'art~). In diese Gruppe gehören für Frankreich noch
alle ~Valenciennes~, Lilleartigen, ~Chantilly~ und Blonden, aber
diese wurden nicht in Frankreich aus den ~torchons~ systematisch
entwickelt, sondern sie übernahmen die Früchte der belgischen Künste
und arbeiteten später erst an der weiteren Entwicklung. In Belgien
entstanden aus ~dentelle d'Anvers~, ~point de Flandre~, Trollkant,
Pottenkant, ~point de Paris~ die primitivsten ~Valenciennes~, moderne
Valenciennes, ~Malines~, ~Binche~, ~Lille~. Aus dem aufgelösten
Maschengewirr der Antwerpenerspitzen bildete sich vorerst die ~maille
à cinq troux~ und der ~fond de neige~, später der regelmäßige
Maschengrund der ~Malines~, ~Valenciennes~ und ~Lille~, die die
schönsten, dauerhaftesten und kostbarsten ~réseau~spitzen sind und
deren ~réseau~ man verschiedene Namen gibt, ~fond clair ou simple~
für ~Lille~, ~Chantilly~, Blonden (aus bloß gedrehten Fäden), ~fond
double~ oder ~fond chant~, aus paarweise laufenden Fäden, wie
Pottenkant, ~point de Paris~, ~Chantilly~, ~torchons~ und auch Blonden
-- geflochtenen Masche, wie ~Malines~, ~Valencienne~ und ~maille à
cinq troux~, ~Binche~, Trollkant. Zur zweiten Gruppe gehören alle
Klöppelspitzen, deren Formenschlag getrennt gemacht ist, sie haben
mit Ausnahme der ~point d'Angleterre~ und ~point de Milan~ keinen
~réseau~grund.
Sie werden auf einem wie eine Scheibe drehbaren Polster gemacht, so daß
die Arbeit jeweilig in die für die arbeitende Person bequemste Lage
gedreht werden kann, sie haben stets wenig Klöppelpaare in Verwendung
und dies vereinfacht die Arbeit in vieler Beziehung insbesondere,
da sie die geeignete Technik vorstellen, um größere Stücke, wie sie
unter Louis XIV. zweiter Regierungshälfte modern wurden, anzufertigen.
Sieht man also einen breiten Volant oder Schleier oder ~tablier~ mit
~Réseau~grund, kann man sicher sein, daß es Spitzen sind, die in der
zweiten Gattung Technik gemacht werden mit Ausnahme der Blonden und
~Chantilly~, die in schmalen Streifen einerlei ob ~fond~ oder Dessin
angefertigt und dann zusammengenäht werden.
Diese Technik wurde von den Mailänder Réseauspitzen übernommen und
die älteste Ausführungsart dürfte wohl die eben geschilderte sein:
daß man die Motive von Fall zu Fall rund arbeitete und sie gleich mit
den ~brides~ oder ~réseaus~ zusammenfügte. Man legte die Klöppel
dann jeweilig beiseite und führte sie auf der Rückseite quer über das
Dessin. Diese Art wurde so lange ausgeführt, als die Zeichnung des
~Toilé~ noch eine streifenweise war, sobald ganz freie, inselartige
Motive gemacht wurden, knüpfte man den ~réseau~ nachträglich in
den Rand und die Motive wurden auf runden Polster oft von mehreren
Arbeiterinnen gleichzeitig hergestellt; so entstanden ~point
d'Angleterre~, ~duchesse~, ~Bruges~, ~applikations~ etc.
Es ist ferner stets sehr wichtig, die Spitzen darauf hin zu betrachten,
ob sie flach gearbeitet sind, also ganz dem Klöppelstil treu bleiben
oder ob sie mit Zufügung des Cardonet andere Wirkung ähnlicher textiler
Erzeugnisse anstreben, wie der Stickerei, oder der Nadelspitzen oder
eigentlichen Guipuren, wie man es an ~Malines~, Trollkant, ~Lille~,
Pottenkant, Brabanten etc. findet.
Trollkant sind ganz eigentümliche, flandrische Spitzen, die sich
sehr in der Zeichnung an jene Spitzen, genannt ~points de Flandre~,
anlehnen; ihre Eigenart ist, daß sie gleich einer Musterkarte alle
möglichen (~points-~)Schläge und Variationen aufweisen. Troll heißt
auf Flämisch Kobold (wie im Skandinavischen), aber Trolly bedeutet
auch einen groben Faden, etwa dem Sinne nach den französischen »~la
brode~« gleichbedeutend. So mag man sich um den Ursprung dieses Wortes
Trollkant streiten, erklärt und gedeutet konnte es nach beiden werden.
Kobold und Fee haben dem gewöhnlichen Sterblichen überlegene Phantasie;
das Muster ist stets wechselnd, nicht kontinuierlich, sei es nun in
der Zeichnung, oder in der technischen Interpretation, doch haben
Trollkant immer einen Konturfaden und dies, und die nicht einheitliche
Ausführung der Zeichnung, unterscheiden sie hauptsächlich von den
~points de Flandre~; es sind dichte Spitzen mit meistens guten, alten
Zeichnungen, in nicht sehr feinem, aber regelmäßigem Faden ausgeführt;
jedenfalls sind sie eine Spiel- oder Eigenart Flanderns und gehören zu
den Varianten der vielen Stämmlinge der ~points d'Anvers~, ~points
de neige~, ~maille à cinque troux~, der einfache Formenschlag, ~fond
chant~ oder ~fond double~ finden sich vereint, aber bilden noch keinen
eigentlichen von den Motiven getrennten Grund.
~Valenciennes.~
~Valenciennes~, die Wäschespitzen ~par excellence~, sind leicht
erkennbar, ~toilé~ und ~réseau~ werden gleichzeitig gearbeitet und
womöglich mit der gleichen Anzahl Klöppel. Sie gelten mit Recht als
die dauerhaftesten Spitzen, das ~toilé~ ist das dichteste, welches
überhaupt vorkommt, und sieht wie feiner Batist aus. Die Klöppel
werden kunstvoll verteilt und in dem ~réseau~ fortgeführt, welcher aus
einer der ~Valenciennes~ charakteristischen Masche besteht; jede Seite
derselben ist ein aus vier Fäden geflochtenes Zöpfchen, je dichter
dieses ist, desto dauerhafter ist sie.
Das ~toilé~ ist von keinem Cordonet-Faden eingefaßt, und ist ganz
flach, was ihm beim Waschen und Bügeln sehr zum Vorteil gereicht.
Daher hatte sie den Beinamen ~eternelles Valenciennes~. Der Faden des
~toilé~ läuft wie bei Leinwand vertikal und horizontal, bei alten
Stücken kann man beobachten, daß das ~toilé~ und ~réseau~ aus derselben
Klöppelanzahl bestand, es wurde also nichts geschnitten. Man kann die
~Valenciennes~ in dreierlei Gattungen einteilen:
1. Die ganz alten, welche sehr große Ähnlichkeit mit den flandrischen
Spitzen zeigen, haben die ~maille à cinque troux~ (welche auch
geflochten ist). Die Zeichnung bildet nicht den Rand, sondern
schlängelt sich durch die ganze Breite in einem großzügigen Muster,
Blumen und Ranken, mit Vorliebe Nelken und Tulpen, welches darauf
schließen läßt, daß wirklich die flämischen Arbeiterinnen, die unter
Louis XIV. in ~Valenciennes~ angesiedelt wurden, diese Art eingeführt
haben. Der ~réseau~ geht bis zum Rand, welcher nur durch ein doppelt
breites Zöpfchen (acht Fäden) und ~picots~ abgeschlossen ist; sie haben
häufig ~jours~ mit ~point de neige~.
2. Die ~Valenciennes~ wie sie noch heute ist, mit der runden oder fast
runden Masche und die ~Valenciennes~ mit der viereckigen Masche.
Die ~Valenciennes~ mit der runden Masche ist die ältere von den beiden
letzteren Gattungen. Ihr ~réseau~ wurde in ~Valenciennes~ erfunden,
weshalb diese ~les vraies Valenciennes~ genannt wurde; sie waren schön
und fein gearbeitet, das ~toilé~ bildet bei beiden Gattungen den Rand,
kleine verstreute Blümchen bilden häufig die Zeichnung und im Beginne
mögen die Spitzen, in ~Valenciennes~ selbst verfertigt, sich durch
größere Schönheit ausgezeichnet haben, so daß die in ~Lille~, ~Aras~
und so weiter angefertigten Imitationen als ~fausses Valenciennes~ oder
~bâtardes~ benannt wurden, doch mit dem XVIII. Jahrhundert ging dieser
Industriezweig in ~Valenciennes~ nieder.
Im belgischen Flandern blühte dafür diese Gattung auf, die Revolution
hatte in Frankreich die verderblichsten Folgen für die Spitzenindustrie
im allgemeinen.
Auch wurden später in ~Lille~ und ~Aras~ weniger kostspielige
Lille Spitzen gemacht, die unter dem Namen ~dentelle de Lille~
den ~Valenciennes~ Konkurrenz machten. Um sich ein Bild von dem
Unterschiede in der Anfertigung zu machen, sei nur erwähnt: während
eine Arbeiterin der ~Lille~spitzen zwei bis drei Meter im Tage fertig
stellen konnte, vermochte eine ~Valenciennes~-Klöpplerin höchstens fünf
Centimeter bei zwölfstündiger Arbeitszeit zustande zu bringen, man kann
also dadurch den bedeutenden Preisunterschied verstehen.
~Mme. Paliser~ erzählt: auf der Weltausstellung im Jahre 1851 waren
~Valenciennes~ von ~Ypres~ zu 2000 Franks per Meter ausgestellt.
Die Arbeiterin konnte in zwölf Stunden täglich nur acht Millimeter
anfertigen.
~Valenciennes~ in der Breite von fünf Centimeter benötigen zwei
bis dreihundert Klöppel. Jetzt werden in ~Valenciennes~ gar keine
Spitzen in der Art und dieses Namens gemacht. Fast der ganze Bedarf
wird in Belgien gemacht und zwar ist ~Ypres~ das Zentrum davon. Im
Jahre 1830 wurde dann die viereckige, sehr klare Masche gemacht. Die
Zeichnung wurde reformiert, sogar ~jours~ mit ~point d'aiguilles~, mit
~barettes~, und ~point de neige~ gemacht.
In ~Bruges~, ~Courtrois~, ~Bailleul~ und so weiter macht man
~Valenciennes~ mit kleinen Abweichungen, zum Beispiel in der Brugher
Gegend wird die runde oder fast runde Masche gemacht, anderswo wird
das ~toilé~ sehr fein geklöppelt und während des Arbeitens werden
Nadeln hineingestochen, die dann kleine Löcher bilden. Im Ganzen und
Großen gehören aber die ~Valenciennes~ zu jenen Spitzengattungen, die
in stetiger Abnahme begriffen sind; einerseits ist die Herstellung
eine außerordentlich mühsame und langwierige, anderseits werden sie
durch die Maschine in stetig besserer Ausführung imitiert, so zwar, daß
die feinen Sorten der Maschinenspitzen oft schwer von den echten zu
unterscheiden sind. Das ~toilé~ und ~réseau~ ist schon recht ähnlich,
nur an dem Rande und den ~picots~ kann man die falschen besonders nach
dem Waschen leicht erkennen. Die ~picots~ der echten sind aus zwei Paar
Fäden geschlungen (vier Fäden), die falschen nur aus zwei einfachen
Fadenmaschen, die nebeneinander liegen. Die ~picots~ und Ränder bei
allen Maschinenspitzen sind der schwächste Teil und der Rand zieht ein
und zerreißt zuerst.
Die Zahl der Arbeiterinnen vermindert sich jedes Jahr und die jungen
Arbeiterinnen können überhaupt nur mehr die schmalen billigen
und gröberen Waren (meistens für den Hausierhandel) machen. Die
~Valenciennes~ wurden auch noch im Erzgebirge, der Schweiz und in
England und so weiter gemacht, sind aber niemals so fein und schön
gearbeitet wie die belgischen. Jahrelang, von Kindesbeinen auf
erworbene Übung ist die Grundbedingung der Technik dieser Spitzen.
~Malines.~
Wenn die ~Valenciennes~ den Beinamen »~les eternelles~« verdienen,
gebührt den ~Malines~ hingegen das Prädikat »~la reine de dentelles~«.
Tatsächlich kann mit ihr an Zartheit, Kleidsamkeit und Eleganz nur noch
die ~Binches~ konkurrieren.