Da die Herstellung unendlich mühsam ist, große Geschicklichkeit,

genaues, reines Arbeiten und Geschmack von den Ausführenden verlangt,

ist und war sie stets eine der teuersten Spitzen.

Nicht umsonst war sie zu so großer Berühmtheit gelangt, man versucht

sie daher auch in einfacher Ausführung zu imitieren oder wenigstens

ihre Wirkung im großen und ganzen zu erreichen; so steht die dem

Kontinente wenig bekannte irische Technik der Carrikmaccroß unter

dem Einflusse der Reliefspitzen. Hier wird die Zeichnung in Battist

ausgeschnitten und mit einem groben Cordonet umsäumt oder manchmal noch

auf Tüll applikiert.

Auch die irischen Häkelspitzen streben wohl den Effekten der

Venezianerspitzen nach.

Obwohl die Fachwissenschaft im allgemeinen der Ansicht zuneigt, daß der

~point de rose~, -- Rosaline -- späteren Datums als die Reliefspitzen

ist, mag doch das Gegenteil plausibler scheinen. Der Stil der Zeichnung

ist weniger barock und edler, zierlicher und recht verschieden von den

Reliefspitzen; meistens ist es ein dichtes, ineinander verschlungenes

Astwerk, welches nur hie und da von einer kleinen ~jour~-Blume belebt

wird, die schwach -- ~en relief~ -- gearbeitet ist; das Ganze ist viel

präziser und eleganter, und obwohl bescheidener in der Wirkung, noch

kostbarer wie die Reliefspitzen. Die krause Verworrenheit der Zeichnung

zeigt weniger Wucht und Majestät aber mehr Lieblichkeit. Die zahllosen

meist unregelmäßigen, nur manchmal rautenförmig angeordneten ~brides~

richtig und geschmackvoll zu verteilen erfordert von der Arbeiterin

mehr als manuelle Geschicklichkeit, sie erheischt persönlichen

Geschmack und künstlerischen Takt. Die ~point de rose~ verdienen ihren

Namen in mehrerlei Beziehung. Die eigentümlichen ~brides picotées~,[3]

die so charakteristisch für die Rosaline sind, haben die Form von

Rosetten. Endlich haben die Rosalines häufig, aber nicht immer,

ganz kleine Relief-Röschen, die ziemlich naturgetreu geformt sind.

Jedenfalls sind die ~brides campanées~ das wesentlichste Kennzeichen

der ~point de rose~, welche übrigens wegen deren Ähnlichkeit mit den

Schneekristallen auch oftmals ~point de neige~ genannt wurde.

[3] ~Brides picotées~ oder ~campanées~.

Eine Schwäche der Rosalines ist, daß sie stets als Volants gearbeitet

werden und zwar in oben und unten ganz geraden, einförmigen Linien

abgeschlossen sind; das ~pied~ oder ~engrelure~ wird nach dem Abschluß

als ganz besonders und meistens feiner gearbeitete ~picots picotées~

gearbeitet und steht nicht in genügendem stilistischen Zusammenhang mit

dem eigentlichen Spitzenstreifen.

Rosaline und Reliefspitzen wurden reichlich an Paramenten verwendet,

Chorröcke, Altardecken, Kelchdecken, wurden mit ihnen besetzt. Aber

auch in der weltlichen Kleidung für Frauen wie Männer fanden sie,

so weit ihre Kostbarkeit nicht in Betracht kam, uneingeschränkte

Verwertung.

Die flachen venezianischen Spitzen -- ~point plat de Venise~ erinnern

stark an Klöppelspitzen. Sie sind, wie ihr Name sagt, stets ganz flach,

und entbehren sogar das Relief durch das Cordonet. Eine durchgedachte

und wohldurchgeführte Zeichnung mit vielen und reichen ~jours~ läßt

mehr wie mechanisches Können durchblicken, hübsche zahlreiche ~brides

picotées~, die zierlichen dreiteiligen Rosetten wie Eisnadeln, erinnern

an den ~point de rose~; es sind verhältnismäßig lange Stäbchen, an

denen wie zarte Kristalle eine Anzahl anmutiger ~picots~ angereiht

sind, aber immer in Gruppen. Diese ~brides~ und ihre Zeichnung, die in

~crescendo~ und ~diminuendo~ auf- und abschwillt, unterscheidet sich

von der Coraline oder den sogenannten eigentlichen Venetianerspitzen.

Diese erinnern, wenn auch an eine andere Gattung, ebenfalls an

Klöppelspitzen und zwar an die Bändelspitzen und sie bilden das Pendant

in Nadelausführung zu den sogenannten Kirchenspitzen. Die Zeichnung

hat wenig Bedeutung, sie ist wirr und verschlungen; in ziemlich

gleich breiten Streifen windet und schlängelt sie sich gedankenlos

dahin, wenige oder gar keine ~jours~ tragen dazu bei, ihr ein ziemlich

monotones und nicht so kostbares Gepräge wie bei obengenannten

Spitzen zu geben. Ihr Reiz besteht hauptsächlich in ihren ~brides

picotées~,[4] die eine nicht geschlossene sechseckige Masche bilden

und die ~picots~ stehen einzeln und gleichmäßig verteilt auf den

~brides~. Diese maschenartigen ~brides~ bilden den Übergang zu den

eigentlichen Reseauspitzen, sie sind schon in Reihen parallel zu den

~pieds~ ausgeführt. Kunstlos halten sie sich mehr an die Natur und an

ihren Namen Coraline knüpft sich die Erzählung, daß sie zuerst von

einem verliebten Fischermädchen einem von ihrem Geliebten geschenkten

Korallenzweige nachgeahmt wurden.

[4] Die sechste Seite der Masche wird schon von dem eigentlichen

Ornament gebildet.

Tatsächlich haben diese Coraline etwas venetianisch Volkstümliches, sie

sind und bleiben wie reizende Naturkinder stets mit ihrer Heimat eng

verwachsen und wurden niemals außer im Venetianischen gemacht, während

ihre kunstvollen Schwestern, überall, wo je Spitzen erzeugt wurden,

gleich schön oder schöner nachgeahmt wurden, hauptsächlich in Belgien

und in Frankreich.

* * * * *

Als nun in Venedig durch ~Colberts~ Schöpfung -- (der französischen

Spitzen-Industrie) -- die Hauptausfuhr nach Frankreich versiegte

und dieses überhaupt die Führung in Modefragen übernahm, trat eine

zeitweilige Stagnation in der Pointserzeugung ein, doch die Not lehrte

die Venetianer und wie ehemals die Franzosen bei ihnen in die Lehre

gegangen waren, so trachteten sie jetzt von ihren Konkurrenten zu

lernen und die wichtigsten Neuerungen, insbesondere die Verwertung

des Reseaus für die Regeneration ihrer Spitzen zu verwenden. Bald

nationalisierten sich diese Alençon-Imitationen wieder, es entstand der

sogenannte ~point plat de Venise à réseau~. Es waren ganz flach genähte

Spitzen, von gar keinem Cordonet umsäumt und hatten einen ähnlichen

Maschengrund, wie der Reseau des ~point d'Alençon~, nur war er stets

unregelmäßig und die Maschen fielen nicht in eine Linie, näherten sich

mehr dem Viereck und waren verschwommen, doch fiel dies nicht so sehr

auf, da der Grund nicht stark in Betracht kam; das Dessin war so groß

und breit angelegt, daß nur in kleinen Zwischenräumen verhältnismäßig

wenig Platz für den ~fond~ blieb; sie haben mit Sedanspitzen viel

Ähnlichkeit. Es sind ausgesprochene Rokokkozeichnungen aus Lilien,

Muscheln, Blüten und Knospen mit ungraziösen Schnörkeln, die den

sogenannten Jesuitenstil an sich tragen.

Die ganzen Arbeiten machen einen flachen, fast geklöppelten Eindruck;

das Cordonet, wenn man einen bloß etwas stärkeren Faden so nennen kann,

ist ganz platt an der Fläche gearbeitet und ist mit unendlich feinen

~picots~ gegen den ~réseau~ getrennt. Die sehr feinen Maschen laufen

horizontal zum Rand und der Faden ist äußerst fein und das Ornament

wird schon so schablonenhaft angewendet, daß man bei einzelnen Formen

den natürlichen Ursprung kaum mehr entdecken kann. Ein großer Reichtum

an ~jours~ zeichnet sie aus, die alle zu beschreiben nicht möglich ist;

häufig kehrt ein einziges Ornament wieder.

Es ist überhaupt bemerkenswert, daß ein großes Abwechseln an ~jours~

meistens mit einer gewissen Korruptheit des Stils Hand in Hand geht,

ein Überladen mit Details, welches in allen Kunstgattungen zu verfolgen

ist, und die Armut an Gedanken verbergen soll.

Diese flachen Venetianerspitzen mit ~réseau~ wurden von der zweiten

Hälfte des XVIII. Jahrhunderts bis zum Ende der venetianischen

Republik in Venedig hauptsächlich auf den Laguneninseln gemacht.

Die politischen Verhältnisse, die immer zunehmende Verarmung und der

Verfall in der Lagunenstadt bewirkten, daß die Spitzenindustrie, ein

wesentlich von Luxus und Eleganz lebendes Gewerbe, ganz zugrunde

ging. Über Europa brausten die Stürme der französischen Revolution

überall merkbar nach. Ein demokratischer Geist fegte viele Gebräuche,

Mißbräuche und Reichtum weg, doch auch viel guter Geschmack und

reizende Gewohnheiten verschwanden damit für immerwährende Zeiten. Auf

der Insel Burano fristeten eine Gattung Spitzen kümmerlich ihr Dasein

weiter, die armen Fischerfrauen machten unscheinbare Spitzen, die ihre

Abkunft von den ~point d'Alençon~ nicht verleugnen konnten, aber in

Stil und Ausführung degeneriert waren und aus groben, ungleichmäßigen

Fäden gemacht waren. Im Jahre 1864 schrieb Madame ~Bury-Paliser~: »Die

Venetianer Spitzen existieren nicht mehr.« Und doch, acht Jahre später

wurde dieses verlöschende Flämmchen zu neuem Leuchten entfacht. Es

wurde auch mühsam und kunstvoll ins Leben gerufen, durch Mitleid und

Wohltat. Im Jahre 1872 brach ein ganz außerordentlich strenger Winter

über Oberitalien herein. Die Lagunen waren zugefroren und die Fischer

konnten wochenlang nicht ihrem Berufe nachgehen. Die Not war eine

unbeschreibliche und rief die öffentliche Teilnahme wach.

Eine Sammlung wurde zum Teil für die ersten Bedürfnisse der Armen

verwendet, der Rest wurde in weiser Vorsorge für die Gründung

einer Hausindustrie gespart. Man sagt, es hätte damals ein uraltes

Mütterchen gelebt, die als einzige den Venetianerspitzenstich noch

machen konnte, ~Ceccia Scarporiolo~; sie, halb blind und gelähmt,

unterwies die Fischermädchen und lehrte ihnen, was sie wußte, ein

Damenkomitee, an dessen Spitze die Gräfin ~Adriano Mercello~ stand,

setzte sich mit ganzer Kraft für dieses Unternehmen ein. Ganz Italien,

an seiner Spitze die Königin Margherita, interessierte sich für diese

Neuschöpfung in Burano, und bald konnten die ersten, seit langer Zeit

wieder in Venedig verfertigten Venetianerspitzen, verkauft werden.

Seither ist die Spitzenerzeugung in Venedig wieder eine blühende

Einnahmsquelle geworden. Burano blieb unter dem Patronat des Komitees,

die Familie Marcello wurde zu einer Art Spitzen-Dynastie und die

Buranospitzen sind die besten und schönst gearbeiteten von Venedig,

sie gehörten nicht, wie leider die meiste Marktware Venedigs, in

die Rubrik Andenken-Verkaufs-Erzeugnisse, die harm- und gedankenlose

Hochzeitsreisende, nicht zur Ehre Venedigs, nach Hause bringen.

In Burano werden jetzt wieder alle Gattungen der früheren

Venetianerspitzen gepflegt, meistens sind es Spitzen ohne ~réseau~, nur

mit einen Grund von ~brides~, häufig in gelblicher Farbe, mit Ausnahme

der ~points de Burano~. Diese sind aber noch immer den Alençon-Spitzen

ähnlich, die Muster bleiben dem Stil der drei Louis Frankreichs treu;

der ~réseau~ hat fast viereckige Maschen.

Der ~réseau~ der Burano sieht jedoch niemals den anderen ~fonds~

ähnlich, es macht immer einen eigentümlichen flockigen, verwaschenen

und verzogenen Eindruck, was zum Teile von dem unregelmäßigen Faden

herrühren mag. Das Cordonet der Burano ist nur niedergenäht und

niemals, wie bei den Alençon mit dem schönen gleichmäßig dichten

Knopflochstich überschlungen.

Die Venetianerspitzen gehören historisch Venedig an, aber sie werden

überall, wo die edlen Kunstspitzen gemacht werden, mit Erfolg erzeugt,

sei es nun in Frankreich, Belgien oder Österreich; Belgien pflegt sehr

diese Gattung Spitzen und hat wahrscheinlich einen größeren Umsatz

darin, als Italien; man sagt, daß viele, und zwar die beste Ware nach

Italien besonders an die Riviera von Belgien geliefert wird, aber auch

in Venedig werden belgische Venetianerspitzen verkauft.

~Point d'Alençon.~

Von 1560 bis ungefähr zur Hälfte des XVII. Jahrhunderts exportierten

die Venetianer eine ungeheuere Menge Nadelspitzen, sie deckten den

ganzen Bedarf Europas, denn nirgends wurden ihre Spitzen so gut

nachgeahmt, daß man ihnen nennenswerte Konkurrenz machen konnte.

Die verschiedenen Regenten erließen zahlreiche Erlässe gegen den

übertriebenen Luxus, hohe Schutzzölle, strenge Verbote nützen und

frommen nicht gegen die Macht der herrschenden Mode. Frankreich stand

an der Spitze der importierenden Länder. Für viele Millionen Francs

wurden alljährlich Spitzen aus Venedig eingeführt und die Nachfrage

steigerte sich noch zusehends unter Louis XIV. Der »~roi soleil~«liebte

in seiner Jugend üppigen Luxus und Glanz, er selbst beeinflußte die

Moden und sprach allen Verordnungen seiner Minister Hohn, indem er für

sich und seinen Hof den größten Aufwand an Spitzen aller Gattungen

trieb, insbesondere aber die Venetianer bevorzugte. Es gab damals kaum

ein Kleidungsstück, das nicht aus Spitzen gemacht oder mit Spitzen

verziert wurde, breite Umlegkragen, ~jabots~, ~manschetten~, ~kanons~,

das sind Spitzenvolants, die aus den Stulpstiefeln hervorsahen,

Rosetten an den Schuhen, an den ~jarretieren~, Barben, Hauben,

Schürzen, Bett- und Tischzeug, kurz alles war mit Spitzen versehen.

In den Feldzügen, im Lager, über Harnischen, im Boudoir, in Kirchen

und Klöstern, überall waren Spitzen zu sehen. Wenn man nun bedenkt,

daß Frankreich verhältnismäßig wenig Spitzen im Lande produzierte, so

begreift man, welch ein wirtschaftlicher Aderlaß dies für Frankreich

war, und wie Flandern und Venedig dabei gewannen. Von der Macht der

Mode kann man sich einen Begriff machen, wenn man die strengen Gesetze

der damaligen Zeiten betrachtet; mit Schmugglern machte man nicht viel

Federlesens, man knüpfte sie an den nächsten Baum oder schoß sie

nieder, und trotzdem, da der Gewinn verlockend genug war, wurden die

Schmuggler nur schlauer und erfindungsreicher, und Ballen von Spitzen

fanden ihren Weg über die französische Grenze.

Wenn es kaum eine Kunst oder ein Kunsthandwerk, das durch Jahrhunderte

so anonym geblieben ist, wie das der Spitzen gibt, denn überall anders

treten uns Namen entgegen, so tritt ausnahmsweise der Name und die

Gestalt ~Colberts~ hervor, ein Genie, das seinerzeit im Anfassen der

nationalen Wirtschaftspolitik um Jahrzehnte vorauseilte, der nicht nur

Altes unterstützte, sondern Neues schuf, der das so wichtige Prinzip

erkannte, daß ein Luxus, so lange das Geld im Lande bleibt, und nichts

vom Auslande importiert wird, nationalökonomisch nicht schädlich ist,

da selbst sinnlose Ausgaben der Reichen das Geld ins Rollen bringen,

Industrieen schaffen, die für den Export Bedeutung erlangen können, und

das Volk zu großer Regsamkeit anspornen.

~Colbert~ war mit einem Wort der erste moderne Finanz- und

Handelsminister, er war der erste, der mit den nationalen Gütern

nicht Raubbau trieb, er wollte nicht nur ernten, sondern säte auch in

der Gegenwart für die Zukunft. Ihm hat Frankreich den ersten Impuls

für die allen Stürmen trotzende Entwicklung der Industrie zu danken,

er gründete oder förderte Manufakturen, wie die Gobelinweberei,

Sèvresporzellanerzeugung, er ließ die so kostbaren und damals bloß

in Venedig erzeugten Venetianerspiegel in Frankreich erfolgreich

nachahmen, und endlich gründete er die Spitzenindustrie.

~Colbert~ erkannte gleich, daß auf dem Wege der Verbote die

Verhältnisse nicht zu sanieren waren. Mit der Mode mußte gerechnet

werden, blieb nur das Geld im Lande, und es war das Beste die Passion

für die eigene Heimat auszunutzen. ~Colbert~ faßte seine Sache

erfolgreich an. In Frankreich hatte man bis dahin Nadelspitzen kaum

fabriziert, doch war die Anfertigung des über alle Länder populären

~point coupé~ auch dort eingebürgert; hie und da hatte wohl auch die

eine oder andere Spitzen-Matrone auf eigne Faust Venetianerspitzen aber

minderwertig imitiert. Er suchte sich nun zur Pflanzstätte seiner Ideen

jenen Bezirk Frankreichs aus, der eine relativ gut geschulte weibliche

Bevölkerung besaß, und das war ~Alençon~, mit Nachbarschaft, wie

~Aurillac~, ~Argentan~ etc.

Die Gründung der ~Alençon~-Spitzenindustrie ist deshalb eine sehr

bemerkenswerte, weil sie eine vollkommen bureaukratische ist, sie wurde

vom Schreibtisch aus diktiert, und mit Erfolg ins Leben gerufen. Im

allgemeinen war und ist die Spitzenerzeugung stets eine volkstümliche

gewesen, die nur hie und da in den Klöstern Förderung fand, von

den Regierungen früher häufig eher gehemmt als unterstützt wurde.

~Colbert~ war der erste, der nationalökonomisch und administrativ

wohl durchdachte Gründungen durch Ausbildung von schon existierenden

Industrieen durchführte, obwohl er speziell von seiten der Bevölkerung

in ~Alençon~ anfangs wenig freundliches Entgegenkommen fand. Vor

dem Gründungsjahr 1665 hatte eine ~Mme. Perrière~ in ~Alençon~

venetianische Spitzen für eigene Rechnung nachgeahmt. Mit ihr und

einigen anderen gründete ~Colbert~ die »~Manufacture du point de

France~« wie von nun an alle französischen Spitzen hießen. Die

Behauptung, welche die meisten Autoren der ~Mme. Paliser~ nachsprechen,

daß die erste Manufaktur in ~Château de Lonrey~ bei ~Alençon~ etabliert

war, ist nicht haltbar.

Zwei sehr ernste Autoren, wie ~Duval~ und ~Despierres~ widersprechen

dieser Annahme und druckten in ihren Werken alte Dokumente als

glaubwürdige Beweise ab; abgesehen von diesen Schriften spricht auch

noch ein sehr einfacher Gedankengang gegen diese Behauptung. Im Jahre

1665 war die Feudalherrschaft noch in Blüte. Der Adel war noch nicht

verarmt, wie später nach der Revolution. Damals, in Reichtum und

Ansehen ungebeugt, bewohnten und benutzten die Adeligen ihre Schlösser

noch selbst; hatten sie mehrere, so kamen dieselben wohl manches Mal

noch zu Lebzeiten des Besitzers in Benutzung einer jüngeren Linie oder

einer bevorzugten Maitresse. Ein bußfertiger Bruder oder eine alte

Sünderin übertrug oder verschrieb ihre Herrschaft zur Rettung ihrer

Seele der Kirche oder einem Kloster, seltener schon wurden Schlösser

oder Burgen in Spitäler verwandelt. Doch der Gedanke, ein Schloß in

eine Fabrik oder gar in eine Kaserne umzuwandeln, widerspricht ganz und

gar dem aristokratischen Geiste jener selbstherrlichen Zeit. Dies blieb

der Neuzeit vorbehalten, und leider oft zum Schaden der Ästhetik.

Die Gründung der Gesellschaft der ~points de France~ verteilte sich auf

verschiedene Bezirke, wie Reims, ~Sedan~, ~Aurillac~ und ~Argentan~;

und was nun von ~Alençon~, dem wichtigsten, erzählt wird, gilt mehr

oder minder von den anderen auch. Es wurden Gebäude für diesen

Zweck eingeräumt und ausgestattet und man ließ Venetianerinnen und

Flämländerinnen kommen und Frauen aus ~Alençon~ wurden angeworben, die

genügende Schulung hatten.

Mit diesem kleinen Stabe hoffte ~Colbert~ in kurzer Zeit 8000

Arbeiterinnen heranbilden zu können. Darin wurden aber seine

Erwartungen getäuscht, denn, so lange die Fabrik als solche unter der

zehnjährigen Staatspatronanz stand, brachte man es auf nicht mehr wie

700 Arbeiterinnen, die Bevölkerung, die sich in ihrem Erwerbe bedroht

sah, bot Widerstand, es kam häufig zu Ausschreitungen. Es wurde mit den

neuen Mustern, die auch Monopol waren, Mißbrauch getrieben, was zwar

strenge gestraft wurde aber Hetzereien und Wühlereien zur Tagesordnung

machte. Trotzdem hatte die Manufaktur einen großen Erfolg. Louis XIV.

erklärte den ~point de France~ zur offiziellen Hof-Etiquette, er trug

ihn selbst und alles beeilte sich, ihn nachzuahmen.

Diese Fabrik muß man sich als ein Mittelding zwischen einer Fachschule

und einer Aktiengesellschaft denken. Nachdem die ersten zehn Jahre

verflossen waren, verwandelte sie sich in mehrere Privatunternehmen.

Sie hatte aber ungemein befruchtend auf die allgemeine

Spitzenindustrie gewirkt, obwohl man sich in den ersten fünfundzwanzig

Jahren darauf beschränkte, die Venetianerspitzen möglichst getreu

zu kopieren. Es war jene Gattung mit den ~brides picotées~ und war

vielleicht nur im Relief etwas flacher gehalten. Doch der französische

Geschmack kam bald zur Geltung, die Ausführung wurde zierlicher als die

italienische und die Zeichnung wurde nach dem tonangebenden Geschmacke

modifiziert. Wie aus den Venetianerspitzen derselben Zeit kann man an

den ~Alençon~ bemerken, daß die ~brides~ wabenartig angeordnet waren,

welche einen regelmäßigen ~réseau~ ahnen ließen. Im Anfange des XVIII.

Jahrhunderts wurde der Versuch gemacht, den Klöppel-Reseau mit der

Nadel nachzubilden. Es war auch die Konkurrenz, die das herbeiführte,

denn die belgischen Spitzen wurden damals am Hofe viel getragen und

drohten die ~points~ zu verdrängen. Die flämischen Mädchen werden

offenbar die Anleitung dazu gegeben haben. In die Jahre zwischen 1700

und 1717 fallen die wichtigen Neuerungen, die den ~points d'Alençon~

ihr heutiges Ansehen gaben und sie von den venetianischen Spitzen so

wesentlich unterscheiden, so daß sie von nun an eine ganz selbständige

Gattung wurden. Es sind dies: der eigentliche, feine ~réseau~, der dem

Ansehen nach ähnlich wie der der Brüsseler Klöppel-Spitzen (~point

d'Angleterre~) war; der Anfang des ~réseaus~ der Klöppelspitzen war

sechseckig und ist später ein mehr längliches Viereck geworden und

wird häufig ~réseau d'Alençon~ genannt. Dann wurde gleichzeitig die

sogenannte ~maille bouclée~ und die ~bride tordue~ oder ~maille

tordue~ gemacht, beides regelmäßige sechseckige Maschen, die nur

größer und stärker wie der ~réseau~ sind. Die ~bride bouclée à

picots~, die von den Venetianern entlehnt war, nahm um diese Zeit

ab. Die ~bride bouclée~ wird häufig den ~Argentans~ als Spezialität

zugeschrieben; jede ihrer sechs Seiten wurde acht bis fünfzehn Mal

mit Knopflochstich überzogen, wodurch sich natürlich dieser Grund

durch große Dauerhaftigkeit auszeichnete und nebstbei in originellen

Kontrast mit dem[5] feinen eigentlichen ~réseau~ trat, der häufig als

zweiter Streifen den Rand der Spitzen zierte. Durch die Benützung des

~réseaus~ wurden auch Zeichnung und Technik der Alençons bedeutend

geändert. Von nun an wurden die ~points d'Alençons~ nicht mehr in Einem

gearbeitet, sondern in kleinen Teilen von verschiedenen Arbeiterinnen,

so wie die Brüsseler Spitzen. Jede Arbeiterin war in ihrer Spezialität

eingearbeitet, und ein Stück Spitzen ging durch zwölf bis sechzehn

verschiedene Hände, bis es fertig war. Diese getrennte Arbeit war in

Venedig nicht in Gebrauch gewesen, und ist eine französische Neuerung,

die man von den belgischen Klöpplerinnen gelernt hatte. Bei alten

Spitzen begnügte man sich mit der Ausführung von ~fleurs~, welche aus

~entoilage~ oder ~remplis~ gebildet waren; eine ~brode~ umgab sie und

die ~brides~ füllten den Grund. Nun aber werden die Spitzen häufig in

zweierlei Streifen gemacht, Medaillons als »~rivière~« angeordnet,

schlängelten sich durch die Spitzen. Diese Medaillons wurden nun mit

zahllosen verschiedenen Stichen ausgefüllt, die man ~modes~ nannte und

die das ~rempli~ ersetzten, das jetzt zu große Ähnlichkeit mit dem

feinen ~réseau~ hatte. Eine Eigentümlichkeit der Nomenklatur des ~point

de France~ oder ~d'Alençon~ ist, daß er ganz andere Namen für die

verschiedenen Teile hat, wie sonst gebräuchlich.

[5] Der Grund ist hier stärker wie die sich zart abhebende Zeichnung,

was eine schönere Wirkung hervorbringt, bei den ~point de gaze

de Bruxelles~ verhielt sich die Sache umgekehrt, der ~fond~ ist

unproportioniert zart zum Dessin.

~Motivs~, ~fond~, ~entoilage~, ~fleur~ war die Bezeichnung für die

Blume, ~champs~ für den Grund, ob aus ~brides~ oder ~réseau~, ~brode~

heißt das Cordonet, das die Zeichnung umgibt, ~modes~, ~fenêtres~ oder

~portes~ heißen die ~jours~ und so weiter.

~Points d'Alençon~ sind noch insoferne interessant, weil man an ihnen

wie an keiner anderen Spitzenart den jeweilig herrschenden Stil in der

Zeichnung verfolgen kann.

Spitzen und ihre Charakteristik · 第 2 / 6 段