Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrter Text wird _so dargestellt_.
Im Original in Antiqua gesetzter Text wird ~so dargestellt~.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Endes des
Buches.
Spitzen
[Illustration: Jan Vermeer van Delft (Louvre)
Spitzenklöpplerin]
Spitzen
und ihre Charakteristik
von
Bertha von Jurie
Mit 35 Abbildungen
[Illustration]
Verlag von Bruno Cassirer
Berlin 1907
Inhaltsübersicht.
Seite:
Vorwort VII
Spitzen 1
~Punto tirato~ 18
~Punto tagliato~ und Venetianische Spitzen 20
~Colberts~ Schöpfung der französischen Spitzenindustrie 26
~Point d'Alençon~ 30
Brüsseler Nadelspitzen oder ~Point de Bruxelles~ 39
~Guipures~ 42
Flämische Klöppelspitzen 51
~Valenciennes~ 57
~Malines~ 60
~Point de Lille~ 63
~Binches~ 65
~Point de Paris~ 66
Holländische Spitzen, Pottenkant 67
Blonden 68
Brüsselerspitzen. ~Point de Bruxelles~ oder Brabanter 69
~Chantilly~ 78
Vorwort.
Ich habe absichtlich die französischen, italienischen, eventuell
flämischen Ausdrücke beibehalten, da ich von der Anschauung ausgehe,
daß in deutscher Übersetzung die Worte unverständlich werden. --
Meine Ansicht, was eigentlich der ~point d'Angleterre~ ist, habe ich
~Allan Cole~ Direktor des ~South Kensington~ Museum nachgebildet. --
Die englischen Spitzen berühre ich nur flüchtig, da sie mir zu wenig
bekannt sind -- und ihr Unterschied nur eine Geschmackdifferenz
der belgischen ~duchesse~ zu den englischen ~duchesse-honiton~
bedeutet. Über ~torchon-Cluny~ und alle die vielen Auvergnespitzen
habe ich, was ihre Geschichte anbelangt, zu wenig Material gefunden,
künstlerisch haben sie aber fast gar keine Bedeutung, ebensowenig für
die Entwicklungsgeschichte der Spitzen, wohl aber ökonomisch. Meine
Absicht ist, ein leicht faßliches Handbuch für spitzenliebende Damen
zu schreiben -- eine Art Nachschlagebuch, da es in dieser Art meines
Wissens in deutscher Sprache nichts gibt.
Ich versuche die charakteristischen Merkmale der einzelnen Spitzen
hervorzuheben -- ihre Verwandtschaft untereinander -- und nehme einen
so ziemlich neuen Standpunkt insofern ein als ich die große Bedeutung
des technischen Verfahrens betone und so lege ich starkes Gewicht
auf die innige Verwandtschaft der genuesischen Klöppelspitzen mit
den flämischen einerseits und andererseits der Mailänder zu den
Brüsselern (Brabanter und ~point d'Angleterre~ etc.) in ihrer geteilten
Ausführungsart.
Ich nehme also Genua, Mailand, Flandern und Brabant als
Gattungsbegriffe an.
Andererseits suche ich die Wechselwirkung der Klöppel- und Nadelspitzen
der einzelnen Nationen untereinander im Stil und Zeichnung zu betonen.
Natürlich ist das Thema in keiner Weise erschöpft.
Ich habe mich tunlichst aller Anekdoten enthalten.
Ich verweise auf die Werke von ~Allan Cole, A. M. S.~, ~Bury Paliser~,
~Dreger~ etc.
Die Originale der abgebildeten Spitzen befinden sich zum Teil
im Besitze der Damen: Frau Anna von Herz-Hertenried, Frau Fanny
Kobeck-Steyrer, Frau Löw-Unger und ich spreche diesen Damen hiermit
meinen besten Dank für die freundliche Überlassung der Spitzen zum
Zwecke der Abbildung aus.
Spitzen.
Nichts ist so sehr vom Weibe, für das Weib geschaffen, wie die Spitzen.
Nichts kleidet die Frau jeden Alters -- ob Kind oder Greisin -- besser
und lieblicher als die Spitzen. -- Nichts aber auch ist in der Arbeit
selbst so symbolisch weiblich, wie dieser schönste und edelste Schmuck,
dessen Anfertigung hingebende Geduld und rastlosen Fleiß erheischt: Zu
stillem, weltfremden Lebenswandel gezwungen, arbeitet und müht sich
die Spitzenarbeiterin ihr Lebelang für andere! -- Es wäre daher nur
zu begreiflich, wenn die Frauen stolz wären auf dieses ihr eigenstes
Gebiet, auf welchem sie noch niemals vom Manne überholt wurden, das so
originell und künstlerisch hochstehend ist. -- Und dennoch ist eben
in den letzten Jahrzehnten eine gewisse Stagnation in diesem Zweige
echt weiblicher Kunstfertigkeit zu bemerken, deren Grund wohl nicht
allein in der Nachahmung durch die Maschine, sondern gewiß auch in
tiefergehenden soziologischen und ökonomischen Momenten zu suchen ist.
Ein geistreicher Franzose hat das XIX. Jahrhundert »das Zeitalter des
Talmis« genannt -- Preßglas, Pakfong, Kunstmarmor und eine Unzahl
anderer Imitationstechniken und Pseudomateriale versuchten die
Erzeugnisse auf den betreffenden Produktionsgebieten zu überholen, im
Preise zu unterbieten, und deren Nachahmungen als Massenartikel breiten
Schichten zugänglich zu machen.
Als naturgemäße Reaktion gegen diese mißverständlich demokratische
Tendenz sehen wir in eben demselben Jahrhunderte den Sammelgeist wie
noch nie erwachen: Edle Bronzen, echte Teppiche, geschliffene Gläser,
all die zahllosen Betätigungen längst dahingegangenen Kunstfleißes
kamen zu noch nicht dagewesener leidenschaftlicher Würdigung. --
Denn der Mensch hat -- sei es die Schwäche, sei es den Vorzug, je
verfeinerter er wird, desto mehr den Trieb sich aristokratisch von
der Masse differenzieren zu wollen und den Besitz von Gegenständen
eifrigst anzustreben, die nicht jedermann zugänglich sind und deren
Erkenntnis und Genuß allein einen höheren Grad von Kultur voraussetzen.
Merkwürdigerweise scheinen die Spitzen von dieser Strömung
ausgeschlossen zu sein; wohl hat man noch selten so viele Spitzen
getragen wie gerade jetzt; aber die Trägerinnen echter Spitzen sind zu
zählen und Frauen, die sich schämen würden, falschen Schmuck anzulegen,
schmücken ihre Kleider, ihre Wäsche, ihr Heim in unbegreiflicher
Unbekümmertheit mit der Lüge der falschen Spitze! Der moderne Mensch
hat offenbar das Verständnis für die Schönheit der echten Spitzen
verloren und ist auf diesem Gebiete so ungebildet und abgestumpft, wie
kaum einem anderen Kunstzweige gegenüber.
Früher klöppelten und nähten die vornehmen Frauen selbst, sie bildeten
ihre Umgebung heran, ein fortwährender Meinungsaustausch bestand, der
Ehrgeiz wurde geweckt, die Phantasie angeregt, und in diesem Wettbewerb
erwuchsen die reizenden Blüten der alten Spitzenkunst.
Heute unterscheidet die Dame oftmals kaum die Nähespitzen von den
Geklöppelten; sie versteht die Technik nicht, und so bleibt sie vor den
schönsten Arbeiten gleichgültig. Aber ebenso wie die besten Bewunderer
einer Bilder- oder Photographien-Ausstellung stets die Dilettanten
sind, und das Publikum eines Pianisten meistens Selbstspielende im
Konzertsaal bilden werden, ebenso würde erst dann die Dame die Spitzen
voll genießen, wenn sie selbst dilettantisch Spitzen erzeugen würde;
keinesfalls würde sie damit der Berufsarbeiterin Konkurrenz machen,
sie würde nur mit erhöhter Neugierde den Schöpfungen ihrer ärmeren
Schwestern gegenüberstehen. Wahre Freude und wirkliches Interesse kann
zweifellos nur da vorhanden sein, wo ein gewisser Grad von Verständnis
und Vorbildung für den Gegenstand gegeben ist: Ein derartiges
Verständnis müßte sich gerade in unserem Falle sozusagen automatisch
verbreiten, denn der Besitzerin und Trägerin von schönen Spitzen
genügt es nicht, daß sie allein deren Wert kennt, sie möchte auch das
Interesse ihrer Umgebung dafür wecken. -- So war es einstens, so ist es
heute noch in weit höherem Maße als bei uns zu Lande in Frankreich, in
Belgien, in England. --
Es genügt wahrhaftig nicht, daß wir im Inlande künstlerisch und
technisch gleich hochstehende Spitzen zu erzeugen vermögen, daß wir
von ausländischen Ausstellungen die höchsten Preise heimtragen, wenn
das heimische Publikum verständnislos der eigenen Ware gegenübersteht.
Zunächst müßte das Publikum verstehen lernen, worin die Schönheit
der Spitzen besteht, warum der Preis bei diesen und jenen höher
oder niederer ist, so wie es die kleinste und bescheidenste
Bourgeoise in Paris versteht, bei ihren Einkäufen in allem und
jedem zu differenzieren und zu taxieren, und nie das Gefühl des
»Betrogenwerdens« hat, das jeden Einkauf zur Qual macht. Und nicht nur
die modernen Spitzen, auch dem ererbten Spitzenschatze wird dann die
Dame mit dem angeregten Interesse des annähernden Sachverständnisses
gegenüberstehen, sie würde ihn allgemach bewerten, bewundern, und
lieben lernen: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es
zu besitzen« gilt auch hier.
Oft ist durch kleine Mittel viel Gutes zu schaffen: In den Schulen
müssen heute noch die kleinen Mädchen obligat einen Strumpf stricken
lernen; meistens bleibt es auch der einzige ihres Lebens, denn hier
hat die Maschine die anerkannte Meisterschaft davongetragen. Könnte
man nicht lieber in derselben Zeit die Grundbegriffe der Spitzenarbeit
lehren? Den Ärmeren würde damit vielleicht die Anregung zu einem
späteren Nebenerwerbe, zumindest aber eine praktische Kenntnis
mehr gegeben, die ihnen einmal einen bescheidenen, gediegenen,
selbstgeschaffenen Luxus erlauben würde. Die Wohlhabenden würden
vielleicht den Spitzen ein regeres Interesse bewahren. Man wende
nicht ein, daß die Spitzenarbeit dem Auge schädlich sei. Vierzehn und
mehrstündige Arbeit im Tage, bei schlechtem Lichte, in elenden dumpfen
Stuben, schadet freilich der Gesundheit, und die bleichen Gesichter,
die uns in den Spitzenindustriedistrikten begegnen, geben dafür ein
trauriges Zeugnis: aber ist es minder schädlich, unter denselben
Verhältnissen und demselben Zwange einer unerbittlichen Not, tagein
tagaus hinter der Nähmaschine zu sitzen?
Aber sollte der wunde Punkt vielleicht darin bestehen, daß es eben ein
Kunstzweig des Weibes für das Weib ist? Der Mann interessiert sich
außer kommerziell fast gar nicht mehr dafür; früher trugen die Männer
gleich den Frauen Spitzen, aber fast parallel mit dem Aufkommen der
Maschinenerzeugungen legten die Männer die Mode des Spitzenjabots ab.
-- Ist es gesucht, dies in einen Zusammenhang zu bringen? Und soll man
es nur damit motivieren, daß der Mann zu jener Zeit ein für allemal mit
dem Putze aufhörte? -- Ich glaube nicht; denn die gestärkte Wäsche ist,
so einfach sie sich ansieht, doch unverhältnismäßig teuer; auch weil
sie sich unendlich schnell abnutzt.
Die Kleidung des Mannes ist durchwegs solider und reeller, die
Stoffe sind fester und dauerhafter, es wird der Schein gemieden; und
so bin ich überzeugt, daß, wenn heute wieder eine Modelaune oder
ästhetische Einsicht die Jabots für die Männer aufbrächte, es gewiß
keinem eleganten Manne einfiele, Maschinenspitzen dafür zu verwenden.
Die mondaine Frau hingegen gibt jährlich viele Perzente ihres
Toilettegeldes für etwas Falsches, Unschönes und Undauerhaftes aus, das
nach einer Saison verschwinden muß, während die echten Spitzen, wenn
auch teurer, den bleibenden Wert haben: in verschiedenster Verwendung
können ein und dieselben Spitzen immer wieder aufleben und verwendet
werden. Es gibt Damen, die wahre Schätze an alten Spitzen besitzen,
und auf ihren Kleidern nur falsche tragen; sie wenden achselzuckend
ein, einmal Tragen könnte zu viel Wertvolles vernichten, kaufen aber
deshalb keine modernen echten Spitzen, weil sie zu viel alte besitzen.
Die Logik hinkt in diesem Falle. Die modernen Spitzen sollen doch nicht
die Erbsammlung vergrößern, und als totes Kapital liegen bleiben,
sondern sollen eben, weil sie neu sind, und der Faden noch nicht mürbe
und brüchig ist zum wirklichen Kleiderschmucke dienen. Es wird niemand
leugnen, daß nichts so gut kleidet, wie echte Spitzen. Weiß ist stets
die beste Umrahmung für ein Gesicht, besonders für ein nicht mehr ganz
junges. Es löst die scharfen Schatten durch den Lichtreflex auf, der
Ton der Haut wird gehoben und belebt, und erscheint durchsichtiger. Es
ist oft schwer, besonders an der Winterkleidung, dieser ästhetischen
Regel zu folgen. Doch Spitzen lassen sich immer anbringen, nur müssen
es echte sein. Es fiele keiner Dame ein, in einem eleganten Hauswesen
Porzellan auf den Tisch zu bringen, wie man es auf Bahnhöfen oder
Vergnügungs-Etablissements als Massenartikel verwendet; sie nehmen
aber auch gewöhnlich nicht ihr altes Meißner oder Wiener Porzellan von
der Wand herab in Benutzung, sondern sie verwenden ein geschmackvolles
modernes Service, das -- wenigstens im Prinzip -- kunstgewerblich so
hoch steht, daß es in kommenden Tagen, wenn es die vorübergehende
Periode des Unmodernseins überwunden hat, würdig seinen Platz neben den
Antiquitäten anderer Zeiten ausfüllen wird.
Nun haben die Spitzen eine eigentümliche, nicht genug gewürdigte
Eigenschaft: sie werden niemals unmodern, nicht nur objektiv
gesprochen, sondern auch subjektiv; sie sind einfach alt oder neu. Das
Odium »unmodern« haftet ihnen niemals an. Nehme man Brüsseler Spitzen
aus den 40er bis 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also gewiß
keiner guten Stilzeit. Sie werden trotzdem verwendet werden können,
ohne dem Kleide den Stempel der Geschmacklosigkeit aufzudrücken. Man
versuche das mit einem Gold- oder Juwelenschmucke aus dieser Zeit! Oder
selbst mit einem Schirmgriff, einem Retikule oder einer Gürtelschnalle.
Noch eine andere Eigenschaft haben die Spitzen, welche nicht genügend
beachtet wird, obwohl sie dem Zuge unserer Zeit so sehr entspricht.
Sie sind der individuellste Zierat, den eine Frau haben kann, falls
sie ihn nur irgendwie anstrebt. Die exklusivste Mode wird nach einem
Vierteljahre zum abgedroschenen, banalen Tragen, daher das rasche
Wechseln der sich differenzieren Wollenden, und das Imitieren aus zu
vergänglichem Materiale des großen Publikums, das atemlose Hasten nach
Neuem; und dabei dreht sich die Mode in einem engen Kreise, hascht nach
Altem und kombiniert nur Neues.
Wegen dieser Eigenschaften haben die Porträtmaler von jeher die Spitzen
gerne an ihren Modellen verwendet: weil sie nicht dem Wechsel der Mode
unterliegen; weil sie dem Gesichte einen milden Reflex geben, der die
Schatten zart und verschwommen macht und jene von ~Leonardo da Vinci~
verlangte Beleuchtung des zerstreuten Lichtes unterstützen helfen und
schließlich wegen ihres individuellen Gepräges.
Die Handarbeit, also das Kunsthandwerk, hat immer einen eigentümlichen
Zauber. Ein Hauch von Seele und Charakter des Erzeugers spricht,
ihm selber unbewußt, aus seiner vollendeten Arbeit zu uns. Es ist
eine bescheidene und naive Sprache. Das Kunsthandwerk verhält sich
zur absoluten Kunst, wie das erlauschte Volkslied zu einer die
Aufmerksamkeit voll in Anspruch nehmenden Symphonie.
Kleine Unregelmäßigkeiten, kleine persönliche Züge geben der Arbeit ein
reizvolles Gepräge, es liegt etwas wie latentes Gemüt in der Arbeit.
Das Milieu spielt neben der Persönlichkeit auch eine große Rolle.
Wie ließe es sich sonst erklären, daß so oft Spitzen von einem Land
zum andern importiert wurden, und zwar stets zur möglichst getreuen
Nachahmung, weil es sich immer um eine geschäftliche Konkurrenz
handelte; daß trotzdem die Art der Spitzen in der neuen Umgebung
ihr Ansehen veränderte, falls sie sich als neuer Industriezweig
wirklich einbürgerten. So geschah es mit den Venetianer Spitzen im
XVII. Jahrhundert, die in Alençon aus Brotneid eingeführt wurden, und
bereichert zu den Venetianern als ~points d'Alençon~ zurückkehrten,
um sich wieder in ~points plats de Venise~, und Buranospitzen zu
wandeln. Zur Zeit, als man noch alle Feinheiten der Spitzen voll
würdigte, knüpfte die Tradition an manche Stadt besonders hervorragende
Vorzüge; so galt es als ausgemacht, daß die Spitzen von ~Valenciennes~
unvergleichlich schöner seien, wenn sie in der Stadt selbst erzeugt
waren. Dieselbe Arbeiterin, mit denselben Faden und Klöppeln könnte
eine in ~Valenciennes~ angefangene Arbeit außerhalb der Stadt nicht
so schön vollenden, hieß es, und ebenso sprach man von ~Malines~
und anderen Orten, und ist dies auch nur als ein Märchen hier zu
wiederholen, so liegt in ihm, wie in jedem Aberglauben ein Kern
Wahrheit; die Sitten und Gebräuche, die Reinlichkeit im allgemeinen,
die Zartheit der Hände, der ganze Lebenswandel wird durch diesen
Beruf beeinflußt. Auch waren die Spitzen wertvoller, wenn sie als
fortlaufende ganz von ein und derselben Person angefertigt waren. So
bringt ~Mme. Paliser~ einen Auszug einer Rechnung von ~Mme. du Barry: 2
barbes et rayons de vraies Valenciennes, 3 aunes 3/4 collet, 4 aunes,
grand jabot, le tout de la même main.~
Es waren die Einfachsten der Einfachen, die Spitzen arbeiteten.
Sie kamen wohl nicht oft aus dem Umkreise ihres Hauses heraus und
verstanden nicht viel mehr, als ihre Nadel oder den Klöppel zu führen,
ihre Ausbildung war eine einseitige, vom Zeichnen hatten sie keine
Ahnung, und doch, dadurch, daß sie von frühester Kindheit geübt
wurden, insbesondere die Klöpplerinnen (meistens vom fünften oder
sechsten Jahre an) beherrschten sie so sehr das Mechanische ihrer
Arbeit, daß diese ganz instinktmäßig vor sich ging und ihnen gar keine
Schwierigkeiten bereitete, so daß der Überschuß an Aufmerksamkeit
sich in einen gewissen, kaum meßbaren sehr verfeinerten Kunstinstinkt
umwandelte, der einem sechsten Sinne gleich ihnen anhaftete. Dies haben
die Frauen der Spitzenkaste gemein mit den Menschen der Renaissance,
den Japanern und den Italienern des Volkes: das Gefühl für das Schöne,
das naiv und unbewußt zum Ausdruck kommt und was es berührt, veredelt.
Der Unterschied liegt durchwegs mehr in der Behandlung durch die
Verschiedenartigkeit der Technik und des Materiales bedingt, als in
der Abwechslung der Zeichnungen aus ein und derselben Zeit. Bevor der
~réseau~ gefunden war, war die freie Entwicklung der Zeichnung immer an
gewisse Regeln gebunden.
Die älteren Malines haben oft die fast gleiche Zeichnung wie die alten
Brüssler Spitzen, dabei ist ihre Ausführung grundverschieden; ebenso
verhält es sich mit Brüssler zu ~Malines~, ~Malines~ zu ~Lilles~ und
~point de France~ und ~Valenciennes~ zu Mailänderspitzen.
Man darf nicht vergessen, daß in jenen Zeiten der Stil in allen
Zweigen ein einheitlicher war. Die Ornamente, sei es nun für Brokate,
Gläserätzung, Waffen, Leder, Samt, Spitzen, entsprangen alle demselben
sehr ausgeprägten Stilgefühle.
Bei den ältesten Spitzen mußte das Ornament in seinen Linien ganz dicht
ineinander passen; das heißt, es blieb von Linie zu Linie nicht mehr
Zwischenraum, als eine ~bride~ überbrücken konnte.
Das Muster war großzügig und füllte die gegebene Breite der Spitzen
voll aus. Häufig ist es ein Hauptstamm, von dem aus sich Zweige ranken
und Blumen verästeln und möglichst gleichmäßig über den Raum verteilen.
Eine andere Art der Zeichnung, -- ein ornamentales Labyrinth und ein
bandartig verschlungener in seiner Abart muschelartiger Dessin, --
war sehr verbreitet, besonders letzterer in jenen Gegenden, wo die
Spitzenerzeugung nur bäuerliche Hausindustrie blieb, wie in einem Teile
Deutschlands, in Rußland und Skandinavien. Aber hier wurde sie zu einem
toten Arm, und die Linien der Zeichnungen werden immer geistloser
nachgeahmt, wie es stets mit stagnierenden Gedanken geschieht.
Sehr bezeichnend für diese Art hausbackener Dessin nennen die Italiener
diese Spitzen ~vermicelli~. Die oft sehr hübschen Litzenspitzen sind
eine bequeme und billigere Nachahmung derselben, und entarteten
schließlich in die schrecklichen modernen ~point-laces~. Je schöner
und vollkommener die Spitzen sich entwickelten, desto mehr trachtete
Zeichnung und technische Ausführung miteinander Schritt zu halten.
Um dem Zwange des Ineinanderfügens der Linien zu entgehen, machte
man ~brides~, die sich in der weiteren Technik verästelten und noch
später eine unregelmäßige, wabenartige Masche bildeten. Es war den
Klöpplerinnen vorbehalten, den eigentlichen ~réseau~ erfunden zu haben.
Von den flandrischen Spitzen übernahmen den ~réseau~ die ~points
d'Alençon~, und von denen wieder die Venezianer; erst mit dem Aufkommen
des regelmäßigen ~réseaus~, welches der Zeichnung Rückhalt und Stütze
gab, konnte sich diese frei entfalten. Es ist die beste Zeit für den
Stil der Spitzen. Das Ornament folgte im freien Schwung, ungehemmt
durch technische Rücksichten, den Eingebungen der Phantasie, und blieb
edel. Man fühlt noch die traditionelle Schulung und das Maßhalten;
später erst zersplitterten sich die Ornamente, wurden erfindungsarm
und sparsam, was auch teilweise durch die billigere Herstellungsart,
insbesondere als die Applikationen aufkamen, bedingt war. So hat
die Erfindung des ~réseaus~ einen ausschlaggebenden Einfluß auf
die Zeichnung und Art der Spitzen genommen. Jetzt erst konnten die
leichten, zarten Volants gemacht werden. Die Spitzen individualisierten
sich oder besser gesagt, nationalisierten sich. Der Zeichner konnte
seiner Phantasie mehr Spielraum geben und fand reiche Anregung in den
herrschenden heimatlichen Ornamenten, sowie in der Verwendung für
die Volkstrachten und häuslichen Gewohnheiten. Geographisch hat aber
anfangs Italien mit seinen Spät-Renaissance-Ornamenten lange Zeit die
Zeichnungen ganz beeinflußt, sie wurden aber später ganz und gar von
dem Versailler Stil der aufeinander folgenden drei Louis verdrängt, der
von nun an, besonders in allen größeren Volants zum Ausdrucke kommt.
Es ist Decadence, aber reizende Decadence, die nur leider den Übergang
zu dem großen Geschmacksverfall bildet. So reizend und erfindungsreich
sich die ~points d'Alençon~, die Venetianischen und ~points
d'Angleterre~ in ihren abwechslungsvollen Dessins darstellen, so
bringen sie doch ein Element hinein, welches eigentlich nicht mehr ganz
zur Spitzendarstellung geeignet ist, schwere, zu irdische Gegenstände,
die man sich gar nicht anders, als wie in den drei Dimensionen
vorstellen kann, Menschen, Musikinstrumente, Gueridons, Vasen, kurz
Dinge, die durch ihr Gewicht in Widerspruch mit dem Transparenten
und Ätherischen der Spitzen stehen, und was schließlich in dem
Mißverständnis der Ornamente der ~Chantilly~ des XIX. Jahrhunderts
endet. Die Blumen sind verkürzt, und mit Voraussetzung der Perspektive
dargestellt, außerdem hat man noch die absolute Imitation der Natur
im Auge. Diese Spitzen verlieren trotz ihrer großen Prächtigkeit viel
dadurch, daß sie bei ihrer Anfertigung durch zu vielerlei Hände gingen,
daß die Zeichnung nicht mit der Technik im Einklang steht, und daß
mit ihnen die Individualität, das höchste Ziel des Kunsthandwerkes
abhanden kommt, denn diese kann nur erreicht werden, wenn sie, in der
Hauptsache wenigstens, nur von einer Person gemacht werden. So stehen
die flämischen Klöppelspitzen in dieser Beziehung an erster Stelle. Wie
die Teilung der Arbeit bei ~Alençon~ und Venetianer eintrat, verlor
sich die innige Fühlung des Gedankens und der Interpretation, und am
schlimmsten in der Beziehung, was geistlose Arbeit anbelangt, sind
auch die in der Zeichnung zu unterst stehenden ~Chantilly~.
Man versteht unter Spitzen eine Arbeit, die entweder durch Hilfe von
Nadel oder Klöppel auf einem regelmäßigen Grunde, -- ~réseau~ und
~treille~ genannt -- gemacht ist, oder eine Arbeit ähnlicher Art,
deren Zeichnung sich von einem unregelmäßigen Grunde abhebt. Letztere
erscheint dadurch, daß sie unabhängig von einem Grund gemacht ist,
freier, doch legt ihr eben diese scheinbare Freiheit mannigfachen Zwang
auf.
Die Wirkung der Spitzen als reich, elegant, einfach, weich,
durchsichtig und kleidsam hängt von der Anordnung und Verteilung der:
~fond~, ~toilé~, ~mats~, ~jours~, ~grillé~, ~engrêlure~, ~pied~,
~picots~, ~brides~ untereinander ab, und von der Wahl des Materiales.
~Charles Blanc~ hat einen ausgezeichneten Vergleich aufgestellt. Die
Nadel verhält sich zum Klöppel, wie der Bleistift zum Wischer. Was
die Nadel hervorhebt und unterstreicht, verwischt und mildert dagegen
der Klöppel. Die Kontur der Nadelspitzen ist stets eine klare, fast
harte. Die Klöppelspitzen hingegen haben etwas Weiches, Verträumtes und
Mildes. Aber im allgemeinen kann die Technik aller Spitzen am besten
mit einer Radierung verglichen werden. Wie die Kunst des Graveurs mit
der Radiernadel genau weiß, welche Wirkung mit schiefen, geraden,
kurzen oder breiten Strichen, mit Punkten und Kreisen, Wiederholungen,
mit Aussparungen und Verdichtungen, mit Licht und Schatten erzielt
wird, so weiß auch die Spitzenverfertigerin alle Reichtümer ihrer
Technik auszunützen. Hier wird ein ~mat~ angewendet, hier ein ~grillé~,
dort ein Übergang mit einem ~jour~; ein Akzent wird durch das Cordonet
gegeben, und einen Kontrast oder einen Ausgleich soll der Fond bilden,
und die Wahl des Fadens, der Nadel oder des Klöppels ist wie die Wahl
des Papiers und Ätzmittels.
Da wie dort kann man sagen: kleine, sehr kleine Ursachen, große
Wirkung. Alle diese kleinen Ursachen mit Takt anzuordnen und richtig
zu benützen, führt zur Meisterschaft in dem Fache und bildet die
Kunst. Das Wort Spitzen ist selbst nicht sehr alt, ebensowenig wie
~dentelles~, und wurde erst in Anwendung gebracht, als die gezackten
Kragen und Manschetten aufkamen; und anfangs gebrauchte man es nicht
allein. Man sagte, ~passement à bord droit~. Das Wort ~passement~,
Kante, Borte, wurde bis ins Jahr 1800 meistens gebraucht, und zwar ohne
viel Differenzierung für jedweden Kleideraufputz, der als Abschluß
dienen konnte, sei es nun eine gold- oder silbergewebte Borte, oder
eine Stickerei (mit Perlen besetzt), wenn es nur den Zweck des Besatzes
erfüllte oder bortenmäßig benützt werden konnte.
Ein zweites Wort: »Kanten« wurde lange Zeit besonders in Nord- und
Nordwest-Deutschland gebraucht, so wie dies noch heute im Holländischen
der Ausdruck für Spitzen ist. Ob die Worte ~points~ oder ~pointois~
von dem Wort Stich oder dem anschaulichen Begriff der Spitzen,
scharfen Zacken herrühren, ist schwer zu entscheiden. Aber eben,
weil die Spitzen vielerlei Ursprünge und Abarten hatten, gab es
ursprünglich kein einheitliches Wort dafür. Man war früher genauer und
umständlicher. Wenn man später unter ~points~ kurzweg Nadelspitzen
verstand, so sind unter ~dentelles~ nicht ebenso als Gegensatz
Klöppelspitzen zu verstehen. Man sagte:
~passement dentelé
passement à l'aiguille
passement fait au métier.~
~Passement dentelé~ war anfangs einfach ein Modeausdruck, als die
stark gezackten Kragen und Manschetten, insbesondere die genuesischen,
getragen wurden, und entspricht dem »gezähnt, gezackt«. Im Deutschen
beschränkte man sich meistens auf die sinngetreue Übersetzung aus dem
Französischen. Die spitzenerzeugende Bevölkerung hat die technischen
Bezeichnungen fast alle aus dem Flämischen und Plattdeutschen
übernommen.
Der Käufer gebrauchte das französische Wort und dessen deutsche
Übersetzung. Denn die deutsche Umgangssprache war nach dem
dreißigjährigen Kriege gewiß zum Drittel mit französischen Worten
untermengt, und es galt als guter Ton, dieses Kauderwelsch zu sprechen,
insbesondere die Mode und höfischen Worte, und so finden sich bis heute
viele Ausdrücke des Spitzenhandels nur im Französischen und werden
unverändert gebraucht: ~barbe~, ~volants~, ~ruche~, ~à jour~, ~fichu~,
~manchette~, ~jabots~, ~picots~, ~etc.~
Was den Ursprung der Spitzen anbelangt -- geht es einem wie mit einem
Flusse; geht man seinem Ursprunge nach, so entdeckt man, daß er aus
vielen kleinen Bächen, Quellen und Zuflüssen entsprungen ist. Manchmal
fließen diese lange nebeneinander und erst nach und nach stoßen sie
zusammen, um den mächtigen Strom zu bilden. Viele Quellen der Spitzen
entspringen im Orient. Damals war das ganze abendländische Kulturleben
vom Orient befruchtet. Die Prachtliebe, die Farbenfreudigkeit,
stammen aus dem Osten; feine schleierartige Gewebe wurden gleich der
Seide erst durch die Kreuzzüge wirklich bekannt. Diese Stoffe wurden
bewundert und man versuchte sie der europäischen Tracht anzupassen.
Auf den präraffaelitischen Bildern sehen wir die heiligen Frauen mit
einem unendlich feinen Schleier auf dem Haupte, dem ~Zanzera~, und
ein Streifen dieses zwischen dem Leinen-Battiste und der Seidengaze
stehenden Stoffes umhüllt ihnen keusch Nacken und Busen. Der Rand des
»~Zanzera~« sowohl wie der des hemdartigen Gewandes sind mit einem
zarten, erhabenen Ornamente geschmückt, oder auch bloß fein gefältelt;
fast könnte man glauben, eine Art Spitzen zu entdecken; es sind jedoch
keine, und diese Schleier haben andere Bedeutung. Es ist in bezug auf
die Spitzen der Beginn der Jahrhunderte lange währenden Mode des Weiß
als Abschluß zur Haut, und zu dieser Verwendung wurden später die
meisten Spitzen gemacht.
Andere Quellen wurzeln in den heimischen Zünften Goldstickerei,
Posamentiererei und Weberei. Aus diesen entwickelten sich die Guipures.
Ferner die Gold- und Silberspitzen, die Klöppelspitzen und wie sie
später an jeweiliger Stelle aufgezählt und geschildert werden.
Italien und die Niederlande kämpfen um die Palme, die Spitzen zuerst
erzeugt zu haben, diese Frage wird wahrscheinlich niemals unanfechtbar
zu Gunsten des einen oder des anderen Landes entschieden werden. Zu
viel Chauvinismus trübt die älteren Berichte, und später trat ein
so reger Austausch von Land zu Land ein, jedes neue Muster, jeder
Fortschritt in der Ausführung, jede Mode und jeder Erfolg verbreiteten
sich sofort weit über die Grenzen der eigenen Heimat.
Vermutlich werden die Versuche fast gleichzeitig gemacht worden sein,
der Boden war eben reif die Saat aufzunehmen und sprießen zu lassen.
Keinesfalls darf man sich vorstellen, als ob die Spitzen plötzlich als
eine Art Erfindung entstanden wären, gleichwie Minerva aus dem Haupte
Jupiters sprang. Nein, langsam bildeten sich die Spitzen, aus den
verschiedenen Zweigen der textilen Künste ihre Motive und Anregungen
schöpfend; die Spitzen wurden fortwährend verändert und die Technik
erweitert, und als in ihrer Entwicklung ein Stillstand eintrat, -- im
Anfange des vergangenen Jahrhunderts, -- war auch eine gewerbliche
Stagnation, ob Ursache oder Wirkung bleibt unentschieden, ihre
Begleiterscheinung.
Und deshalb haben zum Beispiel die modernen österreichischen
Spitzen den Keim der Lebensfähigkeit in sich, weil sie sich nicht
begnügten, zu imitieren, sondern selbständig weiterschufen, an alte
Tradition anknüpfend, neue Techniken verwertend. Jedenfalls sind die
Näh- und Klöppelspitzen ziemlich gleichzeitig als selbständige --
freie -- Spitzen gemacht worden; es dürften nur die Vorläufer der
Nähspitzen, nämlich die Leinen ~à jour~ Arbeiten, in der Zeichnung
und Wirkungs-Intention auch den Klöppelspitzen, die in der Technik
von Posamentiererei und Weberei lernten, zur Anregung gedient haben.
Genäht wurde zuerst aber nur der Nützlichkeit wegen, infolgedessen
bildete sich die Technik der Nadel am meisten und schnellsten aus.
Dem Nützlichen gesellte sich bald der Wunsch nach dem Schönen zu.
Nebstbei kam es Tischtuch, Vorhang und Gewand zu statten, wenn die
Säume beschwert wurden. Das betreffende Stück benutzte sich besser,
es hatte einen schöneren Faltenwurf und der Wind konnte weniger damit
herumschlagen, bei feineren Geweben aber verhütete man dadurch, daß
die Säume sich aufrollten. So entwickelte sich die Technik immer
mehr und es konnten neue Versuche gemacht werden. Die orientalischen
Knüpfarbeiten (~macramé~), die Fransen, das Zusammenziehen der Fäden,
bei schütteren Geweben in Gruppen und Büscheln, das Herausziehen
der Fäden, das Besetzen mit doppeltem Stoff, das alles bildete sehr
hübsche Effekte; Ornamente wurden gebildet, und so waren »~à jour~«
und »~punto tirato~« da. Die ausgeschnittenen Stellen, -- vielleicht
wurde manchmal aus der Not eine Tugend gemacht, -- wurden mit Rädern
und Stäbchen aus Knopflochstich mit spinnetzartigen Mustern gefüllt.
Und diese einfachen geometrischen Figuren wurden mit der Zeit und
Übung immer komplizierter und da fängt die Grenze an, wo es oftmals
schwer zu unterscheiden ist, ob sie noch als ~points coupé~, ~punto
tagliato~ oder ~punto tirato~, aus der Leinwand gearbeitet sind, oder
schon als selbständige Spitzen (~punto in aere~) behandelt wurden. In
Österreich nennt man diese Arbeiten meistens, ohne viel Unterschied
zu machen, Reticella oder Ragusaspitzen, was aber weder der allgemein
gebräuchliche noch durchaus richtige Ausdruck ist. Die Fischer haben
von altersher genetzt, es wurden Stoffe und Borten gewebt, Passements
aus Gold und Silber, teils gewebt, teils gestickt. Aus dem Orient kamen
Anregungen; das täglich umgehende Leben gab auch solche nicht nur in
den textilen Handwerken, sondern auch in Architektur, im Ziselieren
der Waffen, überall fand man das Streben durch Licht und Schatten und
scharfe Konturen künstlerische Wirkungen zu erzielen, die nicht auf
Farbe und Plastik beruhen. Und so versuchte man mit anderen Mitteln
dasselbe, was schließlich in den Spitzen gipfelte.
In alten Zeiten war der mündliche Meinungsaustausch ein großer. Ebenso
wie in den Spinnstuben abends, kamen tagsüber Gruppen von Frauen,
Mädchen und Mägde zusammen, um in dem Hause einer vornehmen und
reichen Frau gemeinsam zu arbeiten. War es nun eine Altardecke, oder
die Heiratsausstattung für ein manchmal noch kaum geborenes Kind, an
denen sie jahrelang schufen, geschah es in einem Kloster oder Hospiz,
immer wurden neue Versuche gemacht, der Ehrgeiz angespornt, Neues zu
finden und sich auszuzeichnen. Die Damen, welche die Sachen trugen,
oder verschenkten, die bei ihnen angefertigt wurden, beeinflußten
und überwachten Geschmack, Schnitt, Muster, Wahl des Materiales. Die
Mädchen aus dem Volke brachten Anregungen aus dem Berufsmilieu, dem
sie entstammten. Das Fischermädchen, mit dem Netzen vertraut, machte
feinen Grund, eine Zeichnung wurde in Stopfstich, »~point de reprise~«
auf das Netz übertragen. So bleibt die Frage, ob die Niederlande mit
dem feinsten Flachs, oder Italien mit seinem Ornamenten-Reichtum, die
Wiege der Spitzenkunst war, unentschieden. Im allgemeinen behaupten die
Autoren, daß man Venedig die Näh-, Belgien die Klöppelspitzen verdanke.
Jedenfalls waren die Venetianer Spitzen im XVI. Jahrhundert hoch
berühmt und damals war Venedig in Mode und Luxus die tonangebende
Stadt, wie später Paris.
Nebstdem kann man den Einfluß des nahen kirchlichen Rom nie hoch
genug einwerten. Die Kirche war ja der Brennpunkt der gesamten
abendländischen Künste und Handwerke. Und sie ist allem Neuen auf
diesem Gebiete Pate gestanden, wie die Erzeugnisse oftmals ihr bestimmt
wurden. Die Liturgie schreibt aber im Dienste des Altars bloß Wachs,
Leinwand, Gold und Silber vor, also verhältnismäßig beschränktes
Material. So mag das päpstliche Rom naturgemäß das Endziel
abertausender Erzeugnisse fleißiger Frauenhände des Nordens gewesen
sein, das Schönste und Beste, die Träume resignierter Menschenherzen
wurden mit Geduld und heiligem Eifer in Spitzenkunstwerke umgesetzt.
-- Die mit Saumstickerei beschwerten Leinwandstreifen werden wohl die
ersten Spitzen geschmückt und als Altardecke gedient haben. Später erst
werden Bettwäsche, Tischzeug und Hemd ähnlichen Zierat erhalten haben.
Alter, ebenso wie der geographische Ursprung, sind demnach schwer genau
zu bestimmen. Man kann sich nur nach Bildern, Büchern und Rechnungen
richten und diese sind nicht immer genaue Anhaltspunkte. Wer wollte
wohl die Jahreszahl der Erfindung der Lokomotive nach dem Vorkommen auf
Bildern bestimmen wollen?
Aber nichts ist so verwirrend, und das Interesse erlahmend für den
Laien -- wie die Spitzen nur nach Alter und Landschaft ordnen zu
wollen; wissen wir doch aus anderen Kunstzweigen, wie sich Stil und Art
verschleppt; wie Möbel in unseren Alpentälern oft um viele Jahrzehnte
gegen verkehrsreichere Zentren sich verspäten und z. B. gotische
Formen noch bis spät ins neunzehnte Jahrhundert, stets unbehindert von
Tagesströmungen, wiederholt wurden und sich zu einer Art Volksstil
umgestalteten.
Aus den Jahren 1527 und 1528 stammen die ersten Musterbücher für
Nähspitzen; das erste erschien in Köln, das zweite war von dem
Venetianer ~Antonio Tagliente~ herausgegeben. Dieser sagt selbst, er
habe zum Teile schon vorhandene Muster von Meistern gesammelt, zum
Teile neue Muster selbst erfunden und gezeichnet; es erscheint daher
sehr begreiflich, daß der Auflage dieses Buches eine große Anzahl von
Jahren vorausgegangen ist, in denen das Spitzen-Nähen und Klöppeln eine
weite Verbreitung gefunden hatte, denn das Bedürfnis nach neuen Mustern
ist ein Beweis, daß die alten eine schon zu allgemeine Verbreitung
hatten und abgedroschen waren, und daß in Italien und im zivilisierten
Europa damals schon das Spitzenerzeugen ein Industriezweig für
viele Gegenden war, und nicht eine bloße Nebenbeschäftigung für die
Mußestunden mancher Frauen bildete. Diese ersten Muster zeigen uns
zum größten Teile geometrische Figuren, soweit sie für die Nähtechnik
gedacht waren.
~Punto tirato.~
~Punto tirato~ ist einer der ältesten und primitivsten Vorläufer
der Nadelspitzen. Sie sind ganz aus einem groben aber schütteren
Leinwandgrund herausgearbeitet. Geschnitten wurde nichts, die
Ketten- und Schußfäden wurden in Gruppen und Bündel zusammengezogen
und geschoben, mit Zwirn überwickelt und bildeten den Grund eines
viereckigen Netzwerkes. Das Muster aber wurde in der Leinwand
ausgespart. Naturgemäß erscheint die Zeichnung eckig und hart. Manchmal
suchte man dies zu mildern, indem man die Kontur mit einem Leinen- oder
Seidenfaden abrundete und allzu schroffe Ecken darunter verschwinden
ließ. Das Muster war breit, Tierdarstellungen, wie Einhorn, Drache,
Pelikan, Adler, Hirsche und Schlangen waren beliebt, auch Adam und Eva,
plumpe Reiter und dergleichen kommen vor. Diese Arbeiten zeigen alle
eine gewisse Schablonenhaftigkeit; sie sind meistens nicht breiter als
zirka ein Meter (die Breite eines Handwebestuhles) und ein glatter
Leinwandstreif schließt sie gegen unten ab; dieser häufig mit einer
flachen weißen oder bunten Stickerei versehen. Die groben Klöppel- oder
Nähspitzen, die manchmal diese ~punto tirato~ Arbeiten umgeben, sind
immer erst später dazugefügt worden.
Diese Tücher, die in ihrer Naivität vielfach an die modernen
skandinavischen Hausindustrieerzeugnisse erinnern, dienten
hauptsächlich als Altardecken, Tischtücher und auch vielfach zur
Zierde des Bettes, in dem diese Streifen unter der Matratze eingebettet
wurden und mit ihrem verzierten Teile über den Rand des Bettes
heraushingen. Ferner wurden sie noch zu Bett- und Fenstervorhängen und
Handtüchern verwendet; für Leibwäsche oder Kleiderschmuck eigneten sie
sich nicht.
Große Ähnlichkeit im Dessin mit dem ~punto tirato~ haben die
Filetarbeiten, doch sind die letzteren in Geschmack und Ausführung
weit verfeinerter. Ihre Technik ist nicht mehr so primitiv und erlaubt
ihnen eine genauere und schönere Interpretation der Zeichnung. Die
Gestalten, oftmals apokalyptische Tiere, Drachen, Phantasievögel, sind
harmonischer und besser in den Proportionen und erscheinen daher nicht
so plump. Zuerst wurde ein feines Netz gearbeitet und auf dieses wurde
die Zeichnung in einer Art Webe- oder Stopfstich übertragen.
Nach den Ornamenten zu urteilen, wurden diese Tücher meistens für
den Altardienst oder eine sonstige kirchliche Verwendung gemacht.
Aber auch Bettvorhänge und Tischtücher wurden damit geziert. Es war
eine sehr dauerhafte Handarbeit und man findet sie häufig in privaten
und öffentlichen Sammlungen. Sie wurde auch farbig ausgeführt.
Diese Art von Arbeiten müssen für die gute Wirkung verhältnismäßig
wenig Mühe gemacht haben. Sie wurden in neuester Zeit wieder als
Dilettantenbeschäftigung nachgemacht und haben als Fensterstores und
dergleichen hübsche Verwendung.
Eines ist noch zu erwähnen. In den Filetarbeiten wird zum ersten Mal
der Knopflochstich in Anwendung gebracht, auf dem später die ganze
Nähspitzentechnik sich aufbaute.
~Punto tagliato.~
Mit diesen zwei erwähnten Arbeitsgattungen, dem ~punto tirato~ und dem
~punto ricamato~ hört für lange Zeit das phantastische Tierornament
auf. Die unentwickelte Anfangstechnik des ~punto tagliato~ erlaubte
dergleichen nicht, sie war, obwohl in der Ausführung edler und
mühevoller, doch in der Wahl der Muster beschränkter, und mußte sich
mit der Ausführung von geometrischen Figuren begnügen. Es wurden
Quadrate, Rhomben und dergleichen aus der Leinwand ausgeschnitten,
teilweise ließ man auch in denselben Webefäden stehen und benutzte sie
als Basis für das Ornament; doch alle Fäden, sei es nun neu gespannte
oder die der Grundleinwand wurden mit Nadelarbeit überzogen, und zwar
kamen nur dreierlei Stiche in Anwendung. Zuerst wurde der Rand der
ausgeschnittenen Stelle mit Knopflochstich befestigt, dann wurden die
Stäbchen, welche vier bis sechs Fäden gebildet hatten, mit einer Art
Webestichen überflochten; dünnere Stäbchen aus bloß ein oder zwei
Grundfäden wurden einfach überwickelt und endlich noch konnten diese
vertikal, horizontal und diagonal laufenden Stäbchen als Speichen zu
einer Art Räderwerk dienen, und dieses war wieder aus Knopflochstich
gebildet. Auch ~picots~ kamen schon zur Anwendung. Die Stellen der
Leinwand, welche ausgespart geblieben waren, wurden nun mit einer
flachen, oft grünen, braunen, gelben oder roten Stickerei ausgefüllt,
und zwar lief der Stich derselben immer parallel zum Webefaden.
So primitiv diese Art Arbeiten anfangs sind, -- sie ließen dem Ornament
viel weniger freie Entwicklung, wie die zwei früher besprochenen
Arbeiten, -- so bilden sie doch die letzte Vorstufe zu den eigentlichen
Näh-Spitzen. Mit der Zeit wurde immer mehr Leinwand weggeschnitten und
selbständige Fäden gezogen, um das Gerüst für die stets komplizierter
werdenden Ornamente zu bilden; endlich begnügte man sich nicht mehr
mit den Stäbchen und Festons, man füllte freie Stellen mit dicht
aneinander gedrängten Knopflochstichen aus, entwarf die Zeichnung
gleich auf Pergament, und so entstand der ~punto in aria~, die
ersten selbständigen Venetianerspitzen. So lange diese Spitzen aus
geometrischen Figuren gebildet sind, nennt man sie Reticella, oder auch
~Greek lace~, ~dentelles greques~ und zwar wurde ihnen dieser Name
deshalb beigelegt, weil zur Zeit des griechischen Befreiungskrieges die
englische Besatzung der ionischen Inseln diese Art Hausindustrie sehr
häufig bei der Bevölkerung derselben fand, und man in dem damaligen
allgemeinen Griechenenthusiasmus darin Spuren klassischer Kultur zu
finden glaubte und ganz vergaß, daß diese Inseln, wie Dalmatien, noch
kurz vorher unter der Oberhoheit der venezianischen Republik gestanden
hatten und daß diese Spitzen alte italienische Kulturtradition waren,
und im Gegensatze zu den Erzeugnissen des Mutterlandes in ihrer
Entwicklung über ein Jahrhundert lang stehen geblieben waren, während
in der Lagunenstadt die Venetianerspitzen immer herrlicher aus ihren
primitiven Anfängen herausreiften und ihren Siegeslauf über die Welt
antraten.
Die Venetianer Nadelspitzen entwickelten sich aber in verschiedenen
Gattungen: es sind Reticella, ~gros point de Venise~ oder Venetianer
Reliefspitzen, in Rosaline, in flache Venetianerspitzen, Coraline und
in ~point de Venise à réseau~ und in Burano. Alle diese Spitzen haben
keinen ~réseau~ mit Ausnahme der Burano und ~point de Venise à réseau~.
Gleich nachdem die freien Nadelspitzen, die Reticella, aufkamen, wurden
sie für die Mode der Krause benutzt; mit schmalen ~punto in aere~
besetzte man die Ränder derselben, dann kam die Mode der sogenannten
Stuartkragen, für welche etwas breitere Spitzen verwendet wurden. Alle
Porträts aus der Zeit zeigen uns Männer und Frauen mit Rüschen, Krausen
und Stehkragen, es war eine Zeit, wo man besonders im Nordwesten
von Europa sehr viel Schwarz trug und die weißen Spitzen waren
das einzig helle und kostbare an der Kleidung; es war die Zeit der
Religionskriege, der Einkehr in sich selbst und vielfach des Ernstes
und der Heuchelei. Dann kamen die Umlegkragen auf; man sagt Ludwig
XIV. hätte als Jüngling so schöne blonde Locken gehabt, daß er die
Mode der unbequemen Halskrausen deshalb abschaffte, und nun begann die
Herrschaft der Allonge-Perücken, Umlegkragen und Kravatten und große
Farbenfreudigkeit drang von dem Süden über Frankreich nach dem Norden.
Es ist die Zeit, in welcher die Venetianerspitzen höchste Mode waren.
Es gibt wohl keine bessere Bezeichnung für diese, als das Wort pompös.
Große schwere Barockzeichnungen, die es meistens verschmähen, sich auf
ein und derselben Garnitur zu wiederholen, sind ihnen eigen; erhabene,
oftmals auch ganz plastische Blumen erhöhen ihre Wirkung. Es sind
stolze, kostbare Spitzen, etwas steif, etwas parvenuehaft paßten sie
vorzüglich auch als Schmuck für jene prachtliebenden, herrschsüchtigen
Menschen der Nachrenaissance, jener Zeit der raffiniertesten Kultur
neben großer Barbarei, und hohen Kunstsinnes neben der Vorliebe
für abgeschmackte, öde Poesie. Andere Spitzen sind auch mühsam und
kostspielig, aber sie schreien es nicht so laut in die Welt hinaus.
Jeder Stich erzählt von den Mühen und dem Golde, das sie kosteten.
Wenn man sich aber den Hintergrund zu diesen prächtigen Spitzen
denkt, schwere Samte und Brokate, in satten, leuchtenden Farben,
nicht zart und verschwommen, alles kostbar und gediegen, so kann man
nur bewundern, wie gut diese Art Spitzen als Krönung zu dem üppigen
Geschmacke paßt, wie großartig ihre entschiedenen Linien und ihr
selbstbewußtes Aussehen wirken.
Diese Venetianer Reliefspitzen werden immer in Leinwandfäden[1]
ausgeführt; ein Cordonet, aus mehreren Fäden oder manchmal sogar
aus Roßhaarunterlage gebildet, wird mit dichten Knopflochstich um
die vorher vollendeten ~Mats~ und ~jours~ genäht. Das Eigentümliche
an dieser Gattung ist zunächst ihr Relief, ferner die zahlreichen
~picots~, die das Cordonet zieren, endlich daß fast gar keine ~brides~
in Anwendung kommen. Die ~Mats~ oder ~pleins~ sind jene Teile in der
Zeichnung, welche am meisten der Leinwand gleichen. Sie werden aus
ganz dicht aneinandergereihten Maschen gebildet. Die ~jours~ werden
aus mannigfachen Zusammenstellungen der Maschen, aber stets lockerer
und durchsichtiger gebildet; es gibt deren eine große Auswahl, und
um sie zu arbeiten werden die besten und geübtesten Arbeiterinnen
verwendet. Die Kelche der Blumen und alle jene Teile des Ornamentes,
die sich durch große Leichtigkeit auszeichnen sollen, werden als
~jours~ behandelt, außerdem werden oft noch ganz freiliegende Blätter
aufgesetzt[2], welche die plastische Wirkung sehr steigern und einen
hübschen Kontrast zwischen Licht und Schatten erzeugen; unwillkürlich
wird man beim Anblicke dieser Meisterwerke an Stuckornamente erinnert.
Überdies gibt es wirklich ein interessantes, offenbar vereinzelt
dastehendes Beispiel für die Wechselwirkung der Nadelspitzen zu dem
Stukko: In der Provinz Ferrara, in der Kirche von ~Carpi~, sind die
Predellen aller Altäre mit Stukkoverzierungen geschmückt, die zum
Verwechseln treu die venezianischen Reliefspitzen nachahmen.
[1] Nämlich in moderner Ausführung, bei den alten ist das
selbstverständlich.
[2] ~fleurs volantes.~
Gewiß ist dies schon eine dekadente Kunsterscheinung, aber es wäre
dennoch interessant zu erfahren, wieso bloß in Ferrera dergleichen
gemacht wurde, und zwar mit hübscher Wirkung.
Die ~gros point de Venise~ haben sich im Laufe der Jahre fast nicht
geändert; vor 250 Jahren waren die Dessins und die technische
Ausführung nicht anders, und man bleibt heute noch meistens dem
hergebrachten historischen Stile treu, es werden Berthe, Volants,
Kragen, Manschetten etc. gemacht.