Zu meiner Ueberraschung ersah ich aus unmittelbarer Messung, daß die

Stromschnellen des Orinoco, deren Donner man über eine Meile weit hört,

und die durch die mannigfaltige Vertheilung von Wasser, Palmbäumen und

Felsen so ausnehmend malerisch sind, in ihrer ganzen Länge schwerlich mehr

als 28 Fuß senkrechte Höhe haben. Bei näherer Ueberlegung zeigt es sich,

daß dieß für Stromschnellen viel ist. während es für einen einzelnen

Wasserfall sehr wenig wäre. Bei den Yellalas im Congofluß, in der

Einschnürung seines Bettes zwischen Banza Noki und Banza Inga, ist der

Höhenunterschied zwischen den obern und den untern Staffeln weit

bedeutender; BARROW bemerkt aber, daß sich hier unter den vielen

Stromschnellen ein Fall findet, der allein 30 Fuß hoch ist. Andererseits

haben die vielberufenen Pongos im Amazonenstrom, wo die Bergfahrt so

gefährlich ist, die Fälle von Rentama, Escurrebragas und Mayasi, auch nur

ein paar Fuß senkrechte Höhe. Wer sich mit Wasserbauten abgibt, weiß,

welche Wirkung in einem großen Flusse eine Schwellung von 18--20 Zoll hat.

Das Toben des Wassers und die Wirbel werden überall keineswegs allein von

der Höhe der einzelnen Fälle bedingt, sondern vielmehr davon, wie nahe die

Fälle hinter einander liegen, ferner vom Neigungswinkel der Felsendämme,

von den sogenannten _‘lames de réflexion’_ die in einander stoßen und über

einander weggehen, von der Gestalt der Inseln und Klippen, von der

Richtung der Gegenströmungen, von den Krümmungen und engen Stellen in den

Kanälen, durch die das Wasser von einer Staffel zur andern sich Bahn

bricht. Von zwei gleich breiten Flüssen kann der eine Fälle haben, die

nicht so hoch sind als die des andern, und doch weit gefährlicher und

tobender.

Meine obige Angabe über die senkrechte Höhe der Raudales des Orinoco

lautet nicht ganz bestimmt, und ich habe damit auch nur eine *Grenzzahl*

gegeben. Ich brachte den Barometer auf die kleine Ebene bei der Mission

Atures und den Katarakten, ich konnte aber keine constanten Unterschiede

beobachten. Bekanntlich wird die barometrische Messung sehr schwierig,

wenn es sich um ganz unbedeutenden Höhenunterschied handelt. Durch kleine

Unregelmäßigkeiten in der stündlichen Schwankung (Unregelmäßigkeiten, die

sich mehr auf das Maaß der Schwankung als auf den Zeitpunkt beziehen) wird

das Ergebniß zweifelhaft, wenn man nicht an jedem der beiden Standpunkte

ein Barometer hat, und wenn man Unterschiede im Luftdruck von einer halben

Linie auffassen soll.

Wahrscheinlich wird die Wassermasse des Stromes durch die Katarakten

geringer, nicht allein weil durch das Zerschlagen des Wassers in Tropfen

die Verdunstung gesteigert wird, sondern auch, und hauptsächlich, weil

viel Wasser in unterirdische Höhlungen versinkt. Dieser Verlust ist

übrigens nicht sehr auffallend, wenn man die Wassermasse da, wo sie in die

Raudales eintritt, mit der vergleicht, welche beim Einfluß des Rio Anaveni

davon wegzieht. Durch eine solche Vergleichung hat man gefunden, daß unter

den Yelladas oder Raudales des Congoflusses unterirdische Höhlungen liegen

müssen. Im Pongo von Manseriche, der vielmehr eine Stromenge als ein

Wasserfall heißen sollte, verschwindet auf eine noch nicht gehörig

ermittelte Weise das Wasser des obern Amazonenstroms zum Theil mit all

seinem Treibholz.

Sitzt man am Ufer des Orinoco und betrachtet die Felsdämme, an denen sich

der Strom donnernd bricht, so fragt man sich, ob die Fälle im Lauf der

Jahrhunderte nach Gestaltung und Höhe sich verändern werden. Ich bin nicht

sehr geneigt, dem Stoß des Wassers gegen Granitblöcke und dem Zerfressen

kieselhaltigen Gesteins solche Wirkungen zuzuschreiben. Die nach unten

sich verengenden Löcher, die Trichter, wie man sie in den Raudales und bei

so vielen Wasserfällen in Europa antrifft, entstehen nur durch die Reibung

des Sandes und das Rollen der Quarzgeschiebe. Wir haben solche Geschiebe

gesehen, welche die Strömung am Boden der Trichter beständig herumwirbelt

und diese dadurch nach allen Durchmessern erweitert. Die Pongos des

Amazonenstroms sind leicht zerstörlich, da die Felsdämme nicht aus Granit

bestehen, sondern aus Conglomerat, aus rothem, grobkörnigem Sandstein. Der

Pongo von Rentama stürzte vor 80 Jahren theilweise ein, und da sich das

Wasser hinter einem neu gebildeten Damm staute, so lag das Flußbett ein

paar Stunden trocken, zur großen Verwunderung der Einwohner des Dorfes

Puyaya, sieben Meilen unter dem eingestürzten Pongo. Die Indianer in

Atures versichern (und diese Aussage widerspricht der Ansicht des Paters

CAULIN), die Felsen im Raudal haben immer dasselbe Aussehen, aber die

einzelnen Strömungen, in die der große Strom zerschlagen wird, ändern beim

Durchgang durch die aufgehäuften Granitblöcke ihre Richtung und werfen

bald mehr, bald weniger Wasser gegen das eine oder das andere Ufer. Die

Ursachen dieses Wechsels können den Katarakten sehr ferne liegen; denn in

den Flüssen, die auf der Erdoberfläche Leben verbreiten, wie die Adern in

den organischen Körpern, pflanzen sich alle Bewegungen weithin fort.

Schwingungen, die Anfangs ganz lokal scheinen, wirken auf die ganze

flüssige Masse im Stamm und den vielen Verzweigungen desselben.

Ich weiß wohl, daß, vergleicht man den heutigen Zustand der Stromschnellen

bei Syene, deren einzelne Staffeln kaum sechs Zoll hoch sind,(33) mit den

großartigen Beschreibungen der Alten, man leicht geneigt ist, im Nilbett

die Wirkungen der Auswaschungen, überhaupt die gewaltigen Einflüsse des

strömenden Wassers zu erblicken, aus denen man in der Geologie lange die

Bildung der Thäler und die Zerrissenheit des Bodens in den Cordilleren

befriedigend erklären zu können meinte. Diese Ansicht wird durch den

Augenschein keineswegs unterstützt. Wir stellen nicht in Abrede, daß die

Ströme, überhaupt fließende Wasser, wo sie in zerreibliches Gestein, in

secundäre Gebirgsformationen einschneiden, bedeutende Wirkungen ausüben.

Aber die Granitfelsen bei Elephantine haben wahrscheinlich seit Tausenden

von Jahren an absoluter Höhe so wenig abgenommen, als der Gipfel des

Montblanc und des Canigou. Hat man die großen Naturscenerien in

verschiedenen Klimaten selbst gesehen, so sieht man sich zu der Anschauung

gedrängt, daß jene tiefen Spalten, jene hoch aufgerichteten Schichten,

jene zerstreuten Blöcke, all die Spuren einer allgemeinen Umwälzung

Wirkungen außergewöhnlicher Ursachen sind, die mit denen, welche im

gegenwärtigen Zustand der Ruhe und des Friedens an der Erdoberfläche

thätig sind, nichts gemein haben. Was das Wasser durch Auswaschung vom

Granit wegführt, was die feuchte Luft am harten, nicht verwitterten

Gestein zerstört, entzieht sich unsern Sinnen fast ganz, und ich kann

nicht glauben, daß, wie manche Geologen annehmen, die Gipfel der Alpen und

der Pyrenäen niedriger werden, weil die Geschiebe sich in den Gründen am

Fuße der Gebirge aufhäufen. Im Nil wie im Orinoco können die

Stromschnellen einen geringeren Fall bekommen, ohne daß die Felsdämme

merkbar anders werden. Die relative Höhe der Fälle kann durch die

Anschwemmungen, die sich unterhalb der Stromschnellen bilden, abnehmen.

Wenn auch diese Betrachtungen einiges Licht über die anziehende

Erscheinung der Katarakten verbreiten, so sind damit die übertriebenen

Beschreibungen der Stromschnellen bei Syene, welche von den Alten(34) auf

uns gekommen, allerdings nicht begreiflich zu machen. Sollten sie aber

nicht vielleicht auf diesen untern Wasserfall übertragen haben, was sie

vom Hörensagen von den obern Fällen des Flusses in Nubien und Dongola

wußten, die zahlreicher und gefährlicher sind?(35) Syene lag an der Grenze

des römischen Reichs,(36) fast an der Grenze der bekannten Welt, und im

Raume, wie in den Schöpfungen des menschlichen Geistes fangen die

phantastischen Vorstellungen an, wo die klaren Begriffe aufhören.

Die Einwohner von Atures und Maypures werden, was auch die Missionäre in

ihren Schriften sagen mögen, vom Tosen der großen Katarakte so wenig taub

als die Catadupen am Nil. Hört man das Getöse auf der Ebene bei der

Mission, eine starke Meile weit, so glaubt man in der Nähe einer felsigten

Meeresküste mit starker Brandung zu seyn. Es ist bei Nacht dreimal stärker

als bei Tag und gibt dem einsamen Ort unaussprechlichen Reiz. Woher mag

wohl diese Verstärkung des Schalls in einer Einöde rühren, wo sonst

nichts. das Schweigen der Natur zu unterbrechen scheint? Die

Geschwindigkeit der Fortpflanzung des Schalls nimmt mit der Abnahme der

Temperatur nicht zu, sondern vielmehr ab. Der Schall wird schwächer, wenn

ein der Richtung desselben entgegengesetzter Wind weht, ferner durch

Verdünnung der Luft; der Schall ist schwächer in hohen Luftregionen als in

tiefen, wo die Zahl der erschütterten Lufttheilchen in jedem Strahl größer

ist. Die Stärke desselben ist in trockener und in mit Wasserdunst

vermengter Luft gleich groß, aber in kohlensaurem Gas ist sie geringer als

in Gemengen von Stickstoff und Sauerstoff. Nach diesen Erfahrungssätzen

(und es sind die einzigen einigermaßen zuverläßigen) hält es schwer, eine

Erscheinung zu erklären, die man bei jedem Wasserfall in Europa

beobachtet, und die lange vor unserer Ankunft im Dorfe Atures Missionären

und Indianern aufgefallen war. Bei Nacht ist die Temperatur der Luft um

drei Grad niedriger als bei Tage; zugleich nimmt die merkbare Feuchtigkeit

bei Nacht zu und der Nebel, der auf den Katarakten liegt, wird dichter.

Wir haben aber eben gesehen, daß der hygroscopische Zustand der Luft aus

die Fortpflanzung des Schalls keinen Einfluß hat, und daß die Abkühlung

der Luft die Geschwindigkeit vermindert.

Man könnte meinen, auch an Orten, wo keine Menschen leben, bringe am Tag

das Sumsen der Insekten, der Gesang der Vögel, das Rauschen des Laubs beim

leisesten Luftzug ein verworrenes Getöne hervor, das wir um so weniger

wahrnehmen, da es sich immer gleich bleibt und es fortwährend zu unserem

Ohre dringt. Dieses Getöse, so unmerklich es seyn mag, kann nun allerdings

einen stärkeren Schall schwächen, und diese Schwächung kann wegfallen,

wenn in der Stille der Nacht der Gesang der Vögel, das Sumsen der Insekten

und die Wirkung des Windes auf das Laub aufhören. Wäre aber diese

Folgerung auch richtig, so findet sie keine Anwendung auf die Wälder am

Orinoco, wo die Luft fortwährend von zahllosen Moskitoschwärmen erfüllt

ist, wo das Gesumse der Insekten bei Nacht weit stärker ist als bei Tag,

wo der Wind, wenn er je weht, sich erst, nach Sonnenuntergang aufmacht.

Ich bin vielmehr der Ansicht, daß, so lange die Sonne am Himmel steht, der

Schall sich langsamer fortpflanzt und geschwächt wird, weil die Luftströme

von verschiedener Dichtigkeit, die theilweisen Schwingungen der Atmosphäre

in Folge der ungleichen Erwärmung der verschiedenen Bodenstücke,

Hindernisse bilden. In ruhiger Luft, sey sie nun trocken oder mit

gleichförmig vertheilten Dunstbläschen erfüllt, pflanzt sich die

Schallwelle ungehindert fort; wird aber die Luft nach allen Richtungen von

kleinen Strömen wärmerer Luft durchzogen, so theilt sich die Welle da, wo

die Dichtigkeit des Mittels rasch wechselt, in zwei Wellen; es bilden sich

lokale Echos, die den Schall schwächen, weil eine der Wellen zurückläuft:

es tritt die Theilung der Wellen ein, deren Theorie in jüngster Zeit von

POISSON so scharfsinnig entwickelt worden ist. Nach unserer Anschauung

wird daher die Fortpflanzung der Schallwellen nicht dadurch gehemmt, daß

durch die Ortsveränderung der im Luftstrome von unten nach oben

aufsteigenden Lufttheilchen, durch die kleinen schiefen Strömungen ein

Stoß ausgeübt würde. Ein Stoß auf die Oberfläche einer Flüssigkeit bringt

Kreise um den Mittelpunkt der Erschütterung hervor, selbst wenn die

Flüssigkeit in Bewegung ist. Mehrere Arten von Wellen können sich im

Wasser wie in der Luft kreuzen, ohne sich in ihrer Fortpflanzung zu

stören; kleine Bewegungen schieben sich übereinander, und die wahre

Ursache der geringeren Stärke des Schalls bei Tag scheint der zu seyn, daß

das elastische Mittel dann nicht homogen ist. Bei Tag ändert sich die

Dichtigkeit rasch überall, wo kleine Luftzüge von hoher Temperatur über

ungleich erwärmten Bodenstücken aussteigen. Die Schallwellen theilen sich,

wie die Lichtstrahlen sich brechen, und überall, wo Luftschichten von

verschiedener Dichtigkeit sich berühren, tritt *Spiegelung* ein. Der

Schall pflanzt sich langsamer fort, wenn man in einer am einen Ende

geschlossenen Röhre eine Schicht Wasserstoffgas über eine Schicht

atmosphärischer Luft aufsteigen läßt, und BIOT erklärt den Umstand, daß

ein Glas mit Champagner nicht hell klingt, so lange er perlt und die

Luftblasen im Wein aufsteigen, sehr gut eben daraus, daß die Bläschen von

kohlensaurem Gas die Flüssigkeit ungleichförmig machen.

Für diese Ansichten könnte ich mich fast auf die Autorität eines

Philosophen berufen, den die Physiker noch immer sehr geringschätzig

behandeln, während die ausgezeichnetsten Zoologen seinem Scharfsinn als

Beobachter längst volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. »Warum,« sagt

ARISTOTELES in seiner merkwürdigen Schrift von den _Problemen_, »hört man

bei Nacht Alles besser als bei Tag? Weil Alles bei Nacht regungsloser ist,

da die Wärme fehlt. Dadurch wird überhaupt Alles ruhiger, denn die Sonne

ist es, die Alles bewegt.«(37) Sicher schwebte Aristoteles die wahre

Ursache der Erscheinung als unbestimmte Ahnung vor; er schreibt aber die

Bewegung der Luft dem Stoß der kleinsten Theilchen derselben zu, was

vielmehr dem raschen Wechsel der Dichtigkeit in sich berührenden

Luftschichten zuzuschreiben seyn möchte.

Am 16. April gegen Abend erhielten wir Nachricht, unsere Pirogue sey in

weniger als sechs Stunden über die Stromschnellen geschafft worden und

liege wohlbehalten in einer Bucht, *Puerto de ariba*, *der obere Hafen*,

genannt. »Eure Pirogue wird nicht in Stücken gehen, weil ihr kein

Kaufmannsgut führt und der Mönch aus den Raudales mit euch reist,« so

hatte im Lager von Pararuma ein kleiner brauner Mann, in dem wir an der

Mundart den Catalonier erkannten, boshaft gegen uns geäußert. Es war ein

Schildkrötenölhändler, der mit den Indianern in den Missionen in Verkehr

und eben kein Freund der Missionare war. »Die Fahrzeuge, die leicht

zerbrechen,« fuhr er fort, »sind die der *Catalonier*, die mit einem

Licenzschein vom Statthalter von Guyana, nicht aber mit der Genehmigung

des Präsidenten der Missionen jenseits Atures und Maypures Handel treiben

wollen. Man läßt unsere Piroguen in den Raudales, die der Schlüssel sind

zu den Missionen am obern Orinoco, am Cassiquiare und Rio Negro, zu

Schanden gehen; man schafft uns dann durch die Indianer in Atures nach

Carichana zurück und zwingt uns unsere Handelsspeculationen aufzugeben.«

Als unpartheiischer Geschichtschreiber der von mir bereisten Länder kann

ich einer solchen, wohl etwas leichtfertig ausgesprochenen Meinung nicht

beitreten. Der gegenwärtige Missionar bei den Raudales ist nicht der Mann,

die Plackereien, über welche die catalonischen Krämer klagen, sich zu

Schulden kommen zu lassen; man fragt sich aber, weßhalb das Regiment in

den Missionen sogar in den spanischen Colonien so gründlich verhaßt ist?

Verläumdete man nur reiche Leute, so waren die Missionare am obern Orinoco

vor dergleichen boshaften Angriffen sicher. Sie besitzen kein Pferd, keine

Ziege, kaum eine Kuh, während ihre Ordensbrüder, die Kapuziner in den

Missionen am Carony, Heerden von 40000 Stücken besitzen. Der Groll der

arbeitenden Classen unter den Colonisten gilt also nicht dem Wohlstand der

Observanten, sondern ihrem Prohibitivsystem, ihren beharrlichen

Bemühungen, ihr Gebiet gegen die Weißen abzusperren, den Hindernissen, die

sie dem Austausch der Produkte in den Weg legen. Aller Orten empört sich

das Volk gegen Monopole, nicht allein wenn sie auf den Handel und die

materiellen Lebensbedürfnisse Einfluß äußern, sondern auch wenn sich ein

Stand oder eine Schichte der Gesellschaft das Recht anmaßt, allein die

Jugend zu erziehen oder die Wilden in der Zucht zu halten, um nicht zu

sagen zu civilisiren.

Man zeigte uns in der kleinen Kirche von Atures einige Ueberbleibsel vom

einstigen Wohlstand der Jesuiten. Eine silberne Lampe von ansehnlichem

Gewicht lag, halb im Sand begraben, am Boden. Ein Gegenstand der Art würde

allerdings nirgends die Habsucht des Wilden reizen; ich muß aber hier zur

Ehre der Eingeborenen am Orinoco erwähnen, daß sie keine Diebe sind, wie

die lange nicht so rohen Bewohner der Südseeinseln. Jene haben große

Achtung vor dem Eigenthum; sie suchen nicht einmal Eßwaaren, Fischangeln

und Aexte zu entwenden. In Maypures und Atures weiß man nichts von

Schlössern an den Thüren; sie werden eingeführt werden, sobald Weiße und

Mischlinge sich in den Missionen niederlassen.

Die Indianer in Atures sind gutmüthig, leidenschaftslos, Dank ihrer

Trägheit an die größten Entbehrungen gewöhnt Die Jesuiten früher trieben

sie zur Arbeit an, und da fehlte es ihnen nie an Lebensunterhalt. Die

Patres bauten Mais, Bohnen und andere europäische Gemüse; sie pflanzten um

das Dorf her sogar süße Orangen und Tamarinden, sie besaßen in den

Grasfluren von Atures und Carichana zwanzig bis dreißigtausend Pferde und

Stücke Rindvieh. Sie hielten für die Heerden eine Menge Sklaven und

Knechte (_peones_). Gegenwärtig wird nichts gebaut als etwas Manioc und

Bananen. Und doch ist der Boden so fruchtbar, daß ich in Atures an einem

einzigen Pisangbüschel 108 Früchte zählte, deren 4--5 fast zur täglichen

Nahrung eines Menschen hinreichen. Der Maisbau wird gänzlich

vernachläßigt, Rosse und Kühe sind verschwunden. Ein Uferstrich am Raudal

heißt noch *Passo del ganado* (Viehfurth), während die Nachkommen der

Indianer, mit denen die Jesuiten die Mission gegründet, vom Hornvieh wie

von einer ausgestorbenen Thiergattung sprechen. Auf unserer Fahrt den

Orinoco hinauf San Carlos am Rio Negro zu sahen wir in Carichana die

letzte Kuh. Die Patres Observanten, welche gegenwärtig diese weiten

Landstriche unter sich haben, kamen nicht unmittelbar auf die Jesuiten.

Während eines achtzehnjährigen Interregnums wurden die Missionen nur von

Zeit zu Zeit besucht, und zwar von Kapuzinern. Unter dem Namen königlicher

Commissäre verwalteten weltliche Regierungsbeamte die _Hatos_ oder Höfe

der Jesuiten, aber schändlich liederlich. Man stach das Vieh, um die Häute

zu verkaufen, viele jüngere Thiere wurden von den Tigern gefressen, noch

viel mehr gingen an den Bissen der Fledermäuse zu Grunde, die an den

Katarakten kleiner sind, aber kecker als in den Llanos. Zur Zeit der

Grenzexpedition wurden Pferde von Encaramada, Carichana und Atures bis San

Jose de Maravitanos am Rio Negro ausgeführt, weil die Portugiesen dort

Pferde, und noch dazu geringe, nur aus weiter Ferne auf dem Amazonenstrom

und dem Gran-Para beziehen konnten. Seit dem Jahr 1795 ist das Vieh der

Jesuiten gänzlich verschwunden; als einziges Wahrzeichen des früheren

Anbaus dieser Länder und der wirthschaftlichen Thätigkeit der ersten

Missionare sieht man in den Savanen hie und da mitten unter wilden Bäumen

einen Orangen- oder Tamarindenstamm.

Die Tiger oder Jaguars, die den Heerden weniger gefährlich sind als die

Fledermäuse, kommen sogar ins Dorf herein und fressen den armen Indianern

die Schweine. Der Missionär erzählte uns ein auffallendes Beispiel von der

Zuthulichkeit dieser sonst so wilden Thiere. Einige Monate vor unserer

Ankunft hatte ein Jaguar, den man für ein junges Thier hielt, obgleich er

groß war, ein Kind verwundet, mit dem er spielte; der Ausdruck mag

sonderbar scheinen, aber ich brauche ihn ohne Bedenken, da ich an Ort und

Stelle Thatsachen kennen lernen konnte, die für die Sittengeschichte der

Thiere nicht ohne Bedeutung sind. Zwei indianische Kinder von acht bis

neun Jahren, ein Knabe und ein Mädchen, saßen bei Atures mitten in einer

Savane, über die wir oft gegangen, im Gras. Es war zwei Uhr Nachmittags,

da kommt ein Jaguar aus dem Wald und auf die Kinder zu, die er springend

umkreist; bald versteckt er sich im hohen Gras, bald macht er mit

gekrümmtem Rücken und gesenktem Kopf einen Sprung, gerade wie unsere

Katzen. Der kleine Junge ahnt nicht, in welcher Gefahr er schwebt, und

wird sie erst inne, als der Jaguar ihn mit der Tatze auf den Kopf schlägt.

Erst schlägt er sachte, dann immer stärker; die Krallen verwunden das Kind

und es blutet stark. Da nimmt das kleine Mädchen einen Baumzweig, schlägt

das Thier, und dieses läuft vor ihr davon. Auf das Schreien der Kinder

kommen die Indianer herbeigelaufen und sehen den Jaguar, der sichtbar an

keine Gegenwehr dachte, in Sprüngen sich davon machen.

Man führte uns den Jungen vor, der lebendig und gescheit aussah. Die

Kralle des Jaguars hatte ihm unten ander Stirne die Haut abgestreift, und

eine zweite Narbe hatte er oben auf dem Kopf. Woher nun auf einmal diese

muntere Laune bei einem Thiere, das in unsern Menagerien nicht schwer zu

zähmen, aber im Stand der Freiheit immer wild und grausam ist? Nimmt man

auch an, der Jaguar habe, sicher seiner Beute, mit dem kleinen Indianer

gespielt, wie unsere Katzen mit Vögeln mit beschnittenen Flügeln spielen,

wie soll man es sich erklären, daß ein großer Jaguar so duldsam ist, daß

er vor einem kleinen Mädchen davonläuft? Trieb den Jaguar der Hunger nicht

her, warum kam er auf die Kinder zu? In der Zuneigung und im Haß der

Thiere ist manches Geheimnißvolle. Wir haben gesehen, wie Löwen drei, vier

Hunde, die man in ihren Käfigt setzte, umbrachten und einen fünften, der

weniger furchtsam den König der Thiere an der Mähne packte, vom ersten

Augenblick an liebkoste. Das sind eben Aeußerungen jenes Instinkts, der

dem Menschen ein Räthsel ist. Es ist als ob der Schwache desto mehr für

sich einnähme, je zutraulicher er ist.

Eben war von zahmen Schweinen die Rede, die von den Jaguars angefallen

werden. Außer den gemeinen Schweinen von europäischer Race gibt es in

diesen Ländern verschiedene Arten von Pecaris mit Drüsen an den Leisten,

von denen nur zwei den europäischen Zoologen bekannt sind. Die Indianer

nennen den kleinen Pecari (_Dicoteles torquatus_) auf Maypurisch

_Chacharo_; _Apida_ aber heißt bei ihnen ein Schwein, das keinen Beutel

haben soll und größer, schwarzbraun und am Unterkiefer und den Bauch

entlang weiß ist. Der Chacharo, den man im Hause aufzieht, wird so zahm

wie unsere Schafe und Rehe. Sein sanftes Wesen erinnert an die anatomisch

nachgewiesene interessante Aehnlichkeit zwischen dem Bau der Pecaris und

dem der Wiederkäuer. Der Apida, der ein Hausthier wird wie unsere

Schweine, zieht in Rudeln von mehreren hundert Stücken. Man hört es schon

von weitem, wenn solche Rudel herbeikommen, nicht nur an den dumpfen,

rauhen Lauten, die sie von sich geben, sondern noch mehr, weil sie

ungestüm das Gebüsch auf ihrem Wege zerknicken. Bonpland rief einmal beim

Botanisiren sein indianischer Führer zu, er solle sich hinter einen Baum

verstecken, und da sah er denn diese Pecaris (_cochinos_ oder _puercos del

monte_) ganz nahe an sich vorüberkommen. Der Rudel zog in dicht gedrängten

Reihen, die männlichen Thiere voran, jedes Mutterschwein mit seinen Jungen

hinter sich. Die Chacharos haben ein weichliches, nicht sehr angenehmes

Fleisch; sie werden übrigens von den Indianern stark gegessen, die sie mit

kleinen an Stricke gebundenen Spießen erlegen. Man versicherte uns in

Atures, der Tiger fürchte sich im Walde unter einen solchen Rudel von

Wildschweinen zu gerathen, und suche sich, um nicht erdrückt zu werden,

auf einen Baum zu flüchten. Ist das nun eine Jägergeschichte oder eine

wirkliche Beobachtung? Wir werden bald sehen, daß in manchen Ländern von

Amerika die Jäger an die Existenz eines _‘Javali’_ oder einheimischen

Ebers mit nach außen gekrümmten Hauern(38) glauben. Ich habe nie einen

gesehen, die amerikanischen Missionäre führen ihn aber in ihren Schriften

auf, und diese von unsern Zoologen zu wenig beachtete Quelle enthält neben

den plumpsten Uebertreibungen sehr interessante lokale Beobachtungen.

Unter den Affen, die wir in der Mission Atures zu sehen bekamen, fanden

wir eine neue Art aus der Sippe der *Saïs* oder *Sajous*, von den

Hispano-Amerikanern gewöhnlich _‘Machis’_ genannt. Es ist dieß der

*Ouavapavi* [_Simia albifrons_, HUMBOLDT.] mit grauem Pelz und bläulichem

Gesicht. Augenränder und Stirne sind schneeweiß, und dadurch unterscheidet

er sich auf den ersten Blick von der _Simia capucina_, der _Simia apella_,

_Simia trepida_ und den andern Winselaffen, in deren Beschreibung bis

jetzt so große Verwirrung herrscht. Das kleine Thier ist so sanftmüthig

als häßlich. Jeden Tag sprang es im Hofe der Mission auf ein Schwein und

blieb auf demselben von Morgen bis Abend sitzen, während es auf den

Grasfluren umherlief. Wir sahen es auch auf dem Rücken einer großen Katze,

die mit ihm im Hause des Pater Zea aufgezogen worden war.

In den Katarakten hörten wir auch zum erstenmal von dem behaarten

Waldmenschen, dem sogenannten *Salvaje* sprechen, der Weiber entführt,

Hütten baut und zuweilen Menschenfleisch frißt. Die Tamanacas nennen ihn

_Achi_, die Maypures _Vasitri_ oder den großen Teufel. Die Eingeborenen

und die Missionäre zweifeln nicht an der Existenz dieses menschenähnlichen

Affen, vor dem sie sich sehr fürchten. Pater GILI erzählt in vollem Ernst

eine Geschichte von einer Dame aus der Stadt San Carlos, welche dem

Waldmenschen wegen seiner Gutmüthigkeit und Zuvorkommenheit das beste

Zeugniß gab. Sie lebte mehrere Jahre sehr gut mit ihm und ließ sich von

Jägern nur deßhalb wieder in den Schooß ihrer Familie bringen, »weil sie,

nebst ihren Kindern (die auch etwas behaart waren), der Kirche und der

heiligen Sacramente nicht langer entbehren mochte.« Bei aller

Leichtgläubigkeit gesteht dieser Schriftsteller, er habe keinen Indianer

auftreiben können, der ausdrücklich gesagt hätte, er habe den *Salvaje*

mit eigenen Augen gesehen. Dieses Mährchen, das ohne Zweifel von den

Missionären, den spanischen Colonisten und den Negern aus Afrika mit

verschiedenen Zügen aus der Sittengeschichte des Orangoutang, Gibbon, Joko

oder Chimpanse und Pongo ausstaffirt worden ist, hat uns fünf Jahre lang

in der nördlichen wie in der südlichen Halbkugel verfolgt, und überall,

selbst in den gebildetsten Kreisen, nahm man es übel, daß wir allein uns

herausnahmen, daran zu zweifeln, daß es in Amerika einen großen

menschenähnlichen Affen gebe. Wir bemerken zunächst, daß in gewissen

Gegenden dieser Glaube besonders stark unter dem Volk verbreitet ist, so

namentlich am obern Orinoco, im Thale Upar beim See Maracaybo, in den

Bergen von Santa Martha und Merida, im Distrikt von Quixos und am.

Amazonenstrom bei Tomependa. An allen diesen, soweit auseinander gelegenen

Orten kann man hören, den Salvaje erkenne man leicht an seinen Fußstapfen,

denn die Zehen seyen nach hinten gekehrt. Gibt es aber auf dem neuen

Continent einen Affen von ansehnlicher Größe, wie kommt es, daß sich seit

dreihundert Jahren kein glaubwürdiger Mann das Fell desselben hat

verschaffen können? Was zu einem so alten Irrthum oder Glauben Anlaß

gegeben haben mag, darüber lassen sich mehrere Vermuthungen aufstellen.

Sollte der vielberufene Kapuzineraffe von Esmeralda [_Simia chiropotes_],

dessen Hundszähne über sechs und eine halbe Linie lang sind, der ein viel

menschenähnlicheres Gesicht hat als der Orangoutang,(39) der sich den Bart

mit der Hand streicht, wenn man ihn reizt, das Mährchen vom Salvaje

veranlaßt haben? Allerdings ist er nicht so groß als der Coaïta (_Simia

paniscus_); wenn man ihn aber oben auf einem Baum und nur den Kopf von ihm

sieht, könnte man ihn leicht für ein menschliches Wesen halten. Es wäre

auch möglich (und dieß scheint mir das wahrscheinlichste), daß der

Waldmensch einer der großen Bären ist, deren Fußspur der menschlichen

ähnlich ist und von denen man in allen Ländern glaubt, daß sie Weiber

anfallen. Das Thier, das zu meiner Zeit am Fuß der Berge von Merida

geschossen und als ein *Salvaje* dem Obristen Ungaro, Statthalter der

Provinz Varinas, geschickt wurde, war auch wirklich nichts als ein Bär mit

schwarzem, glänzendem Pelz. Unser Reisegefährte Don Nicolas Sotto hat

denselben näher untersucht. Die seltsame Vorstellung von einem

Sohlengänger, bei dem die Zehen so stehen, als ob er rückwärts ginge,

sollte sie etwa daher rühren, daß die wahren wilden Waldmenschen, die

schwächsten, furchtsamsten Indianerstämme, den Brauch haben, wenn sie in

den Wald oder über einen Uferstrich ziehen, ihre Feinde dadurch irre zu

machen, daß sie ihre Fußstapfen mit Sand bedecken oder rückwärts gehen?

Ich habe angegeben, weßhalb zu bezweifeln ist, daß es eine unbekannte

große Affenart auf einem Continente gibt, wo gar keine Vierhänder aus der

Familie der Orangs, Cynocephali, Mandrils und Pongos vorzukommen scheinen.

Es ist aber nicht zu vergessen, daß jeder, auch der abgeschmackteste

Volksglaube auf wirklichen, nur unrichtig aufgefaßten Naturverhältnissen

beruht. Wendet man sich von dergleichen Dingen mit Geringschätzung ab, so

kann man, in der Physik wie in der Physiologie, leicht die Fährte einer

Entdeckung verlieren. Wir erklären daher auch keineswegs mit einem

spanischen Schriftsteller das Mährchen vom Waldmenschen für eine pfiffige

Erfindung der indianischen Weiber, die entführt worden seyn wollen, wenn

sie hinter ihren Männern lange ausgeblieben sind; vielmehr fordern wir die

Reisenden, die nach uns an den Orinoco kommen, auf, unsere Untersuchungen

hinsichtlich des Salvaje oder großen Waldteufels wieder aufzunehmen und zu

ermitteln, ob eine unbekannte Bärenart oder ein sehr seltener, der _Simia

chiropotes_ oder _Simia Satanas_ ähnlicher Affe so seltsame Mährchen

veranlaßt haben mag.

Nach zweitägigem Aufenthalt am Katarakt von Atures waren wir sehr froh,

unsere Pirogue wieder laden und einen Ort verlassen zu können, wo der

Thermometer bei Tage meist auf 29, bei Nacht auf 26 Grad stand. Nach der

Hitze, die uns drückte, kam uns die Temperatur noch weit höher vor. Wenn

die Angabe des Instruments und die Empfindung so wenig übereinstimmten, so

rührte dieß vom beständigen Hautreiz durch die Moskitos her. Eine von

giftigen Insekten wimmelnde Luft kommt einem immer weit heißer vor, als

sie wirklich ist. Das Saussuresche Hygrometer -- im Schatten beobachtet,

wie immer -- zeigte bei Tag, im Minimum (um drei Uhr Nachmittags), 78°2;

bei Nacht, im Maximum, 81°5. Diese Feuchtigkeit ist um 5 Grad geringer als

die mittlere Feuchtigkeit an der Küste von Cumana, aber um 10 Grad stärker

als die mittlere Feuchtigkeit in den Llanos oder baumlosen Ebenen. Die

Wasserfälle und die dichten Wälder steigern die Menge des in der Luft

enthaltenen Wasserdampfes. Den Tag über wurden wir von den Moskitos und

den *Jejen*, kleinen giftigen Mücken aus der Gattung _Simulium_ furchtbar

geplagt, bei Nacht von den *Zancudos*, einer großen Schnakenart, vor denen

sich selbst die Eingeborenen fürchten. Unsere Hände fingen an stark zu

schwellen und die Geschwulst nahm täglich zu, bis wir an die Ufer des Temi

kamen. Die Mittel, durch die man die kleinen Thiere los zu werden sucht,

sind sehr merkwürdig. Der gute Missionar Bernardo Zea, der sein Leben

unter den Qualen der Moskitos zubringt, hatte sich neben der Kirche auf

einem Gerüste von Palmstämmen ein kleines Zimmer gebaut, in dem man freier

athmete. Abends stiegen wir mit einer Leiter in dasselbe hinauf, um unsere

Pflanzen zu trocknen und unser Tagebuch zu schreiben. Der Missionär hatte

die richtige Beobachtung gemacht, daß die Insekten in der tiefsten

Luftschicht am Boden, 15--20 Fuß hoch, am häufigsten sind. In Maypures

gehen die Indianer bei Nacht aus dem Dorf und schlafen auf kleinen Inseln

mitten in den Wasserfällen. Sie finden dort einige Ruhe, da die Moskitos

eine mit Wasserdunst beladene Luft zu fliehen scheinen. Ueberall fanden

wir ihrer mitten im Strom weniger als an den Seiten; man hat daher auch

weniger zu leiden, wenn man den Orinoco hinab, als wenn man aufwärts

fährt.

Wer die großen Ströme des tropischen Amerika, wie den Orinoco oder den

Magdalenenfluß nicht befahren hat, kann nicht begreifen, wie man ohne

Unterlaß, jeden Augenblick im Leben von den Insekten, die in der Luft

schweben, gepeinigt werden, wie die Unzahl dieser kleinen Thiere weite

Landstrecken fast unbewohnbar machen kann. So sehr man auch gewöhnt seyn

mag, den Schmerz ohne Klage zu ertragen, so lebhaft einen auch der

Gegenstand, den man eben beobachtet, beschäftigen mag, unvermeidlich wird

man immer wieder davon abgezogen, wenn *Moskitos*, *Zancudos*, *Jejen* und

*Tempraneros* einem Hände und Gesicht bedecken, einen mit ihrem

Saugrüssel, der in einen Stachel ausläuft, durch die Kleider durch

stechen, und in Nase und Mund kriechen, so daß man husten und nießen muß,

sobald man in freier Luft spricht. In den Missionen am Orinoco, in diesen

von unermeßlichen Wäldern umgebenen Dörfern am Stromufer, ist aber auch

die _plaga de los moscos_ ein unerschöpflicher Stoff der Unterhaltung.

Begegnen sich Morgens zwei Leute, so sind ihre ersten Fragen: »_Que le han

parecido los zancudos de noche?_ Wie haben Sie die Zancudos heute Nacht

gefunden?« -- »_Como stamos hoy de mosquitos?_ Wie steht es heute mit den

Moskitos?« Diese Fragen erinnern an eine chinesische Höflichkeitsformel,

die auf den ehemaligen wilden Zustand des Landes, in dem sie entstanden

seyn mag, zurückweist. Man begrüßte sich früher im himmlischen Reich mit

den Worten: _Vou-to-hou?_ seyd ihr diese Nacht von Schlangen beunruhigt

worden?« Wir werden bald sehen, daß am Tuamini, auf dem Magdalenenstrom,

besonders aber in Choco, im Gold- und Platinaland, neben dem

Moskitoscompliment auch das chinesische Schlangencompliment am Platze

wäre.

Es ist hier der Ort, von der *geographischen Vertheilung* dieser Insekten

aus der Familie der *Tipu1ae* zu sprechen, die ganz merkwürdige

Erscheinungen darbietet. Dieselbe scheint keineswegs bloß von der Hitze,

der großen Feuchtigkeit und den dichten Wäldern abzuhängen, sondern auch

von schwer zu ermittelnden örtlichen Verhältnissen. Vorab ist zu bemerken,

daß die Plage der Moskitos und Zancudos in der heißen Zone nicht so

allgemein ist, als man gemeiniglich glaubt. Auf Hochebenen mehr als 400

Toisen über dem Meeresspiegel; in sehr trockenen Niederungen weit von den

großen Strömen, z. B. in Cumana und Calabozo, gibt es nicht auffallend

mehr Schnaken als in dem am stärksten bevölkerten Theile Europas. In Nueva

Barcelona dagegen und weiter westwärts an der Küste, die gegen Cap Codera

läuft, nehmen sie ungeheuer zu. Zwischen dem kleinen Hafen von Higuerote

und der Mündung des Rio Unare haben die unglücklichen Einwohner den

Brauch, sich bei Nacht auf die Erde zu legen und sich drei, vier Zoll tief

in den Sand zu begraben, so daß nur der Kopf frei bleibt, den sie mit

einem Tuch bedecken. Man leidet vom Insektenstich, doch so, daß es leicht

zu ertragen ist, wenn man den Orinoco von Cabruta gegen Angostura hinunter

und von Cabruta gegen Uruana hinauffährt, zwischen dem siebenten und

achten Grad der Breite. Aber über dem Einfluß des Rio Arauca, wenn man

durch den Engpaß beim Baraguan kommt, wird es auf einmal anders, und von

nun an findet der Reisende keine Ruhe mehr. Hat er poetische Stellen aus

DANTE im Kopfe, so mag ihm zu Muthe seyn, als hätte er die _‘Città

dolente’_ betreten, als ständen an den Felswänden beim Baraguan die

merkwürdigen Verse aus dem dritten Buch der Hölle geschrieben:

_ Noi sem venuti al luogo, ov’i’t’ho detto _

_ Che tu vedrai le genti dolorose. _

[_Inferno_. C. III. 16.]

Die tiefen Luftschichten vom Boden bis zu 15--20 Fuß Höhe sind mit

giftigen Insekten wie mit einem dichten Dunste angefüllt. Stellt man sich

an einen dunkeln Ort, z. B. in die Höhlen, die in den Katarakten durch die

aufgethürmten Granitblöcke gebildet werden, und blickt man gegen die von

der Sonne beleuchtete Oeffnung, so sieht man Wolken von Moskitos, die mehr

oder weniger dicht werden, je nachdem die Thierchen bei ihren langsamen

und taktmäßigen Bewegungen sich zusammen- oder auseinanderziehen. In der

Mission San Borja hat man schon mehr von den Moskitos zu leiden als in

Carichana; aber in den Raudales, in Atures, besonders aber in Maypures

erreicht die Plage so zu sagen ihr Maximum. Ich zweifle, daß es ein Land

auf Erden gibt, wo der Mensch grausamere Qualen zu erdulden hat als hier

in der Regenzeit. Kommt man über den fünften Breitegrad hinaus, wird man

etwas weniger zerstochen, aber am obern Orinoco sind die Stiche

schmerzlicher, weil bei der Hitze und der völligen Windstille die Luft

glühender ist und die Haut, wo sie dieselbe berührt, mehr reizt.

»Wie gut muß im Mond wohnen seyn!« sagte ein Saliva-Indianer zu Pater

Gumilla. »Er ist so schön und hell, daß es dort gewiß keine Moskitos

gibt.« Diese Worte, die dem Kindesalter eines Volkes angehören, sind sehr

merkwürdig. Ueberall ist der Trabant der Erde für den wilden Amerikaner

der Wohnplatz der Seligen, das Land des Ueberflusses. Der Eskimo, für den

eine Planke, ein Baumstamm, den die Strömung an eine pflanzenlose Küste

geworfen, ein Schatz ist, sieht im Monde waldbedeckte Ebenen; der Indianer

in den Wäldern am Orinoco sieht darin kahle Savanen, deren Bewohner nie

von Moskitos gestochen werden.

Weiterhin gegen Süd, wo das System der braungelben Gewässer beginnt,

gemeinhin _‘schwarze Wasser’_, _aguas __ negras_ genannt, an den Ufern des

Atabapo, Temi, Tuamini und des Rio Negro genossen wir einer Ruhe, ich

hätte bald gesagt eines Glücks, wie wir es gar nicht erwartet hatten.

Diese Flüsse laufen, wie der Orinoco, durch dichte Wälder; aber die

Schnaken wie die Krokodile halten sich von den _‘schwarzen Wassern’_

ferne. Kommen vielleicht die Larven und Nymphen der Tipulä und Schnaken,

die man als eigentliche Wasserthiere betrachten kann, in diesen Gewässern,

die ein wenig kühler sind als die weißen und sich chemisch anders

verhalten, nicht so gut fort? Einige kleine Flüsse, deren Wasser entweder

dunkelblau oder braungelb ist, der Toparo, Mataveni und Zama, machen eine

Ausnahme von der sonst ziemlich allgemeinen Regel, daß es über _‘schwarzem

Wasser’_ keine Moskitos gibt. An jenen drei Flüssen wimmelt es davon, und

selbst die Indianer machten uns auf die räthselhafte Erscheinung

aufmerksam und ließen uns über deren Ursachen nachdenken. Beim Herabfahren

auf dem Rio Negro athmeten wir frei in den Dörfern Maroa, Davipe und San

Carlos an der brasilianischen Grenze; allein diese Erleichterung unserer

Lage war von kurzer Dauer und unsere Leiden begannen von neuem, sobald wir

in den Cassiquiare kamen. In Esmeralda, am östlichen Ende des obern

Orinoco, wo die den Spaniern bekannte Welt ein Ende hat, sind die

Moskitowolken fast so dick wie bei den großen Katarakten. In Mandavaca

fanden wir einen alten Missionär, der mit jammervoller Miene gegen uns

äußerte: *er habe seine zwanzig Moskitojahre auf dem Rücken* (_ya tengo

mis vento anos de mosquitos_). Er forderte uns auf, seine Beine genau zu

betrachten, damit wir eines Tags _‘por alla’_ (über dem Meer) davon zu

sagen wüßten, was die armen Missionäre in den Wäldern am Cassiquiare

auszustehen haben. Da jeder Stich einen kleinen schwarzbraunen Punkt

zurückläßt, waren seine Beine dergestalt gefleckt, daß man vor Flecken

geronnenen Blutes kaum die weiße Haut sah. Auf dem Cassiquiare, der

*weißes Wasser* hat, wimmelt es von Mücken aus der Gattung _Simulium_,

aber die *Zancudos*, der Gattung _Culex_ angehörig, sind desto seltener;

man sieht fast keine, während auf den Flüssen mit schwarzem Wasser meist

einige *Zancudos*, aber keine *Moskitos* vorkommen. Wir haben schon oben

bemerkt, daß wenn bei den kleinen Revolutionen im Schooße des Ordens der

Observanten der Pater Gardian sich an einem Laienbruder rächen will, er

ihn nach Esmeralda schickt; er wird damit verbannt, oder, wie der muntere

Ausdruck der Ordensleute lautet, *zu den Moskitos verurtheilt*.

Ich habe hier nach meinen eigenen Beobachtungen gezeigt, daß in diesem

Labyrinth weißer und schwarzer Wasser die geographische Vertheilung der

giftigen Insekten eine sehr ungleichförmige ist. Es wäre zu wünschen, daß

ein tüchtiger Entomolog an Ort und Stelle die specifischen Unterschiede

dieser bösartigen Insekten, die trotz ihrer Kleinheit in der heißen Zone

eine bedeutende Rolle im Haushalt der Natur spielen, beobachten könnte.

Sehr merkwürdig schien uns der Umstand, der auch allen Missionären wohl

bekannt ist, daß die verschiedenen Arten nicht unter einander fliegen, und

daß man zu verschiedenen Tagesstunden immer wieder von andern Arten

gestochen wird. So oft die Scene wechselt, und ehe, nach dem naiven

Ausdruck der Missionäre, andere Insekten »auf die Wache ziehen,« hat man

ein paar Minuten, oft eine Viertelstunde Ruhe. Nach dem Abzug der einen

Insekten sind die Nachfolger nicht sogleich in gleicher Menge zur Stelle.

Von sechs ein halb Uhr Morgens bis fünf Uhr Abends wimmelt die Luft von

Moskitos, die nicht, wie in manchen Reisebeschreibungen zu lesen ist,

unsern Schnaken,(40) sondern vielmehr einer kleinen Mücke gleichen. Es

sind dieß Arten der Gattung _Simulium_ aus der Familie der Nemoceren nach

LATREILLEs System. Ihr Stich hinterläßt einen kleinen braunrothen Punkt,

weil da, wo der Rüssel die Haut durchbohrt hat, Blut ausgetreten und

geronnen ist. Eine Stunde vor Sonnenuntergang werden die Moskitos von

einer kleinen Schnakenart abgelöst, _‘Tempraneros’_(41) genannt, weil sie

sich auch bei Sonnenaufgang zeigen; sie bleiben kaum anderhalb Stunden und

verschwinden zwischen sechs und sieben Uhr Abends, oder, wie man hier

sagt, nach dem *Angelus* (_a la oration_). Nach einigen Minuten Ruhe fühlt

man die Stiche der *Zancudos*, einer andern Schnakenart (_Culex_) mit sehr

langen Füßen. Der Zancudo, dessen Rüssel eine stechende Saugröhre enthält,

verursacht die heftigsten Schmerzen und die Geschwulst, die dem Stiche

folgt, hält mehrere Wochen an; sein Sumsen gleicht dem unserer

europäischen Schnaken, nur ist es stärker und anhaltender. Die Indianer

wollen *Zancudos* und *Tempraneros* »am Gesang« unterscheiden können;

letztere sind wahre Dämmerungsinsekten, während die Zancudos meist

*Nachtinsekten* sind und mit Sonnenaufgang verschwinden.

Auf der Reise von Carthagena nach Santa Fe de Bogota machten wir die

Beobachtung, daß zwischen Mompox und Honda im Thal des großen

Magdalenenflusses die Zancudos zwischen acht Uhr Abends und Mitternacht

die Luft verfinstern, gegen Mitternacht abnehmen, sich drei, vier Stunden

lang verkriechen und endlich gegen vier Uhr Morgens in Menge und voll

Heißhunger wieder erscheinen. Welches ist die Ursache dieses Wechsels von

Bewegung und Ruhe? Werden die Thiere vom langen Fliegen müde? Am Orinoco

sieht man bei Tag sehr selten wahre Schnaken, während man auf dem

Magdalenenstrom Tag und Nacht von ihnen gestochen wird, nur nicht von

Mittag bis zwei Uhr. Ohne Zweifel sind die Zancudos beider Flüsse

verschiedene Arten; werden etwa die zusammengesetzten Augen der einen Art

vom starken Sonnenlicht mehr angegriffen als die der andern?

Wir haben gesehen, daß die tropischen Insekten in den Zeitpunkten ihres

Auftretens und Verschwindens überall einen gewissen Typus befolgen. In

derselben Jahreszeit und unter derselben Breite erhält die Luft zu

bestimmten, nie wechselnden Stunden immer wieder eine andere Bevölkerung;

und in einem Erdstrich, wo der Barometer zu einer Uhr wird,(42) wo Alles

mit so bewundernswürdiger Regelmäßigkeit auf einander folgt, könnte man

beinahe am Sumsen der Insekten und an den Stichen, die je nach der Art des

Giftes, das jedes Insekt in der Wunde zurückläßt, wieder anders schmerzen,

Tag und Nacht mit verbundenen Augen errathen, welche Zeit es ist.

Zur Zeit, da die Thier- und Pflanzengeographie noch keine Wissenschaft

war, warf man häufig verwandte Arten aus verschiedenen Himmelsstrichen

zusammen. In Japan, auf dem Rücken der Anden und an der Magellanschen

Meerenge glaubte man die Fichten und die Ranunkeln, die Hirsche, Ratten

und Schnaken des nördlichen Europa wieder zu finden. Hochverdiente,

berühmte Naturforscher glaubten, der Maringouin der heißen Zone sey die

Schnake unserer Sümpfe, nur kräftiger, gefräßiger, schädlicher in Folge

des heißen Klimas; dieß ist aber ein großer Irrthum. Ich habe die

Zancudos, von denen man am ärgsten gequält wird, an Ort und Stelle

sorgfältig untersucht und beschrieben. Im Magdalenenfluß und im Guayaquil

gibt es allein fünf ganz verschiedene Arten.

Die *Culex*arten in Südamerika sind meist geflügelt, Bruststück und Füße

sind blau, geringelt, mit metallisch glänzenden Flecken und daher

schillernd. Hier, wie in Europa, sind die Männchen, die sich durch ihre

gefiederten Fühlhörner auszeichnen, sehr selten; man wird fast immer nur

von Weibchen gestochen. Aus dem großen Uebergewicht dieses Geschlechts

erklärt sich die ungeheure Vermehrung der Art, da jedes Weibchen mehrere

hundert Eier legt. Fährt man einen der großen amerikanischen Ströme

hinauf, so bemerkt man, daß sich aus dem Auftreten einer neuen Culexart

schließen läßt, daß bald wieder ein Nebenfluß hereinkommt. Ich führe ein

Beispiel dieser merkwürdigen Erscheinung an. Den _Culex lineatus_ dessen

Heimath der Caño Tamalameque ist, trifft man im Thal des Magdalenenstroms

nur bis auf eine Meile nördlich vom Zusammenfluß der beiden Gewässer an;

derselbe geht den großen Strom hinauf, aber nicht hinab; in ähnlicher

Weise verkündigt in einem Hauptgang das Auftreten einer neuen Substanz in

der Gangmasse dem Bergmann die Nähe eines secundären Ganges, der sich mit

jenem verbindet.

Fassen wir die hier mitgetheilten Beobachtungen zusammen, so sehen wir,

daß unter den Tropen die Moskitos und Maringouins am Abhang der

Cordilleren(43) nicht in die gemäßigte Region hinausgehen, wo die mittlere

Temperatur weniger als 19--20 Grad beträgt;(44) daß sie mit wenigen

Ausnahmen die *schwarzen Gewässer* und trockene, baumlose Landstriche

meiden. Am obern Orinoco finden sie sich weit massenhafter als am untern,

weil dort der Strom an seinen Ufern dicht bewaldet ist und kein weiter

kahler Uferstrich zwischen dem Fluß und dem Waldsaum liegt. Mit dem

Seichterwerden der Gewässer und der Ausrodung der Wälder nehmen die

Moskitos auf dem neuen Continent ab; aber alle diese Momente sind in ihren

Wirkungen so langsam als die Fortschritte des Anbaus. Die Städte

Angostura, Nueva Barcelona und Mompox, wo schlechte Polizei auf den

Straßen, den Plätzen und in den Höfen der Häuser das Buschwerk wuchern

läßt, sind wegen der Menge ihrer Zancudos in trauriger Weise vielberufen.

Alle im Lande Geborenen, Weiße, Mulatten, Neger, Indianer, haben vom

Insektenstich zu leiden; wie aber der Norden Europas trotz des Frostes

nicht unbewohnbar ist, so hindern auch die Moskitos den Menschen nicht,

sich in Ländern, welche stark davon heimgesucht sind, niederzulassen, wenn

anders durch Lage und Regierungsweise die Verhältnisse für Handel und

Gewerbfleiß günstiger sind. Die Leute klagen ihr Lebenlang _de la plaga,

del insufrible tormento de las moscas_; aber trotz dieses beständigen

Jammerns ziehen sie doch, und zwar mit einer gewissen Vorliebe, in die

Handelsstädte Angostura, Santa Martha und Rio la Hacha. So sehr gewöhnt

man sich an ein Uebel, das man zu jeder Tagesstunde zu erdulden hat, daß

die drei Missionen San Borja, Atures und Esmeralda, wo es, nach dem

hyperbolischen Ausdruck der Mönche, »mehr Mücken als Luft« gibt (_mas

moscas que ayre_), unzweifelhaft blühende Städte würden, wenn der Orinoco

den Colonisten zum Austausch der Produkte dieselben Vortheile gewährte,

wie der Ohio und der untere Mississippi. Wo es sehr viele Insekten gibt,

nimmt zwar die Bevölkerung langsamer zu, aber gänzlicher Stillstand tritt

deßhalb doch nicht ein; die Weißen lassen sich aus diesem Grunde nur da

nicht nieder, wo bei den commerciellen und politischen Verhältnissen des

Landes kein erklecklicher Vortheil in Aussicht steht.

Ich habe anderswo in diesem Werke des merkwürdigen Umstandes Erwähnung

gethan, daß die in der heißen Zone geborenen Weißen barfuß ungestraft in

demselben Zimmer herumgehen, in dem ein frisch angekommener Europäer

Gefahr läuft, *Niguas* oder *Chiques*, Sandflöhe (_Pulex penetrans_) zu

bekommen. Diese kaum sichtbaren Thiere graben sich unter die Zehennägel

ein und werden, bei der raschen Entwicklung der in einem eigenen Sack am

Bauche des Insekts liegenden Eier, so groß wie eine kleine Erbse. Die

*Nigua* unterscheidet also, was die feinste chemische Analyse nicht

vermöchte, Zellgewebe und Blut eines Europäers von dem eines weißen

Creolen. Anders bei den Stechfliegen. Trotz allem, was man darüber an den

Küsten von Südamerika hört, fallen diese Insekten die Eingeborenen so gut

an wie die Europäer; nur die Folgen des Stichs sind bei beiden

Menschenracen verschieden. Dieselbe giftige Flüssigkeit, in die Haut eines

kupferfarbigen Menschen von indianischer Race und eines frisch

angekommenen Weißen gebracht, bringt beim ersteren keine Geschwulst

hervor, beim letzteren dagegen harte, stark entzündete Beulen, die mehrere

Tage schmerzen. So verschieden reagirt das Hautsystem, je nachdem die

Organe bei dieser oder jener Race, bei diesem oder jenem Individuum mehr

oder weniger reizbar sind.

Ich gebe hier mehrere Beobachtungen, aus denen klar hervorgeht, daß die

Indianer, überhaupt alle Farbigen, so gut wie die Weißen Schmerz

empfinden, wenn auch vielleicht in geringerem Grade. Bei Tage, selbst

während des Ruderns, schlagen sich die Indianer beständig mit der flachen

Hand heftig auf den Leib, um die Insekten zu verscheuchen. Im Schlaf

schlagen sie, ungestüm in allen ihren Bewegungen, auf sich und ihre

Schlafkameraden, wie es kommt. Bei ihren derben Hieben denkt man an das

persische Mährchen vom Bären, der mit seiner Tatze die Fliegen auf der

Stirne seines schlafenden Herrn todtschlägt. Bei Maypures sahen wir junge

Indianer im Kreise sitzen und mit am Feuer getrockneter Baumrinde einander

grausam den Rücken zerreiben. Mit einer Geduld, deren nur die

kupfersarbige Race fähig ist, waren indianische Weiber beschäftigt, mit

einem spitzen Knochen die kleine Masse geronnenen Bluts in der Mitte jeden

Stichs, die der Haut ein geflecktes Aussehen gibt, auszustechen. Eines der

barbarischsten Völker am Orinoco, die Ottomacas, kennt den Gebrauch der

_Mosquiteros_ (Fliegennetze), die aus den Fasern der Murichipalme gewoben

werden. Wir haben oben gesehen, daß die Farbigen in Higuerote an der Küste

von Caracas sich zum Schlafen in den Sand graben. In den Dörfern am

Magdalenenfluß forderten uns die Indianer oft auf, uns mit ihnen bei der

Kirche auf der *plaza grande* auf Ochsenhäute zu legen. Man hatte daselbst

alles Vieh aus der Umgegend zusammen getrieben, denn in der Nähe desselben

findet der Mensch ein wenig Ruhe. Wenn die Indianer am obern Orinoco und

am Cassiquiare sahen, daß Bonpland wegen der unaufhörlichen Moskitoplage

seine Pflanzen nicht einlegen konnte, forderten sie ihn auf, in ihre

_Hornitos_ (Oefen) zu gehen. So heißen kleine Gemächer ohne Thüre und

Fenster, in die man durch eine ganz niedrige Oeffnung auf dem Bauche

kriecht. Mittelst eines Feuers von feuchtem Strauchwerk, das viel Rauch

gibt, jagt man die Insekten hinaus und verschließt dann die Oeffnung des

Ofens. Daß man jetzt die Moskitos los ist, erkauft man ziemlich theuer;

denn bei der stockenden Luft und dem Rauch einer Copalfackel, die den Ofen

beleuchtet, wird es entsetzlich heiß darin. Bonpland hat mit einem Muth

und einer Geduld, die das höchste Lob verdienen, viele hundert Pflanzen in

diesen Hornitos der Indianer getrocknet.

Die Mühe, die sich die Eingebornen geben, um die Insektenplage zu lindern,

beweist hinlänglich, daß der kupferfarbige Mensch, trotz der verschiedenen

Organisation seiner Haut, für die Mückenstiche empfindlich ist, so gut wie

der Weiße; aber, wir wiederholen es, beim ersteren scheint der Schmerz

nicht so stark zu seyn und der Stich hat nicht die Geschwulst zur Folge,

die mehrere Wochen lang fort und fort wiederkehrt, die Reizbarkeit der

Haut steigert und empfindliche Personen in den fieberhaften Zustand

versetzt, der allen Ausschlagskrankheiten eigen ist. Die im tropischen

Amerika geborenen Weißen und die Europäer, die sehr lange in den Missionen

in der Nähe der Wälder und an den großen Flüssen gelebt, haben weit mehr

zu leiden als die Indianer, aber unendlich weniger als frisch angekommene

Europäer. Es kommt also nicht, wie manche Reisende behaupten, auf die

Dicke der Haut an, ob der Stich im Augenblick, wo man ihn erhält, mehr

oder weniger schmerzt, und bei den Indianern tritt nicht deßhalb weniger

Geschwulst und Entzündung ein, weil ihre Haut eigenthümlich organisirt

ist; vielmehr hängen Grad und Dauer des Schmerzes von der Reizbarkeit des

Nervensystems der Haut ab. Die Reizbarkeit wird gesteigert durch sehr

warme Bekleidung, durch den Gebrauch geistiger Getränke, durch das Kratzen

an den Stichwunden, endlich, und diese physiologische Bemerkung beruht auf

meiner eigenen Erfahrung, durch zu häufiges Baden. An Orten, wo man in den

Fluß kann, weil keine Krokodile darin sind, machten Bonpland und ich die

Erfahrung, daß das Baden, wenn man es übertreibt, zwar den Schmerz der

alten Schnakenstiche linderte, aber uns für neue Stiche weit empfindlicher

machte. Badet man mehr als zweimal täglich, so versetzt man die Haut in

einen Zustand nervöser Reizbarkeit, von dem man sich in Europa keinen

Begriff machen kann. Es ist einem, als zöge sich alle Empfindung in die

Hautdecken.

Da die Moskitos und die Schnaken zwei Dritttheile ihres Lebens im Wasser

zubringen, so ist es nicht zu verwundern, daß in den von großen Flüssen

durchzogenen Wäldern diese bösartigen Insekten, je weiter vom Ufer weg,

desto seltener werden. Sie scheinen sich am liebsten an den Orten

aufzuhalten, wo ihre Verwandlung vor sich gegangen ist und wo sie

ihrerseits bald ihre Eier legen werden. Daher gewöhnen sich auch die

wilden Indianer (_Indios monteros_) um so schwerer an das Leben in den

Missionen, da sie in den christlichen Niederlassungen eine Plage

auszustehen haben, von der sie daheim im innern Lande fast nichts wissen.

Man sah in Maypures, Atures, Esmeralda Eingeborene _al monte_ (in die

Wälder) laufen, einzig aus Furcht vor den Moskitos. Leider sind gleich

Anfangs alle Missionen am Orinoco zu nahe am Flusse angelegt worden. In

Esmeralda versicherten uns die Einwohner, wenn man das Dorf auf eine der

schönen Ebenen um die hohen Berge des Duida und Maraguaca verlegte, so

könnten sie freier athmen und fänden einige Ruhe. _La nube de moscos_ die

Mückenwolke -- so sagen die Mönche -- schwebt nur über dem Orinoco und

seinen Nebenflüssen; die Wolke zertheilt sich mehr und mehr, wenn man von

den Flüssen weggeht, und man machte sich eine ganz falsche Vorstellung von

Guyana und Brasilien, wenn man den großen, 400 Meilen breiten Wald

zwischen den Quellen der Madeira und dem untern Orinoco nach den

Flußthälern beurtheilte, die dadurch hinziehen.

Man sagte mir, die kleinen Insekten aus der Familie der Nemoceren wandern

von Zeit zu Zeit, wie die gesellig lebenden Affen der Gruppe der Alouaten.

Man sieht an gewissen Orten mit dem Eintritt der Regenzeit Arten

erscheinen, deren Stich man bis dahin nicht empfunden. Auf dem

Magdalenenfluß erfuhren wir, in Simiti habe man früher keine andere

Culexart gekannt als den *Jejen*. Man hatte bei Nacht Ruhe, weil der Jejen

kein Nachtinsekt ist. Seit dem Jahr 1801 aber ist die große Schnake mit

blauen Flügeln (_Culex __ cyanopterus_) in solchen Massen erschienen, daß

die armen Einwohner von Simiti nicht wissen, wie sie sich Nachtruhe

verschaffen sollen. In den sumpfigten Kanälen (_esteros_) auf der Insel

Baru bei Carthagena lebt eine kleine weißlichte Mücke, *Cafasi* genannt.

Sie ist mit dem bloßen Auge kaum sichtbar und verursacht doch äußerst

schmerzhafte Geschwülste. Man muß die *Toldos* oder Baumwollengewebe, die

als Mückennetze dienen, anfeuchten, damit der Cafasi nicht zwischen den

gekreuzten Fäden durchschlüpfen kann. Dieses zum Glück sonst ziemlich

seltene Insekt geht im Januar auf dem Kanal oder _Dique_ von Mahates bis

Morales hinauf. Als wir im Mai in dieses Dorf kamen, trafen wir Mücken der

Gattung _Simulium_ und Zancudos an, aber keine Jejen mehr.

Kleine Abweichungen in Nahrung und Klima scheinen bei denselben Mücken-

und Schnakenarten auf die Wirksamkeit des Giftes, das die Thiere aus ihrem

schneidenden und am untern Ende gezahnten Saugrüssel ergießen, Einfluß zu

äußern. Am Orinoco sind die lästigsten oder, wie die Creolen sagen, die

wildesten (_los mas feroces_) Insekten die an den großen Katarakten, in

Esmeralda und Mandavaca. Im Magdalenenstrom ist der _Culex cyanopterus_

besonders in Mompox, Chilloa und Tamalameque gefürchtet. Er ist dort

größer und stärker und seine Beine sind schwärzer. Man kann sich des

Lächelns nicht enthalten, wenn man die Missionäre über Größe und

Gefräßigkeit der Moskitos in verschiedenen Strichen desselben Flusses

streiten hört. Mitten in einem Lande, wo man gar nicht weiß, was in der

übrigen Welt vorgeht, ist dieß das Lieblingsthema der Unterhaltung. »Wie

sehr bedaure ich Euch!« sagte beim Abschied der Missionär aus den Raudales

zu dem am Cassiquiare. »Ihr seyd allein, wie ich, in diesem Lande der

Tiger und der Affen; Fische gibt es hier noch weniger, und heißer ist es

auch; was aber meine Mücken (_mis moscas_) anbelangt, so darf ich mich

rühmen, daß ich mit Einer von den meinen drei von den Euren schlage.«

Diese Gefräßigkeit der Insekten an gewißen Orten, diese Blutgier, womit

sie den Menschen anfallen,(45) die ungleiche Wirksamkeit des Giftes bei

derselben Art sind sehr merkwürdige Erscheinungen; es stellen sich ihnen

jedoch andere aus den Classen der großen Thiere zur Seite. In Angostura

greift das Krokodil den Menschen an, während man in Nueva Barcelona im Rio

Neveri mitten unter diesen fleischfressenden Reptilien ruhig badet. Die

Jaguars in Maturin, Cumanacoa und auf der Landenge von Panama sind feig

denen am obern Orinoco gegenüber. Die Indianer wissen recht gut, daß die

Affen aus diesem und jenem Thale leicht zu zähmen sind, während Individuen

derselben Art, die man anderswo fängt, lieber Hungers sterben, als sich in

die Gefangenschaft ergeben.

Das Volk in Amerika hat sich hinsichtlich der Gesundheit der Gegenden und

der Krankheitserscheinungen Systeme gebildet, ganz wie die Gelehrten in

Europa, und diese Systeme widersprechen sich, gleichfalls wie bei uns, in

den verschiedenen Provinzen, in die der neue Continent zerfällt, ganz und

gar. Am Magdalenenfluß findet man die vielen Moskitos lästig, aber sie

gelten für sehr gesund. »Diese Thiere,« sagen die Leute, »machen uns

kleine Aderläßen und schützen uns in einem so furchtbar heißen Land vor

dem _Tabardillo_, dem Scharlachfieber und andern entzündlichen

Krankheiten.« Am Orinoco, dessen Ufer höchst ungesund sind, schreiben die

Kranken alle ihre Leiden den Moskitos zu. »Diese Insekten entstehen aus

der Fäulniß und vermehren sie; sie entzünden das Blut (_vician y incienden

la sangre_).« Der Volksglaube, als wirkten die Moskitos durch örtliche

Blutentziehung heilsam, braucht hier nicht widerlegt zu werden. Sogar in

Europa wissen die Bewohner sumpfigter Länder gar wohl, daß die Insekten

das Hautsystem reizen, und durch das Gift, das sie in die Wunden bringen,

die Funktionen desselben steigern. Durch die Stiche wird der entzündliche

Zustand der Hautbedeckung nicht nur nicht vermindert, sondern gesteigert.

Die Menge der Schnaken und Mücken deutet nur insofern auf die Ungesundheit

einer Gegend hin, als Entwicklung und Vermehrung dieser Insekten von

denselben Ursachen abhängen, aus denen Miasmen entstehen. Diese lästigen

Thiere lieben einen fruchtbaren, mit Pflanzen bewachsenen Boden, stehendes

Wasser, eine feuchte, niemals vom Winde bewegte Luft; statt freier Gegend

suchen sie den Schatten auf, das Halbdunkel, den mittleren Grad von Licht,

Wärmestoff und Feuchtigkeit, der dem Spiel chemischer Affinitäten Vorschub

leistet und damit die Fäulniß organischer Substanzen beschleunigt. Tragen

die Moskitos an sich zur Ungesundheit der Luft bei? Bedenkt man, daß bis

auf 3--4 Toisen vom Boden im Cubikfuß Luft häufig eine Million geflügelter

Insekten(46) enthalten ist, die eine ätzende, giftige Flüssigkeit bei sich

führen; daß mehrere Culexarten vom Kopf bis zum Ende des Bruststücks (die

Füße ungerechnet) 1-1/5 Linien lang sind; endlich daß in dem Schnaken- und

Mückenschwarm, der wie ein Rauch die Luft erfüllt, sich eine Menge todter

Insekten befinden, die durch den aufsteigenden Luftstrom, oder durch

seitliche, durch die ungleiche Erwärmung des Bodens erzeugte Ströme

fortgerissen werden, so fragt man sich, ob eine solche Anhäufung von

thierischen Stoffen in der Luft nicht zur örtlichen Bildung von Miasmen

Anlaß geben muß? Ich glaube, diese Substanzen wirken anders auf die Luft

als Sand und Staub; man wird aber gut thun, in dieser Beziehung keine

Behauptung aufzustellen. Von den vielen Räthseln, welche das Ungesundseyn

der Luft uns aufgibt, hat die Chemie noch keines gelöst; sie hat uns nur

soviel gelehrt, daß wir gar Vieles nicht wissen, was wir vor fünfzehn

Jahren Dank den sinnreichen Träumen der alten Eudiometrie zu wissen

meinten.

Nicht so ungewiß und fast durch tägliche Erfahrung bestätigt ist der

Umstand, daß am Orinoco, am Cassiquiare, am Rio Caura, überall wo die Luft

sehr ungesund ist, der Stich der Moskitos die Disposition der Organe zur

Aufnahme der Miasmen steigert. Wenn man Monatelang Tag und Nacht von den

Insekten gepeinigt wird, so erzeugt der beständige Hautreiz fieberhafte

Aufregung und schwächt, in Folge des schon so frühe erkannten Antagonismus

zwischen dem gastrischen und dem Hautsystem, die Verrichtung des Magens.

Man fängt an schwer zu verdauen, die Entzündung der Haut veranlaßt profuse

Schweiße, den Durst kann man nicht löschen, und auf die beständig

zunehmende Unruhe folgt bei Personen von schwacher Constitution eine

geistige Niedergeschlagenheit, in der alle pathogenischen Ursachen sehr

heftig einwirken. Gegenwärtig sind es nicht mehr die Gefahren der

Schifffahrt in kleinen Canoes, nicht die wilden Indianer oder die

Schlangen, die Krokodile oder die Jaguars, was den Spaniern die Reise auf

dem Orinoco bedenklich macht, sondern nur, wie sie naiv sich ausdrücken,

_el sudar y las moscas_ (der Schweiß und die Mücken). Es ist zu hoffen,

daß der Mensch, indem er die Bodenfläche umgestaltet, damit auch die

Beschaffenheit der Luft allmälig umändert. Die Insekten werden sich

vermindern, wenn einmal die alten Bäume im Wald verschwunden sind und man

in diesen öden Ländern die Stromufer mit Dörfern besetzt, die Ebenen mit

Weiden und Fruchtfeldern bedeckt sieht.

Wer lange in von Moskitos heimgesuchten Ländern gelebt hat, wird gleich

uns die Erfahrung gemacht haben, daß es gegen die Insektenplage kein

Radikalmittel gibt. Die mit Onoto, Bolus oder Schildkrötenfett

beschmierten Indianer klatschen sich jeden Augenblick mit der flachen Hand

auf Schultern, Rücken und Beine, ungefähr wie wenn sie gar nicht *bemalt*

wären. Es ist überhaupt zweifelhaft, ob das Bemalen Erleichterung

verschafft; soviel ist aber gewiß, daß es nicht schützt. Die Europäer, die

eben erst an den Orinoco, den Magdalenenstrom, den Guayaquil oder den Rio

Chagre kommen (ich nenne hier die vier Flüsse, wo die Insekten am

furchtbarsten sind), bedecken sich zuerst Gesichts und Hände; bald aber

fühlen sie eine unerträgliche Hitze, die Langeweile, da sie gar nichts

thun können, drückt sie nieder, und am Ende lassen sie Gesicht und Hände

frei. Wer bei der Flußschifffahrt auf jede Beschäftigung verzichten

wollte, könnte aus Europa eine eigens verfertigte, sackförmige Kleidung

mitbringen, in die er sich steckte und die er nur alle halbe Stunden

aufmachte; der Sack müßte durch Fischbeinreife ausgespannt seyn, denn eine

bloße Maske und Handschuhe wären nicht zu ertragen. Da wir am Boden auf

Häuten oder in Hängematten lagen, hätten wir uns auf dem Orinoco der

Fliegennetze (_toldos_) nicht bedienen können. Der Toldo leistet nur dann

gute Dienste, wenn er um das Lager ein so gut verschlossenes Zelt bildet,

daß auch nicht die kleinste Oeffnung bleibt, durch die eine Schnake

schlüpfen könnte. Diese Bedingung ist aber schwer zu erfüllen, und gelingt

es auch (wie zum Beispiel bei der Bergfahrt auf dem Magdalenenstrom, wo

man mit einiger Bequemlichkeit reist), so muß man, um nicht vor Hitze zu

ersticken, den Toldo verlassen und sich in freier Luft ergehen. Ein

schwacher Wind, Rauch, starke Gerüche helfen an Orten, wo die Insekten

sehr zahlreich und gierig sind, so gut wie nichts. Fälschlich behauptet

man, die Thierchen fliehen vor dem eigenthümlichen Geruch, den das

Krokodil verbreitet. In Bataillez auf dem Wege von Carthagena nach Honda

wurden wir jämmerlich zerstochen, während wir ein eilf Fuß langes Krokodil

zerlegten, das die Luft weit umher verpestete. Die Indianer loben sehr den

Dunst von brennendem Kuhmist. Ist der Wind sehr stark und regnet es dabei,

so verschwinden die Moskitos auf eine Weile; am grausamsten stechen sie,

wenn ein Gewitter im Anzug ist, besonders wenn auf die elektrischen

Entladungen keine Regengüsse folgen.

Alles was um Kopf und Hände flattert, hilft die Insekten verscheuchen. »Je

mehr ihr euch rührt, desto weniger werdet ihr gestochen,« sagen die

Missionäre. Der Zancudo summt lange umher, ehe er sich niedersetzt; hat er

dann einmal Vertrauen gefaßt, hat er einmal angefangen, seinen Saugrüssel

einzubohren und sich voll zu saugen, so kann man ihm die Flügel berühren,

ohne daß er sich verscheuchen läßt. Er streckt während dessen seine beiden

Hinterfüße in die Luft, und läßt man ihn ungestört sich satt saugen, so

bekommt man keine Geschwulst, empfindet keinen Schmerz. Wir haben diesen

Versuch im Thale des Magdalenenstroms nach dem Rathe der Indianer oft an

uns selbst gemacht. Man fragt sich, ob das Insekt die reizende Flüssigkeit

erst im Augenblick ergießt, wo es wegfliegt, wenn man es verjagt, oder ob

es die Flüssigkeit wieder aufpumpt, wenn man es saugen läßt, soviel es

will? Letztere Annahme scheint mir die wahrscheinlichere; denn hält man

dem _Culex cyanopterus_ ruhig den Handrücken hin, so ist der Schmerz

anfangs sehr heftig, nimmt aber immer mehr ab, je mehr das Insekt

fortsaugt, und hört ganz auf im Moment, wo es von selbst fortfliegt. Ich

habe mich auch mit einer Nadel in die Haut gestochen und die Stiche mit

zerdrückten Moskitos (_mosquitos machucados_) gerieben, es folgte aber

keine Geschwulst darauf. Die reizende Flüssigkeit der _Diptera Nemocera_

die nach den bisherigen chemischen Untersuchungen sich nicht wie eine

Säure verhält, ist, wie bei den Ameisen und andern Hymenopteren, in

eigenen Drüsen enthalten; dieselbe ist wahrscheinlich zu sehr verdünnt und

damit zu schwach, wenn man die Haut mit dem ganzen zerdrückten Thiere

reibt.

Ich habe am Ende dieses Kapitels Alles zusammengestellt, was wir auf

unsern Reisen über Erscheinungen in Erfahrung bringen konnten, die bisher

von der Naturforschung auffallend vernachlässigt wurden, obgleich sie auf

das Wohl der Bevölkerung, die Gesundheit der Länder und die Gründung neuer

Colonien an den Strömen des tropischen Amerika von bedeutendem Einfluß

sind. Ich bedarf wohl keiner Rechtfertigung, daß ich diesen Gegenstand mit

einer Umständlichkeit behandelt habe, die kleinlich erscheinen könnte,

fiele nicht derselbe unter einen allgemeineren physiologischen

Gesichtspunkt. Unsere Einbildungskraft wird nur vom Großen stark angeregt,

und so ist es Sache der Naturphilosophie, beim Kleinen zu verweilen. Wir

haben gesehen, wie geflügelte, gesellig lebende Insekten, die in ihrem

Saugrüssel eine die Haut reizende Flüssigkeit bergen, große Länder fast

unbewohnbar machen. Andere, gleichfalls kleine Insekten, die Termiten

(_Comejen_), setzen in mehreren heißen und gemäßigten Ländern des

tropischen Erdstrichs der Entwicklung der Cultur schwer zu besiegende

Hindernisse entgegen. Furchtbar rasch verzehren sie Papier, Pappe,

Pergament; sie zerstören Archive und Bibliotheken. In ganzen Provinzen von

spanisch Amerika gibt es keine geschriebene Urkunde, die hundert Jahre alt

wäre. Wie soll sich die Cultur bei den Völkern entwickeln, wenn nichts

Gegenwart und Vergangenheit verknüpft, wenn man die Niederlagen

menschlicher Kenntnisse öfters erneuern muß, wenn die geistige

Errungenschaft der Nachwelt nicht überliefert werden kann?

Je weiter man gegen die Hochebene des Anden hinaufkommt, desto mehr

schwindet diese Plage. Dort athmet der Mensch eine frische, reine Luft,

und die Insekten stören nicht mehr Tagesarbeit und Nachtruhe. Dort kann

man Urkunden in Archiven niederlegen, ohne Furcht vor gefährlichen

Termiten. In 200 Toisen Meereshöhe fürchtet man die Mücken nicht mehr; die

Termiten sind in 300 Toisen Höhe noch sehr häufig, aber in Mexico, Santa

Fe de Bogota und Quito kommen sie selten vor. In diesen großen

Hauptstädten auf dem Rücken der Cordilleren findet man Bibliotheken und

Archive, die sich durch die Theilnahme gebildeter Bewohner täglich

vermehren. Zu diesen Verhältnissen, die ich hier nur flüchtig berühre,

kommen andere, welche der Alpenregion das moralische Uebergewicht über die

niedern Regionen des heißen Erdstrichs sichern. Nimmt man nach den uralten

Ueberlieferungen in beiden Welten an, in Folge der Erdumwälzungen, die der

Erneuerung unseres Geschlechts vorangegangen, sey der Mensch von den

Gebirgen in die Niederungen herabgestiegen, so läßt sich noch weit

bestimmter annehmen, daß diese Berge, die Wiege so vieler und so

verschiedener Völker, in der heißen Zone für alle Zeit der Mittelpunkt der

Gesittung bleiben werden. Von diesen fruchtbaren, gemäßigten Hochebenen,

von diesen Inseln im Ocean der Luft, werden sich Aufklärung und der Segen

gesellschaftlicher Einrichtungen über die unermeßlichen Wälder am Fuße der

Anden verbreiten, die jetzt noch von Stämmen bewohnt sind, welche eben die

Fülle der Natur in Trägheit niedergehalten hat.

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Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3. · 第 13 / 29 题