Die Mündung des Rio Anaveni. -- Der Pic Uniana. -- Die Mission
Atures. -- Der Katarakt oder Raudal Mapara. -- Die Inseln
Surupamana und Uirapuri.
Auf seinem Lauf von Süd nach Nord streicht über den Orinocostrom eine
Kette von Granitbergen. Zweimal in seinem Laufe gehemmt, bricht er sich
tosend an den Felsen, welche Staffeln und Querdämme bilden. Nichts
großartiger als dieses Landschaftsbild. Weder der Fall des Tequendama bei
Santa Fe de Bogota, noch die gewaltige Naturscenerie der Cordilleren
vermochten den Eindruck zu verwischen, den die Stromschnellen von Atures
und Maypures auf mich machten, als ich sie zum erstenmale sah. Steht man
so, daß man die ununterbrochene Reihe von Katarakten, die ungeheure, von
den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete Schaum- und Dunstfläche
mit Einem Blicke übersieht, so ist es, als sähe man den ganzen Strom über
seinem Bette hängen.
So ausgezeichnete Naturbildungen mußten schon seit Jahrhunderten bei den
Bewohnern der neuen Welt Aufmerksamkeit erregen. Als Diego de Ordaz,
Alfonso de Herera und der unerschrockene RALEGH in der Mündung des Orinoco
vor Anker gingen, wurde ihnen Kunde von den großen Katarakten aus dem
Munde von Indianern, die niemals dort gewesen; sie verwechsclten sie sogar
mit weiter ostwärts, gelegenen Fällen. Wie sehr auch in der heißen Zone
die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses dem Verkehr unter den Völkern
hinderlich ist, Alles, was sich auf den Lauf der großen Ströme bezieht,
erlangt einen Ruf, der sich in ungeheure Fernen verbreitet. Gleich Armen
von Binnenmeeren durchziehen der Orinoco, Amazonenstrom und Uruguay einen
mit Wäldern bedeckten Landstrich, auf dem Völker hausen, die zum Theil
Menschenfresser sind. Noch ist es nicht zwei Jahrhunderte her, seit die
Cultur und das sanfte Licht einer menschlicheren Religion an den Ufern
dieser uralten, von der Natur gegrabenen Kanäle aufwärts ziehen; aber
lange vor Einführung des Ackerbaus, ehe zwischen den zerstreuten, oft sich
befehdenden Horden ein Tauschverkehr zu Stande kam, verbreitete sich auf
tausend zufälligen Wegen die Kunde von außerordentlichen
Naturerscheinungen, von Wasserfällen, vulkanischen Flammen, vom Schnee,
der vor der Hitze des Sommers nicht weicht. Dreihundert Meilen von den
Küsten, im Herzen von Südamerika, unter Völkern, deren Wanderungen sich in
den Grenzen von drei Tagereisen halten, findet man die Kunde vom Ocean,
findet man Worte zur Bezeichnung einer Masse von Salzwasser, die sich
hinbreitet, soweit das Auge reicht. Verschiedene Vorfälle, wie sie im
Leben des Wilden nicht selten sind, helfen zur Verbreitung solcher
Kenntnisse. In Folge der kleinen Kriege zwischen benachbarten Horden wird
ein Gefangener in ein fremdes Land geschleppt, wo er als _‘Poito’_ oder
_‘Mero’_, das heißt als Sklave behandelt wird. Nachdem er mehreremale
verkauft und wieder im Kriege gebraucht worden, entkommt er und kehrt zu
den Seinigen zurück. Da erzählt er denn, was er gesehen, was er andere hat
erzählen hören, deren Sprache er hat lernen müssen. So kommt es, daß man,
wenn man eine Rippe findet, von den großen Thieren weit im innern Lande
sprechen hört; so kommt es, daß man, wenn man das Thal eines großen
Flusses betritt, mit Ueberraschung sieht, wie viel die Wilden, die gar
nicht auf dem Wasser fahren, von weit entlegenen Dingen zu sagen wissen.
Auf den ersten Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung tritt in gewissem
Grade der Gedankenaustausch früher ein als der Tausch von Erzeugnissen.
Die beiden großen Katarakten des Orinoco, die eines so ausgebreiteten,
uralten Rufs genießen, entstehen dadurch, daß der Strom die Berge der
Parime durchbricht [S. Band II. Seite 374]. Bei den Eingeborenen heißen
sie *Mapara* und *Quittuna*; aber die Missionäre haben dafür Atures und
Maypures gesetzt nach den Namen der beiden Stämme, die sie in den beiden
den Fällen zunächst gelegenen Dörfern zusammengebracht. An den Küsten von
Caracas nennt man die zwei großen Katarakten einfach: die zwei
*Raudales*(25) (Stromschnellen), was darauf hindeutet, daß man die andern
Fälle, sogar die Stromschnellen von Camiseta und Carichana, gegenüber den
Katarakten von Apures und Maypures gar nicht der Beachtung werth findet.
Letztere liegen unter dem 5. und 6. Grad nördlicher Breite, hundert Meilen
westwärts von den Cordilleren von Neu-Grenada, im Meridian von Porto
Cabello, und nur zwölf Meilen von einander. Es ist sehr auffallend, daß
D’ANVILLE nichts von denselben gewußt hat, da er doch auf seiner schönen
großen Karte von Südamerika die unbedeutenden Fälle von Marimara und San
Borja unter dem Namen Stromschnellen von Carichana und Tabaje angibt. Die
großen Katarakten theilen die christlichen Niederlassungen in spanisch
Guyana in zwei ungleiche Hälften. *Missionen am untern Orinoco* heißen die
zwischen dem Raudal von Atures und der Strommündung; unter den *Missionen
am obern Orinoco* sind die Dörfer zwischen dem Raudal von Maypures und den
Bergen des Duida verstanden. Der Lauf des untern Orinoco ist, wenn man mit
LA CONDAMINE die Krümmungen auf ein Drittheil der geraden Richtung
schätzt, 260 Seemeilen, der des obern Orinoco, die Quellen drei Grad
ostwärts vom Duida angenommen, 167 Meilen lang.
Jenseits der großen Katarakten beginnt ein unbekanntes Land. Es ist ein
zum Theil gebirgigter, zum Theil ebener Landstrich, über den die
Nebenflüsse sowohl des Amazonenstroms als des Orinoco ziehen. Wegen des
leichten Verkehrs mit dem Rio Negro und Gran Para scheint derselbe
vielmehr Brasilien als den spanischen Colonien anzugehören. Keiner der
Missionäre, die vor mir den Orinoco beschrieben haben, die Patres GUMILLA,
GILI und CANLIN, ist über den Raudal von Maypures hinaufgekommen.
Letzterer hat allerdings eine ziemlich genaue Topographie vom obern
Orinoco und vom Cassiquiare geliefert, aber nur nach den Angaben von
Militärs, die SOLANOs Expedition mitgemacht. Oberhalb der großen
Katarakten fanden wir längs des Orinoco auf einer Strecke von hundert
Meilen nur drei christliche Niederlassungen, und in denselben waren kaum
sechs bis acht Weiße, das heißt Menschen europäischer Abkunft. Es ist
nicht zu verwundern, daß ein so ödes Land von jeher der classische Boden
für Sagen und Wundergeschichten war. Hieher versetzten ernste Missionäre
die Völker, die Ein Auge auf der Stirne, einen Hundskopf oder den Mund
unter dem Magen haben; hier fanden sie Alles wieder, was die Alten von den
Garamanten, den Arimaspen und den Hyperboräern erzählen. Man thäte den
schlichten, zuweilen ein wenig rohen Missionären Unrecht, wenn man
glaubte, sie selbst haben diese übertriebenen Mähren erfunden; sie haben
sie vielmehr großentheils den Indianergeschichten entnommen. In den
Missionen erzählt man gern, wie zur See, wie im Orient, wie überall, wo
man sich langweilt. Ein Missionär ist schon nach Standesgebühr nicht zum
Sceptirismus geneigt; er prägt sich ein, was ihm die Eingeborenen so oft
vorgesagt, und kommt er nach Europa, in die civilisirte Welt zurück, so
findet er eine Entschädigung für seine Beschwerden in der Lust, durch die
Erzählung von Dingen, die er als Thatsachen aufgenommen, durch lebendige
Schilderung des im Raum so weit Entrückten, die Leute in Verwunderung zu
setzen. Ja, diese _cuentos de viageros y frailes_ werden immer
unwahrscheinlicher, je weiter man von den Wäldern am Orinoco weg den
Küsten zu kommt, wo die Weißen wohnen. Läßt man in Cumana, Nueva Barcelona
und in andern Seehäfen, die starken Verkehr mit den Missionen haben,
einigen Unglauben merken, so schließt man einem den Mund mit den wenigen
Worten: »Die Patres haben es gesehen, aber weit über den großen
Katarakten, _mos ariba de los Raudales._«
Jetzt, da wir ein so selten besuchtes, von denen, die es bereist, nur zum
Theil beschriebenes Land betreten, habe ich mehrere Gründe, meine
Reisebeschreibung auch ferner in der Form eines Tagebuchs fortzusetzen.
Der Leser unterscheidet dabei leichter, was ich selbst beobachtet, und was
ich nach den Aussagen der Missionäre und Indianer berichte; er begleitet
die Reisenden bei ihren täglichen Beschäftigungen; er sieht zugleich, wie
wenig Zeit ihnen zu Gebot stand und mit welchen Schwierigkeiten sie zu
kämpfen hatten, und wird in seinem Urtheil nachsichtiger.
Am 15. April. Wir brachen von der Insel Panumana um vier Uhr Morgens aus,
zwei Stunden vor Sonnenaufgang; der Himmel war großentheils bedeckt und
durch dickes, über 40 Grad hoch stehendes Gewölk fuhren Blitze. Wir
wunderten uns, daß wir nicht donnern hörten: kam es daher, daß das
Gewitter so ausnehmend hoch stand? Es kam uns vor, als würden in Europa
die elektrischen Schimmer ohne Donner, das Wetterleuchten, wie man es mit
unbestimmtem Ausdruck nennt, in der Regel weit näher am Horizont gesehen.
Beim bedeckten Himmel, der die strahlende Wärme des Bodens zurückwarf, war
die Hitze erstickend; kein Lüftchen bewegte das Laub der Bäume. Wie
gewöhnlich waren die Jaguars über den Flußarm zwischen uns und dem Ufer
herübergekommen, und wir hörten sie ganz in unserer Nähe brüllen. Im Lauf
der Nacht hatten uns die Indianer gerathen, aus dem Bivouac in eine
verlassene Hütte zu ziehen, die zu den _‘Conucos’_ der Einwohner von
Apures gehört; sie verrammelten den Eingang mit Brettern, was uns ziemlich
überflüssig vorkam. Die Tiger sind bei den Katarakten so häufig, daß vor
zwei Jahren ein Indianer, der am Ende der Regenzeit, eben hier in den
Conucos von Panumana, seine Hütte wieder aufsuchte, dieselbe von einem
Tigerweibchen mit zwei Jungen besetzt sand. Die Thiere hatten sich seit
mehreren Monaten hier aufgehalten; nur mit Mühe brachte man sie hinaus,
und erst nach hartnäckigem Kampfe konnte der Eigenthümer einziehen. Die
Jaguars ziehen sich gern in verlassene Bauten, und nach meiner Meinung
thut der einzelne Reisende meist klüger, unter freiem Himmel zwischen zwei
Feuern zu übernachten, als in unbewohnten Hütten Schutz zu suchen.
Bei der Abfahrt von der Insel Panumana sahen wir auf dem westlichen
Stromufer die Lagerfeuer wilder Guahibos; der Missionär, der bei uns war,
ließ einige blinde Schüsse abfeuern, um sie einzuschüchtern, sagte er, und
ihnen zu zeigen, daß wir uns wehren könnten. Die Wilden hatten ohne
Zweifel keine Canoes und wohl auch keine Lust, uns mitten auf dem Strom zu
Leibe zu gehen. Bei Sonnenaufgang kamen wir am Einfluß des Rio Anaveni
vorüber, der von den östlichen Bergen herabkommt. Jetzt sind seine Ufer
verlassen; aber zur Jesuitenzeit hatte Pater Olmos hier Japuin- oder
Jaruro-Indianer in einem kleinen Dorfe zusammengebracht. Die Hitze am Tage
war so stark, daß wir lange an einem schattigen Platze hielten und mit der
Leine fischten. Wir konnten die Fische, die wir gefangen, kaum alle
fortbringen. Erst ganz spät langten wir unmittelbar unter dem großen
Katarakt in einer Bucht an, die der *untere Hafen* (_puerto de abaxo_)
heißt, und gingen, bei der dunkeln Nacht nicht ohne Beschwerde, auf
schmalem Fußpfad in die Mission Atures, eine Meile vom Flußufer. Man kommt
dabei über eine mit großen Granitblöcken bedeckte Ebene.
Das kleine Dorf *San Juan Nepomuceno de los Atures* wurde im Jahr 1748 vom
Jesuiten Pater Francisco Gonzales angelegt. Es ist stromaufwärts die
letzte vom Orden des heiligen Ignatius gegründete christliche
Niederlassung. Die weiter nach Süd gelegenen Niederlassungen am Atabapo,
Cassiquiare und Rio Negro rühren von den dem Franciskanerorden
angehörenden Observanten her. Wo jetzt das Dorf Atures steht, muß srüher
der Orinoco geflossen seyn, und die völlig, ebene Grasflur um das Dorf war
ohne Zweifel ein Stück des Flußbetts. Oestlich von der Mission sah ich
eine Felsreihe, die mir das alte Flußufer zu seyn schien. Im Lauf der
Jahrhunderte wurde der Strom gegen West hinübergedrängt, weil den
östlichen Bergen zu, von denen viele Wildwasser herabkommen, die
Anschwemmungen stärker sind. Der Katarakt heißt, wie oben bemerkt, Mapara,
während das Dorf nach dem Volke der Atures genannt ist, das man jetzt für
ausgestorben hält. Auf den Karten des siebzehnten Jahrhunderts finde ich:
»Insel und Katarakt *Athule*;« dieß ist *Atures* nach der Aussprache der
Tamanacas, die, wie so viele Völker, die Consonanten l und r verwechseln.
Noch bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war dieses gebirgigte Land
in Europa so wenig bekannt, daß D’ANVILLE in der ersten Ausgabe seines
_Südamerika_ beim *Salto de los Atures* vom Orinoco einen Arm abgehen
läßt, der sich in den Amazonenstrom ergießt und der bei ihm Rio Negro
heißt.
Die alten Karten, sowie Pater GUMILLA in seinem Werke, setzen die Mission
unter 1° 30′ der Breite; der Abbé GILI gibt 3° 30′ an. Nach Meridianhöhen
des Canopus und des α des südlichen Kreuzes fand ich 5° 38′ 4″ Breite und
durch Uebertrag der Zeit 4 Stunden 41 Minuten 17 Secunden westliche Länge
vom Pariser Meridian. Die Inclination der Magnetnadel war am 16. April
30°25; 223 Schwingungen in 10 Zeitminuten gaben das Maß der Intensität der
magnetischen Kraft; in Paris sind es 245 Schwingungen.
Wir fanden die kleine Mission in der kläglichsten Verfassung. Zur Zeit von
SOLANOs Expedition, gewöhnlich _‘die Grenzexpedition’_ genannt, waren noch
520 Indianer hier, und als wir über die Katarakten gingen, nur noch 47,
und der Missionär versicherte uns, mit jedem Jahr werde die Abnahme
stärker. Er zeigte uns, daß in 32 Monaten nur eine einzige Ehe ins
Kirchenbuch eingetragen worden; zwei weitere Ehen waren von noch nicht
catechisirten Indianern vor dem indianischen *Governador* geschlossen und
damit, wie wir in Europa sagen, der Civilakt vollzogen worden. Bei der
Gründung der Mission waren hier Atures, Maypures, Meyepures, Abanis und
Quirupas unter einander; statt dieser Stämme fanden wir nur Guahibos und
ein paar Familien vom Stämme der Macos. Die Atures sind fast völlig
verschwunden; man kennt sie nur noch von ihren Gräbern in der Höhle
Ataruipe her, die an die Grabstätten der Guanchen aus Teneriffa erinnern.
Wir hörten an Ort und Stelle, die Atures haben mit den Quaquas und den
Macos oder Piaroas dem großen Völkerstamme der *Salivas* angehört, wogegen
die Maypures, Abanis, Parenis und Guaypunaves Einer Abkunft seyen mit den
*Cabres* oder Caveres, die wegen ihrer langen Kriege mit den Caraiben viel
genannt werden. In diesem Wirrwarr kleiner Völkerschaften, die einander so
schroff gegenüberstehen, wie einst die Völker in Latium, Kleinasien und
Sogdiana, läßt sich das Zusammengehörige im Allgemeinsten nur an der
Sprachverwandtschaft erkennen. Die Sprachen sind die einzigen Denkmäler,
die aus der Urzeit auf uns gekommen sind; nur sie, nicht an den Boden
gefesselt, beweglich und dauernd zugleich, sind so zu sagen durch Raum und
Zeit hindurchgegangen. So zäh und über so viele Strecken verbreitet
erscheinen sie aber weit weniger bei erobernden und bei civilisirten
Völkern, als bei wandernden, halbwilden Stämmen, die auf der Flucht vor
mächtigen Feinden in ihr tiefes Elend nichts mit sich nehmen als ihre
Weiber, ihre Kinder und die Mundart ihrer Väter.
Zwischen dem vierten und achten Breitengrad bildet der Orinoco nicht nur
die Grenze zwischen dem großen Walde der Parime und den kahlen Savanen am
Apure, Meta und Guaviare, er scheidet auch Horden von sehr verschiedener
Lebensweise. Im Westen ziehen auf den baumlosen Ebenen die Guahibos,
Chiricoas und Guamos herum, ekelhaft schmutzige Völker, stolz auf ihre
wilde Unabhängigkeit, schwer an den Boden zu fesseln und an regelmäßige
Arbeit zu gewöhnen. Die spanischen Missionäre bezeichnen sie ganz gut als
_Indios andantes_ (laufende, umherziehende Indianer). Oestlich vom
Orinoco, zwischen den einander nahe liegenden Quellen des Caura, des
Cataniapo und Ventuari, hausen die Macos, Salivas, Curacicanas, Parecas
und Maquiritares, sanftmüthige, ruhige, Ackerbau treibende, leicht der
Zucht in den Missionen zu unterwerfende Völker. Der *Indianer der Ebene*
unterscheidet sich vom *Indianer der Wälder* durch Sprache, wie durch
Sitten und die ganze Geistesrichtung; beide haben eine an lebendigen,
kecken Wendungen reiche Sprache, aber die des ersteren ist rauher, kürzer,
leidenschaftlicher; beim zweiten ist sie sanfter, weitschweifiger und
reicher an abgeleiteten Ausdrücken.
In der Mission Atures, wie in den meisten Missionen am Orinoco zwischen
den Mündungen des Apure und des Atabapo, leben die eben erwähnten beiden
Arten von Volksstämmen neben einander; man trifft daselbst Indianer aus
den Wäldern und früher nomadische Indianer (_Indios monteros_ und _Indios
andantes_ oder _llaneros_. Wir besuchten mit dem Missionär die Hütten der
Macos, bei den Spaniern Piraoas genannt, und der Guahibos. In ersteren
zeigt sich mehr Sinn für Ordnung, mehr Reinlichkeit und Wohlstand. Die
unabhängigen Macos (wilde möchte ich sie nicht nennen) haben ihre
_‘Rochelas’_ oder festen Wohnplätze zwei bis drei Tagereisen östlich von
Atures bei den Quellen des kleinen Flusses Cataniapo. Sie sind sehr
zahlreich, bauen, wie die meisten Waldindianer, keinen Mais, sondern
Manioc, und leben im besten Einvernehmen mit den christlichen Indianern in
der Mission. Diese Eintracht hat der Franciskaner Pater Bernardo Zea
gestiftet und durch Klugheit erhalten. Der Alcade der *unterworfenen*
Macos verließ mit der Genehmigung des Missionärs jedes Jahr das Dorf
Atures, um ein paar Monate auf den Pflanzungen zuzubringen, die er mitten
in den Wäldern beim Dorfe der unabhängigen Macos besaß. In Folge dieses
friedlichen Verkehrs hatten sich vor einiger Zeit mehrere dieser _Indios
monteros_ in der Mission niedergelassen. Sie baten dringend um Messer,
Fischangeln und farbige Glasperlen, die trotz des ausdrücklichen Verbots
der Ordensleute nicht als Halsbänder, sondern zum Aufputz des *Guayuco*
(Gürtels) dienen. Nachdem sie das Gewünschte erhalten, gingen sie in die
Wälder zurück, da ihnen die Zucht in der Mission schlecht behagte.
Epidemische Fieber, wie sie bei Eintritt der Regenzeit nicht selten heftig
auftreten, trugen viel zu der unerwarteten Ausreißerei bei. Im Jahr 1799
war die Sterblichkeit in Carichana, am Ufer des Meta und im Raudal von
Atures sehr stark. Dem Waldindianer wird das Leben des civilisirten
Menschen zum Greuel, sobald seiner in der Mission lebenden Familie, ich
will nicht sagen ein Unglück, sondern nur unerwartet irgend etwas Widriges
zustößt. So sah man neubekehrte Indianer wegen herrschender großer
Trockenheit für immer aus den christlichen Niederlassungen fortlaufen, als
ob das Unheil ihre Pflanzungen nicht ebenso betroffen hätte, wenn sie
immer unabhängig geblieben wären.
Welches sind die Ursachen der Fieber, die einen großen Theil des Jahrs
hindurch in den Dörfern Atures und Maypures an den zwei großen Katarakten
des Orinoco herrschen und die Gegend für den europäischen Reisenden so
gefährlich machen? Die große Hitze im Verein mit der außerordentlich
starken Feuchtigkeit der Luft, die schlechte Nahrung und, wenn man den
Eingeborenen glaubt, giftige Dünste, die sich aus den kahlen Felsen der
Raudales entwickeln. Diese Orinoco-Fieber kommen, wie es uns schien,
vollkommen mit denen überein, die alle Jahre in der Nähe des Meeres
zwischen Nueva-Barcelona, Guayra und Porto Cabello auftreten und oft in
adynamische Fieber ausarten. »Ich habe mein kleines Fieber (_mi
calenturita_) erst seit acht Monaten,« sagte der gute Missionär von
Atures, der uns an den Rio Negro begleitete; er sprach davon wie von einem
gewohnten, wohl zu ertragenden Leiden. Die Anfälle waren heftig, aber von
kurzer Dauer; bald traten sie ein, wenn er in der Pirogue auf einem Gitter
von Baumzweigen lag, bald wenn er auf offenem Ufer der heißen Sonne
ausgesetzt war. Diese dreitägigen Fieber sind mit bedeutender Schwächung
des Muskelsystems verbunden; indessen sieht man am Orinoco arme
Ordensgeistliche sich jahrelang mit dieser _Calenturidas_ und _Tercianas_
schleppen; die Wirkungen sind nicht so tief greifend und gefährlich als
bei kürzer dauernden Fiebern in gemäßigten Himmelsstrichen.
Ich erwähnte eben, daß die Eingeborenen und sogar die Missionäre den
kahlen Felsen einen nachtheiligen Einfluß auf die Salubrität der Luft
zuschreiben. Dieser Glaube verdient um so mehr Beachtung, da er mit einer
physikalischen Erscheinung zusammenhängt, die kürzlich in verschiedenen
Landstrichen beobachtet worden und noch nicht gehörig erklärt ist. In den
Katarakten und überall, wo der Orinoco zwischen den Missionen Carichana
und Santa Barbara periodisch das Granitgestein bespült, ist dieses glatt,
dunkelfarbig, wie mit Wasserblei überzogen. Die färbende Substanz dringt
nicht in den Stein ein, der ein grobkörniger Granit ist, welcher hie und
da Hornblendecrystalle enthält. Der schwarze Ueberzug ist 3/10 Linien dick
und findet sich vorzüglich auf den quarzigen Stellen; die
Feldspathcrystalle haben zuweilen äußerlich ihre röthlich weiße Farbe
behalten und springen aus der schwarzen Rinde vor. Zerschlägt man das
Gestein mit dem Hammer, so ist es innen unversehrt, weiß, ohne Spur von
Zersetzung. Diese ungeheuren Steinmassen treten bald in viereckigten
Umrissen auf, bald in der halbkugligten Gestalt, wie sie dem Granitgestein
eigen ist, wenn es sich in Blöcke sondert. Sie geben der Gegend etwas
eigenthümlich Düsteres, da ihre Farbe vom Wasserschaum, der sie bedeckt,
und vom Pflanzenwuchs um sie her scharf absticht. Die Indianer sagen, die
Felsen seyen »von der Sonnengluth verbrannt oder verkohlt.« Wir sahen sie
nicht nur im Bett des Orinoco, sondern an manchen Punkten bis zu 500
Toisen vom gegenwärtigen Ufer in Höhen, bis wohin der Fluß beim höchsten
Wasserstande jetzt nicht steigt.
Was ist diese schwarzbraune Kruste, die diesen Felsen, wenn sie kugligt
sind, das Ansehen von Meteorsteinen gibt? Wie hat man sich die Wirkung des
Wassers bei diesem Niederschlag oder bei diesem auffallenden Farbwechsel
zu denken? Vor allem ist zu bemerken, daß die Erscheinung nicht auf die
Katarakten des Orinoco beschränkt ist, sondern in beiden Hemisphären
vorkommt. Als ich, nach der Rückkehr aus Mexico, im Jahr 1807 die Granite
von Atures und Maypures Roziere sehen ließ, der das Nilthal, die Küste des
rothen Meeres und den Berg Sinai bereist hat, so zeigte mir der gelehrte
Geolog, daß das Urgebirgsgestein bei den kleinen Katarakten von Syene,
gerade wie das am Orinoco, eine glänzende, schwarzgraue, fast bleifarbige
Oberfläche hat; manche Bruchstücke sehen aus wie mit Theer überzogen. Erst
neuerlich, bei der unglücklichen Expedition des Capitän Tuckey, fiel
dieselbe Erscheinung englischen Naturforschern an den *Yellalas*
(Stromschnellen und Klippen) auf, welche den Congo- oder Zairefluß
verstopfen. Dr. KÖNIG hat im britischen Museum neben Syenite vom Congo
Granite von Atures gestellt, die einer Suite von Gebirgsarten entnommen
sind, die Bonpland und ich dem Präsidenten der Londoner königlichen
Gesellschaft überreicht hatten. »Diese Handstücke,« sagt König, »sehen
beide aus wie Meteorsteine; bei beiden Gebirgsarten, bei der vom Orinoco
wie bei der afrikanischen, besteht die schwarze Rinde, nach der Analyse
von Children, aus Eisen- und Manganoxyd.«
Nach einigen Versuchen, die ich in Mexico in Verbindung mit del Rio
gemacht, kam ich auf die Vermuthung, das Gestein von Atures, welches das
Papier, in das es eingeschlagen ist, schwarz färbt, möchte außer dem
Manganoxyd Kohle und überkohlensaures Eisen enthalten. Am Orinoco sind
40--50 Fuß dicke Granitmassen gleichförmig mit diesen Oxyden überzogen,
und so dünn diese Rinden erscheinen, enthalten sie doch ganz ansehnliche
Mengen Eisen und Mangan, da sie über eine Quadratmeile Fläche haben.
Es ist zu bemerken, daß alle diese Erscheinungen von Färbung des Gesteins
bis jetzt nur in der heißen Zone beobachtet worden sind, an Flüssen, deren
Temperatur gewöhnlich 24--28 Grad beträgt und die nicht über Sandstein
oder Kalkstein, sondem über Granit, Gneiß und Hornblendegestein laufen.
Der Quarz und der Feldspath enthalten kaum 5--6 Tausendtheile Eisen- und
Manganoxyd; dagegen im Glimmer und in der Hornblende kommen diese Oxyde,
besonders das Eisenoxyd, nach KLAPROTH und HERRMANN, bis zu 15 und 20
Procent vor. Die Hornblende enthält zudem Kohle, wie auch der lydische
Stein und der Kieselschiefer. Bildet sich nun diese schwarze Rinde durch
eine langsame Zersetzung des Granits unter dem doppelten Einfluß der
Feuchtigkeit und der Sonne der Tropen, wie soll man es erklären, daß die
Oxyde sich so gleichförmig über die ganze Oberfläche des Gesteins
verbreiten, daß um einen Glimmer- und Hornblendecrystall nicht mehr davon
liegt als über dem Feldspath und dem milchigten Quarz? Der eisenschüssige
Sandstein, der Granit, der Marmor, die aschfarbig, zuweilen braun werden,
haben ein ganz anderes Aussehen. Der Glanz und die gleiche Dicke der Rinde
lassen vielmehr vermuthen, daß der Stoff ein Niederschlag aus dem Wasser
des Orinoco ist, das in die Spalten des Gesteins gedrungen. Geht man von
dieser Voraussetzung aus, so fragt man sich, ob jene Oxyde im Fluß nur
suspendirt sind, wie der Sand und andere erdigten Substanzen, oder
wirklich chemisch ausgelöst? Der ersteren Annahme widerspricht der
Umstand, daß die Rinde völlig homogen ist und neben den Oxyden weder
Sandkörner noch Glimmerblättchen sich darin finden. Man muß daher
annehmen, daß chemische Auflösung vorliegt, und die Vorgänge, die wir
täglich in unsern Laboratorien beobachten, widersprechen dieser
Voraussetzung durchaus nicht. Das Wasser großer Flüsse enthält
Kohlensäure, und wäre es auch ganz rein, so könnte es doch immer in sehr
großen Mengen einige Theilchen Metalloxyd oder Hydrat auflösen, wenn
dieselben auch für unauflöslich gelten. Im Nilschlamm, also im
Niederschlag der im Fluß suspendirten Stoffe, findet sich kein Mangan; er
enthält aber nach Reynaults Analyse 6 Procent Eisenoxyd und seine Anfangs
schwarze Farbe wird beim Trocknen und durch die Einwirkung der Luft
gelbbraun. Von diesem Schlamm kann also die schwarze Rinde an den Felsen
von Syene nicht herrühren. Auf meine Bitte hat BERZELIUS diese Rinde
untersucht; er fand darin Eisen und Mangan, wie in der auf den Graniten
vom Orinoco und Congo. Der berühmte Chemiker ist der Ansicht, die Oxyde
werden von den Flüssen nicht dem Boden entzogen, über den sie laufen, sie
kommen ihnen vielmehr aus ihren unterirdischen Quellen zu und sie schlagen
dieselben auf das Gestein nieder, wie durch Cämentation, in Folge
eigenthümlicher Affinitäten, vielleicht durch Einwirkung des Kali im
Feldspath. Nur durch einen langen Aufenthalt an den Katarakten des
Orinoco, des Nil und des Congoflusses und durch genaue Beobachtung der
Umstände, unter denen die Färbung auftritt, kann die Frage, die uns hier
beschäftigt hat, ganz zur Entscheidung gebracht werden. Ist die
Erscheinung von der Beschaffenheit des Gesteins unabhängig? Ich beschränke
mich auf die allgemeine Bemerkung, daß weder Granitmassen, die weit vom
alten Bett des Orinoco liegen, aber in der Regenzeit abwechselnd
befeuchtet und von der Sonne erhitzt werden, noch der Granit, der von den
bräunlichen Wassern des Rio Negro bespült wird, äußerlich den
Meteorsteinen ähnlich werden. Die Indianer sagen, »die Felsen seyen nur da
schwarz, wo das Wasser weiß ist.« Sie sollten vielleicht weiter sagen: »wo
das Wasser eine große Geschwindigkeit erlangt hat und gegen das Gestein am
Ufer anprallt.« Die Cämentation scheint zu erklären, warum die Rinde so
dünn bleibt.
Ob der in den Missionen am Orinoco herrschende Glaube, daß in der Nähe des
kahlen Gesteins, besonders der Felsmassen mit einer Rinde von Kohle,
Eisen- und Manganoxyd die Luft ungesund sey, grundlos ist, weiß ich nicht
zu sagen. In der heißen Zone werden noch mehr als anderswo die
krankheiterregenden Ursachen vom Volke willkührlich gehäuft. Man scheut
sich dort im Freien zu schlafen, wenn einem der Vollmond ins Gesicht
schiene; ebenso hält man es für bedenklich, sich nahe am Flusse auf Granit
zu lagern, und man erzählt viele Fälle, wo Leute nach einer auf dem
schwarzen kahlen Gestein zugebrachten Nacht Morgens mit einem starken
Fieberanfall erwacht sind. Wir schenkten nun zwar dieser Behauptung der
Missionäre und der Eingeborenen nicht unbedingt Glauben, mieden aber doch
die _laxas negras_ und lagerten uns auf mit weißem Sand bedeckten
Uferstrecken, wenn wir keine Bäume fanden, um unsere Hängematten zu
befestigen. In Carichana will man das Dorf abbrechen und verlegen, nur um
von den *schwarzen Felsen* wegzukommen, von einem Ort, wo auf einer
Strecke von mehr als 10,000 Quadrattoisen die Bodenfläche aus kahlem
Granitgestein besteht. Aus ähnlichen Gründen, die den Physikern in Europa
als bloße Einbildungen erscheinen müssen, versetzten die Jesuiten Olmo,
Forneri und Mellis ein Dorf der Jaruros an drei verschiedene Punkte
zwischen dem Raudal von Tabaje und dem Rio Anaveni. Ich glaubte diese
Dinge, ganz wie sie mir zu Ohren gekommen, anführen zu müssen, da wir so
gut wie gar nicht wissen, was eigentlich die Gasgemenge sind, wodurch die
Luft ungesund wird. Läßt sich annehmen, daß unter dem Einfluß starker
Hitze und beständiger Feuchtigkeit die schwarze Rinde des Gesteins auf die
umgebende Luft einwirkt und Miasmen, ternäre Verbindungen von Kohlenstoff,
Stickstoff und Wasserstoff erzeugt? Ich zweifle daran. Der Granit am
Orinoco enthält allerdings häufig Hornblende, und praktische Bergleute
wissen wohl, daß die schlimmsten Schwaden sich in Stollen bilden, die
durch Syenit und Hornblendestein getrieben werden. Aber im Freien, wo die
Luft durch die kleinen Strömungen fortwährend erneuert wird, kann die
Wirkung nicht dieselbe seyn wie in einer Grube.
Wahrscheinlich ist es nur deßhalb gefährlich, auf den _laxas negras_ zu
schlafen, weil das Gestein bei Nacht eine sehr hohe Temperatur behält. Ich
fand dieselbe bei Tag 48°, während die Luft im Schatten 29°,7 warm war;
bei Nacht zeigte der Thermometer, an das Gestein gelegt, 36°, die Luft nur
26°. Wenn die Wärmeanhänfung in den Gesteinsmassen zum Stillstand gekommen
ist, so haben diese Massen zu denselben Stunden immer wieder ungefähr
dieselbe Temperatur. Den Ueberschuß von Wärme, den sie bei Tag bekommen,
verlieren sie in der Nacht durch die Strahlung, deren Stärke von der
Beschaffenheit der Oberfläche des strahlenden Körpers, von der Anordnung
seiner Molecüle im Innern, besonders aber von der Reinheit des Himmels
abhängt, das heißt davon, ob die Luft durchsichtig und wolkenlos ist. Wo
der Unterschied in der Abweichung der Sonne nur gering ist, geht von ihr
jeden Tag fast die gleiche Wärmemenge aus und das Gestein ist am Ende des
Sommers nicht wärmer als zu Anfang desselben. Es kann ein gewisses Maximum
nicht überschreiten, weil sich weder der Zustand seiner Oberfläche, noch
seine Dichtigkeit, noch seine Wärmecapacität verändert hat. Steigt man am
Ufer des Orinoco bei Nacht aus der Hängematte und betritt den Felsboden
mit bloßen Füßen, so ist die Wärme, die man empfindet, sehr auffallend.
Wenn ich die Thermometerkugel an das nackte Gestein legte, fand ich fast
immer, daß die _laxas negras_ bei Tag wärmer sind als der röthlich weiße
Granit weitab vom Ufer, daß aber letzterer sich bei Nacht nicht so schnell
abkühlt als jener. Begreiflich geben Massen mit einem schwarzen Ueberzug
den Wärmestoff rascher wieder ab als solche, in denen viele silberfarbige
Glimmerblätter stecken. Geht man in Carichana, Atures oder Maypures
zwischen ein und drei Uhr Nachmittags unter diesen hoch ausgethürmten
Felsblöcken ohne alle Dammerde, so erstickt man beinahe, als stände man
vor der Mündung eines Schmelzofens. Der Wind (wenn man ihn je in diesen
bewaldeten Ländern spürt) bringt statt Kühlung nur noch heißere Luft
herbei, da er über Steinschichten und aufgethürmte Granitkugeln
weggegangen ist. Durch diese Steigerung der Hitze wird das Klima noch
ungesunder, als es ohnehin ist.
Unter den Ursachen der Entvölkerung der Raudales habe ich die Blattern
nicht genannt, die in andern Strichen von Amerika so schreckliche
Verheerungen anrichten, daß die Eingeborenen, von Entsetzen ergriffen,
ihre Hütten anzünden, ihre Kinder umbringen und alle Gemeinschaft fliehen.
Am obern Orinoco weiß man von dieser Geißel so gut wie nichts, und käme
sie je dahin, so ist zu hoffen, daß ihr die Kuhpockenimpfung, deren Segen
man auf den Küsten von Terra Firma täglich empfindet, alsbald Schranken
setzte. Die Ursachen der Entvölkerung in den christlichen Niederlassungen
sind der Widerwillen der Indianer gegen die Zucht in den Missionen, das
ungesunde, zugleich heiße und feuchte Klima, die schlechte Nahrung, die
Verwahrlosung der Kinder, wenn sie krank sind, und die schändliche Sitte
der Mütter, giftige Kräuter zu gebrauchen, damit sie nicht schwanger
werden. Bei den barbarischen Völkern in Guyana, wie bei den halb
civilisirten Bewohnern der Südseeinseln gibt es viele junge Weiber, die
nicht Mütter werden wollen. Bekommen sie Kinder, so sind dieselben nicht
allein den Gefahren des Lebens in der Wildniß, sondern noch manchen andern
ausgesetzt, die aus dem abgeschmacktesten Aberglauben herfließen. Sind es
Zwillinge, so verlangen verkehrte Begriffe von Anstand und Familienehre,
daß man eines der Kinder umbringe. »Zwillinge in die Welt setzen, heißt
sich dem allgemeinen Spott preisgeben, heißt es machen wie Ratten,
Beutelthiere und das niedrigste Gethier, das viele Junge zugleich wirft.«
Aber noch mehr: »Zwei zugleich geborene Kinder können nicht von Einem
Vater seyn.« Das ist ein Lehrsatz in der Physiologie der Salivas, und
unter allen Himmelsstrichen, auf allen Stufen der gesellschaftlichen
Entwicklung sieht man, daß das Volk, hat es sich einmal einen Satz der Art
zu eigen gemacht, zäher daran festhält, als die Unterrichteten, die ihn
zuerst aufs Tapet gebracht. Um des Hausfriedens willen nehmen es alte
Basen der Mutter oder die _mure japoic-nei_ (Hebamme) auf sich, eines der
Kinder auf die Seite zu schaffen. Hat der Neugeborene, wenn er auch kein
Zwilling ist, irgend eine körperliche Mißbildung, so bringt ihn der Vater
auf der Stelle um. Man will nur wohlgebildete, kräftige Kinder; denn bei
den Mißbildungen hat der böse Geist *Joloquiamo* die Hand im Spiel, oder
der Vogel *Tikitiki*, der Feind des Menschengeschlechts. Zuweilen haben
auch bloß sehr schwächliche Kinder dasselbe Loos. Fragt man einen Vater,
was aus einem seiner Söhne geworden sey, so thut er, als wäre er ihm durch
einen natürlichen Tod entrissen worden. Er verläugnet eine That, die er
für tadelnswerth, aber nicht für strafbar hält. »Das arme _Mure_ (Kind)«,
heißt es, »konnte nicht mit uns Schritt halten; man hätte jeden Augenblick
auf es warten müssen; man hat nichts mehr von ihm gesehen, es ist nicht
dahin gekommen, wo wir geschlafen haben.« Dieß ist die Unschuld und
Sitteneinfalt, dieß ist das gepriesene Glück des Menschen *im Urzustand!*
Man bringt sein Kind um, um nicht wegen Zwillingen lächerlich zu werden,
um nicht langsamer wandern, um sich nicht eine kleine Entbehrung
auferlegen zu müssen.
Grausamkeiten der Art sind nun allerdings nicht so häufig, als man glaubt;
indessen kommen sie sogar in den Missionen vor, und zwar zur Zeit, wo die
Indianer aus dem Dorfe ziehen und sich auf den _‘Conucos’_ in den nahen
Wäldern aushalten. Mit Unrecht schriebe man sie der Polygamie zu, in der
die nicht catechisirten Indianer leben. Bei der Vielweiberei ist
allerdings das häusliche Glück und der Frieden in den Familien gefährdet,
aber trotz dieses Brauchs, der ja auch ein Gesetz des Islams ist, lieben
die Morgenländer ihre Kinder zärtlich. Bei den Indianern am Orinoco kommt
der Vater nur nach Hause, um zu essen und sich in seine Hängematte zu
legen; er liebkost weder seine kleinen Kinder, noch seine Weiber, die da
sind, ihn zu bedienen. Die väterliche Zuneigung kommt erst dann zum
Vorschein, wenn der Sohn so weit herangewachsen ist, daß er an der Jagd,
am Fischfang und an der Arbeit in den Pflanzungen Theil nehmen kann.
Wenn nun aber auch der schändliche Brauch, durch gewisse Tränke Kinder
abzutreiben, die Zahl der Geburten vermindert, so greifen diese Tränke die
Gesundheit nicht so sehr an, daß nicht die jungen Weiber in reiferen
Jahren wieder Mütter werden könnten. Diese physiologisch sehr merkwürdige
Erscheinung ist den Mönchen in den Missionen längst aufgefallen. Der
Jesuit GILI, der fünfzehn Jahre lang die Indianer am Orinoco Beichte
gehört hat und sich rühmt, _i segreti delle donne maritate_ zu kennen,
äußert sich darüber mit verwunderlicher Naivetät. »In Europa,« sagt er,
»fürchten sich die Eheweiber vor dem Kinderbekommen, weil sie nicht
wissen, wie sie sie ernähren, kleiden, ausstatten sollen. Von all diesen
Sorgen wissen die Weiber am Orinoco nichts. Sie wählen die Zeit, wo sie
Mütter werden wollen, nach zwei gerade entgegengesetzten Systemen, je
nachdem sie von den Mitteln, sich frisch und schön zu erhalten, diese oder
jene Vorstellung haben. Die einen behaupten, und diese Meinung ist die
vorherrschende, es sey besser, man fange spät an Kinder zu bekommen, um
sich in den ersten Jahren der Ehe ohne Unterbrechung der Arbeit im Haus
und Feld widmen zu können. Andere glauben im Gegentheil, es stärke die
Gesundheit und verhelfe zu einem glücklichen Alter, wenn man sehr jung
Mutter geworden sey. Je nachdem die Indianer das eine oder das andere
System haben, werden die Abtreibemittel in verschiedenen Lebensaltern
gebraucht.« Sieht man hier, wie selbstsüchtig der Wilde seine Berechnungen
anstellt, so möchte man den civilisirten Völkern in Europa Glück wünschen,
daß *Ecbolia*, die dem Anschein nach der Gesundheit so wenig schaden,
ihnen bis jetzt unbekannt geblieben sind. Durch die Einführung von
dergleichen Tränken würde vielleicht die Sittenverderbniß in den Städten
noch gesteigert, wo ein Viertheil der Kinder nur zur Welt kommt, um von
den Eltern verstoßen zu werden. Leicht möglich aber auch, daß die neuen
Abtreibemittel in unserem Klima so gefährlich wären wie der Sevenbaum, die
Aloe und das flüchtige Zimmt- und Gewürznelkenöl. Der kräftige Körper des
Wilden, in dem die verschiedenen organischen Systeme unabhängiger von
einander sind, widersteht besser und länger übermäßigen Reizen und den
Gebrauch dem Leben feindlicher Substanzen, als die schwache Constitution
des civilisirten Menschen. Ich glaubte mich in diese nicht sehr
erfreulichen pathologischen Betrachtungen einlassen zu müssen, weil sie
auf eine der Ursachen hinweisen, aus denen im versunkensten Zustande
unseres Geschlechts, wie auf der höchsten Stufe der Cultur, die
Bevölkerung kaum merkbar zunimmt.
Zu den eben bezeichneten Ursachen kommen andere wesentlich verschiedene.
Im Collegium für die Missionen von Piritu zu Nueva Barcelona hat man die
Bemerkung gemacht, daß in den an sehr trockenen Orten gelegenen
Indianerdörfern immer auffallend mehr Kinder geboren werden als in den
Dörfern an Flußufern. Die Sitte der indianischen Weiber, mehreremal am
Tage, bei Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, also wenn die Luft am
kühlsten ist, zu baden, scheint die Constitution zu schwächen.
Der Pater Gardian der Franciscaner sah mit Schrecken, wie rasch die
Bevölkerung in den beiden Dörfern an den Katarakten abnahm und schlug
daher vor einigen Jahren dem Statthalter der Provinz in Angostura vor, die
Indianer durch Neger zu ersetzen. Bekanntlich dauert die afrikanische Race
in heißem und feuchtem Klima vortrefflich aus. Eine Niederlassung freier
Neger am ungesunden Ufer des Caura in der Mission San Luis Guaraguaraico
gedeiht ganz gut, und sie bekommen ausnehmend reiche Maisernten. Der Pater
Gardian beabsichtigte, einen Theil dieser schwarzen Colonisten an die
Katarakten des Orinoco zu verpflanzen, oder aber Sklaven aus den Antillen
zu kaufen und sie, wie man am Caura gethan, mit Negern, die aus Esquibo
entlaufen, anzusiedeln. Wahrscheinlich wäre der Plan ganz gut gelungen.
Derselbe erinnerte im Kleinen an die Niederlassungen in Sierra Leone; es
war Aussicht vorhanden, daß der Zustand der Schwarzen sich damit
verbesserte und so das Christenthum zu seinem ursprünglichen Ziele,
Förderung des Glücks und der Freiheit der untersten Volksklassen, wieder
hingeführt wurde. Ein kleines Mißverständniß vereitelte die Sache. Der
Statthalter erwiderte den Mönchen: »Da man für das Leben der Neger so
wenig bürgen könne, als für das der Indianer, so erscheine es nicht als
gerecht, jene zur Niederlassung in den Dörfern bei den Katarakten zu
zwingen.« Gegenwärtig hängt die Existenz dieser Missionen so ziemlich an
zwei Guahibo- und Maco-Familien, den einzigen, bei denen man einige Spuren
von Civilisation findet und die das Leben auf eigenem Grund und Boden
lieben. Sterben diese Haushaltungen aus, so laufen die andern Indianer,
die der Missionszucht längst müde sind, dem Pater Zea davon, und an einem
Punkt, den man als den Schlüssel des Orinoco betrachten kann, finden dann
die Reisenden nichts mehr, was sie bedürfen, zumal keinen Steuermann, der
die Canoes durch die Stromschnellen schafft; der Verkehr zwischen dem Fort
am Rio Negro und der Hauptstadt Angostura wäre, wo nicht unterbrochen,
doch ungemein erschwert. Es bedarf ganz genauer Kenntniß der
Oertlichkeiten, um sich in das Labyrinth von Klippen und Felsblöcken zu
wagen, die bei Atures und Maypures das Strombett verstopfen.
Während man unsere Pirogue auslud, betrachteten wir von allen Punkten, wo
wir ans Ufer gelangen konnten, in der Nähe das ergreifende Schauspiel
eines eingeengten und wie völlig in Schaum verwandelten großen Stromes.
Ich versuche es, nicht unsere Empfindungen, sondern eine Oertlichkeit zu
schildern, die unter den Landschaften der neuen Welt so berühmt ist. Je
großartiger, majestätischer die Gegenstände sind, desto wichtiger ist es,
sie in ihren kleinsten Zügen aufzufassen, die Umrisse des Gemäldes, mit
dem man zur Einbildungslraft des Lesers sprechen will, fest zu zeichnen,
die bezeichnenden Merkmale der großen, unvergänglichen Denkmäler der Natur
einfach zu schildern.
Von seiner Mündung bis zum Einfluß des Anaveni, auf einer Strecke von 260
Meilen, ist die Schifffahrt auf dem Orinoco durchaus ungehindert. Bei
Muitaco, in einer Bucht, _‘Boca del infierno’_ genannt, sind Klippen und
Wirbel; bei Carichana und San Borja sind Stromschnellen (_Raudalitos_);
aber an allen diesen Punkten ist der Strom nie ganz gesperrt, es bleibt
eine Wasserstraße, auf der die Fahrzeuge hinab- und hinauffahren können.
Auf dieser ganzen Fahrt auf dem untern Orinoco wird dem Reisenden nur
Eines gefährlich, die natürlichen Flöße aus Bäumen, die der Fluß
entwurzelt und bei Hochwasser forttreibt. Wehe den Piroguen, die bei Nacht
an solchem Gitterwerk aus Holz und Schlinggewächsen auffahren! Dasselbe
ist mit Wasserpflanzen bedeckt und gleicht hier, wie auf dem Mississippi,
schwimmenden Wiesen, den *Chinampas*(26) der mexicanischen Seen. Wenn die
Indianer eine feindliche Horde überfallen wollen, binden sie mehrere
Canoes mit Stricken zusammen; bedecken sie mit Kräutern und Baumzweigen
und bilden so die Haufen von Bäumen nach, die der Orinoco auf seinem
Thalweg abwärts treibt. Man sagt den Caraiben nach, sie seyen früher in
dieser Kriegslist ausgezeichnet gewesen, und gegenwärtig bedienen sich die
spanischen Schmuggler in der Nähe von Angostura desselben Mittels, um die
Zollaufseher hinter das Licht zu führen.
Oberhalb des Rio Anaveni, zwischen den Bergen von Uniana und Sipapu, kommt
man zu den Katarakten von Mapara und Quittuna, oder, wie die Missionäre
gemeiniglich sagen, zu den Raudales von Atures und Maypures. Diese beiden
vom einen zum andern Ufer laufenden Stromsperren geben im Großen ungefähr
dasselbe Bild: zwischen zahllosen Inseln, Felsdämmen, aufeinander
gethürmten, mit Palmen bewachsenen Granitblöcken löst sich einer der
größten Ströme der neuen Welt in Schaum auf. Trotz dieser Uebereinstimmung
im Aussehen hat jeder der Fälle seinen eigenthümlichen Charakter. Der
erste, nördliche, ist bei niedrigem Wasser leichter zu passiren; beim
zweiten, dem von Maypures, ist den Indianern die Zeit des Hochwassers
lieber. Oberhalb Maypures und der Einmündung des Caño Cameji ist der
Orinoco wieder frei auf einer Strecke von mehr als 169 Meilen, bis in die
Nähe seiner Quellen, das heißt bis zum Raudalito der Guayaribos, ostwärts
vom Caño Chiguire und den hohen Bergen von Yumariquin.
Ich habe die beiden Becken des Orinoco und des Amazonenstroms besucht, und
es fiel mir ungemein auf, wie verschieden sie sich auf ihrem ungleich
langen Laufe verhalten. Beim Amazonenstrom, der gegen 980 Seemeilen (20
auf den Grad) lang ist, sind die großen Fälle ziemlich nahe bei den
Quellen, im ersten Sechstheil der ganzen Länge; fünf Sechstheile seines
Laufe sind vollkommen frei. Beim Orinoco sind die Fälle, weit ungünstiger
für die Schifffahrt, wenn nicht in der Mitte, doch unterhalb des ersten
Drittheils seiner Länge gelegen. Bei beiden Strömen werden die Fälle nicht
durch die Berge, nicht durch die Stufen der über einander liegenden
Plateaus, wo sie entspringen, gebildet, sondern durch andere Berge, durch
andere über einander gelagerte Stufen, durch die sich die Ströme nach
langem friedlichen Lauf Bahn brechen müssen, wobei sie sich von Staffel zu
Staffel herabstürzen.
Der Amazonenstrom durchbricht keineswegs die Hauptkette der Anden, wie man
zu einer Zeit behauptete, wo man ohne Grund voraussetzte, daß überall, wo
sich die Gebirge in parallele Ketten theilen, die mittlere oder
Centralkette höher seyn müsse als die andern. Dieser große Strom
entspringt (und dieser Umstand ist geologisch nicht ohne Belang) ostwärts
von der westlichen Kette, der einzigen, welche unter dieser Breite den
Namen einer hohen Andenkette verdient. Er entsteht aus der Vereinigung der
kleinen Flüsse Aguamiros und Chavinillo, welch letzterer aus dem See
Llauricocha kommt, der in einem Längenthale zwischen der westlichen und
der mittleren Kette der Anden liegt. Um diese hydrographischen
Verhältnisse richtig aufzufassen, muß man sich vorstellen, daß der
colossale Gebirgsknoten von Pasco und Huanuco sich in drei Ketten theilt.
Die westlichste, höchste streicht unter dem Namen _Cordillera real de
Nieve_ (zwischen Huary und Caxatambo, Guamachuco und Lucma, Micuipampa und
Guangamarca) über die *Nevados* von Viuda, Pelagatos, Moyopata und
Huaylillas, und die *Paramos* von Guamani und Guaringa gegen die Stadt
Loxa. Der mittlere Zug scheidet die Gewässer des oberen Amazonenstroms und
des Guallaga und bleibt lange nur tausend Toisen hoch; erst südlich von
Huanuco steigt er in der Cordillere von Sasaguanca über die Schneelinie
empor. Er streicht zuerst nach Nord über Huacrachuco, Chachapoyas,
Moyobamba und den Paramo von Piscoguañuna, dann fällt er allmählig ab,
Peca, Copallin und der Mission San Yago am östlichen Ende der Provinz Jaen
de Bracamoros zu. Die dritte, östlichste Kette zieht sich am rechten Ufer
des Rio Guallaga hin und läuft unter dem 7. Grad der Breite in die
Niederung aus. So lange der Amazonenstrom von Süd nach Nord im Längenthal
zwischen zwei Gebirgszügen von ungleicher Höhe läuft (das heißt von den
Höfen Quivilla und Guancaybamba, wo man auf hölzernen Brücken über den
Fluß geht, bis zum Einfluß des Rio Chinchipe), ist die Fahrt im Canoe
weder durch Felsen, noch durch sonst etwas gehemmt. Die Fälle fangen erst
da an, wo der Amazonenstrom sich gegen Ost wendet und durch die mittlere
Andenkette hindurchgeht, die gegen Norden bedeutend breiter wird. Er stößt
auf die ersten Felsen von rothem Sandstein oder altem Conglomerat zwischen
Tambillo und dem *Pongo* Rentema, wo ich Breite, Tiefe und Geschwindigkeit
des Wassers gemessen habe; er tritt aus dem rothen Sandstein ostwärts von
der vielberufenen Stromenge Manseriche beim Pongo Tayuchuc, wo die Hügel
sich nur noch 40--60 Toisen über den Flußspiegel erheben. Den östlichen
Zug, der an den Pampas von Sacramento hinläuft, erreicht der Fluß nicht.
Von den Hügeln von Tayuchuc bis Gran-Para, auf einer Strecke von mehr als
750 französischen Meilen, ist die Schifffahrt ganz frei. Aus dieser
raschen Uebersicht ergibt sich, daß der Marañon, hätte er nicht das
Bergland zwischen San Yago und Tomependa, das zur Centralkette der Anden
gehört, zu durchziehen, schiffbar wäre von seinem Ausfluß ins Meer bis
Pumpo bei Piscobamba in der Provinz Conchucos, 43 Meilen von seiner
Quelle.
Wir haben gesehen, daß sich beim Orinoco wie beim Amazonenstrom die großen
Fälle nicht in der Nähe des Ursprungs befinden. Nach einem ruhigen Lauf
von mehr als 160 Meilen vom kleinen Raudal der Guaharibos, ostwärts von
Esmeralda, bis zu den Bergen von Sipapu, und nachdem er sich durch die
Flüsse Jao, Ventuari, Atabapo und Guaviare verstärkt, biegt der Orinoco
aus seiner bisherigen Richtung von Ost nach West rasch in die von Süd nach
Nord um und stößt auf dem Lauf über die _‘Land-Meerenge’_(27) in den
Niederungen am Meta auf die Ausläufer der Cordillere der Parime. Und
dadurch entstehen nun Fälle, die weit stärker sind und der Schifffahrt
ungleich mehr Eintrag thun als alle *Pongos* im obern Marañon, weil sie,
wie wir oben auseinandergesetzt, der Mündung des Flusses verhältnißmäßig
näher liegen. Ich habe mich in diese geographischen Details eingelassen,
um am Beispiel der größten Ströme der neuen Welt zu zeigen: 1) daß sich
nicht absolut eine gewisse Toisenzahl, eine gewisse Meereshöhe angeben
läßt, über welcher die Flüsse noch nicht schiffbar sind; 2) daß die
Stromschnellen keineswegs immer, wie in manchen Handbüchern der
allgemeinen Topographie behauptet wird, nur am Abhang der ersten
Bergschwellen, bei den ersten Höhenzügen vorkommen, über welche die
Gewässer in der Nähe ihrer Quellen zu laufen haben.
Nur der nördliche der großen Katarakten des Orinoco hat hohe Berge zu
beiden Seiten. Das linke Stromufer ist meist niedriger, gehört aber zu
einem Landstrich, der westwärts von Atures gegen den Pic Uniana ansteigt,
einen gegen 3000 Fuß hohen Bergkegel auf einer steil abfallenden
Felsmauer. Dadurch, daß er frei aus der Ebene aufsteigt, nimmt sich dieser
Pic noch großartiger und majestätischer aus. In der Nähe der Mission, auf
dem Landstrich am Kararakt nimmt die Landschaft bei jedem Schritt einen
andern Charakter an. Auf engem Raume findet man hier die rauhsten,
finstersten Naturgebilde neben freiem Feld, bebauten, lachenden Fluren. In
der äußern Natur wie in unserem Innern ist der Gegensatz der Eindrücke,
das Nebeneinander des Großartigen, Drohenden, und des Sanften, Friedlichen
eine reiche Quelle unserer Empfindungen und Genüsse.
Ich nehme hier einige zerstreute Züge einer Schilderung auf, die ich kurz
nach meiner Rückkehr nach Europa in einem andern Buche entworfen.(28) Die
mit zarten Kräutern und Gräsern bewachsenen Savanen von Atures sind wahre
Prärien, ähnlich unsern europäischen Wiesen; sie werden nie vom Flusse
überschwemmt und scheinen nur der Menschenhand zu harren, die sie
umbricht. Trotz ihrer bedeutenden Ausdehnung sind sie nicht so eintönig
wie unsere Ebenen. Sie laufen um Felsgruppen, um übereinander gethürmte
Granitblöcke her. Dicht am Rand dieser Ebenen, dieser offenen Fluren stößt
man auf Schluchten, in die kaum ein Strahl der untergehenden Sonne dringt,
auf Gründe, wo einem aus dem feuchten, mit Arum, Heliconia und Lianen
dicht bewachsenen Boden bei jedem Schritte die wilde Ueppigkeit der Natur
entgegentritt. Ueberall kommen, dem Boden gleich, die ganz kahlen
Granitplatten zu Tage, wie ich sie bei Carichana beschrieben, und wie ich
sie in der alten Welt nirgends so ausnehmend breit gesehen habe wie im
Orinocothal. Da wo Quellen aus dem Schooße dieses Gesteins vorbrechen,
haben sich Verrucarien, Psoren und Flechten an den verwitterten Granit
geheftet und Dammerde erzeugt. Kleine Euphorbien, Peperomien und andere
Saftpflanzen sind den cryptogamischen Gewächsen gefolgt, und jetzt bildet
immergrünes Strauchwerk, Rhexien, Melastomen mit purpurrothen Blüthen,
grüne Eilande inmitten der öden steinigten Ebene. Man kommt immer wieder
darauf zurück: die Bodenbildung, die über die Savanen zerstreuten Boskette
aus kleinen Bäumen mit lederartigen, glänzenden Blättern, die kleinen
Bäche, die sich ein Bett im Fels graben und sich bald über fruchtbares
ebenes Land, bald über kahle Granitbänke schlängeln, Alles erinnert einen
hier an die reizendsten, malerischsten Parthien unserer Parkanlagen und
Pflanzungen. Man meint mitten in der wilden Landschaft menschlicher Kunst
und Spuren von Cultur zu begegnen.
Aber nicht nur durch die Bodenbildung zunächst bei der Mission Atures
erhält die Gegend eine so auffallende Physiognomie: die hohen Berge,
welche ringsum den Horizont begrenzen, tragen durch ihre Form und die Art
ihres Pflanzenwuchses das Ihrige dazu bei. Diese Berge erheben sich meist
nur 7--800 Fuß über die umgebenden Ebenen. Ihre Gipfel sind abgerundet,
wie in den meisten Granitgebirgen, und mit einem dichten Walde von
Laurineen bedeckt. Gruppen von Palmen (_el Cucurito_) deren gleich
Federbüschen gekräuselte Blätter unter einem Winkel von 70 Grad
majestätisch emporsteigen, stehen mitten unter Bäumen mit wagerechten
Aesten; ihre nackten Stämme schießen gleich hundert bis hundertzwanzig Fuß
hohen Säulen in die Luft hinauf und heben sich vom blauen Himmel ab, »ein
Wald über dem Walde.« Wenn der Mond den Bergen von Uniana zu unterging und
die röthliche Scheibe des Planeten sich hinter das gefiederte Laub der
Palmen versteckte und dann wieder im Luftstrich zwischen beiden Wäldern
zum Vorschein kam, so glaubte ich mich auf Augenblicke in die Einsiedelei
des Alten versetzt, die BERNARDIN DE SAINT PIERRE als eine der
herrlichsten Gegenden auf der Insel Bourbon schildert, und fühlte so
recht, wie sehr die Gewächse nach Wuchs und Gruppirung in beiden Welten
einander gleichen. Mit der Beschreibung eines kleinen Erdwinkels auf einer
Insel im indischen Ocean hat der unnachahmliche Verfasser von _Paul und
Virginie_ vom gewaltigen Bild der tropischen Landschaft eine Skizze
entworfen. Er wußte die Natur zu schildern, nicht weil er sie als Forscher
kannte, sondern weil er für all ihre harmonischen Verhältnisse in
Gestaltung, Farbe und innern Kräften ein tiefes Gefühl besaß.
Oestlich von Atures, neben jenen abgerundeten Bergen, auf denen. zwei
Wälder von Laurineen und Palmen über einander stehen, erheben sich andere
Berge von ganz verschiedenem Aussehen. Ihr Kamm ist mit gezackten Felsen
besetzt, die wie Pfeiler über die Bäume und das Gebüsch emporragen. Diese
Bildung kommt allen Granitplateaus zu, im Harz, im böhmischen Erzgebirge,
in Galizien, an der Grenze beider Castilien; sie wiederholt sich überall,
wo in unbedeutender Meereshöhe (400--600 Toisen) ein Granit neuerer
Formation zu Tage kommt. Die in Abständen sich erhebenden Felsen bestehen
entweder aus aufgethürmten Blöcken oder sind in regelmäßige, wagerechte
Bänke getheilt. Auf die ganz nahe am Orinoco stellen sich die Flamingos,
die *Soldados*(29) und andere fischfangende Vögel, und nehmen sich dann
aus wie Menschen, die Wache stehen. Dieß ist zuweilen so täuschend, daß,
wie mehrere Augenzeugen erzählen, die Einwohner von Angostura eines Tags
kurz nach der Gründung der Stadt in die größte Bestürzung geriethen, als
sich auf einmal auf einem Berge gegen Süd Reiher, *Soldados* und *Garzas*
blicken ließen. Sie glaubten sich von einem Ueberfall der _Indios
monteros_ (der wilden Indianer) bedroht, und obgleich einige Leute, die
mit dieser Täuschung bekannt waren, die Sache aufklärten, beruhigte sich
das Volk nicht eher ganz, als bis die Vögel in die Luft stiegen und ihre
Wanderung der Mündung des Orinoco zu fortsetzten.
Die schöne Vegetation der Berge ist, wo nur auf dem Felsboden Dammerde
liegt, auch über die Ebenen verbreitet. Meistens sieht man zwischen dieser
schwarzen, mit Pflanzenfasern gemischten Dammerde und dem Granitgestein
eine Schichte weißen Sandes. Der Missionär versicherte uns, in der Nähe
der Wasserfälle sey das Grün beständig frisch, in Folge des vielen
Wasserdampfes, der aus dem auf einer Strecke von 3000--4000 Toisen in
Strudel und Wasserfälle zerschlagenen Strom aussteigt.
Kaum hatte man in Atures ein paarmal donnern hören, und bereits zeigte die
Vegetation aller Orten die kräftige Fülle und den Farbenglanz, wie man sie
auf den Küsten erst zu Ende der Regenzeit findet. Die alten Bäume hingen
voll prächtiger Orchideen, gelber Bannisterien, Bignonien mit blauen
Blüthen, Peperomia, Arum, Pothos. Auf einem einzigen Baumstamm waren
mannigfaltigere Pflanzengebilde beisammen, als in unserem Klima auf einem
ansehnlichen Landstrich. Neben diesen den heißen Klimaten eigenen
Schmarotzergewächsen sahen wir hier mitten in der heißen Zone und fast im
Niveau des Meeres zu unserer Ueberraschung Moose, die vollkommen den
europäischen glichen. Beim großen Katarakt von Atures pflückten wir die
schöne Grimmia-Art mit Fontinalis-Blättern, welche die Botaniker so sehr
beschäftigt hat; sie hängt an den Aesten der höchsten Bäume. Unter den
Phanerogamen herrschen in den bewaldeten Strichen Mimosen, Ficus und
Laurineen vor. Dieß ist um so charakteristischer, als nach BROWNs
neuerlicher Beobachtung auf dem gegenüber liegenden Continent, im
tropischen Afrika, die Laurineen fast ganz zu fehlen scheinen. Gewächse,
welche Feuchtigkeit lieben, schmücken die Ufer am Wasserfall. Man findet
hier in den Niederungen Büsche von Heliconia und andern Scitamineen mit
breiten glänzenden Blättern, Bambusrohre, die drei Palmenarten *Murichi*,
*Jagua* und *Vadgiai*, deren jede besondere Gruppen bildet. Die
Murichipalme oder die Mauritia mit schuppigter Frucht ist die berühmte
Sagopalme der Guaranos-Indianer; sie ist ein wirkliches geselliges
Gewächs. Sie hat handförmige Blätter und wächst nicht unter den Palmen mit
gefiederten und gekräuselten Blättern, dem *Jagua*, der eine Art
Cocospalme zu seyn scheint, und dem *Vadgiai* oder *Cucurito*, den man
neben die schöne Gattung _Oreodoxa_ stellen kann. Der *Cucurito*, bei den
Fällen von Atures und Maypures die häufigste Palme, ist durch seinen
Habitus ausgezeichnet. Seine Blätter oder vielmehr Wedel stehen auf einem
80--100 Fuß hohen Stamm fast senkrecht, und zwar im jugendlichen Zustand
wie in der vollen Entwicklung; nur die Spitzen sind umgebogen. Es sind
wahre Federbüsche vom zartesten, frischesten Grün. Der Cucurito, der Seje,
dessen Frucht der Aprikose gleicht, die _Oreodoxa regia_ oder _Palma real_
von der Insel Cuba und das _Ceroxylon_ der hohen Anden sind im Wuchs die
großartigsten Palmen der neuen Welt. Je näher man der gemäßigten Zone
kommt, desto mehr nehmen die Gewächse dieser Familie an Größe und
Schönheit ab. Welch ein Unterschied zwischen den eben erwähnten Arten und
der orientalischen Dattelpalme, die bei den europäischen Landschaftsmalern
leider der Typus der Palmenfamilie geworden ist!
Es ist nicht zu verwundern, daß, wer nur das nördliche Afrika, Sicilien
oder Murcia bereist hat, nicht begreifen kann, daß unter allen großen
Baumgestalten die Gestalt der Palme die großartigste und schönste seyn
soll. Unzureichende Analogieen sind Schuld, daß sich der Europäer keine
richtige Vorstellung vom Charakter der heißen Zone macht. Jedermann weiß
zum Beispiel, daß die Contraste des Baumlaubs, besonders aber die große
Menge von Gewächsen mit gefiederten Blättern ein Hauptschmuck dieser Zone
sind. Die Esche, der Vogelbeerbaum, die Inga, die Achazie der Vereinigten
Staaten, die Gleditsia, die Tamarinde, die Mimosen, die Desmanthus haben
alle gefiederte Blätter mit mehr oder weniger großen, dünnen, lederartigen
und glänzenden Blättchen. Vermag nun aber deßhalb eine Gruppe von Eschen,
Vogelbeerbäumen oder Sumachbäumen uns einen Begriff vom malerischen Effekt
zu geben, den das Laubdach der Tamarinden und Mimosen macht, wenn das
Himmelsblau zwischen ihren kleinen, dünnen, zartgefiederten Blättern
durchbricht? Diese Betrachtungen sind wichtiger, als sie auf den ersten
Blick scheinen. Die Gestalten der Gewächse bestimmen die Physiognomie der
Natur, und diese Physiognomie wirkt zurück auf die geistige Stimmung der
Völker. Jeder Pflanzentypus zerfällt in Arten, die im allgemeinen
Charakter mit einander übereinkommen, aber sich dadurch unterscheiden, daß
dieselben Organe verschiedentlich entwickelt sind. Die Palmen, die
Scitamineen, die Malvaceen, die Bäume mit gefiederten Blättern sind nicht
alle malerisch gleich schön, und meist, im Pflanzenreich wie im
Thierreich, gehören die schönsten Arten eines jeden Typus dem tropischen
Erdstrich an.
Die Protaceen, Croton, Agaven und die große Sippe der Cactus, die
ausschließlich nur in der neuen Welt vorkommt, verschwinden allmählig,
wenn man auf dem Orinoco über die Mündungen des Apure und des Meta
hinaufkommt. Indessen ist vielmehr die Beschattung und die Feuchtigkeit,
als die Entfernung von den Küsten daran Schuld, wenn die Cactus nicht
weiter nach Süden gehen. Wir haben östlich von den Anden, in der Provinz
Bracamoros, dem obern Amazonenstrom zu, ganze Cactuswälder, mit Croton
dazwischen, große dürre Landstriche bedecken sehen. Die Baumfarn scheinen
an den Fällen des Orinoco ganz zu fehlen; wir fanden keine Art vor San
Fernando de Atabapo, das heißt vor dem Einfluß des Guaviare in den
Orinoco.
Wir haben die Umgegend von Atures betrachtet, und ich habe jetzt noch von
den Stromschnellen selbst zu sprechen, die an einer Stelle des Thales
liegen, wo das tief eingeschnittene Flußbett fast unzugängliche Ufer hat.
Nur an sehr wenigen Punkten konnten wir in den Orinoco gelangen, um
zwischen zwei Wasserfällen, in Buchten, wo das Wasser langsam kreist, zu
baden. Auch wer sich in den Alpen, in den Pyrenäen, selbst in den
Cordilleren aufgehalten hat, so vielberufen wegen der Zerrissenheit des
Bodens und der Spuren von Zerstörung, denen man bei jedem Schritte
begegnet, vermöchte nach einer bloßen Beschreibung sich vom Zustand des
Strombetts hier nur schwer eine Vorstellung zu machen. Auf einer Strecke
von mehr als fünf Seemeilen laufen unzählige Felsdämme quer darüber weg,
eben so viele natürliche Wehre, eben so viele *Schwellen*, ähnlich denen
im Dnieper, welche bei den Alten _‘Phragmoi’_ hießen. Der Raum zwischen
den Felsdämmen im Orinoco ist mit Inseln von verschiedener Größe gefüllt;
manche sind hügligt, in verschiedene runde Erhöhungen getheilt und
200--300 Toisen lang, andere klein und niedrig, wie bloße Klippen. Diese
Inseln zerfällen den Fluß in zahlreiche reißende Betten, in denen das
Wasser sich kochend an den Felsen bricht; alle sind mit Jagua- und
Cucuritopalmen mit federbuschförmigem Laub bewachsen, ein Palmendickicht
mitten auf der schäumenden Wasserfläche. Die Indianer, welche die leeren
Piroguen durch die Raudales schaffen, haben für jede Staffel, für jeden
Felsen einen eigenen Namen. Von Süden her kommt man zuerst zum *Salto del
Piapoco*, zum Sprung des Tucans; zwischen den Inseln Avaguri und
Javariveni ist der Raudal de Javariveni; hier verweilten wir auf unserer
Rückkehr vom Rio Negro mehrere Stunden mitten in den Stromschnellen, um
unser Canoe zu erwarten. Der Strom scheint zu einem großen Theil trocken
zu liegen. Granitblöcke sind auf einander gehäuft, wie in den Moränen,
welche die Gletscher in der Schweiz vor sich her schieben. Ueberall stürzt
sich der Fluß in die Höhlen hinab, und in einer dieser Höhlen hörten wir
das Wasser zugleich über unsern Köpfen und unter unsern Füßen rauschen.
Der Orinoco ist wie in eine Menge Arme oder Sturzbäche getheilt, deren
jeder sich durch die Felsen Bahn zu brechen sucht. Man muß nur staunen,
wie wenig Wasser man im Flußbett sieht, über die Menge Wasserstürze, die
sich unter dem Boden verlieren, über den Donner der Wasser, die sich
schäumend an den Felsen brechen.
_ Cuncta fremunt undis; ac multo murmure montis _
_ Spumens invictis canescit fluctibus amnis._(_30_)_ _
Ist man über den Raudal Javariveni weg (ich nenne hier nur die wichtigsten
der Fälle), so kommt man zum Raudal *Canucari*, der durch eine Felsbank
zwischen den Inseln Surupamana und Uirapuri gebildet wird. Sind die Dämme
oder natürlichen Wehre nur zwei, drei Fuß hoch, so wagen es die Indianer
im Canoe hinabzufahren. Fluß aufwärts schwimmen sie voraus, bringen nach
vielen vergeblichen Versuchen ein Seil um eine der Felsspitzen über dem
Damm und ziehen das Fahrzeug am Seil auf die Höhe des Raudals. Während
dieser mühseligen Arbeit füllt sich das Fahrzeug häufig mit Wasser;
anderemale zerschellt es an den Felsen, und die Indianer, mit
zerschlagenem, blutendem Körper, reißen sich mit Noth aus dem Strudel und
schwimmen an die nächste Insel. Sind die Felsstaffeln oder Schwellen sehr
hoch und versperren sie den Strom ganz, so schafft man die leichten
Fahrzeuge ans Land, schiebt Baumäste als Walzen darunter und schleppt sie
bis an den Punkt, wo der Fluß wieder schiffbar wird.(31) Bei Hochwasser
ist solches selten nöthig. Spricht man von den Wasserfällen des Orinoco,
so denkt man von selbst an die Art und Weise, wie man in alter Zeit über
die Katarakten des Nil herunterfuhr, wovon uns SENECA(32) eine
Beschreibung hinterlassen hat, die poetisch, aber schwerlich richtig ist.
Ich führe nur eine Stelle an, die vollkommen vergegenwärtigt, was man in
Atures, Maypures und in einigen *Pongos* des Amazonenstroms alle Tage
sieht. »Je zwei mit einander besteigen kleine Nachen, und einer lenkt das
Schiff, der andere schöpft es aus. Sodann, nachdem sie unter dem reißenden
Toben des Nil und den sich begegnenden Wellen tüchtig herumgeschaukelt
worden sind, halten sie sich endlich an die seichtesten Kanäle, durch die
sie den Engpässen der Felsen entgehen, und mit der ganzen Strömung
niederstürzend, lenken sie den schießenden Nachen.«
In den hydrographischen Beschreibungen der Länder werden meistens unter
den unbestimmten Benennungen: »_Saltos_, _Chorros_, _Pongos_,
_Cachoeiras_, _Raudales_; _Cataractes_, _Cascades_, _Chûtes_, _Rapides_;
Wasserfälle, Wasserstürze, Stromschnellen,« stürmische Bewegungen der
Wasser zusammengeworfen, die durch sehr verschiedene Bodenbildungen
hervorgebracht werden. Zuweilen stürzt sich ein ganzer Fluß aus
bedeutender Höhe in Einem Falle herunter, wodurch die Schifffahrt völlig
unterbrochen wird. Dahin gehört der prächtige Fall des Rio Tequendama, den
ich in meinen _Vues des Cordillères_ abgebildet habe; dahin die Fälle des
Niagara und der Rheinfall, die nicht sowohl durch ihre Höhe als durch die
Wassermasse bedeutend sind. Anderemale liegen niedrige Steindämme in
weiten Abständen hinter einander und bilden getrennte Wasserfälle; dahin
gehören die _Cachoeiras_ des Rio Negro und des Rio de la Madeira, die
_Saltos_ des Rio Cauca und die meisten _Pongos_ im obern Amazonenstrom
zwischen dem Einfluß des Chinchipe und dem Dorfe San Borja. Der höchste
und gefährlichste dieser Pongos, den man auf Flößen herunter fährt, der
bei Mayafi, ist übrigens nur drei Fuß hoch. Noch anderemale liegen kleine
Steindämme so nahe an einander, daß sie auf mehrere Meilen Erstreckung
eine ununterbrochene Reihe von Fällen und Strudeln, _Chorros_ und
_Remolinos_ bilden, und dieß nennt man eigentlich _Raudales_, _Rapides_,
Stromschnellen. Dahin gehören die *Yellalas*, die Stromschnellen des
Zaire- oder Congoflusses, mit denen uns Capitän Tuckey kürzlich bekannt
gemacht hat; die Stromschnellen des Orangeflusses in Afrika oberhalb
Pella, und die vier Meilen langen Fälle des Missouri da, wo der Fluß aus
den Rocky Mountains hervorbricht. Hieher gehören nun auch die Fälle von
Atures und Maypures, die einzigen, die, im tropischen Erdstrich der neuen
Welt gelegen, mit einer herrlichen Palmenvegetation geschmückt sind. In
allen Jahreszeiten gewähren sie den Anblick eigentlicher Wasserfälle und
hemmen die Schifffahrt auf dem Orinoco in sehr bedeutendem Grade, während
die Stromschnellen des Ohio und in Oberegypten zur Zeit der Hochgewässer
kaum sichtbar sind. Ein vereinzelter Wasserfall, wie der Niagara oder der
Fall bei Terni, gibt ein herrliches Bild, aber nur Eines; er wird nur
anders, wenn der Zuschauer seinen Standpunkt verändert; Stromschnellen
dagegen, namentlich wenn sie zu beiden Seiten mit großen Bäumen besetzt
sind, machen eine Landschaft meilenweit schön. Zuweilen rührt die
stürmische Bewegung des Wassers nur daher, daß die Strombetten sehr
eingeengt sind. Dahin gehört die Angostura de Carare im Magdalenenfluß,
ein Engpaß, der dem Verkehr zwischen Santa Fe de Bogota und der Küste von
Carthagena Eintrag thut; dahin gehört der Pongo von Manseriche im obern
Amazonenstrom, den LA CONDAMINE für weit gefährlicher gehalten hat, als er
in Wahrheit ist, und den der Pfarrer von San Borja hinauf muß, so oft er
im Dorfe San Yago eine Amtsverrichtung hat.
Der Orinoco, der Rio Negro und fast alle Nebenflüsse des Amazonenstromes
oder Marañon haben Fälle oder Stromschnellen entweder in der Nähe ihres
Ursprungs durch Berge laufen, oder weil sie auf der mittleren Strecke
ihres Laufs auf andere Berge stoßen. Wenn, wie oben bemerkt, die Wasser
des Amazonenstroms vom Pongo von Manseriche bis zu seiner Mündung, mehr
als 750 Meilen weit, nirgends heftig aufgeregt sind, so verdankt er diesen
ungemein großen Vortheil dem Umstand, daß er immer die gleiche Richtung
einhält. Er fließt von Ost nach West über eine weite Ebene, die gleichsam
ein Längenthal zwischen der Bergkette der Parime und dem großen
brasilianischen Gebirgsstock bildet.