Der Brauch, den Körpers zu bemalen, ist nicht bei allen Völkern am Orinoco

gleich alt. Erst seit den häufigen Einfällen der mächtigen Nation der

Caraiben in diese Länder ist derselbe allgemeiner geworden. Sieger und

Besiegte waren gleich nackt, und um dem Sieger gefällig zu seyn, mußte man

sich bemalen wie er und seine Farbe tragen. Jetzt ist es mit der Macht der

Caraiben vorbei, sie sind auf das Gebiet zwischen den Flüssen Carony,

Cuyuni und Paraguamuzi beschränkt, aber die caraibische Mode, den ganzen

Körper zu färben, hat sich erhalten; der Brauch ist dauernder als die

Eroberung.

Ist nun der Gebrauch des Onoto und des Chica ein Kind der bei wilden

Völkern so häufigen Gefallsucht und ihrer Liebe zum Putz, oder gründet er

sich vielleicht auf die Beobachtung, daß ein Ueberzug von färbenden und

öligten Stoffen die Haut gegen den Stich der Moskitos schützt? In den

Missionen am Orinoco und überall, wo die Luft von giftigen Insekten

wimmelt, habe ich diese Frage sehr oft erörtern hören. Die Erfahrung

zeigt, daß der Caraibe und der Saliva, die roth bemalt sind, von Moskitos

und Zancudos so arg geplagt werden als die Indianer, die keine Farbe

aufgetragen haben. Bei beiden hat der Stich des Insects keine Geschwulst

zur Folge; fast nie bilden sich die Blasen oder kleinen Beulen, die frisch

angekommenen Europäern ein so unerträgliches Jucken verursachen. So lange

aber das Insekt den Saugrüssel nicht aus der Hautgezogen hat, schmerzt der

Stich den Eingeborenen und den Weißen gleich sehr. Nach tausend andern

nutzlosen Versuchen haben Bonpland und ich uns selbst Hände und Arme mit

Krokodilfett und Schildkröteneieröl eingerieben und davon nie die

geringste Erleichterung gespürt; wir wurden gestochen nach wie vor. Ich

weiß wohl, daß Oel und Fett von den Lappen als die wirksamsten

Schutzmittel gerühmt werden; aber die scandinavischen Insekten und die am

Orinoco sind nicht von derselben Art. Der Tabaksrauch verscheucht unsere

Schnacken, gegen die Zancudos hilft er nichts. Wenn die Anwendung vom

fetten und adstringirenden Stoffen(17) die unglücklichen Landeseinwohner

vor der Insektenplage schützte, wie Pater GUMILLA behauptet, warum wäre

der Brauch sich zu bemalen hier zu Lande nicht ganz allgemein geworden?

wie könnten so viele nackte Völker, die sich bloß das Gesicht bemalen,

dicht neben solchen wohnen, die den ganzen Körper färben?

Es erscheint auffallend, daß die Indianer am Orinoco, wie die Eingeborenen

in Nordamerika, rothe Farbstoffe allen andern vorziehen. Rührt diese

Vorliebe davon her, daß der Wilde sich leicht ockerartige Erden oder das

Farbmehl des Rocou und des Chica verschafft? Das möchte ich sehr be-

zweifeln. In einem großen Theil des tropischen Amerika wächst der Indigo

wild, und diese Pflanze, wie so viele andere Schotengewächse, hätten den

Eingeborenen reichlich Mittel geboten, sich blau zu färben wie die alten

Britannier, und doch sehen wir in Amerika keine mit Indigo bemalten

Stämme. Wenn die Amerikaner der rothen Farbe den Vorzug geben, so beruht

dieß, wie schon oben bemerkt, wahrscheinlich auf dem Triebe der Völker,

Alles, was sie nationell auszeichnet, schön zu finden. Menschen, deren

Haut von Natur rothbraun ist, lieben die rothe Farbe. Kommen sie mit

niedriger Stirn, mit abgeplattetem Kopfe zur Welt, so suchen sie bei ihren

Kindern die Stirne niederzudrücken. Unterscheiden sie sich von andern

Völkern durch sehr dünnen Bart, so suchen sie die wenigen Haare, welche

die Natur ihnen wachsen lassen, auszuraufen. Sie halten sich für desto

schöner, je stärker sie die charakteristischen Züge ihres Stammes oder

ihrer Nationalbildung hervortreten lassen.

Im Lager auf Pararuma machten wir die auffallende Bemerkung, daß sehr alte

Weiber mit ihrem Putz sich mehr zu schaffen machten als die jüngsten. Wir

sahen eine Indianerin vom Stamme der Otomaken, die sich die Haare mit

Schildkrötenöl einreiben und den Rücken mit Onoto und *Caruto* bemalen

ließ; zwei ihrer Töchter mußten dieses Geschäft verrichten. Die Malerei

bestand in einer Art Gitter von schwarzen sich kreuzenden Linien auf

rothem Grund; in jedes kleine Viereck wurde mitten ein schwarzer Punkt

gemacht, eine Arbeit, zu der unglaubliche Geduld gehörte. Wir hatten sehr

lange botanisirt, und als wir zurückkamen, war die Malerei noch nicht halb

fertig. Man wundert sich über einen so umständlichen Putz um so mehr, wenn

man bedenkt, daß die Linien und Figuren nicht tätowirt werden, und daß das

so mühsam Aufgemalte sich verwischt,(18) wenn sich der Indianer

unvorsichtigerweise einem starken Regen aussetzt. Manche Nationen bemalen

sich nur, wenn sie Feste begehen, andere sind das ganze Jahr mit Farbe

angestrichen, und bei diesen ist der Gebrauch des Onoto so unumgänglich,

daß Männer und Weiber sich wohl weniger schämten, wenn sie sich ohne

*Guayuco*, als wenn sie sich unbemalt blicken ließen. Die *Guayucos*

bestehen am Orinoco theils aus Baumrinde, theils aus Baumwollenzeug. Die

Männer tragen sie breiter als die Weiber, die überhaupt (wie die

Missionäre behaupten) weniger Schamgefühl haben. Schon Christoph Columbus

hat eine ähnliche Bemerkung gemacht. Sollte diese Gleichgültigkeit der

Weiber, dieser ihr Mangel an Scham unter Völkern, deren Sitten doch nicht

sehr verdorben sind, nicht daher rühren, daß das andere Geschlecht in

Südamerika durch Mißbrauch der Gewalt von Seiten der Männer so tief

herabgewürdigt und zu Sklavendiensten verurtheilt ist?

Ist in Europa von einem Eingeborenen von Guyana die Rede, so stellt man

sich einen Menschen vor, der an Kopf und Gürtel mit schönen Arras-,

Tucan-, Tangaras- und Colibrifedern geschmückt ist. Von jeher gilt bei

unsern Malern und Bildhauern solcher Putz für das charakteristische

Merkmal eines Amerikaners. Zu unserer Ueberraschung sahen wir in den

Missionen der Chaymas, in den Lagern von Uruana und Pararuma, ja beinahe

am ganzen Orinoco und Cassiquiare nirgends jene schönen Federbüsche, jene

Federschürzen, wie sie die Reisenden so oft aus Cayenne und Demerary

heimbringen. Die meisten Völkerschaften in Guyana, selbst die, deren

Geisteskräfte ziemlich entwickelt sind, die Ackerbau treiben und

Baumwollenzeug weben, sind so nackt, so arm, so schmucklos wie die

Neuholländer. Bei der ungeheuren Hitze, beim starken Schweiß, der den

Körper den ganzen Tag über und zum Theil auch bei Nacht bedeckt, ist jede

Bekleidung unerträglich. Die Putzsachen, namentlich die Federbüsche werden

nur bei Tanz und Festlichkeit gebraucht. Die Federbüsche der Guaypuñaves

sind wegen der Auswahl der schönen Manakin- und Papagayenfedern die

berühmtesten.

Die Indianer bleiben nicht immer bei einem einfachen Farbenüberzug stehen;

zuweilen ahmen sie mit ihrer Hautmalerei in der wunderlichsten Weise den

Schnitt europäischer Kleidungsstücke nach. Wir sahen in Pararuma welche,

die sich blaue Jacken mit schwarzen Knöpfen malen ließen. Die Missionäre

erzählten uns sogar, die Guaynaves am Rio Caura färben sich mit Onoto und

machen sich dem Körper entlang breite Querstreifen, auf die sie

silberfarbige Glimmerblättchen kleben. Von weitem sieht es aus, als trügen

die nackten Menschen mit Tressen besetzte Kleider. Wären die *bemalten*

Völker so scharf beobachtet worden, wie die *bekleideten*, so wäre man zum

Schlusse gelangt, daß beim Bemalen, so gut wie bei der Bekleidung, der

Brauch von großer Fruchtbarkeit der Einbildungskraft und starkem Wechsel

der Laune erzeugt wird.

Das Bemalen und Tätowiren ist in beiden Welten weder auf Einen

Menschenstamm, noch auf Einen Erdstrich beschränkt. Am häufigsten kommen

diese Arten von Putz bei Völkern malayischer und amerikanischer Race vor;

aber zur Zeit der Römer bestand die Sitte auch bei der weißen Race im

Norden von Europa. Wenn Kleidung und Tracht im griechischen Archipel und

in Westasien am malerischsten sind, so sind Bemalung und Tätowirung bei

den Insulanern der Südsee am höchsten ausgebildet. Manche bekleideten

Völker bemalen sich dabei doch Hände, Nägel und Gesicht. Die Bemalung

erscheint hier auf die Körpertheile beschränkt, die allein blos getragen

werden, und während die Schminke, die an den wilden Zustand der Menschheit

erinnert, in Europa nach und nach verschwindet, meinen die Damen in

manchen Städten der Provinz Peru ihre doch so feine und sehr weiße Haut

durch Auftragen von vegetabilischen Farbstoffen, von Stärke, Eiweiß und

Mehl schöner zu machen. Wenn man lange unter Menschen gelebt hat, die mit

Onoto und Chica bemalt sind, fallen einem diese Ueberreste alter Barbarei

inmitten aller Gebräuche der gebildeten Welt nicht wenig auf.

Im Lager von Pararuma hatten wir Gelegenheit, manche Thiere, die wir bis

dahin nur von den europäischen Sammlungen her kannten, zum erstenmal

lebend zu sehen. Die Missionäre treiben mit dergleichen kleinen Thieren

Handel. Gegen Tabak, Maniharz, Chicafarbe, _‘Gallitos’_ (Felshühner),

*Titi-*, *Kapuziner-* und andere an den Küsten sehr gesuchte Affen

tauschen sie Zeuge, Nägel, Aexte, Angeln und Stecknadeln ein. Die Producte

vom Orinoco werden den Indianern, die unter der Herrschaft der Mönche

leben, zu niedrigem Preise abgekauft, und dieselben Indianer kaufen dann

von den Mönchen, aber zu sehr hohen Preisen, mit dem Geld, das sie bei der

Eierernte erlösen, ihr Fischergeräthe und ihre Ackerwerkzeuge. Wir kauften

mehrere Thiere, die uns auf der übrigen Stromfahrt begleiteten und deren

Lebensweise wir somit beobachten konnten. Ich habe diese Beobachtungen in

einem andern Werke bekannt gemacht; da ich aber einmal von denselben

Gegenständen zweimal handeln muß, beschränke ich mich hier auf ganz kurze

Angaben und füge Notizen bei, wie sie mir seitdem hier und da in meinen

Reisetagebüchern aufstießen.

Die *Gallitos* oder *Felshühner*, die man in Pararuma in niedlichen

kleinen Bauern aus Palmblattstielen verkauft, sind an den Ufern des

Orinoco und im ganzen Norden und Westen des tropischen Amerika weit

seltener als in französisch Guyana. Man fand sie bisher nur bei der

Mission Encaramada und in den *Raudales* oder Fällen von Maypures. Ich

sage ausdrücklich in den Fällen; denn diese Vögel nisten gewöhnlich in den

Höhlungen der kleinen Granitfelsen, die sich durch den Orinoco ziehen und

so zahlreiche Wasserfälle bilden. Wir sahen sie manchmal mitten im

Wasserschaum zum Vorschein kommen, ihrer Henne rufen und mit einander

kämpfen, wobei sie wie unsere Hähne den doppelten beweglichen Kamm, der

ihren Kopfschmuck bildet, zusammenfalten. Da die Indianer selten

erwachsene Gallitos fangen und in Europa nur die Männchen geschätzt sind,

die vom dritten Jahre an prächtig goldgelb werden, so muß der Käufer auf

der Hut seyn, um nicht statt junger Hahnen junge Hennen zu bekommen. Beide

sind olivenbraun; aber der _Pollo_ oder junge Hahn zeichnet sich schon

ganz jung durch seine Größe und seine gelben Füße aus. Die Henne bleibt

ihr Lebenlang dunkelfarbig, braun, und nur die Spitzen und der Untertheil

der Flügel sind bei ihr gelb. Soll der erwachsene Felshahn in unsern

Sammlungen die schöne Farbe seines Gefieders erhalten, so darf man

dasselbe nicht dem Licht aussetzen. Die Farbe bleicht weit schneller als

bei andern Gattungen sperlingsartiger Vögel. Die jungen Hahnen haben, wie

die meisten Thiere, das Gefieder der Mutter. Es wundert mich, wie ein so

ausgezeichneter Beobachter wie LE VAILLANT in Zweifel ziehen kann, ob die

Henne wirklich immer dunkelfarbig, olivenbraun bleibt. Die Indianer bei

den Raudales versicherten mich alle, niemals ein goldfarbiges Weibchen

gesehen zu haben.

Unter den Affen, welche die Indianer in Paramara zu Markte gebracht, sahen

wir mehrere Spielarten des *Saï* [_Simia capucina_], der der kleinen

Gruppe der Winselaffen angehört, die in den spanischen Colonien *Matchi*

heißen, ferner *Marimondas* [_Simia Belzebuth_] oder Atelen mit rothem

Bauch, *Titis* und *Viuditas*. Die beiden letzteren Arten interessirten

uns besonders, und wir kauften sie, um sie nach Europa zu schicken.(19)

BUFFONs *Ouistiti* [_Simia Jacchus_] ist AZZARAs Titi, der *Titi* [_Simia

Oedipus_] von Carthagena und Darien ist BUFFONs Pinche, und der *Titi*

[_Simia sciurea_] vom Orinoco ist der Saïmiri der französischen Zoologen,

und diese Thiere dürfen nicht verwechselt werden. In den verschiedenen

spanischen Colonien heißen *Titi* Affen, die drei verschiedenen

Untergattungen angehören und in der Zahl der Backzähne von einander

abweichen. Nach dem eben Angeführten ist die Bemerkung fast überflüssig,

wie wünschenswerth es wäre, daß man in wissenschaftlichen Werken sich der

landesüblichen Namen enthielte, die durch unsere Orthographie entstellt

werden, die in jeder Provinz wieder anders lauten, und so die klägliche

Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur vermehren.

Der *Titi vom Orinoco* (_Simia sciurea_), bis jetzt schlecht abgebildet,

indessen in unsern Sammlungen sehr bekannt, heißt bei den

Maypures-Indianern _Bititeni_. Er kommt südlich von den Katarakten sehr

häufig vor. Er hat ein weißes Gesicht und über Mund und Nasenspitze weg

einen kleinen blauschwarzen Fleck. Die am zierlichsten gebauten und am

schönsten gefärbten (der Pelz ist goldgelb) kommen von den Ufern des

Cassiquiare. Die man am Guaviare fängt, sind groß und schwer zu zähmen.

Kein anderer Affe sieht im Gesicht einem Kinde so ähnlich wie der Titi; es

ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte Lächeln: derselbe

rasche Uebergang von Freude zu Trauer. Seine großen Augen füllen sich mit

Thränen, sobald er über etwas ängstlich wird. Er ist sehr lüstern nach

Insekten, besonders nach Spinnen. Das kleine Thier ist so klug, daß ein

Titi, den wir aus unserem Canoe nach Angostura brachten, die Tafeln zu

CUVIERs _Tableau élémentaire d’histoire naturelle_ ganz gut unterschied.

Diese Kupfer sind nicht colorirt, und doch streckte der Titi rasch die

kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder eine Wespe zu

erhaschen, so oft wir ihm die eilfte Tafel vorhielten, auf der diese

Insekten abgebildet sind. Zeigte man ihm Skelette oder Köpfe von

Säugethieren, blieb er völlig gleichgültig.(20) Setzt man mehrere dieser

kleinen Affen, die im selben Käfigt beisammen sind, dem Regen aus, und

fällt die gewöhnliche Lufttemperatur rasch um 2--3 Grad, so schlingen sie

sich den Schwanz, der übrigens kein Wickelschwanz ist, um den Hals und

verschränken Arme und Beine, um sich gegenseitig zu erwärmen. Die

indianischen Jäger erzählten uns, man finde in den Wäldern häufig Haufen

von zehn, zwölf solcher Affen, die erbärmlich schreien, weil die auswärts

Stehenden in den Knäuel hinein möchten, um Wärme und Schutz zu finden.

Schießt man mit Pfeilen, die in _Curare destemplado_ (in verdünntes Gift)

getaucht sind, auf einen solchen Knäuel, so fängt man viele junge Affen

auf einmal lebendig. Der junge Titi bleibt im Fallen an seiner Mutter

hängen, und wird er durch den Sturz nicht verletzt, so weicht er nicht von

Schulter und Hals des todten Thiers. Die meisten, die man in den Hütten

der Indianer lebend antrifft, sind auf diese Weise von den Leichen ihrer

Mütter gerissen worden. Erwachsene Thiere, wenn sie auch von leichten

Wunden genesen sind, gehen meist zu Grunde, ehe sie sich an den Zustand

der Gefangenschaft gewöhnt haben. Die Titis sind meist zarte, furchtsame

kleine Thiere. Sie sind aus den Missionen am Orinoco schwer an die Küsten

von Cumana und Caracas zu bringen. Sobald man die Waldregion hinter sich

hat und die Llanos betritt, werden sie traurig und niedergeschlagen. Der

unbedeutenden Zunahme der Temperatur kann man diese Veränderung nicht

zuschreiben, sie scheint vielmehr vom stärkeren Licht, von der geringeren

Feuchtigkeit und von irgend welcher chemischen Beschaffenheit der Luft an

der Küste herzurühren.

Den Saïmiris oder Titis vom Orinoco, den Atelen, Sajous und andern schon

lange in Europa bekannten Vierhändern steht in scharfem Abstich, nach

Habitus und Lebensweise, der *Macavahu* [_Simia lugens_] gegenüber, den

die Missionäre _‘Viudita’_ oder *Wittwe in Trauer* nennen. Das kleine

Thier hat feines, glänzendes, schön schwarzes Haar. Das Gesicht hat eine

weißlichte, ins Blaue spielende Larve, in der Augen, Nase und Mund stehen.

Die Ohren haben einen umgebogenen Rand, sind klein, wohlgebildet und fast

ganz nackt. Vorn am Halse hat die *Wittwe* einen weißen, zollbreiten

Strich, der ein halbes Halsband bildet. Die Hinterfüße oder vielmehr Hände

sind schwarz wie der übrige Körper, aber die Vorderhände sind außen weiß

und innen glänzend schwarz. Diese weißen Abzeichen deuten nun die

Missionare als Schleier, Halstuch und Handschuhe einer *Wittwe in Trauer*.

Die Gemüthsart dieses kleinen Affen, der sich nur beim Fressen auf den

Hinterbeinen ausrichtet, verräth sich durch seine Haltung nur sehr wenig.

Er sieht sanft und schüchtern aus; häufig berührt er das Fressen nicht,

das man ihm bietet, selbst wenn er starken Hunger hat. Er ist nicht gerne

in Gesellschaft anderer Affen; wenn er den kleinsten Samïri ansichtig

wird, läuft er davon. Sein Auge verräth große Lebhaftigkeit. Wir sahen ihn

stundenlang regungslos dasitzen, ohne daß er schlief, und auf Alles, was

um ihn vorging, achten. Aber diese Schüchternheit und Sanftmuth sind nur

scheinbar. Ist die Viudita allein, sich selbst überlassen, so wird sie

wüthend, sobald sie einen Vogel sieht. Sie klettert und läuft dann mit

erstaunlicher Behendigkeit; sie macht einen Satz auf ihre Beute, wie die

Katze, und erwürgt, was sie erhaschen kann. Dieser sehr seltene und sehr

zärtliche Affe lebt auf dem rechten Ufer des Orinoco in den Granitgebirgen

hinter der Mission Santa Barbara, ferner am Guaviare bei San Fernando de

Atabapo. Die Viudita hat die ganze Reise auf dem Cassiquiare und Rio Negro

mitgemacht und ist zweimal mit uns über die Katarakten gegangen. Will man

die Sitten der Thiere genau beobachten, so ist es, nach meiner Meinung,

sehr vortheilhaft, wenn man sie Monate lang in freier Luft, nicht in

Häusern, wo sie ihre natürliche Lebhaftigkeit ganz verlieren, unter den

Augen hat.

Die neue für uns bestimmte Pirogue wurde noch am Abend geladen. Es war,

wie alle indianischen Canoes, ein mit Axt und Feuer ausgehöhlter

Baumstamm, vierzig Fuß lang und drei breit. Drei Personen konnten nicht

neben einander darin sitzen. Diese Piroguen sind so beweglich, sie

erfordern, weil sie so wenig Widerstand leisten, eine so gleichmäßige

Vertheilung der Last, daß man, wenn man einen Augenblick aufstehen will,

den Ruderern (_bogas_) zurufen muß, sich auf die entgegengesetzte Seite zu

lehnen; ohne diese Vorsicht liefe das Wasser nothwendig über den geneigten

Bord. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, wie übel man auf

einem solchen elenden Fahrzeug daran ist.

Der Missionär aus den *Raudales* betrieb die Zurüstungen zur Weiterfahrt

eifriger, als uns lieb war. Man besorgte nicht genug Macos- und

Guahibos-Indianer zur Hand zu haben, die mit dem Labyrinth von kleinen

Kanälen und Wasserfällen, welche die Raudales oder Katarakten bilden,

bekannt wären; man legte daher die Nacht über zwei Indianer in den *Cepo*,

das heißt, man legte sie auf den Boden und steckte ihnen die Beine durch

zwei Holzstücke mit Ausschnitten, um die man eine Kette mit Vorlegeschloß

legte. Am frühen Morgen weckte uns das Geschrei eines jungen Mannes, den

man mit einem Seekuhriemen unbarmherzig peitschte. Es war *Zerepe*, ein

sehr verständiger Indianer, der uns in der Folge die besten Dienste

leistete, jetzt aber nicht mit uns gehen wollte. Er war aus der Mission

Atures gebürtig, sein Vater war ein Maco, seine Mutter vom Stamme der

Maypures; er war in die Wälder (_al monte_) entlaufen und hatte ein paar

Jahre unter nicht unterworfenen Indianern gelebt. Dadurch hatte er sich

mehrere Sprachen zu eigen gemacht, und der Missionär brauchte ihn als

Dolmetscher. Nur mit Mühe brachten wir es dahin, daß der junge Mann

begnadigt wurde. »Ohne solche Strenge,« hieß es, »würde es euch an Allem

fehlen. Die Indianer aus den Raudales und vom obern Orinoco sind ein

stärkerer und arbeitsamerer Menschenschlag als die am untern Orinoco. Sie

wissen wohl, daß sie in Angostura sehr gesucht sind. Ließe man sie machen,

so gingen sie alle den Fluß hinunter, um ihre Produkte zu verkaufen und in

voller Freiheit unter den Weißen zu leben, und die Missionen stünden

leer.«

Diese Gründe mögen scheinbar etwas für sich haben, richtig sind sie nicht.

Will der Mensch der Vortheile des geselligen Lebens genießen, so muß er

allerdings seine natürlichen Rechte, seine frühere Unabhängigkeit zum

Theil zum Opfer bringen. Wird aber das Opfer, das man ihm auferlegt, nicht

durch die Vortheile der Civilisation aufgewogen, so nährt der Wilde in

seiner verständigen Einfalt fort und fort den Wunsch, in die Wälder

zurückzukehren, in denen er geboren worden. Weil der Indianer aus den

Wäldern in den meisten Missionen als ein Leibeigener behandelt wird, weil

er der Früchte seiner Arbeit nicht froh wird, deßhalb veröden die

christlichen Niederlassungen am Orinoco. Ein Regiment, das sich auf die

Vernichtung der Freiheit der Eingeborenen gründet, tödtet die

Geisteskräfte oder hemmt doch ihre Entwicklung.

Wenn man sagt, der Wilde müsse wie das Kind unter strenger Zucht gehalten

werden, so ist dieß ein unrichtiger Vergleich. Die Indianer am Orinoco

haben in den Aeußerungen ihrer Freude, im raschen Wechsel ihrer

Gemüthsbewegungen etwas Kindliches; sie sind aber keineswegs große Kinder,

sowenig als die armen Bauern im östlichen Europa, die in der Barbarei des

Feudalsystems sich der tiefsten Verkommenheit nicht entringen können.

Zwang, als hauptsächlichstes und einziges Mittel zur Sittigung des Wilden,

erscheint zudem als ein Grundsatz, der bei der Erziehung der Völker und

bei der Erziehung der Jugend gleich falsch ist. Wie schwach, und wie tief

gesunken auch der Mensch seyn mag, keine Fähigkeit ist ganz erstorben. Die

menschliche Geisteskraft ist nur dem Grad und der Entwicklung nach

verschieden. Der Wilde, wie das Kind, vergleicht den gegenwärtigen Zustand

mit dem vergangenen; er bestimmt seine Handlungen nicht nach blindem

Instinkt, sondern nach Rücksichten der Nützlichkeit. Unter allen Umständen

kann Vernunft durch Vernunft aufgeklärt werden; die Entwicklung derselben

wird aber desto mehr niedergehalten, je weiter diejenigen, die sich zur

Erziehung der Jugend oder zur Regierung der Völker berufen glauben, im

hochmüthigen Gefühl ihrer Ueberlegenheit auf die ihnen Untergebenen

herabblicken und Zwang und Gewalt brauchen, statt der sittlichen Mittel,

die allein keimende Fähigkeiten entwickeln, die aufgeregten Leidenschaften

sänftigen und die gesellschaftliche Ordnung befestigen können.

Am 10. April. Wir konnten erst um zehn Uhr Morgens unter Segel gehen. Nur

schwer gewöhnten wir uns an die neue Pirogue, die uns eben ein neues

Gefängniß war. Um an Breite zu gewinnen, hatte man auf dem Hintertheil des

Fahrzeugs aus Baumzweigen eine Art Gitter angebracht, das aus beiden

Seiten über den Bord hinausreichte. Leider war das Blätterdach (_el

toldo_) darüber so niedrig, daß man gebückt sitzen oder ausgestreckt

liegen mußte, wo man dann nichts sah. Da man die Piroguen durch die

Stromschnellen, ja von einem Fluß zum andern schleppen muß, und weil man

dem Wind zu viel Fläche böte, wenn man den _Toldo_ höher machte, so kann

auf den kleinen Fahrzeugen, die zum Rio Negro hinauf gehen, die Sache

nicht anders eingerichtet werden. Das Dach war für vier Personen bestimmt,

die auf dem Verdeck oder dem Gitter aus Baumzweigen lagen; aber die Beine

reichen weit über das Gitter hinaus, und wenn es regnet, wird man zum

halben Leib durchnäßt. Dabei liegt man auf Ochsenhäuten oder Tigerfellen

und die Baumzweige darunter drücken einen durch die dünne Decke gewaltig.

Das Vordertheil des Fahrzeugs nahmen die indianischen Ruderer ein, die

drei Fuß lange, löffelsörmige *Pagaies* führen. Sie sind ganz nackt,

sitzen paarweise und rudern im Takt, den sie merkwürdig genau einhalten.

Ihr Gesang ist trübselig, eintönig. Die kleinen Käfige mit unsern Vögeln

und Affen, deren immer mehr wurden, je weiter wir kamen, waren theils am

Toldo, theils am Vordertheil aufgehängt. Es war unsere Reisemenagerie.

Obgleich viele der kleinen Thiere durch Zufall, meist aber am Sonnenstich

zu Grunde gingen, hatten wir ihrer bei der Rückkehr vom Cassiquiare noch

vierzehn. Naturaliensammler, die lebende Thiere nach Europa bringen

wollen, könnten sich in Angostura und Gran-Para, den beiden Hauptstädten

am Orinoco und Amazonenstrom, eigens für ihren Zweck Piroguen bauen

lassen, wo im ersten Drittheil zwei Reihen gegen die Sonnengluth

geschützter Käfige angebracht wären. Wenn wir unser Nachtlager

aufschlugen, befanden sich die Menagerie und die Instrumente immer in der

Mitte; ringsum kamen sofort unsere Hängematten, dann die der Indianer, und

zu äußerst die Feuer, die man für unentbehrlich hielt, um den Jaguar ferne

zu halten. Um Sonnenaufgang stimmten unsere Affen in das Geschrei der

Affen im Walde ein. Dieser Verkehr zwischen Thieren derselben Art, die

einander zugethan sind, ohne sich zu sehen, von denen die einen der

Freiheit genießen, nach der die andern sich sehnen, hat etwas Wehmüthiges,

Rührendes.

Auf der überfüllten, keine drei Fuß breiten Pirogue blieb für die

getrockneten Pflanzen, die Koffer, einen Sextanten, den Inclinationscompaß

und die meteorologischen Instrumente kein Platz als der Raum unter dem

Gitter aus Zweigen, auf dem wir den größten Theil des Tags ausgestreckt

liegen mußten. Wollte man irgend etwas aus einem Koffer holen oder ein

Instrument gebrauchen, mußte man ans Ufer fahren und aussteigen. Zu diesen

Unbequemlichkeiten kam noch die Plage der Moskitos, die unter einem so

niedrigen Dache in Schaaren hausen, und die Hitze, welche die Palmblätter

ausstrahlen, deren obere Fläche beständig der Sonnengluth ausgesetzt ist.

Jeden Augenblick suchten wir uns unseres Lage erträglicher zu machen, und

immer vergeblich. Während der eine sich unter ein Tuch steckte, um sich

vor den Insekten zu schützen, verlangte der andere, man solle grünes Holz

unter dem Toldo anzünden, um die Mücken durch den Rauch zu vertreiben.

Wegen des Brennens der Augen und der Steigerung der ohnehin erstickenden

Hitze war das eine Mittel so wenig anwendbar als das andere. Aber mit

einem muntern Geiste, bei gegenseitiger Herzlichkeit, bei offenem Sinn und

Auge für die großartige Natur dieser weiten Stromthäler fällt es den

Reisenden nicht schwer, Beschwerden zu ertragen, die zur Gewohnheit

werden. Wenn ich mich hier auf diese Kleinigkeiten eingelassen habe,

geschah es nur, um die Schifffahrt auf dem Orinoco zu schildern und

begreiflich zu machen, daß Bonpland und ich auf diesem Stück unserer Reise

beim besten Willen lange nicht alle die Beobachtungen machen konnten, zu

denen uns die an wissenschaftlicher Ausbeute so reiche Naturumgebung

aufforderte.

Unsere Indianer zeigten uns am rechten Ufer den Ort, wo früher die ums

Jahr 1733 von den Jesuiten gegründete Mission Pararuma gestanden. Eine

Pockenepidemie, die unter den Salivas-Indianern große Verheerungen

anrichtete, war der Hauptgrund, warum die Mission einging. Die wenigen

Einwohner, welche die schreckliche Seuche überlebten, wurden im Dorfe

Carichana aufgenommen, das wir bald besuchen werden. Hier bei Pararuma war

es, wo, nach Pater Nomans Aussage, gegen die Mitte des vorigen

Jahrhunderts bei einem starken Gewitter Hagel fiel. Dieß ist so ziemlich

der einzige Fall, der meines Wissens in einer fast im Niveau des Meeres

liegenden Niederung vorgekommen; denn im Allgemeinen hagelt es unter den

Tropen nur in mehr als 300 Toisen Meereshöhe [S. Band II Seite 156].

Bildet sich der Hagel in derselben Höhe über Niederungen und Hochebenen,

so muß man annehmen, er schmelze bei seinem Durchgang durch die untersten

Luftschichten (zwischen 0 und 300 Toisen), deren mittlere Temperatur 27°,5

und 24° beträgt. Ich gestehe indessen, daß es beim jetzigen Stande der

Meteorologie sehr schwer zu erklären ist, warum es in Philadelphia, Rom

und Montpellier in den heißesten Monaten mit einer mittleren Temperatur

von 25 bis 26° hagelt, während in Cumana, Guayra und überhaupt in den

Niederungen in der Nähe des Aequators die Erscheinung nicht vorkommt. In

den Vereinigten Staaten und im südlichen Europa (unter dem 40--43. Grad

der Breite) ist die Temperatur auf den Niederungen im Sommer ungefähr eben

so hoch als unter den Tropen. Auch die Wärmeabnahme ist nach meinen

Untersuchungen nur wenig verschieden. Rührt nun der Umstand, daß in der

heißen Zone kein Hagel fällt, davon her, daß die Hagelkörner beim

Durchgang durch die untern Luftschichten schmelzen, so muß man annehmen,

daß die Körner im Moment der Bildung in der gemäßigten Zone größer sind

als in der heißen. Wir kennen die Bedingungen, unter denen in unserem

Klima das Wasser in einer Gewitterwolke friert, noch so wenig, daß wir

nicht zu beurtheilen vermögen, ob unter dem Aequator über den Niederungen

dieselben Bedingungen eintreten. Ich bezweifle, daß sich der Hagel immer

in einer Luftregion bildet, deren mittlere Temperatur gleich Null ist, und

die bei uns im Sommer 1500--1600 Toisen hoch liegt. Die Wolken, in denen

man die Hagelkörner, bevor sie fallen, an einander schlagen hört, und die

wagrecht ziehen, kamen mir immer lange nicht so hoch vor, und es erscheint

begreiflich, daß in solch geringerer Höhe durch die Ausdehnung der

aufsteigenden Luft, welche an Wärmecapacität zunimmt, durch Ströme kalter

Luft aus einer höheren Breite, besonders aber (nach GAY-LUSSAC) durch die

Strahlung der obern Fläche der Wolken, eine ungewöhnliche Erkältung

hervorgebracht wird. Ich werde Gelegenheit haben, auf diesen Punkt

zurückzukommen, wenn von den verschiedenen Formen die Rede ist, unter

denen auf den Anden in 2000--2600 Toisen Meereshöhe Hagel und Graupen

auftreten, und die Frage erörtert wird, ob man die Wolken, welche die

Gebirge einhüllen, als eine horizontale Fortsetzung der Wolkenschicht

betrachten kann, die wir in den Niederungen gerade über uns sich bilden

sehen.

Im Orinoco sind sehr viele Inseln und der Strom fängt jetzt an sich in

mehrere Arme zu theilen, deren westlichster in den Monaten Januar und

Februar trocken liegt. Der ganze Strom ist 2900--3000 Toisen breit. Der

Insel Javanavo gegenüber sahen wir gegen Ost die Mündung des *Caño*

Aujacoa. Zwischen diesem Caño und dem Rio Paruasi oder Paruati wird das

Land immer stärker bewaldet. Aus einem Palmenwald nicht weit vom Orinoco

steigt, ungemein malerisch, ein einzelner Fels empor, ein Granitpfeiler,

ein Prisma, dessen kahle, schroffe Wände gegen zweihundert Fuß hoch sind.

Den Gipfel, der über die höchsten Waldbäume emporragt, krönt eine ebene,

wagrechte Felsplatte. Auf diesem Gipfel, den die Missionäre Pic oder

_Mogote de Cocuyza_ nennen, stehen wieder Bäume. Dieses großartig einfache

Naturdenkmal erinnert an die cyclopischen Bauwerke. Sein scharf

gezeichneter Umriß und oben darauf die Bäume und das Buschwerk heben sich

vom blauen Himmel ab, ein Wald über einem Walde.

Weiterhin beim Einfluß des Paruasi wird der Orinoco wieder schmaler. Gegen

Osten sahen wir einen Berg mit plattem Gipfel, der wie ein Vorgebirge

herantritt. Er ist gegen 300 Fuß hoch und diente den Jesuiten als fester

Platz. Sie hatten ein kleines Fort darauf angelegt, das drei Batterien

entthielt und in dem beständig ein Militärposten lag. In Carichana und

Atures sahen wir die Kanonen ohne Lafetten, halb im Sand begraben. Die

Jesuitenschanze (oder _Fortaleza de San Francisco Xavier_) wurde nach der

Aufhebung der Gesellschaft Jesu zerstört, aber der Ort heißt noch el

Castillo. Auf einer in neuester Zeit in Caracas von einem Weltgeistlichen

entworfenen, nicht gestochenen Karte führt derselbe den seltsamen Namen

_Trinchera del despotismo monacal_ (Schanze des Mönchsdespotismus). In

allen politischen Umwälzungen spricht sich der Geist der Neuerung, der

über die Menge kommt, auch in der geographischen Nomenclatur aus.

Die Besatzung, welche die Jesuiten auf diesem Felsen hatten, sollte nicht

allein die Missionen gegen die Einfälle der Caraiben schützen, sie diente

auch zum Angriffskriege, oder, wie man hier sagt, zur Eroberung von Seelen

(_conquista de almas_). Die Soldaten, durch die ausgesetzten

Geldbelohnungen angefeuert, machten mit bewaffneter Hand Einfälle oder

_Entradas_ auf das Gebiet unabhängiger Indianer. Man brachte um, was

Widerstand zu leisten wagte, man brannte die Hütten nieder, zerstörte die

Pflanzungen und schleppte Greise, Weiber und Kinder als Gefangene fort.

Die Gefangenen wurden sofort in die Missionen am Meta, Rio Negro und obern

Orinoco vertheilt. Man wählte die entlegensten Orte, damit sie nicht in

Versuchung kämen, wieder in ihr Heimathland zu entlaufen. Dieses

gewaltsame Mittel, *Seelen zu erobern*, war zwar nach spanischem Gesetz

verboten, wurde aber von den bürgerlichen Behörden geduldet und von den

Obern der *Gesellschaft*, als der Religion und dem Aufkommen der Missionen

förderlich, höchlich gepriesen. »Die Stimme des Evangeliums,« sagt ein

Jesuit vom Orinoco in den »erbaulichen Briefen«(21) äußerst naiv, »wird

nur da vernommen, wo die Indianer Pulver haben knallen hören (_el eco de

la polvora_). Sanftmuth ist ein gar langsames Mittel. Durch Züchtigung

erleichtert man sich die Belehrung der Eingebornen.« Dergleichen die

Menschheit schändenden Grundsätze wurden sicher nicht von allen Gliedern

einer Gesellschaft getheilt, die in der neuen Welt und überall, wo die

Erziehung ausschließlich in den Händen von Mönchen geblieben ist, der

Wissenschaft und der Cultur Dienste geleistet hat. Aber die *Entradas*,

die *geistlichen Eroberungen* mit dem Bajonett waren einmal ein von einem

Regiment, bei dem es nur auf rasche Ausbreitung der Missionen ankam,

unzertrennlicher Gräuel. Es thut dem Gemüthe wohl, daß die Franciskaner,

Dominikaner und Augustiner, welche gegenwärtig einen großen Theil von

Südamerika regieren und, je nachdem sie von milder oder roher Sinnesart

sind, auf das Geschick von vielen Tausenden von Eingeborenen den

mächtigsten Einfluß üben, nicht nach jenem System verfahren. Die Einfälle

mit bewaffneter Hand sind fast ganz abgestellt, und wo sie noch vorkommen,

werden sie von den Ordensobern mißbilligt. Wir wollen hier nicht

ausmachen, ob diese Wendung des Mönchsregiments zum Bessern daher rührt,

daß die frühere Thätigkeit erschlafft ist und der Lauheit und Indolenz

Platz gemacht hat, oder ob man darin, was man so gerne thäte, einen Beweis

sehen soll, daß die Aufklärung zunimmt und eine höhere, dem wahren Geist

des Christenthums entsprechendere Gesinnung Platz greift.

Vom Einfluß des Rio Paruasi an wird der Orinoco wieder schmaler. Er ist

voll Inseln und Granitklippen, und so entstehen hier die *Stromschnellen*

oder kleinen Fälle (_los remolinos_), die beim ersten Anblick wegen der

vielen Wirbel dem Reisenden bange machen können, aber in keiner Jahreszeit

den Schiffen gefährlich sind. Man muß wenig zu Schiffe gewesen seyn, wenn

man wie Pater GILI, der sonst so genau und verständig ist, sagen kann: »e

terrible pe molti scogli il tratto del fiume tral Castello e Caricciana.«

Eine Reihe von Klippen, die fast über den ganzen Fluß läuft, heißt *Raudal

de Marimara*. Wir legten sie ohne Schwierigkeit zurück, und zwar in einem

schmalen Kanal, in dem das Wasser ungestüm, wie siedend, unter der *Piedra

de Marimara* heraufschießt, einer compakten Granitmasse, 80 Fuß hoch und

300 im Umfang, ohne Spalten und ohne Spur von Schichtung. Der Fluß tritt

weit ins Land hinein und bildet in den Felsen weite Buchten. Eine dieser

Buchten zwischen zwei kahlen Vorgebirgen heißt der *Hafen von Carichana*.

Der Ort hat ein wildes Aussehen; das Felsenufer wirft Abends seine

mächtigen Schatten über den Wasserspiegel und das Wasser erscheint

schwarz, wenn sich diese Granitmassen darin spiegeln, die, wie schon

bemerkt, wegen der eigenen Färbung ihrer Oberfläche, bald wie Steinkohlen,

bald wie Bleierz aussehen. Wir übernachteten im kleinen Dorfe Carichana,

wo wir auf die Empfehlung des guten Missionärs Fray Jose Antonio de Torre

im Pfarrhaus oder _‘Convento’_ Aufnahme fanden. Wir hatten seit fast

vierzehn Tagen unter keinem Dache geschlafen.

Am 11. April. Um die für die Gesundheit oft so nachtheiligen Folgen der

Ueberschwemmungen zu vermeiden, wurde die Mission Carichana dreiviertel

Meilen vom Fluß angelegt. Die Indianer sind vom Stamme der Salivas. Die

ursprünglichen Wohnsitze desselben scheinen auf dem westlichen Ufer des

Orinoco zwischen dem Rio Vichada und dem Guaviare, sowie zwischen dem Meta

und dem Rio Paute gewesen zu seyn. Gegenwärtig findet man Salivas nicht

nur in Carichana, sondern auch in den Missionen der Provinz Casanare, in

Cabapuna, Guanapalo, Cabiuna und Macuco. Letzteres im Jahr 1730 vom

Jesuiten Fray Manuel Roman gegründete Dorf hat 1300 Einwohner. Die Salivas

sind ein geselliges, sanftes, fast schüchternes Volk, und leichter, ich

sage nicht zu civilisiren, aber in der Zucht zu halten als andere am

Orinoco, Um sich der Herrschaft der Caraiben zu entziehen, ließen die

Salivas sich leicht herbei, sich den ersten Jesuitenmissionen

anzuschließen. Die Patres rühmen aber auch in ihren Schriften durchgängig

ihren Verstand und ihre Gelehrigkeit. Die Salivas haben großen Hang zur

Musik; seit den ältesten Zeiten blasen sie Trompeten aus gebrannter Erde,

die vier bis fünf Fuß lang sind und mehrere kugelförmige Erweiterungen

haben, die durch enge Röhren zusammenhängen. Diese Trompeten geben sehr

klägliche Töne. Die Jesuiten haben die natürliche Neigung der Salivas zur

Instrumentalmusik mit Glück ausgebildet, und auch nach der Aufhebung der

Gesellschaft Jesu haben die Missionare am Rio Meta in San Miguel de Macuco

die schöne Kirchenmusik und den musikalischen Unterricht der Jugend fort

gepflegt. Erst kürzlich sah ein Reisender zu seiner Verwunderung die

Eingeborenen Violine, Violoncell, Triangel, Guitarre und Flöte spielen.

In den vereinzelten Missionen am Orinoco wirkt die Verwaltung nicht so

günstig auf die Entwicklung der Cultur der Salivas und die Zunahme der

Bevölkerung als das System, das die Augustiner auf den Ebenen am Casanare

und Meta befolgen. In Macuco haben die Eingeborenen durch den Verkehr mit

den Weißen im Dorf, die fast lauter _‘Flüchtlinge von Socorro’_(22) sind,

sehr gewonnen. Zur Jesuitenzeit wurden die drei Dörfer am Orinoco,

Pararuma, Castillo oder Marumarutu und Carichana in Eines, Carichana,

verschmolzen, das damit eine sehr ansehnliche Mission wurde. Im Jahr 1759,

als die _Fortaleza de San Francisco Xavier_ und ihre drei Batterien noch

standen, zählte Pater Caulin in der Mission Carichana 400 Salivas; im Jahr

1800 fand ich ihrer kaum 150. Vom Dorfe ist nichts übrig als einige

Lehmhütten, die symmetrisch um ein ungeheuer hohes Kreuz herliegen.

Wir trafen unter diesen Indianern eine Frau von weißer Abkunft, die

Schwester eines Jesuiten aus Neu-Grenada. Unbeschreiblich ist die Freude,

wenn man mitten unter Völkern, deren Sprache man nicht versteht, einem

Wesen begegnet, mit dem man sich ohne Dolmetscher unterhalten kann. Jede

Mission hat zum wenigsten zwei solche Dolmetscher, _lenguarazes_. Es sind

Indianer, etwas weniger beschränkt als die andern, mittelst deren die

Missionäre am Orinoco, die sich gegenwärtig nur selten die Mühe nehmen,

die Landessprachen kennen zu lernen, mit den Neugetauften verkehren. Diese

Dolmetscher begleiteten uns beim Botanisiren. Sie verstehen wohl spanisch,

aber sie können es nicht recht sprechen. In ihrer faulen Gleichgültigkeit

geben sie, man mag fragen, was man will, wie auf Gerathewohl, aber immer

mit gefälligem Lächeln zur Antwort: »Ja, Pater; nein, Pater.« Man begreift

leicht, daß einem die Geduld ausgeht, wenn man Monate lang solche

Gespräche zu führen hat, statt über Gegenstände Auskunft zu erhalten, für

die man sich lebhaft interessirt. Nicht selten konnten wir nur mittelst

mehrerer Dolmetscher und so, daß derselbe Satz mehrmals übersetzt wurde,

mit den Eingeborenen verkehren.

»Von meiner Mission an,« sagte der gute Ordensmann in Uruana, »werdet ihr

reisen wie Stumme.« Und diese Vorhersagung ist so ziemlich in Erfüllung

gegangen, und um nicht um allen Nutzen zu kommen, den man aus dem Verkehr

selbst mit den versunkensten Indianern ziehen kann, griffen wir zuweilen

zur Zeichensprache. Sobald der Eingeborene merkt, daß man sich keines

Dolmetschers bedienen will, sobald man ihn unmittelbar befragt, indem man

auf die Gegenstände deutet, so legt er seine gewöhnliche Stumpfheit ab und

weiß sich mit merkwürdiger Gewandtheit verständlich zu machen. Er macht

Zeichen aller Art, er spricht die Worte langsam aus, er wiederholt sie

unaufgefordert. Es scheint seiner Eigenliebe zu schmeicheln, daß man ihn

beachtet und sich von ihm belehren läßt. Diese Leichtigkeit, sich

verständlich zu machen, zeigt sich besonders auffallend beim unabhängigen

Indianer, und was die christlichen Niederlassungen betrifft, muß ich den

Reisenden den Rath geben, sich vorzugsweise an Eingeborene zu wenden, die

erst seit Kurzem *unterworfen* sind oder von Zeit zu Zeit wieder in den

Wald laufen, um ihrer früheren Freiheit zu genießen. Es unterliegt wohl

keinem Zweifel, daß der unmittelbare Verkehr mit den Eingeborenen

belehrender und sicherer ist, als der mittelst des Dolmetschers [S.

Band II. Seite 25--26], wenn man nur seine Fragen zu vereinfachen weiß und

dieselben hinter einander an mehrere Individuen in verschiedener Gestalt

richtet. Zudem sind der Mundarten, welche am Meta, Orinoco, Cassiquiare

und Rio Negro gesprochen werden, so unglaublich viele, daß der Reisende

selbst mit dem bedeutendsten Sprachtalent nie so viele derselben sich

aneignen könnte, um sich längs der schiffbaren Ströme von Angostura bis

zum Fort San Carlos am Rio Negro verständlich zu machen. In Peru und Quito

kommt man mit der Kenntniß der Oquichua- oder Incasprache aus, in Chili

mit dem Araucanischen, in Paraguay mit dem Guarany; man kann sich

wenigstens der Mehrzahl der Bevölkerung verständlich machen. Ganz anders

in den Missionen in spanisch Guyana, wo im selben Dorf Völker

verschiedenen Stammes unter einander wohnen. Hier wäre es nicht einmal

genug, wenn man folgende Sprachen verstände: Caraibisch oder Carina,

Guamo, Guahiva, Jaruro, Ottomaco, Maypure, Saliva, Marivitano, Maquiritare

und Guaica, zehn Sprachen, von denen es nur ganz rohe Sprachlehren gibt

und die unter einander weniger verwandt sind, als Griechisch, Deutsch und

Persisch.

Die Umgegend der Mission Carichana schien uns ausgezeichnet schön. Das

kleine Dorf liegt auf einer der grasbewachsenen Ebenen, wie sie von

Encaramada bis über die Katarakten von Maypures hinaus sich zwischen all

den Ketten der Granitberge hinziehen. Der Waldsaum zeigt sich nur in der

Ferne. Ringsum ist der Horizont von Bergen begrenzt, zum Theil bewaldet,

von düsterer Färbung, zum Theil kahl, mit felsigten Gipfeln, die der

Strahl der untergehenden Sonne vergoldet. Einen ganz eigenthümlichen

Charakter erhält die Gegend durch die fast ganz kahlen Felsbänke, die oft

achthundert Fuß im Umfang haben und sich kaum ein paar Zoll über die

umgebende Grasflur erheben. Sie machen gegenwärtig einen Theil der Ebene

aus. Man fragt sich mit Verwunderung, ob hier ein ungewöhnliches

stürmisches Ereigniß Dammerde und Gewächse weggerissen, oder ob der

Granitkern unseres Planeten hier nackt zu Tage tritt, weil sich die Keime

des Lebens noch nicht auf allen Punkten entwickelt haben. Dieselbe

Erscheinung scheint in *Shamo* zwischen der Mongolei und China

vorzukommen. Diese in der Wüste zerstreuten Felsbänke heißen _‘Tsy’_. Es

wären, wie mir scheint, eigentliche Plateaus, wären von der Ebene umher

der Sand und die Erde weg, welche das Wasser an den tiefsten Stellen

angeschwemmt hat. Aus den Felsplatten bei Carichana hat man, was sehr

interessant ist, den Gang der Vegetation von ihren Anfängen durch die

verschiedenen Entwicklungsgrade vor Augen. Da sieht man Flechten, welche

das Gestein zerklüften und mehr oder weniger dicke Krusten bilden; wo ein

wenig Quarzsand sich angehäuft hat, finden Saftpflanzen Nahrung; endlich

in Höhlungen des Gesteins haben sich schwarze, aus zersetzten Wurzeln und

Blättern sich bildende Erdschichten abgesetzt, auf denen immergrünes

Buschwerk wächst. Handelte es sich hier von großartigen Natureffekten, so

käme ich nicht auf unsere Gärten und die ängstlichen Künsteleien der

Menschenhand; aber der Contrast zwischen Felsgestein und blühendem

Gesträuch, die Gruppen kleiner Bäume da und dort in der Savane erinnern

unwillkürlich an die mannigfaltigsten und malerischsten Partien unserer

Parke. Es ist als hätte hier der Mensch mit tiefem Gefühl für

Naturschönheit den herben, rauhen Charakter der Gegend mildern wollen.

Zwei, drei Meilen von der Mission findet man auf diesen von Granitbergen

durchzogenen Ebenen eine ebenso üppige als mannigfaltige Vegetation. Allen

Dörfern oberhalb der großen Katarakten gegenüber kann man hier bei

Carichana auffallend leicht im Lande fortkommen, ohne daß man sich an die

Flußufer hält und auf Wälder stößt, in die nicht einzudringen ist.

Bonpland machte mehrere Ausflüge zu Pferd, auf denen er sehr viele

Gewächse erbeutete. Ich erwähne nur den Paraguatan, eine sehr schöne Art

von Macrocnemum, deren Rinde roth färbt, den Guaricamo mit giftiger

Wurzel, die _Jacaranda obusifolia_ und den *Serrape* oder *Jape* der

Salivas-Indianer, AUBLETs Coumarouna, der in ganz Terra Firma wegen seiner

aromatischen Frucht berühmt ist. Diese Frucht, die man in Caracas zwischen

die Wäsche legt, während man sie in Europa unter dem Namen *Tonca-* oder

*Tongobohne* unter den Schnupftabak mischt, wird für giftig gehalten. In

der Provinz Cumana glaubt man allgemein, das eigenthümliche Arom des

vortrefflichen Liqueurs, der auf Martinique bereitet wird, komme vom

*Jape*; dieß ist aber unrichtig. Derselbe heißt in den Missionen

*Simaruba*, ein Name, der zu argen Mißgriffen Anlaß geben kann, denn die

ächte *Simaruba* ist eine Quassiaart, eine Fieberrinde, und wächst in

spanisch Guyana nur im Thal des Rio Caura, wo die Paudacotos-Indianer sie

*Achechari* nennen.

In Carichana, auf dem großen Platz, fand ich die Inclination der

Magnetnadel gleich 33°,70, die Intensität der magnetischen Kraft gleich

227 Schwingungen in zehn Zeitminuten, eine Steigerung, bei der örtliche

Anziehungen im Spiel seyn mochten. Die vom Wasser des Orinoco geschwärzten

Granitblöcke wirken übrigens nicht merkbar auf den Magnet. Der Barometer

stand um Mittag 336,6 Linien hoch, der Thermometer zeigte im Schatten

30°,6. Bei Nacht fiel die Temperatur der Luft auf 26°,2; der Delucsche

Hygrometer stand auf 46°.

Am 10. April war der Fluß um mehrere Zoll gestiegen; die Erscheinung war

den Eingeborenen auffallend, da sonst der Strom Anfangs fast unmerklich

steigt, und man ganz daran gewöhnt ist, daß er im April ein paar Tage lang

wieder fällt. Der Orinoco stand bereits drei Fuß über dem niedrigsten

Punkt. Die Indianer zeigten uns an einer Granitwand die Spuren der

gegenwärtigen Hochgewässer; sie standen nach unserer Messung 42 Fuß hoch,

und dieß ist doppelt so viel als durchschnittlich beim Nil. Aber dieses

Maaß wurde an einem Ort genommen, wo das Strombett durch Felsen bedeutend

eingeengt ist, und ich konnte mich nur an die Angabe der Indianer halten.

Man sieht leicht, daß das Stromprofil, die Beschaffenheit der mehr oder

weniger hohen Ufer, die Zahl der Nebenflüsse, die das Regenwasser

hereinführen, und die Länge der vom Fluß zurückgelegten Strecke auf die

Wirkungen der Hochgewässer und auf ihre Höhe von bedeutendem Einfluß seyn

müssen. Unzweifelhaft ist, und es macht auf Jedermann im Lande einen

starken Eindruck, daß man bei Carichana, San Borja, Atures und Maypures,

wo sich der Strom durch die Berge Bahn gebrochen, hundert, zuweilen

hundert dreißig Fuß über dem höchsten gegenwärtigen Wasserstand schwarze

Streifen und Auswaschungen sieht, die beweisen, daß das Wasser einmal so

hoch gestanden. So wäre denn dieser Orinocostrom, der uns so großartig und

gewaltig erscheint, nur ein schwacher Rest der ungeheuren Ströme süßen

Wassers, die einst, geschwellt von Alpenschnee oder noch stärkeren

Regenniederschlägen als den heutigen, überall von dichten Wäldern

beschattet, nirgends von flachen Ufern eingefaßt, welche der Verdunstung

Vorschub leisten, das Land ostwärts von den Anden gleich Armen von

Binnenmeeren durchzogen? In welchem Zustande müssen sich damals diese

Niederungen von Guyana befunden haben, die jetzt alle Jahre die

Ueberschwemmungen durchzumachen haben? Welch ungeheure Massen von

Krokodilen, Seekühen und Boas müssen auf dem weiten Landstrich gelebt

haben, der dann wieder aus Lachen stehenden Wassers bestand, oder ein

ausgedörrter, von Sprüngen durchzogener Boden war! Der ruhigeren Welt, in

der wir leben, ist eine ungleich stürmischere vorangegangen. Auf den

Hochebenen der Anden finden sich Knochen von Mastodonten und

amerikanischen eigentlichen Elephanten, und auf den Ebenen am Uruguay

lebte das Megatherium. Gräbt man tiefer in die Erde, so findet man in

hochgelegenen Thälern, wo jetzt keine Palmen und Baumfarn mehr vorkommen,

Steinkohlenflötze, in denen riesenhafte Reste monocotyledonischer Gewächse

begraben liegen. Es war also lange vor der Jetztwelt eine Zeit, wo die

Familien der Gewächse anders vertheilt, wo die Thiere größer, die Ströme

breiter und tiefer waren. Soviel und nicht mehr sagen uns die

Naturdenkmale, die wir vor Augen haben. Wir wissen nicht, ob das

Menschengeschlecht, das bei der Entdeckung von Amerika ostwärts von den

Cordilleren kaum ein paar schwache Volksstämme aufzuweisen hatte, bereits

auf die Ebenen herabgekommen war, oder ob die uralte Sage vom *großen

Wasser*, die sich bei den Völkern am Orinoco, Erevato und Caura findet,

andern Himmelsstrichen angehört, aus denen sie in diesen Theil des neuen

Continents gewandert ist.

Am 11. April. Nach unserer Abfahrt von Carichana um 2 Uhr Nachmittags

fanden wir im Bette immer mehr Granitblöcke, durch welche der Strom

aufgehalten wird. Wir ließen den Caño Orupe westwärts und fuhren darauf am

großen, unter dem Namen _Pieda del Tigre_ bekannten Felsen vorbei. Der

Strom ist hier so tief, daß ein Senkblei von 22 Faden den Grund nicht

erreicht. Gegen Abend wurde der Himmel bedeckt und düster, Windstöße und

dazwischen ganz stille Luft verkündeten, daß ein Gewitter im Anzug war.

Der Regen fiel in Strömen und das Blätterdach, unter dem wir lagen, bot

wenig Schutz. Zum Glück vertrieben die Regenströme die Moskitos, die uns

den Tag über grausam geplagt, wenigstens auf eine Weile. Wir befanden uns

vor dem Katarakt von Cariven, und der Zug des Wassers war so stark, daß

wir nur mit Mühe ans Land kamen. Wir wurden immer wieder mitten in die

Strömung geworfen. Endlich sprangen zwei Salivas, ausgezeichnete

Schwimmer, ins Wasser, zogen die Pirogue mit einem Strick ans Ufer und

banden sie an der _Piedra de Carichana vieja_ fest, einer nackten

Felsbank, auf der wir übernachteten. Das Gewitter hielt lange in die Nacht

hinein an; der Fluß stieg bedeutend und man fürchtete mehreremale, die

wilden Wogen möchten unser schwaches Fahrzeug vom Ufer losreißen.

Der Granitfels, auf dem wir lagerten, ist einer von denen, auf welchen

Reisende zu Zeiten gegen Sonnenaufgang unterirdische Töne, wie Orgelklang,

vernommen haben. Die Missionare nennen dergleichen Steine _‘laxas de

musica’_. »Es ist Hexenwerk« (_cosa de bruxas_) sagte unser junger

indianischer Steuermann, der castilianisch sprach. Wir selbst haben diese

geheimnißvollen Töne niemals gehört, weder in Carichana, noch am obern

Orinoco; aber nach den Aussagen glaubwürdiger Zeugen läßt sich die

Erscheinung wohl nicht in Zweifel ziehen, und sie scheint auf einem

gewissen Zustand der Luft zu beruhen. Die Felsbänke sind voll feiner, sehr

tiefer Spalten und sie erhitzen sich bei Tag auf 48--50 Grad. Ich fand oft

ihre Temperatur bei Nacht an der Oberfläche 39°, während die der

umgebenden Luft 28° betrug. Es leuchtet alsbald ein, daß der

Temperaturunterschied zwischen der unterirdischen und der äußern Luft sein

Maximum um Sonnenaufgang erreicht, welcher Zeitpunkt sich zugleich vom

Maximum der Wärme am vorhergehenden Tage am weitesten entfernt. Sollten

nun die Orgeltöne, die man hört, wenn man, das Ohr dicht am Gestein, auf

dem Fels schläft, nicht von einem Luftstrom herrühren, der aus den Spalten

dringt? Hilft nicht der Umstand, daß die Luft an die elastischen

Glimmerblättchen stößt, welche in den Spalten hervorstehen, die Töne

modificiren? Läßt sich nicht annehmen, daß die alten Egypter, die

beständig den Nil auf und ab fuhren, an gewissen Felsen in der Thebais

dieselbe Beobachtung gemacht, und daß _‘die Musik der Felsen’_

Veranlassung zu den Gaukeleien gegeben, welche die Priester mit der

Bildsäule Memnons trieben? Wenn die »rosenfingerige Eos ihrem Sohn, dem

ruhmreichen Memnon, eine Stimme verlieh,«(23) so war diese Stimme

vielleicht die eines unter dem Fußgestell der Bildsäule versteckten

Menschen, aber die Beobachtung der Eingeborenen am Orinoco, von der hier

die Rede ist, scheint ganz natürlich zu erklären, was zu dem Glauben der

Egypter, ein Stein töne bei Sonnenaufgang, Anlaß gegeben.

Fast zur selben Zeit, da ich diese Vermuthungen einigen Gelehrten in

Europa mittheilte, kamen französische Reisende, die Herrn JOMARD, JOLLOIS

und DEVILLIERS, auf ähnliche Gedanken. In einem Denkmal aus Granit, mitten

in den Tempelgebäuden von Karnak, hörten sie bei Sonnenaufgang ein

Geräusch wie von einer reißenden Saite. Gerade denselben Vergleich

brauchen aber die Alten, wenn von der Stimme Memnons die Rede ist. Die

französischen Reisenden sind mit mir der Ansicht, das Durchstreichen der

Luft durch die Spalten eines klingenden Steins habe wahrscheinlich die

egyptischen Priester auf die Gaukeleien im Memnonium gebracht.

Am 12. April. Wir brachen um 4 Uhr Morgens auf. Der Missionär sah voraus,

daß wir Noth haben würden, über die Stromschnellen und den Einfluß des

Meta wegzukommen. Die Indianer ruderten zwölf und eine halbe Stunde ohne

Unterlaß. Während dieser Zeit nahmen sie nichts zu sich als Manioc und

Bananen. Bedenkt man, wie schwer es ist, die Gewalt der Strömung zu

überwinden und die Katarakten hinauszufahren, und weiß man, daß die

Indianer am Orinoco und Amazonenstrom auf zweimonatlichen Flußfahrten in

dieser Weise ihre Muskeln anstrengen, so wundert man sich gleich sehr über

die Körperkraft und über die Mäßigkeit dieser Menschen. Stärkmehl- und

zuckerhaltige Stoffe, zuweilen Fische und Schildkröteneierfett ersetzen

hier die Nahrung, welche die zwei ersten Thierklassen, Säugethiere und

Vögel, Thiere mit rothem, warmem Blute, geben.

Wir fanden das Flußbett auf einer Strecke von 600 Toisen voll

Granitblöcken; dieß ist der sogenannte *Raudal de Cariven*. Wir liefen

durch Kanäle, die nicht fünf Fuß breit waren, und manchmal stak unsere

Pirogue zwischen zwei Granitblöcken fest. Man suchte die Durchfahrten zu

vermeiden, durch die sich das Wasser mit furchtbarem Getöse stürzt. Es ist

keine ernstliche Gefahr vorhanden, wenn man einen guten indianischen

Steuermann hat. Ist die Strömung nicht zu überwinden, so springen die

Ruderer ins Wasser, binden ein Seil an die Felsspitzen und ziehen die

Pirogue heraus. Dieß geht sehr langsam vor sich, und wir benützten

zuweilen die Gelegenheit und kletterten auf die Klippen, zwischen denen

wir staken. Es gibt ihrer von allen Größen; sie sind abgerundet, ganz

schwarz, bleiglänzend und ohne alle Vegetation. Es ist ein merkwürdiger

Anblick, wenn man auf einem der größten Ströme der Erde gleichsam das

Wasser verschwinden sieht. Ja noch weit vom Ufer sahen wir die ungeheuern

Granitblöcke aus dem Boden steigen und sich an einander lehnen. In den

Stromschnellen sind die Kanäle zwischen den Felsen über 25 Faden tief, und

sie sind um so schwerer zu finden, da das Gestein nicht selten nach unten

eingezogen ist und eine Wölbung über dem Flußspiegel bildet. Im Raudal von

Cariven sahen wir keine Krokodile; die Thiere scheinen das Getöse der

Katarakten zu scheuen.

Von Cabruta bis zum Einfluß des Rio Sinaruco, aus einer Strecke von fast

zwei Breitegraden, ist das linke Ufer des Orinoco völlig unbewohnt; aber

westlich vom Raudal de Cariven hat ein unternehmender Mann, Don Felix

Relinchon, Jaruros- und Otomacos-Indianer in einem kleinen Dorfe

zusammengebracht. Auf diesen Civilisationsversuch hatten die Mönche

unmittelbar keinen Einfluß. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß Don

Felix mit den Missionären am rechten Ufer des Stroms in offener Fehde

lebt. Wir werden anderswo die wichtige Frage besprechen, ob, unter den

gegenwärtigen Verhältnissen in spanisch Amerika, dergleichen _‘Capitanes

pobladores’_ und _‘fundadores’_ an die Stelle der Mönche treten können,

und welche der beiden Regierungsarten, die gleich launenhaft und

willkürlich. sind, für die armen Indianer die schlimmste ist.

Um 9 Uhr langten wir an der Einmündung des Meta an, gegenüber dem Platze,

wo früher die von den Jesuiten gegründete Mission Santa Teresa gestanden.

Der Meta ist nach dem Guaviare der bedeutendste unter den Nebenflüssen des

Orinoco. Man kann ihn der Donau vergleichen, nicht nach der Länge des

Laufs, aber hinsichtlich der Wassermasse. Er ist durchschnittlich 34, oft

bis zu 84 Fuß tief. Die Vereinigung beider Ströme gewährt einen äußerst

großartigen Anblick. Am östlichen Ufer steigen einzelne Felsen empor, und

aufeinander gethürmte Granitblöcke sehen von ferne wie verfallene Burgen

aus. Breite sandigte Ufer legen sich zwischen den Strom und den Saum der

Wälder, aber mitten in diesen sieht man am Horizont auf den Berggipfeln

einzelne Palmen sich vom Himmel abheben.

Wir brachten zwei Stunden auf einem großen Felsen mitten im Orinoco zu,

auf der *Piedra de paciencia* so genannt, weil die Piroguen, die den Fluß

hinauf gehen, hier nicht selten zwei Tage brauchen, um aus dem Strudel

herauszukommen, der von diesem Felsen herrührt. Es gelang mir meine

Instrumente darauf aufzustellen. Nach den Sonnenhöhen, die ich aufnahm,

liegt der Einfluß des Meta unter 70° 4′ 29″ der Länge. Nach dieser

chronometrischen Beobachtung ist D’ANVILLEs Karte von Südamerika, was

diesen Punkt betrifft, in der Länge fast ganz richtig, während der Fehler

in der Breite einen ganzen Grad beträgt.

Der Rio Meta durchzieht die weiten Ebenen von Casanare; er ist fast bis

zum Fuß der Anden von Neu-Grenada schiffbar und muß einmal für die

Bevölkerung von Guyana und Venezuela politisch von großer Bedeutung

werden. Aus dem *Golfo triste* und der *Boca del Dragon* kann eine

Flottille den Orinoco und Meta bis auf 15--20 Meilen von Santa Fe de

Bogota herauffahren. Auf demselben Wege kann das Mehl aus Neu-Grenada

hinunterkommen. Der Meta ist wie ein Schiffsahrtskanal zwischen Ländern

unter derselben Breite, die aber ihren Produkten nach so weit auseinander

sind als Frankreich und der Senegal. Durch diesen Umstand wird es von

Belang, daß man die Quellen des Flusses, der auf unsern Karten so schlecht

gezeichnet ist, genan kennen lernt. Der Meta entsteht durch die

Vereinigung zweier Flüsse, die von den Paramos von Chingasa und Suma Paz

herabkomrnen. Ersterer ist der Rio Negro, der weiter unten den Pachaquiaro

aufnimmt; der zweite ist der Rio _de aguas blancas_ oder Umadea. Sie

vereinigen sich in der Nähe des Hafens von Marayal. Vom Passo de la

Cabulla, wo man den Rio Negro verläßt, bis zur Hauptstadt Santa Fe sind es

nur 8--10 Meilen. Ich habe diese interessanten Notizen, wie ich sie aus

dem Munde von Augenzeugen erhalten, in der ersten Ausgabe meiner Karte vom

Rio Meta benützt. Die _Reisebeschreibung_ des Canonicus DON JOSEF CORTES

MADARIAGA hat nicht allein meine erste Ansicht vom Laufe des Meta

bestätigt, sondern mir auch schätzbares Material zur Berichtigung meiner

Arbeit geliefert. Von den Dörfern Xiramena und Cabullaro bis zu den

Dörfern Guanapalo und Santa Rosalia de Cabapuna, auf einer Strecke von 60

Meilen, sind die Ufer des Meta stärker bewohnt als die des Orinoco. Es

sind dort vierzehn zum Theil stark bevölkerte christliche Niederlassungen,

aber vom Einfluß des Pauto und des Casanare an, über 50 Meilen weit,

machen die wilden Guahibos den Meta unsicher.

Zur Jesuitenzeit, besonders aber zur Zeit von ITURIAGAs Expedition im Jahr

1756 war die Schifffahrt auf dem Strom weit stärker als jetzt. Missionäre

aus Einem Orden waren damals Herrn an den Ufern des Meta und des Orinoco.

Die Dörfer Macuco, Zurimena, Casimena einerseits, andererseits Uruana,

Encaramada, Carichana waren von den Jesuiten gegründet. Die Patres gingen

damit um, vom Einfluß des Casanare in den Meta bis zum Einfluß des Meta in

den Orinoco eine Reihe von Missionen zu gründen, so daß ein schmaler

Streif bebauten Landes über die weite Steppe zwischen den Wäldern von

Guyana und den Anden von Neu-Grenada gelaufen wäre. Außer dem Mehl von

Santa Fe gingen damals zur Zeit der »Schildkröteneierernte« das Salz von

Chita, die Baumwollenzeuge von San Gil und die gedruckten Decken von

Socorro den Fluß herunter. Um den Krämern, die diesen Binnenhandel

trieben, einigermaßen Sicherheit zu verschaffen, machte man vom *Castillo*

oder Fort Carichana aus von Zeit zu Zeit einen Angriff auf die

Guahibos-Indianer.

Da auf demselben Wege, der den Handel mit den Produkten von Neu-Grenada

förderte, das geschmuggelte Gut von der Küste von Guyana ins Land ging, so

setzte es der Handelsstand von Carthagena de Indias bei der Regierung

durch, daß der freie Handel auf dem Meta bedeutend beschränkt wurde.

Derselbe Geist des Monopols schloß den Meta, den Rio Atracto und den

Amazonenstrom. Es ist doch eine wunderliche Politik von Seiten der

Mutterländer, zu glauben, es sey vortheilhaft, Länder, wo die Natur Keime

der Fruchtbarkeit mit vollen Händen ausgestreut, unangebaut liegen zu

lassen. Daß das Land nicht bewohnt ist, haben sich nun die wilden Indianer

aller Orten zu Nutze gemacht. Sie sind an die Flüsse herangerückt, sie

machen Angriffe auf die Vorüberfahrenden, sie suchen *wiederzuerobern*,

was sie seit Jahrhunderten verloren. Um die Guahibos im Zaume zu halten,

wollten die Kapuziner, welche als Leiter der Missionen am Orinoco auf die

Jesuiten folgten, an der Ausmündung des Meta unter dem Namen Villa de San

Carlos eine Stadt bauen. Trägheit und die Furcht vor dem dreitägigen

Fieber ließen es nicht dazu kommen, und ein sauber gemaltes Wappen auf

einem Pergament und ein ungeheures Kreuz am Ufer des Meta ist Alles, was

von der Villa de San Carlos bestanden hat. Die Guahibos, deren Kopfzahl,

wie man behauptet, einige Tausende beträgt, sind so frech geworden, daß

sie, als wir nach Carichana kamen, dem Missionär hatten ankündigen lassen,

sie werden auf Flößen kommen und ihm sein Dorf anzünden. Diese Flöße

(_valzas_), die wir zu sehen Gelegenheit hatten, sind kaum 3 Fuß breit und

12 lang. Es fahren nur zwei bis drei Indianer darauf, aber 15 bis 16 Flöße

werden mit den Stengeln von Paulinia, Dolichos und andern Rankengewächsen

aneinander gebunden. Man begreift kaum, wie diese kleinen Fahrzeuge in den

Stromschnellen beisammen bleiben können. Viele aus den Dörfern am Casanare

und Apure entlaufene Indianer haben sich den Guahibos angeschlossen und

ihnen Geschmack am Rindfleisch und den Gebrauch des Leders beigebracht.

Die Höfe San Vicente, Rubio und San Antonio haben durch die Einfälle der

Indianer einen großen Theil ihres Hornviehs eingebüßt. Ihretwegen können

auch die Reisenden, die den Meta hinaufgehen, bis zum Einfluß des Casanare

die Nacht nicht am Ufer zubringen. Bei niedrigem Wasser kommt es ziemlich

häufig vor, daß Krämer aus Neu-Grenada, die zuweilen noch das Lager bei

Pararuma besuchen, von den Guahibos mit vergifteten Pfeilen erschossen

werden.

Vom Einfluß des Meta an erschien der Orinoco freier von Klippen und

Felsmassen. Wir fuhren auf einer 500 Toisen breiten offenen Stromstrecke.

Die Indianer ruderten fort, ohne die Pirogue zu schieben und zu ziehen und

uns dabei mit ihrem wilden Geschrei zu belästigen. Gegen West lagen im

Vorbeifahren die Caños Uita und Endava, und es war bereits Nacht, als wir

vor dem *Raudal de Tabaje* hielten. Die Indianer wollten es nicht mehr

wagen, den Katarakt hinaufzufahren, und wir schliefen daher am Lande, an

einem höchst unbequemen Ort, auf einer mehr als 18 Grad geneigten

Felsplatte, in deren Spalten Schaaren von Fledermäusen staken. Die ganze

Nacht über hörten wir den Jaguar ganz in der Nähe brüllen, und unser

großer Hund antwortete darauf mit anhaltendem Geheul. Umsonst wartete ich,

ob nicht die Sterne zum Vorschein kämen; der Himmel war grauenhaft

schwarz. Das dumpfe Tosen der Fälle des Orinoco stach scharf ab vom

Donner, der weit weg, dem Walde zu, sich hören ließ.

Am 13. April. Wir fuhren am frühen Morgen die Stromschnellen von Tabaje

hinauf, bis wohin Pater GUMILLA auf seiner Fahrt gekommen war,(24) und

stiegen wieder aus. Unser Begleiter, Pater Zea, wollte in der neuen, seit

zwei Jahren bestehenden Mission San Borja die Messe lesen. Wir fanden

daselbst sechs von noch nicht catechisirten Guahibos bewohnte Häuser. Sie

unterschieden sich in nichts von den wilden Indianern. Ihre ziemlich

großen schwarzen Augen verriethen mehr Lebendigkeit als die der Indianer

in den übrigen Missionen. Vergeblich boten wir ihnen Branntwein an; sie

wollten ihn nicht einmal kosten. Die Gesichter der jungen Mädchen waren

alle mit runden schwarzen Tupfen bemalt; dieselben nahmen sich aus wie die

Schönpflästerchen, mit denen früher die Weiber in Europa die Weiße ihrer

Haut zu heben meinten. Am übrigen Körper waren die Guahibos nicht bemalt.

Mehrere hatten einen Bart; sie schienen stolz darauf, faßten uns am Kinn

und gaben uns durch Zeichen zu verstehen, sie seyen wie wir. Sie sind

meist ziemlich schlank gewachsen. Auch hier, wie bei den Salivas und

Macos, fiel mir wieder auf, wie wenig Aehnlichkeit die Indianer am Orinoco

in der Gesichtsbildung mit einander haben. Ihr Blick ist düster,

trübselig, aber weder streng noch wild. Sie haben keinen Begriff von den

christlichen Religionsgebräuchen (der Missionär von Carichana liest in San

Borja nur drei- oder viermal im Jahr Messe); dennoch benahmen sie sich in

der Kirche durchaus anständig. Die Indianer lieben es, sich ein Ansehen zu

geben; gerne dulden sie eine Weile Zwang und Unterwürfigkeit aller Art,

wenn sie nur wissen, daß man auf sie sieht. Bei der Communion machten sie

einander Zeichen, daß jetzt der Priester den Kelch zum Munde führen werde.

Diese Geberde ausgenommen, saßen sie da, ohne sich zu rühren, völlig

theilnahmlos.

Die Theilnahme, mit der wir die armen Wilden betrachtet hatten, war

vielleicht Schuld daran, daß die Mission einging. Einige derselben, die

lieber umherzogen als das Land bauten, beredeten die andern, wieder auf

die Ebenen am Meta zu ziehen; sie sagten ihnen, die Weißen würden wieder

nach San Borja kommen und sie dann in ihren Canoes fortschleppen und in

Angostura als _‘Poitos’_, als Sklaven verkaufen. Die Guahibos warteten,

bis sie hörten, daß wir vom Rio Negro über den Cassiquiare zurückkamen,

und als sie erfuhren, daß wir beim ersten großen Katarakt, bei Apures,

angelangt seyen, liefen alle davon in die Savanen westlich vom Orinoco. Am

selben Platz und unter demselben Namen hatten schon die Jesuiten eine

Mission gegründet. Kein Stamm ist schwerer seßhaft zu machen als die

Guahibos. Lieber leben sie von faulen Fischen, Tausendfüßen und Würmern,

als daß sie ein kleines Stück Land bebauen. Die andern Indianer sagen

daher sprüchwörtlich: »Ein Guahibo ißt Alles auf der Erde und unter der

Erde.«

Kommt man auf dem Orinoco weiter nach Süden, so nimmt die Hitze keineswegs

zu, sondern wird im Gegentheil erträglicher. Die Lufttemperatur war bei

Tag 26--27°,5 [20°,18--22° R], bei Nacht 23°,7 [19°6 R]. Das Wasser des

Stroms behielt seine gewöhnliche Temperatur von 27°,7 [22°,2 R]. Aber

trotz der Abnahme der Hitze nahm die Plage der Moskitos erschrecklich zu.

Nie hatten wir so arg gelitten als in San Borja. Man konnte nicht sprechen

oder das Gesicht entblößen, ohne Mund und Nase voll Insekten zu bekommen.

Wir wunderten uns, daß wir den Thermometer nicht auf 35 oder 36 Grad

stehen sahen; beim schrecklichen Hautreiz schien uns die Luft zu glühen.

Wir übernachteten am Ufer bei Guaripo. Aus Furcht vor den kleinen

Caraibenfischen badeten wir nicht. Die Krokodile, die wir den Tag über

gesehen, waren alle außerordentlich groß, 22--24 Fuß lang.

Am 14. April. Die Plage der Zancudos veranlaßte uns, schon um fünf Uhr

Morgens aufzubrechen. In der Luftschicht über dem Fluß selbst sind weniger

Insekten als am Waldsaume. Zum Frühstück hielten wir an der Insel

Guachaco, wo eine Sandsteinformation oder ein Conglomerat unmittelbar auf

dem Granit lagert. Der Sandstein enthält Quarz-, sogar Feldspathtrümmer

und das Bindemittel ist verhärteter Thon. Es befinden sich darin kleine

Gänge von Brauneisenerz, das in liniendicken Schichten abblättert. Wir

hatten dergleichen Blätter bereits zwischen Encaramada und dem Baraguan am

Ufer gefunden, und die Missionäre hatten dieselben bald für Gold-, bald

für Zinnerz gehalten. Wahrscheinlich ist diese secundäre Bildung früher

ungleich weiter verbreitet gewesen. Wir fuhren an der Mündung des Rio

Parueni vorüber, über welcher die Macos-Indianer wohnen, und übernachteten

auf der Insel Panumana. Nicht ohne Mühe kam ich dazu, zur Bestimmung der

Länge des Orts, bei dem der Fluß eine scharfe Wendung nach West macht,

Höhenwinkel des Canopus zu messen. Die Insel Panumana ist sehr reich an

Pflanzen. Auch hier findet man wieder die kahlen Felsen, die

Melastomenbüsche, die kleinen Baumpartien, deren Gruppirung uns schon in

der Ebene bei Carichana aufgefallen war. Die Berge bei den großen

Katarakten begrenzten den Horizont gegen Südost. Je weiter wir hinauf

kamen, desto großartiger und malerischer wurden die Ufer des Orinoco.

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11 Die Sandflöhe (_pulex penetrans_, LINNÉ) die sich beim Menschen und

Affen unter die Nägel der Zehen eingraben und daselbst ihre Eier

legen.

12 Die Namen der Missionen in Südamerika bestehen sämmtlich aus zwei

Worten, von denen das erste nothwendig ein Heiligenname ist (der

Name des Schutzpatrons der Kirche), das zweite ein indianisches (der

Name des Volks, das hier lebt, und der Gegend, wo die Mission

liegt). So sagt man: _San Jose de Maypures_, _Santa Cruz de

Cachipo_, _San Juan-Nepomuceno de los Atures_ etc. Diese

zusammengesetzten Namen kommen aber nur in der amtlichen Sprache

vor; die Einwohner brauchen nur Einen, meist, wenn er wohlklingend

ist, den indianischen. Benachbarten Orten kommen oft dieselben

Heiligennamen zu, und dadurch entsteht in der Geographie eine

heillose Verwirrung. Die Namen San Juan, San Pedro, San Diego sind

wie auf Gerathewohl auf unsern Karten umhergestreut.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3. · 第 9 / 29 题