NEUNZEHNTES KAPITEL.

Zusammenfluß des Apure mit dem Orinoco. -- Die Gebirge von

Encaramada. -- Uruana. -- Baraguan. -- Carichana. -- Der Einfluß

des Meta. -- Die Insel Panumana.

Mit der Ausfahrt aus dem Apure sahen wir uns in ein ganz anderes Land

versetzt. So weit das Auge reichte, dehnte sich eine ungeheure

Wasserfläche, einem See gleich, vor uns aus. Das durchdringende Geschrei

der Reiher, Flamingos und Löffelgänse, wenn sie in langen Schwärmen von

einem Ufer zum andern ziehen, erfüllte nicht mehr die Luft. Vergeblich

sahen wir uns nach den Schwimmvögeln um, deren gewerbsmäszige Listen bei

jeder Sippe wieder andere sind. Die ganze Natur schien weniger belebt.

Kaum bemerkten wir in den Buchten der Wellen hie und da ein großes

Krokodil, das mittelst seines langen Schwanzes die bewegte Wasserfläche

schief durchschnitt. Der Horizont war von einem Waldgürtel begrenzt, aber

nirgends traten die Wälder bis ans Strombett vor. Breite, beständig der

Sonnengluth ausgesetzte Ufer, kahl und dürr wie der Meeresstrand, glichen

in Folge der Luftspiegelung von weitem Lachen stehenden Wassers. Diese

sandigten Ufer verwischten vielmehr die Grenzen des Stromes, statt sie für

das Auge festzustellen; nach dem wechselnden Spiel der Strahlenbrechung

rückten die Ufer bald nahe heran, bald wieder weit weg.

Diese zerstreuten Landschaftszüge, dieses Gepräge von Einsamkeit und

Großartigkeit kennzeichnen den Lauf des Orinoco, eines der gewaltigsten

Ströme der neuen Welt. Aller Orten haben die Gewässer wie das Land ihren

eigenthümlichen, individuellen Charakter. Das Bett des Orinoco ist ganz

anders als die Betten des Meta, des Guaviare, des Rio Negro und des

Amazonenstroms. Diese Unterschiede rühren nicht bloß von der Breite und

der Geschwindigkeit des Stromes her; sie beruhen auf einer Gesammtheit von

Verhältnissen, die an Ort und Stelle leichter aufzufassen, als genau zu

beschreiben sind. So erriethe ein erfahrener Schiffer schon an der Form

der Wogen, an der Farbe des Wassers, am Aussehen des Himmels und der

Wolken, ob er sich im atlantischen Meer, oder im Mittelmeer, oder im

tropischen Strich des großen Oceans befindet.

Der Wind wehte stark aus Ost-Nord-Ost; er war uns günstig, um

stromaufwärts nach der Mission Encaramada zu segeln; aber unsere Pirogue

leistete dem Wogenschlag so geringen Widerstand, daß, wer gewöhnlich

seekrank wurde, bei der heftigen Bewegung selbst auf dem Fluß sich sehr

unbehaglich fühlte. Das Scholken rührt daher, daß die Gewässer der beiden

Ströme beider Bereinigung auf einander stoßen. Dieser Stoß ist sehr stark,

aber lange nicht so gefährlich, als Pater GUMILLA behauptet. Wir fuhren an

der Punta Curiquima vorbei, einer einzeln stehenden Masse von quarzigem

Granit, einem kleinen, aus abgerundeten Blöcken bestehenden Vorgebirge.

Hier, auf dem rechten Ufer des Orinoco, hatte zur Zeit der Jesuiten Pater

Rotella unter den Palenques- und Biriviri-Indianern eine Mission angelegt.

Bei Hochwasser waren der Berg Curiquima und das Dorf am Fuß desselben

rings von Wasser umgeben. Wegen dieses großen Uebelstandes und wegen der

Unzahl Moskitos und _‘Niguas’_,(11) von denen Missionäre und Indianer

geplagt wurden, gab man den feuchten Ort auf. Jetzt ist er völlig

verlassen, während gegenüber auf dem linken Ufer in den Hügeln von Coruato

herumziehende Indianer hausen, die entweder aus den Missionen oder aus

freien, den Mönchen nicht unterworfenen Stämmen ausgestoßen worden sind.

Die ungemeine Breite des Orinoco zwischen der Einmündung des Apure und dem

Berge Curiquima fiel mir sehr auf; ich berechnete sie daher nach einer

Standlinie, die ich am westlichen Ufer zweimal abgemessen. Das Bett des

Orinoco war beim gegenwärtigen tiefen Wasserstand 1906 Toisen breit; aber

in der Regenzeit, wenn der Berg Curiquima und der Hof Capuchino beim Hügel

Pocopocori Inseln sind, mögen es 5517 Toisen werden. Zum starken

Anschwellen des Orinoco trägt auch der Druck der Wasser des Apure bei, der

nicht, wie andere Nebenflüsse, mit dem Obertheil des Hauptstroms einen

spitzen Winkel bildet, sondern unter einem rechten Winkel einmündet. Wir

maßen an verschiedenen Punkten des Bettes die Temperatur des Wassers;

mitten im Thalweg, wo die Strömung am stärksten ist, betrug sie 28°,3, in

der Nähe der Ufer 29°,2.

Wir fuhren zuerst gegen Südwest hinaus bis zum Gestade der

Guaricotos-Indianer auf dem linken Ufer des Orinoco, und dann gegen Süd.

Der Strom ist so breit, daß die Berge von Encaramada aus dem Wasser

emporzusteigen scheinen, wie wenn man sie über dem Meereshorizont sähe.

Sie bilden eine ununterbrochene, von Ost nach West streichende Kette, und

je näher man ihnen kommt, desto malerischer wird die Landschaft. Diese

Berge bestehen aus ungeheuren zerklüfteten, auf einander gethürmten

Granitblöcken. Die Theilung der Gebirgsmasse in Blöcke ist eine Folge der

Verwitterung. Zum Reiz der Gegend von Encaramada trägt besonders der

kräftige Pflanzenwuchs bei, der die Felswände bedeckt und nur die

abgerundeten Gipfel frei läßt. Man meint, altes Gemäuer rage aus einem

Walde empor. Aus dem Berg, an den sich die Mission lehnt, dem *Tepupano*

der Tamanacos, stehen drei ungeheure Granitcylinder, von denen zwei

geneigt sind, während der dritte, unten schmälere und über 80 Fuß hohe,

senkrecht stehen geblieben ist. Dieser Felsen, dessen Form an die

*Schnarcher* im Harz oder an die *Orgeln von Actopan* in Mexico erinnert,

war früher ein Stück des runden Berggipfels. Zu allen Erdstrichen hat der

nicht geschichtete Granit das Eigenthümliche, daß er durch Verwitterung in

prismatische, cylindrische oder säulenförmige Blöcke zerfällt.

Gegenüber dem Gestade der Guaricotos kamen wir in die Nähe eines andern,

ganz niedrigen, drei bis vier Toisen langen Felshaufens. Er steht mitten

in der Ebene und gleicht nicht sowohl einem Tumulus als den Granitmassen,

die man in Holland und Niederdeutschland _‘Hünenbetten’_ nennt. Der

Ufersand an diesem Stück des Orinoco ist nicht mehr reiner Quarzsand, er

besteht aus Thon und Glimmerblättchen in sehr dünnen Schichten, die meist

unter einen Winkel von 40--50 Grad fallen; er sieht aus wie verwitterter

Glimmerschiefer. Dieser Wechsel in der geologischen Beschaffenheit der

Ufer tritt schon weit oberhalb der Mündung des Apure ein; schon beim

Algodonal und beim Caño de Manati fingen wir in letzterem Flusse an

denselben zu bemerken. Die Glimmerblättchen kommen ohne Zweifel von den

Granitbergen von Curiquima und Encaramada, denn weiter nach Nord und Ost

findet man nur Quarzsand, Sandstein, festen Kalkstein und Gyps. Daß

Anschwemmungen von Süd nach Nord geführt werden, kann am Orinoco nicht

befremden; aber wie erklärt sich dieselbe Erscheinung im Bett des Apure,

sieben Meilen westwärts von seiner Ausmündung? Beim gegenwärtigen Zustand

der Dinge läuft der Apure auch beim höchsten Wasserstand des Orinoco nie

so weit rückwärts, und um sich von der Erscheinung Rechenschaft zu geben,

muß man annehmen, die Glimmerschichten haben sich zu einer Zeit

niedergeschlagen, wo der ganze, sehr tief gelegene Landstrich zwischen

Caycara, dem Algodonal und den Bergen von Encaramada ein Seebecken war.

Wir verweilten einige Zeit im Hafen von Encaramada; es ist dieß eine Art

Ladeplatz, wo die Schiffe zusammenkommen. Das Ufer besteht aus einem

40--50 Fuß hohen Felsen, wieder jenen aufeinander gethürmten

Granitblöcken, wie sie am Schneeberg in Franken und fast in allen

Granitgebirgen in Europa vorkommen. Manche dieser abgesonderten Massen

sind kugeligt; es sind aber keine Kugeln mit concentrischen Schichten,

sondern nur abgerundete Blöcke, Kerne, von denen das umhüllende Gestein

abgewittert ist. Der Granit ist bleigrau, oft schwarz, wie mit Manganoxyd

überzogen; aber diese Farbe dringt kaum 1/5 Linie tief ins Gestein, das

röthlich weiß, grobkörnig ist und keine Hornblende enthält.

Die indianischen Namen der Mission *San Luis del ** Encaramada* sind

_Guaja_ und _Caramana_.(12) Es ist dieß das kleine Dorf, das im Jahr 1749

vom Jesuitenpater GILI, dem Verfasser der in Rom gedruckten _Storia dell

Orinoco_, gegründet wurde. Dieser in den Indianersprachen sehr bewanderte

Mann lebte hier achtzehn Jahre in der Einsamkeit bis zur Vertreibung der

Jesuiten. Man bekommt einen Begriff davon, wie öde diese Landstriche sind,

wenn man hört, daß Pater Gili von Carichana, das 40 Meilen von Encaramada

liegt, wie von einem weit entlegenen Orte spricht, und daß er nie bis zu

dem ersten Katarakt des Stromes gekommen ist, an dessen Beschreibung er

sich gewagt hat.

Im Hafen von Encaramada trafen wir Caraiben aus Panapana. Es war ein

Cazike, der in seiner Pirogue zum berühmten Schildkröteneierfang den Fluß

hinausging. Seine Pirogue war gegen den Boden zugerundet wie ein *Bongo*

und führte ein kleineres Canoe, _‘Curiara’_ genannt, mit sich. Er saß

unter einer Art Zelt (_Toldo_), das, gleich dem Segel, aus Palmblättern

bestand. Sein kalter, einsylbiger Ernst, die Ehrerbietung, die die

Seinigen ihm bezeugten, Alles zeigte, daß man einen großen Herrn vor sich

hatte. Der Cazike trug sich übrigens ganz wie seine Indianer; alle waren

nackt, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und mit *Onoto*, dem Farbestoff des

Rocou, bemalt. Häuptling, Dienerschaft, Geräthe, Fahrzeug, Segel, Alles

war roth angestrichen. Diese Caraiben sind Menschen von fast athletischem

Wuchs; sie schienen uns weit höher gewachsen als die Indianer, die wir

bisher gesehen. Ihre glatten, dichten, auf der Stirne wie bei den

Chorknaben verschnittenen Haare, ihre schwarz gefärbten Augenbrauen, ihr

finsterer und doch lebhafter Blick gaben ihrem Gesichtsausdruck etwas

ungemein Hartes. Wir hatten bis jetzt nur in den Cabineten in Europa ein

paar Caraibenschädel von den Antillen gesehen und waren daher überrascht,

daß bei diesen Indianern von reinem Blute die Stirne weit gewölbter war,

als man sie uns beschrieben. Die sehr großen, aber ekelhaft schmutzigen

Weiber trugen ihre kleinen Kinder auf dem Rücken. Die Ober- und

Unterschenkel der Kinder waren in gewissen Abständen mit breiten Binden

aus Baumwollenzeug eingeschnürt. Das Fleisch unter den Binden wird stark

zusammengepreßt und quillt in den Zwischenräumen heraus. Die Caraiben

verwenden meist auf ihr Aeußeres und ihren Putz so viel Sorgfalt, als

nackte und roth bemalte Menschen nur immer können. Sie legen bedeutenden

Werth auf gewisse Körperformen, und eine Mutter würde gewissenloser

Gleichgültigkeit gegen ihre Kinder beschuldigt, wenn sie ihnen nicht durch

künstliche Mittel die Waden nach der Landessitte formte. Da keiner unserer

Indianer vom Apure caraibisch sprach, konnten wir uns beim Caziken von

Panapana nicht nach den Lagerplätzen erkundigen, wo man in dieser

Jahreszeit auf mehreren Inseln im Orinoco zum Sammeln der Schildkröteneier

zusammenkommt.

Bei Encaramada trennt eine sehr lange Insel den Strom in zwei Arme. Wir

übernachteten in einer Felsenbucht, gegenüber der Einmündung des Rio

Cabullare, zu dem der Payara und der Atamaicà sich vereinigen, und den

manche als einen Zweig des Apure betrachten, weil er mit diesem durch den

Rio Arichuna in Verbindung steht. Der Abend war schön; der Mond beschien

die Spitzen der Granitfelsen. Trotz der Feuchtigkeit der Luft war die

Wärme so gleichmäßig vertheilt, daß man kein Sternflimmern bemerkte,

selbst nicht 4 oder 5 Grad über dem Horizont. Das Licht der Planeten war

auffallend geschwächt, und ließe mich nicht die Kleinheit des scheinbaren

Durchmessers Jupiters einen Irrthum in der Beobachtung fürchten, so sagte

ich, wir alle glaubten hier zum erstenmal mit bloßem Auge die Scheibe

Jupiters zu sehen. Gegen Mitternacht wurde der Nordostwind sehr heftig. Er

führte keine Wolken heraus, aber der Himmel bezog sich mehr und mehr mit

Dunst. Es traten starke Windstöße ein und machten uns für unsere Pirogue

besorgt. Wir hatten den ganzen Tag über nur sehr wenige Krokodile gesehen,

aber lauter ungewöhnlich große, 20--24 Fuß lange. Die Indianer

versicherten uns, die jungen Krokodile suchen lieber die Lachen und

weniger breite und tiefe Flüsse auf; besonders in den Caños sind sie in

Menge zu finden, und man könnte von ihnen sagen, was ABD-ALLATIF von den

Nilkrokodilen sagt, »sie wimmeln wie Würmer an den seichten Stromstellen

und im Schutz der unbewohnten Inseln.«

Am 6. April. Wir fuhren erst gegen Süd, dann gegen Südwest weiter den

Orinoco hinauf und bekamen den Südabhang der *Serrania* oder der Bergkette

Encaramada zu Gesicht. Der dem Fluß am nächsten gelegene Strich ist nicht

mehr als 140--160 Toisen hoch, aber die steilen Abhänge, die Lage mitten

in einer Savane; ihre in unförmliche Prismen zerklüfteten Felsgipfel

lassen die Serrania auffallend hoch erscheinen. Ihre größte Breite beträgt

nur drei Meilen; nach den Mittheilungen von Pareka-Indianern wird sie

gegen Ost bedeutend breiter. Die Gipfel der Encaramada bilden den

nördlichsten Zug eines Bergstocks, welcher sich am rechten Ufer des

Orinoco zwischen dem 5. und 7-1/2 Grad der Breite, vom Einfluß des Rio

Zama bis zu dem des Cabullare hinzieht. Zwischen den verschiedenen Zügen

dieses Bergstocks liegen kleine grasbewachsene Ebenen. Sie laufen einander

nicht ganz parallel, denn die nördlichsten ziehen sich von West nach Ost,

die südlichsten von Nordwest nach Südost. Aus dieser verschiedenen

Richtung erklärt sich vollkommen, warum die Cordillere der Parime gegen

Ost, zwischen den Quellen des Orinoco und des Rio Paruspa, breiter wird.

Wenn wir einmal über die großen Katarakten von Atures und Maypures hinauf

gelangt sind, werden wir hinter einander sieben Hauptketten erscheinen

sehen, die Berge Encaramada oder Sacuina, Chaviripa, Baraguan, Carichana,

Uniama, Calitamini und Sipapo. Diese Uebersicht mag einen allgemeinen

Begriff von der geologischen Beschaffenheit des Bodens geben. Ueberall auf

dem Erdball zeigen die Gebirge, wenn sie noch so unregelmäßig gruppirt

scheinen, eine Neigung zu regelmäßigen Formen. Jede Kette erscheint einem,

wenn man auf dem Orinoco fährt, im Querschnitt als ein einzelner Berg,

aber die Isolirung ist nur scheinbar. Die Regelmäßigkeit im Streichen und

dem Auseinandertreten der Ketten scheint geringer zu werden, je weiter man

gegen Osten kommt. Die Berge der Encaramada hängen mit denen des Mato

zusammen, in welchen der Rio Asiveru oder Cuchivero entspringt; die Berge

von Chaviripe erstrecken sich durch ihre Ausläufer, die Granitberge

Corosal, Amoco und Murcielago, bis zu den Quellen des Erevato und

Ventuari.

Ueber diese Berge, die von sanftmüthigen, ackerbauenden Indianern bewohnt

sind, ließ bei der Expedition an die Grenze General Iturriaga das Hornvieh

gehen, mit dem die neue Stadt San Fernando de Atobapo versorgt werden

sollte. Die Einwohner der Encaramada zeigten da den spanischen Soldaten

den Weg zum Rio Manapiari, der in den Ventuari mündet. Fährt man diese

beiden Flüsse hinab, so gelangt man in den Orinoco und Atobapo, ohne über

die großen Katarakten zu kommen, über welche Vieh hinaufzuschaffen so gut

wie unmöglich wäre. Der Unternehmungsgeist, der den Castilianern zur Zeit

der Entdeckung von Amerika in so vorzüglichem Grade eigen war, lebte in

der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf kurze Frist noch einmal auf,

als König Ferdinand VI. die wahren Grenzen seiner ungeheuren Besitzungen

kennen lernen wollte, und in den Wäldern von Guyana, dem classischen Lande

der Lüge und der mährchenhaften Ueberlieferungen, die Arglist der Indianer

die chimärische Vorstellung von den Schätzen des Dorado, welche die

Einbildungskraft der ersten Eroberer so gewaltig beschäftigt hatte, von

Neuem in Umlauf brachte.

In diesen Bergen der Encaramada, die, wie der meiste grobkörnige Granit,

keine Gänge enthalten, fragt man sich, wo die Goldgeschiebe herkommen,

welche Juan MARTINEZ(13) und RALEGH bei den Indianern am Orinoco in so

großer Menge gesehen haben wollen. Nach meinen Beobachtungen in diesem

Theile von Amerika glaube ich, daß das Gold, wie das Zinn, zuweilen in

kaum sichtbaren Theilchen durch die ganze Masse des Granitgesteins

zerstreut ist, ohne daß man kleine verästete und in einander verschlungene

Gänge anzunehmen hat. Noch nicht lange fanden Indianer aus Encaramada in

der _Quebrada del tigre_ (Tigerschlucht) ein Goldkorn von zwei Linien

Durchmesser. Es war rund und schien im Wasser gerollt. Diese Entdeckung

war den Missionären noch wichtiger als den Indianern, aber sie blieb

alleinstehend.

Ich kann dieses erste Glied des Bergstocks der Encaramada nicht verlassen,

ohne eines Umstandes zu erwähnen, der Pater GILI nicht unbekannt geblieben

war und dessen man während unseres Aufenthalts in den Missionen am Orinoco

häufig gegen uns erwähnte. Unter den Eingeborenen dieser Länder hat sich

die Sage erhalten, »beim großen Wasser, als ihre Väter das Canoe besteigen

mußten, um der allgemeinen Ueberschwemmung zu entgehen, haben die Wellen

des Meeres die Felsen der Encaramada bespült.« Diese Sage kommt nicht nur

bei einem einzelnen Volke, den Tamanaken vor, sie gehört zu einem Kreise

geschichtlicher Ueberlieferungen, aus dem sich einzelne Vorstellungen bei

den Maypures an den großen Katarakten, bei den Indianern am Rio Erevato,

der sich in den Caura ergießt, und fast bei allen Stämmen am obern Orinoco

finden. Fragt man die Tamanaken, wie das Menschengeschlecht diese große

Katastrophe, die *Wasserzeit* der Mexicaner, überlebt habe, so sagen sie,

»ein Mann und ein Weib haben sich auf einen hohen Berg, Namens Tamanacu,

am Ufer des Asiveru, geflüchtet; da haben sie Früchte der Mauritiapalme

hinter sich über ihre Köpfe geworfen, und aus den Kernen derselben seyen

Männlein und Weiblein entsprossen, welche die Erde wieder bevölkert.« In

solch einfacher Gestalt lebt bei jetzt wilden Völkern eine Sage, welche

von den Griechen mit allem Reiz der Einbildungskraft geschmückt worden

ist. Ein paar Meilen von Encaramada steht mitten in der Savane ein Fels,

der sogenannte *Tepumereme*, *der gemalte Fels*. Man sieht darauf

Thierbilder und symbolische Zeichen, ähnlich denen, wie wir sie auf der

Rückfahrt auf dem Orinoco nicht weit unterhalb Encaramada bei der Stadt

Caycara gesehen. In Afrika heißen dergleichen Felsen bei den Reisenden

_‘Fetischsteine’_. Ich vermeide den Ausdruck, weil die Eingeborenen am

Orinoco von einem Fetischdienst nichts wissen, und weil die Bilder, die

wir an nunmehr unbewohnten Orten auf Felsen gefunden, Sterne, Sonnen,

Tiger, Krokodile, mir keineswegs Gegenstände religiöser Verehrung

vorzustellen scheinen. Zwischen dem Cassiquiare und dem Orinoco, zwischen

Encaramada, Capuchino und Caycara sind diese hieroglyphische n Figuren

häufig sehr hoch oben in Felswände eingehauen, wohin man nur mittelst sehr

hoher Gerüste gelangen könnte. Fragt man nun die Eingeborenen, wie es

möglich gewesen sey, die Bilder einzuhauen, so erwiedern sie lächelnd, als

sprächen sie eine Thatsache aus, mit der nur ein Weißer nicht bekannt seyn

kann, »zur Zeit des *großen Wassers* seyen ihre Väter so hoch oben im

Canoe gefahren.«

Diese alten Sagen des Menschengeschlechts, die wir gleich Trümmern eines

großen Schiffbruchs über den Erdball zerstreut finden, sind für die

Geschichtsphilosophie von höchster Bedeutung. Wie gewisse Pflanzenfamilien

in allen Klimaten und in den verschiedensten Meereshöhen das Gepräge des

gemeinsamen Typus behalten, so haben die cosmogonischen Ueberlieferungen

der Völker aller Orten denselben Charakter, eine Familienähnlichkeit, die

uns in Erstaunen setzt. Im Grundgedanken hinsichtlich der Vernichtung der

lebendigen Schöpfung und der Erneuerung der Natur weichen die Sagen fast

gar nicht ab, aber jedes Volk gibt ihnen eine örtliche Färbung. Auf den

großen Festländern, wie auf den kleinsten Inseln im stillen Meer haben

sich die übrig gebliebenen Menschen immer auf den höchsten Berg in der

Nähe geflüchtet, und das Ereigniß erscheint desto neuer, je roher die

Völker sind und je weniger, was sie von sich selbst wissen, weit

zurückreicht. Untersucht man die mexicanischen Denkmale aus der Zeit vor

der Entdeckung der neuen Welt genau, dringt man in die Wälder am Orinoco,

sieht man, wie unbedeutend, wie vereinzelt die europäischen

Niederlassungen sind und in welchen Zuständen die unabhängig gebliebenen

Stämme verharren, so kann man nicht daran denken, die eben besprochene

Uebereinstimmung dem Einfluß der Missionare und des Christenthums auf die

Volkssagen zuzuschreiben. Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß die Völker

am Orinoco durch den Umstand, daß sie Meeresprodukte hoch oben in den

Gebirgen gefunden, auf die Vorstellung vom großen Wasser gekommen seyn

sollten, das eine Zeit lang die Keime des organischen Lebens auf der Erde

vernichtet habe. Das Land am rechten Ufer des Orinoco bis zum Cassiquiare

und Rio Negro besteht aus Urgebirge. Ich habe dort wohl eine kleine

Sandstein- oder Conglomeratsormation angetroffen, aber keinen secundären

Kalkstein, keine Spur von Versteinerungen.

Der frische Nordostwind brachte uns mit vollen Segeln zur *Boca de la

Tortuga*. Gegen eilf Uhr Vormittags stiegen wir an einer Insel mitten im

Strome aus, welche die Indianer in der Mission Uruana als ihr Eigenthum

betrachten. Diese Insel ist berühmt wegen des Schildkrötenfangs, oder, wie

man hier sagt, wegen der _Cosecha_ der *Eierernte*, die jährlich hier

gehalten wird. Wir fanden hier viele Indianer beisammen und unter Hütten

aus Palmblättern gelagert. Das Lager war über dreihundert Köpfe stark.

Seit San Fernando am Apure waren wir nur an öde Gestade gewöhnt, und so

fiel uns das Leben, das hier herrschte, ungemein auf. Außer den Guamos und

Otomacos aus Uruana, die beide für wilde, unzähmbare Stämme gelten, waren

Caraiben und andere Indianer vom untern Orinoco da. Jeder Stamm lagerte

für sich und unterschied sich durch die Farbe, mit der die Haut bemalt

war. Wir fanden in diesem lärmenden Haufen einige Weiße, namentlich

_‘Pulperos’_ oder Krämer aus Angostura, die den Fluß herausgekommen waren,

um von den Eingeborenen Schildkröteneieröl zu kaufen. Wir trafen auch den

Missionär von Uruana, der aus Alcala de Henarez gebürtig war. Der Mann

verwunderte sich nicht wenig, uns hier zu finden. Nachdem er unsere

Instrumente bewundert, entwarf er uns eine übertriebene Schilderung von

den Beschwerden, denen wir uns nothwendig aussetzten, wenn wir auf dem

Orinoco bis über die Fälle hinaufgingen. Der Zweck unserer Reise schien

ihm in bedeutendes Dunkel gehüllt. »Wie soll einer glauben,« sagte er,

»daß ihr euer Vaterland verlassen habt, um euch auf diesem Flusse von den

Moskitos auszehren zu lassen und Land zu vermessen, das euch nicht

gehört?« Zum Glück hatten wir Empfehlungen vom Pater Gardian der

Franciscaner-Missionen bei uns, und der Schwager des Statthalters von

Barinas, der bei uns war, machte bald den Bedenken ein Ende, die durch

unsere Tracht, unsern Accent und unsere Ankunft auf diesem sandigen Eiland

unter den Weißen aufgetaucht waren. Der Missionar lud uns zu seinem

frugalen Mahl aus Bananen und Fischen ein und erzählte uns, er sey mit den

Indianern über die »Eierernte« herübergekommen, »um jeden Morgen unter

freiem Himmel die Messe zu lesen und sich das Oel für die Altarlampe zu

verschaffen, besonders aber um diese _republica de Indios y Castellanos_

in Ordnung zu halten, in der jeder für sich allein haben wolle, was Gott

allen bescheert.«

Wir umgingen die Insel in Begleitung des Missionars und eines Pulpero, der

sich rühmte, daß er seit zehn Jahren ins Lager der Indianer und zur _pesca

de Tortugas_ komme. Man besucht dieses Stück des Orinoco, wie man bei uns

die Messen von Frankfurt und Beaucaire besucht. Wir befanden uns auf einem

ganz ebenen Sandstrich. Man sagte uns: »So weit das Auge an den Ufern hin

reicht, liegen Schildkröteneier unter einer Erdschicht.« Der Missionar

trug eine lange Stange in der Hand. Er zeigte uns, wie man mit der Stange

(_vera_) sondirt, um zu sehen, wie weit die Eier*schicht* reicht, wie der

Bergmann die Grenzen eines Lagers von Mergel, Raseneisenstein oder

Steinkohle ermittelt. Stößt man die Vara senkrecht in den Boden, so spürt

man daran, daß der Widerstand auf einmal aufhört, daß man in die Höhlung

oder das lose Erdreich, in dem die Eier liegen, gedrungen ist. Wie wir

sahen, ist die Schicht im Ganzen so gleichförmig verbreitet, daß die Sonde

in einem Halbmesser von 10 Toisen rings um einen gegebenen Punkt sicher

darauf stößt. Auch spricht man hier nur von *Quadratstangen Eiern*, wie

wenn man ein Bodenstück, unter dem Mineralien liegen, in Loose theilte und

ganz regelmäßig abbaute. Indessen bedeckt die Eierschicht bei weitem nicht

die ganze Insel; sie hört überall auf, wo der Boden rasch ansteigt, weil

die Schildkröte auf diese kleinen Plateaus nicht hinaufkriechen kann. Ich

erzählte meinen Führern von den hochtrabenden Beschreibungen Pater

GUMILLAs, wie die Ufer des Orinoco nicht soviel Sandkörner enthalten, als

der Strom Schildkröten, und wie diese Thiere die Schiffe in ihrem Lauf

aufhielten, wenn Menschen und Tiger nicht alljährlich so viele tödteten.

»_Son cuentos de fraíles_« sagte der Krämer aus Angostura leise, denn da

arme Missionäre hier zu Lande die einzigen Reisenden sind, so nennt man

hier »Pfaffenmährchen,« was man in Europa den Reisenden überhaupt

aufbürden würde.

Die Indianer versicherten uns, von der Mündung des Orinoco bis zum Einfluß

des Apure herauf finde man keine einzige Insel und kein einziges Gestade,

wo man Schildkröteneier in Masse sammeln könnte. Die große Schildkröte,

der Arrau (sprich Arra-u), meidet von Menschen bewohnte oder von

Fahrzeugen besuchte Orte. Es ist ein furchtsames, scheues Thier, das den

Kopf über das Wasser streckt und sich beim leisesten Geräusch versteckt.

Die Uferstrecken, wo fast sämmtliche Schildkröten des Orinoco sich

jährlich zusammenzufinden scheinen, liegen zwischen dem Zusammenfluß des

Orinoco und des Apure und den großen Fällen oder *Raudales*, das heißt

zwischen Cabruta und der Mission Atures. Hier befinden sich die drei

berühmten Fangplätze Encaramada oder _boca del Cabullare_, Cucuruparu oder

_boca de la Tortugay_ und Pararuma, etwas unterhalb Carichana. Die

Arrau-Schildkröte geht, wie es scheint, nicht über die Fälle hinauf, und

wie man uns versichert, kommen oberhalb Atures und Maypures nur

*Terekay*-Schildkröten vor. Es ist hier der Ort, einige Worte über diese

beiden Arten und ihr Verhältniß zu den verschiedenen Familien der

Schildkröten zu sagen.

Wir beginnen mit der Arrau-Schildkröte, welche die Spanier in den Colonien

kurzweg _‘Tortuga’_ nennen, und deren Geschlecht für die Völker am untern

Orinoco von so großer Bedeutung ist. Es ist eine große

Süßwasserschildkröte, mit Schwimmfüßen, sehr plattem Kopf, zwei

fleischigen, sehr spitzen Anhängen unter dem Kinn, mit fünf Zehen an den

Vorder- und vier an den Hinterfüßen, die unterhalb gefurcht sind. Der

Schild hat 5 Platten in der Mitte, 8 seitliche und 24 Randplatten; er ist

oben schwarzgrau, unten orangegelb, die Füße sind gleichfalls orangegelb

und sehr lang. Zwischen den Augen ist eine sehr tiefe Furche. Die Nägel

sind sehr stark und gebogen. Die Afteröffnung befindet sich am letzten

Fünftheil des Schwanzes. Das erwachsene Thier wiegt 40--50 Pfund. Die

Eier, weit größer als Taubeneier, sind nicht so länglicht wie die Gier des

Terekay. Sie haben eine Kalkschaale und sollen so fest seyn, daß die

Kinder der Otomaken, die starke Ballspieler sind, sie einander zuwerfen

können. Käme der Arrau oberhalb der Kararakten im Strome vor, so gingen

die Indianer am obern Orinoco nicht so weit nach dem Fleisch und den Eiern

dieser Schildkröte; man sah aber früher ganze Volksstämme von den Flüssen

Atabapo und Cassiquiare über die Raudales herabkommen, um am Fang bei

Uruana Theil zu nehmen.

Die *Terekays* sind kleiner als die Arrau. Sie haben meist nur 14 Zoll

Durchmesser. Ihr Schild hat gleichviel Platten, sie sind aber etwas anders

vertheilt. Ich zählte 4 im Mittelpunkt und zu jeder Seite 5 sechsseitige,

am Rand 24 vierseitige, stark gebogene. Der Schild ist schwarz, ins Grüne

spielend; Füße und Nägel sind wie beim Arrau. Das ganze Thier ist

olivengrün, hat aber oben auf dem Kopf zwei aus roth und gelb gemischte

Flecke. Auch der Hals ist gelb und hat einen stachligten Anhang. Die

Terekays thun sich nicht in große Schwärme zusammen, wie die Arraus, um

ihre Eier mit einander auf demselben Ufer zu legen. Die Eier des Terekay

haben einen angenehmen Geschmack und sind bei den Bewohnern von spanisch

Guyana sehr gesucht. Sie kommen sowohl im obern Orinoco als unterhalb der

Fälle vor, ferner im Apure, Uritucu, Guarico und den kleinen Flüssen,

welche durch die Llanos von Caracas laufen. Nach der Bildung der Füße und

des Kopfs, nach den Anhängen an Kinn und Hals und nach der Stellung der

Afteröffnung scheint der Arrau und wahrscheinlich auch der Terekay eine

neue Untergattung zu bilden, die von den Emyden zu trennen wäre. Durch die

Anhänge und die Stellung des Afters nähern sie sich der _Emys nasuta_

SCHWEIGGERs und dem *Matamata* in französisch Guyana, unterscheiden sich

aber von letzterem durch die Form der Schildplatten, die keine

pyramidalischen Buckel haben.

Die Zeit, wo die große Arrau-Schildkröte ihre Eier legt, fällt mit dem

niedrigsten Wasserstand zusammen. Da der Orinoco von der Frühlings-Tag-

und Nachtgleiche an zu steigen anfängt, so liegen von Anfang Januar bis

zum 20. oder 25. März die tiefsten Uferstrecken trocken. Die Arraus

sammeln sich schon im Januar in große Schwärme; sie gehen jetzt aus dem

Wasser und wärmen sich auf dem Sand in der Sonne. Die Indianer glauben,

das Thier bedürfe zu seinem Wohlbefinden nothwendig starker Hitze und das

Liegen in der Sonne befördere das Eierlegen. Den ganzen Februar findet man

die Arraus fast den ganzen Tag aus dem Ufer. Zu Anfang März vereinigen

sich die zerstreuten Haufen und schwimmen zu den wenigen Inseln, auf denen

sie gewöhnlich ihre Eier legen. Wahrscheinlich kommt dieselbe Schildkröte

jedes Jahr an dasselbe Ufer. Um diese Zeit, wenige Tage vor dem Legen,

erscheinen viele tausend Schildkröten in langen Reihen an den Ufern der

Inseln Cucuruparu, Uruana und Pararuma, recken den Hals und halten den

Kopf über dem Wasser, ausschauend, ob nichts von Tigern oder Menschen zu

fürchten ist. Die Indianer, denen viel daran liegt, daß die vereinigten

Schwärme auch beisammen bleiben, daß sich die Schildkröten nicht

zerstreuen und in aller Ruhe ihre Eier legen können, stellen längs des

Ufers Wachen auf. Man bedeutet den Fahrzeugen, sich mitten im Strom zu

halten und die Schildkröten nicht durch Geschrei zu verscheuchen. Die Eier

werden immer bei Nacht gelegt, aber gleich von Sonnenuntergang an. Das

Thier gräbt mit seinen Hinterfüßen, die sehr lang sind und krumme Klauen

haben, ein drei Fuß weites und zwei Fuß tiefes Loch. Die Indianer

behaupten, um den Ufersand zu befestigen, benetze die Schildkröte

denselben mit ihrem Harn, und man glaubt solches am Geruch wahrzunehmen,

wenn man ein frisch gegrabenes Loch oder _‘Eiernest’_, wie man hier sagt,

öffnet. Der Drang der Thiere zum Eierlegen ist so stark, daß manche in die

von andern gegrabenen, noch nicht wieder mit Erde ausgefüllten Löcher

hinunter gehen und auf die frisch gelegte Eierschicht noch eine zweite

legen. Bei diesem stürmischen Durcheinander werden ungeheuer viele Eier

zerbrochen. Der Missionär zeigte uns, indem er den Sand an mehreren

Stellen ausgrub, daß der Verlust ein Drittheil der ganzen Ernte betragen

mag. Durch das vertrocknende Gelb der zerbrochenen Eier backt der Sand

noch stärker zusammen, und wir fanden Quarzsand und zerbrochene

Eierschaalen in großen Klumpen zusammengekittet. Der Thiere, welche in der

Nacht am Ufer graben, sind so unermeßlich viele, daß manche der Tag

überrascht, ehe sie mit dem Legen fertig werden konnten. Da treibt sie der

doppelte Drang, ihre Eier los zu werden und die gegrabenen Löcher

zuzudecken, damit der Tiger sie nicht sehen möge. Die Schildkröten, die

sich verspätet haben, achten auf keine Gefahr, die ihnen selbst droht. Sie

arbeiten unter den Augen der Indianer, die früh Morgens auf das Ufer

kommen. Man nennt sie _‘närrische Schildkröten.’_ Trotz ihrer ungestümen

Bewegungen fängt man sie leicht mit den Händen.

Die drei Indianerlager an den oben erwähnten Orten werden Ende März und in

den ersten Tagen Aprils eröffnet. Die Eierernte geht das einemal vor sich

wie das andere, mit der Regelmäßigkeit, die bei Allem herrscht, was von

Mönchen ausgeht. Ehe die Missionäre an den Fluß kamen, beuteten die

Eingeborenen ein Produkt, das die Natur hier in so reicher Fülle bietet,

in weit geringerem Maaße aus. Jeder Stamm durchwühlte das Ufer nach seiner

eigenen Weise und es wurden unendlich viele Eier muthwillig zerbrochen,

weil man nicht vorsichtig grub und mehr Eier fand, als man mitnehmen

konnte. Es war, als würde eine Erzgrube von ungeschickten Händen

ausgebeutet. Den Jesuiten gebührt das Verdienst, daß sie die Ausbeutung

geregelt haben, und die Franciskaner, welche die Jesuiten in den Missionen

am Orinoco abgelöst haben, rühmen sich zwar, daß sie das Verfahren ihrer

Vorgänger einhalten, gehen aber leider keineswegs mit der gehörigen

Vorsicht zu Werke. Die Jesuiten gaben nicht zu, daß das ganze Ufer

ausgebeutet wurde; sie ließen ein Stück unberührt liegen, weil sie

besorgten, die Arrau-Schildkröten möchten, wenn nicht ausgerottet werden,

doch bedeutend abnehmen. Jetzt wühlt man das ganze Ufer rücksichtslos um,

und man meint auch zu bemerken, daß die *Ernten* von Jahr zu Jahr geringer

werden.

Ist das Lager aufgeschlagen, so ernennt der Missionär von Uruana seinen

Stellvertreter oder den _‘Commissär’_, der den Landstrich, wo die Eier

liegen, nach der Zahl der Indianerstämme, die sich in die Ernte theilen,

in Loose zerlegt. Es sind lauter »Indianer aus den Missionen,« aber so

nackt und versunken, wie die »Indianer aus den Wäldern;« man nennt sie

_reducidos_ und _neofitos_ weil sie zur Kirche gehen, wenn man die Glocke

zieht, und gelernt haben bei der Wandlung auf die Kniee zu fallen.

Der _Comissionado del Padre_ beginnt das Geschäft damit, daß er den Boden

sondirt. Mit einer langen hölzernen Stange, wie oben bemerkt, oder mit

einem Bambusrohr untersucht er, wie weit die »Eierschicht« reicht. Nach

unsern Messungen erstreckt sich die Schicht bis zu 120 Fuß vom Ufer und

ist im Durchschnitt drei Fuß tief. Der Commissär steckt ab, wie weit jeder

Stamm arbeiten darf. Mit Verwunderung hört man den Ertrag der Eierernte

gerade wie den Ertrag eines Getreideackers schätzen. Es kam vor, daß ein

Areal genau hundertzwanzig Fuß lang und dreißig breit hundert Krüge oder

für tausend Franken Oel gab. Die Indianer graben den Boden mit den Händen

auf, legen die gesammelten Eier in kleine, _‘Mappiri’_ genannte Körbe,

tragen sie ins Lager und werfen sie in große mit Wasser gefüllte hölzerne

Tröge. In diesen Trögen werden die Eier mit Schaufeln zerdrückt und

umgerührt und der Sonne ausgesetzt, bis das Eigelb (der öligte Theil), das

obenauf schwimmt, dick geworden ist. Dieser öligte Theil wird, wie er sich

auf dem Wasser sammelt, abgeschöpft und bei einem starken Feuer gekocht.

Dieses thierische Oel, das bei den Spaniern _manteca de tortugas_ heißt,

soll sich desto besser halten, je stärker es gekocht wird. Gut zubereitet

ist es ganz hell, geruchlos und kaum ein wenig gelb. Die Missionäre

schätzen es dem besten Olivenöl gleich, und man braucht es nicht nur zum

Brennen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, zum Kochen, da es den

Speisen keinerlei unangenehmen Geschmack gibt. Es hält indessen schwer,

ganz reines Schildkrötenöl zu bekommen. Es hat meist einen fauligten

Geruch, der davon herrührt, daß Eier darunter gerathen sind, in denen

sich, weil sie schon länger der Sonne ausgesetzt gewesen, die jungen

Schildkröten (_los tortuguillos_) bereits ausgebildet hatten. Diese

unangenehme Erfahrung machten wir namentlich auf der Rückfahrt vom Rio

Negro, wo das flüssige Fett, das wir hatten, braun und übelriechend

geworden war. Die Gefäße hatten einen faserigen Bodensatz, und dieß ist

das Kennzeichen des unreinen Schildkrötenöls.

Ich theile hier einige statistische Angaben mit, die ich an Ort und Stelle

aus dem Munde des Missionärs von Uruana, seines Commissärs und der Krämer

aus Angostura herhalten. Das Ufer von Uruana gibt jährlich tausend

Botijas(14) oder Krüge Oel (_manteca_). Der Krug gilt in der Hauptstadt

von Guyana, gemeinhin Angostura genannt, 2--2-1/2 Piaster. Der ganze

Ertrag der drei Uferstrecken, wo jährlich die _cosecha_ oder Ernte

gehalten wird, läßt sich auf 5000 Botijas anschlagen. Da nun 200 Eier eine

Weinflasche oder _‘limeta’_ voll Oel geben, so kommen 5000 Eier auf einen

Krug oder eine Botija. Nimmt man an, jede Schildkröte gebe 100--116 Eier,

und ein Drittheil werde während des Legens, namentlich von den

»närrischen« Schildkröten zerbrochen, so ergibt sich, daß, sollen jährlich

5000 Krüge Oel gewonnen werden, 330,000 Arrau-Schildkröten, die zusammen

165,000 Centner wiegen, auf den drei Ernteplätzen 33 Millionen Eier legen

müssen. Und mit dieser Rechnung bleibt man noch weit unter der wahren

Zahl. Viele Schildkröten legen nur 60--70 Eier; viele werden im

Augenblick, wo sie aus dem Wasser gehen, von den Jaguars gefressen; die

Indianer nehmen viele Eier mit, um sie an der Sonne zu trocknen und zu

essen, und sie zerbrechen bei der Ernte sehr viele aus Fahrlässigkeit. Die

Menge der Eier, die bereits ausgeschlüpft sind, ehe der Mensch darüber

kommt, ist so ungeheuer, daß ich beim Lagerplatz von Uruana das ganze Ufer

des Orinoco von jungen, einen Zoll breiten Schildkröten wimmeln sah, die

mit Noth den Kindern der Indianer entkamen, welche Jagd auf sie machten.

Nimmt man noch hinzu, daß nicht alle Arraus zu den drei Lagerplätzen

kommen, daß viele zwischen der Mündung des Orinoco und dem Einfluß des

Apure einzeln und ein paar Wochen später legen, so kommt man nothwendig

zum Schluß, daß sich die Zahl der Schildkröten, welche jährlich an den

Ufern des untern Orinoco ihre Eier legen, nahezu auf eine Million beläuft.

Dieß ist ausnehmend viel für ein Thier von beträchtlicher Größe, das einen

halben Centner schwer wird, und unter dessen Geschlecht der Mensch so

furchtbar aufräumt. Im Allgemeinen pflanzt die Natur in der Thierwelt die

großen Arten in geringerer Zahl fort als die kleinen.

Das Erntegeschäft und die Zubereitung des Oels währen drei Wochen. Nur um

diese Zeit stehen die Missionen mit der Küste und den benachbarten

civilisirten Ländern in Verkehr. Die Franciskaner, die südlich von den

Katarakten leben, kommen zur Eierernte nicht sowohl, um sich Oel zu

verschaffen, als um *weiße Gesichter* zu sehen, wie sie sagen, und um zu

hören, »ob der König sich im Escurial oder in San Ildefonso aufhält, ob

die Klöster in Frankreich noch immer aufgehoben sind, vor allem aber, ob

der Türke sich noch immer ruhig verhält.« Das ist Alles, wofür ein Mönch

am Orinoco Sinn hat, Dinge, worüber die Krämer aus Angostura, die in die

Lager kommen, nicht einmal genaue Auskunft geben können. In diesen weit

entlegenen Ländern wird eine Neuigkeit, die ein Weißer aus der Hauptstadt

bringt, niemals in Zweifel gezogen. Zweifeln ist fast so viel wie Denken,

und wie sollte man es nicht beschwerlich finden, den Kopf anzustrengen,

wenn man sein Lebenlang über die Hitze und die Stiche der Moskitos zu

klagen hat?

Die Oelhändler haben 70--80 Procent Gewinn; denn die Indianer verkaufen

den Krug oder die Botija für einen harten Piaster an sie und die

Transportkosten machen für den Krug nur Zweifünftel Piaster. Die Indianer,

welche die _cosecha de huevos_ mitmachen, bringen auch ganze Massen an der

Sonne getrockneter oder leicht gesottener Eier nach Haus. Unsere Ruderer

hatten immer welche in Körben oder kleinen Säcken von Baumwollenzeug. Der

Geschmack kam uns nicht unangenehm vor, wenn sie gut erhalten sind. Man

zeigte uns große, von Jaguars geleerte Schildkrötenpanzer. Die Tiger gehen

den Arraus auf die Uferstriche nach, wo sie legen wollen. Sie überfallen

sie auf dem Sand, und um sie gemächlich verzehren zu können, kehren sie

sie um, so daß der Brustschild nach oben sieht. Aus dieser Lage können die

Schildkröten sich nicht ausrichten, und da der Tiger ihrer weit mehr

umwendet, als er in der Nacht verzehren kann, so sachen sich die Indianer

häufig seine List und seine boshafte Habsucht zu Nutze.

Wenn man bedenkt, wie schwer der reisende Naturforscher den Körper der

Schildkröte herausbringt, wenn er Rücken- und Brustschild nicht trennen

will, so kann man die Gewandtheit des Tigers nicht genug bewundern, der

mit seiner Tatze den Doppelschild des Arrau leert, als wären die Ansätze

der Muskeln mit einem chirurgischen Instrumente losgetrennt. Der Tiger

verfolgt die Schildkröte sogar ine Wasser, wenn dieses nicht sehr tief

ist. Er gräbt auch die Eier aus und ist nebst dem Krokodil, den Reihern

und dem Gallinazogeier der furchtbarste Feind der frisch ausgeschlüpften

Schildkröten. Im verflossenen Jahr wurde die Insel Pararuma während der

Eierernte von so vielen Krokodilen heimgesucht, daß die Indianer in einer

einzigen Nacht ihrer achtzehn, 12--15 Fuß lange, mit hakenförmigen Eisen

und Seekuhfleisch daran, fingen. Außer den eben erwähnten Waldthieren thun

auch die wilden Indianer der Oelbereitung bedeutenden Eintrag. Sobald die

ersten kleinen Regenschauer, von ihnen _‘Schildkrötenregen’_ genannt, sich

einstellen, ziehen sie an die Ufer des Orinoco und tödten mit vergifteten

Pfeilen die Schildkröten, die mit emporgerecktem Kopf und ausgestreckten

Tatzen sich sonnen.

Die jungen Schildkröten (_tortuguillos_) zerbrechen die Eischale bei Tag,

man sieht sie aber nie anders als bei Nacht aus dem Boden schlüpfen. Die

Indianer behaupten, das junge Thier scheue die Sonnenhitze. Sie wollten

uns auch zeigen, wie der Tortuguillo, wenn man ihn in einem Sack weit weg

vom Ufer trägt und so an den Boden setzt, daß er dem Flusse den Rücken

kehrt, alsbald den kürzesten Weg zum Wasser einschlägt. Ich gestehe, daß

dieses Experiment, von dem schon Pater GUMILLA spricht, nicht immer gleich

gut gelingt; meist aber schienen mir die kleinen Thiere sehr weit vom

Ufer, selbst auf einer Insel, mit äußerst feinem Gefühl zu spüren, von

woher die feuchteste Luft weht. Bedenkt man, wie weit sich die Eierschicht

fast ohne Unterbrechung am Ufer hin erstreckt, und wie viele tausende

kleiner Schildkröten gleich nach dem Ausschlüpfen dem Wasser zugehen, so

läßt sich nicht wohl annehmen, daß so viele Schildkröten, die am selben

Ort ihre Nester gegraben, ihre Jungen herausfinden und sie, wie die

Krokodile thun, in die Lachen am Orinoco führen können. Soviel ist aber

gewiß, daß das Thier seine ersten Lebensjahre in den seichtesten Lachen

zubringt und erst, wenn es erwachsen ist, in das große Flußbett geht. Wie

finden nun die Tortuguillos diese Lachen? Werden sie von weiblichen

Schildkröten hingeführt, die sich ihrer annehmen, wie sie ihnen aufstoßen?

Die Krokodile, deren weit nicht so viele sind, legen ihre Eier in

abgesonderte Löcher, und wir werden bald sehen, daß in dieser

Eidechsenfamilie das Weibchen gegen das Ende der Brutzeit wieder hinkommt,

den Jungen ruft, die darauf antworten, und ihnen meist aus dem Boden

hilft. Die Arrau-Schildkröte erkennt sicher, so gut wie das Krokodil, den

Ort wieder, wo sie ihr Nest gemacht; da sie aber nicht wagt wieder zum

Ufer zu kommen, wo die Indianer ihr Lager aufgeschlagen haben, wie könnte

sie ihre Jungen von fremden Tortuguillos unterscheiden? Andererseits

wollen die Otomaken beim Hochwasser weibliche Schildkröten gesehen haben,

die eine ganze Menge junger Schildkröten hinter sich hatten. Dieß waren

vielleicht Arraus, die allein an einem einsamen Ufer gelegt hatten, zu dem

sie wieder kommen konnten. Männliche Thiere sind unter den Schildkröten

sehr selten; unter mehreren Hunderten trifft man kaum Eines. Der Grund

dieser Erscheinung kann hier nicht derselbe seyn wie bei den Krokodilen,

die in der Brunst einander blutige Gefechte liefern.

Unser Steuermann war in die *Playa de Huevos* eingelaufen, um einige

Mundvorräthe zu kaufen, die bei uns auf die Neige gingen. Wir fanden

daselbst frisches Fleisch, Reis aus Angostura, sogar Zwieback aus

Weizenmehl. Unsere Indianer füllten die Pirogue zu ihrem eigenen Bedarf

mit jungen Schildkröten und an der Sonne getrockneten Eiern. Nachdem wir

vom Missionär, der uns sehr herzlich aufgenommen, uns verabschiedet

hatten, gingen wir gegen vier Uhr Abends unter Segel. Der Wind blies

frisch und in Stößen. Seit wir uns im gebirgigen Theil des Landes

befanden, hatten wir die Bemerkung gemacht, daß unsere Pirogue ein sehr

schlechtes Segelwerk führe; aber der »Patron« wollte den Indianern, die am

Ufer beisammen standen, zeigen, daß er, wenn er sich dicht am Wind halte,

mit Einem Schlage mitten in den Strom kommen könne. Aber eben, als er

seine Geschicklichkeit und die Kühnheit seines Manövers pries, fuhr der

Wind so heftig in das Segel, daß wir beinahe gesunken wären. Der eine Bord

kam unter Wasser und dasselbe stürzte mit solcher Gewalt herein, daß wir

bis zu den Knieen darin standen. Es lief über ein Tischchen weg, an dem

ich im Hintertheil des Fahrzeugs eben schrieb. Kaum rettete ich mein

Tagebuch, und im nächsten Augenblick sahen wir unsere Bücher, Papiere und

getrockneten Pflanzen umherschwimmen. Bonpland schlief mitten in der

Pirogue. Vom eindringenden Wasser und dem Geschrei der Indianer

aufgeschreckt, übersah er unsere Lage sogleich mit der Kaltblütigkeit, die

ihm unter allen Verhältnissen treu geblieben ist. Der im Wasser stehende

Bord hob sich während der Windstöße von Zeit zu Zeit wieder, und so gab er

das Fahrzeug nicht verloren. Sollte man es auch verlassen müssen, so

konnte man sich, glaubte er, durch Schwimmen retten, da sich kein Krokodil

blicken ließ. Während wir so ängstlich gespannt waren, riß auf einmal das

Tauwerk des Segels. Derselbe Sturm, der uns auf die Seite geworfen, half

uns jetzt ausrichten. Man machte sich alsbald daran, das Wasser mit den

Früchten der _Crescentia Cujete_ auszuschöpfen; das Segel wurde

ausgebessert, und in weniger als einer halben Stunde konnten wir wieder

weiter fahren. Der Wind hatte sich etwas gelegt. Windstöße, die mit

Windstillen wechseln, sind übrigens hier, wo der Orinoco im Gebirge läuft,

sehr häufig und können überladenen Schiffen ohne Verdeck sehr gefährlich

werden. Wir waren wie durch ein Wunder gerettet worden. Der Steuermann

verschanzte sich hinter sein indianisches Phlegma, als man ihn heftig

schalt, daß er sich zu nahe am Wind gehalten. Er äußerte kaltblütig, »es

werde hier herum den weißen Leuten nicht an Sonne fehlen, um *ihre

Papiere* zu trocknen.« Wir hatten nur ein einziges Buch eingebüßt, und

zwar den ersten Band von SCHREBERs _genera plantarum_ der ins Wasser

gefallen war. Dergleichen Verluste thun weh, wenn man auf so wenige

wissenschaftliche Werke beschränkt ist.

Mit Einbruch der Nacht schlugen wir unser Nachtlager auf einer kahlen

Insel mitten im Strome in der Nähe der Mission Uruana auf. Bei herrlichem

Mondschein, auf großen Schildkrötenpanzern sitzend, die am Ufer lagen,

nahmen wir unser Abendessen ein. Wie herzlich freuten wir uns, daß wir

alle beisammen waren! Wir stellten uns vor, wie es einem ergangen wäre,

der sich beim Schiffbruch allein gerettet hätte, wie er am öden Ufer auf

und ab irrte, wie er jeden Augenblick an ein Wasser kam, das in den

Orinoco läuft und durch das er wegen der vielen Krokodile und

Caraibenfische nur mit Lebensgefahr schwimmen konnte. Und dieser Mann mit

gefühlvollem Herzen weiß nicht, was aus seinen Unglücksgefährten geworden

ist, und ihr Loos bekümmert ihn mehr als das seine! Gerne überläßt man

sich solchen wehmüthigen Vorstellungen, weil einen nach einer

überstandenen Gefahr unwillkürlich nach starken Eindrücken fort verlangt.

Jeder von uns war innerlich mit dem beschäftigt, was sich eben vor unsern

Augen zugetragen hatte. Es gibt Momente im Leben, wo einem, ohne daß man

gerade verzagte, vor der Zukunft banger ist als sonst. Wir waren erst drei

Tage auf dem Orinoco und vor uns lag eine dreimonatliche Fahrt auf Flüssen

voll Klippen, in Fahrzeugen, noch kleiner als das, mit dem wir beinahe zu

Grund gegangen wären.

Die Nacht war sehr schwül. Wir lagen am Boden auf Häuten, da wir keine

Bäume zum Befestigen der Hängematten fanden. Die Plage der Moskitos wurde

mit jedem Tag ärger. Wir bemerkten zu unserer Ueberraschung, daß die

Jaguars hier unsere Feuer nicht scheuten. Sie schwammen über den Flußarm,

der uns vom Lande trennte, und Morgens hörten wir sie ganz in unserer Nähe

brüllen. Sie waren auf die Insel, wo wir die Nacht zubrachten,

herübergekommen. Die Indianer sagten uns, während der Eierernte zeigen

sich die Tiger an den Ufern hier immer häufiger als sonst, und sie seyen

um diese Zeit auch am kecksten.

Am 7. April. Im Weiterfahren lag uns zur Rechten die Einmündung des großen

Rio Arauca, der wegen der ungeheuern Menge von Vögeln berühmt ist, die auf

ihm leben, zur Linken die Mission Uruana, gemeiniglich _Conception de

Uruana_ genannt. Das kleine Dorf von 500 Seelen wurde um das Jahr 1748 von

den Jesuiten gegründet und daselbst Otomaken und Caveres- oder

Cabres-Indianer angesiedelt. Es liegt am Fuße eines aus Granitblöcken

bestehenden Berges, der, glaube ich, *Saraguaca* heißt. Durch die

Verwitterung von einander getrennte Steinmassen bilden hier Höhlen, in

denen man unzweideutige Spuren einer. alten Cultur der Eingeborenen

findet. Man sieht hier hieroglyphische Bilder, sogar Züge in Reihen

eingehauen. Ich bezweifle indessen, daß diesen Zügen ein Alphabet zu

Grunde liegt. Wir besuchten die Mission Uruana auf der Rückkehr vom Rio

Negro und sahen daselbst mit eigenen Augen die Erdmassen, welche die

Otomaken essen und über die in Europa so viel gestritten worden ist.

Wir maßen die Breite des Orinoco zwischen der Isla de Uruana und der Isla

de Manteca, und es ergaben sich, bei Hochwasser, 2694 Toisen, also beinahe

vier Seemeilen. Er ist demnach hier, 194 französische Meilen von der

Mündung, achtmal breiter als der Nil bei Mansalout und Syout. Die

Temperatur des Wassers an der Oberfläche war bei Uruana 27°,8; den Zaire-

oder Congofluß in Afrika, in gleichem Abstand vom Aequator, fand Capitän

TUCKEY im Juli und August nur 23°,9--25°,6 warm. Wir werden in der Folge

sehen, daß im Orinoco, sowohl in der Nähe der Ufer, wo er in dichtem

Schatten fließt, als mitten im Strom, im Thalweg die Temperatur des

Wassers aus 29°,5 [23°,6 Reaumur] steigt und nicht unter 27°,5 herabgeht;

die Lufttemperatur war aber auch damals, vom April bis Juni, bei Tag meist

28--30°, bei Nacht 24--26°, während im Thal des Congo von acht Uhr Morgens

bis Mittag der Thermometer nur zwischen 20°,6 und 26°,7 stand.

Das westliche Ufer des Orinoco bleibt flach bis über den Einfluß des Meta

hinaus, wogegen von der Mission Uruana an die Berge immer näher an das

östliche Ufer herantreten. Da die Strömung stärker wird, je mehr das

Flußbett sich einengt, so kamen wir jetzt mit unserem Fahrzeug bedeutend

langsamer vorwärts. Wir fuhren immer noch mit dem Segel stromaufwärts,

aber das hohe, mit Wald bewachsene Land entzog uns den Wind, und dann

brachen wieder aus den engen Schluchten, an denen wir vorbeifuhren,

heftige, aber schnell vorübergehende Winde. Unterhalb des Einflusses des

Rio Arauca zeigten sich mehr Krokodile als bisher, besonders dem großen

See Capanaparo gegenüber, der mit dem Orinoco in Verbindung steht, wie die

Lagune Cabularito zugleich in letzteren Fluß und in den Rio Arauca

ausmündet. Die Indianer sagten uns, diese Krokodile kommen aus dem innern

Lande, wo sie im trockenen Schlamm der Savanen begraben gelegen. Sobald

sie bei den ersten Regengüssen aus ihrer Erstarrung erwachen, sammeln sie

sich in Rudel und ziehen dem Strome zu, auf dem sie sich wieder

zerstreuen. Hier, im tropischen Erdstrich, wachen sie auf, wenn es wieder

feuchter wird; dagegen in Georgien und in Florida, im gemäßigten

Erdstrich, reißt die wieder zunehmende Wärme die Thiere aus der Erstattung

oder dem Zustand von Nerven- und Muskelschwäche, in dem der Athmungsproceß

unterbrochen oder doch sehr stark beschränkt wird. Die Zeit der großen

Trockenheit, uneigentlich der _‘Sommer der heißen Zone’_ genannt,

entspricht dem Winter der gemäßigten Zone, und es ist physiologisch sehr

merkwürdig, daß in Nordamerika die Alligators zur selben Zeit der Kälte

wegen im *Winterschlaf* liegen, wo die Krokodile in den Llanos ihre

*Sommersiesta* halten. Erschiene es als wahrscheinlich, daß diese

derselben Familie angehörenden Thiere einmal in einem nördlicheren Lande

zusammen gelebt hätten, so könnte man glauben, sie fühlen, auch näher an

den Aequator versetzt, noch immer, nachdem sie sieben bis acht Monate ihre

Muskeln gebraucht, das Bedürfniß auszuruhen und bleiben auch unter einem

neuen Himmelsstrich ihrem Lebensgang treu, der aufs innigste mit ihrem

Körperbau zusammenzuhängen scheint.

Nachdem wir an der Mündung der Kanäle, die zum See Capanaparo führen,

vorbeigefahren, betraten wir ein Stromstück, wo das Bett durch die Berge

des *Baraguan* eingeengt ist. Es ist eine Art Engpaß, der bis zum Einfluß

des Rio Suapure reicht. Nach den Granitbergen hier hatten die Indianer

früher die Strecke des Orinoco zwischen dem Einfluß des Arauca und dem des

Atabapo den Fluß *Baraguan* genannt, wie denn bei wilden Völkern große

Ströme in verschiedenen Strecken ihres Laufs verschiedene Namen haben. Der

Paß von Baraguan ist ein recht malerischer Ort. Die Granitfelsen fallen

senkrecht ab, und da die Bergkette, die sie bilden, von Nordwest nach

Südost streicht, und der Strom diesen Gebirgsdamm fast unter einem rechten

Winkel durchbricht, so stellen sich die Höhen als freistehende Gipfel dar.

Die meisten sind nicht über 170 Toisen hoch, aber durch ihre Lage inmitten

einer kleinen Ebene, durch ihre steilen, kahlen Abhänge erhalten sie etwas

Großartiges. Auch hier sind wieder ungeheure, an den Rändern abgerundete

Granitmassen, in Form von Parallelipipeden, über einander gethürmt. Die

Blöcke sind häufig 80 Fuß lang und 20--30 breit. Man müßte glauben, sie

seyen durch eine äußere Gewalt übereinander gehäuft, wenn nicht ein ganz

gleichartiges, nicht in Blöcke getheiltes, aber von Gängen durchzogenes

Gestein anstände und deutlich verriethe, daß das Zerfallen in

Parallelipipede von atmosphärischen Einflüssen herrührt. Jene zwei bis

drei Zoll mächtigen Gänge bestehen aus einem quarzreichen, feinkörnigen

Granit im grobkörnigen, fast porphyrartigen, an schönen rothen

Feldspathkrystallen reichen Granit. Umsonst habe ich mich in der

Cordillere des Baraguan nach der Hornblende und den Specksteinmassen

umgesehen, die für mehrere Granite der Schweizer Alpen charakteristisch

sind.

Mitten in der Stromenge beim Baraguan gingen wir ans Land, um dieselbe zu

messen. Die Felsen stehen so dicht am Fluß, daß ich nur mit Mühe eine

Standlinie von 80 Toisen abmessen konnte. Ich fand den Strom 889 Toisen

breit. Um begreiflich zu finden, wie man diese Strecke eine *Stromenge*

nennen kann, muß man bedenken, daß der Strom von Uruana bis zum Einfluß

des Meta meist 1500--2500 Toisen breit ist. Am selben, außerordentlich

heißen und trockenen Punkt maß ich auch zwei ganz runde Granitgipfel, und

fand sie nur 110 und 85 Toisen hoch. Im Innern der Bergkette sind wohl

höhere Gipfel, im Ganzen aber sind diese so wild aussehenden Berge lange

nicht so hoch, als die Missionäre angeben.

In den Ritzen des Gesteins, das steil wie Mauern dasteht und Spuren von

Schichtung zeigt, suchten wir vergeblich nach Pflanzen. Wir fanden nichts

als einen alten Stamm der _Aubletia Tiburba_ mit großer birnförmiger

Frucht, und eine neue Art aus der Familie der Apocyneen (_Allamanda

salicifolia_). Das ganze Gestein war mit zahllosen Leguans und Geckos mit

breiten, häutigen Zehen bedeckt. Regungslos, mit aufgerichtetem Kopf und

offenem Maul saßen die Eidechsen da und schienen sich von der heißen Luft

durchströmen zu lassen. Der Thermometer, an die Felswand gehalten, stieg

auf 50°,2 [40°,1 R] Der Boden schien in Folge der Luftspiegelung auf und

ab zu schwanken, während sich kein Lüftchen rührte. Die Sonne war nahe am

Zenith und ihr glänzendes, vom Spiegel des Stromes zurückgeworfenes Licht

stach scharf ab vom röthlichen Dunst, der alle Gegenstände in der Nähe

umgab. Wie tief ist doch der Eindruck, den in diesen heißen Landstrichen

um die Mittagszeit die Stille der Natur auf uns macht! Die Waldthiere

verbergen sich im Dickicht, die Vögel schlüpfen unter das Laub der Bäume

oder in Felsspalten. Horcht man aber in dieser scheinbaren tiefen Stille

auf die leisesten Laute, die die Luft an unser Ohr trägt, so vernimmt man

ein dumpfes Schwirren, ein beständiges Brausen und Summen der Insekten,

von denen alle untern Luftschichten wimmeln. Nichts kann dem Menschen

lebendiger vor die Seele führen, wie weit und wie gewaltig das Reich des

organischen Lebens ist. Myriaden Insekten kriechen aus dem Boden oder

umgaukeln die von der Sonnenhitze verbrannten Gewächse. Ein wirres Getöne

dringt aus jedem Busch, aus faulen Baumstämmen, aus den Felsspalten, aus

dem Boden, in dem Eidechsen, Tausendfüße, Cäcilien ihre Gänge graben. Es

sind ebenso viele Stimmen, die uns zurufen, daß Alles in der Natur athmet,

daß in tausendfältiger Gestalt das Leben im staubigten, zerklüfteten Boden

waltet, so gut wie im Schooße der Wasser und in der Luft, die uns umgibt.

Die Empfindungen, die ich hier andeute, sind keinem fremd, der zwar nicht

bis zum Aequator gekommen, aber doch in Italien, in Spanien oder in

Egypten gewesen ist. Dieser Contrast zwischen Regsamkeit und Stille,

dieses ruhige und doch wieder so bewegte Antlitz der Natur wirken lebhaft

auf die Einbildungskraft des Reisenden, sobald er das Becken des

Mittelmeers, die Zone der Olive, des Chamärops und der Dattelpalme

betritt.

Wir übernachteten am östlichen Ufer des Orinoco am Fuße eines

Granithügels. An diesem öden Fleck lag früher die Mission San Regis. Gar

gerne hätten wir im Baraguan eine Quelle gefunden. Das Flußwasser hatte

einen Bisamgeruch und einen süßlichten, äußerst unangenehmen Geschmack.

Beim Orinoco wie beim Apure ist es sehr auffallend, wie abweichend sich in

dieser Beziehung, am dürrsten Ufer, verschiedene Stellen im Strome

verhalten. Bald ist das Wasser ganz trinkbar, bald scheint es mit

gallertigen Stoffen beladen. »Das macht die Rinde (die lederartige

Hautdecke) der faulenden Caymans,« sagen die Indianer. »Je älter der

Cayman, desto bitterer ist seine Rinde.« Ich bezweifle nicht, daß die Aase

dieser großen Reptilien, die der Seekühe, die 500 Pfund wiegen, und der

Umstand, daß die im Fluß lebenden Delphine eine schleimigte Haut haben,

das Wasser verderben mögen, zumal in Buchten, wo die Strömung schwach ist.

Indessen waren die Punkte, wo man das übelriechendste Wasser antraf, nicht

immer solche, wo wir viele todte Thiere am Ufer liegen sahen. Wenn man in

diesem heißen Klima, wo man fortwährend vom Durst geplagt ist, Flußwasser

mit einer Temperatur von 27--28 Grad trinken muß, so wünscht man

natürlich, daß ein so warmes, mit Sand verunreinigtes Wasser wenigstens

geruchlos seyn möchte.

Am 8. April. Im Weiterfahren lagen gegen Ost die Einmündungen des Suapure

oder Sivapuri und des Caripo, gegen West die des Sinaruco. Letzterer Fluß

ist nach dem Rio Arauca der bedeutendste zwischen Apure und Meta. Der

Suapure, der eine Menge kleiner Fälle bildet, ist bei den Indianern wegen

des vielen wilden Honigs berühmt, den die Waldungen liefern. Die Meliponen

hängen dort ihre ungeheuren Stöcke an die Baumäste. Pater GILI hat im Jahr

1766 den Suapure und den Turiva, der sich in jenen ergießt, befahren. Er

fand dort Stämme der Nation der Areverier. Wir übernachteten ein wenig

unterhalb der Insel Macupina.

Am 9. April. Wir langten früh Morgens am *Strande von Pararuma* an und

fanden daselbst ein Lager von Indianern, ähnlich dem, das wir an der _boca

de la Tortuga_ gesehen. Man war beisammen, um den Sand aufzugraben, die

Schildkröteneier zu sammeln und das Oel zu gewinnen, aber man war leider

ein paar Tage zu spät daran. Die jungen Schildkröten waren ausgekrochen,

ehe die Indianer ihr Lager aufgeschlagen hatten. Auch hatten sich die

Krokodile und die *Garzes*, eine große weiße Reiherart, das Säumniß zu

Nutze gemacht. Diese Thiere lieben das Fleisch der jungen Schildkröten

sehr und verzehren unzählige. Sie gehen auf diesen Fang bei Nacht aus, da

die Tortuguillos erst nach der Abenddämmerung aus dem Boden kriechen und

dem nahen Flusse zulaufen. Die Zamurosgeier sind zu träge [S. Band I.

Seite 402.], um nach Sonnenuntergang zu jagen. Bei Tag streifen sie an den

Ufern umher und kommen mitten ins Lager der Indianer herein, um Eßwaaren

zu entwenden, und meist bleibt ihnen, um ihren Heißhunger zu stillen,

nichts übrig, als auf dem Lande oder in seichtem Wasser junge, 7--8 Zoll

lange Krokodile anzugreifen. Es ist merkwürdig anzusehen, wie schlau sich

die kleinen Thiere eine Zeitlang gegen die Geier wehren. Sobald sie einen

ansichtig werden, richten sie sich auf den Vorderfüßen auf, krümmen den

Rücken, strecken den Kopf aufwärts und reißen den Rachen weit auf.

Fortwährend, wenn auch langsam, kehren sie sich dem Feinde zu und weisen

ihm die Zähne, die bei den eben ausgeschlüpften Thieren sehr lang und

spitz sind. Oft, während so ein Zamuro ganz die Aufmerksamkeit des jungen

Krokodils in Anspruch nimmt, benützt ein anderer die gute Gelegenheit zu

einem unerwarteten Angriff. Er stößt auf das Thier nieder, packt es am

Halse und steigt damit hoch in die Luft. Wir konnten diesem Kampfspiel

halbe Vormittage lang zusehen; in der Stadt Mompor am Magdalenenstrom

hatten wir mehr als 40 seit vierzehn Tagen bis drei Wochen ausgeschlüpfte

Krokodile in einem großen, mit einer Mauer umgebenen Hofe beisammen.

Wir trafen in Pararuma unter den Indianern einige Weiße, die von Angostura

herauf gekommen waren, um _manteca de tortuga_ zu kaufen. Sie langweilten

uns mit ihren Klagen über die »schlechte Ernte« und den Schaden, den die

Tiger während des Eierlegens angerichtet, und führten uns endlich unter

eine Ajoupa mitten im Indianerlager. Hier saßen die Missionäre von

Carichana und von den Katarakten, Karten spielend und aus langen Pfeifen

rauchend am Boden. Mit ihren weiten blauen Kutten, geschorenen Köpfen und

langen Bärten hätten wir sie für Orientalen gehalten! Die armen

Ordensleute nahmen uns sehr freundlich auf und ertheilten uns alle

Auskunft, deren wir zur Weiterfahrt bedurften. Sie litten seit mehreren

Monaten am dreitägigen Wechselfieber, und ihr blasses, abgezehrtes

Aussehen überzeugte uns unschwer, daß in den Ländern, die wir zu betreten

im Begriff standen, die Gesundheit des Reisenden allerdings gefährdet sey.

Dem indianischen Steuermann, der uns von San Fernando am Apure bis zum

Strande von Pararuma gebracht hatte, war die Fahrt durch die

*Stromschnellen*(15) des Orinoco neu, und er wollte uns nicht weiter

führen. Wir mußten uns seinem Willen fügen. Glücklicherweise fand sich der

Missionär von Carichana willig, uns zu sehr billigem Preise eine hübsche

Pirogue abzutreten; ja der Missionär von Atures und Maypures bei den

großen Katarakten, Pater Bernardo Zea, erbot sich, obgleich er krank war,

uns bis zur Grenze von Brasilien zu begleiten. Der Indianer, welche die

Canoes über die *Raudales* hinauf schaffen helfen, sind so wenige, daß

wir, hätten wir keinen Mönch bei uns gehabt, Gefahr gelaufen wären,

wochenlang an diesem feuchten, ungesunden Orte liegen bleiben zu müssen.

An den Ufern des Orinoco gelten die Wälder am Rio Negro für ein köstliches

Land. Wirklich ist auch die Luft dort frischer und gesunder, und es gibt

im Fluß fast keine Krokodile; man kann unbesorgt baden und ist bei Tag und

Nacht weniger als am Orinoco vom Insektenstich geplagt. Pater Zea hoffte,

wenn er die Missionen am Rio Negro besuchte, seine Gesundheit

wiederherzustellen. Er sprach von der dortigen Gegend mit der

Begeisterung, mit der man in den Colonien auf dem Festland Alles ansieht,

was in weiter Ferne liegt.

Die Versammlung der Indianer bei Pararuma bot uns wieder ein Schauspiel,

wie es den Culturmenschen immer dazu anregt, den wilden Menschen und die

allmähliche Entwicklung unserer Geisteskräfte zu beobachten. Man sträubt

sich gegen die Vorstellung, daß wir in diesem gesellschaftlichen

Kindheitszustand, in diesem Haufen trübseliger, schweigsamer,

theilnahmloser Indianer das ursprüngliche Wesen unseres Geschlechts vor

uns haben sollen. Die Menschennatur tritt uns hier nicht im Gewande

liebenswürdiger Einfalt entgegen, wie sie die Poesie in allen Sprachen so

hinreißend schildert. Der Wilde am Orinoco schien uns so widrig abstoßend

als der Wilde am Mississippi, wie ihn der reisende Philosoph [VOLNEY], der

größte Meister in der Schilderung des Menschen in verschiedenen Klimaten,

gezeichnet hat. Gar gerne redet man sich ein, diese Eingeborenen, wie sie

da, den Leib mit Erde und Fett beschmiert, um ihr Feuer hocken oder auf

großen Schildkrötenpanzern sitzen und stundenlang mit dummen Gesichtern

auf das Getränk glotzen, das sie bereiten, seyen keineswegs der

ursprüngliche Typus unserer Gattung, vielmehr ein entartetes Geschlecht,

die schwachen Ueberreste von Völkern, die versprengt lange in Wäldern

gelebt und am Ende in Barbarei zurückgesunken.

Die rothe Bemalung ist gleichsam die einzige Bekleidung der Indianer, und

es lassen sich zwei Arten derselben unterscheiden, nach der größeren oder

geringeren Wohlhabenheit der Individuen. Die gemeine Schminke der

Caraiben, Otomaken und Jaruros ist der _‘Onoto’_, von den Spaniern

_‘Achote’_, von den Colonisten in Cayenne _‘Rocou’_ genannt. Es ist der

Farbstoff, den man aus dem Fruchtfleisch der _Bixa orellana_ auszieht.

Wenn sie Onoto bereiten, werfen die indianischen Weiber die Samen der

Pflanze in eine Kufe mit Wasser, peitschen das Wasser eine Stunde lang und

lassen dann den Farbstoff, der lebhaft ziegelroth ist, sich ruhig

absetzen. Das Wasser wird abgegossen; der Bodensatz herausgenommen, mit

den Händen ausgedrückt, mit Schildkröteneieröl geknetet und runde 3--4

Unzen schwere Kuchen daraus geformt. In Ermanglung von Schildkrötenöl

vermengen einige Nationen den Onoto mit Krokodilfett. Ein anderer, weit

kostbarerer Farbstoff wird aus einer Pflanze aus der Familie der Bignonien

gewonnen, die Bonpland unter dem Namen _Bignonia Chica_ bekannt gemacht

hat. Die Tamanaken nennen dieselbe _‘Craviri’_, die Maypures

_‘Chirraviri’_. Sie klettert auf die höchsten Bäume und heftet sich mit

Ranken an. Die zweilippigen Blüthen sind einen Zoll lang, schön violett,

und stehen zu zweien oder dreien beisammen. Die doppelt gefiederten

Blätter vertrocknen leicht und werden röthlich. Die Frucht ist eine zwei

Fuß lange Schote mit geflügelten Samen. Diese Bignonie wächst bei Maypures

in Menge wild, ebenso noch weiter am Orinoco hinauf jenseits des

Einflusses des Guaviare, von Santa Barbara bis zum hohen Berge Duida,

besonders bei Esmeralda. Auch an den Ufern des Cassiquiare haben wir sie

gefunden. Der rothe Farbstoff des Chica wird nicht, wie der Onoto, aus der

Frucht gewonnen, sondern aus den im Wasser geweichten Blättern. Er sondert

sich in Gestalt eines sehr leichten Pulvers ab. Man formt ihn, ohne ihn

mit Schildkrötenöl zu vermischen, zu kleinen 8--9 Zoll langen, 2--3 Zoll

hohen, an den Rändern abgerundeten Broden. Erwärmt verbreiten diese Brode

einen angenehmen Geruch, wie Benzoe. Bei der Destillation zeigt der Chica

keine merkbare Spur von Ammoniak; es ist kein stickstoffhaltiger Körper

wie der Indigo. In Schwefel- und Salzsäure, selbst in den Alkalien löst er

sich etwas auf. Mit Oel abgerieben, gibt der Chica eine rothe, dem Lack

ähnliche Farbe. Tränkt man Wolle damit, so könnte man sie mit Krapproth

verwechseln. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der Chica, der vor

unserer Reise in Europa unbekannt war, sich technisch nützlich verwenden

ließe: Am Orinoco wird diese Farbe am besten von den Völkerschaften der

Salivas, Guipunaves, Caveres und Piravas bereitet. Die meisten Völker am

Orinoco können mit dem Infundiren und Maceriren gut umgehen. So treiben

die Maypures ihren Tauschhandel mit kleinen Broden von *Pucuma*, einem

Pflanzenmehl, das wie der Indigo getrocknet wird und eine sehr dauerhafte

gelbe Farbe liefert. Die Chemie des Wilden beschränkt sich auf die

Bereitung von Farbstoffen und von Giften und auf das Aussüßen der

stärkmehlhaltigen Wurzeln der Arumarten und der Euphorbien.

Die meisten Missionäre am obern und untern Orinoco gestatten den Indianern

in ihren Missionen, sich die Haut zu bemalen. Leider gibt es manche, die

auf die Nacktheit der Eingeborenen speculiren. Da die Mönche nicht

Leinwand und Kleider an sie verkaufen können, so handeln sie mit rother

Farbe, die bei den Eingeborenen so sehr gesucht ist. Oft sah ich in ihren

Hütten, die vornehm _Conventos_ heißen, Niederlagen von Chica. Der Kuchen,

die _turtu_, wird bis zu vier Franken verkauft. Um einen Begriff zu geben,

welchen Luxus die nackten Indianer mit ihrem Putze treiben, bemerke ich

hier, daß ein hochgewachsener Mann durch zwei wöchentliche Arbeit kaum

genug verdient, um sich durch Tausch so viel Chica zu verschaffen, daß er

sich roth bemalen kann. Wie man daher in gemäßigten Ländern von einem

armen Menschen sagt, er habe nicht die Mittel, sich zu kleiden, so hört

man die Indianer am Orinoco sagen: »Der Mensch ist so elend, daß er sich

den Leib nicht einmal halb malen kann.« Der kleine Handel mit Chica wird

besonders mit den Stämmen am untern Orinoco getrieben, in deren Land die

Pflanze, die den kostbaren Stoff liefert, nicht wächst. Die Caraiben und

Otomaken färben sich bloß Gesicht und Haare mit Chica, aber den Salives

steht die Farbe in solcher Menge zu Gebot, daß sie den ganzen Körper damit

überziehen können. Wenn die Missionäre nach Angostura auf ihre Rechnung

kleine Sendungen von Cacao, Tabak und *Chiquichiqui*(16) vom Rio Negro

machen, so packen sie immer auch Chicakuchen, als einen sehr gesuchten

Artikel, bei. Manche Leute europäischer Abkunft brauchen den Farbstoff,

mit Wasser angerührt, als ein vorzügliches harntreibendes Mittel.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3. · 第 8 / 29 题