Leontine war von ihrem Übelbefinden fast völlig wieder genesen, und
Niemand außer Dimot konnte sich dessen Ursache erklären. Nur dem
heilkundigen Mönch von St. Pilt mußte der Verdacht einer Vergiftung
aufgestiegen sein, denn Pater Eusebius fragte genau nach Allem, was die
so plötzlich Erkrankte in den letzten Tagen genossen und ob sie etwa
im Walde Beeren gegessen hätte, die ihr möglicherweise geschadet haben
konnten, was sie jedoch verneinte. Dimot pflegte sie mit hingebender
Sorgfalt und ließ es sich nicht nehmen, Nachts bei ihr zu wachen,
was zwar nicht von Nöthen war, ihr jedoch sowohl von Leontinen wie
von Gräfin Margarethe hoch angerechnet wurde. Sie machte sich die
bittersten Vorwürfe, daß sie der Zigeunerin getraut hatte, und ahnte
nun auch deren Beweggrund zu der verbrecherischen That.
Mit der zurückkehrenden Gesundheit wuchs auch Leontinens Sehnsucht nach
einem Wiedersehen mit dem Geliebten, und wenn sie allein war, prüfte
sie die Kraft ihrer Glieder, ob sie wohl schon wieder im Stande wäre,
einen Ritt zu unternehmen, fürchtete nur, daß ihre Mutter dies noch
nicht gestatten würde. So lange sie das Zimmer hüten mußte, forschte
sie mit ängstlicher Wißbegierde nach allen Vorgängen auf der Burg
und nach eingelaufenen Nachrichten und erfuhr von Dimot, daß Isinger
in rastloser Thätigkeit mit Instandsetzung von Waffen und Rüstzeug
beschäftigt war und daß von Schlettstadt her große Vorräthe von
Lebensmitteln in die Burg eingeführt wurden, man sich also auf eine
Belagerung einzurichten schien.
Diese Mittheilungen erfüllten Leontinen mit schweren Sorgen, und
sie dachte dabei weniger an die Gefahren, denen die Ihrigen und
sie selber ausgesetzt waren, als an Egenolf, den sie in heftigem
Widerstreit zwischen Sohnes- und Ritterpflicht einerseits und den
Gefühlen seines Herzens andererseits glaubte. Sie liebte ihn mit einer
tiefen Leidenschaft, die sie jedoch so zu zügeln wußte, daß man ihr
nichts von der Gluth in ihrem Innern anmerkte. Durch die ihr zu Theil
gewordene Erziehung hatte sie Selbstbeherrschung gelernt, und nur in
seltenen Fällen riß sie das heiße Blut, das in ihren Adern rollte,
zu einer rasch aufwallenden Erregung hin, dann aber auch mit einer
ursprünglichen Naturkraft, die ihr Niemand zutraute, der sie nicht
näher kannte. Für gewöhnlich trugen ihre edel geformten Züge den
Ausdruck einer kühlen, fast hoheitlichen Ruhe, und ihre Art zu sprechen
und sich zu bewegen hatte meist etwas Zurückhaltendes und Maßvolles.
Sie war wie in ihrer schönen, stattlichen Erscheinung so auch in ihrem
vornehmen Auftreten und Gebaren das getreue Ebenbild ihrer Mutter, die
bei aller Entschiedenheit ihres zuweilen etwas spröden Wesens sich
niemals gehen ließ und deren stolzer Sinn mit einer ihr angeborenen
bestrickenden Anmuth umhüllt war.
Auf der Hohkönigsburg waren jetzt unruhige Tage. Graf Oswald wartete
beinahe mit Ungeduld auf die förmliche Absage seiner Gegner, der
Rappoltsteiner und Rathsamhausen und ihrer Freunde, denn die
Ungewißheit, in der er über ihre Absichten schwebte, war ihm ein schier
unerträglicher Zustand. Er fürchtete sich vor ihrem Angriff nicht, denn
in seiner überaus festen Burg, die mit allem Nöthigen zu Schutz und
Trutz, mit Wehr und Waffen und mit Nahrungsmitteln für die bedeutend
verstärkte Besatzung reichlich versehen war und auch einen Brunnen mit
gutem Trinkwasser besaß, fühlte er sich ziemlich sicher und konnte auch
eine längere Belagerung darin aushalten. Und doch wünschte er in seines
Herzens Grund, den Kampf vermeiden zu können. Er selber konnte ihn
nicht verhindern, konnte seinen Feinden nicht mit Friedensvorschlägen
kommen, ehe der Friede gekündigt oder gebrochen war. Wenn man ihm aber
eine Brücke zu einem Rückzuge mit Ehren baute, würde er nicht lange
zögern, sie zu beschreiten.
Er saß und stöberte wieder einmal in alten pergamentenen Urkunden,
Schutz- und Lehnsbriefen, an denen große Siegel in hölzernen Kapseln
hingen. Sie gehörten zu dem landvogteilichen Archiv und handelten von
Gerechtsamkeiten und Privilegien, von Obliegenheiten und Abgaben der
einzelnen Herrschaften, Städte und Klöster, über die sich der Graf
genau unterrichten wollte.
Wie erstaunt war er nun, als ihm während dieser Beschäftigung eines
Morgens die Ankunft des Grafen Egenolf von Rappoltstein gemeldet wurde,
der ihn um eine Unterredung unter vier Augen bitten ließ. Sofort fiel
ihm der ebenso überraschende Besuch Bruno's von Rathsamhausen ein, aber
diesmal verirrte er sich nicht wieder zu dem absonderlichen Gedanken,
daß ihm der Sohn die Absage des Vaters bringen könnte, wenngleich
Egenolfs Einritt in die Hohkönigsburg mindestens so auffällig und
räthselhaft war wie damals der von Bruno. Den Rathsamhausen hatte
die Sorge um seinen herzschlächtigen Rappen hergetrieben; was mag
nun, mitten in den Vorbereitungen, einander aufs Blut zu befehden,
den Rappoltstein herführen, fragte er sich, vielleicht auch so eine
lächerliche Geschichte, auf die ein vernünftiger Mensch nicht im Traume
kommt.
Egenolf trat ein und erschien in einer ungewöhnlich reichen Gewandung
und mit einer ungewöhnlich feierlichen Miene, was den Grafen Oswald
allerdings stutzen machte. Der Letztere forderte den Gast auf, Platz zu
nehmen, und sah ihm gespannt, was sich da wohl entwickeln würde, ins
Gesicht.
»Herr Graf,« begann Egenolf, »Ihr werdet von mir etwas so Unerwartetes
hören, wie Ihr es Euch gar nicht denken könnt. Ich komme, und zwar,
wie ich vorausbemerken will, nicht ohne Wissen und Genehmigung meines
Vaters, um mir von Euch die Hand Eurer Tochter Gräfin Leontine zu
erbitten.«
Wäre der gewaltige Bergfried Hohrappoltsteins von da drüben durch die
Luft herangeschwebt gekommen, so hätte Graf Oswald nicht in größere
Verwunderung darüber gerathen können als über die aus Egenolfs Munde
vernommenen Worte. Er konnte es gar nicht fassen; verwirrt und stockend
sprach er: »Verzeiht, Herr Graf, -- ich weiß nicht, -- ich glaube
verstanden zu haben, daß Ihr mich um die Hand meiner Tochter bittet.«
»Ganz recht, Herr Graf! so lautete meine Bitte.«
»Ja, aber -- ich begreife nicht, -- Ihr sagtet, Ihr kämet mit Wissen
und Genehmigung Eures Vaters.«
»So ist es, Herr Graf,« sprach Egenolf. »Ich sagte Euch aber auch, daß
Ihr etwas ganz Unerwartetes von mir hören würdet.«
»Ja ja, aber das Gehörte übersteigt doch beinahe die Grenzen der
Glaubhaftigkeit und Möglichkeit. Es wird Euch doch bekannt sein, daß
in Folge meines Streites mit Herrn Burkhard von Rathsamhausen auch
zwischen Eurem Vater und mir mit gezücktem Schwerte der böse Geist der
Fehde steht.«
»Ich weiß es wohl, aber welcher böse Geist wäre nicht zu bannen!«
»Wie meint Ihr das?« frug Oswald aufhorchend.
»Herr Graf,« erwiederte Egenolf, »ich habe keine Vollmacht, Euch etwas
Anderes mitzutheilen als meine eigene Bitte um die Hand Eurer Tochter.«
»Graf Egenolf,« sprach Oswald nach einem kurzen Schweigen, »gebt mir
auf eine offene Frage eine offene Antwort! Haltet Ihr eine friedliche
Einigung zwischen Eurem Vater und mir für möglich?«
»Ja!«
»Würde sich Euer Vater zu einer Unterredung mit mir verstehen?«
»Wenn Ihr ihn darum ersuchtet, so zweifle ich nicht daran, aber --
versprechen kann ich nichts.«
»So! versprechen könnt Ihr nichts. -- Weiß meine Tochter von Eurer
Liebe zu ihr?«
»Ja, Herr Graf! wir haben den Bund der Herzen geschlossen und uns Lieb
und Treu gelobt für Zeit und Ewigkeit,« erwiederte Egenolf mit festem
Ton und freiem Blick.
»Hm! auf den Gedanken wäre ich nie gekommen.« Graf Oswald sann nach,
und sein scharfer Verstand rechnete schnell: Egenolf weiß mehr, als er
sagen will. Er hält eine Einigung für möglich, das heißt soviel wie
Schmasman wünscht sie. Damit ist die Brücke geschlagen, aber zu einem
Rückzuge werde ich sie nicht beschreiten.
Er erhob sich und sprach: »Herr Graf, bei Vergebung der Hand einer
Tochter hat die Mutter ein Wort mitzureden. Verzeiht eine kleine Weile,
ich möchte mit der Gräfin sprechen.« Darauf ging er hinaus und ließ
Egenolf allein.
Auch Egenolf hatte sich erhoben und des Grafen leichte Verbeugung
erwiedert. Ihm war getrost und froh zu Muthe, denn es war ihm nicht
entgangen, wie beifällig Oswald die zugegebene Möglichkeit einer
Einigung mit seinem Vater aufgenommen hatte.
Er trat an eines der Fenster und schaute über das Ried hinaus in
die Ferne, nach dem Kaiserstuhlgebirge und den massigen Höhen des
Schwarzwaldes. Bei der völlig klaren Herbstluft waren heute sogar
die Alpen sichtbar, die sich mit ihren schneeigen Häuptern wie eine
lange, silberhelle Wand am Horizont von Osten nach Westen dehnten und
ihre ragenden Schroffen und Spitzen deutlich erkennen ließen. Diesen
heiteren, sich nur selten in solcher Schönheit darbietenden Anblick
nahm sich Egenolf zum guten Zeichen. --
Graf Oswald, der Mühe gehabt hatte, seine Freude über die ihn im
höchsten Grade überraschende Werbung Egenolfs und die sich für ihn
selbst daran knüpfenden Hoffnungen vor seinem Gaste zu verhehlen,
bedurfte einer Spanne Zeit zur Sammlung und Überlegung, und es drängte
ihn, seiner Gemahlin von dem erstaunlichen Ereigniß Mittheilung zu
machen.
In großer Erregung trat er bei ihr ein mit den hervorgesprudelten
Worten: »Margarethe, denke Dir, wer oben bei mir ist! -- Graf Egenolf
von Rappoltstein. Und was will er? -- er wirbt um die Hand Leontinens.«
»Oswald! -- wie ist das möglich?« rief die Gräfin, von ihrem Sitz
emporschnellend.
»Ich wußte selber nicht, wie mir geschah, als er damit herausrückte,«
erwiederte der Graf. »Und was das Beste dabei ist, er kommt mit Wissen
und Genehmigung seines Vaters.«
»Eine Siegesbotschaft, Oswald!« frohlockte Margarethe.
»Nicht wahr?«
»Was hast Du ihm geantwortet?«
»Vorläufig weiter nichts, als daß ich über die Hand der Tochter
nicht ohne die Zustimmung ihrer Mutter verfügen könnte. In der
ausgesprochenen Absicht, mich mit Dir zu berathen, verließ ich ihn. Was
thun wir nun? ich gedenke vorsichtig und zurückhaltend zu sein.«
»Ja, das wohl, aber nicht abweisend,« sprach die Gräfin. »Du stellst
Deine Bedingungen, vor deren Annahme von einer Heirath keine Rede sein
kann. Zunächst verlangst Du die Bundesgenossenschaft seines Vaters, des
Grafen Maximin, gegen den Rathsamhausen.«
»Selbstverständlich!« nickte Oswald.
»Sodann,« fuhr Margarethe fort, »beharrst Du bei den oder erhöhst noch
die Forderungen, die Du sowohl zur Durchführung Deiner Pläne wie zur
Befestigung Deiner Machtstellung für nöthig erachtest.«
»Noch erhöhen? Margarethe, spannen wir den Bogen nicht allzu straff!«
»Nur nicht schüchtern und blöde jetzt!« rief sie entschlossen. »Eine so
gute Gelegenheit, Dich und Deinen Willen durchzusetzen, kommt Dir nicht
wieder.«
»Gewiß nicht,« gab Oswald zu. »Aber mit dem jungen Grafen kann ich über
diese Dinge nicht verhandeln.«
»Mit ihm verhandeln sollst Du auch nicht,« erwiederte sie, »sondern
ihm nur sagen, daß ohne vorhergehende Einigung zwischen Dir und seinem
Vater an eine Verbindung mit uns nicht zu denken wäre. Dann höre, was
er darauf antwortet. Vielleicht bringt er schon Vorschläge dazu mit.«
»Er hat keine Vollmacht von seinem Vater zu irgend welchen
Versprechungen.«
»Nun, er kommt doch mit dessen Genehmigung; also wird er Dir, wenn auch
nicht feste Versprechen, so doch wohl gewisse Anerbietungen zu machen
haben,« meinte die Gräfin. »Wie weit ist er mit Leontinen?«
»Ein Herz und eine Seele!« lachte der Graf.
»Wirklich?« sprach Margarethe mit hell blinkenden Augen und einem
frohen Lächeln, das ihr Antlitz wie Sonnenschein beglänzte. »O ich
freue mich ihres Glückes, und wir haben Schmasman gegenüber mit unserer
Einwilligung ein Pfand in den Händen, das wir nicht unter seinem Werthe
weggeben dürfen.«
»Darin stimme ich Dir vollkommen bei,« erwiederte Oswald, »aber gerade
Leontinens wegen darf ich keine übertriebenen Forderungen stellen, denn
wenn die Verhandlungen mit Schmasman fehlschlügen, ginge damit auch das
Glück unserer einzigen Tochter in die Brüche.«
»Sie werden nicht fehlschlagen,« entgegnete Margarethe lebhaft.
»Egenolf wird für seine Liebe Himmel und Hölle in Bewegung setzen,
zwischen Dir und seinem Vater Eintracht zu stiften. Tritt nur fest und
entschieden auf und gieb nicht zu früh nach, damit wir Zeit gewinnen.«
»Weißt Du was?« sagte der Graf, »komm mit mir hinauf zu ihm und höre
selber, wie er meine Entscheidung aufnimmt.«
»Ja, das will ich thun,« sprach Margarethe, und sie gingen beide. --
Egenolf war in wachsender Ungeduld das Zimmer oben auf- und
abgeschritten und stand wieder am Fenster, mehr in seine
hoffnungsvollen Gedanken als in den Anblick des großartigen
Landschaftsbildes vertieft, als die Thüre klang. Schnell wandte er
sich um, und ein heller Schimmer glitt über sein Antlitz, als er in
Begleitung des eintretenden Grafen dessen Gemahlin erblickte, die er,
ihr die Hand küssend, mit ritterlicher Höflichkeit begrüßte.
Graf Oswald begann sofort mit verbindlichem, aber ernstem Tone: »Wir
kommen, Herr Graf, um Euch auf Euren ehrenwerthen Antrag den Bescheid
zu bringen, daß Ihr uns als Eidam herzlich willkommen wäret und wir
Euch mit Freuden unsere Tochter als Ehgemahl anvertrauen würden, wenn
die Verhältnisse anders lägen, als es leider der Fall ist. Daher
kann ich Eure Werbung nur annehmen, wenn ich die sichere Bürgschaft
erhalte, daß ich in dem mir bevorstehenden Kampfe mit Herrn Burkhard
von Rathsamhausen und seinen Freunden Euren Vater als Bundsgenossen an
meiner Seite haben werde. Könnt Ihr mir diese Bürgschaft auf Manneswort
geben?«
»Nein, Herr Graf, das kann ich nicht,« erwiederte Egenolf betroffen.
»Dann bedaure ich aufrichtig, Euren Antrag ablehnen zu müssen,« sprach
Oswald. »Ihr werdet selber einsehen, daß ich nicht anders kann,« fuhr
er fort, als Egenolf schwieg. »Ich kann die Hand meiner Tochter nicht
dem Sohne meines Feindes geben.«
Da raffte sich Egenolf aus seiner tiefen Bestürzung zu der Entgegnung
auf: »Mein Vater ist in einigen Punkten Euer Gegner, aber nicht unter
allen Umständen Euer Feind, Herr Graf. Ich sagte Euch bereits auf Eure
Frage, daß ich eine Einigung zwischen Euch und ihm für möglich hielte.«
»Die bloße Möglichkeit genügt mir nicht, ich muß Gewißheit darüber
haben, wenn ich Euren Herzenswunsch erfüllen soll,« erklärte Graf
Oswald.
»Ihr weist mich also mit meiner Werbung ab?« sprach Egenolf erregt.
»Auch Ihr, Frau Gräfin?« wandte er sich zu dieser.
Margarethe zuckte mit den Achseln und erwiederte: »Ich kann meinem
Gemahl nicht Unrecht geben, Herr Graf, so sehr ich auch meinerseits
bedaure, Euch unter den obwaltenden Verhältnissen nicht zu Eurem Glücke
verhelfen zu können.«
Egenolf starrte finster vor sich hin und schwieg.
»Habt Ihr mir einen Auftrag an meinen Vater mitzugeben, Herr Graf?«
frug er dann, noch in der Hoffnung auf einiges Entgegenkommen seitens
des Grafen von Thierstein.
Aber Oswald antwortete: »Einen Auftrag? ich wüßte nicht, welchen, Herr
Graf. Ich habe dem, was ich Euch kund that, nichts hinzuzufügen.«
Das ist der Abschied, sagte sich Egenolf, es fehlt bloß noch: da ist
die Thür! Herb und trocken sprach er: »So habe ich hier nichts mehr zu
suchen.«
Da zog Oswald unwillkürlich die Brauen hoch wie Jemand, der erstaunt
oder erschrickt, und Margarethe machte eine Bewegung, als wollte sie
vortreten und sich einmischen.
Doch Egenolf fuhr fort, erst ruhig, dann allmählich lauter und erregter
werdend: »Ich gehe mit schwerem Herzen, Herr Graf, und nehme nichts mit
als eine schmerzliche Enttäuschung. Damit Ihr aber wißt, wie Ihr mit
mir daran seid, erkläre ich Euch hiermit: ob Fehde oder Friede wird,
von Leontinen lasse ich nicht, so lange ich das Leben habe, und werde
Euch immer wieder und wieder um sie bitten, bis Ihr sie mir gebt, und
thut Ihr das nicht, so komme ich und hole sie mir.«
Ehe Graf Oswald auf diese in einem trotzigen, fast drohenden Tone
gesprochenen Worte etwas erwiedern konnte, flog die Thür auf, und
hastig, mit heißrothen Wangen trat Leontine herein.
»Ihr habt mich nicht gerufen, aber ich weiß, was hier vorgeht,«
stieß sie, fast athemlos vom schnellen Treppensteigen, hervor. »Eine
Lauscherin an der Thür hat es mir hinterbracht, und wenn über mein
Schicksal beschlossen wird, will ich dabei sein.« Mit geschwinden
Schritten war sie an Egenolfs Seite, ergriff seine Hand und fuhr
erhobenen Hauptes und mit erhobener Stimme fort: »Vater und Mutter,
hier stehe ich neben dem, bei dem ich immer und allwege stehen werde
und der mein Herr und Gemahl wird oder sonst Keiner. Ihr könnt mich
von seiner Seite reißen, könnt mich auf der Hohkönigsburg einsperren,
daß ich ihn niemals wiedersehe, aber meine Liebe könnt ihr mir nicht
nehmen; die habe ich ihm geschworen, die gehört ihm und bleibt ihm bis
zu meinem letzten Athemzuge.« Erregt und erschöpft lehnte sie sich
hingebend an Egenolf und schmiegte das Haupt an seine Schulter, der sie
mit dem Arm umfing, während ihm das Herz in Freuden klopfte.
Graf und Gräfin waren bei diesem leidenschaftlichen Austritt sprachlos.
Margarethe blickte mit innigem Stolz auf ihre muthige Tochter.
»Leontine,« begann Oswald, nachdem er sich gefaßt hatte, »Du weißt
nicht, was die Familien Rappoltstein und Thierstein von einander trennt
und scheidet.«
»O ich weiß es wohl, Vater!« fuhr sie auf, »diese unglückselige Fehde,
die vermieden werden könnte, wenn auf beiden Seiten der gute Wille dazu
vorhanden wäre. Egenolf, ich frage Dich: glaubst Du nicht, daß Dein
Vater den guten Willen dazu hat?«
»Ich bin fest davon überzeugt, Leontine,« erwiederte Egenolf.
»Und Ihr, Vater? habt Ihr ihn nicht? auch nicht mir zu Liebe?« kam es
von Leontinens bebenden Lippen.
»So rasch glaube ich an Eures Vaters guten Willen nicht,« sprach
Oswald, als hätte er die an ihn gerichtete Frage Leontinens nicht
gehört. »Er weiß, daß Ihr hier seid und warum Ihr hier seid, aber
keinen Gruß, keinen Wink, nicht ein Wort hat er Euch mitgegeben, aus
dem ich auf seinen guten Willen zur Einigung mit mir schließen könnte.«
»Und dennoch ist es mir außer allem Zweifel, daß er den aufrichtigen
Wunsch hat, mit Euch Frieden zu halten,« fiel Egenolf ein.
»So mag er es mich wissen lassen! Ich bin es, der hier um etwas
gebeten, von dem etwas verlangt wird, und zwar nicht mehr und nicht
weniger als die Hergabe meiner einzigen Tochter. Warum soll nun ich den
ersten Schritt thun und Eurem Vater die Hand entgegenstrecken ohne zu
wissen, ob sie von ihm angenommen wird?«
»Vater,« rief Leontine, »schickt mich zum Grafen Maximin! ich bringe
Euch den Frieden zurück, oder Ihr seht mich nicht wieder!«
Da konnte sich Margarethe nicht länger halten. Aus unwiderstehlichem
Drang stürzte sie auf Leontinen zu, umhalste und küßte sie. »Recht so,
mein Kind!« schluchzte, jauchzte sie, »aber nicht Du, nicht Du! Der da
wird für eure Liebe eintreten, wie er kann und vermag.« Im Tiefsten
ergriffen und bewegt, bereute sie in diesem Augenblick, ihren Gemahl
zum zähen Festhalten Schmasman gegenüber noch aufgestachelt zu haben,
und war jetzt selber zu jedem Opfer für das Glück ihres Kindes bereit.
»Und Du, Oswald,« wandte sie sich an den Grafen, »sieh Dir die Beiden
hier an und sprich ein Wort, wie Dir ums Herz ist!«
Graf Oswald stand und blickte vom einen zum andern von den Dreien,
unschlüssig und mit sich kämpfend. Endlich fing er an: »Wohlan, Graf
Egenolf! so höret mein letztes Wort, das ich Euch zu sagen habe. Ich
will Euch meine Tochter geben unter der Bedingung, daß zwischen Eurem
Vater und mir nach vorausgegangener Verständigung über alle streitigen
Punkte Friede bleibt und Freundschaft wird.«
»Die Bedingung nehme ich an, Herr Graf!« rief Egenolf aufathmend und
schlug kräftig in Oswalds dargebotene Hand.
»Vater! Vater!« jubelte Leontine und umschlang ihn stürmisch.
Oswald befreite sich sanft von ihr und sprach: »Nun gehet hin zu Eurem
Vater, Graf Egenolf, sagt ihm Alles, was wir hier gesprochen haben, und
bittet ihn, mir seine Vorschläge zu machen.«
Egenolf sah den Grafen an, als wollte er in dessen Seele lesen, ehe
er mit dem herauskam, was ihm auf der Zunge schwebte. Dann begann
er: »Herr Graf, zunächst erlaubt mir selber einen Vorschlag. Wenn es
Euch und der Frau Gräfin genehm ist, so reite ich schnell nach der
Ulrichsburg und komme gleich wieder zurück -- mit meinen Eltern. Eure
Verständigung könnte ja hier und heute noch erfolgen.«
Graf Oswald stutzte. »Heute noch? so eilig? da ist doch vorher noch
manches zu bedenken und zu erwägen --«
Die Gräfin unterbrach ihn: »Ja, ja, so soll es geschehen. Berathen und
erwägen könnt ihr beiden Herren auch hier. Der Vorschlag ist gut; führt
ihn aus, Graf Egenolf!«
Leontine aber legte ihren Arm in den des Geliebten, und mit einem
flehentlichen Blick zu ihm aufsehend sprach sie: »Egenolf, ich möchte
Dich heute nicht von mir lassen. Könnten wir Deinen Eltern nicht
Botschaft senden mit der Bitte, gleich heraufzukommen?«
»Ja, das können wir, und das wollen wir,« rief Egenolf. »Du hast doch
den klügsten Gedanken.«
»Glaubt Ihr, daß sie daraufhin kommen werden?« frug Oswald.
»Ich hoffe es zuversichtlich,« erwiederte Egenolf. »Ich schreibe ein
paar Zeilen an meinen Vater, daß Ihr eine offene Aussprache mit ihm
wünschtet.«
»Daß ich sie wünschte, wäre wohl etwas zuviel gesagt,« wandte Graf
Oswald ein. »Daß ich dazu bereit, nicht abgeneigt wäre, scheint mir
richtiger ausgedrückt.«
»Überlaßt mir die Fassung der Worte, Herr Graf,« bat Egenolf, »sie
sollen Euch zu nichts verpflichten.«
»Nun gut! dort auf meinem Tische findet Ihr Schreibgeräth; inzwischen
lasse ich Isinger rufen.« Oswald schlug mit dem Waidmesser an eine
helltönende metallene Schale und befahl dem eintretenden Diener, den
Stallmeister herzubescheiden.
Als Egenolf geschrieben hatte, stand er auf und sagte mit einer
einladenden Handbewegung: »Wollt nicht auch Ihr, Herr Graf --?«
»Ich?« sprach Oswald, »Eure Bitte bedarf wohl keiner Unterstützung
meinerseits.«
»Das nicht, aber es würde meinen Vater doch freuen --«
Oswald zögerte noch. Er überlegte: vergebe ich mir damit nichts? --
nein, er kommt zu mir, ich nicht zu ihm. Dann beugte er sich auf den
Tisch und schrieb stehend mit raschem Federzuge nur die Worte:
~Reconciliemus nos!~
~O. v. T.~
»Ist noch Platz für eine Zeile von mir an Deine Mutter?« fragte
Leontine schelmisch.
»Gewiß!« lächelte Egenolf, »komm her!«
Sie setzte sich schnell und schrieb, litt aber nicht, daß Jemand las,
was sie geschrieben hatte.
Graf Oswald faltete das Schreiben und versiegelte es.
Isinger erschien, und als er Egenolf mit Leontinen Hand in Hand bei
einander stehen sah, begriff er sofort, und ein verschmitztes Lächeln
glitt über seine gebräunten Züge. Graf Oswald gebot ihm: »Herni
soll gleich nach der Sanct Ulrichsburg reiten und dem Herrn Grafen
Maximin von Rappoltstein diesen Brief überbringen. Wir erwarten die
Herrschaften hier so bald wie möglich.«
Isinger, das Schreiben nehmend, verbeugte sich stumm und ging. Im
Stallhof trieb er Herni zur größten Eile, gab ihm noch ein zweites
gesatteltes Pferd mit und sagte: »Auf diesem frommen Gaul bringst Du
mir den Hans Loder mit herauf und bestellst ihm, es gäbe heut einen
guten Trunk hier oben. Aber reit zu!«
Das Mittagsmahl ward ein paar Stunden später angesetzt, so daß der
Koch Zeit genug zur Ausführung des Befehles hatte, es ja recht sorgsam
vorzubereiten und zwei oder drei auserlesene Gänge einzuschieben.
Das gesammte Burggesinde gerieth in einen freudigen Aufruhr, als die
Veranlassung dazu unter ihm ruchbar wurde. Dimot tanzte vor Vergnügen
und machte prahlerische Andeutungen, als hätte nur ihre einflußreiche
Vermittlung den geschlossenen Herzensbund zu Stande gebracht.
Auf Oswalds Einladung erschienen nun Graf Wilhelm und Gräfin Katharina
bei ihren Geschwistern. »Sieh mal hier, Wilhelm!« rief Oswald seinem
Bruder zu, »wir haben schon einen Gefangenen gemacht.«
»Gefangen in diesen holden Banden,« lächelte Egenolf und schritt mit
Leontinen auf das gräfliche Paar zu.
»Das begreife, wer kann!« sagte Graf Wilhelm, »ich verstehe kein Wort
davon. Es scheint, daß man sich auf der Hohkönigsburg an Überraschungen
gewöhnen muß.«
»Die nächste Überraschung für Dich wird wohl die sein,« erwiederte
Oswald, »daß wir den Grafen Maximin von Rappoltstein mit den Seinigen
hier erwarten. Ihr müßt euch deßhalb mit dem Mittagsmahl noch etwas
gedulden.«
»Nun, wenn es sich nachher der Mühe verlohnt, will ich gern noch fasten
und mich kasteien,« lachte Wilhelm.
Oswald nahm ihn bei Seite und gab ihm die nöthigen Aufklärungen, die
Wilhelm mit sichtlicher Befriedigung anzuhören schien.
Die Zeit des Wartens, die Allen länger däuchte als sie war, weil nach
ihrem Ablauf mehr als eine wichtige Entscheidung getroffen werden
sollte, suchte man sich durch eine etwas gezwungene Unterhaltung über
gleichgültige Dinge zu vertreiben ohne mit einem Worte den Vorgang zu
berühren, der sich in der eben verflossenen Stunde hier abgespielt
hatte. Man that so, als wäre Egenolf nur ein zufällig anwesender Gast
und nichts weiter.
Es wirkte daher wie eine Erlösung, als endlich die Ankunft der
Rappoltsteiner gemeldet wurde. Oswald eilte zum Empfange der
Hochwillkommenen die Wendeltreppe in den inneren Burghof hinab.