XIX.

Leontine war von ihrem Übelbefinden fast völlig wieder genesen, und

Niemand außer Dimot konnte sich dessen Ursache erklären. Nur dem

heilkundigen Mönch von St. Pilt mußte der Verdacht einer Vergiftung

aufgestiegen sein, denn Pater Eusebius fragte genau nach Allem, was die

so plötzlich Erkrankte in den letzten Tagen genossen und ob sie etwa

im Walde Beeren gegessen hätte, die ihr möglicherweise geschadet haben

konnten, was sie jedoch verneinte. Dimot pflegte sie mit hingebender

Sorgfalt und ließ es sich nicht nehmen, Nachts bei ihr zu wachen,

was zwar nicht von Nöthen war, ihr jedoch sowohl von Leontinen wie

von Gräfin Margarethe hoch angerechnet wurde. Sie machte sich die

bittersten Vorwürfe, daß sie der Zigeunerin getraut hatte, und ahnte

nun auch deren Beweggrund zu der verbrecherischen That.

Mit der zurückkehrenden Gesundheit wuchs auch Leontinens Sehnsucht nach

einem Wiedersehen mit dem Geliebten, und wenn sie allein war, prüfte

sie die Kraft ihrer Glieder, ob sie wohl schon wieder im Stande wäre,

einen Ritt zu unternehmen, fürchtete nur, daß ihre Mutter dies noch

nicht gestatten würde. So lange sie das Zimmer hüten mußte, forschte

sie mit ängstlicher Wißbegierde nach allen Vorgängen auf der Burg

und nach eingelaufenen Nachrichten und erfuhr von Dimot, daß Isinger

in rastloser Thätigkeit mit Instandsetzung von Waffen und Rüstzeug

beschäftigt war und daß von Schlettstadt her große Vorräthe von

Lebensmitteln in die Burg eingeführt wurden, man sich also auf eine

Belagerung einzurichten schien.

Diese Mittheilungen erfüllten Leontinen mit schweren Sorgen, und

sie dachte dabei weniger an die Gefahren, denen die Ihrigen und

sie selber ausgesetzt waren, als an Egenolf, den sie in heftigem

Widerstreit zwischen Sohnes- und Ritterpflicht einerseits und den

Gefühlen seines Herzens andererseits glaubte. Sie liebte ihn mit einer

tiefen Leidenschaft, die sie jedoch so zu zügeln wußte, daß man ihr

nichts von der Gluth in ihrem Innern anmerkte. Durch die ihr zu Theil

gewordene Erziehung hatte sie Selbstbeherrschung gelernt, und nur in

seltenen Fällen riß sie das heiße Blut, das in ihren Adern rollte,

zu einer rasch aufwallenden Erregung hin, dann aber auch mit einer

ursprünglichen Naturkraft, die ihr Niemand zutraute, der sie nicht

näher kannte. Für gewöhnlich trugen ihre edel geformten Züge den

Ausdruck einer kühlen, fast hoheitlichen Ruhe, und ihre Art zu sprechen

und sich zu bewegen hatte meist etwas Zurückhaltendes und Maßvolles.

Sie war wie in ihrer schönen, stattlichen Erscheinung so auch in ihrem

vornehmen Auftreten und Gebaren das getreue Ebenbild ihrer Mutter, die

bei aller Entschiedenheit ihres zuweilen etwas spröden Wesens sich

niemals gehen ließ und deren stolzer Sinn mit einer ihr angeborenen

bestrickenden Anmuth umhüllt war.

Auf der Hohkönigsburg waren jetzt unruhige Tage. Graf Oswald wartete

beinahe mit Ungeduld auf die förmliche Absage seiner Gegner, der

Rappoltsteiner und Rathsamhausen und ihrer Freunde, denn die

Ungewißheit, in der er über ihre Absichten schwebte, war ihm ein schier

unerträglicher Zustand. Er fürchtete sich vor ihrem Angriff nicht, denn

in seiner überaus festen Burg, die mit allem Nöthigen zu Schutz und

Trutz, mit Wehr und Waffen und mit Nahrungsmitteln für die bedeutend

verstärkte Besatzung reichlich versehen war und auch einen Brunnen mit

gutem Trinkwasser besaß, fühlte er sich ziemlich sicher und konnte auch

eine längere Belagerung darin aushalten. Und doch wünschte er in seines

Herzens Grund, den Kampf vermeiden zu können. Er selber konnte ihn

nicht verhindern, konnte seinen Feinden nicht mit Friedensvorschlägen

kommen, ehe der Friede gekündigt oder gebrochen war. Wenn man ihm aber

eine Brücke zu einem Rückzuge mit Ehren baute, würde er nicht lange

zögern, sie zu beschreiten.

Er saß und stöberte wieder einmal in alten pergamentenen Urkunden,

Schutz- und Lehnsbriefen, an denen große Siegel in hölzernen Kapseln

hingen. Sie gehörten zu dem landvogteilichen Archiv und handelten von

Gerechtsamkeiten und Privilegien, von Obliegenheiten und Abgaben der

einzelnen Herrschaften, Städte und Klöster, über die sich der Graf

genau unterrichten wollte.

Wie erstaunt war er nun, als ihm während dieser Beschäftigung eines

Morgens die Ankunft des Grafen Egenolf von Rappoltstein gemeldet wurde,

der ihn um eine Unterredung unter vier Augen bitten ließ. Sofort fiel

ihm der ebenso überraschende Besuch Bruno's von Rathsamhausen ein, aber

diesmal verirrte er sich nicht wieder zu dem absonderlichen Gedanken,

daß ihm der Sohn die Absage des Vaters bringen könnte, wenngleich

Egenolfs Einritt in die Hohkönigsburg mindestens so auffällig und

räthselhaft war wie damals der von Bruno. Den Rathsamhausen hatte

die Sorge um seinen herzschlächtigen Rappen hergetrieben; was mag

nun, mitten in den Vorbereitungen, einander aufs Blut zu befehden,

den Rappoltstein herführen, fragte er sich, vielleicht auch so eine

lächerliche Geschichte, auf die ein vernünftiger Mensch nicht im Traume

kommt.

Egenolf trat ein und erschien in einer ungewöhnlich reichen Gewandung

und mit einer ungewöhnlich feierlichen Miene, was den Grafen Oswald

allerdings stutzen machte. Der Letztere forderte den Gast auf, Platz zu

nehmen, und sah ihm gespannt, was sich da wohl entwickeln würde, ins

Gesicht.

»Herr Graf,« begann Egenolf, »Ihr werdet von mir etwas so Unerwartetes

hören, wie Ihr es Euch gar nicht denken könnt. Ich komme, und zwar,

wie ich vorausbemerken will, nicht ohne Wissen und Genehmigung meines

Vaters, um mir von Euch die Hand Eurer Tochter Gräfin Leontine zu

erbitten.«

Wäre der gewaltige Bergfried Hohrappoltsteins von da drüben durch die

Luft herangeschwebt gekommen, so hätte Graf Oswald nicht in größere

Verwunderung darüber gerathen können als über die aus Egenolfs Munde

vernommenen Worte. Er konnte es gar nicht fassen; verwirrt und stockend

sprach er: »Verzeiht, Herr Graf, -- ich weiß nicht, -- ich glaube

verstanden zu haben, daß Ihr mich um die Hand meiner Tochter bittet.«

»Ganz recht, Herr Graf! so lautete meine Bitte.«

»Ja, aber -- ich begreife nicht, -- Ihr sagtet, Ihr kämet mit Wissen

und Genehmigung Eures Vaters.«

»So ist es, Herr Graf,« sprach Egenolf. »Ich sagte Euch aber auch, daß

Ihr etwas ganz Unerwartetes von mir hören würdet.«

»Ja ja, aber das Gehörte übersteigt doch beinahe die Grenzen der

Glaubhaftigkeit und Möglichkeit. Es wird Euch doch bekannt sein, daß

in Folge meines Streites mit Herrn Burkhard von Rathsamhausen auch

zwischen Eurem Vater und mir mit gezücktem Schwerte der böse Geist der

Fehde steht.«

»Ich weiß es wohl, aber welcher böse Geist wäre nicht zu bannen!«

»Wie meint Ihr das?« frug Oswald aufhorchend.

»Herr Graf,« erwiederte Egenolf, »ich habe keine Vollmacht, Euch etwas

Anderes mitzutheilen als meine eigene Bitte um die Hand Eurer Tochter.«

»Graf Egenolf,« sprach Oswald nach einem kurzen Schweigen, »gebt mir

auf eine offene Frage eine offene Antwort! Haltet Ihr eine friedliche

Einigung zwischen Eurem Vater und mir für möglich?«

»Ja!«

»Würde sich Euer Vater zu einer Unterredung mit mir verstehen?«

»Wenn Ihr ihn darum ersuchtet, so zweifle ich nicht daran, aber --

versprechen kann ich nichts.«

»So! versprechen könnt Ihr nichts. -- Weiß meine Tochter von Eurer

Liebe zu ihr?«

»Ja, Herr Graf! wir haben den Bund der Herzen geschlossen und uns Lieb

und Treu gelobt für Zeit und Ewigkeit,« erwiederte Egenolf mit festem

Ton und freiem Blick.

»Hm! auf den Gedanken wäre ich nie gekommen.« Graf Oswald sann nach,

und sein scharfer Verstand rechnete schnell: Egenolf weiß mehr, als er

sagen will. Er hält eine Einigung für möglich, das heißt soviel wie

Schmasman wünscht sie. Damit ist die Brücke geschlagen, aber zu einem

Rückzuge werde ich sie nicht beschreiten.

Er erhob sich und sprach: »Herr Graf, bei Vergebung der Hand einer

Tochter hat die Mutter ein Wort mitzureden. Verzeiht eine kleine Weile,

ich möchte mit der Gräfin sprechen.« Darauf ging er hinaus und ließ

Egenolf allein.

Auch Egenolf hatte sich erhoben und des Grafen leichte Verbeugung

erwiedert. Ihm war getrost und froh zu Muthe, denn es war ihm nicht

entgangen, wie beifällig Oswald die zugegebene Möglichkeit einer

Einigung mit seinem Vater aufgenommen hatte.

Er trat an eines der Fenster und schaute über das Ried hinaus in

die Ferne, nach dem Kaiserstuhlgebirge und den massigen Höhen des

Schwarzwaldes. Bei der völlig klaren Herbstluft waren heute sogar

die Alpen sichtbar, die sich mit ihren schneeigen Häuptern wie eine

lange, silberhelle Wand am Horizont von Osten nach Westen dehnten und

ihre ragenden Schroffen und Spitzen deutlich erkennen ließen. Diesen

heiteren, sich nur selten in solcher Schönheit darbietenden Anblick

nahm sich Egenolf zum guten Zeichen. --

Graf Oswald, der Mühe gehabt hatte, seine Freude über die ihn im

höchsten Grade überraschende Werbung Egenolfs und die sich für ihn

selbst daran knüpfenden Hoffnungen vor seinem Gaste zu verhehlen,

bedurfte einer Spanne Zeit zur Sammlung und Überlegung, und es drängte

ihn, seiner Gemahlin von dem erstaunlichen Ereigniß Mittheilung zu

machen.

In großer Erregung trat er bei ihr ein mit den hervorgesprudelten

Worten: »Margarethe, denke Dir, wer oben bei mir ist! -- Graf Egenolf

von Rappoltstein. Und was will er? -- er wirbt um die Hand Leontinens.«

»Oswald! -- wie ist das möglich?« rief die Gräfin, von ihrem Sitz

emporschnellend.

»Ich wußte selber nicht, wie mir geschah, als er damit herausrückte,«

erwiederte der Graf. »Und was das Beste dabei ist, er kommt mit Wissen

und Genehmigung seines Vaters.«

»Eine Siegesbotschaft, Oswald!« frohlockte Margarethe.

»Nicht wahr?«

»Was hast Du ihm geantwortet?«

»Vorläufig weiter nichts, als daß ich über die Hand der Tochter

nicht ohne die Zustimmung ihrer Mutter verfügen könnte. In der

ausgesprochenen Absicht, mich mit Dir zu berathen, verließ ich ihn. Was

thun wir nun? ich gedenke vorsichtig und zurückhaltend zu sein.«

»Ja, das wohl, aber nicht abweisend,« sprach die Gräfin. »Du stellst

Deine Bedingungen, vor deren Annahme von einer Heirath keine Rede sein

kann. Zunächst verlangst Du die Bundesgenossenschaft seines Vaters, des

Grafen Maximin, gegen den Rathsamhausen.«

»Selbstverständlich!« nickte Oswald.

»Sodann,« fuhr Margarethe fort, »beharrst Du bei den oder erhöhst noch

die Forderungen, die Du sowohl zur Durchführung Deiner Pläne wie zur

Befestigung Deiner Machtstellung für nöthig erachtest.«

»Noch erhöhen? Margarethe, spannen wir den Bogen nicht allzu straff!«

»Nur nicht schüchtern und blöde jetzt!« rief sie entschlossen. »Eine so

gute Gelegenheit, Dich und Deinen Willen durchzusetzen, kommt Dir nicht

wieder.«

»Gewiß nicht,« gab Oswald zu. »Aber mit dem jungen Grafen kann ich über

diese Dinge nicht verhandeln.«

»Mit ihm verhandeln sollst Du auch nicht,« erwiederte sie, »sondern

ihm nur sagen, daß ohne vorhergehende Einigung zwischen Dir und seinem

Vater an eine Verbindung mit uns nicht zu denken wäre. Dann höre, was

er darauf antwortet. Vielleicht bringt er schon Vorschläge dazu mit.«

»Er hat keine Vollmacht von seinem Vater zu irgend welchen

Versprechungen.«

»Nun, er kommt doch mit dessen Genehmigung; also wird er Dir, wenn auch

nicht feste Versprechen, so doch wohl gewisse Anerbietungen zu machen

haben,« meinte die Gräfin. »Wie weit ist er mit Leontinen?«

»Ein Herz und eine Seele!« lachte der Graf.

»Wirklich?« sprach Margarethe mit hell blinkenden Augen und einem

frohen Lächeln, das ihr Antlitz wie Sonnenschein beglänzte. »O ich

freue mich ihres Glückes, und wir haben Schmasman gegenüber mit unserer

Einwilligung ein Pfand in den Händen, das wir nicht unter seinem Werthe

weggeben dürfen.«

»Darin stimme ich Dir vollkommen bei,« erwiederte Oswald, »aber gerade

Leontinens wegen darf ich keine übertriebenen Forderungen stellen, denn

wenn die Verhandlungen mit Schmasman fehlschlügen, ginge damit auch das

Glück unserer einzigen Tochter in die Brüche.«

»Sie werden nicht fehlschlagen,« entgegnete Margarethe lebhaft.

»Egenolf wird für seine Liebe Himmel und Hölle in Bewegung setzen,

zwischen Dir und seinem Vater Eintracht zu stiften. Tritt nur fest und

entschieden auf und gieb nicht zu früh nach, damit wir Zeit gewinnen.«

»Weißt Du was?« sagte der Graf, »komm mit mir hinauf zu ihm und höre

selber, wie er meine Entscheidung aufnimmt.«

»Ja, das will ich thun,« sprach Margarethe, und sie gingen beide. --

Egenolf war in wachsender Ungeduld das Zimmer oben auf- und

abgeschritten und stand wieder am Fenster, mehr in seine

hoffnungsvollen Gedanken als in den Anblick des großartigen

Landschaftsbildes vertieft, als die Thüre klang. Schnell wandte er

sich um, und ein heller Schimmer glitt über sein Antlitz, als er in

Begleitung des eintretenden Grafen dessen Gemahlin erblickte, die er,

ihr die Hand küssend, mit ritterlicher Höflichkeit begrüßte.

Graf Oswald begann sofort mit verbindlichem, aber ernstem Tone: »Wir

kommen, Herr Graf, um Euch auf Euren ehrenwerthen Antrag den Bescheid

zu bringen, daß Ihr uns als Eidam herzlich willkommen wäret und wir

Euch mit Freuden unsere Tochter als Ehgemahl anvertrauen würden, wenn

die Verhältnisse anders lägen, als es leider der Fall ist. Daher

kann ich Eure Werbung nur annehmen, wenn ich die sichere Bürgschaft

erhalte, daß ich in dem mir bevorstehenden Kampfe mit Herrn Burkhard

von Rathsamhausen und seinen Freunden Euren Vater als Bundsgenossen an

meiner Seite haben werde. Könnt Ihr mir diese Bürgschaft auf Manneswort

geben?«

»Nein, Herr Graf, das kann ich nicht,« erwiederte Egenolf betroffen.

»Dann bedaure ich aufrichtig, Euren Antrag ablehnen zu müssen,« sprach

Oswald. »Ihr werdet selber einsehen, daß ich nicht anders kann,« fuhr

er fort, als Egenolf schwieg. »Ich kann die Hand meiner Tochter nicht

dem Sohne meines Feindes geben.«

Da raffte sich Egenolf aus seiner tiefen Bestürzung zu der Entgegnung

auf: »Mein Vater ist in einigen Punkten Euer Gegner, aber nicht unter

allen Umständen Euer Feind, Herr Graf. Ich sagte Euch bereits auf Eure

Frage, daß ich eine Einigung zwischen Euch und ihm für möglich hielte.«

»Die bloße Möglichkeit genügt mir nicht, ich muß Gewißheit darüber

haben, wenn ich Euren Herzenswunsch erfüllen soll,« erklärte Graf

Oswald.

»Ihr weist mich also mit meiner Werbung ab?« sprach Egenolf erregt.

»Auch Ihr, Frau Gräfin?« wandte er sich zu dieser.

Margarethe zuckte mit den Achseln und erwiederte: »Ich kann meinem

Gemahl nicht Unrecht geben, Herr Graf, so sehr ich auch meinerseits

bedaure, Euch unter den obwaltenden Verhältnissen nicht zu Eurem Glücke

verhelfen zu können.«

Egenolf starrte finster vor sich hin und schwieg.

»Habt Ihr mir einen Auftrag an meinen Vater mitzugeben, Herr Graf?«

frug er dann, noch in der Hoffnung auf einiges Entgegenkommen seitens

des Grafen von Thierstein.

Aber Oswald antwortete: »Einen Auftrag? ich wüßte nicht, welchen, Herr

Graf. Ich habe dem, was ich Euch kund that, nichts hinzuzufügen.«

Das ist der Abschied, sagte sich Egenolf, es fehlt bloß noch: da ist

die Thür! Herb und trocken sprach er: »So habe ich hier nichts mehr zu

suchen.«

Da zog Oswald unwillkürlich die Brauen hoch wie Jemand, der erstaunt

oder erschrickt, und Margarethe machte eine Bewegung, als wollte sie

vortreten und sich einmischen.

Doch Egenolf fuhr fort, erst ruhig, dann allmählich lauter und erregter

werdend: »Ich gehe mit schwerem Herzen, Herr Graf, und nehme nichts mit

als eine schmerzliche Enttäuschung. Damit Ihr aber wißt, wie Ihr mit

mir daran seid, erkläre ich Euch hiermit: ob Fehde oder Friede wird,

von Leontinen lasse ich nicht, so lange ich das Leben habe, und werde

Euch immer wieder und wieder um sie bitten, bis Ihr sie mir gebt, und

thut Ihr das nicht, so komme ich und hole sie mir.«

Ehe Graf Oswald auf diese in einem trotzigen, fast drohenden Tone

gesprochenen Worte etwas erwiedern konnte, flog die Thür auf, und

hastig, mit heißrothen Wangen trat Leontine herein.

»Ihr habt mich nicht gerufen, aber ich weiß, was hier vorgeht,«

stieß sie, fast athemlos vom schnellen Treppensteigen, hervor. »Eine

Lauscherin an der Thür hat es mir hinterbracht, und wenn über mein

Schicksal beschlossen wird, will ich dabei sein.« Mit geschwinden

Schritten war sie an Egenolfs Seite, ergriff seine Hand und fuhr

erhobenen Hauptes und mit erhobener Stimme fort: »Vater und Mutter,

hier stehe ich neben dem, bei dem ich immer und allwege stehen werde

und der mein Herr und Gemahl wird oder sonst Keiner. Ihr könnt mich

von seiner Seite reißen, könnt mich auf der Hohkönigsburg einsperren,

daß ich ihn niemals wiedersehe, aber meine Liebe könnt ihr mir nicht

nehmen; die habe ich ihm geschworen, die gehört ihm und bleibt ihm bis

zu meinem letzten Athemzuge.« Erregt und erschöpft lehnte sie sich

hingebend an Egenolf und schmiegte das Haupt an seine Schulter, der sie

mit dem Arm umfing, während ihm das Herz in Freuden klopfte.

Graf und Gräfin waren bei diesem leidenschaftlichen Austritt sprachlos.

Margarethe blickte mit innigem Stolz auf ihre muthige Tochter.

»Leontine,« begann Oswald, nachdem er sich gefaßt hatte, »Du weißt

nicht, was die Familien Rappoltstein und Thierstein von einander trennt

und scheidet.«

»O ich weiß es wohl, Vater!« fuhr sie auf, »diese unglückselige Fehde,

die vermieden werden könnte, wenn auf beiden Seiten der gute Wille dazu

vorhanden wäre. Egenolf, ich frage Dich: glaubst Du nicht, daß Dein

Vater den guten Willen dazu hat?«

»Ich bin fest davon überzeugt, Leontine,« erwiederte Egenolf.

»Und Ihr, Vater? habt Ihr ihn nicht? auch nicht mir zu Liebe?« kam es

von Leontinens bebenden Lippen.

»So rasch glaube ich an Eures Vaters guten Willen nicht,« sprach

Oswald, als hätte er die an ihn gerichtete Frage Leontinens nicht

gehört. »Er weiß, daß Ihr hier seid und warum Ihr hier seid, aber

keinen Gruß, keinen Wink, nicht ein Wort hat er Euch mitgegeben, aus

dem ich auf seinen guten Willen zur Einigung mit mir schließen könnte.«

»Und dennoch ist es mir außer allem Zweifel, daß er den aufrichtigen

Wunsch hat, mit Euch Frieden zu halten,« fiel Egenolf ein.

»So mag er es mich wissen lassen! Ich bin es, der hier um etwas

gebeten, von dem etwas verlangt wird, und zwar nicht mehr und nicht

weniger als die Hergabe meiner einzigen Tochter. Warum soll nun ich den

ersten Schritt thun und Eurem Vater die Hand entgegenstrecken ohne zu

wissen, ob sie von ihm angenommen wird?«

»Vater,« rief Leontine, »schickt mich zum Grafen Maximin! ich bringe

Euch den Frieden zurück, oder Ihr seht mich nicht wieder!«

Da konnte sich Margarethe nicht länger halten. Aus unwiderstehlichem

Drang stürzte sie auf Leontinen zu, umhalste und küßte sie. »Recht so,

mein Kind!« schluchzte, jauchzte sie, »aber nicht Du, nicht Du! Der da

wird für eure Liebe eintreten, wie er kann und vermag.« Im Tiefsten

ergriffen und bewegt, bereute sie in diesem Augenblick, ihren Gemahl

zum zähen Festhalten Schmasman gegenüber noch aufgestachelt zu haben,

und war jetzt selber zu jedem Opfer für das Glück ihres Kindes bereit.

»Und Du, Oswald,« wandte sie sich an den Grafen, »sieh Dir die Beiden

hier an und sprich ein Wort, wie Dir ums Herz ist!«

Graf Oswald stand und blickte vom einen zum andern von den Dreien,

unschlüssig und mit sich kämpfend. Endlich fing er an: »Wohlan, Graf

Egenolf! so höret mein letztes Wort, das ich Euch zu sagen habe. Ich

will Euch meine Tochter geben unter der Bedingung, daß zwischen Eurem

Vater und mir nach vorausgegangener Verständigung über alle streitigen

Punkte Friede bleibt und Freundschaft wird.«

»Die Bedingung nehme ich an, Herr Graf!« rief Egenolf aufathmend und

schlug kräftig in Oswalds dargebotene Hand.

»Vater! Vater!« jubelte Leontine und umschlang ihn stürmisch.

Oswald befreite sich sanft von ihr und sprach: »Nun gehet hin zu Eurem

Vater, Graf Egenolf, sagt ihm Alles, was wir hier gesprochen haben, und

bittet ihn, mir seine Vorschläge zu machen.«

Egenolf sah den Grafen an, als wollte er in dessen Seele lesen, ehe

er mit dem herauskam, was ihm auf der Zunge schwebte. Dann begann

er: »Herr Graf, zunächst erlaubt mir selber einen Vorschlag. Wenn es

Euch und der Frau Gräfin genehm ist, so reite ich schnell nach der

Ulrichsburg und komme gleich wieder zurück -- mit meinen Eltern. Eure

Verständigung könnte ja hier und heute noch erfolgen.«

Graf Oswald stutzte. »Heute noch? so eilig? da ist doch vorher noch

manches zu bedenken und zu erwägen --«

Die Gräfin unterbrach ihn: »Ja, ja, so soll es geschehen. Berathen und

erwägen könnt ihr beiden Herren auch hier. Der Vorschlag ist gut; führt

ihn aus, Graf Egenolf!«

Leontine aber legte ihren Arm in den des Geliebten, und mit einem

flehentlichen Blick zu ihm aufsehend sprach sie: »Egenolf, ich möchte

Dich heute nicht von mir lassen. Könnten wir Deinen Eltern nicht

Botschaft senden mit der Bitte, gleich heraufzukommen?«

»Ja, das können wir, und das wollen wir,« rief Egenolf. »Du hast doch

den klügsten Gedanken.«

»Glaubt Ihr, daß sie daraufhin kommen werden?« frug Oswald.

»Ich hoffe es zuversichtlich,« erwiederte Egenolf. »Ich schreibe ein

paar Zeilen an meinen Vater, daß Ihr eine offene Aussprache mit ihm

wünschtet.«

»Daß ich sie wünschte, wäre wohl etwas zuviel gesagt,« wandte Graf

Oswald ein. »Daß ich dazu bereit, nicht abgeneigt wäre, scheint mir

richtiger ausgedrückt.«

»Überlaßt mir die Fassung der Worte, Herr Graf,« bat Egenolf, »sie

sollen Euch zu nichts verpflichten.«

»Nun gut! dort auf meinem Tische findet Ihr Schreibgeräth; inzwischen

lasse ich Isinger rufen.« Oswald schlug mit dem Waidmesser an eine

helltönende metallene Schale und befahl dem eintretenden Diener, den

Stallmeister herzubescheiden.

Als Egenolf geschrieben hatte, stand er auf und sagte mit einer

einladenden Handbewegung: »Wollt nicht auch Ihr, Herr Graf --?«

»Ich?« sprach Oswald, »Eure Bitte bedarf wohl keiner Unterstützung

meinerseits.«

»Das nicht, aber es würde meinen Vater doch freuen --«

Oswald zögerte noch. Er überlegte: vergebe ich mir damit nichts? --

nein, er kommt zu mir, ich nicht zu ihm. Dann beugte er sich auf den

Tisch und schrieb stehend mit raschem Federzuge nur die Worte:

~Reconciliemus nos!~

~O. v. T.~

»Ist noch Platz für eine Zeile von mir an Deine Mutter?« fragte

Leontine schelmisch.

»Gewiß!« lächelte Egenolf, »komm her!«

Sie setzte sich schnell und schrieb, litt aber nicht, daß Jemand las,

was sie geschrieben hatte.

Graf Oswald faltete das Schreiben und versiegelte es.

Isinger erschien, und als er Egenolf mit Leontinen Hand in Hand bei

einander stehen sah, begriff er sofort, und ein verschmitztes Lächeln

glitt über seine gebräunten Züge. Graf Oswald gebot ihm: »Herni

soll gleich nach der Sanct Ulrichsburg reiten und dem Herrn Grafen

Maximin von Rappoltstein diesen Brief überbringen. Wir erwarten die

Herrschaften hier so bald wie möglich.«

Isinger, das Schreiben nehmend, verbeugte sich stumm und ging. Im

Stallhof trieb er Herni zur größten Eile, gab ihm noch ein zweites

gesatteltes Pferd mit und sagte: »Auf diesem frommen Gaul bringst Du

mir den Hans Loder mit herauf und bestellst ihm, es gäbe heut einen

guten Trunk hier oben. Aber reit zu!«

Das Mittagsmahl ward ein paar Stunden später angesetzt, so daß der

Koch Zeit genug zur Ausführung des Befehles hatte, es ja recht sorgsam

vorzubereiten und zwei oder drei auserlesene Gänge einzuschieben.

Das gesammte Burggesinde gerieth in einen freudigen Aufruhr, als die

Veranlassung dazu unter ihm ruchbar wurde. Dimot tanzte vor Vergnügen

und machte prahlerische Andeutungen, als hätte nur ihre einflußreiche

Vermittlung den geschlossenen Herzensbund zu Stande gebracht.

Auf Oswalds Einladung erschienen nun Graf Wilhelm und Gräfin Katharina

bei ihren Geschwistern. »Sieh mal hier, Wilhelm!« rief Oswald seinem

Bruder zu, »wir haben schon einen Gefangenen gemacht.«

»Gefangen in diesen holden Banden,« lächelte Egenolf und schritt mit

Leontinen auf das gräfliche Paar zu.

»Das begreife, wer kann!« sagte Graf Wilhelm, »ich verstehe kein Wort

davon. Es scheint, daß man sich auf der Hohkönigsburg an Überraschungen

gewöhnen muß.«

»Die nächste Überraschung für Dich wird wohl die sein,« erwiederte

Oswald, »daß wir den Grafen Maximin von Rappoltstein mit den Seinigen

hier erwarten. Ihr müßt euch deßhalb mit dem Mittagsmahl noch etwas

gedulden.«

»Nun, wenn es sich nachher der Mühe verlohnt, will ich gern noch fasten

und mich kasteien,« lachte Wilhelm.

Oswald nahm ihn bei Seite und gab ihm die nöthigen Aufklärungen, die

Wilhelm mit sichtlicher Befriedigung anzuhören schien.

Die Zeit des Wartens, die Allen länger däuchte als sie war, weil nach

ihrem Ablauf mehr als eine wichtige Entscheidung getroffen werden

sollte, suchte man sich durch eine etwas gezwungene Unterhaltung über

gleichgültige Dinge zu vertreiben ohne mit einem Worte den Vorgang zu

berühren, der sich in der eben verflossenen Stunde hier abgespielt

hatte. Man that so, als wäre Egenolf nur ein zufällig anwesender Gast

und nichts weiter.

Es wirkte daher wie eine Erlösung, als endlich die Ankunft der

Rappoltsteiner gemeldet wurde. Oswald eilte zum Empfange der

Hochwillkommenen die Wendeltreppe in den inneren Burghof hinab.

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 33 / 49 题