Das Wetter hatte sich gewendet. Ein feuchter Dunst verschleierte die
Berge, daß ihre Formen und Umrisse nur matt hindurchschimmerten, und
über dem Lande schwebten dunkle, tiefhängende Wolken, die sich zu
ergießen drohten. Mißmuthig blickte Egenolf aus dem Fenster in den
trüben Morgen hinein, und seine Hoffnung auf das für heute verabredete
und von ihm so heiß ersehnte Wiedersehen mit der Geliebten sank. Wenn
er auch wußte, daß sich Leontine vor einem gelinden Tropfenschauer
nicht fürchtete, mußte er sich doch sagen, daß die Ihrigen sie von
einem Spazierritt im Regen oder bei einem heraufziehenden Unwetter
zurückhalten würden. Wieder und wieder schaute er aus, ob nicht einige
Aufklärung bemerklich war, und endlich schien sein Wunsch in Erfüllung
zu gehen. Der Wind erhob sich und brachte Bewegung in den drückenden
Nebel; hier und dort zeigten sich lichtere Stellen, und bald lugte aus
dem sich zertheilenden Gewölk ein Stückchen blauen Himmels hervor. Da
gab Egenolf Befehl, seinen Rhenus zu satteln und schritt vertrauend zum
Burghof hinab.
Als ihm dort der Sattelmeister das Pferd vorführte, wunderte sich der
pflichttreue Mann, daß der junge Herr Graf gegen seine Gepflogenheit
den Halt des Gurtes prüfte und nach dem Aufsitzen sich mit der vollen
Wucht seines Körpers erst auf den einen und dann auf den andern Bügel
stützte, um sich zu überzeugen, daß der Sattel dabei nach keiner
Seite hin wankte. Egenolf sah den stummen, fast vorwurfsvollen Blick
des altbewährten Dieners und sprach mit einem begütigenden Lächeln:
»Brauchst Dir keine Gedanken zu machen, Gerolf! ich weiß, ihr sattelt
fest und tadellos, aber ich habe heute mit dem Rhenus ein paar rasche
Volten und kühne Sprünge vor; da muß ich doppelt sicher sein.«
»Seht Euch vor, Herr Graf! der Boden ist heute feucht und schlüpfrig,«
mahnte der Alte.
Egenolf winkte ihm freundlich zu und ritt zum Thore hinaus, und
als der Hufschlag des Rosses auf der Zugbrücke dröhnte, brach der
erste Sonnenstrahl hervor und grüßte den Reiter mit verheißungsvoll
funkelndem Golde. »Rhenus, wir haben wieder einmal Glück,« sprach
Egenolf fröhlich und klopfte den glatten Hals seines Thieres, das
dazu verständig mit dem Kopfe nickte. »Nun sei auch hübsch artig und
behutsam gegen die schlanke Daphne und mache sie nicht scheu, damit ich
mein Herzenslieb ohne Wagniß und Gefährde in die Arme schließen kann.«
Er hatte bis zum Orte des Stelldicheins noch eine gute Strecke zu
reiten, und als er schon aus der Entfernung die Gegend überschauen
konnte, wo der Weg nach St. Pilt abbog, war zu seiner Verwunderung
noch weit und breit keine Reiterin zu erblicken. Aber dort stand ein
einzelnes weibliches Wesen, das auf Jemand zu warten schien. Leontine
konnte es nicht sein, denn die würde nicht zu Fuße kommen und war auch
größer von Gestalt als die Fremde. Als er dieser nahe genug war, um
ihre Züge unterscheiden zu können, wollte es ihn bedünken, daß er sie
schon einmal irgendwo gesehen haben mußte.
Er hielt sein Pferd bei ihr an, und die ängstlich zu ihm Aufblickende
sagte: »Ich bin Dimot, die Gürtelmagd der Gräfin Leontine von
Thierstein.«
Da erkannte er sie wieder und erinnerte sich, sie beim Tanz am
Pfeifertage in beständiger Gesellschaft von Haschop gesehen zu haben.
Das hatte ihm wenig gefallen, und mißtrauisch begann er: »Bringst Du
mir eine Botschaft von der Gräfin Leontine?«
»Ja,« erwiederte das Mädchen, »meine gnädige Herrin läßt sagen, daß sie
heute nicht mit dem Herrn Grafen reiten könnte.«
Da war alle seine Hoffnung dahin, und tief niedergeschlagen frug er:
»Was hindert sie denn, zu kommen?«
»Sie ist krank.«
»Krank?« rief er bestürzt, »was fehlt ihr denn? wovon ist sie denn
krank geworden?«
Dimot zitterte und konnte nicht antworten; plötzlich schlug sie die
Hände vor das Gesicht und fing laut an zu weinen.
Egenolf sprang vom Pferde, trat dicht an sie heran und sprach
unruhvoll: »Was ist geschehen? rede, Mädchen! sage mir Alles!«
Es dauerte eine Weile, bis die Weinende hervorbrachte: »Meine Schuld!
meine Schuld!«
»Deine Schuld? was hast Du denn gethan?«
Von Schluchzen oftmals unterbrochen erzählte Dimot nun: »Vor zwei Tagen
kam Haschop, die Zigeunerin, mit der ich befreundet war, zu mir auf die
Hohkönigsburg, weil ich sie eingeladen hatte, mich einmal zu besuchen.
Sie sagte, sie hätte mir auch etwas mitgebracht. Sie wüßte genau, daß
der Herr Graf sich um die Gunst der Gräfin Leontine bewürbe, und weil
sie die schöne, junge Gräfin gern glücklich sehen möchte, hätte sie
einen Liebestrank bereitet, der dem Herrn Grafen die Neigung meiner
Herrin sichern würde. Sie sagte es nicht, aber sie deutete an, daß es
mit Wissen und Willen, im Auftrage des Herrn Grafen geschähe, und gab
mir eine ausgehöhlte, mit Wachs wieder zugeklebte welsche Nuß, in der
sich ein Pulver befand. Davon sollte ich meiner Herrin an drei Abenden
hinter einander einen halben Fingerhut voll in den Schlaftrunk thun; es
wäre ganz geschmacklos, so daß sie nichts davon merken würde. In der
besten Absicht, meine liebe junge Herrin, für die ich mein Leben lassen
würde, zu ihrem Herzensglücke zu verhelfen, befolgte ich Haschops
Weisung an demselben Abend noch. Aber schon in der Nacht erkrankte
Gräfin Leontine heftig, und daran bin ich schuld, o mein Gott! mein
Gott! hätte ich das geahnt!«
»Nur weiter, weiter!« drängte Egenolf.
»Man holte einen arzeneikundigen Pater aus der Abtei Sanct Pilt. Der
brachte starkwirkende Mittel und kochte ein Tränklein, das die Gräfin
einnehmen mußte und das ihr sehr gut gethan hat. Sie ist schon wieder
außer Bett, aber noch angegriffen und matt; darum kann sie heute nicht
zum Reiten mit dem Herrn Grafen kommen, aber in ein paar Tagen hofft
sie wieder so weit zu sein, soll ich dem Herrn Grafen melden.«
»Weiß Deine Herrin das Alles?« frug Egenolf.
»Nein, o nein! nur Euch habe ich es in meiner Angst gestanden, und ich
bitte Euch, Herr Graf, ich bitte Euch bei allen Heiligen im Himmel,
sagt es ihr nicht! ich schämte mich zu Tode, ich ginge ins Wasser, wenn
sie es erführe.« Und Dimot fiel auf die Knie, hob die Hände flehend zu
Egenolf empor, verhüllte dann wieder ihr thränenüberströmtes Gesicht
und jammerte und schluchzte.
»Steh auf!« sprach Egenolf, »ich verspreche Dir, zu schweigen. Bestelle
Deiner Herrin meinen ehrerbietigen Gruß und meinen innigsten Wunsch,
daß sie schnell wieder genese.«
»O ich danke Euch, ich danke Euch viel tausendmal, Herr Graf!«
stammelte Dimot und erhob sich. Dann griff sie in die Tasche ihres
Kleides und bot ihm einen kleinen, in Papier gewickelten Gegenstand
dar. »Hier ist die Nuß mit dem Rest des Pulvers,« sagte sie, »nehmt
es an Euch, Herr Graf, vielleicht könnt Ihr die Falsche damit ihrer
schändlichen That überführen.«
Egenolf steckte das Päckchen zu sich, schwang sich aufs Pferd und jagte
auf dem Wege zurück, den er gekommen war. »Giftmischerin, verfluchte!«
murmelte er, »mit dem Leben sollst Du es büßen!«
Er ritt aber nicht heim, sondern lenkte nach der Hütte der Zigeuner,
deren einsamer Standort im Walde ihm sehr wohl bekannt war.
In einiger Entfernung davon stieg er ab, band das Pferd an einen Baum
und pirschte sich leise an die Hütte heran in der Hoffnung, Haschop
darin zu überraschen.
Ihm klopfte das Herz in so wilder Erregung, daß er mehrmals anhalten
mußte, um Athem zu schöpfen. Als er, allmählich näher gekommen, wieder
einmal im Dickicht rastete, glaubte er ein Klingen zu vernehmen, das
nur aus der Hütte schallen konnte. Er drang durch das Gebüsch weiter
vorwärts und hörte die eigenthümlichen Laute nun deutlicher. Was war
das? Sang sich die Giftmischerin etwa gar ein Lied, um ihr Gewissen
zu betäuben? Doch nein, das waren keine menschlichen Töne. Es klang
so wehmüthig weich, so süß und melodisch durch den stillen Wald, daß
er wie gebannt stehen blieb und lauschte. Und nun wußte er mit einem
Male, was es war, -- es war Geigenspiel von Farkas' des Zigeuners
Meisterhand. Den wollte er nicht treffen hier, denn unmöglich konnte er
in dessen Gegenwart ein, wie er in der ersten, maßlosen Wuth gesonnen
war, blutiges Strafgericht an seiner Tochter vollziehen, was auch der
Zigeuner nicht ohne harten Kampf geschehen lassen würde.
Schon wollte er, verdrossen, daß er an der Verruchten nicht seine Rache
nehmen konnte, umkehren zu seinem Pferde und davonreiten, aber noch
mit halbem Ohre nach den wunderbaren Klängen hinhörend, fing er an zu
überlegen, was er thun oder lassen sollte. War es denn sicher, daß er
Haschop bei ihrem Vater fand, wenn er zu ihm ging? Er wagte nicht, es
zu wünschen. War sie aber nicht zugegen, so konnte er seinen heißen
Groll vor Farkas ausschütten und von ihm, wenn auch nicht Haschops Tod,
so doch ihre Entfernung auf Nimmerwiederkehr verlangen oder ihm drohen,
sie versuchten Giftmordes wegen dem Blutrichter auszuliefern. So ging
er denn auf die Hütte, deren Thür und Fensterluken offen standen,
langsam zu und trat hinein.
Der Zigeuner saß in dem ärmlichen Stübchen am Boden, mit dem Rücken an
die Wand gelehnt, das Haupt auf die Geige gebeugt und in sein Spiel
so vertieft, daß er Egenolfs Kommen nicht eher gewahr wurde, als bis
dieser vor ihm stand. Da brach er sein Spiel jach ab und sprang auf.
Egenolf sah sich in dem Raume nach Haschop um, aber sie war nicht da.
Mit vor Erregung heiserer Stimme frug er: »Farkas, wo ist Haschop?«
»Wo Haschop is, wissen Herr Graf besser als ich,« entgegnete der
Zigeuner trotzig.
»Wenn ich es wüßte, würd' ich nicht fragen,« gab ihm Egenolf streng
zurück.
»Herr Graf haben sie doch selbst mit Botschaft nach Rathsamhausen
geschickt.«
»Was? -- wohin hätt' ich sie geschickt?« sprach Egenolf erbleichend.
»Nach Rathsamhausen zu Herr Burkhard,« wiederholte Farkas.
Egenolf stützte sich mit der Hand auf den groben Tisch im Stübchen, als
bedürfe er eines Haltes bei dieser Nachricht.
»Is nit so? haben Herr Graf sie nit hingeschickt?« fragte Farkas.
»Lieber in die Hölle als nach Rathsamhausen!« brach Egenolf los.
»Warum in die Hölle? Herr Graf dachten früher anders.«
»Weil sie eine Mörderin ist und die junge Gräfin Thierstein vergiftet
hat.«
Farkas trat einen Schritt zurück und blickte den Grafen starr an. Dann
schüttelte er sein schwarzlockiges Haupt und sagte ruhig: »Glaubt
Farkas nit.«
»Ich habe Zeugen und habe den Beweis in Händen; hier ist er,« rief
Egenolf, holte Dimots Päckchen hervor und übergab es dem sichtlich
Erschreckenden. »Mit dem, was Du darin finden wirst, hat Deine Tochter
der Gräfin den Schlaftrunk gewürzt.«
Farkas enthüllte es mit zitternder Hast, schüttete etwas von dem
bräunlichen Pulver in seine Hand, roch daran und führte mit der
befeuchteten Fingerspitze eine Kleinigkeit davon an die Zunge. »Is
kein Gift,« erklärte er dann. »Wir Zigeiner kennen alle Gifte, besser
als Doctors und Lateiner, aber das is kein Gift. Haschop is nit
Giftmischerin.«
»Das wird der Blutrichter entscheiden; seine Häscher werden sie
greifen, daß er den Stab über sie bricht,« erwiederte Egenolf drohend.
Farkas schwieg ein Weilchen, ehe er mit verbissenem und höhnischem
Ausdruck sprach: »Und wenn Richter armes Zigeinermädchen fragt: warum
hast Du schöne Gräfin vergiftet? wird es zur Antwort geben: weil ich
jungen Grafen geliebt hab und er mich auch und weil Graf mich betrogen
und verlassen hat. Hab ich mich rächen wollen an Einer, die mir sein
Herz gestohlen. So wird Haschop antworten, und Alles, Alles in ganze
Land, große Herren und vornehme Damen und geringes Volk wird mit
Finger auf stolzen Grafen zeigen: hat Zigeinermädchen betrogen und
auf die Richtstatt gebracht! und die Spielleut werden's umtragen, und
Pfeiferkönig kann's nit hindern und --«
»Farkas!« unterbrach ihn Egenolf bebend, »schweig! kein Wort mehr!
Schwörst Du mir, dafür zu sorgen, daß Deine Tochter das Land räumt weit
weg von hier auf Nimmer-Nimmerwiederkehr? Es soll Dein Schade nicht
sein.«
»Farkas verspricht nischt, was nit halten kann,« erwiederte der
Zigeuner. »Seit zwei Tage is sie fort; wer kann wissen, ob sie
wiederkommt! ich kann sie nit hüten, und fangen läßt sie sich nit, is
wie ein Waldschratt, über den Niemand Gewalt hat, ich auch nit.«
»Farkas, -- wenn sie wiederkommt, ist sie unrettbar des Todes,« rief
Egenolf. »Jetzt sage mir noch, was für eine Botschaft von mir hat sie
Dir vorgelogen?«
Darauf gab ihm Farkas den Bescheid: »Beim Weggehen sagte sie: soll
Herrn Burkhard von Rathsamhausen bestellen, Graf Egenolf und Gräfin
Leontine würden sich heirathen, wenn nischt dazwischen käme.«
»Nichts dazwischen käme! -- ich weiß genug,« sprach Egenolf ergrimmt
und schritt ohne Gruß hinaus.
Farkas blickte durch die Fensterluke dem Enteilenden nach, bis dieser
im Gebüsch verschwunden war. Dann nahm er die Nuß mit dem Pulver wieder
zur Hand, unterzog es noch einmal einer kurzen Prüfung und nickte vor
sich hin: »Bilsenkrautwurzel und Tollkirschblätter; weiß wohl, wo sie's
her hat, alte Großmutter hat sie's gelehrt. Schade um junge Gräfin, daß
hat sterben müssen! war so schön und hat nit Schuld. Ihn, ihn hätt's
treffen müssen, Messer ins Herz! is Zigeinerrecht, auf Liebesverrath
steht Tod bei Mann und Weib. -- Nun hinter Haschop her und sie warnen,
darf nit wiederkommen, niemals, niemals.«
Egenolf ritt, seinen Rhenus treibend, nach der St. Ulrichsburg, übergab
dort das dampfende Pferd einem Stallknecht und stürmte hinauf nach
Schloß Giersberg zu Imagina.
»Imagina,« rief er ihr zu, da er sie wie das vorige Mal wieder
allein fand, »Imagina, jetzt ist es mit dem Abwarten aus, jetzt
heißt es handeln. Leontine ist erkrankt, die Zigeunerin hat ihr Gift
beigebracht.«
»Alle guten Geister!« stieß die aufs Tiefste Erschrockene hervor,
»Egenolf, was sagst Du da?«
»Was ich vor zwei Stunden von ihrer Zofe gehört habe.«
»Schwebt sie in Lebensgefahr?«
»Gott sei gelobt! wie es scheint, nicht mehr. Aber jetzt bin ich fest
entschlossen, jetzt werb' ich um sie,« sprach er in der höchsten
Erregung.
»Nur ruhig, Lieber, ruhig!« mahnte Imagina. »Erzähle mir doch erst --«
»Ja so! Du weißt ja noch garnichts.« Er theilte ihr nun Wort für Wort
Dimots Geständniß mit und schloß: »Und was noch dazu kommt, ist, daß es
Burkhard hinterbracht worden ist.«
»Burkhard hinterbracht? was denn?«
»Mein Verlöbniß mit Leontine. Haschop ist nach Rathsamhausen entflohen,
um Burkhard Alles zu verrathen.«
»Woher weißt Du das? von Loder?«
»Nein, von Farkas, ihrem eigenen Vater, aber Hans Loder werd' ich es
klagen; er soll auf die Schändliche fahnden, sie hängen oder ersäufen
lassen, sie darf nicht leben!«
Imagina schüttelte besorgt ihren hübschen Blondkopf und sagte: »Ich
bin ja nicht in Zweifel darüber, wie Du mit Haschop gestanden hast,
und will Dir keine Vorwürfe machen. Sie ist ein verführerisches
Geschöpf, und so eines kleinen Liebeshandels wegen wird Niemand einen
ritterlichen Junggesellen schelten. Aber eines möcht' ich wissen:
was reizt die Zigeunerin, zu Burkhard zu laufen und just ihm ihre
Kundschaft von Deinem Bunde mit Leontine zuzutragen?«
»Sie muß wie eine witternde Füchsin Wind davon bekommen haben,
wie die Dinge zwischen Burkhard und meinem Vater stehen, denn sie
ist eine Schleicherin und Ohrenmelkerin, die herumläuft und Alles
auskundschaftet und aus den Leuten heraushorcht und herausholt, was
sie wissen will. Nach ihrem Mordversuch gegen Leontine will sie nun
den Rathsamhausen auf uns Rappoltsteiner hetzen,« erwiederte Egenolf
zornwüthig.
»Also das Eine wie das Andere die Rache der Verstoßenen,« sagte Imagina
und fuhr nach einem kurzen Schweigen fort: »Bei so bewandten Umständen
kann ich Dir nur rathen, Egenolf, Deinem Vater offen zu bekennen, was
Du ohne ihn zu fragen gethan hast. Er muß Dein Verlöbniß mit Leontinen
jetzt erfahren, und zwar von Dir selber.«
»Von mir selber soll er's auch erfahren,« stimmte ihr Egenolf zu,
»und so bald wie irgend möglich, um dem Dazwischentreten Burkhards
vorzubeugen, der Alles daran setzen wird, unsere Verbindung zu
hintertreiben. Aber nicht früher möcht' ich es meinem Vater mittheilen,
als bis die Sache entschieden und nichts mehr daran zu ändern ist; er
würde mir sonst streng verbieten, um Leontinen zu werben. Ein paar
Tage warte ich noch, bis ich hoffen kann oder höre, daß sie wieder ganz
gesund ist. Dann aber reite ich zur Hohkönigsburg hinauf, und kein
Mensch auf der ganzen weiten Welt soll mich daran hindern. Ich will vor
meinen Vater hintreten und ihm sagen können: Leontine ist meine Braut.
Was dann weiter wird, ist mir Alles gleich.«
»Aber Egenolf!«
»Ist mir Alles gleich!« schrie er noch einmal. »Von einander lassen
thun wir doch nicht, nun und nimmer nicht und in alle Ewigkeit nicht,
mag kommen, was will!«
»Gott im Himmel, mit so einem verliebten Menschen ist nichts, rein
gar nichts anzufangen,« seufzte Imagina verzweifelt. »Mach, daß Du
fortkommst und suche Dir Deinen Verstand wieder, den Du zwischen
Ulrichsburg und Hohkönigsburg verloren hast, und wenn Du ihn
wiedergefunden hast, komm zu mir und zeig' ihn mir.«
»Das will ich thun; Dank für den Rath! komm, laß Dich küssen dafür!«
»Du bist wahrhaftig verrückt,« lachte sie hell auf, »fort, fort, hinaus
mit Dir!« Lachend wehrte sie den Ungestümen ab und schob ihn an den
Schultern zur Thür hinaus.