XIV.

Vier Tage waren vergangen, seit Bruno von der St. Ulrichsburg

abgeritten war und seinem Vater von Schmasmans Entschluß, die

Thiersteiner nicht angreifen zu wollen, Mittheilung gemacht hatte.

Aber noch war keine Kunde hierher zurückgelangt, was Burkhard bei

so veränderter Sachlage zu thun gedächte, ob er nun den Fehdeplan

aufgab, oder ob er, auch ohne die Hilfe der Rappoltsteiner, auf der

Durchführung des feindlichen Unternehmens nach wie vor bestand. Dieses

Ausbleiben jeglicher Nachricht versetzte Schmasman in große Unruhe,

denn er konnte sich Burkhards Schweigen nicht erklären. War dieser so

wüthend auf ihn, daß er ihn keiner Botschaft mehr würdigte? oder wollte

er seine Entschlüsse und Veranstaltungen vor ihm geheim halten, um ihn

mit einer vollendeten Thatsache, einem nicht zurücknehmbaren Schritte

zu der Entscheidung zu zwingen, mit ihm oder wider ihn zu sein? Denn

wenn es wirklich zum Kampfe kam, so konnte Schmasman diesem nicht als

Unbetheiligter müßig zuschauen, sondern mußte auf der einen oder der

anderen Seite handelnd eingreifen.

All die Tage her und manche halbe Nacht hatte er sich mit den

abenteuerlichsten Gedanken darüber herumgeschlagen und sich schon die

Frage vorgelegt, ob die von Loder belauschte Unterhaltung Burkhards mit

Müllenheim und des Ersteren dabei geäußertes Verlangen nach dem Besitz

der Hohkönigsburg auch wohl ernst zu nehmen sei. Er hielt es jetzt für

möglich, daß Burkhard dem Schloßherrn von Girbaden nur hatte auf den

Zahn fühlen wollen und daß seine Einladung an ihn zum Weihnachtsfest

dort oben nur ein prahlerischer Scherz oder eine muthwillige Fopperei

gewesen war. Denn er konnte Burkhard noch immer nicht die Tücke

zutrauen, ihn im Widerspruch mit der jeden Nebenzweck verneinenden

Versicherung so gröblich täuschen zu wollen, und war auf dem besten

Wege zu der Überzeugung, daß er seinem rauflustigen Freunde mit diesem

Verdacht Unrecht thäte. Aber Gewißheit, was er von ihm denken sollte,

mußte er um jeden Preis haben, und dazu konnte er nur gelangen, wenn er

vor Burkhard hintrat und ihn Auge in Auge zur Rede stellte.

Mit dem Entschlusse, dies zu thun, kam er am fünften Morgen nach

Bruno's Besuch in das Gemach seiner Gemahlin und theilte ihr sein

Vorhaben und dessen Begründung mit.

Herzelande hörte ihn ruhig an und sagte darauf: »Den Ritt nach Ottrott

kannst Du Dir sparen; dieser Brief Stephania's, den sie mir durch

einen Knecht gesandt hat, wird Dich aller Zweifel über Burkhards wahre

Absichten entheben.« Sie reichte ihm das Blatt, und Schmasman las, was

Frau Stephania geschrieben hatte.

Meine herzliebe Frau Gevatterin Gräfin Herzelande!

Freundlichen Gruß und alles Guts zuvor! Mit beschwertem

Gemüth, aber in gutherziger Meinung schreibe ich Euch diesen

angsthaftigen Brief. Mein lieber Herr und Gemahl ist ob der

betrübsamen Kunde, so ihm unser Sohn vom Grafen Schmasman

überbracht hat, in einer ganz erschrecklichen, zornmüthigen

Verfassung und läßt sich durch keine Beschwichtigungen mit

guter Vernunft zu einem gebührlichen Einsehen bewegen. Graf

Schmasman will von der stattgehabten Abrede, dem Grafen

Thierstein auf Leib und Leben, Gut und Blut abzusagen,

zurückzucken, und Burkhard schilt ihn ein Mal übers andere

wortbrüchig und bundbrüchig und droht, auch euch Rappoltsteiner

mit gewaffneter Hand anzufallen, wenn Graf Schmasman nicht

steifhält, was er gelobt hat. O meine großgünstige Freundin,

was soll aus so beschaffenen Umständen werden? Zwietracht und

Uneinigkeit ist das größte Gift auf Erden, und nun gar zwischen

alten Freunden, die ihr Lebtag in gutem Frieden mit einander

ausgekommen sind. Mein Gemahl hat ein unruhig Herz und einen

stolzen Kopf; er will bei seinem gefaßten Fürhaben beharren und

die ihm von dem Thiersteiner angethane Schmach mannlich rächen.

Er will nicht ablassen, bis er ihn von der Hohkönigsburg

vertrieben hat, und mich will fast bedünken, als hätte er dabei

noch einen anderen Endzweck im Auge, den er mir nicht aufdecken

will. Ihr könnt leichtlich entnehmen, daß ich groß Überlast

mit ihm habe und, wie schon gemeldt, in zitternden Ängsten und

Sorgen bin, daß daraus viel Unsegen und Leiden erwachsen. Aus

diesen bewegenden Ursachen bitte ich Euer Liebden im Namen

Gottes, doch ja mit größter Fürsichtigkeit zu thun, was in

Euren Kräften steht, daß zwischen unseren beiden Herren Friede

und Eintracht bleibt, und vertraue herzhaft auf Euch, daß Ihr

Euren Ehgemahl dazu vermögt, dem meinigen Wort zu halten und

ihn nicht im Stich zu lassen.

Der Allmächtige erhalte Euch bei langwieriger, bequemer

Gesundheit, und wollet meiner im Guten nicht vergessen.

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 26 / 49 题