Vier Tage waren vergangen, seit Bruno von der St. Ulrichsburg
abgeritten war und seinem Vater von Schmasmans Entschluß, die
Thiersteiner nicht angreifen zu wollen, Mittheilung gemacht hatte.
Aber noch war keine Kunde hierher zurückgelangt, was Burkhard bei
so veränderter Sachlage zu thun gedächte, ob er nun den Fehdeplan
aufgab, oder ob er, auch ohne die Hilfe der Rappoltsteiner, auf der
Durchführung des feindlichen Unternehmens nach wie vor bestand. Dieses
Ausbleiben jeglicher Nachricht versetzte Schmasman in große Unruhe,
denn er konnte sich Burkhards Schweigen nicht erklären. War dieser so
wüthend auf ihn, daß er ihn keiner Botschaft mehr würdigte? oder wollte
er seine Entschlüsse und Veranstaltungen vor ihm geheim halten, um ihn
mit einer vollendeten Thatsache, einem nicht zurücknehmbaren Schritte
zu der Entscheidung zu zwingen, mit ihm oder wider ihn zu sein? Denn
wenn es wirklich zum Kampfe kam, so konnte Schmasman diesem nicht als
Unbetheiligter müßig zuschauen, sondern mußte auf der einen oder der
anderen Seite handelnd eingreifen.
All die Tage her und manche halbe Nacht hatte er sich mit den
abenteuerlichsten Gedanken darüber herumgeschlagen und sich schon die
Frage vorgelegt, ob die von Loder belauschte Unterhaltung Burkhards mit
Müllenheim und des Ersteren dabei geäußertes Verlangen nach dem Besitz
der Hohkönigsburg auch wohl ernst zu nehmen sei. Er hielt es jetzt für
möglich, daß Burkhard dem Schloßherrn von Girbaden nur hatte auf den
Zahn fühlen wollen und daß seine Einladung an ihn zum Weihnachtsfest
dort oben nur ein prahlerischer Scherz oder eine muthwillige Fopperei
gewesen war. Denn er konnte Burkhard noch immer nicht die Tücke
zutrauen, ihn im Widerspruch mit der jeden Nebenzweck verneinenden
Versicherung so gröblich täuschen zu wollen, und war auf dem besten
Wege zu der Überzeugung, daß er seinem rauflustigen Freunde mit diesem
Verdacht Unrecht thäte. Aber Gewißheit, was er von ihm denken sollte,
mußte er um jeden Preis haben, und dazu konnte er nur gelangen, wenn er
vor Burkhard hintrat und ihn Auge in Auge zur Rede stellte.
Mit dem Entschlusse, dies zu thun, kam er am fünften Morgen nach
Bruno's Besuch in das Gemach seiner Gemahlin und theilte ihr sein
Vorhaben und dessen Begründung mit.
Herzelande hörte ihn ruhig an und sagte darauf: »Den Ritt nach Ottrott
kannst Du Dir sparen; dieser Brief Stephania's, den sie mir durch
einen Knecht gesandt hat, wird Dich aller Zweifel über Burkhards wahre
Absichten entheben.« Sie reichte ihm das Blatt, und Schmasman las, was
Frau Stephania geschrieben hatte.
Meine herzliebe Frau Gevatterin Gräfin Herzelande!
Freundlichen Gruß und alles Guts zuvor! Mit beschwertem
Gemüth, aber in gutherziger Meinung schreibe ich Euch diesen
angsthaftigen Brief. Mein lieber Herr und Gemahl ist ob der
betrübsamen Kunde, so ihm unser Sohn vom Grafen Schmasman
überbracht hat, in einer ganz erschrecklichen, zornmüthigen
Verfassung und läßt sich durch keine Beschwichtigungen mit
guter Vernunft zu einem gebührlichen Einsehen bewegen. Graf
Schmasman will von der stattgehabten Abrede, dem Grafen
Thierstein auf Leib und Leben, Gut und Blut abzusagen,
zurückzucken, und Burkhard schilt ihn ein Mal übers andere
wortbrüchig und bundbrüchig und droht, auch euch Rappoltsteiner
mit gewaffneter Hand anzufallen, wenn Graf Schmasman nicht
steifhält, was er gelobt hat. O meine großgünstige Freundin,
was soll aus so beschaffenen Umständen werden? Zwietracht und
Uneinigkeit ist das größte Gift auf Erden, und nun gar zwischen
alten Freunden, die ihr Lebtag in gutem Frieden mit einander
ausgekommen sind. Mein Gemahl hat ein unruhig Herz und einen
stolzen Kopf; er will bei seinem gefaßten Fürhaben beharren und
die ihm von dem Thiersteiner angethane Schmach mannlich rächen.
Er will nicht ablassen, bis er ihn von der Hohkönigsburg
vertrieben hat, und mich will fast bedünken, als hätte er dabei
noch einen anderen Endzweck im Auge, den er mir nicht aufdecken
will. Ihr könnt leichtlich entnehmen, daß ich groß Überlast
mit ihm habe und, wie schon gemeldt, in zitternden Ängsten und
Sorgen bin, daß daraus viel Unsegen und Leiden erwachsen. Aus
diesen bewegenden Ursachen bitte ich Euer Liebden im Namen
Gottes, doch ja mit größter Fürsichtigkeit zu thun, was in
Euren Kräften steht, daß zwischen unseren beiden Herren Friede
und Eintracht bleibt, und vertraue herzhaft auf Euch, daß Ihr
Euren Ehgemahl dazu vermögt, dem meinigen Wort zu halten und
ihn nicht im Stich zu lassen.
Der Allmächtige erhalte Euch bei langwieriger, bequemer
Gesundheit, und wollet meiner im Guten nicht vergessen.