Es war September geworden, und ein wolkenloser Himmel spannte sich
über den Bergen, deren Kuppen und Gipfel sich in der klaren Luft so
scharf von dem tiefen Blau abgrenzten, daß oben an ihrem Rande die
Laubkronen der einzelnen Bäume, wie einer den anderen um ein Weniges
überragte, deutlich zu unterscheiden waren. Da schritten zu später
Nachmittagsstunde durch das Thor des alten, hohen Metzgerthurmes in
Rappoltsweiler zwei Spielleute und wanderten selbander den Weg in das
Strengbachthal hinein, wo zu ihrer Rechten sich braune Felsen erhoben,
ihre Ecken und Spalten von kriechendem Eichengesträuch umgrünt und die
Vorsprünge hie und da mit einer sturmzerzausten Kiefer bewachsen, die
mit klammernden Wurzeln ihren hart erkämpften Stand behauptete.
Der eine der beiden Wanderer war von hohem, starkem Gliederbau, auf dem
ein mächtiger Kopf saß mit grauem Langhaar und Langbart und buschigen
Brauen über den gutmüthig blickenden Augen. Das war der allem fahrenden
Volk im Wasgau gebietende Pfeiferkönig Hans Loder, der Trumpeter. Der
Andere war ein alter, treuer Kumpan von ihm, Namens Syfritz, einer der
vier Weibel, die des Pfeiferkönigs Helfer und Berather in der Ausübung
seiner Machtvollkommenheit und seine Beisitzer im Pfeifergericht
waren. Er war von hagerer, aber sehniger Gestalt mit wettergebräuntem,
bartlosem Gesicht, das einen entschiedenen und zugleich verschmitzten
Ausdruck hatte. Ein Spielwerk, dessen sich der Trumpeter in seiner
Königswürde nur noch bei besonderen Gelegenheiten bediente, hatte
keiner von beiden mitgenommen, denn auf Musikmachen zogen sie nicht
aus. Syfritz sollte zu der Kapelle am Dusenbach gehen und mit dem
Messner die Vorbereitungen zu der nächstens dort stattfindenden
kirchlichen Feierlichkeit verabreden, und Loder begleitete ihn nur
ein Stück Weges, um ihm die Verhaltungsmaßregeln für den Sakristan
noch einmal gehörig einzuschärfen, damit an dem Tage Alles klippte und
klappte, weil, wie ihm Graf Schmasman mitgetheilt hatte, dieses Mal
mehr adlige Herrschaften als sonst bei dem Fest erscheinen würden.
Im gemächlichen Gehen hatten sie das Nöthige zur Genüge mit einander
beredet, und ihr Gespräch hatte sich im Anschluß daran auf einzelne
Fälle gelenkt, die zur Entscheidung bei dem am dritten Tage des Festes
abzuhaltenden Pfeifergericht vorläufig angemeldet waren. Diese Fälle
bestanden zum größten Theil aus Streitigkeiten der Spielleute unter
sich, die endgültig ausgetragen werden sollten. Aber es liefen auch
stets aus anderen Kreisen Beschwerden über Fahrende wegen verübten
Unfugs, zugefügten Schadens, nicht erfüllter Verpflichtungen und mehr
dergleichen Vergehungen ein, die Sühne heischten und mit empfindlichen
Strafen gebüßt werden mußten.
Bis jetzt waren nur wenig Klagen bei dem Rechtsprechenden und seinen
Weibeln anhängig gemacht, denn die meisten wurden erst am Tage des
Gerichts erhoben. Über diese wenigen, ihnen schon bekannt gewordenen
Fälle hatten die Beiden hier im Strengbachthal ihre Meinungen
ausgetauscht, und Loder sagte: »Die Sache mit dem Muffel ist nicht eben
schlimm. Er ist ein Speivogel und Nichtsnutz, und seine Prügel hat er
als Abschlagszahlung für seinen Schelmenstreich weg; wir dürfen ihm
daher die Saiten nicht mehr allzu straff spannen.«
»Überhaupt, wie wollen sie ihm denn beweisen, daß er's mit Willen
gethan hat?« stimmte Syfritz ein.
»Das kommt auch noch dazu,« sagte Loder, »und wie mögen sie ihn gereizt
und geärgert haben! die anderen Drei sind die besten Brüder auch nicht.
Viel mehr gegen den Strich,« fuhr er fort, »geht mir die Geschichte mit
dem Seppele, der sein loses Lästermaul nicht halten kann und mit seinem
Spottliede wieder demselben Wirthe Schimpf und Schande angehenkt hat.
Er ist ein so kunstbewanderter Singer und Spieler, wie wir kaum einen
zweiten unter uns haben, aber dabei ein durchtriebener Schalksnarr, und
diesmal soll er nicht so leichten Kaufes von der Bank kommen wie bei
der vorigen Klage gegen ihn.«
»Wenn er nur nicht geschworener Mann des Herrn von Rathsamhausen wäre!«
gab Syfritz seinem Häuptling zu bedenken. »Bei dem gilt Seppele viel
und hat einen starken Rückhalt an ihm.«
»Mir ist das keine rothe Bohne werth,« erklärte Loder bestimmt, »darum
lasse ich ihn nicht einen Tag weniger im Thurme sitzen.«
Sie waren jetzt an den Weg gelangt, der rechts ansteigend in das enge,
schattige Dusenbachthal führte. Hier wollte Loder umkehren, als sie vom
Walde her hallende Schritte vernahmen. »Wer kommt da?« frug er.
Syfritz beugte sich vor und spähte durch die Bäume. »Es ist der junge
Graf Egenolf von Rappoltstein,« sagte er.
Da blieben sie stehen, bis der Herabkommende nahte.
»Grüß Gott, Hans!« rief Egenolf, sobald er den Pfeiferkönig erkannte.
»Zu Dir wollt' ich eben; hast Du ein wenig Zeit für mich?«
»Immer, Herr Graf, Tag und Nacht, nach Eurem Willen und Gefallen,«
erwiederte Loder, »und wenn Ihr zur Stadt wollt, so haben wir einen
Weg, ich gehe auch zurück.«
»Und, Syfritz, Du?« wandte sich der Graf an diesen.
»Ich muß zur Kapelle, Euer Gnaden,« antwortete der Spielmann.
»So sprich ein Vaterunser für mich mit, ich kann's brauchen,« sagte
Egenolf, und dann zu Loder: »Komm, Hans! ich habe einen Auftrag für
Dich.«
Die Beiden gingen langsam nach Rappoltsweiler zu, während Syfritz das
Dusenbachthal bergan schritt.
Vorerst sprachen sie beide nicht. Loder war zwar gespannt, von
welcher Art der Auftrag sein mochte, den der junge Herr für ihn im
Anschlag hatte, wartete indessen geduldig, bis dieser damit losdrücken
würde. Egenolf aber zögerte mit seiner Eröffnung und schien darüber
nachzusinnen, wie er den Alten füglich in sein Vorhaben einweihen
sollte. Endlich fing er an: »Hans, Du bist, seit ich denken kann,
mein Vertrauter, mein väterlicher Freund und Beschützer gewesen, und
ich verdanke Dir viel. Du hast mich auf Deinen Knieen und auf Deinen
Schultern reiten lassen, hast mich die Vögel und die Blumen und Kräuter
des Waldes kennen gelehrt, mir das Blasen und Fiedeln beigebracht,
hast mir manchen guten Rath gegeben, mich von dummen Streichen
zurückgehalten oder, wenn ich sie schon begangen hatte, sie wieder wett
zu machen gesucht. Heute möchte ich Dich um Deinen Beistand angehen zur
Ausführung einer von mir geplanten Überraschung, an deren Gelingen mir
sehr viel gelegen ist, die aber -- durchaus verschwiegen und geheim
bleiben muß.« Er stockte, als wüßte er nicht weiter oder wagte sich
nicht damit heraus.
»Ja, ich muß sie doch aber wissen, wenn ich Euch dabei helfen soll;
also faßt Euch ein Herz und sagt's!« ermuthigte ihn der Alte.
»Da hast Du Recht, Du mußt sie wissen, wenn Du mir dabei helfen
sollst,« sprach ihm Egenolf nach, »so höre denn! Ich habe neulich
einen Wolf geschossen, ein großes, starkes Thier, von dessen Streifen
im Forst mir ein Waldhüter gesagt und die Fährte gezeigt hatte. Den
habe ich geschossen und die Haut dem Kürschnermeister Güldner in
Rappoltsweiler geschickt, daß er sie mir zubereite zu einer Fußdecke,
vor's Bett zu legen, verstehst Du! Du verstehst doch?«
»Bis jetzt, ja! aber ich kann nicht rathen, wo Ihr damit hinwollt,«
sagte Loder. »Ihr habt auf dem Schlosse schon vor allen Betten
Thierfelle liegen, von Hirsch und Reh und Wildsau, von Luchs, Fuchs und
Wolf, und nun noch eins --«
»Nichts da!« unterbrach ihn Egenolf, »hier aufs Schloß soll sie nicht;
sie ist zum weichen, warmen Teppich für die Füßchen einer jungen Dame,
einer sehr schönen jungen Dame ausersehen --«
»Auf der Hohkönigsburg,« platzte Loder heraus.
»Mensch! -- woher weißt Du das?« rief der Graf und war ganz roth
geworden.
»Von den Hufspuren Eures Rosses, die ich letzter Zeit des Öfteren auf
dem Wege zur Hohkönigsburg fand; das Übrige bläst der Wächter,« sagte
Loder. »Ja, ja, ein Frauenhaar zieht stärker als ein hänfen Seil,«
fügte er mit listigem Schmunzeln hinzu.
»Bist mir also nachgeschlichen.«