IV.

Es war September geworden, und ein wolkenloser Himmel spannte sich

über den Bergen, deren Kuppen und Gipfel sich in der klaren Luft so

scharf von dem tiefen Blau abgrenzten, daß oben an ihrem Rande die

Laubkronen der einzelnen Bäume, wie einer den anderen um ein Weniges

überragte, deutlich zu unterscheiden waren. Da schritten zu später

Nachmittagsstunde durch das Thor des alten, hohen Metzgerthurmes in

Rappoltsweiler zwei Spielleute und wanderten selbander den Weg in das

Strengbachthal hinein, wo zu ihrer Rechten sich braune Felsen erhoben,

ihre Ecken und Spalten von kriechendem Eichengesträuch umgrünt und die

Vorsprünge hie und da mit einer sturmzerzausten Kiefer bewachsen, die

mit klammernden Wurzeln ihren hart erkämpften Stand behauptete.

Der eine der beiden Wanderer war von hohem, starkem Gliederbau, auf dem

ein mächtiger Kopf saß mit grauem Langhaar und Langbart und buschigen

Brauen über den gutmüthig blickenden Augen. Das war der allem fahrenden

Volk im Wasgau gebietende Pfeiferkönig Hans Loder, der Trumpeter. Der

Andere war ein alter, treuer Kumpan von ihm, Namens Syfritz, einer der

vier Weibel, die des Pfeiferkönigs Helfer und Berather in der Ausübung

seiner Machtvollkommenheit und seine Beisitzer im Pfeifergericht

waren. Er war von hagerer, aber sehniger Gestalt mit wettergebräuntem,

bartlosem Gesicht, das einen entschiedenen und zugleich verschmitzten

Ausdruck hatte. Ein Spielwerk, dessen sich der Trumpeter in seiner

Königswürde nur noch bei besonderen Gelegenheiten bediente, hatte

keiner von beiden mitgenommen, denn auf Musikmachen zogen sie nicht

aus. Syfritz sollte zu der Kapelle am Dusenbach gehen und mit dem

Messner die Vorbereitungen zu der nächstens dort stattfindenden

kirchlichen Feierlichkeit verabreden, und Loder begleitete ihn nur

ein Stück Weges, um ihm die Verhaltungsmaßregeln für den Sakristan

noch einmal gehörig einzuschärfen, damit an dem Tage Alles klippte und

klappte, weil, wie ihm Graf Schmasman mitgetheilt hatte, dieses Mal

mehr adlige Herrschaften als sonst bei dem Fest erscheinen würden.

Im gemächlichen Gehen hatten sie das Nöthige zur Genüge mit einander

beredet, und ihr Gespräch hatte sich im Anschluß daran auf einzelne

Fälle gelenkt, die zur Entscheidung bei dem am dritten Tage des Festes

abzuhaltenden Pfeifergericht vorläufig angemeldet waren. Diese Fälle

bestanden zum größten Theil aus Streitigkeiten der Spielleute unter

sich, die endgültig ausgetragen werden sollten. Aber es liefen auch

stets aus anderen Kreisen Beschwerden über Fahrende wegen verübten

Unfugs, zugefügten Schadens, nicht erfüllter Verpflichtungen und mehr

dergleichen Vergehungen ein, die Sühne heischten und mit empfindlichen

Strafen gebüßt werden mußten.

Bis jetzt waren nur wenig Klagen bei dem Rechtsprechenden und seinen

Weibeln anhängig gemacht, denn die meisten wurden erst am Tage des

Gerichts erhoben. Über diese wenigen, ihnen schon bekannt gewordenen

Fälle hatten die Beiden hier im Strengbachthal ihre Meinungen

ausgetauscht, und Loder sagte: »Die Sache mit dem Muffel ist nicht eben

schlimm. Er ist ein Speivogel und Nichtsnutz, und seine Prügel hat er

als Abschlagszahlung für seinen Schelmenstreich weg; wir dürfen ihm

daher die Saiten nicht mehr allzu straff spannen.«

»Überhaupt, wie wollen sie ihm denn beweisen, daß er's mit Willen

gethan hat?« stimmte Syfritz ein.

»Das kommt auch noch dazu,« sagte Loder, »und wie mögen sie ihn gereizt

und geärgert haben! die anderen Drei sind die besten Brüder auch nicht.

Viel mehr gegen den Strich,« fuhr er fort, »geht mir die Geschichte mit

dem Seppele, der sein loses Lästermaul nicht halten kann und mit seinem

Spottliede wieder demselben Wirthe Schimpf und Schande angehenkt hat.

Er ist ein so kunstbewanderter Singer und Spieler, wie wir kaum einen

zweiten unter uns haben, aber dabei ein durchtriebener Schalksnarr, und

diesmal soll er nicht so leichten Kaufes von der Bank kommen wie bei

der vorigen Klage gegen ihn.«

»Wenn er nur nicht geschworener Mann des Herrn von Rathsamhausen wäre!«

gab Syfritz seinem Häuptling zu bedenken. »Bei dem gilt Seppele viel

und hat einen starken Rückhalt an ihm.«

»Mir ist das keine rothe Bohne werth,« erklärte Loder bestimmt, »darum

lasse ich ihn nicht einen Tag weniger im Thurme sitzen.«

Sie waren jetzt an den Weg gelangt, der rechts ansteigend in das enge,

schattige Dusenbachthal führte. Hier wollte Loder umkehren, als sie vom

Walde her hallende Schritte vernahmen. »Wer kommt da?« frug er.

Syfritz beugte sich vor und spähte durch die Bäume. »Es ist der junge

Graf Egenolf von Rappoltstein,« sagte er.

Da blieben sie stehen, bis der Herabkommende nahte.

»Grüß Gott, Hans!« rief Egenolf, sobald er den Pfeiferkönig erkannte.

»Zu Dir wollt' ich eben; hast Du ein wenig Zeit für mich?«

»Immer, Herr Graf, Tag und Nacht, nach Eurem Willen und Gefallen,«

erwiederte Loder, »und wenn Ihr zur Stadt wollt, so haben wir einen

Weg, ich gehe auch zurück.«

»Und, Syfritz, Du?« wandte sich der Graf an diesen.

»Ich muß zur Kapelle, Euer Gnaden,« antwortete der Spielmann.

»So sprich ein Vaterunser für mich mit, ich kann's brauchen,« sagte

Egenolf, und dann zu Loder: »Komm, Hans! ich habe einen Auftrag für

Dich.«

Die Beiden gingen langsam nach Rappoltsweiler zu, während Syfritz das

Dusenbachthal bergan schritt.

Vorerst sprachen sie beide nicht. Loder war zwar gespannt, von

welcher Art der Auftrag sein mochte, den der junge Herr für ihn im

Anschlag hatte, wartete indessen geduldig, bis dieser damit losdrücken

würde. Egenolf aber zögerte mit seiner Eröffnung und schien darüber

nachzusinnen, wie er den Alten füglich in sein Vorhaben einweihen

sollte. Endlich fing er an: »Hans, Du bist, seit ich denken kann,

mein Vertrauter, mein väterlicher Freund und Beschützer gewesen, und

ich verdanke Dir viel. Du hast mich auf Deinen Knieen und auf Deinen

Schultern reiten lassen, hast mich die Vögel und die Blumen und Kräuter

des Waldes kennen gelehrt, mir das Blasen und Fiedeln beigebracht,

hast mir manchen guten Rath gegeben, mich von dummen Streichen

zurückgehalten oder, wenn ich sie schon begangen hatte, sie wieder wett

zu machen gesucht. Heute möchte ich Dich um Deinen Beistand angehen zur

Ausführung einer von mir geplanten Überraschung, an deren Gelingen mir

sehr viel gelegen ist, die aber -- durchaus verschwiegen und geheim

bleiben muß.« Er stockte, als wüßte er nicht weiter oder wagte sich

nicht damit heraus.

»Ja, ich muß sie doch aber wissen, wenn ich Euch dabei helfen soll;

also faßt Euch ein Herz und sagt's!« ermuthigte ihn der Alte.

»Da hast Du Recht, Du mußt sie wissen, wenn Du mir dabei helfen

sollst,« sprach ihm Egenolf nach, »so höre denn! Ich habe neulich

einen Wolf geschossen, ein großes, starkes Thier, von dessen Streifen

im Forst mir ein Waldhüter gesagt und die Fährte gezeigt hatte. Den

habe ich geschossen und die Haut dem Kürschnermeister Güldner in

Rappoltsweiler geschickt, daß er sie mir zubereite zu einer Fußdecke,

vor's Bett zu legen, verstehst Du! Du verstehst doch?«

»Bis jetzt, ja! aber ich kann nicht rathen, wo Ihr damit hinwollt,«

sagte Loder. »Ihr habt auf dem Schlosse schon vor allen Betten

Thierfelle liegen, von Hirsch und Reh und Wildsau, von Luchs, Fuchs und

Wolf, und nun noch eins --«

»Nichts da!« unterbrach ihn Egenolf, »hier aufs Schloß soll sie nicht;

sie ist zum weichen, warmen Teppich für die Füßchen einer jungen Dame,

einer sehr schönen jungen Dame ausersehen --«

»Auf der Hohkönigsburg,« platzte Loder heraus.

»Mensch! -- woher weißt Du das?« rief der Graf und war ganz roth

geworden.

»Von den Hufspuren Eures Rosses, die ich letzter Zeit des Öfteren auf

dem Wege zur Hohkönigsburg fand; das Übrige bläst der Wächter,« sagte

Loder. »Ja, ja, ein Frauenhaar zieht stärker als ein hänfen Seil,«

fügte er mit listigem Schmunzeln hinzu.

»Bist mir also nachgeschlichen.«

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 14 / 49 题