Ein hartes »Nein!« war ihre Antwort, -- »das ist Ritterdienst.«

»Allerdings, Ritterdienst!« fuhr er, sich vergessend, auf, besann sich

aber schnell und sagte: »Ja so! nun, dann muß der Knecht das Knie

beugen, damit die Herrin sich aufschwingt.« Er kniete nieder, sie

setzte den Fuß auf sein Knie und war mit behendem Schwunge im Sattel.

»Ich danke Euch,« sprach sie von oben, die Zügel ordnend.

»Wollt Ihr mir eine Gunst erweisen, Fräulein?« fragte er. -- »Schenkt

mir eine Blume aus Eurem Strauße.«

»Die habt Ihr verdient, Jägersmann!« sagte sie freundlich, suchte in

dem Strauße und reichte ihm ein vierblättriges Kleeblatt: »Hier! möge

es Euch Glück bringen! und nun -- Waidmanns Heil!«

»Waidmanns Dank!« erwiederte er.

Sie trabte davon. Er blickte ihr nach, so lange er sie sehen konnte,

und sprach dann lachend: »Auf Wiedersehen, schöne Gräfin von

Thierstein! Ihr werdet Augen machen, wenn Euch der Jägerknecht oben auf

Eurem Schlosse entgegentritt.« Dann schritt er in den Wald hinein. --

An diese Begegnung mußte Egenolf, wie er es seitdem schon so oft gethan

hatte, auch jetzt wieder denken, als er nach der Hohkönigsburg zu dem

Feste ritt, wo er die verirrte Reiterin zum ersten Male wiedersehen

sollte. Wie wird sie ihn empfangen?

Ehe noch die Messe in der Kapelle beendet war, erschien Egenolf auf

der Schwelle des Zimmers, von wo er die Anwesenden mit raschem Blick

überschaute. Dann schritt er schnurstracks auf Leontine zu, verneigte

sich vor ihr und begann: »Graf Egenolf von Rappoltstein bittet für

seine Versäumniß um Verzeihung, edle Gräfin von Thierstein; ich habe

mich auf der Jagd verspätet.«

»Ihr seid auch jetzt noch willkommen, Herr Graf,« erwiederte sie

verbindlich. »Von meinen Eltern werdet Ihr dasselbe hören, sobald sie

mit den übrigen Gästen aus der Kapelle zurückkommen.«

Plötzlich weiteten sich ihre Augen und richteten sich mit starrem

Blick auf die Brust des vor ihr Stehenden, wo sie ein an sein Wams

geheftetes vierblättriges Kleeblatt, schon etwas welk, entdeckt hatte.

»Was bedeutet das Vierblatt dort?« fragte sie erregt, ihm nun fest ins

Gesicht sehend.

»Das soll mir Glück bringen,« lächelte er. »Ich habe es von einer

holdseligen Waldfee, die beim Reiten den Weg verloren, weil ihr Roß auf

Irrkraut getreten hatte, wie Jägerweisheit behauptet.«

»Ihr -- Ihr waret der Jäger, der mich auf den Weg nach Sanct Pilt

gebracht hat?« sagte sie bestürzt, bis an die Stirnlocken erröthend.

»Ja, der war ich, gnädige Gräfin!«

»O mein Gott! und wie hab ich Euch behandelt!«

»Ganz nach Stand und Gebühr eines Solchen, der ich nach Eurer Schätzung

war.«

»Geht Ihr immer in so bescheidener Tracht auf die Pirsch wie neulich?«

»Ich wüßte nicht, warum ich es nicht thun sollte,« erwiederte er.

»Habt Ihr heute etwas getroffen?« fragte sie weiter.

»Einen starken Wolf hab ich erlegt, dem ich drei Tage lang nachgestellt

habe und den ich heute durchaus haben wollte,« gab er ihr ruhig zur

Antwort.

»Ihr -- einen Wolf geschossen?« sprach sie mit einem ungläubigen

Lächeln. »Nun, Waidleute lieben es ja wohl, allerhand Märlein zu

erzählen,« fügte sie schalkhaft hinzu.

Er verstand ihre Anspielung auf seinen vor ihren Augen gethanen

Fehlschuß, ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen und erwiederte:

»Aber manchmal sprechen sie auch die Wahrheit.«

»Wirklich? nun so sagt mir doch, warum Ihr Euch dort im Walde mir nicht

zu erkennen gegeben habt.«

»Weil ich mir zu gut in der Rolle eines Rappoltstein'schen Knechtes

gefiel, dem Ihr erlaubtet, das Knie vor Euch zu beugen, damit Ihr

wieder in den Sattel kamet, gnädige Gräfin!«

»Glaubt Ihr im Ernst, Herr Graf, ich wäre nicht auch ohne Eure Hilfe

vom Boden aus in den Sattel gekommen, wenn ich gewollt hätte? Mit

leichtem Sprunge wäre es gethan gewesen; ich bin geübt darin.«

»Und glaubt Ihr, ich hätte keinen Stein zum Aufsteigen für Euch

gefunden, wenn ich einen hätte finden wollen?«

Nun lachten sie beide herzlich, und aus beider Augen blitzte etwas, das

nicht aussah wie Haß und Verachtung.

Jetzt kamen die Wirthe mit ihren Gästen aus der Kapelle zurück,

und Egenolf hatte, nachdem er sich den Grafen Thierstein und ihren

Gemahlinnen vorgestellt und sich bei ihnen wegen seines Ausbleibens

entschuldigt hatte, eine Menge Bekannte zu begrüßen, ehe er seinem

Freunde Bruno von seinem Pirschgang berichten konnte.

Bald meldete der Herold, daß das Festmahl bereit sei, und die

Gesellschaft ordnete sich paarweise zum Zuge in den großen Rittersaal,

wo zwei lange Tafeln gedeckt standen, mit blinkenden Krystall- und

Silbergeräthen besetzt und mit Blumen geschmückt. Der Abt von St.

Pilt eröffnete den Reigen mit der Gräfin Margarethe und machte bei

Tisch der immer noch schönen Frau von hohem, schlankem Wuchs mit

weltmännischer Gewandtheit den Hof, soviel ihm dies sein geistliches

Ordenskleid erlaubte. Graf Oswald hatte Gräfin Herzelande und Schmasman

die Gemahlin des Grafen Wilhelm von Thierstein zu Tische geführt.

Burkhard hatte sich Frau von Müllenheim erkoren, mit der er sich

beständig zankte und doch vortrefflich unterhielt, weil sie seiner

schnell auflodernden Heftigkeit mit schlagfertigem Witz begegnete. Graf

Wilhelm von Rappoltstein hatte Frau Stephania von Rathsamhausen den Arm

geboten, und Leontine hatte sich selber Egenolf als Tischherrn gewählt,

-- »um Euch zu versöhnen,« sagte sie. Ihnen gegenüber fanden Imagina

und Isabella Platz, zwischen denen Bruno saß. Auch die übrigen Gäste

reihten sich nach Wahl und Belieben.

Das Mahl verlief in ungetrübter Fröhlichkeit. Die Männer tranken

sich fleißig gar edle Tropfen aus prächtigen Pokalen zu, die Frauen

lächelten, man plauderte und scherzte und ließ es sich wohl sein an den

reichversorgten Tischen der Hohkönigsburg, bis die vorgerückte Stunde

zum Aufbruch der Gäste mahnte. Die Meisten hatten keinen langen Weg zu

ihren Schlössern und nahmen weiter Wohnende zur Nachtherberge mit sich;

auch auf der Hohkönigsburg blieben einige in dazu bereit stehenden

Gastzimmern.

»Auf Wiedersehen!« sagte Egenolf, als er Leontinen zum Abschied die

Hand küßte, und »Auf Wiedersehen!« antwortete das Echo von ihrem

lächelnden Munde.

Als das ältere Thierstein'sche Ehepaar in seinem Schlafgemach allein

war, fragte Gräfin Margarethe ihren Gemahl: »Wie bist Du mit dem

heutigen Tage zufrieden, Oswald?«

»Nicht übel,« erwiederte der Graf, »obwohl ich Anfangs einige

mißvergnügte, um nicht zu sagen mißgünstige Gesichter bemerkte. Nicht

alle, Margarethe, die heute hier waren, sind uns hold und freundlich

gesinnt; Viele sind gewiß nur aus Neugier gekommen. Aber es war das

erste Mal, daß wir uns mit den Leuten sahen; beim nächsten Zusammensein

mit ihnen, wenn ich nicht den höflichen Wirth zu machen habe, sondern

als Gast mich frei bewegen kann, werde ich schon leichter mit ihnen

fertig werden. Am besten haben mir die Rappoltsteiner gefallen; was

ist der Schmasman mit seiner würdevollen, hohen Gestalt und seiner

vornehmen Erscheinung für ein ritterlicher Mann, außen und innen!«

»Und Gräfin Herzelande für eine kluge, liebenswürdige Frau mit ihren

früh gebleichten Haaren! sie ist von Geburt eine Gräfin Fürstenberg,«

fügte Margarethe hinzu. »Und Graf Egenolf? was hältst Du von dem?«

»Seines ritterlichen Vaters ritterlicher Sohn,« sagte der Graf.

»Auch Graf Wilhelm von Rappoltstein ist ein Mann, den man für voll

nehmen muß; er hat etwas Entschlossenes, Kriegerisches an sich,

das Einem Achtung einflößt. Das ist ein ganz anderer Schlag als die

Rathsamhausen. Der Burkhard ist ein trotziger Gesell; mehr als einmal

traf mich aus seinen unstäten Augen ein geradezu feindlicher, drohender

Blick.«

»Seine Gattin, Frau Stephania, scheint mir eine liebe, herzensgute

Frau zu sein. Ihres Geschlechts ist sie eine Gräfin Leiningen von der

Dagsburg, wie ich von Imagina erfahren habe.«

»Du scheinst ja schon ziemlich genau über die Familienverhältnisse

hier unterrichtet zu sein,« lachte der Graf. »Imagina, das ist die

hübsche Blonde, die so munter plaudern und so silberhell lachen kann,

die Gemahlin Kaspars, des jüngsten Rappoltstein? richtig! Übrigens,«

fuhr er fort, »hat uns der älteste, Schmasman, zum Pfeifertag nach

Rappoltsweiler eingeladen.«

»Zum Pfeifertag? was ist das?« fragte Margarethe.

»Die fahrenden Leute im ganzen Elsaß,« erklärte ihr Graf Oswald,

»haben schon vor mehr als hundert Jahren eine Bruderschaft unter sich

geschlossen, die sich vom Hauenstein im Jura bis zum Hagenauer Forst

und von den Firsten des Wasigen bis zum Rhein erstreckt. Sie haben ihre

eigenen Privilegien und Satzungen, die ihnen Kaiser Karl IV. urkundlich

bestätigt hat. Immer der älteste Graf von Rappoltstein ist ihr Schutz-

und Lehnsherr, und sie haben einen Pfeiferkönig, der selber Spielmann

sein muß und dem sie unterthänig und unbedingt gehorsam sind. Jährlich

am Tage von Mariä Geburt -- denn die Jungfrau Maria vom Dusenbach ist

ihre Schutzheilige -- feiern sie in Rappoltsweiler ein großes Fest, bei

dem sie sich Alle versammeln und auch Gericht über sich halten. Dazu

hat Schmasman uns und mehrere unserer heutigen Gäste eingeladen.«

»Du hast doch zugesagt?«

»Selbstverständlich und mit Freuden!« bestätigte Graf Oswald. »Das

ist eine gute Gelegenheit, mich dem gemeinen Volke zu zeigen und auch

unsern werthen Standesgenossen meinen Rang und meine Stellung etwas

deutlicher vor Augen zu führen, als ich dies heute vermochte.«

»Vorsichtig, Oswald!« rieth Gräfin Margarethe, »wir sind noch neu unter

ihnen, und Du kennst sie noch zu wenig.«

»Mich kennen sie auch noch nicht; darum sollen sie mich nun ehestens

kennen lernen,« erwiederte der Graf gereizt.

Danach sprachen beide kein Wort mehr, denn ein nach den Anstrengungen

des Tages wohlverdienter Schlaf schloß ihnen Mund und Augen.

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 13 / 49 题