Eine Stunde nach dem Aufbruch der Seinigen von der St. Ulrichsburg
stieg auch der junge Graf Egenolf von Rappoltstein dort zu Pferde,
um ihnen nach der Hohkönigsburg zu folgen. Seine Jagd war glücklich
verlaufen; er hatte einen starken Wolf, dem er in den ausgedehnten
Forsten drei Tage lang auf der Spur gewesen war, erlegt, ihn selbst
abgehäutet und das Fell einem Kürschner in Rappoltsweiler zur
Zubereitung übergeben, war also in frohester Stimmung.
Anfangs, so lange der Weg noch eben war, trabte er scharf zu, bald
aber, als er in den Wald kam und es bergan ging, ritt er langsam
und überließ sich träumenden Gedanken. Es war eine sehr ergötzliche
Erinnerung, die ihn jetzt beschäftigte, die Erinnerung an ein
liebliches Abenteuer, das er hier im Walde vor Kurzem erlebt hatte.
Er pirschte eines Morgens auf allerlei Raubzeug und schlich spähend und
lauschend durch das Dickicht, als er plötzlich dumpfen Hufschlag zu
vernehmen glaubte. Er blieb stehen und horchte, aber jetzt war Alles
wieder still. Mit einem Male rief eine helle, zweifellos eine weibliche
Stimme: »Sanct Hippolyt!« und siehe da! das Echo antwortete deutlich:
»Sanct Hippolyt!« Dann wieder die Stimme in singendem Tone: »Zeig' mir
den Weg!« und das Echo wiederholte: »Zeig' mir den Weg!« Die Rufende,
der das neckische Spiel offenbar Vergnügen machte: »Den Weg zu Dir!«
und das gefällige Echo: »Den Weg zu Dir!« Jetzt rief Egenolf selbst,
den Klang der Stimme so gut wie möglich nachahmend: »Wart', ich komme
zu Dir!« Alles schwieg, auch das Echo, denn von des Rufers Standpunkt
aus konnte es nach den natürlichen Gesetzen des Schalles nicht zu ihm
zurücktönen. Nun eilte er durch das Gebüsch in der Richtung, von der
aus die Worte erklungen waren, und fand dort mitten im Walde eine junge
Dame zu Pferde halten, die er nicht kannte. Sobald sie seiner ansichtig
wurde, redete sie ihn, der in schlichtester Jägertracht und mit Spieß
und Armbrust bewehrt war, zuerst an indem sie vom Pferde herab sprach:
»Ihr kommt zur rechten Zeit, guter Freund! wißt Ihr den Weg nach Sanct
Pilt?«
»O ja!« erwiederte er, »aber in dieser Gegend ist er nicht zu finden.«
»So zeigt ihn mir!« befahl sie.
Egenolf sah sich die Reiterin jetzt genauer an. Sie war eine vornehme
Erscheinung in geschmackvoller Kleidung, saß sehr gut im Sattel und
hielt in der Rechten eine wuchtige Reitgerte; am Gürtel hing ihr ein
langes Waidmesser. Sie gefiel ihm ausnehmend, und eben, weil er sie
nicht kannte, konnte sie Niemand anders sein, als die junge Gräfin von
Thierstein, die er noch nie gesehen hatte, weil sie erst kürzlich mit
ihren Eltern nach der Hohkönigsburg gekommen war. Alle anderen adligen
Fräulein in der ganzen Umgegend waren ihm von Ansehen bekannt. So war
er im Vortheil gegen die ihm vom Zufall Schutzbefohlene; er wußte,
wer sie war, aber sie schien seine Abstammung von einem der edelsten
Geschlechter des Landes nicht zu ahnen.
»Ihr seid hier falsch, Fräulein! Sanct Pilt liegt dort hinaus,« sprach
er. »Euer Pferd muß auf Irrkraut getreten haben; dann verliert man den
Weg und verirrt sich.«
»Jägerweisheit!« spottete sie. »Geht voraus und führt!«
Egenolf that wie ihm geheißen und suchte die bequemsten Stellen zum
Reiten zwischen den Bäumen aus. Die Reiterin folgte ihm schweigend,
denn sie hatte mit dem Lenken ihres Pferdes zu thun. Bald aber rief sie
ihren Führer an: »He! Waidmann! Ihr steht wohl im Dienste der Grafen
von Rappoltstein?«
Es belustigte ihn, daß sie ihn für einen Jägerknecht hielt, was in
Anbetracht seines Äußeren in dem schon etwas abgetragenen Lederkoller
mit Kragen und Kappe, deren großer Schirm ihr sein Gesicht vom Sattel
aus halb verdeckte, nicht eben zu verwundern war. Und da es ihn reizte,
sie in dem Wahne zu lassen, um sich bei seiner bevorstehenden Begegnung
mit ihr auf der Hohkönigsburg an ihrer Verlegenheit weiden zu können,
gab er ihr, sich zu ihr umwendend, in unterwürfigem Tone zur Antwort:
»Zu dienen, Fräulein! ich bin des Herrn Grafen Maximin von Rappoltstein
leibeigener Mann.«
»Maximin?« fragte sie, »ich denke, Schmasman heißt er.«
»Ja, so wird er gewöhnlich genannt, das ist dasselbe,« sagte er und
schritt nun nicht mehr vor, sondern neben dem Pferde her.
»Soll ein sehr angesehener und holdseliger Herr sein, ein tapferer
Ritter, aber von feinsinniger Art und mildem Gemüth, wie ich hörte. Ihr
habt es gewiß nicht schlecht bei ihm, wie?«
»Ich kann über die Behandlung nicht klagen; er hält seine Leute
gut, und wir dienen ihm gern,« erwiederte der vermeinte gräfliche
Gefolgsmann. Um aber dem Gespräch, dessen Fortsetzung in diesem Gleise
leicht zu einer Entdeckung seiner wahren Herkunft führen konnte, eine
andere Wendung zu geben, fragte er: »Ihr wollt nach Sanct Pilt?«
»Ja, wohin sonst bringt Ihr mich denn, Rappoltstein'scher Spießträger?«
entgegnete sie launig. »Den Abt will ich sprechen.«
»Also hoch zu Rosse zum Beichtstuhl. Das laß ich mir gefallen, ist aber
etwas ungewöhnlich.«
»Was geht es Euch an, Jäger!« verwies sie ihn herrisch, »und wer sagt
Euch, daß ich beichten will? Sehe ich aus wie eine arme Sünderin, die
ein schlechtes Gewissen hat?«
»Nichts für ungut, Fräulein! hab Euch darauf noch nicht angeschaut,«
entschuldigte er sich. »Aber,« fuhr er, wie mißbilligend mit dem
Kopfe schüttelnd fort, »so ganz allein und einsam hier im tiefen
Walde, wo Ihr nicht einmal Bescheid wißt? Es ist hier nicht immer ganz
geheuer, und Ihr seid eine verführerisch schöne --, ich wollte sagen,«
verbesserte er sich schnell, als ihn ein strenger Blick von ihr traf,
»Ihr habt da sehr schöne Steine an Eurem Gürtel.«
»Wollt Ihr mir etwa bange machen? das wird Euch nicht glücken, mein
Lieber!« lachte sie. »Ich bin, wie Ihr seht, nicht wehr- und waffenlos
und fürchte mich nicht vor Euch, das will ich Euch beweisen.« Und ehe
er sich dessen versah, war sie aus dem Sattel zur Erde gesprungen, warf
ihm den Zügel ihres Pferdes zu und sagte: »Da! führt meine Daphne! ich
will zu Fuß mit Euch wandern.«
Jetzt, als sie ihm zur Seite schritt, merkte er erst recht, wie hoch
und kräftig ihre Gestalt war, nur wenig kleiner als er. Sie gingen
schweigend dahin im stillen Walde, durch dessen sanft bewegtes Laub die
Sonnenstrahlen blitzten, daß auf dem dichten Grün des Bodens goldene
Lichter tanzten und flirrten. Die Drosseln und Finken schlugen, und die
Bienen summten, und die zwei jungen, blühenden Menschenkinder hingen
ihren Gedanken nach, die wohl sehr verschiedenen Inhalts sein mochten.
»Gebt einmal Eure Armbrust her!« gebot jetzt die abgesessene Reiterin.
Er reichte sie ihr und beobachtete mit Freuden, wie leicht und sicher
sie mit den richtigen Griffen den stählernen Bogen spannte. »Und einen
Bolzen!« Dann blickte sie zu den hohen Wipfeln empor. »Nichts zu
sehen, und einen Singvogel schieße ich nicht. Was soll ich treffen?«
»Den Mistelbusch dort oben im Wipfel der Birke.«
Sie zielte und schoß. Der Bolzen ging mitten durch die Mistel.
»Gut gemacht!« lobte er, »also Jägerin seid Ihr auch.«
»Ja, -- auch!« sagte sie kurz und gab ihm die Armbrust zurück. »Nun
zeigt Ihr Eure Kunst! -- den Tannzapfen dort!«
Er schoß und fehlte.
Da lachte sie: »Nun, Jäger, wenn Ihr den hängenden Tannzapfen nicht
trefft, ist wohl flüchtiges Wild ziemlich sicher vor Euch?«
»Der um meinen Arm geschlungene Zügel Eures Pferdes hinderte mich am
ruhigen Zielen,« erwiederte er halb ärgerlich, halb beschämt.
»Daphne stand baumstill,« behauptete sie und fragte dann: »Wie weit ist
es noch von hier bis Sanct Pilt?«
»Wir werden bald zu einem Wege gelangen, auf dem Ihr traben könnt, und
dann seid Ihr in einer Viertelstunde an der Abtei. Aber wie wollt Ihr
wieder in den Bügel kommen?«
Ein spöttischer Zug umspielte ihren Mund auf seine sie sehr thöricht
dünkende Frage, und ein Lachen verbeißend sprach sie: »Das wird
allerdings schwer halten, ich denke, von einem großen Steine kann ich
wieder hinaufklettern, meint Ihr nicht?«
»Ja, wenn es nur hier große Steine gäbe!«
»Das ist Eure Sache, einen zu finden; gebt Acht darauf!« erwiederte
sie und wandte sich dann seitwärts, um sich eine Glockenblume zu
brechen. Sie pflückte sich im Gebüsch allmählich einen ganzen Strauß
von Waldblumen zusammen ohne sich um den Leiter ihres Rosses weiter zu
kümmern.
Endlich kamen sie zu dem Wege. »Hier ist der Weg,« rief er ihr zu, »von
hieraus könnt Ihr nicht mehr fehlen, denn er führt Euch zur Abtei von
Sanct Pilt.«
»Ja, der Weg ist gut zum Traben,« sprach sie, »aber wo ist der Stein,
von dem ich aufs Pferd steigen könnte?«
Egenolf zuckte die Achseln. Sie stand schon neben dem Pferde. »Soll ich
Euch in den Sattel heben?« fragte er.
Sie sah ihn mit flammenden Augen durchdringend an, sagte aber nur kühl
und gelassen: »Dazu bin ich Euch zu schwer.«