III.

Eine Stunde nach dem Aufbruch der Seinigen von der St. Ulrichsburg

stieg auch der junge Graf Egenolf von Rappoltstein dort zu Pferde,

um ihnen nach der Hohkönigsburg zu folgen. Seine Jagd war glücklich

verlaufen; er hatte einen starken Wolf, dem er in den ausgedehnten

Forsten drei Tage lang auf der Spur gewesen war, erlegt, ihn selbst

abgehäutet und das Fell einem Kürschner in Rappoltsweiler zur

Zubereitung übergeben, war also in frohester Stimmung.

Anfangs, so lange der Weg noch eben war, trabte er scharf zu, bald

aber, als er in den Wald kam und es bergan ging, ritt er langsam

und überließ sich träumenden Gedanken. Es war eine sehr ergötzliche

Erinnerung, die ihn jetzt beschäftigte, die Erinnerung an ein

liebliches Abenteuer, das er hier im Walde vor Kurzem erlebt hatte.

Er pirschte eines Morgens auf allerlei Raubzeug und schlich spähend und

lauschend durch das Dickicht, als er plötzlich dumpfen Hufschlag zu

vernehmen glaubte. Er blieb stehen und horchte, aber jetzt war Alles

wieder still. Mit einem Male rief eine helle, zweifellos eine weibliche

Stimme: »Sanct Hippolyt!« und siehe da! das Echo antwortete deutlich:

»Sanct Hippolyt!« Dann wieder die Stimme in singendem Tone: »Zeig' mir

den Weg!« und das Echo wiederholte: »Zeig' mir den Weg!« Die Rufende,

der das neckische Spiel offenbar Vergnügen machte: »Den Weg zu Dir!«

und das gefällige Echo: »Den Weg zu Dir!« Jetzt rief Egenolf selbst,

den Klang der Stimme so gut wie möglich nachahmend: »Wart', ich komme

zu Dir!« Alles schwieg, auch das Echo, denn von des Rufers Standpunkt

aus konnte es nach den natürlichen Gesetzen des Schalles nicht zu ihm

zurücktönen. Nun eilte er durch das Gebüsch in der Richtung, von der

aus die Worte erklungen waren, und fand dort mitten im Walde eine junge

Dame zu Pferde halten, die er nicht kannte. Sobald sie seiner ansichtig

wurde, redete sie ihn, der in schlichtester Jägertracht und mit Spieß

und Armbrust bewehrt war, zuerst an indem sie vom Pferde herab sprach:

»Ihr kommt zur rechten Zeit, guter Freund! wißt Ihr den Weg nach Sanct

Pilt?«

»O ja!« erwiederte er, »aber in dieser Gegend ist er nicht zu finden.«

»So zeigt ihn mir!« befahl sie.

Egenolf sah sich die Reiterin jetzt genauer an. Sie war eine vornehme

Erscheinung in geschmackvoller Kleidung, saß sehr gut im Sattel und

hielt in der Rechten eine wuchtige Reitgerte; am Gürtel hing ihr ein

langes Waidmesser. Sie gefiel ihm ausnehmend, und eben, weil er sie

nicht kannte, konnte sie Niemand anders sein, als die junge Gräfin von

Thierstein, die er noch nie gesehen hatte, weil sie erst kürzlich mit

ihren Eltern nach der Hohkönigsburg gekommen war. Alle anderen adligen

Fräulein in der ganzen Umgegend waren ihm von Ansehen bekannt. So war

er im Vortheil gegen die ihm vom Zufall Schutzbefohlene; er wußte,

wer sie war, aber sie schien seine Abstammung von einem der edelsten

Geschlechter des Landes nicht zu ahnen.

»Ihr seid hier falsch, Fräulein! Sanct Pilt liegt dort hinaus,« sprach

er. »Euer Pferd muß auf Irrkraut getreten haben; dann verliert man den

Weg und verirrt sich.«

»Jägerweisheit!« spottete sie. »Geht voraus und führt!«

Egenolf that wie ihm geheißen und suchte die bequemsten Stellen zum

Reiten zwischen den Bäumen aus. Die Reiterin folgte ihm schweigend,

denn sie hatte mit dem Lenken ihres Pferdes zu thun. Bald aber rief sie

ihren Führer an: »He! Waidmann! Ihr steht wohl im Dienste der Grafen

von Rappoltstein?«

Es belustigte ihn, daß sie ihn für einen Jägerknecht hielt, was in

Anbetracht seines Äußeren in dem schon etwas abgetragenen Lederkoller

mit Kragen und Kappe, deren großer Schirm ihr sein Gesicht vom Sattel

aus halb verdeckte, nicht eben zu verwundern war. Und da es ihn reizte,

sie in dem Wahne zu lassen, um sich bei seiner bevorstehenden Begegnung

mit ihr auf der Hohkönigsburg an ihrer Verlegenheit weiden zu können,

gab er ihr, sich zu ihr umwendend, in unterwürfigem Tone zur Antwort:

»Zu dienen, Fräulein! ich bin des Herrn Grafen Maximin von Rappoltstein

leibeigener Mann.«

»Maximin?« fragte sie, »ich denke, Schmasman heißt er.«

»Ja, so wird er gewöhnlich genannt, das ist dasselbe,« sagte er und

schritt nun nicht mehr vor, sondern neben dem Pferde her.

»Soll ein sehr angesehener und holdseliger Herr sein, ein tapferer

Ritter, aber von feinsinniger Art und mildem Gemüth, wie ich hörte. Ihr

habt es gewiß nicht schlecht bei ihm, wie?«

»Ich kann über die Behandlung nicht klagen; er hält seine Leute

gut, und wir dienen ihm gern,« erwiederte der vermeinte gräfliche

Gefolgsmann. Um aber dem Gespräch, dessen Fortsetzung in diesem Gleise

leicht zu einer Entdeckung seiner wahren Herkunft führen konnte, eine

andere Wendung zu geben, fragte er: »Ihr wollt nach Sanct Pilt?«

»Ja, wohin sonst bringt Ihr mich denn, Rappoltstein'scher Spießträger?«

entgegnete sie launig. »Den Abt will ich sprechen.«

»Also hoch zu Rosse zum Beichtstuhl. Das laß ich mir gefallen, ist aber

etwas ungewöhnlich.«

»Was geht es Euch an, Jäger!« verwies sie ihn herrisch, »und wer sagt

Euch, daß ich beichten will? Sehe ich aus wie eine arme Sünderin, die

ein schlechtes Gewissen hat?«

»Nichts für ungut, Fräulein! hab Euch darauf noch nicht angeschaut,«

entschuldigte er sich. »Aber,« fuhr er, wie mißbilligend mit dem

Kopfe schüttelnd fort, »so ganz allein und einsam hier im tiefen

Walde, wo Ihr nicht einmal Bescheid wißt? Es ist hier nicht immer ganz

geheuer, und Ihr seid eine verführerisch schöne --, ich wollte sagen,«

verbesserte er sich schnell, als ihn ein strenger Blick von ihr traf,

»Ihr habt da sehr schöne Steine an Eurem Gürtel.«

»Wollt Ihr mir etwa bange machen? das wird Euch nicht glücken, mein

Lieber!« lachte sie. »Ich bin, wie Ihr seht, nicht wehr- und waffenlos

und fürchte mich nicht vor Euch, das will ich Euch beweisen.« Und ehe

er sich dessen versah, war sie aus dem Sattel zur Erde gesprungen, warf

ihm den Zügel ihres Pferdes zu und sagte: »Da! führt meine Daphne! ich

will zu Fuß mit Euch wandern.«

Jetzt, als sie ihm zur Seite schritt, merkte er erst recht, wie hoch

und kräftig ihre Gestalt war, nur wenig kleiner als er. Sie gingen

schweigend dahin im stillen Walde, durch dessen sanft bewegtes Laub die

Sonnenstrahlen blitzten, daß auf dem dichten Grün des Bodens goldene

Lichter tanzten und flirrten. Die Drosseln und Finken schlugen, und die

Bienen summten, und die zwei jungen, blühenden Menschenkinder hingen

ihren Gedanken nach, die wohl sehr verschiedenen Inhalts sein mochten.

»Gebt einmal Eure Armbrust her!« gebot jetzt die abgesessene Reiterin.

Er reichte sie ihr und beobachtete mit Freuden, wie leicht und sicher

sie mit den richtigen Griffen den stählernen Bogen spannte. »Und einen

Bolzen!« Dann blickte sie zu den hohen Wipfeln empor. »Nichts zu

sehen, und einen Singvogel schieße ich nicht. Was soll ich treffen?«

»Den Mistelbusch dort oben im Wipfel der Birke.«

Sie zielte und schoß. Der Bolzen ging mitten durch die Mistel.

»Gut gemacht!« lobte er, »also Jägerin seid Ihr auch.«

»Ja, -- auch!« sagte sie kurz und gab ihm die Armbrust zurück. »Nun

zeigt Ihr Eure Kunst! -- den Tannzapfen dort!«

Er schoß und fehlte.

Da lachte sie: »Nun, Jäger, wenn Ihr den hängenden Tannzapfen nicht

trefft, ist wohl flüchtiges Wild ziemlich sicher vor Euch?«

»Der um meinen Arm geschlungene Zügel Eures Pferdes hinderte mich am

ruhigen Zielen,« erwiederte er halb ärgerlich, halb beschämt.

»Daphne stand baumstill,« behauptete sie und fragte dann: »Wie weit ist

es noch von hier bis Sanct Pilt?«

»Wir werden bald zu einem Wege gelangen, auf dem Ihr traben könnt, und

dann seid Ihr in einer Viertelstunde an der Abtei. Aber wie wollt Ihr

wieder in den Bügel kommen?«

Ein spöttischer Zug umspielte ihren Mund auf seine sie sehr thöricht

dünkende Frage, und ein Lachen verbeißend sprach sie: »Das wird

allerdings schwer halten, ich denke, von einem großen Steine kann ich

wieder hinaufklettern, meint Ihr nicht?«

»Ja, wenn es nur hier große Steine gäbe!«

»Das ist Eure Sache, einen zu finden; gebt Acht darauf!« erwiederte

sie und wandte sich dann seitwärts, um sich eine Glockenblume zu

brechen. Sie pflückte sich im Gebüsch allmählich einen ganzen Strauß

von Waldblumen zusammen ohne sich um den Leiter ihres Rosses weiter zu

kümmern.

Endlich kamen sie zu dem Wege. »Hier ist der Weg,« rief er ihr zu, »von

hieraus könnt Ihr nicht mehr fehlen, denn er führt Euch zur Abtei von

Sanct Pilt.«

»Ja, der Weg ist gut zum Traben,« sprach sie, »aber wo ist der Stein,

von dem ich aufs Pferd steigen könnte?«

Egenolf zuckte die Achseln. Sie stand schon neben dem Pferde. »Soll ich

Euch in den Sattel heben?« fragte er.

Sie sah ihn mit flammenden Augen durchdringend an, sagte aber nur kühl

und gelassen: »Dazu bin ich Euch zu schwer.«

Die Hohkönigsburg: Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau · 第 11 / 49 题