19. Februar 1674 Frieden mit England.

Holland ist zur See frei und kann mit Spanien und Österreich zur

Offensive übergehen; der weitere Landkrieg wird außerhalb der

Niederlande geführt.

[Illustration]

* * * * *

[Illustration]

Siebentes Kapitel.

Nebenkriege 1674-1688.

$Der französisch-holländische Krieg 1674-1678. Der schwedisch-dänische

Krieg 1675-1679. Kämpfe gegen die Barbaresken. Die Franzosen vor Genua

1684.$

Nach dem Frieden von Westminster setzte Holland mit Spanien und

Österreich verbündet den Kampf mit Frankreich fort. Durch die Parteinahme

anderer Mächte -- das Reich, Brandenburg, Schweden, Dänemark -- wird der

Krieg fast zu einem europäischen und bringt uns, wenn auch die

Kriegführung zur See nicht mehr die Rolle wie bisher spielt, zwei

wichtige Nebenkriege.

Der weitere Verlauf dieses Krieges -- $der zweite Eroberungskrieg

Ludwigs XIV$. $1672-1678$ --, von uns bis Ende 1673 (zuletzt Seite 351)

verfolgt, sei hier zusammengefaßt. Zunächst schloß sich (1674) der

=Große Kurfürst= wieder dem Kaiser an, als Österreich wirklich Ernst

machte, und auch das Reich erklärte den Krieg, nachdem Ludwig XIV. das

Bistum Trier überfallen hatte; die Bischöfe von Münster und Köln, vom

Reiche und Österreich bedroht, schlossen Frieden mit Holland und traten

zu den Gegnern Frankreichs.

Nun stellte =Ludwig= 4 Armeen auf: die erste unter =Condé= gegen

Holland und die spanischen Niederlande; die zweite unter =Turenne=

gegen Österreich und Brandenburg am Oberrhein; mit der dritten

bemächtigte er selbst sich der Franche-Comté; die vierte unter

=Schomberg= schützte die Provinz Roussillon gegen Spanien. Auf den

verschiedenen Kriegsschauplätzen wurde mit wechselndem Glück gefochten.

Im allgemeinen lag der Erfolg auf seiten Frankreichs -- jetzt schon

unter schrecklicher Verwüstung der deutschen Lande --, besonders als

der Große Kurfürst (1675) durch den Einfall der Schweden gezwungen

wurde, vom Rhein nach der Mark zurückzukehren (Fehrbellin).

=Schweden= hatte sich mit Frankreich verbündet, in der Hoffnung, so den

verlorenen Einfluß in Deutschland wieder zu gewinnen; nun aber trat

=Dänemark= auf die Seite Brandenburgs, um womöglich seine an Schweden

verlorenen Provinzen (Seite 240) zurückzuerhalten. Der Krieg zwischen

Schweden und Dänemark -- dieses durch eine holländische Flotte

unterstützt -- wurde auch wesentlich zur See ausgefochten.

Wenn nun auch Dänemark und Brandenburg Erfolge Schweden gegenüber

erzielten (Eroberung Pommerns; Einfall in Schonen; Niederbruch der

schwedischen Flotte), so blieben doch Österreich und das Reich am Rhein

im Nachteil, Oranien konnte nur eben Holland verteidigen und Spanien

war zu schwach, Frankreich ernstlich anzugreifen oder selbst nur seine

Niederlande zu schützen. =Spanien= mußte gleichzeitig gegen einen

=Aufstand in Sicilien= kämpfen, der von Frankreich durch die Flotte und

Landtruppen unterstützt wurde, hier traten holländische Seestreitkräfte

für Spanien ein; dem Kaiser hatte Ludwig einen neuen Feind in den

Türken geschaffen, die in Ungarn angriffen. Schließlich kam hinzu, daß

der Kaiser eifersüchtig und argwöhnisch auf den Erfolg Brandenburgs

sah. Anstatt im engsten Bunde mit ihm ganz Deutschland in den Kampf zu

rufen, um Franzosen, Schweden und Türken zurückzuschlagen, schloß er

den Frieden von Nymwegen (1678). Holland trat diesem bei, da ihm

Frankreich günstige Bedingungen stellte; es war durch den langen Krieg

erschöpft. Ludwig XIV. war ebenfalls zum Frieden geneigt; auch sein

Land hatte schwer gelitten, und seit Anfang 1678 drohte =England=, sich

zu den Gegnern zu gesellen. Karl II. hatte auf Drängen des Parlaments

ein Offensiv- und Defensiv-Bündnis mit Holland schließen und seine

Regimenter vom französischen Heere zurückziehen müssen; er rüstete nun

sogar gegen Frankreich. Die englische Nation sah, neben anderen

Eifersuchtsgründen, daß die französische Marine der eigenen überlegen

geworden war. Ludwig fürchtete nun zwar die Engländer zu Lande nicht,

aber zur See fühlte er sich doch den vereinigten Seemächten nicht

gewachsen. Er räumte deshalb Sicilien, verdoppelte aber seine Angriffe

gegen die spanischen Niederlande. Bisher hatte er diese wegen der

englischen Empfindlichkeit in Hinsicht auf die belgische Küste

geschont; jetzt brauchte er hierauf keine Rücksicht mehr zu nehmen und

bedrohte nun Holland dort, wo es ihn am meisten fürchtete; auch dies

bestärkte Hollands Neigung zum Frieden.

Der =Frieden von Nymwegen= (11. August 1678) bezeichnet die Höhe von

Ludwigs Macht. Die Hauptzeche mußten Spanien und das Reich zahlen.

Spanien verlor die Franche-Comté und weitere zwölf Städte seiner

Niederlande; der Kaiser gab die elsässischen Reichsstädte (Straßburg

ausgenommen) auf und trat Freiburg ab, welcher strategische Punkt

sofort durch Vauban stark befestigt wurde, ebenso blieb Lothringen

tatsächlich in Frankreichs Hand. Auch Brandenburg und Dänemark büßten

in dem von Ludwig diktierten Frieden (St. Germain und Fontainebleau

1679) mit Schweden die Früchte ihrer Erfolge wieder ein. Holland verlor

nur einige unwichtigere Kolonien, aber auf dem Festlande nichts; daß

jedoch dieser weitere Krieg nach 1674 ihm mittelbar großen Schaden

brachte, werden wir später sehen. Ludwig XIV. nutzte nun noch in den

nächsten Jahren die Schwäche des Reiches und Spaniens aus, indem er --

auf Grund der Rechtssprüche der berüchtigten =Reunionskammern= --

seinen Besitz im Elsaß, der Pfalz und den spanischen Niederlanden

erweiterte und befestigte, er nahm sogar mitten im Frieden Straßburg

weg.

Der französisch-holländische (-spanische) Krieg 1674-1678.

Nach dem Rücktritte Englands zog =Frankreich= seine Flotte vom Ozean

zurück; Ludwig hielt sie mit Recht noch nicht für leistungsfähig genug,

allein den Holländern gegenüberzutreten, und er faßte den Entschluß,

diesen die Herrschaft im Kanal und Atlantik zu überlassen. Hier wurde nur

ein geringer Teil der Seestreitkräfte zur Unterstützung der Verteidigung

wichtiger Küstenplätze bestimmt, die Hauptmacht zog man =im Mittelmeer=

zusammen, um den Landkrieg gegen Spanien zu unterstützen. Auch während

der folgenden Kriegsjahre stellten die Häfen am Atlantik weiter

Verstärkungen für das Mittelmeer, sonst nur kleinere Geschwader für

Westindien. =Holland= verminderte seine Rüstungen zur See, als man sich

jetzt dort nicht mehr unmittelbar bedroht sah. Wie wir wissen, war vor

dem Frieden mit England beschlossen, für 1674 eine besonders starke

Flotte -- 84 Linienschiffe -- in Dienst zu stellen; dieser Etat wurde im

April auf 54 Linienschiffe, 12 Fregatten und 18 Brander herabgesetzt. Die

dadurch gemachten Ersparnisse sollten verwendet werden, 10 Regimenter

(10700 Mann) zur Einschiffung für Expeditionen aufzustellen.

Nach de Jonge, Teil II, Beilage IX, sind tatsächlich ausgelaufen: 3

Schiffe zu 80 Kanonen; 6 zu 70; 14 zu 60-70; 26 zu 40-56, 10 Fregatten

zu 28-36 Kanonen; 15 Brander; 12 Bombenfahrzeuge und 66 kleinere

Fahrzeuge, Jachten und Transporter. Frieslands Kontingent fehlte wieder

wegen Geldmangels, auch waren in der Eile nur 6000-7000 Soldaten zu

beschaffen.

Man =beabsichtigte= nämlich, gleichzeitig unter Ruyter -- mit oder ohne

die hierzu zugesagte Unterstützung Spaniens --, Frankreich in seinen

aufblühenden Besitzungen Westindiens und seinem zunehmenden Handel dort

anzugreifen und unter Tromp gegen die französischen Küsten vorzugehen,

sich hier festzusetzen, um den Feind vom Landkriege abzuziehen. Diese

Pläne wurden sorgsam geheim gehalten; sie kamen aber dennoch zur Kenntnis

Ludwigs, da dieser für Spione und Verräter nie Geld sparte. Die

Gesamtflotte sammelte sich schon nach vier Wochen in den Wielingen, ging

am 24. Mai in See und ankerte am 8. Juni vor Torbay. Hier nahm Ruyter die

Teilung für die beiden Expeditionen vor und trat dann selbst mit dem

kleineren Teile schon an dem gleichen Tage die Reise nach Westindien an.

Da diese Expedition mit anderen Ereignissen in den Kolonien zusammen

besprochen werden soll, wenden wir uns zuerst Tromp zu.

$Tromp an der französischen Küste und im Mittelmeer[203] 1674.$ Tromps

Flotte setzte sich zusammen aus: 36 Linienschiffen und Fregatten (es

traten später noch einige hinzu), 9 Brandern, 12 Mörserbooten (hier für

Holland zum ersten Male erwähnt), zahlreichen kleinen Segeln und

Transportern; unter ihm kommandierten 3 Leutnant-, 3 Vize-, 3

Kontreadmirale; die Vorhut führte Leutnantadmiral Bankers, die Nachhut

Leutnantadmiral van Nes; 3000-4000 Soldaten unter dem Artilleriegeneral

Graf van Hoorn waren eingeschifft. Die Franzosen hatten für den Atlantik

nur 14 Linienschiffe in Dienst gestellt. Der Vizeadmiral des Atlantik

d'=Estrées= führte den Oberbefehl, er befand sich in Brest, die Schiffe

lagen aber getrennt in Brest, La Rochelle und Rochefort; sie haben sich

auch nicht vereinigt, sie hatten eben den Befehl, im Verein mit den

Landstreitkräften die Küste ihres Bezirkes zu verteidigen; später wurden

sie zu Angriffen auf den holländischen Handel verwendet.

[203] Hauptquellen: de Jonge, Teil II; »Vie de Tromp«. -- Bonfils; Jal:

»du Quesne«.

=Tromp= verließ erst am 18. Juni Torbay; 10 Tage hatte er auf Transporter

warten müssen, die Feldgeschütze und Kriegsmaterial brachten; ein übler

Vorgang für überraschendes Auftreten. Der Admiral hielt deshalb auch

Brest für in zu guten Verteidigungszustand gesetzt, um etwas gegen die

Stadt oder auch nur gegen die im Hafen liegenden Schiffe zu unternehmen.

So erschien er am 23. =vor der Insel Belle-Isle=; es wurde auf Vorschlag

Hoorns hier eine Landung beschlossen und, durch steife östliche Winde

verzögert, am 27. ins Werk gesetzt. Unter dem Feuer von 4 Fregatten gegen

einige Schanzen, die der Feind am günstigsten Landungsplatze aufgeworfen

hatte, wurde gelandet, der Gegner aus den Befestigungen vertrieben und

auf ein festes Schloß zurückgeworfen. Dieses aber war gut armiert (200

Kanonen?), hoch und so gelegen, daß die Schiffe es nicht unter Feuer

nehmen konnten, sowie durch reguläre Truppen nebst dem Aufgebot von Adel-

und Bauernmiliz der Küste stark besetzt. Die Stellung erwies sich als zu

fest; die Holländer schifften sich nach zwei Tagen wieder ein, nachdem

sie die ganze Insel durchstreift und viel Vieh für die Flotte

weggetrieben hatten.

[Illustration: Cornelis Tromp.]

Am 30. Juni ging Tromp wieder unter Segel, um die Küste zu beunruhigen

und einen geeigneteren Landungsplatz zu suchen. Als solcher wurde

=Noiremoutiers= ausersehen, eine Insel vor dem Loir, nur durch einen bei

Ebbe trockenfallenden Meeresarm vom Festlande getrennt. Auch hier wurde

die Landung trotz mancherlei Schwierigkeiten -- Schanzen am Strande; ein

Teil der Boote verfehlte den durch Bankers ausgesuchten Landungsplatz und

traf auf beschwerlichen steinigen Grund, Gewehre und Munition wurden

dabei naß -- und tapferer Gegenwehr ausgeführt; die schwache feindliche

Streitmacht räumte das Kastell (nur 17 Kanonen) und die Insel. Die

Holländer schufen sich hier eine Stellung, fest genug, um einem Angriff

vom Festlande her zu widerstehen; Abteilungen der Flotte erkundeten und

beunruhigten von hier aus die Küste, sie brachten auch manche Kauffahrer

und Fischer auf. Das war aber auch alles. Französischerseits war hier

gleichfalls überall die Bevölkerung unter Führung ihrer Edelleute

zu den Waffen gerufen und die Küstenplätze hatte man in guten

Verteidigungszustand gesetzt; die Holländer waren weder an

Seestreitkräften noch an Truppen stark genug, um etwas gegen die

Seestädte zu unternehmen oder um von Noiremoutiers aus den Krieg nach dem

Festlande hinüberzutragen. Nach drei Wochen (am 26. Juli) gab man den

gewonnenen Stützpunkt als unnütz wieder auf und =die Flotte segelte nach=

St. Sebastian (=Spanien=).

Hier wurden Tromp und Hoorn von der spanischen Regierung aufgefordert,

=ins Mittelmeer= zu gehen, um den Krieg in den Grenzprovinzen durch

Vertreibung der französischen Seestreitkräfte zu unterstützen. Im

Mittelmeer standen im August etwa 18 spanische Kriegsschiffe und 22

Galeren -- vermutlich nicht in bester Verfassung -- 22 Linienschiffen, 24

Galeren und 8 Brandern Frankreichs gegenüber; die französische Flotte war

nicht nur dem Landkriege schon von wesentlichem Nutzen gewesen, sie

bedrohte auch die spanischen Silberflotten und den Handel Hollands. Da

nun die Instruktion den holländischen Führern die Erlaubnis gab, mit

ihrer ganzen Flotte oder einem Teile ins Mittelmeer zu gehen, »falls es

sehr vorteilhaft erschiene«, so faßten sie einen dementsprechenden

Entschluß. Ein Geschwader von 15 Kriegsschiffen, 3 Brandern und 35

anderen Segeln wurde unter =van Nes im Atlantik= belassen, um weiter den

französischen Handel zu schädigen und die Küsten zu beunruhigen; auch die

Mörserboote ließ man zurück, sie hielten die Flotte auf und waren nur für

etwaige größere Bombardements mitgenommen. =Tromp= segelte mit 24

Kriegsschiffen, 5 Brandern und 14 der bessern anderen Fahrzeuge, auf

denen sich der größere Teil der Landungstruppen befand, am 9. August über

Cadiz =nach Barcelona=.

=Van Nes= blieb bis Anfang Oktober an der französischen Küste und ging

dann heim; besondere Ereignisse fanden in dieser Zeit nicht statt.

Die Franzosen blockierten diese Stadt und hatten Werke zur Belagerung

aufgeworfen; bei der Annäherung der Holländer wurden Blockade und

Belagerung schleunigst aufgegeben. Tromp segelte weiter nach der Bay von

=Rosas=. Hier hielten die Franzosen (jetzt scheinbar 28 Linienschiffe)

die Hauptflotte der Spanier fest, die bestimmt war, 7000 Mann zur

Unterdrückung des Aufstandes nach Sicilien überzuführen. Tromp hoffte

hier, vereinigt mit den Spaniern dem in Madrid gemeinsam gefaßten Plane

gemäß, zum Schlagen zu kommen (Ankunft 2. Oktober), aber auch diese

Blockade war von den Franzosen aufgegeben; die Spanier hatten sofort

Nutzen daraus gezogen und waren nach Sicilien abgegangen. Dieses

Imstichlassen seitens der Spanier empörte Tromp und Hoorn; ihre

Entrüstung wuchs, als die spanische Regierung nun das Ansinnen an sie

stellte, mit ihrer Flotte nach Sicilien zu gehen und bei der Wiedernahme

des empörten Messinas mitzuwirken.

Schon mit der Fahrt nach dem Mittelmeer überhaupt hatten die

holländischen Chefs eine große Verantwortung übernommen, und

tatsächlich wurde Tromp später von der Admiralität Amsterdam -- da der

Zug nur so wenig Erfolg gehabt -- wegen der dadurch veranlaßten

längeren Indienststellung der Schiffe zur Verantwortung (pekuniären)

gezogen; Oranien glich die Sache aus.

Trotzdem erklärten sie sich bereit, 1500 Mann zum Entsatz der belagerten

Stadt Rosas zu landen und einige Schiffe zu ihrer späteren

Rückbeförderung zurückzulassen. Die Flotte selbst ging =nach Holland= und

traf dort am 3. Dezember ein; die zurückgelassenen Schiffe folgten bald,

da die Franzosen gleich nach der Landung der Truppen die Belagerung der

Stadt abgebrochen hatten.

=Die Expedition Tromps hat also wenig Erfolg gehabt=; Die französische

Küste ist beunruhigt worden, aber nichts deutet darauf hin, daß hierdurch

französische Truppen von den östlichen Kriegsschauplätzen abgezogen

wurden; das verbündete Spanien ist aus einigen Verlegenheiten befreit;

das wichtigste Ergebnis war vielleicht, daß man Europa zeigte, wie trotz

des vorhergegangenen schweren Krieges die holländische Marine noch immer

der französischen gegenüber überlegen auftreten konnte. Aber entsprach

dieser Erfolg den Erwartungen, die man auf dies kostspielige Unternehmen

gesetzt hatte? Anstatt wie man geplant und gehofft, einen wichtigen

französischen Hafenplatz zu nehmen und zu halten oder doch die Schiffe

und Anlagen dort zu zerstören, mußte man sich mit der zeitweisen

Besetzung einiger unwichtiger Inseln begnügen. »Warum das eine und nicht

das andere geschah, ist dunkel,« sagt de Jonge. Als wahrscheinliche

Gründe führt derselbe Autor an: »Infolge des längeren Winters« -- diesen

Grund haben wir nun schon recht oft gehört -- »war die Flotte zu spät

fertig; trotz aller Geheimhaltung hatte Ludwig Kenntnis erhalten und

konnte Gegenmaßregeln treffen; man hatte auf eine Erhebung in der

Normandie und Bretagne gerechnet, die die eine oder die andere Stadt den

Holländern ausliefern sollte -- dies wurde rechtzeitig entdeckt und

unterdrückt. Daran endlich, daß nicht wenigstens der französischen

Seemacht im Mittelmeer ein schwerer Schlag zugefügt werden konnte, war

das Verhalten der Spanier schuld.« Alles dieses trifft wohl zu, man muß

aber doch sagen, daß das Hauptunternehmen gegen die französische Küste

mit weit stärkeren Mitteln hätte ins Werk gesetzt werden müssen; so hatte

es mehr den Charakter der Brandschatzungseinfälle in Feindesland älterer

Zeiten.

$Der Krieg in den Kolonien$ (Ruyter vor Martinique 1674; Kampf um

Guayana, Tabago und Westafrika 1676 und 77). =Ruyter=[204] war von Torbay

gleich nach der Teilung der Flotte am 8. Juni $1674$ in See gegangen, um

keine Zeit zu verlieren. Im Frieden von Westminster hatte Holland

Neu-Niederland (New York) an England abtreten müssen. Man betrachtete

dies mit Recht als einen großen Verlust für die Ausbreitung des Handels

und wünschte, durch Erweiterung der Kolonien in Westindien diesen Schaden

wieder wett zu machen. Die Eroberung französischer Besitzungen dort,

insbesondere =Martiniques=, schien dazu sehr geeignet; Ruyter selbst soll

gerade auf diese Insel hingewiesen haben.

[204] Hauptquellen: de Jonge, Teil II, und »Leben Ruyters«, in

letzterem der Bericht Ruyters über die Expedition mit genauen

Dispositionen für die Landung auf Martinique.

Das für Westindien bestimmte Geschwader bestand aus 18 Linienschiffen und

Fregatten, 6 kleineren Segeln, 6 Brandern und 24 Transportern mit

zusammen 1100 Kanonen, 4000 Matrosen, 3380 See- und Landsoldaten. Der

Admiral beschleunigte seine Reise in jeder Beziehung; so sandte er

einige der schnellsten Schiffe nach Teneriffa voraus, um dort alles zu

schneller Proviant- und Wasserergänzung vorzubereiten, auch ließ er durch

vier andere gute Segler langsame Fahrzeuge in Schlepp nehmen. In

Teneriffa verweilte er nur einen Tag (25. Juni) und traf am 19. Juli vor

Martinique ein. Es war einem vorausgesandten Schiffe gelungen, einige

Einwohner beim Fischen abzufangen; von ihnen erfuhr man, daß seit etwa

vier Wochen auf allen französischen Inseln Ankunft, Stärke und Absicht

der Holländer bekannt sei; die Besatzungen seien überall verstärkt, die

Schiffe (Kriegs- und Handelsfahrzeuge) unter den Schutz der Batterien

gebracht. Man beschloß im Kriegsrat, =Fort de France= als den wichtigsten

der drei Häfen der Insel anzugreifen. Sein Besitz war nötig, wenn man die

Insel dauernd halten wollte, seine Eroberung vom Lande her, falls man

zuerst einen andern Platz genommen, schwierig; hier lagen ferner die

wertvolleren Schiffe und hier waren am leichtesten Wasser und Brennholz

für die Flotte zu erhalten, endlich wußte man, daß die Befestigungen

dieses Punktes noch nicht ganz fertig waren. Am 20. schritt man zur

Landung und hatte anfangs Erfolg.

Ruyter hatte geplant, in den Hafen einzulaufen, doch zeigte sich die

Einfahrt für schwere Schiffe zu seicht, durch zwei versenkte Fahrzeuge

teilweise gesperrt und durch das Fort (20 Kanonen) sowie durch ein

Kriegs- und ein armiertes Kauffahrteischiff zu gut geschützt. Man mußte

deshalb in einer benachbarten Bucht, die aber auch durch das Fort und

die genannten Schiffe bestrichen werden konnte, landen und das Fort vom

Lande her angreifen. Nach einem schon auf der Reise ausgearbeiteten

Plane wurde unter dem deckenden Feuer der Schiffe mit allen Booten in

breiter Formation eine Brigade von 1000 Soldaten an Land geworfen; es

kostete schwere Verluste -- der Feind war 5 Kompagnien stark, der

Strand war steil, schlüpfrig und schmal -- aber es gelang, den Feind in

den Busch zu treiben, festen Fuß zu fassen und das Landen zweier

gleichstarker Abteilungen zu decken. Verstärkungen von Matrosen wurden

sofort nachgesandt und der Feind auch aus dem mit Verhauen gesperrten

Busch vertrieben. Die Stellung des Gegners beim Fort war jedoch stark,

begünstigt durch eine mit Infanterie besetzte Anhöhe; mehrere Stürme

wurden abgeschlagen, eine Umgehung, um das Fort in der Kehle

anzugreifen, wurde durch das Feuer der feindlichen Schiffe vereitelt.

In den Kämpfen fielen der Chef des Landungskorps, zwei Brigadeführer

und mehrere andere höhere Offiziere oder wurden verwundet: ein Teil der

Truppen ging fluchtartig nach den Booten zurück. Französische Berichte

sagen, viele Holländer hätten sich in Wein- und Branntweinmagazinen am

Strande betrunken.

Infolge großer Verluste aber, besonders an höheren Dienstgraden der

Soldaten, hielt Ruyter am Abend die Eroberung des Forts für unmöglich, ja

sogar das Landungskorps für gefährdet; er befahl deshalb die

Wiedereinschiffung, die dann während der Nacht in voller Ordnung vor sich

ging.

Nach diesem mißlungenen Versuch segelte der Admiral nach =Domingo=, um

Wasser aufzufüllen. Die Überzeugung, daß auch die andern Inseln zu gut

vorbereitet wären, das Vorhandensein der vielen Verwundeten an Bord, der

Mangel an Führern für das Landungskorps und endlich das Herannahen der

Orkanzeit bestimmten ihn, =nach Holland zurückzukehren=; er ließ 5

Schiffe in den westindischen Gewässern. Seine Reise nach Holland (Ankunft

30. September) wurde durch Stillen und Stürme verzögert; die Rationen

mußten herabgesetzt werden und die Flotte litt sehr unter Ruhr und

Skorbut.

Das =Mißlingen dieser Expedition= wird wiederum der zu späten

Seebereitschaft der Schiffe und dem Umstande zugeschrieben, daß der Feind

rechtzeitig Kenntnis erhielt. Dies braucht nicht allein eine Folge von

Verrat gewesen zu sein, die Ausrüstung der Flotte konnte kein Geheimnis

bleiben. Daß sich die Franzosen nicht nur auf einen Vorstoß gegen ihre

Küsten, sondern auch gegen ihre auswärtigen Besitzungen gefaßt machten,

ist nicht wunderbar, hatte doch gerade Ruyter im Jahre 1664 einen

ähnlichen Zug erfolgreich gegen englische Kolonien unternommen und die

alten Expeditionen der Engländer sowie eigene der Art gegen Spanien und

Portugal, seitdem die Kolonien eine Rolle spielten, waren wohl

unvergessen. Wäre es aber für Holland nicht richtiger gewesen, seine

Kräfte 1674 nicht zu zersplittern, die Expedition Ruyters stärker zu

machen oder die ganze Flotte gegen die französische Küste oder noch

besser gegen die feindlichen Seestreitkräfte im Mittelmeer zu verwenden?

Wir kommen darauf zurück.

Das Mißlingen der Unternehmung gegen Martinique im besonderen wird dem

Mangel an Kenntnis der Örtlichkeit zugeschrieben. Ein französischer

Edelmann, der auf der Insel gewohnt hatte, soll den Zug begleitet

haben, um Rat zu geben. Dieser äußerte sich später, man habe nicht auf

ihn gehört und einen sehr ungünstigen Landungsplatz gewählt.

Die $Pläne, Frankreich in Westindien zu schädigen$[205] und die eigene

Macht dort zu erweitern, wurden keineswegs aufgegeben; die Provinzen von

Holland, besonders Amsterdam, legten großen Wert darauf. $1676$ gründete

eine von Amsterdam ausgerüstete Expedition in =Guyana= am Cyapoco eine

Niederlassung (Oranje), doch wurde diese bereits nach 9 Monaten eine

Beute der Franzosen in Cayenne. In demselben Jahre wurde aber noch ein

zweites Unternehmen gegen französische Besitzungen ins Werk gesetzt.

Unter =Jacob Binckes= eroberte ein Geschwader von 3 Linienschiffen, 3

Fregatten und 3 Jachten -- ausgerüstet unter dem Vorwande, den Handel im

Mittelmeer zu schützen -- nebst einem Transporter mit 700 Soldaten das

=Fort Cayenne= (Mai 1676); diese Kolonie wurde mit 200 Soldaten besetzt.

Auch die Insel Marie Galante wurde genommen, man brandschatzte sie aber

nur und führte alle brauchbaren Sachen, sogar die Sklaven hinweg, um sie

zur Besiedlung von =Tabago= zu verwenden. Ein Anschlag auf Guadeloupe

mißlang infolge Herankommens einiger starker Linienschiffe von Martinique

-- 1675 war ein kleines Geschwader unter de Grancey von La Rochelle nach

den Antillen gesandt --, mit denen man ein scharfes Gefecht zu bestehen

hatte. Endlich brandschatzte Binckes noch St. Martin und nahm einige

bewaffnete Kauffahrer an der Nordküste von Domingo. Dann führte er seine

Hauptaufgabe aus, die Inbesitznahme Tabagos. Hier hatte schon 1655 eine

aufblühende holländische Kolonie bestanden, sie war aber, im vorletzten

Kriege verschiedentlich den Herrn wechselnd, verwüstet und fast ganz

wieder verlassen. Binckes brachte nun holländische Pflanzer anderer

Inseln dorthin, landete seine Truppen und setzte die alten Befestigungen

wieder instand; es sollte auch sofort der Kampf um die Insel beginnen.

[205] Hauptquellen: de Jonge, Teil II, dort auch genauere Angaben über

die beiderseitigen Streitkräfte; Chab.-Arnault; Bonfils.

Ludwig XIV. sandte schon im Oktober 1676 ein Geschwader aus, um Cayenne

zurückzuerobern, Tabago zu nehmen und auch sonst Beute zu machen. Admiral

=d'Estrées=, eifersüchtig auf die von du Quesne im Mittelmeer errungenen

Lorbeeren, hatte den Anstoß dazu gegeben und selbst einen Teil der Kosten

beigetragen; er führte den Oberbefehl. Ende Dezember nahm er leicht

Cayenne und Oranje, er erschien dann am 20. Februar 1677 =vor Tabago=.

Binckes hatte seine Ankunft in Westindien erfahren, war aber zu schwach,

ihm auf See entgegenzutreten. D'Estrées' Geschwader bestand aus 7

Linienschiffen, 3 Fregatten, 3 Jachten und 1 Brander, auch waren die

französischen Linienschiffe weit mächtiger, alle Schiffe weit stärker

bemannt und auf ihnen 450 Soldaten sowie 400 Freiwillige von den

französischen Inseln eingeschifft. Als eins der ersten Beispiele

derartiger Kämpfe um Kolonien, von dem genauere Angaben vorliegen, sei

etwas näher auf diese Aktion eingegangen; sie wird außerdem in der

Geschichte der holländischen Marine mit Recht als eine hervorragende

Waffentat angesehen.

=Binckes= hatte wegen Mangels an Material und wegen der

vorhergegangenen Regenzeit das Fort noch nicht völlig herstellen

können. Die Lage war aber günstig, an Busch und Morast gelehnt; zur

Bestreichung der Bucht war noch eine behelfsmäßige Batterie vor dem

Fort gebaut. Da die Besatzung ungenügend erschien -- die Zahl der

Soldaten war durch Abgabe der Cayenne-Garnison sowie durch Verluste und

Kranke sehr vermindert --, verstärkte der Admiral sie von den Schiffen.

Er hielt die Stellung am Lande für die wichtigere; die Schiffe konnten

die Insel nicht halten und waren mit dem Verlust der Befestigungen

selbst verloren. Dementsprechend erwartete er auch den Hauptangriff am

Lande, um so mehr da für einen Angriff das Segeln auf die Rhede zwar

leicht, das Wiederabsegeln aber sehr schwer, oft nur vermittels

Warpen[206] möglich war. Binckes übernahm selbst auch das Kommando am

Lande. Die Schiffe waren im Grunde der Bucht in Linie verankert: eng

geschlossen, mit den Breitseiten nach See zu vermoort, die Flügel der

Linie an den Strand und an eine Bank mit Klippen gelehnt.

[206] Ein Schiff fortbewegen, indem man mit Booten leichte Anker

auslegt und sich an diese heranholt.

Am 21. landete =d'Estrées= etwa 1000 Mann, stellte Geschütze auf einem

Hügel auf und beschoß, allerdings ohne großen Erfolg, Fort und Schanze;

das Geschwader blockierte die Bucht und lotete das Fahrwasser aus. Nach

Ansicht Binckes' würden die Franzosen Erfolg gehabt haben, wenn sie den

Hauptwert auf die Eroberung des Forts gelegt, dazu das Landungskorps

durch Ausschiffen nach Möglichkeit verstärkt und die holländischen

Schiffe nur beschäftigt hätten. So aber ordnete d'Estrées, wieder

seemännischem Rate unzugänglich, für den 3. März einen gleichzeitigen

Angriff zu Lande und zu Wasser an. Der Angriff wurde mit großem Mute

durchgeführt, erreichte aber den Zweck nicht. Am Lande können die

Franzosen kaum die nötige Übermacht gehabt haben, um eine feste

Stellung zu nehmen. Außerdem griffen sie -- gegen den Befehl -- zu früh

und an einer anstatt an mehreren Stellen an. Ein dreimaliger Sturm

wurde mit großen Verlusten (200 Tote, viele Verwundete), darunter der

Führer und fast alle Offiziere, abgeschlagen. Das Landungskorps mußte

sich während der Nacht zurückziehen und wurde später in einer

benachbarten Bucht wieder eingeschifft.

Die französischen Schiffe segelten in zwei Kolonnen auf die Rhede und

legten sich längsseit der Holländer, teilweise Bord an Bord. In einem

hartnäckigen Kampfe verbrannten sämtliche holländischen Schiffe bis auf

2 Linienschiffe und 1 Fregatte, die sich aber entmastet und leck auf

den Strand setzen mußten. Jedoch auch auf französischer Seite flog das

Flaggschiff mit seinem Gegner zugleich auf, ein zweites Linienschiff

verbrannte, zwei andere und der Brander gerieten auf Strand, die

übrigen wurden schwer beschädigt, 3 Kommandanten fielen. Gegen Abend

zog d'Estrées die Schiffe aus dem Feuerbereich der Befestigungen; zwei

größere Linienschiffe wurden noch 2 Tage durch den Gegenwind in

Tragweite der feindlichen Geschütze zurückgehalten und wechselten

Schüsse mit diesen. Auch dieser Angriff war mit Bravour ausgeführt,

aber es wird darüber geklagt, daß die Offiziere die brennenden Schiffe

zuerst verlassen hätten. In den nächsten Tagen zerstörten die Holländer

die französischen Schanzen und nahmen die gestrandeten und verlassenen

Schiffe in Besitz; ein Versuch d'Estrées', diese Fahrzeuge und den Rest

der holländischen durch einen neuhergerichteten Brander zu zerstören,

mißlang (11. März); er verließ Tabago.

Der Gesamtverlust der Franzosen betrug über 1500 Mann, der der

Holländer 350 Tote und Verwundete; trotzdem wurde in Paris eine

Siegesdenkmünze geprägt.

[Illustration: Der Angriff auf Tabago, 3. März 1677.]

Der Angriff war also abgeschlagen; infolge großer Verluste und der

schweren Beschädigungen seiner Schiffe mußte d'Estrées nach Frankreich

zurückgehen, ohne weiteres in Westindien zu unternehmen. In Holland

beschloß man, sofort Verstärkungen nach Tabago zu senden. Geldmangel

verzögerte die Ausrüstung, obgleich man hörte, daß auch Frankreich eine

neue Expedition für Westindien rüste, der Winter kam dazwischen; als ein

kleines Geschwader endlich die Antillen erreichte, war die Insel

gefallen.

Schon im Oktober $1677$ war d'=Estrées= mit 13 Linienschiffen und

Fregatten wieder ausgelaufen. Er bemächtigte sich zunächst der

holländischen Besitzungen in =Senegambien= (Gorée, Pertudal, Joal u. a.)

und segelte dann nach den Antillen, wo er durch 12 Flibustier verstärkt

wurde. Am 6. Dezember erschien er =vor Tabago=, wo nur 2 holländische

Kriegsschiffe lagen; diese wurden blockiert und 1500 Mann gelandet.

=Binckes= verfügte nur über 350 gesunde Soldaten und mußte sich ganz auf

die Verteidigung des Forts beschränken. Am 11. eröffneten die Franzosen

aus Belagerungsbatterien das Feuer, schon die dritte Bombe sprengte das

Pulvermagazin auf, wobei Binckes und mehrere Offiziere umkamen. Das Fort

wurde erstürmt, die Niederlassung verwüstet, die Schiffe verbrannt.

Weiter aber erreichte d'Estrées nichts. Als er nach einigen Monaten Ruhe

in Martinique im Frühjahr 1678 aufbrach, um =Curaçao= anzugreifen,

erfolgte die schon erwähnte Strandung seines Geschwaders auf den

=Aves-Inseln= (Seite 349). Auch bei dieser Gelegenheit verließen (nach

französischen Angaben) Admiral, Kommandanten und Offiziere die

gefährdeten Schiffe und gaben die Mannschaften dem Untergange preis.

D'Estrées kam (französische Angabe) der französischen Marine teuer zu

stehen, wurde aber trotzdem wegen der »Eroberung von Tabago« zum

Marschall ernannt.

$Der Krieg im Mittelmeer 1675-1678$[207] (Stromboli, Agosta, Palermo).

=Ludwig= XIV. hatte also nach dem Austritt Englands aus dem Bündnis den

Entschluß gefaßt, seine Seestreitkräfte hauptsächlich im Mittelmeer zu

verwenden; dementsprechend wurde im $Frühjahr 1674$ von den Häfen am

Ozean ein Geschwader von 10 Schiffen unter dem Chef d'Escadre Valbelle

nach dem Mittelmeer gezogen. In Toulon waren die Galeren und eine

Hochseeflotte -- vorläufig 8 Linienschiffe, 2 Fregatten, 4 Brander, aber

nach und nach beträchtlich vermehrt -- in Dienst gestellt. Den Oberbefehl

führte =Graf de Vivonne= (Bruder der Montespan), General der Galeren --

der Posten des Vizeadmirals der Levante war nicht besetzt; unter ihm

befehligten auf der Hochseeflotte Generalleutnant du Quesne als

Vizeadmiral und Chef d'Escadre de Preuilly als Kontreadmiral. Die

Hochseeflotte und das Geschwader vom Atlantik trafen sich (Anfang Sommer)

in Tanger, um den Hafen von =Cadiz= zu forcieren und die dort liegenden

spanischen Kriegsschiffe zu zerstören, wie es früher die Engländer und

Holländer auch getan hatten. Dieser Plan wurde jedoch aufgegeben, »weil

die Spanier davon Kenntnis erhalten« -- du Quesne und Valbelle sollen den

Angriff bei den gegen früher sehr verstärkten Befestigungen für untunlich

erachtet haben. Vivonne ging nach Toulon zurück und von dort an die

Küsten von Rousillon und Catalonien zur Unterstützung des Landkrieges --

Schutz französischer (z. B. Collioure), Angriff spanischer Seestädte;

Festhalten der spanischen Seestreitkräfte --, wir haben die Flotte oder

Teile davon bei Tromps Operationen vor Barcelona und Rosas gesehen.

[207] Hauptquellen: de Jonge, Teil II; »Ruyters Leben«; Jal: »du

Quesne«, sehr genau; Bonfils.

Ihre Hauptverwendung sollte die französische Flotte aber in dem =Kampf um

Sicilien= finden. Die Stadt =Messina=, damals etwa 80-100000 Einwohner,

hatte sich gegen Spanien erhoben, den Vizekönig verjagt und bat nun

Ludwig um Unterstützung. Dieser ging gern darauf ein: Der Aufstand auf

der Insel zog Spanien vom Kriege gegen ihn ab; Frankreich gewann, wenn es

in Sicilien Fuß faßte, einen wichtigen Stützpunkt für Unternehmungen

gegen Italien und für die Herrschaft im Mittelmeer überhaupt.

Infolgedessen sahen wir im September 1674 französische Seestreitkräfte

eine spanische Flotte vor Rosas festhalten, die die Truppen nach Sicilien

überführen sollte. Vor allem aber war es wichtig, dem schwerbedrängten

Messina Lebensmittel zuzuführen. =Valbelle= brachte Ende September mit 6

Kriegsschiffen und 3 Brandern ein großes Getreideschiff unbehindert

hinüber. Das Erscheinen der Holländer unter Tromp hatte inzwischen die

spanische Flotte freigemacht, sie gelangte wohlbehalten nach Messina, und

die Belagerung ward mit aller Kraft aufgenommen. Valbelle ward deshalb

aufs neue hinübergesandt; er führte nur außer Getreideschiffen 500

Soldaten zur Verstärkung der Stadtbesatzung mit sich. Dieses Mal fand er

hinter der Straße von Messina (am 30. Dezember) die spanische Flotte,

Hochseeschiffe und Galeren. Er wartete günstige Wind- und

Stromverhältnisse ab und lief am 3. Januar $1675$ durch die Straße und in

den Hafen ein, ohne daß die Spanier ihm entgegentraten; kleine Batterien,

die Straße und Einfahrt bestrichen, waren leicht zum Schweigen gebracht

worden. Es war die höchste Zeit für Ankunft dieser Unterstützung, die

Stadt war fast ausgehungert; die Verteidigung erhielt nun neues Leben,

die Belagerung ward lauer; die spanische Flotte machte nur einen

erfolglosen Nachtangriff mit Brandern und Booten auf die französischen

Schiffe.

Messina stellte sich jetzt unter den Schutz Frankreichs, und im Februar

führte =Vivonne=, zum =Vizekönig von Sicilien= ernannt, eine mächtigere

Unterstützung heran. Mit 9 Linienschiffen, 1 Fregatte und 3 Brandern

begleitete er -- unter ihm du Quesne und de Preuilly -- 8 Transporter mit

Lebensmitteln und Truppen. Ihm endlich trat die spanische Flotte -- 16

oder 17 Hochseeschiffe unter =de la Cueva= (ein Landoffizier) und 14

Galeren unter =del Viso= (Generalkapitän der Galeren und

Oberbefehlshaber) -- entgegen, aber ohne Erfolg.

Am 11. Februar kommt es zu einem wenig Bemerkenswertes bietenden

$Gefecht zwischen Stromboli und Lipari$. östlicher Wind, die Spanier zu

Luward. Nur 6 französische Linienschiffe sind in Linie, die Nachhut ist

mit dem Convoi weiter in Lee. Die Spanier umzingeln in Gruppen. Die

Franzosen wenden, vereinigen sich mit der Nachhut und bilden eine neue

Linie. Während des neuen Gefechts kommt Valbelle mit seinem Geschwader

von Messina und greift die Spanier von Luward her an. Die Galeren

ziehen sich zuerst mit Hilfe der Riemen nach Luward aus dem Gefecht;

auch die Schiffe brechen ab und lassen ein 40-Kanonenschiff zurück, das

von du Quesne mit Booten genommen wird; die Spanier gehen nach Neapel

(Verlust 4 Schiffe?), die Franzosen laufen in Messina ein. Wieder war

es die höchste Zeit, die Stadt stand auf dem Punkte, zu kapitulieren.

Weitere Verstärkungen folgten nach; auch neue Kriegsschiffe stießen zur

Flotte, geführt von Leutnantgeneral d'Alméras, der jetzt das Amt des

Kontreadmirals übernahm (eines der Schiffe führte der bald berühmte de

Tourville).

=Die französische Flotte beherrschte die See=, führte Lebensmittel für

die Stadt heran und hinderte die Zufuhren der Spanier. Vivonne eroberte

dann am 17. August fast ohne Schwertstreich =Agosta= durch eine Landung

unter dem Schutz der Seestreitkräfte, jedoch warf man ihm vor, daß er

nichts gegen die spanische Flotte in Neapel unternommen habe; er

verfügte im August über 29 Schiffe, 24 Galeren, 12 Brander. Das

eigentliche Kommando über die Flotte hatte er, »durch seine Geschäfte an

Messina gebunden«, übrigens bald an =du Quesne= abgegeben; französische

Quellen sagen aber »wegen seiner Neigung zu Ruhe und Vergnügungen«. sein

Beiname war »le gros crevé« (Dickwanst). Auch den Landkrieg führte

Vivonne lau, die Stadt blieb belagert. Weitere Unterstützungen an

Lebensmitteln und Truppen waren nötig; auch die Flotte mußte

instandgesetzt werden, weil man erfuhr, daß Holland den Spaniern Hilfe

zur See unter Ruyters Kommando zugesagt hatte. Am 16. September wurde

deshalb du Quesne mit zwei Dritteln der Flotte nach Toulon gesandt, um

seine Schiffe zu überholen, die Unterstützungen zu beschleunigen und sie

sicher heranzuführen. Verwaltung, Werften und Arsenale arbeiteten aber

noch nicht zuverlässig, und so konnte der Admiral erst am 16. Dezember

mit 20 Kriegsschiffen, 6 Brandern und verschiedenen Transportern Toulon

wieder verlassen. Ruyter war schon Ende September in Cadiz angekommen, so

daß die Absendung du Quesnes mit dem größten Teile der Flotte recht

gewagt war; zu Vivonnes Glück wurde Ruyter lange aufgehalten.

Wenden wir uns nun zu diesem Eingreifen Hollands. Spanien hatte =Holland=

um =Unterstützung in Sicilien= gebeten. Wir wissen, daß schon Tromp im

Herbst 1674 ersucht worden war, nach Messina zu gehen; nach Einmischung

der Franzosen und besonders nach dem Siege Vivonnes (Februar 1875) wurden

die Bitten um Unterstützung durch eine holländische Flotte immer

dringender, ja man bat direkt um =Ruyter=. Die meisten niederländischen

Provinzen waren nicht geneigt, hierfür Mittel zu bewilligen; die

Generalstaaten aber und auch wohl die Provinzen von Holland, besonders

Amsterdam, fürchteten mit Recht, daß ein Festsetzen der Franzosen in

Sicilien ihre Seeherrschaft im Mittelmeer sehr stärken und den

holländischen Handel mit Italien und der Levante sehr gefährden würde.

Außerdem sah man die alte Gefahr heraufziehen, Frankreich als

unmittelbaren Nachbar zu erhalten: es verlautete nämlich, Spanien würde

unter Umständen selbst seine Niederlande opfern, um Sicilien zu retten.

Die Verhandlungen im Lande führten zu der außergewöhnlichen Maßregel, daß

nur eine Admiralität die erbetene Hilfsflotte stellte: Amsterdam erklärte

sich bereit, die Schiffe zu liefern; von den 1-1/2 Millionen Gulden

Kosten sollte Spanien die Hälfte zahlen, 450000 wollte Amsterdam auf sich

nehmen, so daß für die übrigen Provinzen nur 300000 blieben; die

Admiralität der Maas wollte das Flottenflaggschiff stellen, aber nur um

ihr altes Recht darauf zu wahren. Genannte Summe reichte nur zu der

Indienststellung von 18 Kriegsschiffen, 4 Brandern, 6 kleinen Segeln und

2 Transportern; Spanien verpflichtete sich, 22-24 Kriegsschiffe und seine

Galeren zu stellen.

Ruyter hielt die holländische Flotte für zu klein. Ihm war wohl bekannt,

daß die französische Marine in jeder Hinsicht Fortschritte gemacht hatte;

er achtete du Quesne hoch; er wußte, was von den Spaniern zu erwarten

war. Die Generalstaaten aber hatten keine Aussicht, mehr Mittel zu

erhalten, und beurteilten auch wohl den Verbündeten und den Gegner

anders. Ruyter mußte sogar kränkende Äußerungen hören; er beantwortete

sie mit der ihm eigenen einfachen Würde, und die Zukunft sollte zeigen,

wie richtig sein Urteil gewesen war.

Schon die Ausrüstung und die Ausreise der Expedition verlief ungünstig

und langsam, dann waren die Spanier nicht fertig.

Kurz diese Ereignisse: Die Verhandlungen begannen im Frühjahr 1675 und

waren im Juni zum Beschlusse gediehen, trotzdem konnte Ruyter erst am

29. August in See gehen. Als Vizeadmiral der Flotte war Jan den Haen

kommandiert, ein tüchtiger Offizier, aber mit Ruyter nicht recht im

Einverständnis; Kapitän Verschoor, selbst in seinem Dienstgrade noch

jung, erhielt durch Gunst das Amt als Kontreadmiral. Ruyter war

kränklich, erklärte aber auf abratende Vorstellungen seiner Verwandten,

die Pflicht rufe, und er würde den Zug mitmachen, wenn er auch an Bord

getragen werden müsse; ebenso hatte er auf die kränkenden Äußerungen

geantwortet, er ginge, ohne Rücksicht auf sein Schicksal, wohin man ihn

kommandiere, aber er wundere sich, »daß man die Ehre der holländischen

Flagge so leichtsinnig aufs Spiel setze.« Als böses Omen könnte man

fast ansehen, daß sein altes ruhmreiches Flaggschiff (»7 Provinzen«)

nicht seetüchtig war; er ging an Bord der »Eendragt« (76 Kanonen).

Sturm und widrige Winde verzögerten die Reise. Erst am 26. September

kam er in Cadiz an und mußte hier 11 Tage ausbessern; die Ausrüstung

der Schiffe war schlecht, wie sich während der weiteren Indiensthaltung

immer mehr herausstellte. In Cadiz erhielt er Befehl, von der

Ebromündung 7 spanische Linienschiffe abzuholen, den für Sicilien als

Vizekönig bestimmten Don Juan d'Austria an Bord zu nehmen und sich in

Palermo mit der spanischen Hauptflotte zu vereinigen. Die Reise wurde

zu einer Argonautenfahrt, auf die wir nicht genauer eingehen

wollen[208]: Sturm und Gegenwinde; den Haen mit 7 Schiffen im Sturm

abgesprengt; keine spanischen Schiffe an der Ebromündung, auch nicht in

Barcelona (14. November); hier 14 Tage durch Befehle und Gegenbefehle

aufgehalten; d'Austria kommt nicht »wegen Krankheit«, in Wahrheit, weil

er in Ränke gegen die Königin-Regentin verwickelt war. Am 4. Dezember

ist Ruyter in Cagliari, den Haen in Neapel; am 20. Ruyter in Melazzo

(Nordküste Siciliens), hört hier, daß die Spanier in Palermo noch nicht

schlagfertig sind und daß sie es auch wegen Uneinigkeit zwischen

Vizekönig und Admiral, wegen Lauheit der Behörden und Materialmangels

sobald nicht sein würden; selbst den Haen wurde dort festgehalten.

Endlich gegen Ende Dezember treffen den Haen und mit diesem 9 spanische

Galeren sowie ein Kriegsschiff bei ihm ein; er kann am 31. in See

gehen, um vor der Straße von Messina zu kreuzen und der Stadt die

Zufuhren von Norden abzuschneiden; die spanische Hochseeflotte soll

folgen, sobald sie bereit ist.

[208] Sehr genau in de Jonge und im »Leben Ruyters«, hier auch die

genaue Instruktion, die der Admiral erhalten.

=Anfang Januar= 1676 endlich vor der Straße von Messina angekommen,

erfährt =Ruyter= (über Neapel), daß =du Quesne= von Toulon aufgebrochen

und schon an der Küste Sardiniens gesehen sei; er beschloß, ihm

entgegenzutreten. Da der Wind verhinderte, die Straße zu passieren, und

den Feind hinter dieser zu erwarten, so suchte er ihn auf. Am 6. befand

er sich dicht unter der Insel Lipari und hörte von Küstenschiffern, man

könne die Franzosen von den Bergen aus in Nordwest sehen; ein auf die

Insel Salina gesandter Offizier bestätigte dies. An demselben Tage erfuhr

der Admiral auch, daß die Spanier von Palermo ausgelaufen seien. Am 7.

früh sichtete man die Franzosen im Norden Salinas, bei Südsüdwest-Wind

über Steuerbord-Bug liegend und aufkreuzend. Ruyter hielt mit vollen

Segeln auf sie zu, drehte aber um 3 Uhr nachm. außer Kanonenschußweite

bei und bildete die Gefechtslinie gleichfalls über Steuerbord. Dann rief

er die Kommandanten an Bord und gab Anweisungen und Ermahnungen für die

bevorstehende Schlacht; den Erschienenen soll sein sehr ernstes, ja

gedrücktes Wesen aufgefallen sein.

Trotz der Luvstellung griff er an diesem Tage nicht an, sondern hielt

sich auf Parallelkurse mit dem Feinde. Ein leichtes Schiff war während

der Nacht nah am Gegner stationiert, um dessen Bewegungen zu

signalisieren. Um Mitternacht sprang der Wind auf Westsüdwest und

frischte so auf, daß die spanischen Galeren unter Lipari Schutz suchen

mußten. Gegen Morgen wendeten beide Flotten, die Franzosen zuerst. Durch

das Umspringen war der Wind für die Franzosen zur Fortsetzung der Reise

günstig geworden, und sie standen jetzt zu Luward; du Quesne sandte seine

Transporter voraus mit Kurs nach Messina, bildete mit der Flotte die

Schlachtlinie und näherte sich den Holländern.

Jetzt erst konnte Ruyter die Stärke des Feindes genau feststellen,

bisherige Nachrichten hatten von nur 12 Linienschiffen gesprochen.

=Die Flotten setzten sich zusammen=:

Über 80 K. 70-74 60-64 50 36 Kleinere Brander

Franzosen; Schiffe 7 1) 6 4 3 -- ? 6

Holländer; " -- 4 2) 2 9 3) 4 6 4)

Galeren Transporter

Franzosen; Schiffe 4(?)

Holländer; " 9 --

1) Darunter 3 zu 90 Kanonen, aber fraglich, ob vollarmiert;

2) darunter 2 zu 76 Kanonen; 1 zu 68 Kanonen; 3) darunter 1 zu 47

Kanonen und 1 spanisches; 4) »Snauwen« zu 8 Kanonen, 36 Mann; seit

1674 an stelle der Advijsjachten aufgeführt; kuttergetakelte Fahrzeuge.

Die Franzosen waren also an Größe der Schiffe und damit in der Armierung

wesentlich überlegen; daß die französische Armierung auch in der

Kaliberverwendung stärker war, ist uns bekannt. Die Besatzungsstärke --

d. h. die gleicher Schiffsgrößen -- war diesmal annähernd gleich. Die

Flotten, in 3 Geschwader geteilt, wurden geführt auf holländischer Seite:

Vorhut Verschoor; Mitte =Ruyter=; Nachhut den Haen; auf französischer

Seite: Vorhut de Preuilly; Mitte =du Quesne=; Nachhut de Gabaret -- d. h.

so war die Rangierung in der Schlacht, da beide Flotten in »Kehrt«

standen.[209]

[209] Nach de Jonge, Teil II, Beilagen X und XI; Jal: »du Quesne« und

Bonfils geben die Namen der französischen Schiffe.

»Abraham du Quesne«, 1610 in Dieppe geboren, Sohn eines Seemannes, der

zur See gefallen war, diente in der königlichen Marine und auch mehrere

Jahre zu Kriegszeiten in der schwedischen. Nach Frankreich

zurückgekehrt, zog er die Freibeuterei dem Dienst in der verfallenen

Marine vor; erst unter Colbert trat er wieder ein. 1672 bis 1674 der

befähigtste Admiral der Flotte im Kanal; 1674-1678 hervorragend im

Mittelmeer, zeichnete sich auch später noch gegen die Barbaresken aus.

Nur weil er Protestant war, wurde er nicht zum Vizeadmiral der Levante

ernannt, obgleich er diesen Posten ausfüllte -- dieser Posten blieb so

lange unbesetzt; er erhielt auch nicht den Marschallsstab trotz seiner

Taten. Von Charakter fest und gerecht, war er ein vorzüglicher

Vorgesetzter und Organisator der jungen Marine, aber kein bequemer

Untergebener, besonders nicht den durch Hofgunst Bevorzugten gegenüber.

Er starb 1688. -- Daß Ruyter ihn als tüchtigen Gegner anerkannte, zeigt

dessen Antwort auf die Frage eines englischen Kapitäns, was Ruyter vor

Messina mache: »Ich erwarte den tapfern du Quesne.«

Trotz der Stellung in Lee und trotz der Übermacht des Feindes nahm Ruyter

den Kampf zwischen den Inseln Stromboli und Panaria an. Die $Schlacht bei

Stromboli am 8. Januar 1676$[210] ist besonders bemerkenswert wegen

Ruyters Verhalten.

[210] Schilderung nach »Ruyters Leben«; de Jonge, Teil II; Jal: »du

Quesne«: Bericht desselben, viele Privatbriefe, Aktenauszüge über

diese Aktion; Bonfils. -- Vgl. auch Mahan, Teil I, Seite 155,

hier besonders der Hinweis auf die Wahrscheinlichkeit, daß Ruyter

mit Absicht die Defensive wählte.

Warum benutzte er die günstige Windstellung am 7. nicht zum Angriff?

Warum nahm er am folgenden Tage den Kampf unter scheinbar ungünstigen

Umständen an? Zwar haben wir ihn im letzten Kriege seine Schlachten

behutsam vorbereiten aber dann doch -- selbst gegen Übermacht -- mit

äußerster Energie, ja Tollkühnheit durchführen sehen, wenn ein Schlagen

nötig war. Daß er auch hier unbedingt dem Feinde den Weg nach Messina

verlegen wollte, wird durch sein Bleiben am Feind und sein Schlagen am

anderen Tage bewiesen.

[Illustration: Abraham du Quesne.]

Die holländischen Quellen sagen nun: Am 7. habe Ruyter zunächst beidrehen

müssen, um Nachzügler zu erwarten, später sei der Tag zu weit

vorgeschritten gewesen; als er am 8. die Stärke des Feindes genau

erkannt, sei ein Rückzug zu gefährlich gewesen. Beides erscheint nicht

unbedingt zutreffend: Ruyter mußte am 7. damit rechnen, daß der Wind sich

bis zum nächsten Tage zu seinen Ungunsten ändern könne; sein »gedrücktes«

Wesen läßt darauf schließen, daß er auch an diesem Tage schon die Stärke

des Gegners erkannt hatte und deshalb vom Angriff absah. Ich möchte

andere Beweggründe für wahrscheinlicher halten. Ruyter brauchte nicht

durchaus anzugreifen, um seinen strategischen Zweck zu erreichen. Du

Quesne mußte es, wenn er seine Reise fortsetzen wollte; zögerte dieser

mit dem Angriff, so konnte jeden Augenblick die spanische Flotte zur

Verstärkung der holländischen eintreffen. Hierin ein Grund für Ruyters

Verhalten am 7. Januar.

Hierzu kommt nun, daß ein so erfahrener Seemann wie Ruyter vielleicht

schon die Vorteile der Defensive -- auch in der Leestellung --, die in

der bisher üblichen Taktik noch nicht gewürdigt wurden, erkannt hatte;

Vorteile, die besonders ins Gewicht fielen, wo es sich darum handelte,

mit schwächeren Kräften einem Gegner von feurigem Mut, aber mangelnder

Seemannschaft entgegenzutreten. Dies kann den Admiral des weiteren

bestimmt haben, dem Feinde am 7. den Angriff zu überlassen und am 8. den

Kampf in einer scheinbar ungünstigen Stellung -- der Leestellung --

anzunehmen.

Die =Schilderung der Schlacht= wird zeigen, daß die Holländer tatsächlich

infolge der Vorteile einer Defensive in der Leestellung imstande waren,

dem starken Angriffe zu widerstehen; die Schlacht bei Stromboli gibt

teilweise ein Bild der Defensivtaktik, die die Franzosen in der zweiten

Hälfte des 18. Jahrh. den Engländern gegenüber oft mit großem Erfolge

durchführten.

[Illustration: Die Schlacht bei Stromboli, 8. Januar 1676.]

Die beiden Flotten lagen über Backbord-Bug in Kiellinie beim Winde.

Gegen 9 Uhr vorm. hielt =du Quesne= ab und lief mit der ganzen Linie

schräg auf die Holländer zu; ein Manöver, das schwer mit Genauigkeit

auszuführen ist und den Angreifer in ungünstiger Lage dem

Breitseitfeuer aussetzt, weil dieser selbst wenig Geschütze verwendbar

hat und den Bug dem Enfilierfeuer darbietet; die bisher vorzügliche

Ordnung ging denn auch verloren. Das französische Spitzenschiff stürzte

sich (gegen 10 Uhr) tollkühn auf die Mitte der feindlichen Vorhut,

erlitt sofort schwere Beschädigungen in der Takelage und war genötigt,

aus der Linie zu holen; nicht besser erging es dem zweiten Schiffe,

beide waren wohl etwas voraus. Der dann folgende Admiral Preuilly hatte

beim Abhalten zu wenig Raum gelassen, seine nachfolgenden Schiffe waren

infolgedessen zu nahe aufgeschlossen, als sie querab vom Feinde wieder

an den Wind gingen; sie schoben sich zum Teil nebeneinander und

hinderten sich gegenseitig im Feuer (Lage 1). Außerdem kamen die

französischen Schiffe nacheinander ins Gefecht; es ist dies eine fast

unvermeidliche Folge der gewählten Angriffsart. Der Angriff du Quesne's

auf die holländische Mitte verlief deshalb ähnlich, auch hier wurden

die beiden ersten Schiffe durch überlegenes Feuer sehr

zusammengeschossen. Sonst scheint die französische Mitte mit mehr

Ordnung wieder an den Wind gegangen zu sein; auch bei der Vorhut wurde

die Ordnung bald wiederhergestellt. Die Holländer leisteten überall

kräftigen Widerstand und »keines ihrer Schiffe sah man, das nicht einen

Gegner dicht an der Seite hatte«.

=Ruyter= soll nun aber doch mit seinen beiden vorderen Geschwadern

fortwährend Raum gegeben haben. Es ist nicht ersichtlich, ob dies ein

Geständnis der Schwäche oder ein taktisches Manöver war, um den Gegner

aufs neue zum Herangehen in ungünstiger Lage zu verleiten.

(In späteren Zeiten verfuhren nämlich die Franzosen so, allerdings mit

mehr Methode: Eine Gruppe von 2-3 Schiffen hielt ab, gedeckt durch

Pulverrauch und das Feuer der übrigen. Nach und nach bildete sich so

eine neue Linie, die dann die letzten Schiffe der ursprünglichen Linie

bei ihrem Abhalten durch Feuer deckte und aufnahm.)

Das Gefecht währte hier bis gegen 4-1/2 Uhr nachm.; drei französische

Brander, zwei davon auf Ruyters Schiff angesetzt, wurden zwischen den

kämpfenden Linien entmastet und verbrannten nutzlos. Das Ende des

Kampfes ist nicht genau aus den Überlieferungen zu erkennen; Ruyter

brach ab, die Franzosen verfolgten nicht. Wahrscheinlich waren sie zu

sehr beschädigt, wenigstens bedauerten sie den Mangel an Galeren zur

Verfolgung. Die nachgekommenen spanischen Galeren schleppten stark

beschädigte Holländer aus dem feindlichen Feuer, sonst hatten sie sich

nur durch Abgabe einiger Schüsse aus den Buggeschützen auf weite

Entfernung am Gefecht beteiligt.

Auch über den Kampf der Nachhuten sind die Angaben ungenügend; er

trennte sich frühzeitig von dem der anderen Geschwader. Infolge der

Angriffsart mußte er natürlich zuletzt beginnen, die Trennung scheint

aber auch noch andere Gründe gehabt zu haben. Du Quesne warf Gabaret

vor, den Anschluß an die Mitte verloren und nicht mit derselben Energie

angegriffen zu haben; Gabaret entschuldigte sich mit der Lauheit

einiger seiner Schiffe und deren ungeschickten Manövern.

Es gab dies und ein anderer Vorfall -- einige Tage später auf dem

Marsche beschädigten zwei Schiffe der Nachhut einander so, daß sie fast

entmastet wurden -- du Quesne Anlaß, dem Könige zu berichten, daß

manche Kommandanten aus Mangel an Übung, aber auch infolge nicht

genügender Beachtung der Instruktionen durch nachlässige Führung ihrer

Schiffe die Aufrechterhaltung der Schlachtlinie gefährdeten. Mit

ziemlich deutlichen Worten bittet er, Maßregeln zur Abstellung dieses

Übelstandes zu ergreifen.[211]

[211] Jal: »du Quesne«, Teil II, Seite 205.

Auf holländischer Seite scheint aber der Führer der Nachhut auch an der

Trennung schuld gewesen zu sein. Anstatt auf seine Mitte aufgeschlossen

zu bleiben und das Manöver des Abhaltens dann mitzumachen, scheint er

seinen Gegner erwartet zu haben; ein Fehler, dem wir schon öfters als

Grund der Trennung eines Geschwaders von der Flotte begegnet sind. Er

hätte dadurch in eine gefährliche Lage kommen können, denn du Quesne

sandte gegen Ende des Kampfes den Kapitän Tourville (Kommandant von Nr.

5 der Mitte) mit 3 oder 4 Schiffen ab, um ihn von Lee aus anzugreifen

und ganz von seiner Flotte zu trennen. Zu den Haens Glück gelangte

infolge abflauenden Windes nur ein französisches Schiff (Nr. 7 der

Mitte) zum Angriff; dieses kam nun selbst in schwierige Lage, entzog

sich ihr jedoch durch geschickte Manöver und vereinigte sich mit der

Nachhut (Lage 2). Hier brach das Gefecht mit Eintritt der Dunkelheit

ab; beide Nachhuten stießen wieder zu ihren Flotten.

=Die Verluste= sind nicht ganz sicher bekannt. Die geringsten Angaben

sprechen von 400 Toten und Verwundeten bei den Franzosen und von 250

bei den Holländern; hier fiel Verschoor, dort waren du Quesne

verwundet und zwei Kommandanten getötet. Ein holländisches Linienschiff

sank, während es schwer beschädigt nach Palermo geschleppt wurde; die

Franzosen behaupten, nur ihre drei Brander eingebüßt zu haben. Gerüchte

von einem größeren Verluste sollen durch den vorhin erwähnten

Zusammenstoß auf der Weiterreise entstanden sein. Beide Parteien rühmen

den Mut und die Geschicklichkeit des Gegners in der Schlacht; auf

französischer Seite zeichnete sich besonders =Tourville= aus, und du

Quesne schlug ihn zur baldigen Beförderung (Chef d'Escadre) vor; wie

wir sehen werden, lohnte Tourville seinem Chef diese Anerkennung später

schlecht.

Für die =Geschichte der Seetaktik= ist die Schlacht bemerkenswert. Sie

zeigt die =Vorteile der Leestellung= bei einem Angriff, wie die

Franzosen ihn ansetzten, mit ihren Folgen für den Angreifer: Unordnung

in der Linie; die Vorhut zuerst der ganzen Heftigkeit des feindlichen

Feuers ausgesetzt, die Schiffe nacheinander ins Gefecht eintretend;

lahmgeschossene Schiffe vorn, die die folgenden in Verwirrung bringen.

Hier fielen sofort zwei französische Schiffe aus, zwei wurden schwer

beschädigt, wodurch die Überlegenheit der Zahl nahezu aufgehoben war.

=Ruyter= hatte durch die Schlacht den Feind wohl aufgehalten, die

Fortsetzung seiner Reise konnte er jedoch nicht hindern. Am 9. besserten

beide Flotten aus, vormittags noch in Sicht voneinander. Gegen Abend

stießen 9 Spanier zu den Holländern, allerdings fast nur Fregatten; man

beschloß, dem Feinde weiter den Weg zu verlegen. Schon am Abend des 10.

sichtete man die Lichter der Franzosen, aber am anderen Morgen sah man,

daß auch diese Verstärkung erhalten hatten; es war der in Messina bei du

Quesne's Abgang im September zurückgebliebene Teil der Flotte: 10

Linienschiffe, 1 Fregatte, 3 Brander unter Generalleutnant d'Alméras, die

am 10. abends herangekommen waren. Ruyter fühlte sich nun nicht stark

genug, anzugreifen; er ging nach Melazzo zurück, um weitere Spanier

heranzuziehen. =Du Quesne= erreichte wohlbehalten Messina aber erst am

22. Januar. Er hatte es doch vorgezogen, den Weg westlich um Sicilien zu

nehmen: »günstigerer Windverhältnisse wegen«? Es ist dies ebenso

auffallend, wie, daß er »nach dem Siege am 8.« trotz der erhaltenen

Verstärkung den Feind nicht aufsuchte. Er hat den weiteren Weg doch wohl

gewählt, weil er nicht wagte, mit dem Feinde in der Flanke durch die

Straße zu gehen. Nun ließen ihn allerdings »günstige Windverhältnisse« in

verhältnismäßig kurzer Zeit die wieder in großer Bedrängnis befindliche

Stadt erreichen; andernfalls wäre vielleicht Messina gefallen. Es war

also ein Zufall, daß die Schlacht nicht ein strategischer Erfolg Ruyters

wurde.

Nach der Schlacht von Stromboli trat im Seekrieg eine längere Pause ein.

Wie schon erwähnt, wurde der Landkrieg lau geführt. Die Franzosen hatten

nur in Messina und in Agosta festen Fuß gefaßt; Messina wurde weiter

belagert und bedurfte stets der Zufuhren, die die französische Flotte

ermöglichen mußte. Sonst aber unternahm diese nichts von Bedeutung, und

auch Ruyter war längere Zeit untätig an der italienischen Küste.

Da die vertragsmäßige Zeit für die Gestellung der holländischen Flotte

abgelaufen war, rüstete Ruyter zur Rückreise, um nicht wie Tromp 1674

die Frist der Indiensthaltung zu überschreiten. Aus verschiedenen

Gründen -- behufs besserer Ausrüstung; um gegebenenfalls einen Convoi

mit Schiffen zu verstärken, den sein Sohn in Livorno sammelte; um

schneller Nachrichten aus Holland zu erhalten -- ging er zur

italienischen Küste; hier erhielt er Befehl, noch länger bei den

Spaniern zu bleiben. Aufs neue hatte er sich bitter über diese beklagt:

Über ihre schwache Beteiligung und darüber, daß sie weder für die

Ausrüstung der eigenen Schiffe, noch für die der holländischen genügend

sorgten.

Holland drängte Spanien, mehr zu tun; es erbot sich auch, neue Schiffe

gegen Erstattung eines Teiles der Kosten hinaus zu senden, stieß aber

auf passiven Widerstand.

Am 23. Februar 1676 kehrte =Ruyter= nach Palermo zurück und trieb zu

=neuen Operationen= an. Man wußte einerseits, daß Frankreich den Abgang

großer, für Messina sehr notwendiger Unterstützungen in Toulon

vorbereite, anderseits, daß jetzt viele Einwohner Messinas mit der

Herrschaft Frankreichs unzufrieden waren. Der Zeitpunkt erschien günstig,

einen kräftigen Angriff zu =Lande und zu Wasser= gegen die Stadt zu

unternehmen. In Melazzo, wo sich der spanische Vizekönig mit dem

Hauptquartier der Landarmee befand, wurde am 24. März der Entschluß

hierzu gefaßt. Die Flotte der Verbündeten ging am nächsten Tage in See,

passierte am 26. ungehindert die Straße und legte sich der Stadt

gegenüber an die Küste Kalabriens, aus seemännischen Gründen einige Tage

später an die Siciliens südlich von Messina, um den Landangriff

abzuwarten. Die Operationen zu Lande hatten jedoch keinen Erfolg, und

Ruyter sah ein, daß von See her überhaupt nichts zu machen sei, weil die

starke feindliche Flotte in und vor dem Hafen lag; er ging deshalb in

See, um die von Süden her erwarteten Convois abzufangen.

Es ist nicht zu ersehen, warum die französische Flotte untätig blieb;

französische Quellen sagen, sie sei durch Windverhältnisse bis zum 29.

festgehalten. An diesem Tage ging Vivonne an Bord, um selbst den Feind

aufzusuchen; er ließ sich aber -- scheinbar sehr gern -- durch die

Vertreter der französischen Partei in der Stadt zurückhalten und übergab

wiederum das Kommando der Flotte an du Quesne. Dann herrschte längere

Zeit sehr stürmisches Wetter, das auch für Ruyter sehr beschwerlich war

und ihn hinderte, einen inzwischen ins Auge gefaßten Angriff auf =Agosta=

auszuführen. Als er endlich am 20. April vor dieser Stadt erschien,

erfuhr er, daß sie jetzt zu gut vorbereitet sei, daß die spanischen

Landtruppen auch hier zu schwach zur Unterstützung seien und daß die

französische Flotte herankomme. Diese war am 19. und 20. endlich

ausgelaufen; Ruyter ging ihr am 21. abends entgegen, obgleich sie ihm

wesentlich überlegen war.

Zusammensetzung der Flotten[212] in der $Schlacht von Agosta$[213] 22.

April 1676:

Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 36 / 58 题