2) Wahrscheinlich noch etwas größer.

Es war mithin, was Material anbetrifft, eine ansehnliche Marine.

Allerdings lag ihre Kraft in mittleren, ja kleinen Schiffen, die

keineswegs immer im Dienst waren; wenn die Schiffahrt im Herbst aufhörte

oder sonst kein Anlaß vorlag, wurde ein Teil aufgelegt. Auf dieser Höhe

blieb die Marine auch nur während des Kriegszustandes; nach dem

Westfälischen Frieden wurde sie sofort auf 40 Schiffe verringert. Die

übrigen wurden verkauft oder vernachlässigt, so daß wir die Niederländer

mit einer weit geringeren Anzahl wirklicher Kriegsschiffe in den ersten

englisch-holländischen Krieg werden eintreten sehen.

Einen großen Rückhalt hatte die Kriegsmarine an den beiden indischen

Kompagnien, deren Schiffsbestand schon angeführt ist (Seite 87, 88).

Diese Schiffe, an Größe im Durchschnitt den Kriegsschiffen überlegen,

allerdings verhältnismäßig schwächer armiert, waren die geeignetsten

Kauffahrer für die Verstärkung der Kriegsflotte; sie waren fast

vollwertige Kriegsschiffe und werden deshalb bei Angaben über

Zusammensetzung von Flotten auch immer getrennt von den anderen

Handelsschiffen aufgeführt. Sie bildeten ferner eine Schule für Offiziere

und Mannschaften zum späteren Dienst auf Kriegsschiffen; viele der

berühmten Flaggoffiziere in den Kriegen des 17. Jahrh. haben auf ihnen

ihre seemännische und militärische Ausbildung erhalten. Hierzu traten die

Seeleute, die die harte Schule der Hochseefischerei durchgemacht hatten,

als vorzügliches Personal.

Die Marine $Englands$,[72] deren Anfänge wir schon betrachtet haben

(Seite 50), wuchs unter Heinrich VIII. besonders in Hinsicht auf die

Größe der Schiffe. Ihr Bestand zu verschiedenen Zeiten des hier

geschilderten Abschnittes (1522, 1548) ist angegeben (Seite 98 ff.), um

als Beispiel für die Entwicklung des Schiffbaues zu dienen. Während

Heinrichs VIII. Regierung waren 23 Schiffe als Kriegsschiffe neu erbaut

und 15 geeignete Handelsschiffe angekauft. 1548 stellte die Gesamtzahl

von 53 Schiffen einen Tonnengehalt von 11268 tons dar. Unter Eduard VI.

und Mary ging der Bestand aber wieder so herunter, daß 1558 nur 26 mit

7110 tons vorhanden waren. Auch die ersten Regierungsjahre Elisabeths

(seit 1558) brachten hierin keine wesentliche Änderung: 1565 finden wir

29 Schiffe, 1575 gar nur 24 mit 10470 tons.

[72] Clowes, Teil I und II, die Kapitel »Civil history«.

Von jetzt wuchs die Zahl wieder. Gegen die Armada fochten 34 königliche

Schiffe, nahezu der Gesamtbestand, und um 1603 werden 42 aufgezählt, und

zwar:

Schiffszahl 2 6 10 12 12

Tonnengehalt 1000 800-900 500-700 200-400 unter 200

schwere Geschütze 48-38 38-30 38-26 30-15 21-3

leichte Geschütze 0-30 2-18 0-24 0-12 3-21

Seeleute 340 270-340 150-230 70-130 ?

Gunner 40 32-40 30 12-20 ?

Soldaten 120 100-120 70-90 20-50 ?

Daß die Flotte Elisabeths trotz der vielen Unternehmungen in ihrer Zeit

so gering war, ist dadurch zu erklären, daß bei den Expeditionen zur

Störung des feindlichen Handels wie gegen die Küsten die Kriegsschiffe

meist nur den Kern der Flotten, Flaggschiffe und Gruppenführer, bildeten;

als solche wurden sie auch zu den Privatzügen gestellt. Dagegen ist

hervorzuheben, daß das Material auf der Höhe der Zeit gestanden haben

muß. Elisabeth hat viele neue Schiffe erbaut. Schon 1587 waren fast alle

Fahrzeuge zwischen 500 und 800 tons neu; im ganzen sind während ihrer

Regierung 55 erbaut, davon 38 nach 1586.

Unter Jakob I. wurden die Schiffe vernachlässigt, wenn auch ihre Zahl

sich nicht verringerte, unter Karl I. trat dagegen wieder ein Zuwachs

ein. 1649 war der Bestand:

Schiffszahl 1 1 10 5 10 ca. 24 ca. 20

Tonnengehalt 1683 1187 8-900 7-800 5-700 2-400 kleinere

Kanonen 100 64 40-44 40-50 30-38 30-38

Die Geschütze unter =3-Pfund-Kaliber= werden jetzt nicht mehr

mitgezählt; die Schiffe, namentlich die kleineren, sind oft

überarmiert.

Wieder waren es zeitgemäße Schiffe, darunter jetzt schon viele

Zweidecker; 30-40 sind während Karls Regierung erbaut. Auffallend ist der

Bestand an größeren Schiffen gegenüber den Angaben für die holländische

Marine um 1642, sowohl was die absolute Größe einzelner Schiffe wie auch

das Verhältnis zur Gesamtzahl anbetrifft.

An der Spitze der Marine stand, wie schon im Mittelalter, der

=Lordhighadmiral=, die Verwaltung leitete ein Clerk of the ships. Die

Entwicklung machte jedoch bald die Einrichtung größerer Behörden nötig,

und 1546 wurde ein Navy-board für Verwaltungsangelegenheiten -- Bau,

Reparatur, Ausrüstung und Armierung der Schiffe -- und ein

Admiralty-board zur Unterstützung des Admirals in Kommandosachen

gegründet. Schon einmal von 1628-1638 ist das Amt des Lordhighadmirals

von einer Kommission wahrgenommen, wie es in späteren Zeiten (Admiralität

mit erstem Lord) die Regel ward.

Fest angestellte =Offiziere= waren sonst nicht vorhanden, nicht einmal,

wie in Holland, ein Stamm von Kapitänen; die ganze Besatzung wurde bei

der Indienststellung angeworben. Auch in England hatte man ein

vorzügliches Personal an den Offizieren und Mannschaften, die auf den

Schiffen der Freibeuter, der Entdeckungsreisen und der Hochseefischerei

gedient hatten. Unter den Führern und Kapitänen im spanischen Kriege

finden wir die Namen der großen Entdecker und Freibeuter. Daß die

Kapitäne, die militärischen Kommandanten, Seeleute von Beruf waren, war

seit Beginn des Zeitabschnittes die Regel geworden.

In $Frankreich$[73] hatten die Versuche um 1374 (Seite 51) und später

unter Franz I. und Heinrich IV., eine Marine zu gründen, keinen

nachhaltigen Erfolg; um 1626 werden nur 20 königliche Schiffe erwähnt. An

der Spitze des Seewesens stand ein Admiral von Frankreich -- meist nur

ein Ehrenposten für einen Prinzen von Geblüt oder Granden --, unter ihm

Admirale -- chefs d'escadre -- für die Küstenprovinzen Guyenne, Bretagne,

Normandie, Provence. Diese heuerten oder kauften im Kriegsfalle geeignete

Schiffe, oft in Holland und selbst in Schweden, und warben Kapitäne und

Mannschaften. Das Personal bestand besonders aus Seeleuten der Städte am

Kanal, die Freibeuterei betrieben, aber auch aus Reisläufern aller

Länder.

[73] Quellen: Roncière; Chab-Arnault; Nauticus 1901.

Erst Richelieu, der den Mangel einer stärkeren Marine in den Kriegen

gegen La Rochelle gefühlt hatte und auch einsah, daß sie zur Durchführung

seiner Politik gegen Spanien-Österreich sowie für seine Handels- und

Kolonialpläne nötig sei, versuchte eine solche zu gründen. Er errichtete

Werften in den Haupthäfen, setzte Kommissionen zur Beaufsichtigung des

Schiffbaues ein und vermehrte den Stab der Küstenadmirale für

militärische und Verwaltungszwecke. Ferner versuchte er, ein

Offizierkorps zu schaffen, indem er tüchtige Kapitäne fest anstellte und

zwar mit dem Hauptzweck, durch sie junge Edelleute zu Seeoffizieren zu

erziehen. Auch sonst erließ er wichtige organisatorische Bestimmungen; er

schuf z. B. eine Truppe (200 Mann) seemännischer Kanoniere in der Art der

Gunner in England. Richelieu führte eine Zeitlang selbst die Oberleitung

des Seewesens (als Admiral von Frankreich und Grand maître de la marine

et du commerce). Um 1644 besaß die königliche Marine 30 größere

Kriegsschiffe, 27 kleinere und 13 Brander. Daß die Schiffe auf der Höhe

der Zeit standen, beweist der Umstand, daß die »Couronne« dem »Royal

Sovereign« ebenbürtig genannt wird -- sie war 1636 gebaut, 1800 tons

groß; ihre Segeleigenschaften wurden gerühmt -- und daß 1635 das

Flaggschiff eines Geschwaders von 39 Schiffen, allerdings meist

Kauffahrer, im Kriege gegen Spanien 1000 tons groß war mit 52 Kanonen.

Aber auch diese Marine verfiel wieder unter Mazarin. Der Versuch,

ein besseres Offizierkorps zu gründen, scheint sogar zum

Nachteil ausgeschlagen zu sein. Es wurde üblich, Kapitäns- und

Leutnants-Stellungen nach Gunst zu vergeben, so daß diese Chargen

bekleidet wurden von Leuten ohne seemännische Erziehung, die in der

Führung des Schiffes völlig abhängig vom seemännischen Personal waren.

Erst Colbert rief etwa um 1660 eine neue Marine ins Leben, die in der

Organisation auf den Bestimmungen Richelieus aufgebaut war.

=Eine= Schöpfung in Frankreich hatte Bestand: die $Galerenflotte im

Mittelmeer$ (Marseille). Sie war in den neunziger Jahren des 15. Jahrh.

für die Kriege gegen Spanien und die italienischen Städte gegründet

worden und war eine stehende Marine wie die der Gegner. Sie stand unter

dem =Général des galères=, hatte ein festes Offizierkorps, feste

Verwaltung und Budget; die Ruderer waren Sträflinge. Diese Galeren

fanden nicht nur Verwendung im Mittelmeer, sie erscheinen bis zu 25

Fahrzeugen stark auch im Atlantik (unter Franz I. 1544). Bei weiten

Unternehmungen begleiteten sie eigene Transporter. Sie blieb lange

völlig selbständig, bis sie 1748 mit der Hochseemarine vereinigt

wurde.[74]

[74] Näheres über die Galerenflotte: du Sein, Teil I, Seite 264;

Jurien, »Derniers jours«.

Vorstehende Angaben zeigen uns, daß den neu entstandenen

Segelschiffsmarinen doch noch zu viel fehlt, um sie voll als stehende

Marinen bezeichnen zu können. In dem Schiffsbestande ist keine

Stetigkeit, er schwankt unter dem Einflusse der inneren und äußeren

politischen Verhältnisse der Länder; die absolute Größe der Kriegsmarinen

ist meist so gering, daß die Schiffe eigentlich nur den Kern der zur

Verwendung kommenden Flotten bilden können. Holland macht in dieser

Beziehung zwar eine Ausnahme, aber gerade hier tritt der erste Mangel

hervor: nach Beendigung der Krieges wird der Bestand auf ein Drittel

verringert und kommt nun wieder dem der anderen Marinen gleich.

Von einem organisierten oder nur festen Bestande beim =Personal= ist

überhaupt nicht die Rede. In der Praxis wird es wohl anders gewesen sein.

Fassen wir z. B. England und Holland ins Auge. Die kriegerischen

Ereignisse folgten sich nahezu ununterbrochen mit nur kurzen Pausen;

beide Länder mußten ferner jährlich mit Beginn der Schiffahrt fast alle

vorhandenen Kriegsschiffe zum Schutze ihres Handels in Dienst stellen. Es

bot sich mithin stets Gelegenheit für den Kriegsdienst zur See. -- Die

Besatzungsfrage war aber bei zunehmender Vervollkommnung der Schiffe in

seemännischer und artilleristischer Hinsicht immer wichtiger geworden; es

genügte nicht mehr, eine kleine Zahl von Seeleuten zur Bedienung der

Schiffe und eine größere von Soldaten zum Kampf an Bord zu nehmen. Die

Bedienung erforderte ein stärkeres seemännisches Personal und dieses

übernahm bei der Herabsetzung der Zahl der Kriegsleute die Bedienung der

Artillerie mit, als seegewohnt hierzu geeigneter als die Soldaten. Zwar

wurden noch besondere Kanoniere (z. B. in England die Gunner)

eingeschifft, die Zahlenangaben zeigen aber, daß sie nur für die

Hauptgeschütznummern oder für Unteroffiziersdienste bestimmt gewesen sein

können. Während im Mittelalter die Besatzung zu zwei Dritteln aus

Soldaten bestand, enthält sie am Ende des hier geschilderten

Zeitabschnittes etwa drei Viertel Seeleute. Vor allem aber hatte man

Kapitäne und Dienstgrade -- Ober- und Unteroffiziere -- nötig, die im

Kriegsschiffsdienste erfahren waren.

Auch die geheuerten Kauffahrer scheinen meistens mit kriegserfahrenen

Kapitänen besetzt gewesen zu sein. Zuweilen werden nämlich Mißerfolge

damit begründet, daß solche Schiffe durch ihre früheren Kapitäne geführt

gewesen seien; in England wird dies deshalb bald grundsätzlich verboten.

Da ist denn wohl anzunehmen, daß sich bei den Indienststellungen in

erster Linie Personen meldeten, die schon auf Kriegsschiffen gedient

hatten, namentlich was die Dienstgrade anbetrifft; in Holland mußten sich

die Bewerber um wichtigere Stellen seit 1618 einer Befähigungsprüfung

unterziehen. In England und in Frankreich wurden auch schon die ersten

Versuche gemacht, durch Einstellung von Aspiranten Seeoffiziere

heranzubilden. Es war also doch gewissermaßen schon ein

Kriegsschiffspersonal vorhanden, auf dessen Eigenart und weitere

Entwicklung wir im nächsten Abschnitt näher eingehen werden.

[Illustration]

* * * * *

Dritter Abschnitt.

Die Zeit von 1648-1739.

Kennzeichen des Abschnittes.

Entwicklung größerer stehender Kriegsmarinen. Auftreten von Schiffen

bestimmter Klassen nach Größe und Armierung und zu besonderen Zwecken.

Entstehen einer Taktik für Segelschiffs-Flotten, die aber nur

schematisch durchgeführt wird. Beginn einer Kriegführung zur See, die

eine dauernde Beherrschung des Meeres zum Ziele hat; das Niederkämpfen

der feindlichen Seestreitkräfte tritt in den Vordergrund.

[Illustration]

Erstes Kapitel.

Geschichtlicher Überblick über den Abschnitt.

Seine Bedeutung für die Entwicklung des Seekriegswesens.

Einleitung.

Infolge des Dreißigjährigen Krieges waren Frankreich und Schweden zu

besonderem Ansehen bei den europäischen Staaten gelangt; Deutschland lag

schwer danieder und war durch die Selbständigkeit der vielen kleinen

Staaten nach außen ohnmächtig. Portugal war 1640 wieder unabhängig von

Spanien geworden, die Niederlande wurden im Westfälischen Frieden als

selbständige Republik anerkannt und damit waren ihre Freiheitskriege

gegen Spanien erfolgreich beendet. Spanien war hierdurch und auch sonst

durch die Opfer, die seine katholische Weltmachtpolitik erfordert hatte,

erschöpft und trat allmählich in die zweite Linie der Staaten zurück.

England (Großbritannien) nimmt nach Vertreibung des Hauses Stuart als

Republik unter Cromwell einen neuen Aufschwung und gewinnt an Ansehen und

Macht.

Im Verlauf der ersten Hälfte des 17. Jahrh. (vgl. Seite 78-88) waren

Holländer und Engländer als Nebenbuhler der Portugiesen und Spanier auf

den Ozeanen mächtig geworden, ja sie hatten diese Staaten schon überholt;

in den indischen Gewässern war Holland bereits als herrschende Nation an

die Stelle Portugals getreten. Die Holländer waren wiederum den

Engländern unter den Stuarts weit vorausgeeilt und konnten um 1650 das

Meer als ihr Eigentum ansehen.

1648 hatte Cromwell seine Gegner aus dem Parlament verjagt; das neue

Parlament (Rump-Parlament) ließ 1649 Karl I. hinrichten. Nach dem Tode

Elisabeths (1603) war auch gegen Holland ein Stocken in den

überseeischen Unternehmungen eingetreten. Der Handel Hollands überwog

auf den Ozeanen und in den europäischen Gewässern -- Mittelmeer und

besonders Ostsee -- den Englands ganz bedeutend; noch Colbert nahm an,

daß die holländische Kauffahrteiflotte 4/5 der gesamten europäischen

ausmache.

Als sich nun England unter =Cromwell= zu neuem Streben erhob und dieser

große Staatsmann sein Augenmerk auch besonders auf die Verdrängung

Hollands aus der ersten Stelle als Seemacht richtete, erfolgte der

Zusammenstoß der beiden Staaten.[75] Wenn sie auch als protestantische

Mächte natürliche und aufeinander angewiesene Verbündete waren, so führte

doch ihr Wettbewerb im Welthandel in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. zu

den blutigsten Kriegen miteinander.

[75] Ich weise bei diesen Betrachtungen auf Rodenberg, »Seemacht in der

Geschichte«, hin, dessen kurz und klar gefaßte Auslassungen hier

vielfach benutzt sind.

Die Engländer waren die Angriffslustigen und Angreifenden, teils durch

die günstige Lage ihres Landes auf dem Kriegstheater dazu bewogen, teils

in der richtigen, sich immer mehr bahnbrechenden Erkenntnis, daß die

Macht auf dem Meere das sicherste Mittel sei, um den Handel auf ihm zu

beherrschen (Raleighs Ausspruch, Seite 143). Wenn diese Kriege nun auch

noch keine endgültige Entscheidung zwischen beiden Staaten brachten, so

entwickelte sich doch in ihnen England zu einer Holland ebenbürtigen

Seemacht und arbeitete von nun an zielbewußt und beharrlich daran, sich

die alleinige Herrschaft auf allen Meeren zu erringen und zu sichern. Die

erbitterten Kämpfe um die Vorherrschaft auf dem Meere hatten

natürlicherweise die größte Pflege der Kriegsflotten zur Folge; besonders

in England verlor man dieses wichtige Erfordernis nie mehr, auch nicht in

Friedenszeiten, aus dem Auge, während man in Holland häufig nur Notlagen

Rechnung trug.

Zur Zeit dieser englisch-holländischen Kriege erschien aber auch

Frankreich als Macht auf dem Meere. Auf dem Festlande an die Stelle

Spaniens getreten, strebte es nach höchster Geltung in der Welt und

konnte einer Marine nicht entbehren. Schon =Richelieu= und dann =Colbert=

schufen eine solche zugleich mit der Absicht, dadurch Seehandel und

Kolonisation, für deren Wert beide Männer volles Verständnis hatten, zu

heben und zu schützen. Da aber die Neigung der Franzosen zu derartigen

Unternehmungen schwächer als die der germanischen Staaten war und die

Regierung erst dazu anleiten mußte, so blieben die Ergebnisse hierin

zunächst gering. Frankreichs Politik war außerdem in der Hauptsache auf

kontinentale Ausbreitung nach Osten hin gerichtet, wo die beiden

innerlich zersplitterten Staaten Deutschland und Italien stets Aussicht

auf Machterweiterung boten. So ist für =Ludwig= XIV. die Flotte mehr eine

Waffe zweiter Ordnung zur Unterstützung des Landkrieges gewesen; größere,

zur See allein erreichbare Ziele wurden der Flotte nur vorübergehend

gesteckt; die Macht zur See wurde nur für bestimmte Zwecke angestrebt,

nicht aber als Selbstzweck dauernd im Auge behalten, ähnlich der

Seekriegführung der früheren Zeiten. Diese Umstände lähmten die

Entwicklung Frankreichs als Seemacht, seine Flotte erreichte nicht die

Leistungen der holländischen und englischen. Sie war aber immerhin durch

militärischen Geist ausgezeichnet und wurde, da ihr die Mittel eines

absoluten Staates zur Verfügung standen, eine achtbare Waffe, die schon

beim zweiten englisch-holländischen Kriege auf der Seite Hollands, im

dritten auf der Englands erscheint und um die Mitte dieses Abschnittes

(1689-1697) bei den Versuchen Ludwigs XIV., den aus England durch

Wilhelm von Oranien (Wilhelm III., 1688) vertriebenen Jakob II. wieder

einzusetzen, eine große Rolle spielt.

Spanien tritt in den Kriegen zur See dieser Zeit wenig hervor, meist nur

als Bundesgenosse. Wenn es auch trotz sonstiger Erschlaffung seiner

Flotte immer noch Fürsorge zu teil werden ließ, weil es ihrer zur

Heimführung der ihm unentbehrlichen Einkünfte (Edelmetalle) aus den

Kolonien bedurfte, so stand seine Flotte doch nicht mehr auf der Höhe der

Zeit und folgte auch der Entwicklung der jetzt aufstrebenden Marinen

nicht genügend. Portugals Macht war nach kurzer Blüte unter den ersten

Königen des Hauses Braganza infolge schlechter Verwaltung aufs neue

gesunken und geriet mehr und mehr als Englands Schützling in dessen

Abhängigkeit. Seine Flotte war schon mit dem stetig fortschreitenden

Verlust der Kolonien verringert worden und wurde immer mehr

vernachlässigt.

Die militärisch-maritime Bedeutung Schwedens und Dänemarks, deren Flotten

in diesem Zeitabschnitt schon wohlorganisiert waren -- ja sogar früher

als die Englands und Hollands --, trat nicht aus der Ostsee heraus;

Rußland gründete erst unter Peter dem Großen eine Marine, die dann Anfang

des 18. Jahrh. ihre Feuertaufe erhielt. Im Mittelmeer ist für diesen

Abschnitt, abgesehen von den Kämpfen, welche die neuen drei großen

Seemächte dort ausfochten, nur das Ende des Ringens Venedigs mit den

Türken um Besitzungen und Seemacht, besonders im Ostbecken, von

einigermaßen seekriegsgeschichtlicher Bedeutung.

Die Entscheidung zwischen den drei großen Seemächten fiel am Ende dieses

Abschnittes im Spanischen Erbfolgekriege 1701-1714. Frankreich unterlag

darin England und Holland zur See und ihren festländischen Verbündeten zu

Lande; seine Flotte verschwand nahezu wieder vom Meere. -- Den Gewinn auf

dem Meere zogen jedoch nur die Engländer. Holland hatte, da ihm von der

französischen Flotte keine Gefahr drohte und es im Landkriege von

Frankreich fast erdrückt war, seine Bundespflichten zur See nur lau

erfüllt, England dagegen gern und wohlüberlegt die ganze Last des

Seekrieges auf sich genommen. Beim Friedensschluß stand England als

unwiderstehliche Seemacht da und konnte durchsetzen, was es wollte. Es

verstärkte seine Stellung am Atlantischen Ozean (durch Erwerbung von

Neufundland, Neuschottland, Gibraltar, im Mittelmeer Minorca) derart, daß

es diesen und damit den ganzen überseeischen Handel Europas beherrschte,

es war wiederum einen Schritt weiter auf dem Wege gekommen, sich zum

Gebieter auf allen Meeren zu machen. Holland fand nie wieder die Kraft,

nach höchster Macht auf dem Meere die Hand auszustrecken, es trat damit

wie Spanien in die Reihe der Staaten zweiten Ranges zurück; der Verlust

der Seemacht hatte auch den allmählichen Rückgang des Seehandels zur

Folge, allerdings nicht sofort, denn dazu war die im Lande während seiner

großen Zeit angehäufte Summe an Geld und Tatkraft noch zu bedeutend.

$Bedeutung des Abschnittes für die Entwicklung des Seekriegswesens.$ Die

wichtigsten Seekriege fechten also zunächst England und Holland, dann

England und Frankreich aus. Diese Kriege zeitigen eine Entwicklung des

Seekriegswesens in allen den Punkten, die als Kennzeichen des Abschnittes

angegeben sind. An Stelle einer »Kriegführung =über= See«, bestehend in

gegenseitigen Brandschatzungen und Einfällen, tritt die »Kriegführung

=auf= See«. Es werden große Seekriege um Ziele geführt, die nur durch die

dauernde Herrschaft über das Meer erreicht werden können. Die ersten

Anfänge hierzu zeigen sich schon in der zweiten Hälfte des vorigen

Abschnittes (Seite 143), aber erst in den jetzt folgenden Kriegen tritt

der Umschwung deutlich hervor.

An die Marine stellte man nunmehr weit höhere Anforderungen und widmete

ihr deshalb auch eine sorgfältigere Pflege als früher. Eine nur zu einem

bestimmten Zwecke aufgebotene Flotte konnte nicht mehr genügen, mächtige

stehende Flotten wurden notwendig.

Wenn auch zu Anfang noch vielfach Kauffahrteischiffe zur Kriegführung mit

herangezogen werden, so wächst doch in allen Marinen die Zahl und die

Güte der eigentlichen Kriegsschiffe, nach und nach verschwinden die

Kauffahrer in den Flotten. Auch beginnt man, die Kriegsschiffe nach ihrem

Gefechtswert und für verschiedene Zwecke, taktischen und strategischen

Erwägungen folgend, in bestimmte Klassen einzuteilen. Dieser Prozeß kommt

im Verlauf des vorliegenden Abschnittes eigentlich schon zum Abschluß, in

der weiteren Zeit der Segelschiffe treten in dieser Hinsicht nur noch

Verschiebungen und Vervollkommnungen ein. Auch in Bau und Einrichtung des

einzelnen Schiffes erscheinen nach der Mitte des 18. Jahrh. im

wesentlichen nur noch Verbesserungen, während der Schiffstyp ebenfalls

schon in der jetzt zu besprechenden Zeit festgelegt war.

Mit der inneren Durchbildung und Festigung der stehenden Flotten, mit der

Heranbildung von Berufs-Seeoffizieren tritt nach und nach eine Taktik für

die Führung von Segelflotten auf, deren Grundsätze schon in Instruktionen

niedergelegt wurden; um die Mitte des Abschnittes erscheint sogar bereits

die erste wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet von Kaplan Hoste,

siehe Quellenverzeichnis. Diese Taktik wird aber dann bald nur

schematisch durchgeführt, und die in genannter Schrift enthaltenen

wertvollen Hinweise zu sinngemäßer Anwendung und Erweiterung der Regeln

werden nicht benützt; es bleibt dies dem nächsten Zeitabschnitt

überlassen.

Endlich sind die zu besprechenden Kriege lehrreich in strategischer

Hinsicht. Da in ihnen zuerst eine Kriegführung auftritt, die an Stelle

örtlicher und zeitlicher Erfolge die Erringung und Erhaltung der

Herrschaft über das Meer zum Ziele hat, so kann man auch erst von jetzt

ab von einer Strategie zur See sprechen. =Ihre Entwicklung lehrte, daß

alle großen Ziele im Seekriege nur durch das Niederkämpfen der

feindlichen Streitkräfte erreicht werden können.=

In dem vorigen Zeitabschnitt war der feindliche Handel ein

Hauptangriffsziel geworden. Er wird es zunächst noch immer mehr, aber

bald tritt der Kampf der Seestreitkräfte gegeneinander in den

Vordergrund.

* * * * *

[Illustration]

Zweites Kapitel.

Die Entwicklung des Seekriegswesens.

Schiffe, Waffen, Schiffsklassen, Personal, Kampfweise und Taktik.

In diesem Kapitel sind in erster Linie die einschlägigen englischen

Verhältnisse betrachtet, da über diese die besten und neuesten Quellen

zur Verfügung stehen; sie bieten uns auch genügend Anhaltspunkte zur

Beurteilung der Verhältnisse der anderen Marinen. Jurien sagt: »Die

englisch-holländischen Kriege gebaren die modernen Marinen." England

begann während und nach diesen Kriegen seiner Marine die Pflege

zuzuwenden, die sie nach und nach zu der mächtigsten gemacht hat. Seine

Marine stand schon zu Ende dieses Zeitabschnittes fast auf dieser

Stelle, und so kann ihre Entwicklung wohl als maßgebend für die

allgemeine Fortbildung des Seekriegswesens angesehen werden.

Seekriege und Seekriegswesen, Erster Band in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung. Mit besonderer Berücksichtigung der grossen Seekriege des XVII. and XVIII. Jahrhunderts. · 第 19 / 58 题