Sie stiegen die Treppe hinan und kamen in den Salon, an den das
Krankenzimmer grenzte. Im Salon saß der alte Littwak mit Frau Sarah.
Die Thüre stand offen, und sie konnten in die Leidensstube blicken. Sie
sahen Davids Mutter im Bette liegen. Das Antlitz der Dulderin war schon
so bleich, wie das Kissen, von dem es sich abhob, doch sie lebte noch.
Ihre sanften Augen waren mit einem unendlich liebreichen Ausdruck auf
ihre Kinder gerichtet, die am Fußende des Bettes standen und leise mit
ihr sprachen. Der Arzt saß an der Seite des Bettes und betrachtete sie
aufmerksam.
Kingscourt gab wortlos die eben erhaltene Depesche dem alten Littwak.
Dieser nahm das Papier teilnahmslos, starrte darauf, dann gab es ihm
einen Ruck. Er wischte sich die Augen mit dem Handrücken und las
nochmals. Dann reichte er es seiner Schwiegertochter, seine Stimme
zitterte:
„Sarah, les’ mir das vor!“
Frau Sarah überflog das Telegramm mit den Blicken. Sie wurde blutrot,
es schossen ihr die Thränen in die Augen, dann las sie es mit
erstickter Stimme dem Alten vor. Dann sprang sie auf, schwang das Blatt
hoch und winkte damit ihren Mann heran.
David kam auf den Fußspitzen heraus. Er sah Kingscourt und Friedrich im
Hintergrunde stehen, da nickte er ihnen kurz und ernst zu. Er wandte
sich an Sarah und sagte mit leisem Unwillen:
„Was giebt es denn?“
Sein Vater war aufgestanden und ging mit schwankenden Schritten auf ihn
zu:
„David, mein Kind — David, mein Kind!“
Die Frau hatte ihm das Telegramm gereicht. Er las es ruhig und runzelte
die Stirne:
„Nein, daß Reschid solche Scherze macht, hätte ich nicht geglaubt! Ich
bin wahrlich dazu nicht aufgelegt.“
„Es ist kein Scherz!“ erklärte Friedrich und berichtete den Hergang,
soweit er dessen Zeuge gewesen war.
„Nein, nein!“ sagte David. „Wie komme ich dazu? Es ist ja gar nicht
möglich. Ich habe mich nicht beworben.“
„Eben darum!“ bestätigte Kingscourt.
„Ich eigne mich nicht dazu. Hundert andere sind eher berufen, als ich.
Und ich nehme es auch nicht an. Bitte, telegraphieren Sie gleich an
Marcus, daß ich es nicht annehme.“
Da sagte sein Vater stark:
„Du wirst es annehmen, David! Du mußt es annehmen — wegen deiner
Mutter. Es ist die letzte Freude, was du deiner Mutter machen kannst.“
David bedeckte sich die Augen.
Mirjam trat aus dem Krankenzimmer:
„Was geht hier vor? Die Mutter ist unruhig; sie will wissen, was hier
vorgeht.“
Und sie gingen an das Lager der Sterbenden.
„Mutter!“ sagte der alte Littwak, „der Herr Doktor Löwenberg hat uns
etwas Gutes gebracht.“
„Ja?“ hauchte die Dulderin, ihre Züge verklärten sich. „Wo ist er? Ich
will ihn sehn. Man soll mich aufrichten.“
Der Arzt holte Friedrich aus dem Salon, während Mirjam und David ihre
Mutter aufsetzten und ihren schmalen Rücken mit Kissen stützten.
Nun stand auch Friedrich an dem Bette. Die Mutter blickte ihn so gut
an. Sie murmelte:
„Ich — hab’ — mir’s — gleich gedacht — damals — wie Ihr — am Balkon
war’s ... Da draußen ... Kinder! ...“ Sie tastete schwach in der Luft
herum. „Mirjam hat mir — nichts gesagt ... Aber — eine Mutter — sieht
das ... Kinder! ... Ihr sollts Euch — die Hand geben ... Meinen Segen —
meinen Segen!“
Und so geschah es, daß Mirjam und Friedrich einander die Hände
reichten. Aber sie thaten es so zögernd und verlegen, daß es ihr
auffiel. Da blickte sie mit Angst von einem zum anderen und flüsterte:
„Oder — oder? ...“
„O ja!“ sagte Friedrich warm und drückte die Hand des Mädchens fester.
„Ja,“ sagte auch Mirjam leise.
So wahr ist es, daß eine Mutter, auch wenn sie schon ganz schwach und
hilflos ist, noch immer die Kraft hat, ihres Kindes Glück zu schaffen.
Sie lehnte nach dieser großen Anstrengung mit geschlossenen Augen in
den Kissen und atmete kaum noch. Da erschrak der Alte, daß sie
entschlummern könnte, bevor er ihr die Größe ihres Sohnes gemeldet
hätte.
„Mutter!“ schrie er laut. Sie öffnete noch einmal die Lider, und es war
ein Bedauern in ihrem Blicke, daß man sie in dem schönen Traume störe,
den sie fein hinüberspinnen wollte — hinüber ....
„Mutter!“ rief der Alte. „Wir müssen dir sagen etwas Großes. Weißt du,
wer geworden ist der Präsident von der Neuen Gesellschaft? ... Unser
David ist geworden der Präsident! Mutter, unser David! ...“
Da lag David wie als Knabe auf den Knieen vor seiner kranken Mutter und
weinte bitterlich auf ihre wachsbleiche, erkaltende Hand. Sie aber zog
die Hand hervor und streichelte ihm sanft das Haar, als ob sie ihn
hätte im voraus trösten wollen.
„Mutter!“ rief der Alte noch einmal angstvoll, „hast du gehört?“
„Ja!“ hauchte sie, „mein — mein David ...“
Und ihre Augen brachen.
Man begrub sie.
Man sang die alten hebräischen Gesänge, und der gute Rabbi Samuel von
Neudorf sprach die Gebete. Es wurde keine Grabrede gehalten. David
hatte es nicht gewünscht.
Aber als er mit den Freunden vom Friedhofe kam und im Trauerzimmer
niedersaß, da hielt er selbst ihr den Nachruf:
„Sie war meine Mutter. Sie war für mich die Liebe und das Leiden.
Die Liebe und das Leiden waren in ihr verkörpert, so daß mir die Augen
übergingen, wenn ich sie nur sah.
Ich werde sie nicht mehr sehen, und sie war meine Mutter.
Sie war unser Haus und unsere Heimat, als wir nicht Haus noch Heimat
hatten.
Sie hielt uns aufrecht, als wir im Elend waren, denn sie war die Liebe.
Sie lehrte uns Demut, als es uns besser ging, denn sie war das Leiden.
Sie war in bösen und guten Tagen die Ehre, die Zierde unseres Hauses.
Als wir so arm waren, daß wir auf Stroh lagen, da waren wir doch reich,
weil wir sie hatten.
Sie dachte immer an uns, und nie an sich.
Unser Haus war nur eine kümmerliche Stube, und es barg einen Schatz.
Mancher Palast hat keinen solchen Schatz. Das war sie, die Mutter.
Sie war eine feine Dulderin. Das Leiden beugte sie nicht, es erhöhte
sie.
Da habe ich sie manchmal angeschaut als das Judentum in der Zeit der
Leiden. In ihrer Gestalt sah ich es.
Sie war meine Mutter — und ich werde sie nicht mehr sehen. Nie mehr,
Freunde!