Als Kingscourt und Friedrich in den Gasthof kamen, um Frau Sarah und
Fritzchen auf die Reise abzuholen, waren diese schon fort. Frau Sarah
war ihrem Gatten mit dem nächsten Zuge nachgeeilt. Es ging aber gleich
wieder ein Expreß nach Tiberias, und diesen benützten die Freunde. Im
Wagen der elektrischen Eisenbahn sitzend, schauten sie in die
Landschaft hinaus, die vorüberflog, und sie hielten auch eine Rückschau
über die bisher wahrgenommenen Einrichtungen von Altneuland.
Kingscourt war sehr überrascht, als Friedrich im Eifer dieses
Gespräches plötzlich sagte:
„Ich möchte nach Europa hinüber.“
„Was, Sie launenhafter Schlingel? Nun haben Sie das Land Ihrer
hebräischen Ahnen schon wieder satt bekommen?“
„Nein, mein lieber guter Kingscourt. Ich bin zu froh, daß Sie hier
bleiben wollen, und daß ich wenigstens noch versuchen kann, ein
nützliches Mitglied der Neuen Gesellschaft zu werden. Vielleicht kann
ich meine juristischen Kenntnisse irgendwie verwerten? Vielleicht
bekomme ich in irgend einem Zweige der Verwaltung eine
Arbeitsgelegenheit? Aber ich möchte dennoch für kurze Zeit nach Europa
hinüber, um zu sehen, wie sich die Verhältnisse seither dort gestaltet
haben. Ich kann mir nämlich gar nicht vorstellen, daß in den zwanzig
Jahren unserer Abwesenheit nicht auch dort große Veränderungen
eingetreten seien. Wenn ich bedenke, daß wir hier eigentlich nur die
schon damals bekannten Materialien in einer neuen Ordnung
wiedergefunden haben, so muß ich glauben, daß ähnliches, wie hier, auch
dort existieren muß. Die Worte des Akademikers Marcus brachten mich auf
diesen Gedanken. Er sagte: wir sind kein Staat, sondern eine große
Genossenschaft ...“
„Die Jenossenschaft mit dem endlosen Ideal!“ schmunzelte Kingscourt.
„Ich frage mich nämlich,“ fuhr Friedrich ernst fort, „ob wir da nicht
bei einer Antwort auf manche Frage unserer vergangenen Zeit stehen.
Damals sprach man viel vom Zukunftsstaate, qualmig thaten es die einen,
höhnisch die anderen, grimmig die dritten. Das Ausmalen künftiger
Zustände war in den Augen der sogenannten praktischen Leute eine große
Lächerlichkeit. Sie vergaßen, daß wir immer in künftigen Zuständen
leben, denn das Heute ist die Zukunft von Gestern. Man sah den
unmöglichen Zukunftsstaat nur auf den unwahrscheinlichen Trümmern der
bisherigen Einrichtungen. Also ein Weltuntergang, an den wirklich nur
ein Hasenfuß glauben kann. Zuerst ein Chaos, und dann irgend etwas, von
dem es fraglich blieb, ob es besser wäre, als das Frühere. Aber
derselbe Marcus sprach neulich ein Wort, welches mir nachgeht: daß es
eine Koexistenz aller Dinge gebe. Das Alte muß nicht mit einem Ruck
untergehen, damit das Neue entstehe. Nicht jeder Sohn ist ein
Posthumus, in der Regel leben die Eltern noch eine Zeitlang mit den
Kindern fort, und eine alte Gesellschaft geht noch nicht unter, weil
eine neue kommt. Seit ich hier gesehen habe, wie man mit lauter alten
Materialien eine neue Ordnung der Dinge errichtet, glaube ich weder an
eine völlige Zerstörung, noch an eine völlige Erneuerung der
Institutionen. Ich glaube — wie soll ich es nur sagen — an einen
allmählichen Umbau der Gesellschaft. Ich glaube auch, daß ein solcher
niemals planmäßig, sondern zufällig vor sich geht. Das Bedürfnis ist
der Baumeister. Zur Auswechslung eines Fußbodens, einer Stiege, einer
Mauer, eines Daches, einer Wasserleitung, einer Beleuchtungsform
entschließt man sich erst, wenn die Not drängt oder eine Erfindung
siegt. Das Haus bleibt als ganzes, was es war. So kann ich mir auch den
Staat, den wir einst sahen, erhalten denken, auch wenn das Neue
hinzukam. Und dies möchte ich in Europa suchen ... Als wir damals von
der Kulturwelt Abschied nahmen, sahen wir schon überall neue
Lebensformen aufsprießen. Ich verstehe das
Stockton-Darlington-Jubiläum. Damit hat alles angefangen. Es ist die
Feier der Entstehung einer anderen Zeit. Wie lange war diese da, neben
der früheren, sie durchdringend, von ihr durchdrungen — und die klugen
praktischen Leute sahen davon noch gar nichts. Die Grenzen bestanden
fort, aber Menschen und Waren durchzogen die Welt. Und wo kam man mit
den Maschinen und auf der Eisenbahn überall hin! In andere Verkehrs-,
in andere Wirtschaftsverhältnisse. Das Alte lebte noch, und das Neue
war schon da. Die Genossenschaft der Kleinen, das Kartell der Großen —
die beiden Formen kannten wir schon. Warum sollten sich nicht auch die
Genossenschaften kartellieren, wenn es die einzelnen Fabrikanten thun
konnten? ...
Es kam schon früher vor, daß vernünftige Unternehmer die Fürsorge für
ihre Arbeiter und deren Familien freiwillig übernahmen. Jede große
Fabrik hatte ihre Wohlfahrtseinrichtungen, je größer das Unternehmen,
umso größer konnte die Wohlfahrt eingerichtet sein. Die Kartelle wieder
konnten, wenn sie wollten, das Los ihrer Arbeiter freundlicher
gestalten, weil sie mehr Mittel hatten, als der einzelne Fabrikant, und
weil sie sturmfester organisiert waren. Das weiß ich aus Ihren eigenen
Erzählungen, Mr. Kingscourt. Die amerikanischen Trusts haben ja Sie
mich kennen gelehrt.“
„Janz richtig. Und wo wollen Sie raus?“
„Ich meine, daß es eine notwendige Entwicklung war, wenn die
Produktivgenossenschaft sich gegenüber dem Einzelunternehmen bildete.
Das Betriebskapital war ursprünglich die schwache Seite dieser
Genossenschaft, aber die Möglichkeit, auch den Konsum zu organisieren,
war ihre starke Seite. Und die Genossenschaften mußten wachsen mit der
allgemeinen Bildung. Und ich meine endlich, daß die großen Trusts
wohlthätig wirken mußten, weil sie den Weg bahnten zur Organisierung
der Arbeit. Die Genossenschaften konnten sich nach diesem Beispiel
einmal kartellieren. Die Neue Gesellschaft, die wir hier gesehen haben,
ist in meinen Augen nichts als ein Kartell von Genossenschaften. Ein
großes Kartell, das alle Geschäfte in sich macht, die gemeine Wohlfahrt
im Auge hat, und aus lauter Nützlichkeit auch das Ideal pflegt. Ich
möchte nun sehen, ob dergleichen jetzt auch schon in Europa vorhanden
ist.“
„Wollen Sie vielleicht jar sagen, daß so ’ne Neue Jesellschaft auch
anderswo möglich ist?“
„Ja, das will ich sagen. Diese Neue Gesellschaft könnte überall
existieren, in jedem Lande, ja es kann in jedem Lande mehrere solcher
Genossenschaftskartelle geben. Der Uebergang zu dieser Form der
Wirtschaft ist ja denkbar, wenn es Genossenschaften und Kartelle giebt.
Dabei braucht der alte Staat keineswegs aufzuhören, er besteht vielmehr
fort und schützt die Entwicklung der Neuen Gesellschaft, die ihm ja
zugute kommt, die ihn stärkt und erhält. Das ist die Koexistenz der
Dinge, und daran glaube ich ...“
Da waren sie in Tiberias angelangt.
Sie eilten vom Bahnhofe nach der Villa des alten Littwak. Ein Diener,
der sie an der Thüre empfing, antwortete auf ihre Frage nach dem
Befinden von Davids Mutter mit einem traurigen Kopfschütteln. Zugleich
übergab er Kingscourt eine dringende Depesche, sie war soeben
eingetroffen.
Kingscourt riß das Papier auf, indem er Friedrich bedeutsam anblickte.
Und wirklich, da stand es zu lesen:
„David Littwak ist vom Kongresse mit 363 von 395 abgegebenen
Stimmen zum Präsidenten der Neuen Gesellschaft gewählt worden.