Aber Friedrich hatte wenig Interesse für die Bethätigungen einer
gesunden Lebenslust, und er war froh, als sie die Ansiedelungen
verließen, um nach Jaffa zurückzukehren.
Die Jacht war zur Abfahrt bereit. Sie schieden in den letzten
Dezembertagen vom besonnten Strande Palästinas und steuerten nach Port
Said. In diesem Hafen blieben sie zwei Tage, dann ging es durch den
Suezkanal weiter. Am Abende des 31. Dezember 1902 kamen sie ins rote
Meer. Friedrich hatte wieder eine Zeit völliger Niedergeschlagenheit.
In dieser Stimmung war ihm alles gleichgültig.
Nach Sonnenuntergang rief ihn Kingscourt auf’s Verdeck:
„Heute, Doktor, wollen wir uns was besonders anthun! Da, sehen Sie
unsere Tischkarte. Habe auch eine genügende Anzahl Silberhälse in Eis
kühlen lassen.“
„Was ist denn heute für ein besonderer Tag, Mr. Kingscourt?“
„Das wissen Sie nicht, Mensch? Der letzte Tag des Jahres! Das ist kein
banales Datum — wenn Daten überhaupt einen Sinn haben.“
„Für uns ist das ohne jede Bedeutung,“ sagte Friedrich müde. „Für uns
beginnt nun die Zeitlosigkeit, ist es nicht wahr?“
„Jawohl, jawohl. Aber es ist doch ’n verdammt kurioser Tag. Um
Mitternacht wollen wir die Zeit ins Meer senken, in Euer rotes Meer,
und wenn das blödsinnige Zeitalter um ist, in dem wir zu leben
verurteilt waren, da wollen wir an etwas Großes denken! ... ’nen
gediegenen Punsch lasse ich uns auch brauen. Das ist verhältnismäßig
noch das Reellste, in der allgemeinen Niedertracht des Daseins.“
Und so thaten sie. Der Schiffskoch hatte sein Bestes geleistet. Auch
die Weine waren vorzüglich. Kingscourt, ein gewaltiger Zecher vor dem
Herrn, trank dreimal so viel wie Friedrich, und blieb dabei ziemlich
klar und frisch, indessen sein junger Gefährte einen Nebel in sich
aufsteigen fühlte und nur noch wie im Traum diese Worte vernahm, als es
zwölf Uhr schlug:
„Mitternacht!“ rief Kingscourt mit dröhnender Stimme. „Verrecke, Zeit!
Ich leere mein Glas auf deinen Tod. Was warst du? Schande, Blut,
Gemeinheit und Fortschritt. Stoßen Sie an, Mensch, Mann, isolierter
Zeitgenosse!“
„Ich kann nicht mehr,“ lallte Friedrich.
„Kleines Geschlecht! ... Hier sollten Sie sich doch auf die Fußspitzen
stellen. Klassische Gegend! Hier hat Euer oller Moses eines seiner
größten Kunststücke gemacht ... Sie gingen trockenen Fußes hindurch,
offenbar grade Ebbe gewesen. Und das Vieh von einem Pharao hinterdrein
mitten rin in die Flut. Keine Zauberei! Aber gerade das Natürliche
daran imponiert mir! Die einfachsten Mittel! Aber sehen muß man sie,
und gebrauchen können. Denken Sie mal, was war das für ’ne arme Zeit,
und was hat Euer oller Moses vollbracht. Wenn der heute wiederkäme und
sähe die Wunder alle — die Eisenbahnen, die Telegraphen, die Telephone,
die Maschinen, die Jacht mit der Schraube, mit dem elektrischen
Scheinwerfer. Er würde nichts davon verstehen. Man müßte ihm vielleicht
drei Tage lang immerzu erklären. Aber nach drei Tagen hätte er alles
raus. Und wissen Sie, was er dann thäte? Lachen würde er, furchtbar,
grimmig lachen! Weil die Menschen mit all dem fabelhaften Fortschritt
nichts anzufangen wissen. Im einzelnen Schicksal kommt man zur
Ueberzeugung, daß die Menschen schlecht sind. Aber beim Gesamtüberblick
entdeckt man, daß sie nur dumm sind. Namenlos dumm, dumm, dumm! Nie war
die Welt so reich, und nie hat es so viel Arme gegeben, wie jetzt.
Leute verhungern, während ungebrauchtes Korn verschimmelt. Mir kann’s
recht sein. Je mehr zu Grunde gehen, umso weniger Undankbare, Lügner
und Treulose giebt es in der Welt.“
Friedrich sprach mit schwerer Zunge:
„Glauben Sie nicht, Mr. Kingscourt, daß die Menschen viel besser wären,
wenn es ihnen besser ginge?“
„Nee, wenn ich das glaubte, würde ich nicht nach meiner einsamen Insel
ziehen, sondern mitten unter die Menschen. Ich würde ihnen sagen, wie
sie’s anfangen müßten, um besser dran zu sein. Nicht tausend, nicht
hundert, nicht fünfzig Jahre brauchte man zu warten. Heute! Mit den
Ideen, Kenntnissen, Mitteln, die heute am 31. Dezember 1902 im Besitze
der Menschheit sind, könnte sie sich helfen. Man braucht keinen Stein
der Weisen, kein lenkbares Luftschiff. Alles Nötige ist schon
vorhanden, um eine bessere Welt zu machen. Und wissen Sie, Mann, wer
den Weg zeigen könnte? Ihr! Ihr Juden! Gerade weil’s Euch schlecht
geht. Ihr habt nichts zu verlieren. Ihr könntet das Versuchsland für
die Menschheit machen — dort drüben, wo wir waren, auf dem alten Boden
ein neues Land schaffen. Altneuland!“
Das hörte Friedrich Löwenberg nur noch im Traum. Er war eingeschlafen.
Und träumend fuhr er durch das rote Meer der Zukunft entgegen.