Sie verbrachten einige Tage im alten Lande der Juden.
Von Jaffa hatten sie einen unangenehmen Eindruck. Die Lage am blauen
Meere wohl herrlich, aber alles zum Erbarmen vernachlässigt. Die
Landung in dem elenden Hafen mühselig. Die Gäßchen von den übelsten
Gerüchen erfüllt, unsauber, verwahrlost, überall buntes orientalisches
Elend. Arme Türken, schmutzige Araber, scheue Juden lungerten herum,
alle träg, bettelhaft und hoffnungslos. Ein sonderbarer Moderduft, wie
von Gräbern, beengte einem das Atmen.
Kingscourt und Friedrich beeilten sich auch, fortzukommen. Sie fuhren
auf der schlechten Eisenbahn nach Jerusalem. Auch auf diesem Wege
Bilder tiefster Verkommenheit. Das flache Land fast nur Sand und Sumpf.
Die mageren Aecker wie verbrannt. Schwärzliche Dörfer von Arabern. Die
Bewohner hatten ein räuberhaftes Aussehen. Die Kinder spielten nackt im
Straßenstaube. Und in der Ferne des Horizontes sah man die entwaldeten
Berge von Judäa. Der Zug fuhr dann durch öde Felsenthäler. Die Abhänge
verkarstet, wenig Spuren einer einstigen oder gegenwärtigen Kultur.
„Wenn das unser Land ist,“ sagte Friedrich melancholisch, „so ist es
ebenso heruntergekommen, wie unser Volk.“
„Ja, es ist einfach scheußlich, geradezu polizeiwidrig —,“ erklärte
Kingscourt. „Und doch ließe sich da viel machen. Aufforsten müßte man.
So eine halbe Million junge Riesentannen — — Die schießen hoch wie
Spargel. Das Land braucht nur Wasser und Schatten, dann hätte es noch
eine Zukunft, wer weiß wie groß!“
„Wer soll da Wasser und Schatten herbringen?“
„Die Juden, Kreuzschockschwerenot!“
Es war Nacht, als sie in Jerusalem ankamen, eine wundersame Mondnacht.
„Donnerwetter, ist das schön!“ schrie Kingscourt. Der Wagen, in dem sie
vom Bahnhof nach dem Hotel fuhren, mußte auf seinen Befehl halten. Er
herrschte den Lohndiener an:
„Sie können auf dem Bock bleiben und dem Kameel von einem Kutscher
sagen, daß er langsam hinter uns nachfahren soll. Wir gehen ein Stück
zu Fuß, Doktor, wollen Sie? ... Wie heißt diese Gegend?“
Der Lohndiener antwortete demütig:
„Das Thal von Josaphat, gnädiger Herr.“
„Hol’ mich der Deibel, das giebt es also wirklich? Das Thal von
Josaphat! Ich glaubte, das sei nur so ’ne Sache, in der Bibel. Hier ist
nu unser Herr und Heiland herumgegangen. Was sagen Sie dazu, Doktor?
... Ach so! Na ja, aber Ihnen muß das doch auch etwas sagen? Diese
alten Mauern, dieses Thal ...“
„Jerusalem!“ sagte Friedrich mit leise bebender Stimme halb vor sich
hin. Er wußte sich gar nicht zu erklären, warum ihn der Anblick dieser
unbekannten Stadtumrisse derart ergriff. Erinnerungen vielleicht an
Worte der frühen Kindheit? Gebetstellen, die des Vaters Stimme
gemurmelt hatte? Die abendliche Weihe des verschollenen Passahfestes
zog ihm durch die Seele. Einer der wenigen hebräischen Sätze, die er
noch wußte, klang in ihm auf: Leschonoh haboh Beruscholajim. — Uebers
Jahr in Jerusalem! ... Und er sah sich plötzlich als kleinen Knaben an
der Seite seines Vaters zum Tempel gehen. Ach, der Glaube war tot, die
Jugend war tot, der Vater war tot — und vor ihm ragten die Mauern von
Jerusalem in märchenhaftem Mondesglanz. Heiß strömte es ihm in die
Augen. Es überwältigte ihn. Er blieb stehen, und die Thränen flossen
ihm langsam über die Wangen.
Kingscourt erstickte mehrere Deibel in seiner Kehle, winkte dem
nachfahrenden Kutscher gewaltig zu, stillzuhalten, und er selbst trat
lautlos einen Schritt hinter Friedrich zurück, um dessen wehmütige
Andacht nicht zu stören.
Mit einem Seufzer erwachte Friedrich aus der Bezauberung.
„Verzeihen Sie, Mr. Kingscourt,“ sagte er ein wenig beschämt. „Ich habe
Sie da warten lassen. Es war — es ist mir jetzt so eigen zu Mute. Ich
weiß gar nicht, was das ist.“
Kingscourt aber schob seinen Arm unter den des jungen Mannes und sagte
mit ungewöhnlich weicher Stimme:
„Sie, Friedrich Löwenberg, ich habe Sie gern!“
Und so ging in großer Mondnacht ein Christ mit einem Juden Arm in Arm
der alten heiligen Stadt Jerusalem zu ...
Weniger entzückend war der Anblick Jerusalems bei Tage.
Geschrei, Gestank, ein Geflirr unreiner Farben, ein Durcheinander
zerlumpter Menschen in den engen dumpfen Gassen, Bettler, Kranke,
hungernde Kinder, kreischende Weiber, heulende Händler. Tiefer konnte
das einst so königliche Jerusalem nicht sinken.
Kingscourt und Friedrich besichtigten die berühmten Plätze, Bauten und
Ruinen. Sie kamen auch in das traurige Gäßchen der Klagemauer. Der
widerliche Anblick der geschäftsmäßig betenden Bettler belästigte sie.
„Sie sehen, Mr. Kingscourt,“ sagte Friedrich, „wir haben uns wirklich
zu Tode gestorben. Vom jüdischen Reiche ist nichts mehr übrig, als ein
Stückchen Tempelmauer. Und ich kann in meinem Gemüte bohren so viel ich
will, mit diesen kleinen verkommenen Industriellen der Nationaltrauer
habe ich nichts gemein.“
Er hatte das laut gesagt, ohne zu bemerken, daß ihn auch andere hören
konnten. Außer den Bettelbetern und Fremdenführern befand sich in dem
Augenblicke noch ein dritter Herr in europäischer Kleidung vor der
Klagemauer. Dieser sagte in fremdartig betontem, aber gebildetem
Deutsch:
„Mein Herr, nach Ihren Worten scheinen Sie ein Jude oder doch jüdischer
Abstammung zu sein.“
„Ja,“ antwortete Friedrich ein wenig verwundert.
„Dann gestatten Sie mir vielleicht,“ fuhr der Fremde fort, „daß ich
Ihren Irrtum berichtige. Von der jüdischen Nation ist mehr übrig
geblieben, als die alten Quadern dieses Mauerstückes und als die armen
Schlucker hier, die freilich kein schönes Handwerk betreiben. Sie
dürfen die jüdische Nation in heutiger Zeit weder nach ihren Bettlern
noch nach ihren Reichen beurteilen.“
„Ich bin kein Reicher,“ meinte Friedrich.
„Ich sehe, was sie sind: ein Fremder Ihrem Volke. Wenn Sie einmal zu
uns nach Rußland kämen, würden Sie erkennen, daß es noch eine jüdische
Nation giebt. Wir haben noch eine lebende Ueberlieferung, eine Liebe
zur Vergangenheit und einen Glauben an die Zukunft. Bei uns sind die
Besten und Gebildetsten dem Judentume als einer Nation treu geblieben.
Wir wollen zu keiner anderen gehören. Wir sind was unsere Väter waren.“
„Das ist recht,“ rief Kingscourt.
Friedrich zuckte leicht die Achseln, sprach aber noch einige höfliche
Worte mit dem Unbekannten, dann gingen sie. Als sie am anderen Ende der
Gasse waren und um die Ecke bogen, blickten sie zurück. Der russische
Jude stand noch dort. Er war in ein stummes Gebet vor der Klagemauer
versunken.
Abends, in dem englischen Hotel, in dem sie wohnten, sahen sie ihn
wieder. Er saß bei Tische neben einer jungen Dame, offenbar seiner
Tochter. Nach dem Essen traf man sich in der großen Halle. Das Gespräch
vom Vormittag wurde zwanglos wieder aufgenommen. Der Russe nannte
seinen Namen: Dr. Eichenstamm.
„Ich bin meines Zeichens Augenarzt. Meine Tochter auch.“
„Wie? Das Fräulein ist ’n Doktor?“ fragte Kingscourt.
„Ja, sie hat bei mir und nachher in Paris studiert. Sie ist jetzt meine
Assistentin. Ein ganz gelehrtes Haus, meine Sascha!“
Das Fräulein Doktor errötete bei dem Lobe.
„Aber Papa!“ sagte sie abwehrend.
Dr. Eichenstamm fuhr sich mit der Linken über den langen grauen
Kinnbart:
„Was wahr ist, kann man sagen. Wir sind auch nicht nur zum Vergnügen
hier, meine Herren. Wir beschäftigen uns mit den Augenkrankheiten.
Leider giebt es deren genug. Der Schmutz und die Verwahrlosung rächen
sich. Alles liegt im Argen. Und wie schön könnte es sein. Das Land ist
ja ein goldenes Land.“
„Dieses Land?“ sagte Friedrich ungläubig. „Die Geschichte von Milch und
Honig ist doch nicht mehr wahr!“
„Sie ist immer wahr!“ schrie Eichenstamm begeistert. „Nur die Menschen
müssen da sein, dann ist alles da.“
„Nee! Von Menschen ist gar nichts zu erwarten,“ erklärte Kingscourt mit
Entschiedenheit.
Doktor Sascha wandte sich an ihren Vater:
„Du solltest den Herren raten, die Kolonien zu besichtigen.“
„Was für Kolonien?“ erkundigte sich Friedrich.
„Unsere jüdischen Ansiedelungen,“ antwortete der alte Herr. „Auch davon
wissen Sie nichts, Herr Doktor? Es ist doch eine der merkwürdigsten
Thatsachen im modernen Leben der Juden. In verschiedenen Städten
Europas und Amerikas haben sich Gesellschaften gebildet, die
sogenannten ’Liebhaber von Zion’, mit dem Zweck, hier in unserem alten
Lande die Juden zu Ackerbauern zu machen. Es giebt schon eine Anzahl
solcher jüdischer Dörfer. Auch einige reiche Wohlthäter haben der Sache
Geld zugewendet. Unser alter Boden trägt wieder Früchte. Besuchen Sie
diese Niederlassungen, bevor Sie Palästina verlassen.“
Kingscourt brummte:
„Können wir ja machen, wenn Sie Lust haben, Löwenberg.“
Friedrich bejahte schnell.
Am andern Tag unternahmen sie in Gesellschaft Eichenstamms und Saschas
einen Ausflug nach dem Oelberge. Vor der Höhe kamen sie an dem
eleganten Hause einer englischen Dame vorbei.
„Sie sehen,“ sagte der Russe, „daß man auf der alten Erde auch neue
Paläste errichten kann. Das ist ein vornehmer Gedanke, hier zu wohnen.
Wäre auch mein Traum.“
„Oder wenigstens eine Augenklinik,“ meinte Doktor Sascha mit feinem
Lächeln.
Vom Oelberge aus bewunderten sie die hügelreiche Stadt, die steinernen
Wellen der Berge im weiten Umkreise bis an das tote Meer.
Friedrich wurde nachdenklich.
„Schön muß Jerusalem einst gewesen sein! Vielleicht haben unsere Väter
diese Stadt darum nicht vergessen können. Vielleicht wollten sie darum
immer zurückkehren?“
Eichenstamm schwärmte:
„Mich erinnert es an Rom. Auf Hügeln könnte man abermals eine Weltstadt
erbauen, etwas Herrliches. Denken Sie sich den Blick, den man dann von
hier aus hätte. Prächtiger als vom Gianiculo! Ach, wenn meine alten
Augen das noch sehen könnten!“ ...
„Das werden wir nicht erleben,“ sagte Sascha traurig.
Kingscourt wunderte sich im Stillen über diese Phantastereien. Als er
wieder mit Friedrich allein war, sprach er:
„Das ist ein merkwürdiges Paar, der Doktorsvater mit der
Doktorstochter. So praktisch und dabei so närrisch. Ich habe mir die
Juden auch anders vorgestellt.“
Am folgenden Morgen nahmen sie Abschied von den Beiden und fuhren
richtig deren Rat befolgend nach den Kolonien. Sie sahen die
Ortschaften Rischon-le-Zion, Rechoboth und andere, die als Oasen in der
verdorrten Umgebung lagen. Viele fleißige Hände hatten sich da regen
müssen, bis die Scholle wieder zum Leben erwacht war. Sie sahen
wohlbebaute Felder, eine stattliche Weinkultur und üppige
Orangengärten.
„Das ist alles in den letzten zehn — fünfzehn Jahren entstanden,“
erklärte ihnen der Vorsteher der Judenkolonie Rechoboth, an den sie von
Eichenstamm empfohlen worden waren. „Nach den Verfolgungen in Rußland
zu Anfang der Achtziger Jahre hat diese Bewegung begonnen. Es giebt
aber noch verdienstlichere Kolonien als unsere. Zum Beispiel die von
Katrah. Die ist von studierten Leuten angelegt worden. Sie haben die
Bücher verlassen und sind auf den Acker hinausgezogen. Solche Bauern
giebt es wohl nirgends auf der Welt. Gelehrte Männer, die auf dem Felde
arbeiten.“
„Das ist ’ne starke Nummer!“ rief Kingscourt. Aber noch größer wurde
sein Erstaunen, als der Vorsteher die jungen Burschen von Rechoboth zu
Pferde steigen ließ. Eine Art arabischer Fantasia wurde vor den Gästen
aufgeführt. Die Bursche stürmten weit weg ins Feld hinaus, warfen die
Rosse herum, kehrten jauchzend zurück, warfen im vollsten Lauf ihre
Mützen oder ihre Gewehre in die Luft, fingen sie wieder auf.
Schließlich ritten sie in einer Reihe und sangen ein hebräisches Lied.
Kingscourt war hingerissen.
„Da soll doch ein mehrfach gesalzenes Donnerwetter dreinschlagen. Die
Kerls reiten ja wie der Deibel!“