In dem Briefe, den Friedrich von dem N. O. Body der Zeitungsannonce
erhalten hatte, war ein vornehmes Hotel auf der Ringstraße als Ort der
Zusammenkunft angegeben. Um die bezeichnete Stunde fand er sich ein und
fragte nach Mister Kingscourt. Man wies ihn nach einem Salon des ersten
Stockes. Als er eintrat, kam ihm ein hoher, breitschultriger Mann
entgegen:
„Sind Sie Doktor Löwenberg?“
„Der bin ich.“
„Nehmen Sie einen Stuhl, Doktor!“
Sie setzten sich. Friedrich betrachtete den Fremden aufmerksam und
wartete auf dessen Erklärungen. Mr. Kingscourt war ein Mann in den
Fünfzigern, mit ergrauendem Vollbart und dichtem braunen Haupthaar, das
von Silberfäden durchzogen war und an den Schläfen schon weiß
schimmerte. Er rauchte in langsamen Zügen eine große Zigarre.
„Rauchen Sie, Doktor?“
„Jetzt nicht,“ gab Friedrich zur Antwort.
Mr. Kingscourt hauchte mit Sorgfalt einen Rauchring in die Luft, folgte
der Auflösung der wolkigen Linien mit Spannung, und erst nachdem sie
ganz verschwebt waren, sagte er, ohne seinen Gast anzusehen:
„Warum sind Sie lebensüberdrüssig?“
„Darüber gebe ich keine Auskunft,“ erwiderte Friedrich ruhig.
Mr. Kingscourt sah ihn jetzt voll an, nickte zustimmend, streifte die
Asche seiner Zigarre ab und sprach: „Hol’s der Deibel, Sie haben Recht.
Das geht mich ja auch nichts an ... Wenn wir handelseins werden, wird
schon die Zeit kommen, wo Sie es mir erzählen. Einstweilen will ich
Ihnen sagen, wer ich bin. Mein eigentlicher Name ist Königshoff. Ich
bin ein deutscher Edelmann. Ich war in meiner Jugend Offizier, aber der
Waffenrock wurde mir zu eng. Ich kann’s nicht leiden, daß ein fremder
Wille über mir ist, und wär’s der beste. Das Gehorchen war gut für ein
paar Jahre. Aber dann mußt’ ich fort. Ich wär’ sonst explodiert und
hätte Schaden angerichtet ... Ich ging nach Amerika, nannte mich
Kingscourt, erwarb mir in zwanzig Jahren blutschwitzender Arbeit ein
Vermögen — und als ich so weit war, nahm ich ein Weib ... Was sagen
Sie, Doktor?“
„Nichts, Mr. Kingscourt!“
„Gut. Sie sind unverheiratet?“
„Jawohl, Mr. Kingscourt ... aber ich dachte, Sie würden mir sagen,
worin das letzte Experiment besteht, das Sie mir vorzuschlagen haben.“
„Ich bin schon dabei, Doktor ... Wenn wir beisammen bleiben sollten,
werde ich Ihnen ausführlich erzählen, wie ich es anfing, mich
hinaufzuarbeiten, bis ich meine Millionen hatte. Denn ich habe
Millionen ... Was sagen Sie?“
„Nichts, Mr. Kingscourt.“
„Energie ist alles, Doktor! Darauf kommt’s an. Was man recht stark
will, das erreicht man unbedingt totsicher. Ich sah erst drüben in
Amerika ein, was wir Europäer für ein faules, willenloses Gesindel
sind. Hol’ mich der Dezibel! ... Kurz, ich hatte Erfolg. Aber als ich
so weit war, da begann ich meine Einsamkeit zu fühlen. Der Zufall
wollte es, daß ein Königshoff Dummheiten gemacht hatte, der bei der
Garde stand, ein Sohn meines Bruders. Ich nahm den Burschen zu mir,
gerade um die Zeit, da ich auf Freiersfüßen ging. Ja, ich wollte mir
einen Hausstand gründen, einen Herd, eine Frau suchen, die ich mit
Juwelen behängen konnte wie jeder andere Parvenu. Ich sehnte mich nach
Kindern, damit ich doch wisse, warum ich stets so furchtbar geschuftet
hatte. Ich meinte es verdammt schlau anzufangen, indem ich ein armes
Mädchen zur Frau nahm. Sie war die Tochter eines meiner Angestellten.
Hatte ihr und ihrem Vater viel Gutes erwiesen. Natürlich sagte sie ja.
Das hielt ich für Liebe, aber sie war nur dankbar oder vielleicht feig.
Sie wagte nicht, mich abzuweisen. So richteten wir ein Haus ein, und
mein Neffe wohnte bei uns. Sie werden sagen, daß es eine Dummheit war —
ein alter Mann zwischen zwei jungen Leuten, die sich finden mußten. Ich
habe mich auch in der ersten Zeit nach der Entdeckung einen Esel
gescholten. Aber wenn nicht er, wäre es ein anderer gewesen. Kurz, die
Beiden haben mich betrogen — ich glaube, vom ersten Augenblick an. Als
ich es herausfand, war mein erster Griff nach dem Revolver. Dann sagte
ich mir, daß eigentlich nur ich der Schuldige war. Da ließ ich sie
laufen. Gemeinheit ist menschlich, und jede Gelegenheit ist eine
Kupplerin. Man muß den Menschen ausweichen, wenn man an ihnen nicht zu
Grunde gehen will. Sehen Sie, das war mein Zusammenbruch. Da schlich
der Gedanke heran, mit einer Kugel der schäbigen Komödie des Lebens ein
Ende zu machen. Aber es fiel mir ein, daß man zum Erschießen ja noch
immer Zeit hat. Freilich das Anhäufen von Geld war jetzt für mich
sinnlos geworden. Zum Erwerben hatte ich keine Lust mehr, vom Traum der
Familie hatte ich genug. Blieb noch die Einsamkeit als letztes
Experiment. Aber eine große, unerhörte Einsamkeit mußte es sein. Nichts
mehr wissen von den Menschen, ihren elenden Kämpfen, Unsauberkeiten,
Treulosigkeiten. Die wirkliche, echte, tiefe Einsamkeit ohne Wunsch und
Ringen. Die volle wahre Rückkehr zur Natur! Diese Einsamkeit ist das
Paradies, das die Menschen durch ihre Schuld verloren haben. Und diese
Einsamkeit habe ich gefunden.“
„So? Sie haben sie gefunden?“ sagte Friedrich, der noch nicht erriet,
wo der Amerikaner hinauswollte.
„Ja, Doktor, ich habe meine Geschäfte aufgelöst und bin meinen
Bekannten wieder einmal entronnen. Niemand weiß, wo ich hingekommen
bin. Habe mir eine gute Jacht gebaut und bin auf ihr, wie man sagt,
verschollen. Viele Monate bin ich auf den Meeren umhergetrieben. Das
ist ein herrliches Leben, müssen Sie wissen. Möchten Sie das nicht
kennen lernen — oder kennen Sie es schon?“
„Ich kenne es nicht,“ entgegnete Friedrich; „aber ich möchte wohl!“
„Gut, Doktor! ... Das Leben auf der Jacht ist schon die Freiheit, aber
noch nicht die Einsamkeit. Man muß doch Schiffsleute um sich haben, man
muß ab und zu in einen Hafen, um Kohlen einzunehmen. Man kommt wieder
mit Menschen in Berührung, und das ist schmutzig. Aber ich kenne eine
Insel in der Südsee, wo man ganz allein ist. Da will ich leben. Es ist
ein kleines Felsennestchen im Cooks-Archipel. Die habe ich mir gekauft
und mir dort von Leuten aus Rarotonga ein komfortables Haus erbauen
lassen. Das Gebäude liegt so versteckt hinter den Felsen, daß man es
von keiner Seite bemerkt, wenn man auf dem Meere vorbei fährt. Es sind
übrigens auch die Schiffe dort selten. Meine Insel sieht nach wie vor
unbewohnt aus ... Ich lebe dort mit zwei Dienern, einem stummen Neger,
den ich schon in Amerika hatte, und einem Tahitier, den ich im Hafen
von Avarua aus dem Wasser zog, als er sich aus Liebesgram ersäufen
wollte. Jetzt bin ich auf meiner letzten Reise in Europa, um mir noch
einzukaufen, was ich für mein ferneres Leben dort brauche. Namentlich
Bücher, physikalische Instrumente und Waffen. Die Lebensmittel versorgt
mein Tahitier von der nächsten bewohnten Insel. Er fährt jeden Morgen
mit meinem Neger im elektrischen Boote hinüber. Braucht man sonst noch
etwas, auf Rarotonga ist für Geld alles zu haben, so wie in der übrigen
Welt ... Verstehen Sie?“
„Ja, Mr. Kingscourt. Nur weiß ich nicht, warum Sie es mir erzählen.“
„Warum, Doktor? Weil ich mir einen Gesellschafter mitnehmen will, um
das Sprechen nicht zu verlernen, und um jemand zu haben, der mir die
Augen zudrückt, wenn ich sterbe. Wollen Sie der sein?“
Friedrich schwieg und überlegte eine halbe Minute lang. Dann sagte er
in festem Tone: „Ja!“
Kingscourt nickte zufrieden und fügte hinzu:
„Ich muß Sie aber aufmerksam machen, daß Sie eine lebenslängliche
Verpflichtung eingehen. Wenigstens so lange ich lebe, muß es gelten.
Wenn Sie mit mir gehen, dürfen Sie nicht mehr zurück. Sie müssen alle
Fäden abschneiden.“
Friedrich entgegnete:
„Mich bindet nichts. Ich stehe ganz allein in der Welt und habe das
Leben vollkommen satt.“
„Einen solchen Mann brauche ich, Doktor! Thatsächlich verlassen Sie das
Leben, wenn Sie mit mir gehen. Sie werden nichts mehr vom Guten und
Bösen dieser Welt erfahren. Sie sind tot für die Welt und die Welt ist
untergegangen für Sie. Paßt Ihnen das?“
„Es paßt mir.“
„Dann werden wir gut zusammenleben. Ihre Art gefällt mir.“
„Eines muß ich Ihnen noch sagen, Mr. Kingscourt: ich bin Jude. Stört
Sie das nicht?“
Kingscourt lachte:
„Hören Sie? Die Frage ist komisch. Ein Mensch sind Sie, das sehe ich.
Ein gebildeter Mann scheinen Sie auch zu sein. Des Lebens sind Sie
überdrüssig, das spricht für Ihren guten Geschmack. Alles übrige ist
dort, wohin wir gehen, furchtbar gleichgültig ... Also schlagen Sie
ein!“
Friedrich nahm die dargebotene Hand und schüttelte sie kräftig.
„Wann sind Sie reisefertig, Doktor?“
„Jede Stunde.“
„Gut. Sagen wir morgen. Wir fahren nach Triest. Dort ankert meine Jacht
... Sie werden sich hier vielleicht noch einiges besorgen wollen?“
„Ich wüßte nicht, was,“ sagte Friedrich. „Das ist ja keine Lustreise,
sondern ein Abschied vom Leben.“
„Immerhin, Doktor! Sie brauchen vielleicht Geld für Anschaffungen.
Verfügen Sie über mich.“
„Danke, ich brauche nichts, Mr. Kingscourt.“
„Haben Sie keine Schulden, Doktor?“
„Ich besitze nichts und schulde nichts. Meine Rechnung ist glatt.“
„Haben Sie keine Verwandten oder Freunde, denen Sie etwas hinterlassen
wollen?“
„Niemand!“
„Umso besser! Wir reisen also morgen! ... Aber wir könnten schon heute
miteinander speisen.“
Kingscourt klingelte. Die Kellner deckten auf seinen kurzen Befehl den
Tisch im Salon und brachten ein reichliches Mahl. Die beiden Männer
näherten sich einander sehr rasch in ihren Gesprächen. Friedrich fühlte
nach all dem Vertrauen, das ihm Kingscourt so schnell geschenkt hatte,
das Bedürfnis, auch seine eigene Geschichte zu erzählen. Er that es in
kurzer und deutlicher Weise. Als er damit zu Ende war, sagte der
Amerikaner:
„Ich glaube jetzt, daß Sie mir nicht durchgehen werden, wenn ich Sie
auf meiner Insel habe. Liebeskummer, Weltschmerz und Judengram — das
ist zusammen genug, um auch einen jungen Mann für immer Abschied nehmen
zu lassen vom Leben.
Nämlich vom Leben mit den Menschen. Selbst wenn man ihnen Gutes thut,
wird man von ihnen betrogen und gequält. Die größten Narren sind die
Wohlthäter. Glauben Sie nicht?“
„Ich glaube, Mr. Kingscourt, daß man beim Wohlthun ein angenehmes
Gefühl hat ... Und da fällt mir etwas ein. Sie haben mir Geld
angeboten, falls ich vor meinem Abschied vom Leben etwas hinterlassen
wollte. Ich weiß eine Familie in tiefster Not. Der möchte ich helfen,
wenn Sie es mir erlauben.“
„Es ist ein Unsinn, Doktor. Aber ich kann es Ihnen nicht verweigern.
Ohnehin es war überhaupt meine Absicht, Ihnen einen Betrag zur Ordnung
Ihrer Angelegenheiten zu geben. Machen Sie damit, was Sie wollen. Sind
fünftausend Gulden genug?“
„Oh, reichlich!“ sagte Friedrich. „Und es ist doch auch für mich ein
schöner Gedanke, daß mein Abschied vom Leben nicht ganz ohne Zweck
ist.“