Justi’s Winckelmann ist im vorigen Jahre in neuer Auflage erschienen.
Das Buch zählt seit seinem ersten Erscheinen vor mehr denn dreißig
Jahren zu den klassischen Hauptwerken unserer biographischen
Literatur. Nicht nur den Lebensgang, nicht nur den Inhalt und die
Analyse der Werke eines Mannes, der wie kein Zweiter bestimmend auf
die ästhetischen Anschauungen seiner und der Folgezeit eingewirkt
hat, bietet es uns, es schildert auch stets in behaglicher
Ausführlichkeit die Umgebung, in der Winckelmann lebte, und die äußeren
Verhältnisse wie die geistigen Strömungen, unter deren Einwirkung
sich seine Entwickelung vollzogen hat. Das Buch ist ein gut Teil
der Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Diese Eigenschaft mag es
rechtfertigen, wenn ich den Lesern dieser Zeitschrift ausführlicher
über Inhalt und Bedeutung des schönen Buches berichte.
[* Winckelmann und seine Zeitgenossen von Carl Justi. Zweite
durchgesehene Auflage. 3 Bände. Leipzig, Verlag von F. C. W. Vogel.
1898.]
Winckelmann’s Lebensgang ist seltsam und ungewöhnlich, blindlings folgt
er dem inneren Drange, der ihn auf mancherlei wüsten Umwegen dem Ziele
zuführt, da sich sein reicher Geist und seine einzige Fähigkeit der
Anschauung voll bethätigen kann.
Winckelmann’s Wiege stand zu Stendal in der Altmark. Dort ist er am
9. Dezember 1717 geboren; der Sohn eines armen Schuhmachers. Unter
den kärglichsten Verhältnissen ist er aufgewachsen, aber ein ideales
Streben und ein mächtiger Drang nach dem Glück war ihm von seiner
frühesten Jugend an eigen. Das Handwerk des Vaters mochte er nicht
erlernen und ruhte nicht, bis ihn sein Vater in die lateinische Schule
gehen ließ. Dieser hoffte, daß sein Sohn Geistlicher werden möge, eine
Hoffnung, die auch in unseren Zeiten noch manchen begabten, aber armen
Knaben den humanistischen Studien zugeführt hat.
Die damaligen Gymnasien verdienten kaum den Namen humanistischer
Bildungsanstalten. Wohl nahm das Latein einen breiten Raum ein, ja es
war fast der einzige Unterrichtsgegenstand, neben dem dem Griechischen
nur eine untergeordnete Stelle zukam, aber der Unterricht blieb am
Äußerlichen der Grammatik und Rhetorik haften. Wenn ein solcher
Unterricht unseren Anschauungen von humanistischer Erziehung nicht
entspricht, so mochte er doch einem begabten Schüler den Sinn für die
Schönheit der Form wecken und bilden. Winckelmanns Anschauungsvermögen
bethätigt sich später am selbständigsten und glänzendsten auf dem
Gebiete der bildenden Künste. Daß er aber auch mit dem feinsten Gefühl
für formale Schönheit in den redenden Künsten begabt war, zeigt neben
manchen Äußerungen aus verschiedenen Zeiten die Auswahl der klassischen
Autoren, an deren Werken er in der Einsamkeit und Öde der Jahre, in
welchen er in kleinen Städten der Mark als Lehrer thätig war, seinen
Durst nach Schönheit befriedigte.
Der Gymnasiast, auch wenn er arm ist, hat heute fast ausnahmslos
eine würdige Existenz. Das Stundengeben und Beaufsichtigen jüngerer
Mitschüler, das ja manchem nicht erspart bleibt, hat nichts
demütigendes, stört auch die Studien nicht. Auch Winckelmann hat auf
diesem Wege einen Teil der Mittel zu seinen Studien erworben. Außerdem
aber bestand zu seiner Zeit noch eine Einrichtung, welche heutzutage
glücklicherweise überwunden ist, das Chor- und Currendesingen. Der
Chor bestand aus älteren Schülern, welche Sonntags im öffentlichen
Gottesdienst, an Wochentagen vor den sogenannten Chorhäusern, außerdem
bei allen Begräbnissen, ja an drei Tagen vor allen Häusern der Stadt
zu singen hatten. »Die Currende bestand aus den Kindern armer...
Bürger, die sich durch Singen vor den Thüren, unter Führung des
Currendeküsters, Kleidung, Brot, Schulbücher und freien Unterricht
verdienten. In die Reihe dieser Ärmsten..... trat Winckelmann ein.«
Ihre Thätigkeit war wenig besser denn Bettel.
Winckelmann war im Unterricht in den alten Sprachen, in Geschichte
und Erdbeschreibung ein eifriger Schüler, die theologischen Stunden
vermochten seine Aufmerksamkeit nicht zu fesseln. Ein Teil dieser
Abneigung mag der Art und Weise zur Last fallen, in welcher der
Religionsunterricht betrieben wurde, der tiefere Grund ist wohl der,
daß das Metaphysische Winckelmann’s geistiger Veranlagung überhaupt
fremd war.
Winckelmann war kein fröhlicher Knabe, an den Spielen seiner Kameraden
nahm er selten teil und machte sich davon, sobald er konnte. Dagegen
regte sich früh die Neigung, ein Büchermann zu werden. Wenn er jüngere
Mitschüler auf ihren Spaziergängen zu beaufsichtigen hatte, nahm er
Hefte oder Bücher mit, mit welchen er sich nebenbei beschäftigte.
1733 las er fleißig in dem »Neueröffneten adligen Ritterplatz«, einer
Encyklopädie für Kavaliere. Hat das Bild der großen Welt, welche er
hier kennen lernte, den ersten Stachel der Unzufriedenheit und des
Wegstrebens aus engen Verhältnissen in sein Inneres gesenkt?
Auch der Wunsch, die Reliquien untergegangener Geschlechter zu
entdecken, regte sich schon damals, und er durchwühlte die Sandberge
vor der Stadt nach alten Urnen.
Siebzehn Jahre alt, verließ Winckelmann Stendal und begab sich nach
Berlin. Am 18. März 1735 trat er in das Gymnasium zu Kölln an der Spree
ein, in dem er etwa ein Jahr verblieb. Was ihn nach Berlin führte, war
das Verlangen nach gründlicher Kenntnis der griechischen Sprache und
Literatur, die er sich in Stendal nicht erwerben konnte. Es ist der Ruf
seines Genius, der ihn die Schönheit des Hellenenthums ahnen ließ, der
ihn hinzog nach der Welt, in der allein er heimisch werden konnte.
Der Schulplan des Köllnischen Gymnasiums (von 1742) läßt es schwer
begreifen, wie man des Griechischen wegen nach Berlin übersiedeln
mochte. Neben einem sehr spezialisierten Unterricht im Lateinischen
wurden allerlei Nebenfächer betrieben, an welchen die Freunde der
Gymnasialreform noch heute ihre Freude haben können, aber dem
Griechischen war in der oberen Klasse nur eine Stunde für einen
griechischen Autor und in Prima, zwei für Homer und Heroidan
eingeräumt, und man las nicht die Ilias und Odysee, sondern den
Froschmäusekrieg.
Aber Mängel in der Organisation der Schulen können oft aufgewogen
werden durch die Persönlichkeit der Lehrer. Und einen Lehrer, der
dies einigermaßen vermochte, besaß das Köllnische Gymnasium an dem
Konrektor Damm. In den Geist des Hellenentums war freilich auch er
nicht eingedrungen, anregend im höheren Sinne war er sicher nicht, und
Winckelmann nennt ihn später einen _praeceptor_ ἄμουσος, aber
er besaß doch eine redliche Begeisterung für die griechische Sprache
und Literatur und hatte sich’s zur Lebensaufgabe gemacht, dem Studium
des Griechischen in Deutschland die Wege zu ebnen. In einem Programm
spricht er den Satz aus: »Die Griechen müssen noch heute nachgeahmt
werden, wenn etwas Beifallswürdiges zum Vorschein kommen soll.« Es ist
eine Ahnung von der Herrlichkeit der hellenischen Literatur und Kunst,
deren volle Anschauung uns erst sein Schüler Winckelmann erschlossen
hat. Seine Auffassung des Homer ist unendlich platt.
Winckelmann aber kam es zunächst darauf an, sich mit der griechischen
Sprache vertraut zu machen. Was ihm, nachdem er Damm’s Unterricht
genossen hatte, noch fehlte, suchte er bei dem Rektor Johann Georg
Scholle in Salzwedel zu erlangen. Scholle war einer der wunderlichsten
Schulpedanten, aber ein kenntnisreicher, ein gelehrter Mann, bei
dem viel zu lernen war, und Winckelmann bewahrte ihm ein dankbares
Gedächtnis.
Auf eigene Kraft angewiesen, im steten Kampfe mit Not und Entbehrung,
hatte Winckelmann die Schule durchgemacht. »Ernste Arbeit und heitere
Entsagung..., die Bewahrung des inneren Triebes in den entmutigendsten
Lagen lernte er so bald, daß seine zeitig gestählten Nerven fortan
jeglicher Zumutung im Handeln und im Dulden gewachsen waren.«
In vielen Stücken, in seinen Grundneigungen und Abneigungen,
insbesondere in der Vorliebe für die Griechen sehen wir den späteren
Winckelmann schon vorgebildet, aber Jahre mußten vergehen und manche
Irrwege mußten durchlaufen werden, bis er sein wahres Lebensziel
erkennen und erreichen konnte.
Von Salzwedel aus bezog Winckelmann die Universität Halle; am 4. April
1738 wurde er immatrikuliert.
Wie im ersten Kapitel die Zustände der preußischen Mittelschulen in
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, so beleuchtet Justi in diesem
die der preußischen Landesuniversität, und seine Gabe, kurz und
treffend zu charakterisieren, zeigt sich in der Besprechung allgemeiner
Verhältnisse, sowie einzelner Persönlichkeiten in glänzender Weise.
1694 gegründet, sollte die Universität Halle eine Freistatt sein
für die Reform des Unterrichtswesens und für die Lehrfreiheit. Sie
sollte der Sitz der durch Spener eingeleiteten religiösen Erhebung
des Protestantismus sein, welche mit dem Namen Pietismus bezeichnet
wird und deren Bedeutung für die Erweckung und Hebung des religiösen
Lebens des 18. Jahrhunderts dadurch nicht aufgehoben wird, daß sie
früh entartete. Dann war sie der Sitz einer preußischen Schule des
Staatsrechts, »wo den künftigen Beamten solche staatsrechtliche
Grundsätze eingepflanzt wurden, die mit der durch die Annahme der
Königskrone ganz veränderten Stellung des Staates übereinstimmten.«
»Diese beiden Elemente gingen anfangs einträchtig zusammen; sie
gerieten in Spannung, es kam zu einer heftigen Krisis, zuletzt
verschwand das eine ganz vom Schauplatz.«
Die berühmtesten Gelehrten lehrten in Halle, aber schon zu
Winckelmann’s Zeit hatten sich viele Mittelmäßigkeiten eingedrängt. Die
Fachwissenschaften dominierten und die Humaniora wurden zurückgedrängt.
Noch waren die Ziele und Methoden der Wissenschaften schwankend, es
war die Blütezeit der Polymathie, ein ungeheueres disparates Wissen
war in vielen Köpfen gesammelt und ermöglichte gewandten Leuten den
Übergang von einer Wissenschaft zur anderen, der Professor der Eloquenz
Johann Heinrich Schulze schwankte sein ganzes Leben lang zwischen
Medizin und Philologie, Gottfried Sell, Professor der Rechte, hatte
_jura_ studiert und lebte in günstigen Verhältnissen in Holland, die
Verwüstungen, welche die aus den tropischen Gewässern eingeschleppte
Pfahlmuschel an Schiffen und Dämmen anrichtete, veranlaßten ihn, eine
Monographie über dieses Thier zu bearbeiten, er legte die Jurisprudenz
bei Seite und studierte Naturwissenschaften. Sein Werk sollte nicht
nur alle erdenklichen Gesichtspunkte des Gegenstandes erschöpfen --
den naturhistorischen und den theologischen, den archäologischen und
den praktischen --, es sollte auch die Schönheiten eines literarischen
Kunstwerkes haben, wie sie noch niemals beisammen gesehen worden waren.
Es war in elegantem Latein geschrieben und geschmückt mit den Blumen
einer in alten und neuen lateinischen und italienischen Dichtern und
in den Schriftstellern Hollands, Englands und Frankreichs überreichen
Belesenheit. 1735 kam er als Professor der Rechte nach Göttingen,
zwei Jahre später nach Halle, wo er abwechselnd und gleichzeitig die
Institutionen und Pandekten, die Rechtsgeschichte und das Naturrecht,
die Kosmographie, die Naturhistorik und die Experimentalphysik las. In
letzterer war Winckelmann sein Zuhörer. Er besaß kostbare Sammlungen,
welche sein bedeutendes Vermögen verschlangen, zuletzt mußte er vor
seinen Gläubigern flüchten und lebte in Paris von deutschem Unterricht
und dem Uebersetzen deutscher Werke. 1767 hat er eine französische
Ausgabe von Winckelmann’s Kunstgeschichte besorgt, der nicht wußte, daß
der Uebersetzer sein früherer Lehrer war.
Auch der Kanzler der Universität, Johann Peter Ludewig, hatte Theologie
und Humaniora studiert, in Halle mit der Professur der Poesie und
der theoretischen Philosophie begonnen und war später zu den Rechten
übergegangen, deren er sich rasch autodidaktisch bemächtigte; er hatte
zu Winckelmann’s Zeit den Lehrstuhl des Staatsrechts und der Geschichte
inne. Ludewig war ein auf das Praktische gerichteter Kopf und als
Publizist der gelehrte und schlagfertige Vertreter der Rechte Preußens.
Seine erfolgreiche Thätigkeit auf diesem Gebiet brachte ihm reichliche
Titel und Würden, er war zuletzt Kanzler des Herzogtums Magdeburg.
Winckelmann würde, wenn er seinem Wunsche hätte folgen können, Medizin
studiert haben, dem Wunsche seiner Eltern entsprechend studierte er
Theologie.
Es war ein Opfer der Pietät gegen seine Eltern, denn seine Stellung
zur Religion war schon damals eine gleichgiltige, wenn nicht negative.
Seine religiösen Anschauungen waren von den englischen Deisten
beeinflußt und standen dem Deismus nahe, in späteren Jahren hat er sich
doch wieder dem Glauben an einen persönlichen Gott zugewandt. Zunächst
aber trieb er seine Fachstudien ohne Liebe und nur die biblische
Exegese scheint ihn angezogen zu haben; auch noch in späteren Jahren
las er täglich ein Kapitel aus der hebräischen Bibel.
Ebensowenig wie für die Theologie vermochte er sich dauernd für die
Philosophie zu erwärmen. Als Winckelmann studierte, stand Wolf auf der
Höhe seines Ruhmes, noch war er nicht nach Halle zurückgekehrt, aber
seine Schüler hatten fast alle Lehrstühle in Deutschland besetzt. In
Halle lehrte Alexander Gottlieb Baumgarten.
Die Wolfische Philosophie kam den Bedürfnissen einer Zeit, der die
philosophische Schulung fast vollständig fehlte, aufs trefflichste
entgegen, und das Verdienst, dem philosophischen Denken weite
Verbreitung in den Kreisen der Gebildeten verschafft zu haben, bleibt
ihr unbestritten.
Winckelmann hatte das redliche Bestreben, sich in das System der
Wolfischen Philosophie einzuarbeiten. Er hörte Baumgarten’s Vorlesungen
über Logik, Geschichte der alten Philosophie, Metaphysik und die
philosophische Encyklopädie; diese das einzige Kolleg, in dem er in
seinem letzten Semester bis zum Schluß aushielt. -- Noch 1743 freut
er sich, die gesammelten Werke Wolfs auf seinem Bücherbrett zu sehen,
er kauft sich die Logik von Corvinus und wünscht diese Disciplin an
der Schule von Kloster Berge zu lehren. Schließlich aber brachte der
Versuch, bei Wolf in die Schule zu gehen, die gründlichste Abneigung
zu Wege. Sein Verlangen nach erfahrender und anschauender Erkenntnis
befand sich in dieser Welt metaphysischer Schemen in einer Luft, wo
ihm der Atem ausging und auf einem Boden, wo sein Fuß nicht auftreten
konnte.
Baumgarten, Winckelmann’s Lehrer, ist der Begründer der spekulativen
Ästhetik. Sein Buch ist zwar erst 1750 erschienen, aber sie war
schon acht Jahre vorher in Vorlesungen behandelt worden, und
ihre Hauptgedanken kamen jedenfalls schon in der Metaphysik und
Encyklopädie vor. Es ist sicher von Interesse, zu erfahren, ob und
wie weit der Mann, der den ästhetischen Anschauungen seiner und
einer langen Folgezeit ihre Richtung gegeben hat, die Ideen seines
Lehrers aufgenommen und verarbeitet hat. Winckelmann erwähnt in seiner
Theorie des Schönen den Begriff der Vollkommenheit als Definition der
Weltweisen; er weist ihn zurück, ohne den bestimmten Sinn im System
zu berücksichtigen. Wenn Winckelmann hier den großen Grundbegriff
der Ästhetik so kurz abfertigt und die neue Wissenschaft als leere
Betrachtungen bezeichnet oder gar ignoriert: so verrät sich darin nicht
blos sein Mangel an philosophischem Sinn: es kündigt sich schon im
Keime die Divergenz an, die seitdem fast stets die Angehörigen der
Kunstwelt von denen getrennt hat, die sich mit der Kunst vornehmlich
zur Beförderung ihrer spekulativen Ideen beschäftigten.
Nach Ablauf seines theologischen Bienniums blieb Winckelmann im
Sommer 1740 noch in Halle, um die Bibliothek des Kanzlers Ludewig zu
ordnen. Die Verbindung mit Ludewig war in mehr als einer Beziehung das
Vorspiel einer zehn Jahre späteren, folgenreichen Verbindung mit einem
sächsischen Staatsmann und Geschichtsschreiber, dem Grafen Bünau.
Wir wissen nicht, ob sich Winkelmann’s Thätigkeit nur auf die Ordnung
der Bibliothek bezog oder ob er als Amanuensis Ludewigs an dessen
Arbeiten beteiligt war. Er empfing nach seiner Aussage aus des Kanzlers
eigenem Munde die Elemente des Lehnrechts und studierte zugleich
das Staatsrecht, aber er betrachtet später das im Dienste Ludewigs
verbrachte halbe Jahr als ein traurig verlorenes. Und doch war diese
Thätigkeit das erste Glied einer Kette von Studien, die einen sehr
großen Teil der folgenden drei Lustra seines Lebens ausfüllen.
Das Ende der zwei akademischen Jahre war, daß Winckelmann mit großer
Not ein kahles Theologenzeugnis bekam. Keiner seiner Lehrer hatte einen
bestimmenden Einfluß auf ihn ausgeübt und seinen weiteren Studien
die Richtung gegeben. Ohne Lust hatte er seine obligaten Kollegien
gehört, wahllos eine Reihe anderer mitgenommen, wenige hatte er ganz
ausgehalten. Um so mehr hatte er sich durch Lektüre anzueignen gesucht
und sich auf dem großen Schauplatz der Wissenschaften umgesehen, ohne
sich einer ganz zuzuwenden. Ein Autodidakt war er durch Not und Neigung
geworden und hatte der Polymathie seiner Zeit seinen Tribut entrichtet.
Aber er hatte auch gelernt, seine eigenen Wege zu gehen und gesehen,
daß er zu dem zünftigen Betrieb der Wissenschaften, wie er damals war,
nicht gemacht war.
Im Umgang mit seinen Studiengenossen muß er mehr aus sich
herausgegangen sein, als in früheren Jahren. Wenn er von der Bibliothek
kam, brachte er den Rest des Nachmittags meist in Gesellschaft seiner
Landsleute und Bekannten zu, die ihre Gesellschaft für unvollkommen
hielten, wenn er nicht dabei war. »Denn er war immer aufgeräumt,
scherzhaft und gesprächig und konnte tausend Schnurren aus alten und
neuen Zeiten erzählen. Des Abends war er meistens auf dem Ratskeller
und unterredete sich mit alten ehrbaren Bürgern gern von ihren
Wanderschaften und Reisen.«
Nachdem Winckelmann zwei Jahre in Halle studiert hatte, übernahm er
eine Hauslehrerstelle bei dem preußischen Offizier George Arnold
Grolmann in Osterburg. In diesem vornehmen Hause trat Winckelmann
zum erstenmale mit der französischen Bildung der höheren Stände in
Berührung und mochte fühlen, was ihm bei all’ seinem zusammengehäuften
Wissen an formaler Gewandtheit des Umgangs noch fehlte, auch der Mangel
der Kenntnis der neueren Sprachen mußte ihm drückend zum Bewußtsein
kommen.
In dem Grolmann’schen Hause faßte Winckelmann den Entschluß, nun doch
noch seiner früheren Neigung zur Medizin zu folgen und dieses Studium
mit dem der höheren Mathematik und der neueren Sprachen zu verbinden.
In dieser Absicht bezog er im Mai 1741 die Universität Jena. Für die
Verbindung des Studiums von Medizin und Mathematik fand er hier einen
ausgezeichneten Lehrer in Georg Erhard Hamberger, der der letzte
folgerichtige Vertreter der iatromechanischen Schule war, einer Schule,
welche die physiologischen Vorgänge auf rein mathematisch-mechanischem
Wege zu erklären suchte. Die große Erweiterung, welche die Mathematik
mit der Erfindung der Infinitesimalrechnung erfuhr, die Einführung der
Mechanik in die Himmelskunde durch Newton mochten dazu verführen, auch
eine Wissenschaft, welche durchaus auf die Erfahrung angewiesen ist,
deduktiv zu behandeln.
Daß Winckelmann, dessen ganze geistige Veranlagung auf eine anschauende
Erkenntnis gerichtet war, sich dieser bereits überlebten Richtung der
Medizin zuwandte, zeigt nur, daß auch er der Macht des Zeitgeistes sich
nicht erwehren konnte. Er verweilte indes nur etwa ein halbes Jahr in
Jena, schon im Herbst 1741 verließ er die Universität. In den nächsten
Jahren beschäftigte er sich noch mit Mathematik, nach und nach aber
trat eine ausgesprochene Abneigung an Stelle des Interesses. Dagegen
haben die Naturwissenschaften und die Medizin nie aufgehört ihn von
Zeit zu Zeit zu beschäftigen und noch in späteren Jahren hatte er die
Absicht, nach Vollendung seines archäologischen Lebenswerkes mit der
Wissenschaft der Natur sein Leben zu beschließen.
In den Herbst 1741 versetzt Justi den abenteuerlichen Versuch
Winckelmanns, seine Studien mit einer akademischen Reise abzuschließen.
Eine solche wurde im 17. Jahrhundert allgemein als Erfordernis
gelehrter Bildung betrachtet. Die Absichten, welche man dabei
verfolgte, waren verschieden, die einen suchten die Höfe und die
Mittelpunkte der Diplomatie, die anderen persönliche Bekanntschaft mit
den Gelehrten des Auslandes, eigenes Urteil über fremde Völker, Sitten
und Verfassungen, die Konversation in fremden Sprachen, Eleganz im
Benehmen u. A.
Winckelmann wollte nach Paris, aber schon in Gelnhausen waren seine
Mittel zu Ende und blutarm kam er nach Halle zurück. Über die
besonderen Absichten, welche er bei diesem Unternehmen hatte, sind wir
nicht näher unterrichtet; Äußerungen aus späterer Zeit lassen vermuten,
daß ihn die griechischen Handschriften der Bibliothek zu Paris, deren
Katalog im Sommer 1741 erschienen war, unwiderstehlich dahin zogen.
Nachdem dieser Plan gescheitert war, übernahm Winckelmann eine Stelle
als Erzieher des Sohnes des Oberamtmanns Lamprecht in Hadmersleben.
Hier war es, wo er in der Bibliothek eines Herrn von Hansen das
historisch-kritische Lexikon von Bayle kennen lernte. Das ungeheuere
Material, welches in diesem Werke niedergelegt, anmutig vorgetragen
und mit kritischen Anmerkungen versehen war, muß einen überwältigenden
Eindruck auf den Büchermann gemacht haben, er hat die vier Foliobände
in zwei handschriftlichen Folianten ausgezogen, diese wieder auf einen
Quartband von fast siebenhundert Seiten reduziert, ein alphabetisches
Register zu den Miscellen der Bayle’schen Noten gefertigt und sich das
Dictionnaire zu einem Magazin für neuere Geschichte eingerichtet, und
noch 1755 Extracta ex extractis dict. hist. Bael. gefertigt.
Das Interesse an dem Werke, das für das 18. Jahrhundert von großer
Bedeutung war (auch Lessing hat es vielfach benützt) und das noch nach
1820 neu herausgegeben wurde, mag zunächst ein stoffliches gewesen
sein, sicher aber kam, obgleich es Winckelmann nur in der Übertragung
Gottsched benützte, ein formelles hinzu. Die gewandte Dialektik, die
kritische Kunst, welche, wie Justi mit Recht bemerkt, das Studium
Bayles noch jetzt, blos formell betrachtet, zu einem Schmauß für den
Verstand macht, mußte den mit so feinem Formensinn begabten Mann, der
bisher nur das schwerfällige Rüstzeug deutscher Gelehrten kannte,
anziehen.
Ein einhalb Jahre lang blieb Winckelmann in Hadmersleben; seit dem
Anfange des Jahres 1743 suchte er eine feste Anstellung und er fand
eine solche als Konrektor der Schule zu Seehausen in der Altmark.
Fünf Jahre war er in Seehausen, anfangs mit seiner Stelle vollkommen
zufrieden, später mit steigendem Widerwillen, so daß er diese
Zeit stets als die dunkelste seines Lebens betrachtete. Vielerlei
innere und äußere Bedrängnisse trafen zusammen. Winckelmann war als
Konrektor der Nachfolger Boysens, eines Mannes von hoher didaktischer
und pädagogischer Begabung, der die Schule merklich gehoben hatte.
Winckelmann kam den Pflichten seines Amtes gewissenhaft nach, aber ohne
lebendige innere Teilnahme; der Elementarunterricht war einmal nicht
seine Sache. Dies machte sich sofort in der Abnahme der Schülerzahl
fühlbar und bei den Schülern war er nicht beliebt. Ebensowenig wußte er
sich mit seinen Kollegen und Bürgern des Städtchens zu stellen.
Ärgerliche Zerwürfnisse mit der Geistlichkeit kamen hinzu. Die geistige
Anregung, die ihm der Tag nicht bot, suchte er in nächtlicher Arbeit.
Er studierte bis Mitternacht und des Morgens um vier Uhr begann er
wieder zu lesen bis sechs Uhr, wo der Unterricht von neuem begann. Zum
Schutz gegen die Kälte hatte er einen Pelzmantel, er schlief nicht im
Bett, sondern auf einem Lehnstuhl. Ein geheiztes Zimmer gönnte er sich
nicht, auch in seiner Nahrung war er äußerst enthaltsam, nicht aus
Geiz, sondern um von seinem kargen Gehalt von 120 Thaler seinen alten
Vater unterstützen und seinen Büchervorrat vermehren zu können.
Vereinsamt in seinem Wohnort, machte Winckelmann zahlreiche größere
und kleinere Reisen zu auswärtigen Freunden, nach Bibliotheken zur
Leipziger Messe u. A. Seine Wanderlust war außerordentlich und er
verstand, fast ohne Geld zu reisen.
Winckelmann mochte in der Erinnerung der vielen Widerwärtigkeiten,
die er in Seehausen durchzumachen hatte, die dort verbrachten Jahre
als verloren betrachten; sie waren es nicht. Er kam dort in seiner
Vereinsammung doch zu größerer Sammlung, als irgendwo früher, er wandte
sich neuerdings den Griechen zu und in der harten Arbeit schlafloser
Nächte hat er den Grund zu seiner künftigen Größe gelegt.
Bevor Justi näher auf Winckelmanns Griechische Studien eingeht, gibt
er in einem »Streit der Alten und Modernen« überschriebenen Abschnitt
einen kurzen Überblick über das Verhältnis der Menschen des ausgehenden
17. und des beginnenden 18. Jahrhunderts zu den Griechen. In dem Maße,
als die ganz der vornehmen Gesellschaft angehörende französische
Bildung sich konsolidierte, ist bei den Franzosen, und nur noch sie
und die Engländer beschäftigten sich mit griechischer Literatur, eine
steigende Abneigung gegen die griechischen Dichter wahrzunehmen. Man
richtete sie an dem eigenen Maßstab und rechtfertigte das Urteil, indem
man das Gesetz des Fortschrittes, das in den exakten Wissenschaften und
in den mechanischen Künsten gilt, auf die schönen Künste anwandte. Die
Angriffe richteten sich insbesondere gegen die homerischen Gedichte.
In dem heftigen Streit hierüber suchte Voltaire das Für und Wider
objektiv abzuwägen, aber er gibt doch den Römern den Vorzug vor den
Griechen. Eine Befreiung von solchen Vorurteilen war von Frankreich
aus nicht zu erwarten. Sie wurzelten in der französischen Bildung des
»_grand siècle_«, und diese, so einseitig sie uns heute erscheint,
hatte doch eigenartige und große formelle Vorzüge, die sie den
Zeitgenossen -- nicht nur Franzosen -- als vollkommen erscheinen
ließen. Gleichwohl war eine Reaktion gegen die Mitte des Jahrhunderts
unvermeidlich. Es waren Winckelmann und Lessing, welche der eine auf
intuitivem, der andere auf kritischem Wege eine höhere, auf das Wesen
gerichtete Auffassung des Hellenentums anbahnten.
Man möchte bei einem Autor, der so weit ausgreift wie Justi, gerade
diese für das gesamte Geistesleben der Folgezeit so wichtigen Fragen
etwas ausführlicher behandelt sehen.
Die griechischen Lieblingsschriftsteller Winckelmanns waren Homer und
Sophokles, Herodot, Xenophon und Plato. Das Kapitel, welches diesen
Autoren und Winckelmanns Verhältnis zu ihnen gewidmet ist, ist eines
der schönsten in dem reichen Buche, von Winckelmanns Äußerungen
ausgehend, gibt Justi viel von Eigenem, das vom Feinsten ästhetischen
Urteil getragen ist. Hiebei geht er allerdings von Aussprüchen
Winckelmanns aus späterer Zeit aus, und es mag fraglich erscheinen,
ob dieser schon in Seehausen ein so reifes Urteil hatte; darauf kommt
es indes nicht an, sondern darauf, zu welchem Gebiete sprachlicher
und dichterischer Schönheit Winckelmann neigte und wir bemerken, daß
es schon damals das gleiche war wie das, welches er später in der
bildenden Kunst der Alten am höchsten stellte. Ihm entsprach vor
Allem das leidenschaftslose, abgeklärt Schöne, weniger das Erhabene.
Aeschylos blieb ihm fremd.
Aber wenn auch die Alten im Mittelpunkt seiner Neigungen standen, wenn
ihr Studium sich für seine selbständige, produktive Thätigkeit am
fruchtbringendsten erwies, so war es doch für Winckelmann gewissermaßen
nur eine Erholung von anderen Arbeiten und er betrieb daneben noch
mancherlei andere Studien, am eingehendsten das der neueren Geschichte.
Ja er hatte vorübergehend die Absicht in Jena oder Halle die venia
legendi für Historie und Staatsrecht zu erwerben. Außerdem aber
interessierte er sich für alle möglichen Wissenschaften. Aus allem, was
er las, fertigte er Auszüge ohne festen Plan und nicht für bestimmte
Untersuchungen, sondern nur zu dauerndem Besitz des Gelesenen.
Vielerlei Widerwärtigkeiten hatten Winckelmann den Aufenthalt in
Seehausen verleidet, von 1746 an suchte er fortzukommen um jeden Preis.
Endlich im August 1747 fand er eine Anstellung an der Bibliothek des
Grafen Bünau in Nöthnitz bei Dresden.
So verließ er die Heimat im einunddreißigsten Lebensjahre; nur auf
Besuch kehrte er noch einmal zurück. Ob er auch ahnte, daß nun ein
Leben völlig zu Ende gehe; daß nicht nur Land und Volk, Freundeskreise
und Berufsgeschäfte ganz der Vergangenheit angehörten, sondern auch
bald Religion, Sprache, Sitte, Denkweise? Hätte er sich damals in das
Ich seiner Zukunft versetzen können: es würde ihm gewesen sein, als ob
das Land mit samt seinem bisherigen Ich hinter ihm versinke.
Die Bibliothek des Grafen Bünau umfaßte die Geschichte mit ihren
Hilfswissenschaften; sie war gesammelt als Hilfsmittel für das große
Werk Bünaus, die deutsche Kaiser- und Rechtshistorie und galt als die
erste Privatbibliothek Deutschlands. Ein Katalog war in Arbeit und
Winckelmann bearbeitete dafür die Abteilung der Kirchengeschichte und
das Leben der Heiligen und Märtyrer. Seine Thätigkeit war aber nicht
nur eine bibliothekarische, er wurde auch zur Mitarbeit an der Kaiser-
und Rechtshistorie herangezogen. Von diesem weitschichtigen Werke
waren (1728-1743) vier Quartbände erschienen, welche bis auf Konrad
den Salier reichen, aber es war viel weiter gefördert, eine Reihe von
Kaisern lag druckfertig vor. Ein Teil dieser Manuskripte ist in die
königliche Bibliothek zu Dresden gelangt. Es scheint, daß Winckelmann
einige Teile ziemlich selbständig zu bearbeiten hatte. Herausgekommen
ist außer den vier ersten Bänden nichts. Von Winckelmanns sechsjährigem
Fleiß ist der Wissenschaft nichts zu Gute gekommen; für ihn waren
die Arbeiten als Vorübungen im historischen Fach von Bedeutung, er
erwarb sich unter der Leitung eines der ersten Historiker eine gewisse
Gewandtheit im Gebrauch der Werkzeuge der Forschung, der Kritik und der
Darstellung.
1755 hatte Winckelmann die Absicht, in Dresden einen Cyklus von
Vorlesungen über neuere Geschichte zu halten. Sie kamen nicht zu
Stande, doch hat sich ein Aufsatz über den mündlichen Vortrag der
allgemeinen Geschichte erhalten, wonach er die Geschichte nach
dem Vorgange Bolingbrokes, Voltaires und namentlich Montesquieus
zu behandeln gedachte. Er wollte sie in einem persönlichen oder
biographischen und in einem pragmatischen Teil vortragen, der die
Schicksale der Reiche und Staaten enthalten sollte, ihre Aufnahme,
ihr Wachstum, ihre Blüte und ihren Verfall. Auch die Forderung der
»erleuchteten Kürze« welche er an die Darstellung stellt, verrät den
Einfluß Montesquieus.
Winckelmanns amtliche Thätigkeit war, wenn auch keine ganz
selbständige, doch eine wissenschaftliche und insofern war seine
Stellung in Nöthnitz eine bessere als in Seehausen. Sie nahm ihn indes
nicht ganz in Anspruch; er sammelte in seinen Musestunden wie bisher
unermüdlich in dem weiten Gebiete aller Wissenschaften, wozu ihm die
Bibliothek des Grafen reichlich Gelegenheit bot. Es war hier die neuere
Literatur der Franzosen und Engländer, welche ihn anzog, vor allen
Montesquieu, Montaigne und Shaftesbury. Unter dem Einfluß der Werke
dieser Männer, namentlich des Geistes der Gesetze von Montesquieu
haben sich seine politischen Anschauungen konsolidiert. Er zieht in
seinen Kollektaneen überall die Schriftsteller und Ideen an, welche die
Abwendung von dem politischen System des siebzehnten Jahrhunderts am
entschlossensten und beredtesten zum Ausdruck bringen und begeistert
sich für die Freiheit der alten Republiken wie der Schweizer. Der Druck
unter dem er in Preußen gelitten hatte, und den er dem monarchischen
Absolutismus zur Last legte sowie die Aufnahme antiker Anschauungen
mögen ihr Teil daran haben, aber seine Äußerungen aus der römischen
Zeit zeigen ihn als einen politischen Ideologen, der die harten
Notwendigkeiten der Politik gar nicht wahrnimmt. -- Neben Montesquieu
sind es Montaigne, Shaftesbury und Voltaire, welche in Winckelmanns
Kollektaneen am reichsten vertreten sind und was er sich aus diesen
und anderen Autoren anmerkte, ist allenthalben der Ruf zur Natur,
zum Einfachen und Vernünftigen; überall ist herausgegriffen, was dem
vordringenden, die Geister entfesselnden Zug der Zeit angehört und die
Zukunft in Besitz nehmen will. Hier erscheint Winckelmann einmal nicht
blos als der spätgeborene Geistesverwandte der Tage des Phidias und
Plato, sondern als der Sohn seiner Zeit. Und doch ist es hauptsächlich
das Wiederaufleben antiker Gedanken in der modernen Literatur das ihn
fesselt.
Was die Literatur des _grand siècle_ auszeichnet, ist nicht nur ihr
Inhalt, sondern auch ihre hohe formale Vollendung, sie wendet sich an
eine Gesellschaft vom feinsten und strengsten Geschmack; mehr als
Tiefe der Erudition und Strenge der Logik gelten ihr die Tugenden
der Konversation: Klarheit, Leichtigkeit und Kürze, Korrektheit und
Präzision, Lebhaftigkeit und überraschende Vorstellungsverbindungen.
Alle modernen Schriftsteller, für die sich Winckelmann erwärmte, sind
Meister des Stils. An diesen Mustern hat sich Winckelmann zu der Kunst
des Stils herangebildet, die es ihm möglich machte, ein Buch in gutem
Deutsch für Weltleute und Künstler zu schreiben, ein Buch ohne Zitate,
in urbanem Ton und in einem aphoristischen Stil.
Es ist eine scharfe Luft die in dieser Literatur weht und die
Winckelmann zusagte, das im engeren Sinne poetische geht ihr ab. Justi
stellt die Frage nach Winckelmanns Verhältnis zur Dichtkunst. Göthe
hat ihm die Neigung zur Poesie abgesprochen, Justi nimmt an, daß dem
Freunde des Sophokles und Homer der Sinn für das Dichterische nicht
gefehlt hat, er führt als Zeugen Göthe selbst an, der einräumt, daß
Winckelmann in seinen späteren Schriften beinahe durchaus selbst Poet
gewesen sei, und zwar ein tüchtiger, unverkennbarer, und erwähnt
verschiedene Sammlungen dichterischer Blüten von Winckelmanns Hand.
Aber damit ist die Frage nicht abgethan. Justi selbst gibt zu,
daß Winkelmann vorzüglich der didaktische Vers und das bildliche
Element in der Poesie zugänglich war. Diese Vorliebe teilt er mit
seinen Zeitgenossen. In der epischen Poesie, vielleicht auch in
der dramatischen, schätzt er vor Allem die figürliche Malerei der
poetischen Bilder und Vergleiche und die musikalische Malerei der
Silben und Rhythmen. Er wünscht, daß alle homerischen Bilder sinnlich
und figürlich zu machen wären und er begeistert sich an dem Wohlklang
des sanften und musikalischen Dialekts Joniens, der durch den Klang
und die Folge der Worte die Gestalt oder das Wesen der Sache selbst
ausdrücken kann. Das ist noch die alte ästhetische Schule vor Lessing,
deren Theorien das Horazische »_ut pictura poesis_« zu Grunde lag.
Auch darin ist er ein Kind seiner Zeit. Das Wort und der Vers waren in
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und noch weit darüber hinaus
nicht die Elemente, in welchen die innersten, zartesten Empfindungen
rein zum Ausdruck kamen. Das Vermögen hiezu hat erst Göthe besessen
und Anderen erschlossen. Starke lyrische Empfindungen kamen nur in der
Musik voll zum Ausdruck. Den Sinn für das was uns im engsten Sinne
poetisch erscheint, dürfen wir also bei Winckelmann nicht suchen.
Sein außerordentlicher Formensinn aber fand in vollendeten poetischen
Formen ein Vergnügen und sein Verstand freute sich, schöne Gedanken
und Bilder in diesen Formen ausgedrückt zu sehen. Und was ist es, das
seiner Sprache poetischen Schwung verleiht, es ist die Begeisterung,
in die ihn schöne plastische Formen versetzen. Gewiß haben wenige
Menschen das _homo sum_ so wörtlich genommen als Winckelmann, aber sein
eigenstes Element war doch die antike Plastik, das scheint mir auch
sein Verhältnis zur Poesie, soweit wir es beurteilen können, zu zeigen.
Auch über bildende Kunst hat er so viel gelesen und ausgezogen, daß
er sagen konnte: »Ich habe alles gelesen, was ans Licht getreten ist,
in allen Sprachen über die beiden Künste. -- Ich habe Auszüge aus den
besten Büchern, die mir nicht um hundert Dukaten feil sind.« Aber
die spekulative wie die historische Kunstbetrachtung steckte noch in
den Kinderschuhen und als Winckelmann später mit eigenen Augen sehen
gelernt hatte, erschien ihm seine frühere Weisheit aus Büchern keinen
Schuß Pulver wert.
Dresden bot aber auch, wie keine zweite Stadt Deutschlands, Gelegenheit
zu reichster Anschauung in allen Künsten. Hier herrschte unter August
II., dem Starken und August III. ein glänzendes Kunstleben, ja es
mochte, bis der siebenjährige Krieg alledem ein jähes Ende machte,
scheinen, als ob die Beschäftigung mit den Künsten die wichtigste, ja
die einzig menschenwürdige sei.
Winckelmann tritt hier zuerst in nähere Beziehung zu den bildenden
Künsten. »Es war eine ganz andere Art des Wissens, eine Erkenntnis
aus Dingen statt aus Büchern, eine Erkenntnis aus Anschauung und
Empfindung, statt aus Worten und Begriffen. Diesen Unterschied brachte
sich Winckelmann damals mit Leidenschaft zum Bewußtsein: er wurde von
entscheidendem Einfluß auf sein Leben. In dieser neuen Welt findet
er endlich sein Element. Dies Neue bringt ihn von polyhistorischer
Zerfahrenheit zur Einheit; indem er sich selbst findet, fühlt er zum
ersten Male auch den Antrieb, öffentlich zu sprechen.« Damals machte
sich der Widerspruch gegen die Kunst des Rococo schon bemerklich.
Winckelmanns Stellung in diesem Streit ist durch sein Verhältnis zu den
Alten im Voraus bestimmt.
Justi behandelt in einem »Bilder aus dem Dresdener Kunstleben«
betitelten Kapitel die Zustände und die Persönlichkeiten. Vortrefflich
ist, was er über die Prachtbauten Dresdens und über die dekorative
Plastik sagt. Ebenso die Begründung des Widerspruches, der sich schon
regte, während diese glänzenden Kunstschöpfungen entstanden. Ich muß
darauf kurz eingehen, denn hier liegen die Ursachen der unermeßlichen
Wirkungen von Winckelmanns Werken.
»Die Wirkung von Kunstschöpfungen, sagt Justi, auch der Dichtung und
Tonkunst, ist eben eine zweifache: das ist in ihrer emotionellen
Beschaffenheit begründet. Auch ihre Wärme sinkt durch Ausstrahlung,
besonders bei starkem Tempo der Bewegung auf dem Gebiet, und
erreicht einen Punkt der Indifferenz. Dann entsteht das Bedürfnis
der Neubelebung. Dazu kann wohl eine Zeitlang Steigerung der
Reize, Reinigung und Vervollkommnung der Formen genügen; aber die
Formen leben sich aus; dann folgt der Bruch und die Hinwendung zum
Entgegengesetzten; man sucht die Komplement- und Kontrastwerte. (Die
neue Auflage bringt hier einen scharfen Hieb gegen »die Moderne«.)
Das ist das Gesetz, das die Wandlungen des Geschmacks beherrscht und
es wäre Verkennung des wirklichen Zusammenhanges, wollte man immer
nur die Ähnlichkeitsmomente in den aufeinanderfolgenden Erscheinungen
sammeln und als die wirkende Kraft betrachten, statt Gleiches und
Entgegengesetztes zu wägen und zu messen.
Es ist also kein Zufall, daß die Rede von der rettenden Nachahmung der
Griechen um jeden Preis, die Predigt des Classicismus im Schatten des
Zwingers und der katholischen Hofkirche sich erhoben hat.«
In diesen Sätzen ist ein Gesetz der kunstgeschichtlichen Entwickelung
klar formuliert, in der Anwendung auf konkreten Fall aber bleibt die
Frage offen, wie es kommt, daß die Herrlichkeit der französischen Kunst
des Louis XV. von so kurzer Dauer war.
Das scheint mir nun zunächst darin begründet zu sein, daß diese
Kunst keine eigene Entwicklungsepoche, sondern nur die letzte Phase
einer solchen, der Renaissance, ist; allerdings eine sehr glänzende,
denn sie hat ihren eigenen, fast selbständigen Formcanon. Dessen
Schwäche aber, und das ist das Zweite, ist, daß er rein konventionell
ist und keine Entwicklungspotenzen in sich schließt. Das gilt von
der Architektur, es gilt in noch höherem Grade von der Plastik und
Malerei. Das Konventionelle aber ermüdet bald, besonders wenn es in
so verschwenderischer Fülle auftritt wie im Rococo. Dieser zierliche
Stil ist um 1725 noch nicht fertig. 1750 ist er schon am Ende seiner
Möglichkeiten; die Bahn für einen Reformator des Geschmackes war
frei, der Glaube an die absolute Vorbildlichkeit der Antike lebte neu
auf, schon war da und dort der Ruf zur Rückkehr zu ihr erschollen. In
diesen Kampf trat Winckelmann ein mit seiner Erstlingsschrift, den
Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und
Bildhauerkunst.
Die Schrift ist in Dresden entstanden in dem Jahre, das er nach seinem
Übertritt zur katholischen Kirche und seinen Austritt aus dem Dienste
des Grafen Bünau noch dort verbrachte. Die Anregung gieng von Oeser
aus, dem auch ein großer Teil der Gedanken angehört, die Form ganz ist
Winckelmanns Eigentum.
Er erläutert in begeisterten Worten die Vorzüge der griechischen
Kunst in Formgebung, Draperie und Ausdruck. Großes Gewicht legt er
auf die Gunst der Umstände, unter welchen sich bei den Griechen eine
schöne Körperlichkeit entwickelte und die Sitte, welche den Künstlern
erlaubte, diese Fülle der Schönheit aufs freieste auszubeuten. Die
häufige Gelegenheit zur Beobachtung der schönen Natur trieb die
Künstler, in der Richtung der Schönheit, über die Gegenstände ihrer
Einzelerfahrung hinaus: sie führte zum Ideal. Die Griechen wollten
nicht blos das in der Natur zerstreute sammeln: sie bildeten sich
gewisse allgemeine Begriffe von Schönheit, sowohl einzelner Teile,
als ganzer Verhältnisse der Körper, die sich über die Natur erheben
sollten.
Dem gegenüber sind die Neueren ganz im Nachteil; durch Beobachtung und
Nachahmung der Natur würden sie das Schöne ganz gewiß verfehlen, denn
das Schöne der Natur zeigt sich bei uns nicht alle Tage, und selten
so, wie es der Künstler wünscht. Ehe er sich daher der Nachahmung der
Natur überläßt, sollte er aus den Werken der Griechen die Begriffe des
Ganzen, des Vollkommenen lernen, die die Begriffe des Geteilten in
unserer Natur bei ihm läutern und sinnlicher machen.
Zu den Verirrungen des Formensinns gesellt sich bei den Neueren
die Maßlosigkeit des Ausdrucks, der bei den Griechen »die erhabene
Seele gegenüber steht.« »Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der
griechischen Meisterwerke ist eine edle Einfalt und stille Größe,
sowohl in der Stellung, als im Ausdruck.«
So weit können wir, soviel anders auch unsere ästhetischen Anschauungen
geworden sind, folgen, wenn er aber gegen den Schluß seiner Schrift
als Heilmittel gegen die Verbrauchtheit der Stoffe und die Leere
der Gemälde die Allegorie empfiehlt, so sehen wir ihn ganz in den
Vorurteilen einer Zeit befangen, die glücklicherweise nicht mehr die
unsere ist.
Was uns an der Schrift noch heute anspricht, ist die warme Liebe
und die ungemischte Bewunderung für die Antike; der antike Sinn
für die körperliche Vollkommenheit und die ob zwar veraltete, doch
immer noch schöne Sprache. Für ihre Zeit war sie das befreiende Wort
das aussprach, was der Kunst Not that. Sie erregte allenthalben
Aufsehen, das sich in Ablehnung und Zustimmung kundgab, aber letzteres
überwog. Nun kam Winckelmann auf den seltsamen Einfall, seine Schrift
selbst anzugreifen und in einer Erwiderung auf diesen Angriff zu
rechtfertigen. Dies geschah in dem Sendschreiben über die Gedanken
von der Nachahmung (1756) und in der Erläuterung der Gedanken (1756).
In dem Sendschreiben stellte er zusammen, was in den Akademien von
den Verehrern des Modernen gegen seine These geltend gemacht werden
konnte und in der Erläuterung widerlegte er diese Einwände, allein die
Kunst der Dialektik und Ironie, die Teilung des Ich in Ankläger und
Verteidiger, scheint nicht seine Sache gewesen zu sein. Die Streiche
seiner Kritik treffen nicht die »Gedanken«, und die Replik paßt nicht
auf die Kritik; beide aber bringen wenig oder nichts zur Bestätigung
oder Beleuchtung der Gedanken. Auch erkannte Winckelmann selbst, daß er
sich mit den beiden Schriften übereilt habe.
Aber der Beifall der Besten ward seiner Erstlingsschrift zu Teil,
mannigfache Anregungen giengen von ihr aus, und wenn die einzige der
Anstoß zu Lessings Laokoon geblieben wäre, so wäre ihr schon damit
ewiger Dank gewiß.
Winckelmanns Stellung hatte sich mit dem Eintritt in den Dienst des
Grafen Bünau angenehmer gestaltet, als im preußischen Schuldienst,
doch schon nach zwei Jahren war er ihrer überdrüssig. Was ihm fehlte,
spricht er in einem Briefe vom 24. Juni 1752 klar aus: »_Beatus ille
qui procul negotiis est. Mihi tamen felici non licuit esse, ut mihi
soli vivere, Musis solis litare Genioque indulgere possim._« Es ist der
unwiderstehliche Drang nach Unabhängigkeit, ein Glück gab es für ihn
nur, wenn er sich selbst und seinen Studien leben konnte. So arbeitete
er wieder die Nächte durch, und bald fühlte er, daß seine Gesundheit
wankte; seine Stimmung verdüsterte sich neuerdings und wieder strebte
er nach einer Veränderung. In der Kunst war ihm ein neuer Lebenswert
aufgegangen, sein Sehnen richtete sich nach dem Lande der Kunst, nach
Italien.
In solchen Stimmungen kam er mit dem päpstlichen Nuntius, dem Kardinal
Archinto in Beziehung, es eröffnet sich ihm die Aussicht auf ein
sorgenfreies Leben in Rom, aber dieses ist nur zu erlangen um den
Preis des Übertritts zur römischen Kirche. Dieser erfolgte nach langem
Zögern und öfters unterbrochenen Verhandlungen am 11. Juli 1754. Es ist
darüber genug geschrieben. Eine Konversion wie die Winckelmanns, der
nach wie vor ein lauer Christ blieb, kann niemanden Freude machen. Es
kann Fälle geben, in welchen der Übertritt zu einer anderen Konfession
Gewissenspflicht ist, es kann äußerer Zwang eintreten, der keinen
anderen Ausweg läßt, wo das nicht der Fall ist, muß er unterbleiben.
Wer aber selbst Jahre lang in einem falschen Berufe gelebt und viele
vergebliche Versuche sich zu befreien, durchgemacht hat, wird auch über
Winckelmanns Schritt milde urteilen.
Und was Winckelmann gefehlt, indem er ohne Überzeugung übertrat, was er
erduldet, ist doch der ganzen Menschheit zu Gute gekommen. Er hat die
Pforten des Heiligtums aufgethan in dem annoch jeder, der auf höhere
Bildung, auf höheres Glück ein Anrecht hat, seine Heimat findet.
Ein zweiter Artikel folgt.
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