Orgelgehäuse aus dem Ende des 16. Jahrhunderts.]

Die Seiten und die Rückwand haben Maßwerksfüllungen.

Das Gehäuse ist im Ton von grünlich weißem Marmor gefaßt, die Profile

und das Ornament sind vergoldet, in letzterem sind einzelne Teile

farbig behandelt. Der Prospekt kann mit Flügeln geschlossen werden. Auf

der Außenseite der Flügel ist die Verkündigung, auf der Innenseite die

Anbetung der Könige gemalt. Die Ansicht mit geöffneten Flügeln zeigt

Fig. 1.

[Illustration: Fig. 1. Orgelgehäuse aus dem Ende des 16. Jahrhunderts

im germanischen Museum.]

Sämtliche Malereien mit Ausnahme der Predella sind in der Frühzeit des

18. Jahrhunderts übermalt worden.

Die Orgel hat in ihrem Aufbau wie in vielen Einzelheiten den Charakter

der Frührenaissance, doch weisen einzelne Ornamentmotive (Kartuschen),

sowie der Stil der Malereien bestimmt auf die Spätzeit des 16.

Jahrhunderts.

Die Malereien waren nie bedeutend, durch die Übermalung sind sie

künstlerisch fast wertlos geworden; ihren dekorativen Zweck erfüllen

sie indes immer noch. Dagegen ist der Aufbau im Ganzen wie in den

Einzelheiten sehr gut und namentlich das Ornament glänzend gezeichnet

und ausgeführt.

[Illustration: Fig. 2. Entwurf zu der Orgel der Fuggerkapelle bei S.

Anna in Augsburg.]

Es mag auffallen, daß gegen Ende des 16. Jahrhunderts eine Orgel im

Stil der deutschen Frührenaissance gebaut wurde. Die Erscheinung

verliert aber ihr Befremdliches, wenn wir sehen, daß unsere Orgel

keine Originalkomposition der Spätzeit ist, sondern eine Reduktion und

Wiederholung einer Komposition aus der frühesten Zeit der Renaissance

in Deutschland, der Orgel in der Fuggerkapelle bei S. Anna in

Augsburg[185]. Diese ist 1512 gebaut, das Werk ist von dem kaiserlichen

Orgelmacher Jhan von Dôbraw (Dobrau in Schlesien?), das Gehäuse von

einem Augsburger Meister. Einen Entwurf bewahrt das Museum in Basel

(vgl. Fig. 2 nach G. Hirths Formenschatz I. 143).

Die Augsburger Orgel ist größer als unsere. Sie hat im Prospekt sieben

Felder, also auch eine entsprechend größere Zahl von Pfeifen, der obere

Teil tritt deshalb weit über den unteren vor und das Manual ist auf

einem sogenannten Positiv vor der Orgel angeordnet. Die Ausführung

entspricht der rechten Seite des Entwurfes. Die leeren Zwickel über den

Pfeifen sind in den äußeren Feldern durch Strahlen, welche aus Wolken

hervorbrechen, in den Feldern seitlich der Mitte durch Fugger’sche

Wappen gefüllt. Der Aufbau ist dem Raum der Kapelle angepaßt und die

konkave Rundung des oberen Abschlusses durch ein großes Rundfenster in

der Rückwand bedingt.

Unsere Orgel gleicht nun in den Grundzügen ihres Aufbaues der von S.

Anna, doch ist die Zahl der Felder im Prospekt von sieben auf fünf

reduziert und die Gruppierung der äußeren gegen die drei mittleren

energischer betont.

Nur vermutungsweise möchte ich andeuten, daß der Meister, welcher unser

Orgelgehäuse gefertigt hat, nicht nur die Orgel von S. Anna, sondern

auch den Baseler Entwurf gekannt hat. Die kräftigere Scheidung der

äußeren Felder von den mittleren und die Trennung der letzteren durch

Kandelabersäulchen findet sich im Entwurf auf der linken Hälfte und die

Delphine über den seitlichen Flügeln sind ähnlich an anderer Stelle in

der Zeichnung zu finden.

Auf Grund des Nachweises, daß das Vorbild unserer Orgel in der

Fuggerkapelle bei S. Anna steht, darf vielleicht die weitere Vermutung

ausgesprochen werden, daß sie aus Kirchberg, wo gegen Ende des

16. Jahrhunderts gebaut wurde, aus Babenhausen oder einem anderen

Fugger’schen Schloß stammt. Ich will diese Vermutung nicht weiter

verfolgen.

[Illustration]

Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1900 · 第 61 / 80 题