II. LANGOBARDISCHE VOTIVKREUZE AUS DEM VI.-VIII. JAHRHUNDERT.

(Schluß)

Die Fragen, die sich an diese Kreuze knüpfen sind sehr mannigfaltiger

Art, indessen teilweise bereits durch die bisherige Forschung gelöst

oder doch ihrer Lösung nahe geführt. So kann namentlich durch die

Ausführungen Paolo Orsis[129] und die sie in vielen Punkten wesentlich

ergänzenden R. Majocchis[130] als erwiesen gelten, daß wir es in dem

Gebrauch dieser Kreuze mit einem Spezifikum der Langobarden zu thun

haben. Mit verschwindend wenigen Ausnahmen haben sie sich bisher alle

in denjenigen Gebieten Italiens gefunden, die von den Langobarden seit

der zweiten Hälfte des VI. Jahrhunderts in Besitz genommen worden

waren, und teilweise sind die Hauptfundstätten zugleich die ehemaligen

Hauptstützpunkte der langobardischen Herrschaft. Ihr Nichtvorkommen

im übrigen Italien, wie beispielsweise auch in Ravenna schließt

die Möglichkeit einer römischen oder ostgotischen Sitte geradezu

aus. In Betracht könnten daher neben den Langobarden höchstens noch

die Franken kommen, deren Scharen zu verschiedenen malen Italien

heimgesucht haben, wie denn ja auch schließlich das Langobardenreich

seine Selbständigkeit an die Franken unter Karl dem Großen verlor. Man

hat daher auch hin und wieder für einige dieser Kreuze fränkischen

Ursprung in Anspruch nehmen wollen; so für das an letzter Stelle

beschriebene und Fig. 14 abgebildete Kreuz unserer Sammlung[131]. Der

allerdings von der Verzierungsweise der übrigen wesentlich abweichende

Stil dieses Kreuzes, den man als merovingisch ansprechen zu dürfen

glaubte, sowie das sich fünfmal wiederholende, freilich schwer zu

entziffernde Monogramm, das man auf einen der Frankenkönige mit Namen

Chilperich oder Childebert deuten wollte, führte zu dieser Annahme.

Auch haben sich sowohl in fränkischen, wie auch in bayerischen Gräbern

in der That gelegentlich dergleichen Kreuze gefunden[132]. Indessen

sind solche Funde diesseits der Alpen bisher zu vereinzelt geblieben,

als daß man daraus einen Schluß etwa auf fränkische Herkunft der

betreffenden Kreuze ziehen dürfte. Es ist vielmehr bei den vielfältigen

Beziehungen zwischen den Langobarden und den Bayern und Franken und

bei der Expansivkraft, die der spezifisch langobardischen Kunst

frühzeitig innewohnt[133], sehr wahrscheinlich, daß wir auch in den zu

Schwabmünchen, Langenerringen u. s. w. gefundenen Kreuzen Import aus

dem Langobardenreich jenseits der Alpen vor uns haben[134]. Für Italien

endlich wird die Frage, ob die Erscheinung dieser Kreuze fränkischer

oder langobardischer Kultur und Kunst entsprossen, schon durch einen

Vergleich der Waffen, die hier in so großer Zahl zusammen mit den

Kreuzen gefunden worden sind, mit der in den ersten Jahrhunderten

des Mittelalters bei den Franken üblichen Bewaffnung zu Gunsten der

Langobarden entschieden[135].

Mit der Frage nach Ort und Volk erledigt sich -- wenigstens im großen

-- auch zugleich die Frage nach der Zeit der Entstehung unserer

Kreuze. Die Zeit der Langobardenherrschaft in Italien, also etwa das

VI.-VIII. Jahrhundert, wird man vornehmlich dafür in Anspruch nehmen

dürfen. Möglich, daß analog der Entwicklung der langobardischen

Plastik[136] auch hier der Beginn eigener Kunstübung kaum vor der Mitte

des VII. Jahrhunderts anzusetzen ist, möglich auch, daß manche der

Kreuze erst dem IX. Jahrhundert entstammen, da mit der Unterwerfung

unter des großen Frankenkönigs Herrschaft Brauch und Kunstübung

der Langobarden nicht alsbald in Abnahme gekommen zu sein braucht

und ihre nationale Plastik in der That auch später noch manches

bedeutendere Werk hervorgebracht hat. Die genauere Zeitbestimmung,

die zeitliche Gruppierung und die Datierung der einzelnen Kreuze muß

jedoch zukünftiger Forschung vorbehalten bleiben. Ein eingehendes

Studium sämtlicher bisher bekannter Stücke dieser Art und ein Vergleich

mit anderen uns erhaltenen Denkmälern der langobardischen Kultur,

insbesondere auch, wie früher schon angedeutet wurde, der Münzen,

würde vermutlich auch für die Zeitbestimmung im einzelnen sichere

Anhaltspunkte ergeben.

Was nun die kunstgeschichtliche Seite der Erscheinung unserer Kreuze

betrifft, so blickt schon aus obigen Ausführungen zuweilen die Annahme

hervor, daß es sich nicht allein um Gegenstände, die -- etwa von

fremden Künstlern -- zum Gebrauch für die Langobarden hergestellt

worden sind, sondern zugleich um Erzeugnisse der eigenen, der

langobardischen Kunst handelt. Diese Annahme findet nicht nur in der

überaus primitiven Technik fast aller dieser Kreuze und in der ebenso

primitiven Ornamentik eines großen Teils derselben -- vgl. z. B.

oben Nr. 1-7 -- ihre Stütze; auch die von reiferer Kunst zeugenden,

reicher ornamentierten unter ihnen weisen in ihrem Dekor so manche

Berührungspunkte mit anderen authentischen Werken der langobardischen

Kunst auf, daß an ihrem Ursprung in der Werkstatt eines langobardischen

Goldschmieds[137] nicht wohl gezweifelt werden kann. Es begegnen uns

hier nicht selten die gleichen Band- oder Riemengeschlinge, die sich so

zahlreich an den plastischen Denkmälern der Langobarden finden und für

die namentlich die Dreiteilung der einzelnen Riemen durch zwei tiefe

Fälze so charakteristisch ist[138] -- man vergleiche insbesondere Fig.

8. Ebenso weist die Wiedergabe menschlicher Figuren oder einzelner

Körperteile, der »alle Kenntnis von Anatomie und Proportion mangelt«,

der Gesichter, die sich als »rohe, starre Larven« darstellen, der

Hände, die »ausgestopften Handschuhen« gleichen[139], genau die

gleichen Eigentümlichkeiten auf, die uns von den übrigen Werken der

langobardischen Kunst bekannt sind.

Eine andere Frage ist freilich die: wieweit darf auch ~ihrem Ursprunge

nach~ die uns auf diesen Kreuzen begegnende Ornamentik als spezifisch

langobardisch betrachtet, wieweit muß sie in diesem Sinne als

gemeingermanisch, wieweit als Entlehnung vornehmlich aus der Antike

aufgefaßt werden? Und hier sind es im Grunde nicht so sehr jene wenig

charakteristischen primitiven Verzierungen durch Punkte in Reihen

oder in regelmäßigen Gruppen, durch Striche und Strichelungen aller

Art, als eben wiederum jenes Band- oder Riemenwerk, das »Geriemsel«,

um das seit einer Reihe von Jahren unter den Forschern ein heftiger

Kampf entbrannt ist. Während die eine Partei (Hans Hildebrand, Sven

Söderberg u. a.), die den Germanen der Völkerwanderungszeit keinerlei

eigene Tierornamentik zugesteht, am liebsten auch die meisten

Bandverschlingungen dieser Art, wie wir sie ja nicht nur bei den

Langobarden, sondern ähnlich auch bei den Skandinaviern, Angelsachsen,

Franken u. s. w. antreffen, auf Barbarisierung antiker Tierornamente

zurückführen möchte, sieht die andere Partei (Sophus Müller etc.) in

dem teils auf die Flechtarbeit als Vorbild zurückgehenden, teils auf

der Metalltechnik beruhenden ornamentalen Bandwerk das Ursprünglichere,

aus dem sich ebenfalls ohne Beeinflussung durch die Kunst der alten

Völker eine germanische Tierornamentik spontan entwickelt hat.

Ein näheres Eingehen auf diese Kontroverse und die Begründung der

beiderseitigen Ansichten liegt außerhalb des Rahmens dieses Aufsatzes.

Es sollte mit dem Hinweis darauf nur kurz angedeutet werden, wie

schwierige Aufgaben auch hinsichtlich der Ornamentik unserer Kreuze

noch von der Forschung zu bewältigen bleiben. Denn nicht besser als

um die sichere Erklärung von Herkunft und Bedeutung des »Geriemsels«

steht es um unser Verständnis der sonstigen ornamental verwandten

Darstellungen, die diese Kreuze zeigen, wie beispielsweise der

martialisch aussehenden Männerfigur mit dem prächtigen Scheitel und

den Schnörkelbeinen auf Kreuz Nr. 11 (s. o. Fig. 11) oder der vier

Gesichter auf Kreuz Nr. 13 (Fig. 13), wie sich dergleichen in ähnlicher

Zusammenstellung noch auf mehreren anderen Kreuzen finden[140].

Eine Erklärung solcher Einzelheiten, die sich ohne Zweifel wiederum

vor allem auf ein eingehendes und vergleichendes Studium des gesamten

Materials d. h. aller bisher bekannten Kreuze dieser Art stützen müßte,

würde im übrigen wesentlich mit bedingt sein durch die klare Erkenntnis

der Bestimmung, des Zweckes, den diese Kreuze gehabt haben. Aber auch

dazu -- es ist der letzte Punkt, der hier zu erörtern bleibt -- ist die

Forschung bisher leider noch nicht vorgedrungen.

Wie sich aus den feinen Durchbohrungen, die alle diese Kreuze an

ihren Endigungen, manche der größeren auch an ihrem Mittelstück

aufweisen, mit hinreichender Sicherheit ergiebt, sind sie ursprünglich

-- vermutlich auf dem Gewande der Toten, in deren Gräbern sie

gefunden wurden -- aufgenäht gewesen. Darüber stimmen alle Forscher

überein; die Frage ist nur: wozu sie aufgenäht wurden, was sie

bedeutet haben mögen. Unter den 81 Kreuzen, die Orsi als in Italien

gefunden aufzählt, sind uns für etwas mehr als die Hälfte, nämlich

für 42, mehr oder minder eingehende Nachrichten über ihre Auffindung

insbesondere über die mit ihnen zusammen bei den Skeletten gefundenen

Gegenstände überliefert[141]. Diese 42 Kreuze verteilen sich auf im

ganzen 16 Funde. Bei 14 von diesen 16 Funden konnte es infolge der

zahlreich mit ausgegrabenen Waffen nicht zweifelhaft sein, daß es

sich um langobardische Kriegergräber handle. So war in der That die

Vermutung nicht ganz von der Hand zu weisen, daß auch die Kreuze in

irgend einer Beziehung zu dem Berufe des Kriegers stehen, etwa als

militärische Abzeichen oder Auszeichnungen aufzufassen sein möchten.

Dieser Annahme standen aber die beiden anderen Fälle, in denen man es

offenbar nicht mit Kriegergräbern zu thun hatte, hindernd entgegen. Der

eine derselben betrifft einen Grabfund, der bereits 1750 in Cividale

del Friuli gemacht wurde. Bei Restaurierungsarbeiten am Chor der

Kirche St. Benedikt stieß man damals auf unterirdische Grabkammern,

in denen drei steinerne Sarkophage standen. In dem ersten, der seiner

Größe nach die Leiche eines Kindes von etwa 15 Jahren geborgen haben

mochte, fanden sich vier oder fünf Goldkreuze, dazu Bruchstücke eines

Glasgefäßes. Sechs weitere Kreuze fanden sich in den beiden anderen

Sarkophagen zusammen mit verschiedenen anderen Gegenständen aus Gold,

Silber und Glas oder Bruchstücken von solchen und untermischt mit Asche

und Knochen[142]. In dem andern Falle endlich durfte sogar aus einem

mit einem solchen Goldkreuz zusammen gefundenen Paar Ohrringen auf

ein Frauengrab geschlossen werden[143]. Im Hinblick überdies auf die

zahlreichen Kreuze, die ohne genaueren Fundbericht auf uns gekommen

sind -- zu ihnen gehören mit nur einer Ausnahme (vgl. oben Nr. 9, Fig.

9) auch alle jetzt im Germanischen Museum befindlichen -- konnte jene

Vermutung demnach nicht aufrecht erhalten werden und die wichtigste

weitere Frage war nur: waren diese Kreuze auch bei den Lebenden in

Gebrauch oder haben wir sie lediglich als Grab-Beigaben, als Votivgaben

für die Verstorbenen anzusehen? In diesem Punkte sind die beiden

Forscher, die zuletzt ausführlicher über unseren Gegenstand gehandelt

haben, Orsi und Majocchi, nicht einerlei Meinung. Während Orsi sich

mehr der Ansicht zuneigt, daß die »crocette langobarde fossero di

uso esclusivamente funerario« und zur Begründung derselben vor allem

auf die große Zartheit der aus dünnem Goldblech hergestellten Kreuze

hinweist, die die Möglichkeit eines praktischen Gebrauchs geradezu

auszuschließen scheine[144], möchte Majocchi darin Schmuckstücke

erblicken, die der Stolz und die Freude der Lebenden gewesen seien und

daher den Toten mit in das Grab gegeben wurden: »non poteva dunque

essere strappata la croce da quei cadaveri, la croce che li aveva

aecompagnati constantemente vivi, della quale si erano gloriati ed

ornati, cui avevano amato di sì vivo affetto«[145]. Angesichts der

zarten Gebilde, die vor mir liegen, glaube ich indessen eher der

Anschauung Orsis als derjenigen Majocchis beipflichten zu sollen,

zumal mir die letztere durch gleichzeitige Abbildungen und das, was

wir bisher über die Tracht der Langobarden wissen, keineswegs genügend

unterstützt zu werden scheint. Da die Kreuze bei den Skeletten

gewöhnlich in der Brustgegend gefunden wurden, sollte man doch, wenn

wir es dabei thatsächlich mit Schmuckstücken für die Lebenden zu thun

hätten, wohl annehmen, daß sich die eine oder andere Darstellung

erhalten habe, die ein solches Kreuz in »religiös-ornamentaler«

Verwendung[146] auf der Brust des Dargestellten zeige. Das ist aber

nicht der Fall. Nur Kreuze auf Vorhängen oder an Stelle der Clavi

oberhalb der Kniee oder an einem Zipfel des Gewandes etc., von denen

noch nicht einmal ausgemacht ist, in welcher Technik man sie sich

hergestellt zu denken hat, haben bisher zum Vergleich herangezogen

werden können.

Immerhin ist auch diese Frage noch kaum spruchreif und ersieht man

aus obigen Ausführungen überhaupt, welch eine Fülle von Problemen

aus den verschiedensten Gebieten hier noch der Aufklärung harren.

Umsomehr werden es alle Freunde des Germanischen Museum mit Genugthuung

begrüßen, daß unsere Anstalt sich dieses hochbedeutsame Studienmaterial

nicht hat entgehen lassen, sich vielmehr durch seine Erwerbung

in den Besitz der reichsten bisher bekannten Kollektion solcher

langobardischer Votivkreuze gesetzt hat.

[Illustration]

Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1900 · 第 43 / 80 题