II. LANGOBARDISCHE VOTIVKREUZE AUS DEM VI.-VIII. JAHRHUNDERT.

Erst vor wenigen Wochen ist die Sammlung frühchristlich-germanischer

Altertümer des Museums durch eine Anzahl Kreuze aus dünnem Goldblech

bereichert worden, die ich, da sie sich zeitlich unmittelbar an

den in unserem ersten Aufsatz behandelten ostgotischen Schmuck[65]

anschließen, gleich hier einer kurzen Betrachtung unterziehen will.

Ich verbinde damit die Besprechung zweier weiterer Kreuze derselben

Art, die sich schon länger im Besitz des Germanischen Museums befinden

und von denen das eine auch bereits von Essenwein im ersten Bande

dieser Mitteilungen (1886) S. 110 f. gewürdigt worden ist. Ebenso

sind die zwölf neu hinzugekommenen Goldkreuze schon verschiedentlich

Gegenstand der Untersuchung und Besprechung gewesen und den

Fachgelehrten also keineswegs unbekannt. Sie gehörten früher den

Kunstsammlungen des 1881 zu Mailand verstorbenen Cavaliere Carlo Morbio

an und finden sich zuerst in dem Auktionskatalog dieser Sammlungen S.

57 ff. (Nr. 638-649) von J. Naue ausführlich beschrieben[66]. Diese

Beschreibung findet sich um einige ergänzende und kritische Bemerkungen

vermehrt auch in dem Aufsatze von Paolo Orsi »Di due crocette auree

del museo di Bologna e di altre simili trovate nell’Italia superiore e

centrale«[67], der umfangreichsten Arbeit, die bisher der Erscheinung

dieser Kreuze -- es werden deren im ganzen 81 namhaft gemacht und

besprochen -- gewidmet worden ist, und erscheint ebenso in dem

Auktionskatalog Nr. 1204 von Rudolph Lepke, wo unsere Kreuze unter

Nr. 383 aufgeführt werden. Auf eben dieser Auktion (am 14. Dezember

1899 und folg. Tage) wurden die zwölf Kreuze vom Germanischen Museum

erworben.

[Illustration: Fig. 1.]

Nach diesem Hinweis auf die hauptsächlichste einschlägige Literatur,

die natürlich leicht noch vermehrt werden könnte[68], lasse ich hier

zunächst eine kurze Beschreibung der Kollektion unter jedesmaliger

Beigabe einer der Größe des Originals entsprechenden Abbildung des

betreffenden Kreuzes folgen. Die beiden schon früher im Besitz des

Museums befindlichen Stücke sind durch ein Sternchen kenntlich gemacht:

1) ~Kreuz, aus dünnem Blech von Feingold ausgeschnitten~ (F. G.

1615. Katalog Morbio Nr. 640, Orsi Nr. 77), der Querbalken wenig kürzer

als der Längsbalken, die vier Arme sich gegen die Mitte zu verjüngend

und an den Enden zweimal durchlocht. Glatt ohne jede Verzierung.

Herkunft unbekannt. 52:47 mm.

[Illustration: Fig. 2.]

2) ~Kreuz der gleichen Art~ (F. G. 1616. Katalog Morbio Nr. 641.

Orsi Nr. 46) von der Form des lateinischen Kreuzes. Die Kreuzarme, sich

gegen die Mitte zu verjüngend und leise ausgeschweift, sind je mit

einem runden Buckel von etwa 5 mm Durchmesser versehen und weisen an

den Enden 2 bis 4 Löcher auf. Die Mitte zeigt im Kreis ein Monogramm,

das wohl C. Rex zu lesen ist und das man auf den Langobardenkönig

Kleph oder Cleve (gest. 576) hat beziehen wollen. Die Richtigkeit

dieser Vermutung selbst zugegeben, ist daraus dennoch, wie Orsi mit

Recht bemerkt, nicht zu folgern, daß unser Kreuz in irgend einer

Beziehung zu König Kleph gestanden habe. Nur als Terminus post könnte

die Regierungszeit des Königs für unser Kreuz allenfalls in Betracht

kommen. Wer aber leistet Gewähr, daß das C in der That Cleve bedeutet

und nicht etwa auf Karl den Großen zu beziehen ist, der nach der

Unterwerfung des Desiderius (774), wie auch gemäß einem Vertrage mit

dem Langobardenherzog Grimoald III. von Benevent in der Lombardei und

im Beneventischen Münzen mit der Aufschrift »DN CARLVS REX«, »DOMS ·

CAR · =R=« prägen ließ?[69] Giebt etwa die Numismatik hierüber

zuverlässigen Aufschluß? Ich vermag diese Frage zur Zeit weder zu

bejahen noch zu verneinen, da mir im Augenblick die Speziallitteratur

über langobardische Münzen (Quintino, Spinelli etc.) nicht zur Hand

ist. Die Paläographie jedoch, von der man vielleicht gleichfalls

Hülfe erwarten könnte, kann leider, wie mir Herr Professor Bresslau

die Liebenswürdigkeit hatte mitzuteilen, zur Deutung dieses wie der

im folgenden zu erwähnenden weiteren Monogramme »wenig oder nichts

beitragen«, zumal langobardische Königsurkunden uns -- abgesehen

von einem Stück von immerhin zweifelhafter Originalität -- nur

abschriftlich erhalten sind; »und auch wenn wir Originale hätten,

würden wir nicht weiter kommen, da die langobardischen Diplome weder

von den Königen unterschrieben noch mit einem Monogramm versehen

waren.« -- Das Kreuz ist unten eingerissen und auch am rechten und

oberen Arme etwas schadhaft. Es stammt aus Monza. 63:51 mm.

3) ~Kreuz aus etwas stärkerem Feingoldblech geprägt~ (F. G.

1617. Katalog Morbio Nr. 643. Orsi Nr. 47) von schlanker lateinischer

Form, mit leicht erhabenem Rande. Die Arme, sich gegen die Mitte zu

verjüngend, sind durch Reihen kleiner Buckel gemustert und an den

Enden zweimal durchlocht; die des Querbalkens tragen überdies an

kleinen goldenen Ketten die gleichfalls durch Prägung hergestellten

christlichen Symbole A und ω, ebenfalls aus Gold. In dem

kreisförmigen, doppelt umränderten Mittelstück ein A mit angefügtem

Abkürzungsschnörkel und die mutmaßliche Abkürzung für Rex. Herkunft:

Monza. 67:41 mm.

[Illustration: Fig. 3.]

[Illustration: Fig. 4.]

4) ~Kreuz der gleichen Art~ (F. G. 1618. Katalog Morbio Nr. 644.

Orsi Nr. 48), und auch von gleicher Form, Größe und Ornamentierung, nur

daß in der Mitte ein E und R mit Abkürzungszeichen erscheint, sowie von

gleicher Herkunft.

5) ~Kreuz, aus dünnem Blech von Feingold ausgeschnitten~ (F. G.

1619. Katalog Morbio Nr. 646. Orsi Nr. 78), sich der griechischen

Kreuzform nähernd, die Arme, sich gegen die Mitte zu verjüngend und

ausgeschweift, an den Enden dreimal durchlocht. Durch Punzierung oder

Prägung hergestellte Punkte oder kleine Buckel bilden die Einfassung

und von den Enden der vier Kreuzarme überdies je ein lateinisches

Kreuz, das von kleinen mondsichelförmigen Figuren umgeben ist. In

der Mitte ein aus kleinen, durch je neun Punkte gebildeten Rauten

zusammengesetzes griechisches Kreuz. Herkunft unbekannt. 118:103 mm.

[Illustration: Fig. 5.]

[Illustration: Fig. 6.]

6) ~Kreuz der gleichen Art~ (F. G. 1620. Katalog Morbio Nr. 639.

Orsi Nr. 75), von der Form des lateinischen Kreuzes; die Arme, sich

gegen die Mitte zu wenig verjüngend, an den Enden zweimal durchlocht.

In der kreisrunden, am Rande noch viermal durchlochten Mitte der

Abdruck einer Goldmünze Kaiser Leos III., des Isauriers (716-741), die

vier Kreuzesarme je von feinem Perlstab und gerader Linie, gegen die

Mitte zu nur von ersterem in schwach erhabener Ausführung eingefaßt.

Die linke Endigung des Querbalkens, wie es scheint durch Abschmelzen,

etwas beschädigt. Herkunft: Benevent. 61:50 mm.

7) ~Kreuz der gleichen Art~ (F. G. 1621. Katalog Morbio Nr. 638.

Orsi Nr. 57), doch von annähernd griechischer Form. Die Kreuzarme

verjüngen sich gegen die Mitte zu und sind an ihrem Ende zweimal

durchlocht. Durch diese Löcher läuft, die Enden der vier Kreuzarme

unter einander verbindend, ein schmales Streifchen Goldlahn, und mit

eben solchem Goldlahn sind auch die schmäleren Enden der Kreuzarme

noch mehrfach umwunden. Im übrigen besteht der Schmuck dieses Kreuzes

lediglich aus dem fünfmaligen Abdruck einer Goldmünze des Kaisers

Justinus I., des Thraciers (reg. 518-527), die auf beiden Enden des

Querbalkens im Avers mit dem Brustbild des Kaisers und Umschrift, auf

beiden Enden des Längsbalkens, sowie in der Kreuzesmitte im Revers mit

einer Viktoria und Umschrift erscheint. Das Kreuz wurde in der Umgebung

des alten Doms von Novara gefunden. 82:76 mm.

[Illustration: Fig. 7.]

8) ~Kreuz der gleichen Art~ (F. G. 1622. Katalog Morbio Nr.

645. Orsi Nr. 15) und der gleichen Form. Die sich gegen die Mitte zu

verjüngenden Kreuzesarme sind an ihren Enden zweimal durchlocht und

weisen als Musterung ein dichtes aber regelmäßiges Bandgeschlinge auf,

während die Kreuzesmitte im Rund ein sogen. spanisches Kreuz (mit

durchkreuzten Enden) mit vier Punkten in den am Kreuzungspunkt von

Längs- und Querbalken entstehenden rechten Winkeln zeigt. Herkunft:

Cividal del Friuli. 67:66 mm.

*9) ~Kreuz der gleichen Art~ (F. G. 192. Orsi Nr. 49) und Form,

die gegen die Mitte zu sich verjüngenden Arme an den Enden zweimal

durchlocht. Längs- und Querbalken sind je durch den gleichen Stempel

mit einer Musterung von Bandverschlingungen versehen, die an Riemenwerk

erinnern und mit einem dem Fries am Theoderich-Grabmal zu Ravenna

verwandten Ornament endigen. Die Längseinfassung wird je durch den

Perlstab gebildet, der jedoch nur an den sich verbreiternden Enden des

Kreuzes sichtbar, gegen die Mitte zu mit einem Teil des Riemenornaments

jedesmal roh weggeschnitten ist. Mit verschiedenen Waffen[70] in einem

Grabe zu Mailand gefunden. 56:56 mm.

[Illustration: Fig. 8.]

[Illustration: Fig. 9.]

[Illustration: Fig. 10.]

[Illustration: Fig. 11.]

10) ~Kreuz der gleichen Art~ (F. G. 1623. Katalog Morbio Nr. 642.

Orsi Nr. 16) und annähernd der gleichen Form, nur daß der Querbalken

hier kürzer ist als der Längsbalken und daß die Kreuzarme, die an den

Enden zweimal durchlocht sind, sich nicht so stark gegen die Mitte

zu verjüngen. Auch dieses Kreuz zeigt die mehrfache Anwendung eines

und desselben Prägestempels, der indessen wohl nicht ursprünglich

zu diesem Zweck bestimmt war, da seine Musterung sich offenbar

über die Grenzen des Kreuzes noch fortgesetzt hat. Diese Musterung

besteht im wesentlichen aus einem sich in seinen Motiven fortgesetzt

wiederholenden Bandornament, wobei die entstehenden Schlingen und

Endigungen teilweise als Vogelhälse und -köpfe aufgefaßt und demgemäß,

doch in strenger Stilisierung, gestaltet worden sind. Dazwischen, wie

es scheint, menschliche Hände in langer Reihe. Perlstab-Einfassungen.

An zwei Stellen etwas eingerissen. Aus Cividal del Friuli. 75:61 mm.

11) ~Kreuz der gleichen Art~ (F. G. 1624. Katalog Morbio Nr.

647. Orsi Nr. 51), sich der griechischen Form nähernd, doch ziemlich

unregelmäßig ausgeschnitten, die Kreuzarme sich nur wenig gegen die

Mitte zu verjüngend. An den vier Endigungen je zweimal, im Mittelstück

noch viermal durchlocht. Die Kreuzarme sind mit einem Geschlinge von

breiten, gerippten Bändern gemustert, die sich an den Endigungen

ergebenden Zwickelflächen karriert. Die Mitte weist im Perlenkranz eine

rohe männliche Figur mit gescheiteltem Haupthaar, starkem Schnurrbart,

erhobenen Händen und zwei Schnörkeln anstatt der Beine auf. An mehreren

Stellen etwas eingerissen. Herkunft: Lodi vecchio. 90:92 mm.

[Illustration: Fig. 12.]

12) ~Kreuz der gleichen Art~ (F. G. 1625. Katalog Morbio Nr.

648. Orsi Nr. 50) und von ähnlicher Form; die an den Enden zweimal

durchlochten Kreuzarme sich gegen die Mitte zu etwas stärker

verjüngend. Die Musterung derselben ist die gleiche wie bei dem

vorhergehenden Kreuz, nur daß wegen der geringeren Abmessungen von den

karrierten Zwickelflächen an den Enden hier nur Ansätze zu sehen sind.

In der Mitte, von Perlstab und einem Kranz kleiner halbmondförmiger

Figuren umrahmt, ein stilisierter Adler mit nach links gewandtem Kopfe.

Am linken Kreuzarm eingerissen. Aus Varese. 66:58 mm.

[Illustration: Fig. 13.]

[Illustration: Fig. 14.]

*13) ~Kreuz der gleichen Art~ (F. G. 1131) und von griechischer

Form; die sich gegen die Mitte zu etwas verjüngenden vier Kreuzarme

sind an den Enden zweimal, die Mitte noch viermal durchlocht. Jene

sind mit einem Bandgeschlinge ähnlicher Art wie bei den beiden

vorhergehenden Kreuzen gemustert; darunter, gegen die Kreuzmitte zu

ein ziemlich roh gezeichnetes Menschenantlitz mit langem Haar und

Bart. In der Mitte, wie es scheint, ein sich viermal wiederholendes

ähnliches Gesicht; dazwischen Schnörkel, die vielleicht auch Locken

bedeuten sollen. Die Gesamtmusterung des Kreuzes wurde also offenbar

mit drei verschiedenen Stempeln hergestellt, von denen zwei viermal,

der für die Mitte einmal zur Anwendung kam. Einer der Kreuzarme und die

eine Hälfte eines anderen Kreuzarms (mit dem Bandornament) hat sich

losgelöst. Auch sonst weist das interessante Stück, das hier zum ersten

male veröffentlicht wird, mehrere kleine Beschädigungen auf. Fundort:

Mailand. 92:92 mm.

14) ~Kreuz der gleichen Art~ (F. G. 1626. Katalog Morbio Nr.

649. Orsi Nr. 67) und von ähnlicher Form; die sich gegen die Mitte zu

verjüngenden Arme an den Enden mehrfach durchlocht. Ein wie es scheint

aus dem späten Akanthus entwickeltes doch teilweise zu tierischen

Formen umgestaltetes Rankenornament schließt auf den vier Kreuzarmen

und der Kreuzesmitte je ein schwer deutbares Monogramm in einem durch

eine Punktreihe ornamentierten Rähmchen ein. An den äußersten Enden

der Kreuzarme je ein traubenartiges Ornament, doch mit kleinen Ringen

anstatt der Beeren. Aus Toskana. 89:87 mm.

(Fortsetzung folgt.)

[Illustration]

[Illustration]

DIE GRABMÄLER DER KAISERIN ELEONORE IN WIENER NEUSTADT UND DES KAISERS

FRIEDRICH III. IM STEPHANSDOME ZU WIEN.

Mitteilungen aus dem Germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1900 · 第 18 / 80 题